Aphorismenschmiede

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Leseprobe


Neuigkeiten 


Wer Kleider zensiert, zensiert auch Gedanken.

(Der Hochsommer wird jährlich markiert durch das Auftauchen der Kleiderpolizei) 


Verstehen beginnt damit, zu verstehen, dass man nicht verstanden hat. 

(Seine Fortsetzung ist: Das zu verstehen, was man nicht verstanden hat)


Leben ist zu gefährlich. Man sollte sich dagegen versichern können. 


Wirklich schwierig ist es, sich Zeit für die unwichtigen Dinge zu nehmen. 


Philosophie ist Objektivitäts-Training. 

(Die Liebe zur Weisheit wird langsam stärker als die Liebe zum Ich)


Über wenige Dinge urteilen die meisten Menschen so humorlos, wie über den Humor anderer Leute. 


Die meisten Räder, die neu erfunden werden, taugen noch nicht mal zum Ersatzrad. 


Wer zur Menschenliebe kein Talent hat, kann sie versuchsweise durch Neugier ersetzen.

(Hauptsache einer hört zu)


Wer dem Teufel nicht das beste Argument zugesteht, hat schon verloren. 

(Advocatus angeli: Engel haben Flügel, keine Argumente)


Spießer sind Leute, die nicht ertragen können, dass es andere Lebensformen als ihre eigene gibt.

(Für Spießerkritiker gilt das gleiche. Es wird aber weniger bemerkt)


Übersteigerter Altruismus ist die Glanzseite von übersteigertem Fanatismus. 

(und häufig genauso gefährlich)


Auf Freiheit beruft man sich vor allem dann, wenn man vorhat, Fehler zu machen.

(Das Argument rechtfertigt das Ergebnis)

   

Bewusstsein ist eine bildgebende Darstellung des Körpers in seinem jeweiligen physiologischen Zustand.

(notwendig vereinfacht) 


Kinder sind der Trick der Natur, um zu beweisen, dass es einen dritten Weg gibt. 

(Alternativen sind unfruchtbar)


Gute Bücher sind manchmal klüger als ihre Autoren. 

(Schlechte Bücher sind exakt so klug wie ihre Autoren)


Empathie bedeutet nicht, sich selbst in den Anderen hineinzuversetzen, sondern den Anderen in sich selbst. 


Menschen werden meist auf die erste Idee geprägt, die ihnen in ihrer Frühzeit begegnet. 

(Wie kleine Gänschen laufen sie ihr hinterher)


Die großen Weltreligionen sind überaus empfehlenswert ihrer Demut wegen: Der Mensch ist nicht das höchste aller Dinge!

(Humanismus: Der Mensch setzt sich selbst die Krone der Schöpfung auf. Ging schon bei Napoleon nicht gut)

   

Aus Prinzip gegen den Strom zu schwimmen, ist Energieverschwendung.

(Im Strom interagieren die Gedanken. Man muss ja nicht jeder Strömung folgen)

   

Es gibt Leute, die werfen sich vorsichtshalber schon vor den Zug, bevor er losgefahren ist.

(Prophylaktische Helden werden seltener Märtyrer)


Es gibt Leute, die werden mit so vielen silbernen Löffeln im Mund geboren, dass sie ihr Leben lang kein Besteck mehr brauchen. 


Eine ordentliche Analyse schneidet immer auch ein wenig ins eigene Fleisch. 


Wenn Gefühle nicht lügen, können sie nicht irrational sein. 

(Wenn Gefühle lügen, sind sie Einbildungen, keine Gefühle) 


Irrationalität entsteht entweder aus Faulheit oder aus Bosheit. 

(Es ist noch nicht endgültig geklärt, was von beiden gefährlicher ist)


 Ein interessanter Irrtum ist aufschlussreicher als hundert korrekte Schlüsse. 

(Ein allzu interessanter Irrtum allerdings ist gefährlich)


Die Aneinanderreihung großer Worte macht noch keinen großen Gedanken. 

(Man sollte einen Sicherheitsabstand zwischen ihnen wahren)


Die Weltliteratur ist das Tagebuch der Evolution.

(versteckt in plain sight)


Um Gedichte zu schreiben, braucht man Phantasie und Disziplin, möglichst in gleicher Dosis. 

(um sie zu verstehen, Disziplin und Phantasie)


Zum Glauben an die Demokratie kommt man nur durch einen Sprung.

