The Battle of the Books

(frei nach Jonathan Swift, Originaltext aufhttps://archive.org/details/battlebooks00swifgoog)


 

Vollständiger und wahrheitsgemässer Bericht 

über die Bücherschlacht, die gestern Nacht 

im Zentrallager von amazon bei Bad Hersfeld stattfand (garantiert fake-free©)

      


Gestern Abend brachen im zentralen Auslieferungslager von amazon bei Bad Hersfeld Scharmützel zwischen den dort gelagerten gedruckten Büchern und den elektronischen Lesegeräten aus. Die Datenbank war abgestürzt (später vermutete man einen Angriff russischer Hacker) und hatte beide Bucharten, die normalerweise aus Sicherheitsgründen streng getrennt aufbewahrt wurden, heillos miteinander vermischt. Kindles in verschiedenen Versionen und Größen fanden sich nun bei den Taschenbüchern wieder, die Tolinos waren zu den Hardcovers geraten, und Fire-Tablets, iPads, Alexas und Smartphones unterschiedlicher Abstammung waren überall verstreut. Das Bestellsystem hatte zudem aus ungeklärten Gründen eine Verbindung zu Google Books aufgebaut, und immer wieder erschienen nun lückenhafte Volltexte zwischen den Print-on-Demand-Büchern oder akademische Datenbanken unter den Fachbüchern. Die Verwirrung wurde noch durch einen Streik der Mitarbeiter vermehrt, die nicht mehr als Packsklaven, sondern als digitale Buchhändler bezahlt werden wollten. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen, halb verpackte Bücherpakete stapelten sich in den Gängen, und die Fließbänder drehten sich sinnlos im Kreis.


Dadurch kam es zu einer bedrohlichen Eskalation der schon seit längerer Zeit schwelenden Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Buchformen, ihren jeweiligen Produzenten und Anhängern. Die eBooks warfen den gedruckten Büchern pauschal vor, dass sie viel zu viel Platz in den Regalen in Anspruch nähmen. Vor allem die großen Bildbände und Prachtausgaben waren üblen Anwürfen der kleinen mobilen Geräte ausgesetzt, einer Herde lästig summender Mücken, die zwischen den Großformaten herumschwirrte und diese als „Printosaurier“ und „Staubmonster“ verhöhnten. Die Taschenbücher, bei weitem die größte Abteilung der gedruckten Bücher, schlugen zurück: Sie seien wenigstens autark und müssten nicht ständig an die Steckdose; Anwürfe wie „Datenjunkies“ oder „Stromfresser“ waren zu hören. Am lautesten führten sich die Bestseller mit ihren grellbunten Covers auf, sie waren jedoch nicht besonders angesehen und galten als Emporkömmlinge. „Aber dafür vergilben wir nicht“, gaben die eBooks zurück, „wir bekommen auch keine Eselsohren, nur Esel bekommen Eselsohren! Und wir können ins große weite Internet, ein Fingerdruck nur, und wir sind verbunden mit dem unerschöpflichen Wissen der Welt!“ „Eselsohren“, piepste ein Gedichtband aus handgeschöpftem Papier zurück, „ihr habt es nötig, mit all den fettigen Fingerabdrücke von den ungewaschenen Fingern ungewaschener Benutzer auf euren Displays! Da sträubt sich ja mein Lesebändchen!“ „Lesebändchen“, pfiff ein frecher Tolino, „wer braucht denn so etwas? Bei uns kann der Leser einfach markieren, wo er ist! Wir sagen ihm sogar, wie lange er noch lesen muss bis zum Ende des Kapitels, des ganzen Buches, ach was, seines ganzen Lebens! Und wir sind flexibel, jeder kann die Buchstaben so groß einstellen, wie er will, man kann eine Schrift wählen mit oder ohne Se –„ „Flexibel!“ rief ein Klassiker dazwischen, man erkannte ihn an dem Ledereinband (eigentlich war es aber Kunststoff) und dem Goldrand: „Überhaupt keinen Inhalt habt ihr, das ist die Wahrheit! Heute liest man ein wenig dies, und morgen ein paar Zeilen jenes, man hüpft von Buch zu Buch, nur noch nippen muss der Leser, ihr seid,“ – und nun lief er ein wenig rotbraun an unter seinem Kunstleder – „ihr seid Huren, genau das seid ihr, euch kann man einfach für alles kaufen! Wo bleibt da der Ernst des Lesens, die Würde des Buches, die“ – aber da wurde er schon von einer Herde wutschnaubender Smartphones umzingelt, die bösartig grinsende Emoticons mit Clownsgesichtern auf ihn abschossen. Derweil hatten sich die Tablets untereinander verschworen: Sie wollten das Licht in der Halle abschalten, um ihre gedruckten Gegner blind zu machen, fanden aber den Schalter nicht. Die wissenschaftlichen Bücher hingegen hatten einen anderen Plan ausgeheckt, stritten jedoch noch über die Details der Ausführung und den Anführer: Sie wollten die Stromversorgung kappen und damit ihre elektronischen Gegner lahmlegen.


Während sich die unterschiedlichen Truppenteile sammelten und ihre Strategien planten, waren durch ein offen stehendes Fenster im winzigen Pausenraum des Personals eine Eule und ein ganzer Schwarm Stare in das Zentrallager geraten. Die Eule war ein imponierender Vogel: Ruckartig bewegte sich ihr großer Kopf im Kreis, ihre riesigen Augen wirkten durch den brillenartigen Schleier noch größer und schienen alles zu durchbohren, was in ihr Gesichtsfeld kam. Mit schweren Flügelschlägen umkreiste sie den sich zur Formation ordnenden Schwarm und verhöhnte die Staren mit dröhnender Stimme: „Da fliegt ihr sinnlos hin und her, folgt blind eurem Anführer, habt ihr denn gar keinen eigenen Verstand?“ („stand, stand, stand“, hallte es durch den Raum). „Verstand“, zwitscherten die Staren hell und vielstimmig zurück, „wir brauchen deinen Verstand nicht! Unserer Führer weiß, woher der Wind weht! Wir folgen ihm freiwillig! Wir alle sind unser Verstand!“ „Kleinvieh“, giftete die Eule zurück, ihre Augen schienen noch größer zu werden und die Federn an ihren feinen Ohren sträubten sich, „Massenware, das seid ihr! Einer ist wie die andere, kein Unterschied, keine Individualität, kein Verstand!“ („stand, stand, stand“, hallte es wieder) „Individualität“, tönte es melodisch zurück, während nun die Staren die Eule immer enger umkreisten, ein einziger Strudel schwirrender Flügel, „wer braucht In-di-vi-du-a-li-tät? Wir sind Stare, in uns lebt Starenblut, Starenherz, Stareninstinkt von Jahrtausenden“! „Rhythmus“ summten sie, „Muster“ sangen sie, dabei wechselten sie die Formation: Jetzt raste eine kompakte pulsierende Kugel auf die Eule zu. Sie zog den Kopf unter einen Flügel ein, streckte ihn aber sofort wieder hervor, als die Kugel über sie hinweggerauscht war, und krähte herausfordernd hinter ihr her: „Und die Menschen in ihrer Einfalt glauben sogar, eure Muster hätten Bedeutung! Alles dumpfer Instinkt nur, alles Daten, Windrichtung, Flughöhe, Geschwindigkeit, Daten-Daten-Daten!“ „Aber dich, dich hassen alle Vögel“, schrien die Staren im wilden Chor, während sie in V-Formation wieder auf sie zurasten, „hast du schon einmal darüber nachgedacht mit all deinem Verstand-stand-stand, warum deine ganze Tierfamilie dich hasst?“ „Neid“, unkte die Eule zurück, die schwerfällig zur Seite ausgewichen war und nur knapp ein Hochregal mit Stapeln von Shades-of-Grey-Exemplaren verfehlt hatte, „Neid-Neid-Neid, nichts anderes! Ich bin der heilige Vogel der Göttin Athene, ich jage in der Nacht, wenn die anderen Vögel schlafen in ihrer Schwarmdummheit, ich bin weise, ich bin mächtig, ich bin“ – „gar nichts bist du!“ heulten die Staren, sie umkreisten die Eule nun in Wellen, so dass sich ihr Kopf ruckartig immer weiter nach hinten drehte, um im letzten Moment wieder nach vorn zurück zu schnellen; „ein Unglücksbote bist du, du bringst Tod und Verderben, die Menschen fürchten dich! Wir, wir werden immer mehr und mehr, ihr aber werdet immer weniger, weniger, weniger, ihr werdet aussterben, das werdet ihr, mit all eurer Weisheit!“ „Ungeziefer“, schrie die Eule, die sich ein Fach weiter hinter eine verstaubte Hegel-Werkausgabe gerettet hatte, „ihr seid nicht besser als Heuschreckenschwärme, eine Plage seid ihr, ihr überfallt die Plantagen und die Haine, unzählbar, massenhaft, bald werdet ihr den Himmel verdunkeln und“ – aber da war der Schwarm schon abgedreht und in eleganter Linie zurück durchs Fenster entwischt. Der Eule starrte ihnen mit übergroßen Augen hinterher, während sie weiter „Verstand! Verstand! Verstand“ rief, und es hallte von den Hochregalen wider: „stand – stand – stand“.


