Literarische Skizzen

  • "Es ist als ob es tausend Bücher gebe". Porträt eines Kritikers
  • Die Schweigerunde
  • Beim Bau der Bibliothek
  • Die Parabel vom Schuhmacher


"Es ist, als ob es tausend Bücher gebe". Porträt eines Kritikers


Gelegentlich kommt er sich vor wie der Panther in Rilkes berühmten Gedicht: „Sein Blick ist vom Vorübergehen der Seiten / so trüb geworden, dass er nichts mehr hält. / Es ist als ob es tausend Bücher gebe / unter hinter lauter Büchern keine Welt“. Bücher, immer nur Bücher; er ist umgeben von Büchern, er lebt unter Büchern, die Regale biegen sich, die Tische sind voll davon, überall machen sie sich breit, sie haben schon längst die Küche erobert – obwohl er niemals, das hat er sich geschworen, Kochbücher rezensieren würde, niemals! -, sind von da aus über den Flur gewandert, die Toilette ist längst zum belesenen Örtchen geworden und im Schlafzimmer lauern die Schwergewichte, dicke Bild- und Prachtbände, von denen er einmal dachte, dass sie ein gutes Schlafmittel wären. Aber er schläft nur noch schwer ein, obwohl ihm am Tag häufig die Seiten vor den Augen verschwimmen, die Augen fallen ihm sanft zu, das Buch entgleitet ihm und fällt, und er möchte so gern auch fallen – aber dann schreckt er doch wieder schmerzvoll hoch, die Buchkante hat ihn auf dem Mittelfuß getroffen, wie so oft schon, die Bücher machen ihn fußkrank, das ist es, sie fesseln ihn an den Sessel, an den Schreibtisch, und je weniger er sich bewegt, desto mehr übernehmen sie die Herrschaft über sein Leben. Wenn er doch einmal träumt, dann träumt er schwere Literatenträume. Meistens beginnen sie damit, dass er ein Käfer ist, ein unförmiges Insekt, das auf dem Rücken liegt und hilflos mit den Beinen strampelt; umgeben aber ist er von Büchern, in ihnen sind alle Arten von Kreaturen abgebildet, aber keines sieht so aus wie er. Da kommt urplötzlich ein eifriger junger Autor auf ihn zugerannt, man erkennt schon an dem etwas starren Blick, dass er sich wie ein junger Kafka vorkommt, aber seine Ohren sind nicht groß genug, er versucht sich selbst an den Ohren immer wieder größer zu ziehen, aber es sprießen nur Schreibfedern aus ihnen heraus, mit denen er jetzt auf den Käfer losstürzt, der mit seinen dürren Beinchen strampelt, aber nun sprießen auch Schreibfedern aus den Insektenfüsschen, und es hilft nichts, er muss, während ihn der junge Möchtegern-Kafka mit seinen literarischen Versuchen traktiert - abgerissene Satzfetzen schweben durch den Raum und mutieren zu krebsartigen Gebilden, einzelne Wörter fliegen klagend vorbei, Schmetterlinge mit eingerissenen Flügeln - er muss, es ist die einzige Rettung, Sätze schreiben, die er schon tausendmal geschrieben hat, Floskeln, die ihm im wachen Zustand die Schamröte ins Gesicht treiben und im Traum zu Schlingpflanzen werden, „ein Jahrhundertwerk“, „ein Triumph des Erzählens“, „nobelpreisverdächtig“, „Bestsellermaterial“. Sie kringeln sich um die Satzkrebse und senken sich dann schwer auf die dünne Käferbrust, wo schon all die Bücher liegen, die gelesenen und ungelesenen; sie schreien nach seiner Aufmerksamkeit, in jämmerlichen Tönen, wie von ihrem Schöpfer achtlos in irgendeiner Klappe abgelegte Säuglinge, lies mich! schreien sie, und „liebe mich!“, und er schüttelt sie alle von sich und flieht im Käfergalopp. Aber dann ist er schon die riesenhaften Bibliothek geraten, oh, wie gut kennt er seine Traumbibliothek, dort sitzt auf jedem Buch ein Autor, den er verrissen hat, den er missverstanden hat, den er gedemütigt hat, oder, am schlimmsten: den er gelobt hat! Und alle stürzen sich auf ihn, den Kritiker, gemeinsam mit einer unübersehbaren Horde wütender, enttäuschter, begeisterter Leser, und er rennt, weiter und weiter, die Regale entlang, sind es denn immer noch nicht genug Wörter, er schreibt doch schon seit Ewigkeiten, gab es überhaupt einmal eine Zeit, in der er nicht geschrieben hat? Aufwachen, ach, wenn man doch aufwachen könnte – aber wenn er aufwacht, sind die Bücher immer noch da, sie umlagern ihn, sie ersticken ihn und der Paketbote hat schon eine neuen Stapel Rezensionsexemplare abgegeben. 