(er führt über den Abgrund der Geschichte hinweg)


Politische Korrektheit hat mit der Realität ungefähr genau so viel zu tun, wie Vollwaschmittel mit moralischer Reinheit.

 

Meinungsumfragen erheben statistisch gesichert die Verteilung von Selbsttäuschungen bei den Befragten. 

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Auszüge

 

Gedanken-Splitter

 

Denken ist eine biologische Tätigkeit und kostet deshalb Energie. 

(Selbstdenken ist Energieverschwendung. Man spart, wo man kann). 

 

Es sollte Strafzettel für Falschdenken geben. 

(Wer zu viele Punkte hat, bekommt Redeverbot, vorerst befristet)

 

Das ist mir zu verkopft, sagte das Bauchgefühl, und knurrte, als ihm ein unverdauter Gedanke aufstieß.

 

Wenn der Wunsch der Vater des Gedankens ist, ist die Mutter meist die Phantasie.

 

Um große Sprünge zu machen, braucht man viele Gedanken im Beutel, sagte das Känguru.

  


Minima Moralia 

 

Jedes Urteil, das man ungeprüft übernimmt, wird wieder zu einem Vorurteil.

 

Das verbreitetste Vorurteil ist dasjenige über die Vorurteilsgebundenheit anderer Leute.

 

Ein freier Wille kennt keinen Grund.

 

Man kann nicht nicht Recht haben wollen.

 

Wer die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, bekommt häufig Verdauungsbeschwerden.

 

Wer in seinem Leben gar nichts zu bereuen hat, hat etwas falsch gemacht.

 

Glückssachen


Jeder ist seines Glückes Schmied.

(die Kosten für die Schmiede sind nicht von der Steuer absetzbar!)

 

Pursuit of Happiness: Das Streben nach Glück ist ein Menschenrecht, nicht das Erreichen. 

(man muss zumindest vom Sofa aufstehen)

 

Wer seinem Glück zu heftig nachjagt, riskiert das eine oder andere Jagdunglück.

 

Wer auf die Idee kommt zu fragen, womit er sein Glück verdient habe, hat es schon verdient. 

 

Glück kann man nicht haben. 


Allzu Menschliches 

 

Wenn die Welt für die Menschen gemacht wäre, hätte sie mehr Freizeitparks und eine Hotline zum Lieben Gott. 

(Außerdem hätte er Evaluationsbögen hinterlassen) 

 

Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

(sagte das Universum und kicherte)

 

Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

(notfalls bringt er sie auf menschliches Maß).

 

Vermessenheit: Der Mensch ist das Maß aller Dinge.

 

Behandle die Menschen so, als seien sie es wert, dass man sie liebt. 

 

Der Drang der Menschen, anders zu sein als die anderen, wird nur durch den übertroffen, genauso zu sein wie die anderen.  

 

Wirtschaften
   

Die Frage "wer bezahlt?" sollte alle Entscheidungen begleiten. 

(das gilt auch für immaterielle Kosten)

 

Nichts ist umsonst.

 

Schadenersatz macht nicht klug.  


Selbsterkenntnis

 

Bewusstsein ist die rosa Brille, durch die das Gehirn auf sein Ich schaut (wenn es auf andere schaut, nimmt es sie natürlich ab)

 

(Selbst-)bewusstsein ist das Problem, für dessen Lösung es sich hält. 

 

Identität ist ein schwacher Ersatz für Instinkte.

 

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zum Selbstmitleid.

 

Das "Ich denke, und das möglicherweise falsch" muss all meine Vorstellungen begleiten können.


Das "Ich denke und werde dabei von meinem Gehirn manipuliert" muss alle meine Vorstellungen begleiten können.   

 

Anti-Romantische Fragmente

 

Wir treffen uns im Unendlichen, sagte der Romantiker, bevor er die Abkürzung über die Religion einschlug.

 

Romantische Ironie: Alles ist Fiktion, sogar die Fiktion, dass alles Fiktion ist. 

(wer zu viel abhebt, wird bald flügellahm)

 

Das Leben mit der Kunst verschmelzen. Die Prosa mit der Poesie. Das Leben mit dem Tod. Eines mit Allem. 

(Verschmolzen sind wir untrennbar, sagte der Schmelzkäse zum Toast. Alles die gleiche Pampe)

 

Philisterkritik des Romantikers: Schlafrock, Hausschuhe, Wampe. Trinkt Bier, hat keinen Sinn für Kunst. Denkt in Schubladen

(Klappe zu!)