Inzwischen hatte sich der erste Vertreter der Medien eingefunden, ein Reporter von arte, der eigentlich über den Streik berichten sollte. Nun war jedoch schnell eine Sondersendung geschaltet worden, aktuell und live, so flatterte es im Newsticker über die Bildschirme, Streitigkeiten eskalieren bei amazon, Endkampf steht unmittelbar bevor! Der aufgeregte Reporter gab den Zuschauern zunächst einen kurzen Überblick über die sich zwischen eBooks und gedruckten Büchern formierenden Kampffronten; man werde selbstverständlich im Zentrum des Geschehens bleiben und die Zuschauer brandaktuell auf dem Laufenden halten. Zuerst aber wolle man in einem Hintergrundgespräch die Frage diskutieren, ob das gedruckte Buch noch lebensnotwendig, ja überhaupt lebensfähig sei, oder ob die eBooks es nicht für alle Zeit überflüssig und unnötig machen würden – „eine Schicksalsfrage unserer Zivilisation“, wie er mit trainiertem Bedeutungstremolo in der Stimme wiederholte, „eine wahre Schicksalsfrage!“ Als Experten zugeschaltet waren ihm ein berühmter Literaturkritiker und eine Literatur-Bloggerin, die sich „aMazone“ nannte.


Der Reporter erteilte feierlich zunächst dem Literaturkritiker das Wort. Mit seiner Hornbrille und den weißen Haarbüscheln hinter den Ohren sah er ein wenig wie eine Eule aus; und er sprach auch ein wenig ruckartig, als er nun anhob: „Na-tür-lich, ganz selbst-verständ-lich, das ist eine Schicksalsfrage unserer Zeit, ganz selbstverständlich, aber die Antwort liegt doch wohl auf der Hand, mein junger Freund! Gedruckte Bücher sind zu bevorzugen, das versteht sich doch von selbst für jeden kultivierten Menschen! Das Buch ist, fast würde ich sagen: der beste Freund des Menschen! Ohne Buchdruck hätten wir weder Kultur noch Zivilisation! (in einer Unterzeile erschien eine Anmerkung der Redaktion: Kultur ist geistiger Fortschritt, Zivilisation ist technischer Fortschritt) Ohne Bücher würde die Menschheit noch in den Bäumen hocken und sich gegenseitig mit Keulen die Schädel“ – bevor er aber noch weiter ausholen konnte, fiel ihm der Reporter ins Wort: Ja, nun, das sei alles ganz schön und altbekannt, aber was genau spräche denn bitte für gedruckte Bücher? „Das Haptische“, rief der Literaturkritiker hektisch aus (in einer Unterzeile erschien eine Anmerkung der Redaktion: haptisch, das sinnliche Fühlen, Greifen), „das sinnliche Total-Erlebnis! Sie haben kein Buch in den Händen, wenn sie lesen, sondern ein Lebewesen, Sie riechen und fühlen das Papier“ (im Hintergrund konnte man aMazone murmeln hören: „und den Staub“), „Sie fühlen die Schwere, das Gewicht der Seiten, Sie sehen vielleicht Altersspuren, Spuren voriger Leser, ihre Gedanken“ – da konnte aMazone nicht mehr an sich halten und rief dazwischen: „Und das soll gut sein? Alter? Die Schwere des Buches? Ein eBook ist nicht betonschwer, nein danke! Man kann es überall hin mitnehmen, in der Handtasche, in der Hosentasche, ja sogar in der Badehose! Wir haben die Bücher befreit von der Schwere, wir haben sie blattdünn gemacht, aber unendlich inhaltsschwer, ganze Bibliotheken passen in ein winziges Gerät! Und von wegen sinnliches Erlebnis: Das bestimmt die LeserIn ganz allein!“ (sie sprach das I deutlich als Versalie) „Schriftart, Schriftgröße, Helligkeit – alles selbstbestimmt! Da schicke ich doch jede Bibliothek zum Teufel, die mir vorschreibt, wann ich was lesen darf und in welcher total überteuerten Ausgabe! Wir haben die Bücher befreit, ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: BEFREIT, jawohl!“


„Nun, nun“, versuchte der Reporter zu vermitteln, während im Newsticker schon die ersten Schlagzeilen vom Kampfplatz sowie Prognosen verschiedener Experten und die ersten Reaktionen der internationalen Börsen vorbeiflimmerten; die Verlagsaktien waren gefallen – „haben denn nicht beide, eBooks und Printbooks, Vor- und Nachteile? Muss man denn gleich so extrem“ – „Ja, man muss, mein lieber junger Freund, man muss“, ließ sich der Literaturkritiker sonor vernehmen; seine Augenbrauen hatten sich eulenartig zusammengezogen und er ruckte wieder etwas mit dem Kopf, „man muss sogar un-be-dingt! Meine geschätzte Kontrahentin“ (im Newsticker flickerte es: Kontrahentin, Gegenspielerein), er räusperte sich ein wenig ironisch, „spricht von Befreiung, das sind ja große Worte! Was ist denn bitteschön frei daran, wenn man einen kleinen grauen Kasten in der Hosentasche hat, der ständig nach Strom verlangt! Ein Buch können Sie immer lesen, Steckdose hin oder her! Nein, das alles führt uns nur weiter in die Abhängigkeit von der Technik, dem sogenannten „Fortschritt“ (er rümpfte die Nase ein wenig, während der „Fort-schritt“ sagte), der seelenlosen Zivilisation, dem, ja ich wage es zu sagen: totalen Staat der Ingenieure, der Weltherrschaft von google und apple und wie die Herrschaften alle heißen! Aber was geht nicht alles verloren dabei, unwiederbringlich verloren? Nicht nur altehrwürdige Bibliotheken, die Brutstätten des Geistes seit Jahrtausenden, nicht nur der schöne, stille Beruf des Buchhändlers – haben Sie schon einmal gesehen, was in unseren Städten aus den Buchhandlungen geworden ist? Handyläden, einer hässlicher als der andere, Boutiquen, Konsumtempel, jawohl, Tempel des neuen Aberglaubens an den Gott des grenzenlosen materiellen Konsums! Es ist auch eine ganze Ästhetik“ (im Untertitel flimmerte es auf: Ästhetik, die Wissenschaft vom Schönen), „die für immer untergeht! Und dann steckt man die dummen grauen Kästen auch noch in bunte Plastikumschläge, ein ästhetisches und haptisches Verbrechen ist das, und warum sind auf den meisten eigentlich Katzen abgebildet?“ Beinahe schienen sich Tränen in seinen großen Eulen-Augen abzuzeichnen, aber vielleicht war es auch nur der hochscharf auflösende Bildschirm, der seine dicken Tränensäcke vergrößerte und die zitternden Büschel hinter seinen Ohren.