Eine Zeitlang war er dazu übergegangen, die Bücher gar nicht mehr zu lesen, die er besprach. Er besah ein wenig meditativ das Titelblatt, las den Klappentext, dem jeder nur halbwegs begabte Leser ja entnehmen konnte, wie der Autor das Buch verstanden und der Verlag das Buch besprochen haben wollte, und ließ schließlich das Buch – das war der Höhepunkt des Vorgangs, er war immer noch ein klein wenig aufgeregt dabei! – spielerisch auseinanderfallen, auf irgendeine Seite. Dann las er zwei, drei Sätze, mehr brauchte er nicht – und schon formten sich in seinem Kopf die ihm zur zweiten Natur gewordenen Kritikerformeln, er musste nur noch entscheiden, ob es eine Lobeshymne oder ein Verriss werden sollte. Dafür würfelte er auch gelegentlich, wenn er übermütig war und die Träume ihn nicht allzu sehr gequält hatten; oder er fragte seinen Papagei, er hieß Gottsched: Gottsched, sprich, sollen wir ihn krönen oder köpfen, den Poeten? Und der Papagei schrie, je nach Laune: Kopf ab! Oder: Es lebe der Dichterkönig! Dann schrieb er, die erforderliche Anzahl Wörter, auf den Punkt: es war sein besonderer Ehrgeiz, nie ein Wort zu viel oder zu wenig auf ein Buch zu verschwenden, und sein Redakteur liebte ihn dafür – auch wenn er ihm sonst eher unheimlich war, mit seinem stumpfen Pantherblick und seiner papiernen Blässe und den vielen Schnittwunden in den hageren Fingern, vom Schneiden der Blätter; einmal nur, so hatte er früher gehofft, werde ihn ein Satz, eine Geschichte, eine Figur, ein Gedanke so tief schneiden, wie das immer stumpfer werdende Druckpapier es immer noch konnte; aber es blieb bei oberflächlichen Schnitten, die das Blut nicht wert waren, seines nicht und das des Autors. Ausgeblutet, so fühlte er sich; in seinen Adern floss nun Druckerschwärze, sein Herz schlug in einem stumpfsinnig-gleichmäßigen Jambus: „Der weiche Gang geschmeidig leerer Floskeln / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz um eine hohle Mitte / in der betäubt ein großer Autor steht“, so flüsterte er sich selbst gelegentlich zu. Denn natürlich hatte er eigentlich, wie alle seine Kritikerkollegen, mit denen er aber schon lange nicht mehr sprach, Bücher schreiben wollen, etwas schaffen, das ein eigenes Leben hatte, und nicht nur das Leben anderer sezieren, Tag für Tag. Und wie gut kannte er inzwischen das Innenleben der Bücher, die Mechanik der Romane, ihre Triebfedern und ihre knirschenden Zahnräder; wie konnte er selbst durch die tiefste und hermetischsten Gedichte hindurchschauen bis in ihren tiefen Grund, und wie oft sah er dort nur ein armes zitterndes Wesen sitzen, Wörter zerkauend, bis sie kaum einen Sinn mehr ergaben und Unverständliches erbrechend. Wenige Hausheilige hielt er sich. Aber er las sie niemals mehr, er hatte sogar ihre Bücher weggegeben, um nicht in Versuchung zu geraten; er hätte sie ja doch nur seziert, weil er nicht mehr anders konnte, und am Ende, wer weiß, wären sie vielleicht auch in Fetzen dagelegen, weil sie seinem spitzen Messer nicht standhielten, und dann wäre es Mord gewesen. Nur der Papagei erinnerte sich noch an sie und warf gelegentlich einen Satz heraus, der sich direkt in seine Herz bohrte, weil er ihn vergessen hatte und weil er ihn immer noch traf. Um die Wunde zu schließen, musste er dann Rilke zu Ende zitieren: „Nur manchmal schiebt der Vorhang des Gehöres / sich lautlos auf. Dann geht ein Wort hinein / geht durch des Geistes angespannte Stille / und hört im Herzen auf zu sein“

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Die Schweigerunde


„Und wer möchte uns heute etwas verschweigen?“ Erwartungsvoll blickte die Gruppenleiterin in dem Stuhlkreis herum. Einige neue Teilnehmer waren heute wieder gekommen, die meisten von ihnen Männer; gutgestellt sahen die meisten aus, selbstbewusst, erfolgreich. Nur selten verirrte sich eine Frau hierher; oder eine verlorene Existenz, die einmal damit angefangen hatte, in besseren Zeiten, und dann einfach nicht mehr aufhören konnte. Die Gruppenleiterin selbst sah so aus, wie man sich früher eine Gouvernante vorgestellt hatte: die gleiche Strenge in Blick und Frisur, ein kleiner Mund, dem man ansehen zu meinte, das er selten lächelte; aber er war voller Ruhe, ein formgewordenes Schweigen. Das Geplapper in der Gruppe verstummte schlagartig. Ertappt sahen die Männer zu Boden, einige räusperten sich noch ein paarmal. Das war eine Art Übergangsritual, man erkannte die Anfänger daran, die Novizen, die noch weit von ihrem ersten Chip entfernt waren. Doch dann schossen die Finger schon in die Höhe: Mich, mich, mich, lass‘ mich zuerst, schienen sie zu schreien, und einige öffneten sogar den Mund, um dann schnell das fast schon hervorgetretene Wort in einem Hüsteln zu ersticken.

 