 

Das Leben muss poetisiert werden, sagte der Romantiker, während er das letzte Exemplar der blauen Blume mit der Wurzel ausriss, um sie an seinen Hut zu stecken 

(seitdem steht sie auf der Liste der bedrohten Pflanzen)

 

Die schönen Künste


Kunst ist eine Lebensäußerung.

(und als solche völlig natürlich)

 

Gute Kunst ist verdichtetes Leben.

Schlechte Kunst ist durch Erfindung verwässertes oder übertriebenes Leben.

 

Kunst ist eine der nötigsten und am schlechtesten bezahlten Dienstleistungen an der Menschheit. 

 

Kunst ist inspirierte Arbeit.

 

 

Beziehungsweise

 

Wer Schmetterlinge im Bauch hat, sollte nachdenken, ob er Raupen verschluckt hat. 

 

Liebesehen werden im Himmel geschlossen.

(Leider muss man anschließend den Wohnsitz wechseln)

 

Er holte für sie das Blaue vom Himmel herunter. Danach war er nur noch grau. 

 

Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Leider war sie fehlsichtig. 

 

   

Altersfragen

 

Mit dem Alter wird man sich selbst immer ähnlicher. Man erkennt sich kaum wieder.

 

Die Hälfte des Alters verbringt man damit, die Fehler seiner Jugend zu verstehen (die andere neue zu machen). 

 

Mid-Life-Crisis: Sie haben ihr Ziel erreicht, sagte das Navi. Bitte bei nächster Gelegenheit wenden!


Altersweisheit: Ich weiß, was ich nicht weiß.

   

Politisch Unkorrekt

 

Wer die Wahl hat, hat meist keine Lust.

 

Revolutionen enden meist damit, dass Unten und Oben die Plätze getauscht haben. 

(Die Mitte verliert immer)

 

Der kategorische Imperativ der Nachhaltigkeit: Handle jederzeit so, dass die nachfolgenden Generationen nicht unter den Folgen deines Handelns zu leiden haben. 

 

Der kategorische Imperativ der Voraussicht: Handle jederzeit so,

dass die absehbaren Folgen deines Handelns das Gute, dass du damit bewirken wolltest, nicht zunichte machen. 

(Auf dem Boden der besten Absichten gedeihen die größten Katastrophen. Regelmäßiges Umgraben hilft dagegen)

 

Wenn Wähler die eigene Partei wählen, sind sie mündig.

Wenn sie eine andere Partei wählen, sind sie manipuliert worden.

Wenn sie gar nicht wählen, sind sie unreif. 

 

Jeder wählt, wie er denkt. 

 

Demokratien tendieren mit dem Alter zur Polarisation.

 

Eine Demokratie, die nicht in Frage gestellt werden darf, ist eine Diktatur. 

 

a) Die Menschen lieben die Bequemlichkeit über alles.

b) Freiheit ist unbequem.

c) Es ist möglich, aus freiem Entschluss die Unfreiheit zu wählen. 

 

Freiheit

 

Die Gedanken sind frei. Wer einen fängt, darf ihn behalten 

(aber nur bei Bodenhaltung).

 

Die Gedanken sind frei. Meinungen sind Käfighaltung im Kopf.

 

Die Gedanken sind frei, sagte der Lehrer. Merkt euch das gefälligst!

 

Ein wahrhaft freier Gedanke: Die Gedanken sind nicht frei!

 

Der Preis der Freiheit: Agoraphobie.

 

Der Mensch ist frei geboren, und überall kauft er sich Ketten.

 

Ein freier Wille kennt keinen Grund.

 

Freiheit ist, wenn man sie nicht ausnutzt.

 

Freiheit sollte nicht übermütig, sondern demütig machen. 

 

Freiheit ist notwendig.  



Pessimistische Parolen

 

Nicht alle Probleme sind lösbar.

(Die Bereitschaft zur Anerkennung dieser Tatsache ist ein Maßstab für geistige Freiheit)
 

Kassandra war nur eine Spezialistin für Worst-Cace-Scenarios 

(um zu sehen, dass es mit dieser Menschheit nicht gut enden kann, braucht man keine prophetischen Kräfte)

 

Wenn die Bäume in den Himmel wachsen könnten, hätte der Himmel Löcher für sie.  

 

Der Bruch, der entsteht, wenn man den Glauben an ein Happy End für die Menschheit aufgibt, ist nicht mehr heilbar.

 

Abwarten und Tinte trinken, sagte die Welt, bevor sie unterging.


 

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