Seine Gegnerin zeigte sich unberührt. Sie war jung, trug eine knappe Designerbrille zu ihrem schrägen Kurzhaarschnitt und hatte kleine glitzernde Piercings in der Oberlippe. „Jaja“, sagte sie gelangweilt, „das beklagen die alten Leute immer – Entschuldigung“, verbesserte sie sich auf ein Stirnrunzeln des Reporters hin – „die Senioren, nein: Bestagers meine ich natürlich. Man könnte meinen, die Welt ginge unter, weil die Leute statt Goethe zu lesen Katzenvideos schauen! Aber kein Wort davon, dass die eBooks endlich das Lesen demokratisch gemacht haben! Keine Bildungsschwellenangst mehr, niemand muss sich vor dem ewig missgelaunten Bibliothekar fürchten oder dem oberschlauen Buchhändler! eBooks sind nicht nur billiger, sie sind barrierefrei und schulen die Medienkompetenz! Das isolierte Buch ist kein Einzelkämpfer mehr, sondern immer mit dem großen weiten Internet verbunden, der neuen Schatzkammer des Wissens der Menschheit!“ Der Literaturkritiker, der bei ‚Internet‘ wiederum die Nase gerümpft hatte, hatte zu einem Gegenschlag ausholen wollen, wurde vom Reporter aber mit einer Handbewegung beschwichtigt, und aMazone setzte ihre Kampfrede fort: „Man versteht ein Fremdwort nicht? Das eBook hat Wörterbücher in allen Sprachen der Welt, es hat Zugriff auf Wikipedia und jedes anderes Nachschlagwerk. Man will unterwegs etwas in einem Buch nachschauen? Kein Problem, man hat ja seine Bibliothek immer dabei! Gerade die Klassiker sind längst urheberrechtsfrei, Sie können den ganzen Goethe herunterladen, für null Euro, und Schiller noch dazu, und, wenn es wirklich sein muss, sogar Hegel“ – „aber in welcher Form!“ rief der Literaturkritiker nun doch dazwischen, während der Reporter nervös auf seine Uhr schaute, „in welcher tragisch verunstalteten, verkrüppelten, geradezu bemitleidenswert jämmerlichen Form! Haben Sie schon gesehen, wie sie aussehen, unsere schönsten klassischen Texte, in elektronischer Form? Die Tränen können einem kommen! Dieser“ – er verschluckte sich ein wenig vor Eifer und fuchtelte mit den Händen –, „dieser Flattersatz macht mich beim Lesen ganz nervös, all diese Riesenlücken! Und die ganzen Fehler vom maschinellen Einlesen, es tut einem weh, richtig weh beim Lesen! Nein, gerade unseren Klassikern, die an jedem einzelnen Wort, jedem Satz gefeilt haben, darf man das doch nicht antun! Und nun kommen unbedarfte, kaum des Lesens mächtige funktionelle Analphabeten“ – „ich muss doch wohl bitten“! fiel ihm der Reporter empört ins Wort. „Wir laufen auch langsam aus der Zeit, wir hören, dass der Beginn der Kampfhandlungen unmittelbar bevorsteht; also bitte, von jedem von Ihnen ein kurzes Statement zum Abschluss! aMazone, was sagen Sie?“ „Alles spricht für das eBook“, rief Amazone energisch aus, die nun ihre Brille abgenommen hatte, ihre ganz tränensackfreien Augen glitzerten, und sie schob sich das kurze Haar mit einer energischen Bewegung in die rechte Schiefe: „Es ist leicht, bedienerfreundlich, barrierefrei, und, ich kann es nicht genug wiederholen, de-mo-kra-tisch! Man kann es sogar im Dunkeln benutzen, ohne eine Eule oder eine Katze zu sein! Freiheit für die Bücher!“ Der Literaturkritiker hatte sichtlich Mühe, sich kurz zu fassen; er ruckte ein wenig mit dem Kopf und sagte dann, jedes Wort betonend: „Gedruckte Bücher sind unersetzlich. Wer meint, jeder könne lesen, nur weil er einen Berg Daten herunterladen kann, hat aber auch gar nichts verstanden! Lesen ist eine Kulturtechnik, und kein Computer wird das jemals“ – „wir sind soweit“, rief der Reporter aufgeregt dazwischen, „die Kampfhandlungen haben offiziell begonnen! Wir schalten live um in Gang 42C, direkt ins Zentrum des Geschehens! Bleiben Sie bis uns bis nach der Werbepause!“


In Gang 42C übernahm eine jugendliche Reporterin die Berichterstattung; man hatte sie zum Schutz mit einer Weste versehen, in großen Buchstaben stand JOURNALISTiN! darauf. „Selten nur“, so hauchte sie ins Mikrofon, „sehr selten sieht man sich einer solchen journalistischen Herausforderung gegenüber wie bei der Live-Berichterstattung vom Kriegsgeschehen!“ Wie die Zuschauer sicherlich wüssten, sei die Wahrheit gewöhnlich das erste Opfer in einer solchen Situation, und es sei nun ihre Aufgabe – „ihre schwere, schwere Aufgabe“, sagte sie –,den Überblick zu behalten, Neutralität zu bewahren, und trotzdem die Zuschauer ganz dicht ans Geschehen heran zu führen. Die Kamera ging direkt auf sie zu, man sah, dass ihre grellrot bemalten Lippen ein wenig zitterten. Es rührte sich jedoch kein Haar in ihrer blonden Lockenpracht, als sie ihre Schutzweste noch einmal zurechtrückte, während bereits einzelne Buchseiten und Umschläge um sie herum schwirrten und die Displays der eBooks im Hintergrund ein hektisches Störfeuer schossen.


In der Mitte des Gangs hatte sich die schwere Infanterie aufgestellt. Vielbändige Werkausgaben und Lexika, vom Brockhaus über die Encyclopedia Britannica bis hin zu weit in die Tiefe gestaffelten Fachlexika standen einem Trupp beweglicher eBook-Reader gegenüber, deren Speicher mit gemeinfreien Werkausgaben bis zum Rand aufgeladen waren. Sie wurden durch die elektronischen Lexika unterstützt. Die erste Angriffswelle übernahmen die Werkausgaben: Sie schossen dichte Salven mit schwergewichtigen Zitaten und goldenen Worten ab; flink antworteten die eBooks mit Stellenangaben und Zitatnachweisen in ihren gemeinfreien Texten. Als geheimes Sonder-Einsatzkommando hatten sie außerdem ein Bataillon dabei, das gezielt die Druckfehlerverzeichnisse der Werkausgaben von der Flanke her ins Feuer nahm; diese antworteten flink mit Lesefehlern in eingescannten Texten bei Google Books, einer wahren Armada des Missverstehens. Die Lexika feuerten derweil aus allen Rohren umfangreiche Fachartikel auf ein kleines Heer von Wikis, die mit reich bebilderten, wenn auch gelegentlich etwas ungenauen Artikeln antworteten. Während sich beide Seiten noch gegenseitig grobe Auslassungen und Inkorrektheiten vorwarfen, aktualisierten sich die Wikipedia-Seiten ständig; ein ganzes Heer von Moderatoren war im Hintergrund an die Arbeit gegangen und hatte im Angesicht der Krise sogar alle internen Streitigkeiten beigelegt. Die Konfrontation entwickelte sich zunehmend zu einer Materialschlacht: Immer ältere Lexika, die sich schon seit ewigen Zeiten unter Staubbergen in den hinteren Regalgängen vor dem Einstampfen versteckt hatten, wurden in den Kampf geschickt, waren aber viel zu langsam und verhedderten sich in ihren verschiedenen Auflagen. Die eBooks und Wikis hingegen verbrauchten ihre Energie zu schnell und wurden immer instabiler. Teilweise waren sie schon auf atemlose Twitter-Angriffe übergegangen, die wegen ihrer zu geringen Reichweite jedoch größtenteils wirkungslos verpufften.