Die Gouvernante blickte um sich: „Du“, sagte sie, auf eines der ältesten Mitglieder zeigend, er hatte sich schon so gut im Griff, dass er noch im letzten Moment den Finger zurückzog, der schon in die Höhe schießen wollte, und sein Mund war fest verschlossen; "ja, du, was möchtest du uns heute verschweigen?" Ein Ruck ging durch den Mann. Er war in den besten Jahren, leger gekleidet, aber sorgfältig; seine Finger zuckten gelegentlich, so als würden sie imaginäre Tasten berühren, und sein Blick schweifte unstet durch den Raum, auf der Suche nach – aber es war nichts da, was den Blick fesseln konnte, der Raum war spartanisch eingerichtet, die Wände schwiegen starr, die Fenster waren verhängt, kaum dass die einfachen Stühle ein wenig knarrten. „Ich bin“, so begann er etwas zu laut, so als hätte er Angst, dass niemand ihm zuhört, „ich bin ein Journalist. Ich schreibe, Leitartikel, Kommentare meistens. Ich möchte heute schweigen über – die politische Lage im Großen und Ganzen, die Parteien insbesondere, die derzeit laufenden Koalitionsgespräche, oh wie möchte ich schweigen über dieses politische Schmierentheater, diese matten Charakterdarsteller, diese" – Er hatte gerade begonnen, sich in Rage zu regen, seine Finger zuckten immer stärker, da unterbrach ihn der strafende Blick der Gouvernante; die anderen Teilnehmer des Stuhlkreises waren auch schon unruhig geworden und schauten strafend. Sofort schwieg er. Stille breitete sich aus; aber es war noch eine aufgeregte Stille, sie schien in energischen Sätzen zu schweigen, und manchmal durchquerte ein Ausrufungszeichen geisterhaft den Raum. Der Journalist krampfte die Hände zusammen, um die zuckenden Finger zu verbergen. „Es muss doch“, quoll es auf einmal aus ihm heraus, er schlug sich beinahe auf den Mund, aber die zweite Satzhälfte stieg empor, gegen seinen Willen, man sah es deutlich – „möglich sein!“

 

Die Gruppenleiterin seufzte. „Nun gut“, sagte sie, „wir waren schon einmal weiter“. Dann wies sie auf den Mann neben dem Journalisten, der etwas beschämt zu Boden schaute, offenbar kannten sich die beiden gut: „Du“, sagte sie, „was möchtest du uns heute verschweigen?“ Der Mann blickte auf. „Ich bin“, sagte er in sonorem mediengestähltem Ton, „ein Politiker. Welcher Partei – lassen wir heute mal außen vor, obwohl“ – sein Nachbar stieß ihm mit dem Ellenbogen ein klein wenig in die Seite, und er fing sich gerade noch: „Lassen wir das also. Ich möchte heute schweigen über – die Lage der Nation, die Menschen draußen im Lande, ganz besonders aber die Koalitionsverhandlungen“! Mit einem beinahe übermenschlich wirkenden Ruck brach er den Satz ab und kreuzte die Arme, die zu beredten Gesten ausgeholt hatten, eng vor der Brust; es sah aus, als wollte er sich selbst die Luft zum weiteren Reden abschneiden. Stille breitete sich aus; es war eine etwas aufgeladene Stille, einzelne Schlagworte schienen noch aufsteigen zu wollen, die sensibleren unter den Teilnehmern spürten auch eine gewisse Polarisierung. Der Politiker presste die Arme immer enger an sich, sein Blick schweifte unstet durch den Raum, um dann auf den abgedeckten Fenstern liegen zu bleiben. Sehr unscharf sah er dort sein eigenes Spiegelbild, sein ganzer Körper straffte sich, und er legte sein bestes Siegerlächeln auf.

 

Das rettete ihn knapp über die vorgeschriebenen drei Minuten. Wieder streckten sich auf den auffordernden Blick der Gruppenleiterin viele Finger in die Höhe, gerade noch, dass sie nicht anfingen, mit den Fingern zu schnipsen. Sie entschied sich dieses Mal für einen jungen Mann, der zum ersten Mal da war. Er war modisch gekleidet und sehr gepflegt, eigentlich hätte man ihn sich gern als schönen, schweigenden Jüngling in einer sehr hochwertigen Werbeanzeige vorstellen mögen. Und prompt sagte er in einer schmeichelnden Stimme, der man sofort ein Auto abgekauft hätte: „Ich bin“, er blickte wohlgefällig in die Runde, „ein Marketing-Fachmann, ich mache Kommunikationsdesign, Medienberatung, Coaching, hier hätte ich meine –„ „Nein“, sagte die Gouvernante, „so geht das hier nicht. Keine Verkaufsgespräche! Kommen Sie zum Punkt, wir haben unsere Zeit hier nicht gestohlen!“ Der junge Mann zuckte und wischte sich nervös mit den wohlgepflegten Händen durch das gegelte Haar: „Tut mir soo leid, kommt nicht wieder vor! Also, ich –„ und er machte eine kleine Kunstpause, es war fast schon ein Mini-Schweigen, aber dann hob er erneut an: „ich möchte heute schweigen über – nein, ich kann das nicht!“ Er brach ab, seine seidene Krawatte war etwas verrutscht, und es zeigten sich leichte Schweißperlen auf seiner schönen Stirn. Sein Nachbar legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und nickte ihm schweigend zu. Die Gruppenleiterin sagte kein Wort. Das Schweigen breitete sich aus, es war ein etwas angestrengtes Schweigen, aber auch ein solidarisches; kleine Wellen von Mitgefühl schwappten darin umher, aber auch ein Unterton von Ungeduld. Er versuchte es noch einmal: „Ich will heute schweigen von: dem Verkaufen. Dem Anpreisen. Dem Schönreden. Den Superlativen. Den Lügen, den ganzen Lügen! Ich will – schweigen“. Alle nickten beeindruckt. So sollte es sein: ein Schweigen aus vollem Herzen. Eine liebliche Stille breitete sich aus, sie hatte den Balsam des Vergessens aufgelegt, und viele schlossen einen Moment die Augen und erlaubten sich einen kleinen wohligen Seufzer.