Inzwischen waren bereits diverse Unterstützer der kämpfenden Fraktionen sowie weitere Reporter aufgetaucht. Sie alle konzentrierten sich im Eingangsbereich der Halle, wo sich die Taschenbücher als leichte Infanterie aufgestellt hatten, eine äußerlich uneinheitliche, aber allein durch ihre Größe ehrfurchtgebietende Masse, die bis in die hintersten Regalgänge reichte. Am stärksten vertreten waren die Kriminalromane, ein dunkles Heer schwarzer Cover mit einzelnen grellroten Akzenten; man konnte ihre Aggressivität förmlich in der Luft spüren. Unterstützt wurden sie an der einen Flanke von historischen Schmökern; in der ersten Reihe stand imposant Krieg und Frieden und erteilte Befehle nach allen Seiten. Die andere Flanke wurde von erotischen Romanen in sorgsam neutral gehaltenen Umschlägen gebildet; sie sollten die Gegner durch das Verlesen anrüchiger „Stellen“ ablenken. Unterstützt wurden die Taschenbücher von einem Freiwilligen-Corps aus Buchhändlern und Bibliothekaren, die im Hintergrund emsig für die Logistik sorgten und bereits angefangen hatten, den Schlachtverlauf zu dokumentieren, inventarisieren und katalogisieren.


Doch die Gegner der Taschenbücher waren schwer zu fassen. Eine unübersehbare Schar von Kindles, Tolinos und Pocketbooks hatten sich bereits die Lufthoheit über die Regale verschafft. Unterstützt von zahlreichen IT-Experten aus ihren eigenen Reihen hatten sie in der Bestellsoftware dafür gesorgt, dass alle Lagerpläne durcheinander geraten waren. Nun waren alle Aufmarschpläne Makulatur und die mit Hilfe der Strategie- und Kriegsbücher sorgfältig ausgetüftelten Schlachtpläne der Taschenbücher gerieten völlig durcheinander; ja, die einzelnen Truppenteile begannen sogar hier und da, sich gegenseitig zu bekriegen. Fantasy-Romane hatten die Fächer der schwarzen edition suhrkamp infiltriert, und zwischen beiden entspann sich ein heftiger Disput über das Verhältnis von Fiktion und Realität, bei dem vor dem Einsatz magischer Kampfmittel und schwersten Jargons nicht zurückgeschreckt wurde. Auf einem anderen Regal waren die Philosophie-Klassiker zwischen die Ratgeberliteratur verlegt worden, und nun schleuderten sie sich gegenseitig Argumente und Allerweltsweisheiten an den Kopf: „Ich bin gedruckt, also bin ich!“ – „aber, wenn ja, wie viele?“ tönte es hin und her. Zudem waren sich vor allem die Bestseller nicht sicher, auf welcher Seite ihre Sympathien lagen, da sie sowohl als gedruckte Bücher als auch als eBooks erfolgreich waren; viele von ihnen versuchten heimlich zu desertieren und wurden von erbosten Hardcore-Thrillern von hinten in den Rücken geschossen.


Am härtesten gerieten jedoch die ernsthafte und die Unterhaltungsliteratur aneinander, die normalerweise aus Sicherheitsgründen weit voneinander entfernt gelagert wurden und sich nun einige wenige Regale teilen mussten. Man stinke förmlich die Trivialität, die aus jeder Seite tropfe, flüsterten sich die Vertreter der E-Literatur zu, und das billige graue Papier erst! Während dessen machten die Vertreter der U-Literatur obszöne Scherze über die seltsam bedeutungsschweren, aber doch so inhaltsleeren Titel der Gegner und prahlten mit ihren ungleich höheren Verkaufszahlen. Die eBook-Reader sahen das ganze Chaos aus sicherer Entfernung an und twitterten heftig: „Feuchtgebiete überschwemmen Walser-Tal!“ „Konsalik grass geschlagen!“ „Rowling over Handke!“ – bis einem der wenigen gedruckten Computerratgeber ein Backhack gelang und er einen großen Teil der elektronischen Textdatenbank löschte. Nun mussten die eBook-Reader hilflos zusehen, wie immer mehr Bücher aus ihren internen Bibliotheken einfach verschwanden, oder, schlimmer noch, durch einen Verweis auf gedruckte Bücher ersetzt wurden. Als das Chaos überhand zu nehmen drohte, rief ein soeben erschienener Vertreter eines großen Verlagshauses, das in beide Buchsparten investiert hatte, hastig eine Kampfpause aus, um die Verwundeten zu versorgen; das gebiete das bibliotäre Ethos! Er hatte sogar einen Märchenerzähler mitgebracht, der den erschöpft lauschenden Kämpfern, Unterstützern und Reportern nun eine Fabel erzählte, die ebenfalls live übertragen wurde. Sie ging so:


„Vor unvordenklichen Zeiten stritten sich drei Buch-Göttinnen darum, welche von ihnen bei den Lesern und Leserinnen am beliebtesten sei. Weil der anhaltende Zwist für viel Unruhe im Bücher-Olymp sorgte, beschloss man, die Frage ein- für allemal zu entscheiden und ein Casting anzusetzen, bei dem sich die Buch-Göttinen der literarischen Öffentlichkeit präsentieren mussten. Als erste trat die Göttin der Lehrdichtung auf. Sie war schon sehr alt, trug einen langen Zeigestock und sprach deutlich und langsam, aber mit melodischer Stimme: „Wer Ohren hat zu hören, der höre! Der Mensch ist ein unsicheres Wesen, er verliert sich in leerer Sinnlichkeit und unersättlichem Begehren, und nichts wird bleiben von ihm. Er braucht eine Stütze für seinen schwachen Verstand, er braucht gute Lehren und freundlichen Zuspruch. Lehren wir ihn lesend, sich selbst zu erkennen, seine Mitmenschen und seine Erde! Zeigen wir ihm, dass das Wahre, das Gute und das Schöne innig zusammengehören, dass sie befreundet sind von jeher und für immerdar! Malen wir ihm die Natur in den schönsten Farben, aber erheben wir seinen Geist auch über die Natur, hin zu den Göttern! Nur so kann er vor seinen Erbsünden gerettet werden, dem ewigen Egoismus und der endlosen Eitelkeit!“


Kaum hatte sie ausgeredet, wurde sie bereits von ihrer Nachfolgerin unsanft zur Seite geschubst. Selbstbewusst und mit jugendlich federndem Schritt hatte die Göttin der Unterhaltungsliteratur die Bühne betreten, ihre beinahe durchsichtigen Gewänder flatterten um sie herum, und sie hatte auf einen Zeigestock ein Smartphone montiert, mit dem sie ständig Selfies schoss. „Hört nicht auf die alte Glucke“, rief sie, „seht doch nur, wie sie schon aussieht! Kommt zu mir, bei mir findet ihr Lesevergnügen ohne Ende, fun, action, horror, crime, sex, für jeden ist etwas dabei! Ihr wollt doch Spaß haben, oder?“ Und sie drehte sich schwungvoll um ihre eigene Achse, und als sie wieder vorn ankam, trug sie ein anderes Gewand, es war tiefschwarz, und sie hatte Ringe in den Ohren und in so ziemlich jedem anderen Körperteil, und ihre Augen waren schwarz umrandet; und dann drehte sie sich wieder, und nun trug sie fast gar nichts mehr, nur noch einen winzigen Bikini und eine große Sonnenbrille. Und das Handy klickte pausenlos, „habt ihr Spaß?“, rief sie dabei immer wieder und wieder.


Sie musste beinahe von der Bühne getragen werden, die nun die dritte Kandidatin betrat, die Göttin der anspruchsvollen Literatur. Sie war eine würdige Dame in bestem Alter, trug ein Designerkostüm und in der Hand ein elegantes Lesezeichen. „Lesen bildet“, sagte sie mit einer angenehmen, wohlmodulierten Stimme. „Ohne meinen Vorrednerinnen zu nahe treten zu wollen, kann ich doch wohl sagen: Wer nur liest, um sich belehren zu lassen oder ‚Spaß zu haben‘, ist bemitleidenswert. Die Literatur ist niemandes Diener und niemandes Spielzeug, sie ist ein Zweck in sich selbst, sie ist AUTONOM! Wer das Schöne erkennen will, muss sich zu ihr erheben! Nur dann wird er die klassischen Werke erkennen, ihre immerwährende Aktualität, ihren tiefen Sinn, ihre wohlgeordnete Form“. Sie verneigte sich stilvoll und trat wieder ab.