 

Doch schon nach kaum zwei Minuten stieg in den ersten Teilnehmern wieder die Unruhe empor. Einer bewegte immer wieder die Hände, sie wollten sich zu einer Art Segen formen; doch dann brach er wieder ab und verschränkte die Finger krampfhaft ineinander. Die Gruppenleiterin hatte ein Einsehen: "Du", sagte sie und zeigte auf ihn, "dann mal los!" Erleichtert atmete der Mann auf; er sah eigentlich friedlich aus mit seinem breiten, gutwilligen Gesicht, es erweckte Vertrauen, Verständnis, es versprach Verzeihung – genau wie seine litaneihaft schwingende Stimme, mit der er nun sagte: "Ich bin ein Priester, meine Brüder und Schwestern" – er sah unsicher um sich, aber tatsächlich war auch eine junge Frau anwesend, er sah sie zum ersten Mal -, "und ich will heute zu Euch schweigen über: Gott. Die Liebe, seine Liebe. Seine Gnade. Vor allem aber will ich schweigen über Eure Sünden, über Eure Uneinsichtigkeit, Eure Undankbarkeit im Angesicht des – " gerade noch konnte er sich fangen. "Ein stilles Gebet", murmelte er, bevor sich ein etwas eingeschüchtertes Schweigen ausbreitete; es roch ein wenig nach Weihrauch, aber es versprach Frieden und Erlösung – an den Rändern jedoch drohte es auch ein wenig, so dass mehrere Teilnehmer ein wenig eingeschüchtert auf ihren Stühlen hin und her rückten und den Blick zu Boden senkten.

 

Sein Nachbar hielt es nach kaum einer Minute nicht mehr aus und versuchte das Wort zu ergreifen: "Ich muss doch sagen", doch sofort unterbrach ihn die Gruppenleiterin: "Niemand ergreift hier das Wort, wenn ich es nicht sage! Du" – und sie zeigt gezielt an dem Sünder vorbei, auf einen jungen Mann, er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und die Sorte von zerrissenen Jeans, deren Rissen man ansah, wie viel sie gekostet haben; "du schweigst immer so schön. Wovon willst du heute schweigen?" Der junge Mann besann sich ein wenig, bevor er antwortete. Es war, als warte er darauf, dass die Worte in ihm aufsteigen; aber dann platzte er auf einmal hinaus: "Ich bin ein Dichter – und die Metaphern können mir gestohlen bleiben! Immer wollen sie, dass ich tiefe und bedeutungsvolle Dinge sagen, und dann verstehen sie sie nicht. Aber kritisieren, das können sie alle. Deshalb schweige ich jetzt über die Schönheit des Schweigens, seine sanften Flügel, sein unhörbares Rauschen, sein unsichtbares Lächeln, all das Nicht-Sagbare … " Er ließ den Satz elegant ausklingen, und tatsächlich war es so, als erhebe ein unsichtbares Wesen seine großen Schwingen, weit ausholend, aber ganz und gar unhörbar. Etwas unheimlich war es, aber auch entzückend, und alle hielten einen Moment den Atem an – da war es auch schon vorbei. Sogar die Gouvernante hatte einen Moment beinahe gelächelt, das passierte oft, wenn der Dichter schwieg; aber eigentlich wussten sie alle, es war ein kleiner Betrug, sie hatten ihm zu viele Worte zugestanden, und er hatte sie wieder einmal eingelullt mit seiner sanften Stimme, die gar nicht zu ihm passte, tief und hypnotisierend klang sie, aber eine Hypnose war kein wahres Schweigen.

 

"Du", sagte die Gruppenleiterin nun zum Ausgleich umso ruppiger zu dem vorletzten Mitglied der Runde, das sich eben vordrängen wollte; jetzt hielt es ihn wirklich kaum noch auf seinem Stuhl. Er hatte einen modischen Bürstenschnitt, die Hände schauten wohl maniküriert aus dem edlen Hemd – war es wirklich maßgeschneidert? –, und am Armgelenk prangte eine Uhr, von der man sich vorstellen konnte, dass sie auch noch die Zeit auf dem Jupiter an einem schönen Frühlingsdonnerstag im Universum anzeigte. Der Mann fiel auch dadurch auf, dass er immer wieder nervös in seine Jackentasche griff; an schlimmen Tagen hatten sie ihm das Handy abnehmen müssen, er hatte einfach seine Finger nicht davon lassen können. "Ja, du, jetzt bist du an der Reihe. Was willst du uns heute verschweigen?" "Zuerst und vor allem möchte ich sagen, wie außerordentlich", begann der Mann, der Dichter verdrehte die Augen und schaute zum Himmel, der Priester nickte mitleidig. "Entschuldigung", murmelte der Redner. "Zur Sache, ich weiß. Also: Ich schweige heute über – Geld; ich dachte, ich schweige einfach mal über Geld", wiederholte er, offensichtlich mit sich zufrieden; und auch die anderen nickten wohlgefällig; das hatten sie schon anders erlebt, und wenn er erst einmal anfing, über den Aktienmarkt zu schweigen, dann konnte man wirklich nervös werden. So aber trat ein Schweigen ein, das geradezu physisch erleichternd wirkte, weil es so vieles umfasste. Einige spürten, wie sich eine langjährige Beklemmung in ihrer Brust löste und wie auf einmal der spartanische Raum viel lebendiger aussah; waren es nicht eigentlich ganz gute, einfache Stühle, auf denen man saß, und war es nicht egal, dass der alte Teppich etwas schäbig aussah, wichtig war doch, dass man warme Füße hatte und dass man zusammen war und etwas teilte!