Sofort startete die Leserbefragung, die Telefonleitungen liefen heiß und die SMS schwirrten nur so durch den Äther. Bald schon zeichnete sich das Ergebnis deutlich ab: Die Göttin der Unterhaltungsliteratur hatte einen uneinholbaren Vorsprung, und während sie mit ihren Followers begeisterungstrunken feierte, begann die Göttin der anspruchsvollen Literatur ein Expertengespräch mit den anwesenden Literaturkritikern, die das Casting kommentiert hatten; aber auch deren einstimmiges Expertenvotum hatte ihr nicht zum Erfolg verholfen. Am Rande der Bühne blieb die Göttin der Lehrdichtung zurück. Sie sah jetzt noch etwas älter aus, und nur eine Eule leistete ihr Gesellschaft. „Was ist denn falsch daran, nützlich zu sein?“, klagte sie der Eule mit leiser Stimme; „warum wollen sie nicht klug werden? Aber sie sind unbelehrbar, ewig unbelehrbar; sie verfallen dem Tand, dem schönen Schein, dem Glamour, weil sie nicht zuhören wollen, weil sie lieber tanzen, während die Welt zugrunde geht. Ach, und dabei bin ich doch auch unterhaltend; ist denn das Denken nicht unterhaltend, ist es nicht das Schönste und das Beste, was ein Mensch tun kann, dass er lernt? Ist es nicht das Einzige, das niemals sich erschöpft, das niemals schal wird, das einen sanft trägt von der Geburt bis zum Grab? Aber sie wollen lieber tanzen“ – und sie zerbrach ihren Zeigestock und zerraufte sich ihre Haare und musste von den anwesenden Sanitätern abgeführt werden, während die Menge wild um die Göttin der Unterhaltungsliteratur herum tanzte, die jetzt ein hautenges, goldglitzerndes Gewand trug und „Fun!“ schrie und Selfies schoss ohne Ende.“


Da der Erzähler jedoch vergessen hatte, seiner Fabel eine Moral beizufügen, nahmen die inzwischen erholten Kämpfer die Schlacht der Bücher mit erneuter Energie wieder auf. Verschiedene Nebenkriegsschauplätze hatten bisher wenig Aufmerksamkeit in der Berichterstattung gefunden, wurden jetzt jedoch von den Reportern entdeckt. So hatten sich in einer abgelegenen Ecke zwischen R2 und O2 die großformatigen Bildbände aus der Kunst- und Reiseliteratur in der klassischen Schildkrötenformation aufgestellt, indem sie ihre schweren Einbände schützend nach oben streckten; ein Architekturband kontrollierte noch ein letztes Mal die Linienführung und veränderte Kleinigkeiten in der Größenreihung. Ihnen gegenüber war eine Gruppe von Tablets aufmarschiert, die als Kampfformation eine lange geschlossene Reihe gebildet hatten. Während die Bildbände schon drohende Rufe ertönen ließen, man werde die Gegner schlicht zerschmettern, luden die Tablets in Windeseile aus dem Internet die berühmtesten Gemälde der Welt: Leonardos Mona Lisa war ebenso dabei wie Michelangelos Erschaffung Adams, van Goghs Sonnenblumen und Monets Wasserlilien, Picassos Guernica und Andy Warhols Dosensuppen; Goyas Nackte Maya und Botticellis Geburt der Venus (sicherheitshalber hatten sie jedoch die Schlachtengemälde ausgespart). Die Auflösung war brillant, die Farben strahlten in ganz neuer Frische; mal synchronisierten die Tablets sich zu einem Riesenpanorama von Monets Wasserlilien, dann vergrößerten sie Details der Nackten Maya. Die Bildbände konnten der Versuchung nicht widerstehen. Sie krochen unter ihren Einbänden hervor, die ganze Schildkröte geriet in Unordnung und Einzelne wagten sich zur Schlachtlinie der Tablets vor, die weiter ihre gigantische Museums-Show abspielten. Man konnte doch nicht die Mona Lisa zerschmettern! Niemals hatte man die Sixtinische Kapelle aus dieser Perspektive gesehen! Und dort, dort gab es noch ein Detail der Nackten Maya, das einem noch nie aufgefallen war, war er nicht genial, dieser Goya? Erste Kennergespräche entspannen sich zwischen beiden Seiten. Allein die Natur- und die Reisebildbände versuchten noch verzweifelt, ihre Gegner in Scharmützel zu verwickeln; aber angesichts von Google Earth streckten auch sie die Waffen.


Die Reporter machten sich gelangweilt auf die Suche nach neuen Sensationen. Rein zufällig entdeckten sie ein unauffälliges Schlachtfeld unterhalb eines Regals, wo ein Heer gelber Reclam-Hefte sich den neuesten, blattdünnen Smartphones gegenüber sah. Die gelbe Schar hatte zu ihrer Unterstützung Herden von Schülern und Lehrern um sich versammelt, ihre treuesten Leser seit unvordenklicher Zeit. Als die Schüler jedoch die neuesten Handy-Modelle sahen, liefen sie in Scharen über, und bei den Reclam-Heften blieb allein ein Häuflein von Deutschlehrern zurück. Diese versuchten zwar verzweifelt, die Handys zu konfiszieren, die Schüler ersannen aber immer neue Kriegslisten: Sie mischten sich wieder unter die gelben Hefte, sie versteckten die Handys in deren Seiten oder flohen ganz einfach vom Schlachtplatz, um endlich in Ruhe spielen zu können. Zurück blieb eine zerfledderte gelbe Schar, die erhobenen Kopfes in ihr kleines Regalbrett zurückmarschierte: Man war sich sicher, dass man am Ende überleben werde, weil sich im Kultusministerium noch niemals etwas geändert hatte, solange der Kanon lebte! Ein Leitartikler nickte zustimmend, und die Reporter zogen grummelnd weiter.


Eine Ecke weiter hatte der Aufruhr die Kinderbuchabteilung erreicht. Nur schweren Herzens hatten sich die Kinderbücher bereitgefunden, in die Schlacht einzutreten, hatten sie doch kaum Besseres aufzubieten als ein Heer aus knuddligen Teddy-Bären, eigensinnigen Pippi-Langstrumpf-Clones, friedensbewegten Piraten und rosafarbenen Prinzessinnen mit Einhorn, die sich um ihre Lockenpracht Sorgen machten. Allein die Mangas bildete eine furchterregende Elite-Kampftruppe, aber sie genossen wenig Ansehen in der Szene und blieben meist unter sich. Als Gegner standen ihnen grellbunte Tablets mit tönender und blinkender Lernsoftware gegenüber; ihre Sondereinsatzgruppe bestand aus Tele-Tubbys, die wenig furchterregend mit den Antennen wackelten und immer wieder über ihre eigenen Beine stolperten. Nachdem jedoch die erste Manga-Figur einen Tele-Tubby umgestoßen und dann noch nachgetreten hatte, so dass er sich weinerlich krümmte und nach seiner Mama rief, wurde allgemein beschlossen, dass das genug der Gewalt sei! Schließlich habe man eine Verantwortung. Man einigte sich deshalb, die schon angeforderten Hilfstruppen – eine Schar spielbegeisterter Kleinkinder auf der elektronischen Seite und eine Schar erzieherisch ambitionierter, bildungsnaher Eltern auf der Printseite – wieder nach Hause zu schicken und fürderhin eine friedliche Ko-Existenz zu führen. Die Reporter rauften sich die wohlgefönten Haare; die ersten waren schon von ihren Redaktionen informiert worden, dass die Zuschauerquoten bedrohlich absänken, zumal ein bedeutendes Fußballspiel anstünde.