 

Beinahe fühlte man sich gestört, als die Gruppenleiterin, die Stunde näherte sich dem Ende, auf die junge Frau zeigte: "Du bist heute zum ersten Mal dabei, es ist sehr lobenswert, dass du dich nicht vorgedrängt hast! Herzlich willkommen! Worüber möchtest du heute mit uns gemeinsam schweigen?" "Alles", entfährt es der jungen Frau spontan; ihre Lippen mit dem blinkenden Piercing zittern dabei ein wenig. "Einfach alles! Ich bin eine Twitterin, und ich kann es nicht mehr hören! Ich habe der Welt alles erzählt über mich, einfach alles, jeden beschissenen Fur-", sie fängt sich gerade noch unter dem tadelnden Blick der Gouvernante, "jede Kleinigkeit, meine ich, echt, alles, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll" – "aufhören", flüstert ihr Nachbar, "aufhören sollst du!" "Genau", ruft sie erleichtert: "Also, hey!, ich schweig dann jetzt mal einfach über: Alles!" Eine sehr tiefe Stille breitete sich über den Raum aus. Sie war aber nicht einschüchternd; kleine Emojis durchquerten sie lächelnd, aber es war, als ob das Universum schwiege und man könnte ihm wohlwollend dabei zusehen, von einem fernen Stern in der Tiefe des Weltraums aus.

                  

"Und damit", so schloss die Gruppenleiterin nach drei Minuten mit den gewohnten Worten, "gehen wir schweigend auseinander". Einige nahmen sich beim Weggehen noch ein Bagel mit, es war eine liebe Gewohnheit, und man konnte in das Loch in der Mitte hinein schweigen, es verschluckte eine ganze Menge. Doch sobald der Erste die Tür öffnete, eroberte der Lärm den Raum wieder; Autos, Menschen, Hundegebell, oft war es, als hätte eine Sirene ihnen geradezu bösartig aufgelauert, und nicht wenige der Teilnehmer zogen sich eine Mütze über die Ohren, bevor sie auf die abendlich hektische Straße hinausgingen. Die Gruppenleiterin stellte die Stühle zusammen und sah ihnen hinterher. "Ich bin", so flüsterte sie etwas heiser, "ich bin eine Therapeutin. Ich möchte schweigen, oh, wie möchte ich schweigen! Aber einer muss ja zuhören, wenn ihr schweigt. Ich weiß, ihr braucht mich. Aber das Schweigen muss von innen kommen, eines Tages, eines fernen Tages –", und damit verließ sie den Raum. 

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Beim Bau der Bibliothek

Beim Lesen von Kafkas
‚Beim Bau der chinesischen Mauer‘

 

 

Die Bibliothek ist an ihrer entlegensten Stelle beendet worden. Einzelne Werke wurden von verschiedenen Richtungen in sie hereingetragen und hier vereinigt. Das System des Einzeltextes wurde auch im Kleinen ihrer Herstellung verfolgt. Werke von etwa hundert Seiten Länge wurden von verschiedenen Autoren begonnen und auf größere Themenkomplexe zu geschrieben. Nachdem ein Katalog-Bereich vollendet war, wurde jedoch nicht etwa systematisch weiter geschrieben, sondern es wurde wieder an ganz anderen Wissensbereichen angesetzt. Natürlich entstanden auf diese Weise viele große Lücken, die erst nach und nach langsam aufgefüllt wurden, manche sogar erst, als die Bibliothek schon als vollendet galt. Ja, einige wurden sogar niemals gefüllt, aber das gehört möglicherweise zu den vielen Legenden, die um den Aufbau der Bibliothek entstanden sind und die für den einzelnen Leser, jedenfalls mit eigener Lektüre und eigenem Wissen, infolge der Größe der Bibliothek unnachprüfbar sind.  


Nun würde man von vornherein glauben, es wäre vorteilhafter gewesen, zusammenhängend zu schreiben. Die Bibliothek war doch, wie allgemein verbreitet wird und bekannt ist, zum Schutz gegen die Willkür der Zeichen, die Zerstreuung des Wissens und das verlorene Vertrauen in den Sinn geschrieben worden. Wie kann aber eine Bibliothek schützen, die nicht systematisch geordnet und zusammenhängend verfasst ist. Ja, eine solche Bibliothek selbst ist in fortwährender Gefahr. Die abgelegenen Einzelwerke können immer wieder leicht von Dekonstruktivisten zerstört werden, zumal diese damals, geängstigt durch die Bibliothek, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie die Heuschrecken ihre Theorien wechselten und deshalb vielleicht sogar einen besseren Überblick über den Fortschritt der Sammlung hatten als selbst die einzelnen Autoren.


Trotzdem konnte die Bibliothek nicht anders ausgeführt werden. Sie sollte schützenden Sinn und verlässliches Wissen für Jahrhunderte stiften; sorgfältigste Systematik, Benützung der literarischen und wissenschaftlichen Errungenschaften aller bekannten Zeiten und Völker, dauerndes Gefühl der persönlichen Verantwortung der Beiträger waren deshalb unumgängliche Voraussetzung für die Arbeit. Zu den Katalogisierungsarbeiten konnten zwar Praktikanten verwendet werden, wer sich für gutes Geld anbot; aber schon zur Anleitung der Hilfskräfte war ein verständiger Schreiber nötig, ein Autor, der bis in die Tiefe des Herzens mitfühlte, worum es ging.


Man war nicht leichtsinnig an den Aufbau der Bibliothek herangegangen. Fünfzig Jahre vor dem ersten Satz hatte man im ganzen Staat das Schreiben zur wichtigsten Kunstform erklärt und alles andere nur anerkannt, soweit es damit in Beziehung stand. Ich erinnere mich sehr wohl, wie wir als kleine Kinder, kaum unserer Muttersprache sicher, im Gärtchen unserer Lehrerin standen, aus einzelnen Wortbausteinen erste Sätze bauen sollten; wie die Lehrerin ihre Brille abnahm, einzelne Wörter entfernte und umstellte, dabei natürlich jeden Sinn und Inhalt zerstörte und uns wegen der Schwäche unserer Sätze solche Vorwürfe machte, dass wir uns heulend in der Kuschelecke verkrochen. Ein winziger Vorfall, aber bezeichnend für den Geist der Zeit.


Ich hatte das Glück, dass, als ich mit sechszehn Jahren die Schriftprüfung abgelegt hatte, gerade der Aufbau der Bibliothek startete. Viele andere, die schon früher fertig geworden waren, wussten jahrelang mit ihrem Wissen nichts anzufangen, trieben sich, im Kopf die großartigsten Werke, Epen und Enzyklopädien, von Praktikum zu Praktikum herum, und verlotterten schließlich als Talk-Show-Moderatoren im Privatfernsehen. Aber diejenigen, die endlich am Aufbau der Bibliothek teilnehmen durften, und sei es nur als Juniorschreiber, waren dessen tatsächlich würdig. Es waren Autoren, die viel über das Schreiben nachgedacht hatten und nicht aufhörten, darüber nachzudenken, die sich mit dem ersten Satz, den sie ihrem Einzelwerk einschrieben, ihm verwachsen fühlten. Solche Schreiber trieb natürlich auch neben der Begierde, ihren Job gut zu machen, die Ungeduld, die Bibliothek in ihrer Vollendung zu sehen. Die einfachen Hilfskräfte kennen diese Ungeduld nicht, ihnen reicht der Lohn, und auch die hauptberuflichen Vielschreiber, ja selbst die Abteilungsleiter, sehen genug vom vielseitigen Wachsen der Bibliothek, um dadurch bei der Stange zu bleiben. Aber für die einfachen Schreiber, die geistig weit über den kleinen Monographien standen, die sie zu verfertigen hatten, musste anders gesorgt werden. Man konnte sie zum Beispiel nicht in einer entlegenen Spezial-Abteilung, himmelweit entfernt vom geistigen Zentrum der Bibliothek, Monate oder gar Jahre Kurzgeschichten oder Lexikonartikel schreiben lassen; sie wären an der Aussichtslosigkeit ihrer Arbeit verzweifelt und vor allem unfähig zum produktiven Weiterschreiben gewesen. 


Deshalb wählte man das System des Einzeltextes. Kleinere Monographien konnten in fünf Jahren fertiggestellt werden, dann waren die Beiträger freilich in der Regel zu erschöpft und hatten alles Vertrauen zu ihrer Schreibkunst, zum Thema, zur Welt verloren. Darum wurden sie dann, wenn ihre Texte mit einigen weiteren zu einer eigenen Katalog-Unterabteilung mit einer eigenen Signatur in der Systematik vereinigt worden war, noch im Hochgefühl der erreichten Synthese beurlaubt. Während ihres Sabbaticals sahen sie hier und da andere Beiträger, lasen andere Monographien, sahen die Registerschränke für die sich füllenden Kataloge, durchstreiften schon vollständige Abteilungen, trafen die nachrückenden Schreiberjahrgänge und hörten in den Medien die hochtönenden Ankündigungen. Das Sozialprestige, das alle Schreiber genossen, das Vertrauen, das ihre lesenden Mitbürger in die Vollendung der Bibliothek setzten, dies alles motivierte sie aufs Neue. Wie ewighoffende Liebende bekamen sie wieder die Lust, am großen Text zu arbeiten, sie stiegen früher wieder ein und die Leser begleiteten sie, verfolgten ihre tweets und Blogs noch über lange Zeit, die Regale und sogar die Tastaturen waren mit Fahnen geschmückt. Jeder Leser war ein Freund, für den man das Wissen und den Sinn befestigte, und der mit allem, was er hatte und war, sein Leben lang dafür dankte. Wissen! Sinn! Ohr an Ohr, Mund an Mund, ein Chor der Leser, Zeichen, nicht mehr eingesperrt in den kärglichen Kreislauf eines Einzelwerks, sondern frei fließend und doch kreisend im unendlichen Textuniversum.  


Dadurch wird das System des Einzeltextes verständlich; aber es hatte wohl noch andere Gründe. Will ich die Gedanken und Erlebnisse jener Zeit vermitteln und begreiflich machen, kann ich dieser Frage nicht tief genug nachbohren.  


Zunächst muss man sich sagen, dass damals Leistungen vollbracht wurden, die wenig hinter der Niederschrift der Heiligen Bücher zurückstehen, an Menschlichkeit aber gerade das Gegenteil jener Schriften darstellen. Ich erwähne das, weil in den Anfangszeiten der Bibliothek ein wissenschaftliches Projekt diesen Vergleich sehr genau untersucht hat. Es suchte zu beweisen, dass die Niederschrift der Heiligen Bücher keineswegs aus den allgemein behaupteten Ursachen den Sinn verfehlt hatte. Seine Beweise bestanden nicht nur aus der umfangreich zitierten Forschungsliteratur, sondern auch aus empirischen Befragungen und Statistiken, die zeigten, dass die Heiligen Bücher an ihrem zu schwachen empirischen und medialen Fundament scheiterten und scheitern mussten. In dieser Hinsicht allerdings war unserer Zeit jener vergangenen weit überlegen. Fast jeder gebildete Zeitgenosse war ein Schriftsteller oder Gelehrter und in der Frage der medialen Darstellungstechniken hoch kompetent. Dahin zielte das Forschungsprojekt aber gar nicht, sondern behauptete, erst die Bibliothek werde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Fundament für eine neue Heilige Schrift schaffen. Also zuerst die Bibliothek und dann die Heilige Schrift. Die Forschungsergebnisse wurden in allen Medien zitiert, aber ich gestehe, dass ich sie bis heute nicht genau begreife. Die Bibliothek, die doch nur eine Art monumentaler Sammelband war, sollte die Basis für eine neue Religion abgeben? Das konnte doch nur in symbolischer Hinsicht gemeint sein. Aber wozu dann die Bibliothek, die doch etwas Tatsächliches war, Ergebnis der Mühe und Schreibarbeit so vieler Autoren? Und wozu waren in dem Forschungsprojekt bereits Skizzen, allerdings fragmentarische, dafür enthalten, wie die Bibliothek das Volk der Leser in einer neuen Religion vereinigen sollte?