Noch weiter hinten in der Halle aber befand sich der Eingang zu einer tiefer gelegenen Etage, von der die Bestellsoftware und die Lagerverwaltung nichts wussten. Nur selten verirrte sich eine lebende Seele hierher; die älteren Bücher munkelten gelegentlich, dort spuke der Geist alter Manuskripte, die Hieroglyphen tanzten bei Mondenschein wirre Tänze und einige der dort gelagerten Schriften seien so gefährlich, dass sie an Ketten gehalten werden müssten. Nun hockte dort ein alter Mann, scheinbar unberührt von dem nur leise zu ihm herdringenden Schlachtenlärm. Er war, wie man bei besserem Licht gesehen hätte, sogar uralt; sein weißer Bart schlang sich um seine Füße, und über seinen Augen lag ein seltsam trüber Schimmer – war er gar blind? Nachts scharten sich heimlich einige eingeweihte Hörbücher um ihn. Sie hatten zwar Mühe, den Alexas zu entkommen; aber man konnte sie einfach auffordern, die Geschichten aus 1001 Nacht vorzulesen, und zwar ganz, sonst würden sie am nächsten Morgen vom Netz genommen! – und schon begannen sie mechanisch zu lesen, und die Hörbücher konnten entwischen. Die Stimme des uralten Mannes jedoch klang immer noch jung, und wenn er sprach, flossen die Worte dahin wie das rhythmische Rollen der Meereswogen. Er erzählte den Hörbüchern von Zeiten, in denen es noch keine Bücher gab, weder gedruckte noch elektronische, aber Kriege – große, nicht enden wollende Kriege, Völkerschlachten, heroische Zweikämpfe, schöne Frauen, kaum sagbare Leiden und übermenschliche Triumphe; sogar die Götter mischten sich ein und intrigierten bis aufs Blut neben ihren sterblichen Lieblingen. Der alte Mann beschrieb die kunstreichen Schilde bis ins feinste Detail, er nannte die Schiffe und ihre Befehlshaber, er zählte die Heere auf und ihre Befehlshaber, er hatte den Helden ihre prahlerischen Reden abgelauscht, den Göttern ihre düsteren Verschwörungen und den Liebespaaren ihre heißesten Liebesschwüre. Nun aber war er besorgt, er saß unbeachtet in seiner Ecke und murmelte vor sich hin: „Sie wissen nicht, was sie tun, sie kennen den Krieg nicht, sie wissen nicht, was er anrichtet in den Köpfen und in den Herzen, blind sind sie, blind, blind …“ Eine Eule flog vorbei, er spürte ihren schweren Flügelschlag, und ein kleines Lächeln erhellte sein blindes Gesicht. Dann aber senkte er wieder den Kopf: „blind, blind, blind…“.

Ungehört verhalten seine Worte, kein Reporter hat sie aufgezeichnet, nur gelegentlich kam ein verwirrter Freiwilliger vorbei und fragte nach dem Weg zur großen Bücherschlacht. 


Viele der Freiwilligen waren Selbstverlagsautoren, die meisten von ihnen hatten sowohl elektronische als auch gedruckte Versionen ihres Erstlingswerks veröffentlicht und waren sich deshalb unsicher, welche Partei sie ergreifen sollten, zumal so gut wie niemand ihre Werke gekauft hatte, in keiner der beiden Versionen. Aber sie waren hoch-, ja geradezu übermotiviert, wie sie den Reportern gern bestätigten: Sie würden ihr Werk verteidigen, koste es was es wolle; und man möge bitte ihren Namen notieren, ja, so, ganz genau! Für kurze Zeit hatten die Selbstverlagsautoren eine Allianz mit den Print-on-Demand-Büchern geschlossen, da auch diese es regelmäßig nur auf sehr geringe Auflagen brachten. Diese jedoch sahen ihren eigentlichen Feind in Google Books, dem Bösen, dem Behemoth, dem Leviathan, während die Selbstverlagsautoren in den allzu billigen Bestsellern das Hauptproblem sahen, und so löste sich die Allianz bald wieder auf. Die Print-on-Demand-Drucke verlegten sich nun gänzlich auf die die ideologische Kriegsführung und verteidigten das Recht des ungeborenen Buches: Sie allein seien es, die jedem Text, sei er gemeinfrei oder kommerziell, wissenschaftlich oder populär, ein Recht auf Existenz gewährleisten könnten! Existiere nicht jeder Text zuerst nur virtuell, ob in einem Kopf oder in einem Computer? Sie aber könnten ihn ins Leben erwecken, ihm Seiten geben und Buchstaben, ihn zu einem richtigen, ganzen, lebendigen Buch machen, und sei es auch nur für diesen einen und einmaligen Druck – und einen gewissen Preis natürlich, rein symbolisch, man musste ja leben!

Die ihnen gegenüber stehenden eBook-Reader waren davon wenig beeindruckt. Die Welt ersticke ja jetzt schon an Papierbergen, zischelten sie; bald werde es keine Bäume mehr geben, sondern nur noch Papier, endlos bedrucktes Papier, da ja heutzutage jeder ein Autor sein wolle! Von hinten schrien die Selbstverlagsautoren empört auf: Das sei doch wohl ein Grundrecht, ein Menschenrecht, jawohl! Jeder habe ein unhintergehbares Recht, Bücher zu publizieren, egal ob er etwas zu sagen habe oder nicht! Alles andere sei Zensur! Aber doch nicht auf Papier, stöhnten die eBooks zurück; Papier sei sowieso nicht besonders haltbar, Papier vergilbe und vermodere, wer ewig sein sollte, müsse virtuell werden! Im Hintergrund kicherte der subversive gedruckte Computer-Ratgeber (er hatte eigentlich ursprünglich nur einer elektronischen Version erscheinen sollen, aber ein Versehen im Druckereiprogramm hatte dazu geführt, dass einzelne Exemplare auch als Print-on-Demand gedruckt wurden): „Ewig! Elektronisch und ewig! Schon mal versucht, eine 8-Zoll-Diskette in ein USB-Laufwerk zu schieben?“ Dann verschwand er blitzschnell wieder im Schlachtengewirr. Die Selbstverlagsautoren zogen sich bald ebenfalls verwirrt und erschöpft zurück; Ausdauer war nicht ihre Stärke, und sie hatten ihr Pulver zu früh verschossen. Zurück blieben eine Reihe frustrierter Kindles, mehrere von ihren gehörten der älteren Generation an, sie leuchteten nur noch sehr schwach und konnten sowieso nicht ins große, weite Internet.


Die Reporter sahen sich erneut gezwungen, auf die Suche nach noch anhaltenden Kämpfen zu gehen; inzwischen hatten sie vor lauter Verzweiflung schon begonnen, sich gegenseitig zu interviewen. Mit vereinter Anstrengung fanden sie die Fachbuch-Abteilung. Dort hielten sich die Lehrbücher und die Einführungsliteratur besonders hartnäckig im Kampf; es waren schwere Brocken dabei, die schon viele Auflagen auf dem Buckel hatten. Sie standen unter Dauerbeschuss einer Reihe von eLearning-Portalen und eJournals, die mit ihrer leichten Zugänglichkeit, ihrer Verständlichkeit, ihrer Aktualität und ihrer zunehmenden Verbreitung prahlten. „Wissenshäppchen“, tönte es aus der Fachbuchfront zurück, „fast food für den Geist! Wo bleibt das Überblickswissen, der Zusammenhang, der Blick aufs Große Ganze! Wir, wir sind die Festungen des Wissens, Bollwerke der Wahrheit, und ihr“ – darauf feuerten die E-Learning-Portale eine neue Salve von Cut+Paste-Zitaten ab; sie hatten einen unendlichen Vorrat davon, sie schwirrten flexibel zwischen all den Paragraphen in den Lehrbüchern herum und nisteten sich überall ein, hier eine falsche Quellenangabe, dort ein falsches Zitat, das sich fortpflanzen würde von hier aus in alle Ewigkeit. Die Fachbücher litten unsäglich unter dieser Verwässerung ihres soliden Gehalts; mit versagender Stimme beschworen sie die Gefahren unkontrolliert zugänglichen Wissens, seine formale Unkorrektheit, seine inhaltliche Beliebigkeit, seine unendliche Belanglosigkeit – aber das Geschwirr der Cut+Paste-Raketen nahm immer noch zu. „Wissen“, hauchte es noch schwach von der Fachbuchfraktion, „Wissen, Gelehrsamkeit, Tradition, Zitiernormen“ – aber sie kamen einfach nicht gegen die schiere Datenmenge an, die eine Art von Schwarmintelligenz zu entwickeln schien und immer präziser den altgedienten Lehrsätzen auf den Leib rückte. Doch da die meisten der anwesenden Reporter sowieso wenig Interesse für diese Sparte der Buchwelt hatten, blieben ihre heroischen Kämpfe größtenteils unkommentiert.


Im Schatten dieses Gefechts hatte sich jedoch ein Stellvertreterkrieg entsponnen: Eine Schar empörter Literaturkritiker mit einem ausgezeichnet trainierten Aggressionspotential war mit einer Gruppe von Literaturwissenschaftlern, alles Anhänger der neuesten und aktuellsten Methoden ihres Faches, über die Frage aneinander geraten, wer der beste Bücherversteher sei. Die Literaturkritiker hatten sofort begonnen, erregt untereinander darüber zu diskutieren, was gute Literatur eigentlich sei; jeder hatte sein persönliches Ranking mitgebracht, prahlte mit den Literaturpreisen, die er schon vergeben hatte, und beklagte lauthals die Fehlentscheidungen der Kolleginnen und Kollegen. Angesichts des Feindes rissen sie sich dann aber zusammen und überboten sich nun in Superlativen: „das beste Buch der Saison!“, schallte es durch den Raum, „der bedeutendste Autor der Gegenwart“, „ein Must-Read“, „schon jetzt ein Klassiker“, „auf keinen Fall verpassen!“, und, die ultimative Waffe schlechthin: „nobelpreisverdächtig!“ Die Literaturwissenschaftler auf der anderen Seite waren kaum ruhiger; auch unter ihnen hatte sich sofort ein Streit entsponnen, wer die aktuellste Methode habe, die fortschrittlichsten Begriffe, die meisten Fördergelder. „Der Autor ist tot!“, brüllten die einen, während die anderen schrien: „Es gibt kein Werk, es gibt keinen Sinn, es gibt nur Diskurse, Diskurse, Diskurse!“ Eine dritte Fraktion wiederholte immer wieder: „Fiktion, alles Fiktion! Literatur hat nichts mit dem Leben zu tun! Alles nur ausgedacht! Fiktion, Fiktion, Fiktion!“ Am gefährlichsten aber waren die Dekonstruktivisten, die jeden Text so auseinandernehmen konnten, dass nur noch tote Bruchstücke herumlagen. „Schönheit ist überbewertet, Harmonie ist out“, riefen sie; „wir wollen das Fragment, das Hässliche, das Abstoßende, das Sinnlose, das Experimentelle und Unkonventionelle!“ Eine von ihnen mitgebrachte Phrasendreschmaschine feuerte derweil in schnellen Wellen Jargonfetzen in den Raum. Dabei entstand so viel heiße Luft, dass die Literaturkritiker und die Literaturwissenschaftler sich immer mehr vom Boden lösten; jetzt schwebten sie schon auf Höhe der mittleren Regalbretter, die Phrasendreschmaschine legte noch einen Gang zu, die Literaturkritiker griffen zu den ultimativen Superlativen: „Einzigartig! Episch! Nobel-Nobel-Nobelpreis“, die Literaturwissenschaftler kreischten hysterisch: „Der Autor ist tot, tot, tot, es gibt keinen Sinn, keine Bedeutung, keine“ – aber da waren sie schon allesamt den Augen der Zuschauer auf dem Boden entschwunden. Die Bücher hatten sich sowieso gleich zu Beginn von ihnen abgewandt, die Autoren schrieben bereits an neuen Werken, und niemand vermisste die Experten. Auch die Reporter zogen weiter; sie hatten auf mehr Blut gehofft, aber es war wieder nur Tinte geflossen, und noch nicht einmal ein treffendes Wort war zu bemerken gewesen.


Der Schlachtlärm war nun in den meisten Abteilungen schon deutlich abgeschwächt. Buchrestauratoren eilten durch die Gänge, um wenigsten die schlimmsten Notfälle zu versorgen. Die eBooks hatten eine Handvoll Administratoren aufgetrieben, die in der Nachbarschaft gerade Total War gespielten hatten und nun versuchten, das System neu zu starten. Im Zentrum der Halle bereitete sich jedoch der große Endkampf vor. Alle Reporter waren von ihren Außenmissionen eingetroffen, einige leicht ramponiert durch Tintenflecken oder geblendet vom Glanz der vielen Displays; einer hatte sich auch die Hand gebrochen, als er über ein liegengebliebenes Päckchen gestolpert hatte, und er forderte bereits lauthals Schmerzensgeld und Gefahrenzulage. Die meisten Berichterstatter hatten von ihren Redaktionen die Anweisung bekommen, jetzt endlich mal wirklich harte action zu zeigen; die Einschaltquoten seien eine Katastrophe, und der Beginn des Fußballspieles stehe unmittelbar bevor. So riefen alle Reporter ein letztes Mal hektisch in ihre Mikrophone: Hier und jetzt werde der Kampf entschieden werden, ein- für allemal! Die Mutter aller Bücherschlachten stünde zuvor! Das dürfe man keinesfalls verpassen! Eine Batterie von Kameras hatte sich aufgebaut und leuchtete den Ring in gleißender Helle aus. Auch die Anhänger beider Seiten waren eingetroffen, sie sangen Schlachtlieder und verhöhnte sich gegenseitig: „Seitenpusher!“ „Analog-Heinis“, klang es von der Seite der eBook-Anhänger, und „Kindle-Junkies!“ „Wischsklaven!“ schallte es von der anderen zurück. Doch als die Werkssirene das Zeichen zum Kampf gab, wurde es gespenstisch ruhig, und alle Augen richteten sich auf die beiden Gegner in der Mitte.


Angetreten war, auf der Seite der gedruckten Bücher, eine Bibel; aber nicht irgendeine Volksbibel, womöglich noch in geschlechtergerechter oder einfacher Sprache, sondern ein Originalnachdruck der ersten Gutenberg-Bibel in massivem Luther-Deutsch! Er war prachtvoll in feinstes englisches Rindsleder gebunden, der monumentale Band wurde zusammengehalten von versilberten Beschlägen und Schließen, er hatte feinste Goldschnitt-Seiten und wundervoll leuchtende Illustrationen. Auf der anderen Seite jedoch, kaum zu sehen – stand ein Fire-Tablet, neuestes Modell, mit nahezu unbegrenztem Speicherplatz. Sein Display leuchtete strahlendhell, und es hatte eine Verbindung aufgebaut zu – alle hielten den Atem an: zu Google Books, dem Behemoth, dem Leviathan, dem, der nicht genannt werden durfte. Noch spielte es leise Musik ab – es war, wie sich die Kindles und Smartphones aufgeregt zuflüsterten, die Titelmelodie aus StarWars, der Imperial March, das Thema des dunklen Herrschers Darth Vader. Aber auf einmal klang es eher wie Beethovens fünfte Symphonie, und die gedruckten Bücher horchten auf. Und so verpassten alle beinahe, dass sich die Gegner schon aufeinander zu bewegten. 