Es gab – dieses Forschungsprojekt ist nur ein Beispiel – viel Verwirrung der Köpfe damals, vielleicht gerade deshalb, weil sich so viele auf die Bibliothek konzentrierten. Das menschliche Wesen, unbeständig in seinen Lektürevorlieben, von der Natur zerfallenden Pergaments und vieldeutiger Zeichen, verträgt keine Konzentration; zwingt es sich selbst dazu, wird es bald hyperaktiv in alle Arten von Ablenkungen flüchten und Bibliothek, Wissen, Sinn und sich selbst in alle Himmelsrichtungen zerstreuen.


Es ist möglich, dass auch diese Erwägungen bei der Festsetzung des Einzeltextprinzips nicht unberücksichtigt geblieben sind. Wir haben eigentlich erst im Ausschreiben der Anordnungen des obersten Bibliothekars uns selbst kennengelernt und gefunden, dass ohne ihn weder unsere schriftstellerische Ausbildung noch unsere persönliche Lebenserfahrung für den kleinen Beitrag, den wir innerhalb der großen Bibliothek lieferten, ausgereicht hätte. Im Katalograum des obersten Bibliothekars – wer er war, und wo er ist, weiß niemand –, in diesem Katalograum kreisen alle menschlichen Fragen und Entwürfe, und in Gegenkreisen alle Antworten und Werke. Durch die Fenster aber fällt der Abglanz der göttlichen Weltschöpfung auf die Katalogfächer.


Und deshalb will es dem unbestechlichen Betrachter auch nicht eingehen, dass der oberste Bibliothekar, wenn er es ernstlich gewollt hätte, nicht die Probleme hätte überwinden können, die einer zusammenhängenden Niederschrift des Wissens entgegenstanden. Das System des Einzeltextes war nur ein Notbehelf und unzweckmäßig. Bleibt die Folgerung, dass der oberste Bibliothekar etwas Unzweckmäßiges wollte. Sonderbare Folgerung! – Gewiss, und doch hat sie von anderer Seite ihre Berechtigung. Heute, da es keine Geheimnisse im Datenuniversum mehr gibt, kann man das vielleicht ohne Furcht aussprechen. Damals war der geheime Grundsatz vieler Autoren, sogar der Besten: Suche mit all deinen Kräften die Systematik der Bibliotheksleitung zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann höre mit dem Nachdenken auf. Ein sehr vernünftiger Grundsatz, der noch eine weitere Auslegung in einem oft wiederholten Vergleich fand: Es wird dir sonst geschehen wie einem Einzeltext beim Lesen. Er reichert sich bei jeder Deutung und durch jeden Kontext mit Bedeutung an, wird immer breiter, seine Symbole immer mächtiger, seine Sätze immer dynamischer, er bietet seinen Lesern immer neue Erlebnisse und Erkenntnisse, sein Verlauf gewinnt dramatische Gestalt, er behält seine individuelle Gestalt und wird doch der Heiligen Schrift ebenbürtiger und willkommener. Soweit denke der Systematik der Bibliothek nach. Dann aber wird der Einzeltext zu viel gedeutet, er tritt über seine Sätze, seine Symbole werden gestaltlos, seine Wirkung diffus, die realen Kontexte vernachlässigt, er versucht, isolierte Deutungsstränge zu bilden und kann sich auf die Dauer in seiner breiten und tiefen Bedeutung nicht halten; ja, er trocknet sogar im heißen Gefecht der Forschungs- und Theoriedebatten kläglich aus. – So weit denke der Systematik der Bibliothek nicht nach.


Nun mag dieses Bild während des Aufbaus der Bibliothek außerordentlich treffend gewesen sein, für meinen jetzigen Bericht hat es nur beschränkte Geltung. Mein Bericht ist doch nur historisch; aus den längst überwundenen Ideologien und Methoden-Schulen droht keine Gefahr mehr, und ich darf deshalb nach einer Erklärung des Systems des Einzeltextes suchen, die tiefer greift. Die Grenzen, die meine Denkfähigkeit mir setzt, sind seither sehr erweitert, aber das Gebiet, das sie hier umgreift, ist immer noch unendlich.