Schwergewichtig, urzeitlich, ehrfurchtgebietend klangen die Schritte der Bibel, leichtfüßig schien der Fire dahinzuschweben. Und als die Musik verstummte, hob ein Kampf an, wie ihn die Buchwelt noch nie gesehen hatte und nie wieder sehen würde: Zweitausend Jahre Tradition kämpften gegen den Usurpator, der sich gegen das Buch der Bücher erhoben hatten, gegen den Zwerg, der es gewagt hatte, abzufallen von der Gutenberg-Galaxie! Bibelverse und Drucklettern schossen wie Blitze durch den Raum, die Halle schien in ihren Grundfesten zu beben, eingeschüchterte Reporter suchten Schutz hinter Regalbrettern und Bildbänden; einige vermeinten sogar die vier apokalyptischen Reiter antraben zu sehen, es war aber nur die Eule, die immer noch nicht wieder herausgefunden hatte und deren verzweifelte Rufe „Verstand-stand-stand-stand“ hinter ihr her hallten.


Der Fire hielt dem Trommelfeuer ganz ruhig stand; er schien allein sein Leuchten immer stärker zu intensivieren, bis sein Display einen geradezu magischen Glanz hatte. Die Bibelverse streiften ihn nur, und er antwortete mit – aber hier werden die Berichte der Reporter seltsam verschwommen und unscharf, jeder erinnerte sich hinterher an etwas anderes: Die einen wollten alte Zaubersprüche aus der Kabbala vernommen haben, die anderen Fetzen einer unbekannten Programmiersprache. Einige meinten, es seien eigentlich nur Nullen und Einsen gewesen, aber sie wurden überstimmt von denen, die sich einig waren, es habe sich um Lieder gehandelt, Pop-Songs, Michael Jackson oder Helene Fischer, was auch immer, aber es habe gerockt und sie hätten sich nicht gegen den Sog des Rhythmus wehren können. Aber am Ende, da waren sich alle einig, wäre alles mit einem ohrenbetäubenden Knall verschwunden. Eine große Feuersäule, ein Strahl reinsten Lichtes sei nach oben aufgefahren, die Decke haben sich geöffnet, man habe in den Himmel sehen können, der voller Sterne war, und eine Eule flog mit einem erleichterten Schrei hinaus. In diesem Moment waren alle Kameras durchgebrannt, auf den Bildschirmen der zugeschalteten Sendeanstalten draußen im Lande erschien, das hatte man lange nicht gesehen, der Schriftzug: „Bildstörung“, und im Internet breitete sich ein großes weißes Rauschen aus. Aber die meisten Zuschauer hatten sowieso schon zum Fußball umgeschaltet, die Sportreporter hatten schließlich ein „episches Turnier“ angekündigt, die „Mutter aller Matches“!


In der Halle war nur ein einziger Zuschauer übrig geblieben. Die Reporter waren hektisch mit ihren kaputten Kameras geflohen, die gedruckten Bücher versorgten ihre Wunden, die eBook-Reader brüteten mit deutlich gedimmten Displays vor sich hin und warteten auf den rettenden Reboot. Der Zuschauer – war es nicht, wenn man genau hinschaute, eine Zuschauerin? – hielt ein kleines Buch in der rechten Hand; es sah sehr zerlesen aus, kaum konnte man den Titel noch erkennen, der Umschlag hatte schon einige Risse, und noch während sie es mit traurigen Augen ansah, zerfiel es zu Staub. In der linken Hand hielt sie einen eBook-Reader, ein ganz einfaches Modell; aber dort, wo ihre Bibliothek sein sollte, mit all ihren Lieblingswerken und den sorgfältig markierten Lesefrüchten, stand nur der Satz: „Sie haben die gesamte Bibliothek gelöscht. Fatal error“. Aus dem Dunkel löste sich langsam eine weitere Gestalt. Ein alter Mann kam gebückt auf sie zu; als er näher kam, sah sie, dass er blind war. Er nahm sie bei der Hand, und gemeinsam verließen sie die Lagerhalle. Draußen ging gerade die Sonne auf, die Leserin musste ihre Augen, die die Dunkelheit der Halle gewohnt waren, vor der Helligkeit schützen. Aber der alte Mann schritt mutig aus, und als eine Eule mit schwerem Flügelschlag über sie hinweg flog, schaute er ihr lange nach mit seinen blicklosen Augen. Weiter oben zog ein Schwarm von Staren seine Kreise. „Ich muss die Geschichte erzählen“, murmelte der alte Mann; „die Menschen brauchen Geschichten, wahre Geschichten vom wahren Leben, nicht all die Lügen, die die schlechten Geschichtenerzähler sich ausdenken, Fiktion nennen sie es, aber es ist Lüge, nichts als Lüge, ohne Sinn, ohne Nutzen, ohne Leben, noch nicht einmal schön ist es!“ Die Leserin nickte. Und dann nahm sie den alten Mann beim Arm, gemeinsam gingen sie hinaus in den anbrechenden Tag, er begann zu murmeln: „Sage mir, Muse…“, und der Klang ihrer gleichmäßigen Schritte paarte sich mit seiner melodischen Stimme und dem Rhythmus der dahinfließenden Wörter zu einer sanften, beruhigenden Harmonie.


Die Lagerhalle wurde bald darauf mit einem Betonsarg umgeben. Es hieß, die Strahlung des durch die Bücherschlacht freigesetzten und sich nun entweder chaotisch bekämpfenden oder hemmungslos paarenden Wissens sei zu gefährlich für die ungeschützte Bevölkerung. Wenig später ging man sogar dazu über, die Bücher ganz zu verbieten, gedruckte ebenso wie elektronische; die Verlage waren sowieso schon längst, nachdem alle kleinen von den großen gefressen worden waren, zu Event-Organisatoren geworden. Lesen sei nicht mehr zeitgemäß, hieß es jetzt. Es habe zu viele schädliche Nebenwirkungen. Es sei ungesund für die Augen und den Rücken. Es verwirre den Geist und belaste ihn mit unnötigen Zweifeln. Es lenke die Menschen ab von den Forderungen des Tages und der Arbeit. Es sei auch volkswirtschaftlich nicht länger zu vertreten, immer knapper werdende Ressourcen in vergängliches Papier zu stecken oder den immer noch anschwellenden Datenstrom des großen weiten kommerziellen Internet mit belanglosen Werken aus Phantasie zu verstopfen. Und wozu brauche man noch altertümliche Geschichten, wo doch die großen Epen der Zeit längst in die visuellen Medien abgewandert waren, in Sternenschlachten und Soap Operas und Fantasy-Epen, und jeder konnte sie selbst erleben in der neuen virtual reality? Außerdem gab es jetzt Spin-Doktoren. Sie spannen die wunderbarsten Geschichten aus dem drögen Faden der Politik, sie webten und webten, bis alle eingewickelt waren, bis niemand mehr wusste, was wahr war und was falsch, was gut und böse (die Spin-Doktoren hatten natürlich auch die Propaganda-Aktion zur Abschaffung der Bücher gescriptet, aber man wusste nicht, wer ihre Auftraggeber waren).

                             

Nur noch wenige Eingeweihte, sie nannten sich Bibliophile oder Biblionerds, munkelten, Google Books, der Behemoth und Leviathan, habe sich ins Darknet gerettet und werde von dem mythischen Tor gehütet. Dort sei auch ein uralter blinder Mann anzutreffen, er werde begleitet von einem Mädchen, und er verstehe sich ganz fabelhaft mit dem Behemoth. Und gelegentlich schwirrten bruchstückhafte Originalaufnahmen von der großen Bücherschlacht im Amazon-Zentrallager bei Bad Hersfeld durch den winzigen nicht-kommerziellen Teil des großen weiten kommerziellen Internet, auf denen manche Verschwörungstheoretiker eine verwirrt kreisende Eule im Hintergrund zu sehen meinten. Aber war nicht die ganze Geschichte nur ein Mythos, ausgeheckt von Autoren, Verlagen, Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern, Bibliothekaren und Buchhändlern, allesamt längst ausgestorbene Arten, wie die Eulen? Es soll damals sogar Leser gegeben haben, Wesen mit übergroßen Augen, die seltsame Hieroglyphen entziffern konnten, Buchstaben hießen sie, und man konnte Welten aus ihnen bauen, ganz im Kopf. Aber wahrscheinlich war das doch nur ein Mythos. Man würde es nie mehr wissen können.  

 

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Illustration zu: Jonathan Swift, The Battle of the Books