Gegen wen sollte die Bibliothek schützen? Gegen den allgemeinen Verlust von Wissen und Sinn. Ich stamme aus einer gutsituierten bildungsbürgerlichen Familie, kein Sinnverlust bedroht unser geistiges Wohlergehen. Wir lesen vom Sinnverlust der Intellektuellen, die immerwährenden existentiellen Zweifel, die sie ihrer Natur nach bedrohen, stimmen uns mitleidig in unserem versicherten Dasein. In den objektiven Berichten des Qualitätsjournalismus lesen wir vom Rachen des Nihilismus, vom tödlichen Gift des Zweifels, von den Plagen der geistigen Freiheit. Wollen die Kinder nicht lesen oder schreiben lernen, schicken wir sie in ein öffentlich subventioniertes Stadttheater oder ein Programmkino, und schon kehren sie reumütig in das Einfamilienhaus zurück. Zu groß ist der geistige Raum, und auch die wildesten Ideen werden sich im Gewirr des Internet und der Kanalvielfalt des Privatfernsehens verlaufen.


Warum also verlassen wir das Einfamilienhaus, die bildungsbürgerliche Familie, den Garten und das Pony, die lernunwilligen Kinder und die frustrierten Ehefrauen, die pflegebedürftigen Eltern, und unsere Gedanken sind bei der Bibliothek? Frage den obersten Bibliothekar. Er kennt uns. Er, der die ungeheure Systematik verwaltet, weiß von uns, sieht uns zusammensitzen im Einfamilienhaus vor dem LCD-Bildschirm, und das Programm ist ihm wohlgefällig oder missfällt ihm. Und wenn ich mir einen solchen Gedanken über den obersten Bibliothekar erlauben darf, so bin ich der Meinung, dass es ihn schon früher gab; dass er nicht, wie etwa ein Manager, durch einen kleinen Rausch vom Vorabend angeregt, am Morgen eiligst ein Meeting einberuft, sogleich eine Reorganisation beschließt, und schon am Mittag die Gruppenleiter ausschickt, um neue Folien zu erstellen, und sei es nur, um die Aktionäre zu befriedigen, die gestern noch wohlwollend kauften und am gleichen Abend, die Börse in Hongkong hat kaum geschlossen, die gekauften Aktien wieder abstoßen. Vielmehr bestanden die Bibliothekssystematik wohl seit jeher und der Beschluss zum Aufbau der Bibliothek ebenfalls. Unschuldige Intellektuelle, die glaubten, ihn verursacht zu haben, verehrungswürdiger Bibliotheksdirektor, der glaubte, er habe ihn angeordnet. Wir Autoren wissen es anders und schweigen.


Ich hüte mich vor Verallgemeinerungen und behaupte nicht, dass es in gesellschaftlichen Randgruppen, verschiedenen Ethnien, der Vielfalt biologischer Geschlechter und kultureller Traditionen sich so verhält wie bei uns in der bildungsbürgerlichen Kleinfamilie. Wohl aber darf ich aufgrund meiner Beobachtungen beim Bibliotheksaufbau, die dem Beiträger Gelegenheit gab, die Mentalitäten fast aller genannten Gruppen zu durchlesen, vielleicht sagen, dass die Auffassung vom Bibliotheksleiter immer wieder und überall einen gemeinsamen Grundzug mit der aus meiner eigenen Herkunft resultierenden Auffassung zeigt. Diese Auffassung will ich durchaus nicht loben, im Gegenteil. Zwar ist sie in der Hauptsache von der Bibliotheksleitung verschuldet, die nicht imstande war, die Systematik des Katalogs zu solcher Klarheit auszubilden, dass sie in allen Gruppen und Lebensumständen der Leser unmittelbar einsichtig wurde. Andererseits liegt doch auch darin eine Schwäche der Vorstellungs- und  Imaginationsfähigkeit bei den Lesern, welche es nicht schaffen, den Bibliotheksleiter und seine Systematik aus dem Innersten seines Katalogs hinaus in die lebendige, sinnliche Gegenwart der Lektüre zu zwingen; die als einzelne Lesende doch nichts anderes wollen, als einmal einen Blick auf das Ganze des Sinns zu werfen und an ihm sich zu vergessen.  


Eine Tugend ist also diese Auffassung wohl nicht. Umso auffälliger ist es, dass gerade diese Schwäche eines der wichtigsten gemeinsamen Merkmale der Leser überhaupt zu sein scheint; ja, wenn man sich soweit vorwagen darf, geradezu die Basis der Einzeltextlektüre überhaupt. Hier einen Tadel ausführlich begründen zu wollen, heißt nicht an unserem schwachen Intellekt, sondern, was viel ärger ist, an unserem Hunger nach Sinn rütteln. Und darum will ich in der Untersuchung dieser Frage vorderhand nicht weiter gehen.  


     


Die Parabel vom Schuhmacher

 

Viele Menschen fragen sich heutzutage, warum es eigentlich keine guten Schuhe mehr gibt. Die Experten sind sich uneinig und geben viele verschiedene Antworten auf diese eigentlich so einfache Frage. Aber einige wenige, keine Fachleute, sondern ganz normale Leute können sich noch erinnern an eine Zeit, in der es die wunderbarsten Schuhe gab: Sie saßen perfekt am Fuß, man lief in ihnen wie auf Wolken, sie hielten ewig und kosteten gar nicht viel Geld. Besonders ein Schuhmacher war ihnen in Erinnerung geblieben; und wenn sie ihn beschrieben, seine gebückte Haltung, seinen versonnenen Blick, immer etwas nach unten gerichtet, seine Werkstatt mit all den Leisten, sauber geordnet, wie eine Bibliothek, dann wird ihre Stimme weich wie ein sanftes Leder, und sie sprechen in Sätzen, die dahinschweben wie gleichmäßige Schritte auf einem weichen Waldboden.

 

Der alte Schuhmacher, so nennen wir ihn einfach – der Name tut nichts zur Sache, er selbst hatte sich nie besonders wichtig genommen – wollte sein Leben lang nur eines: Schuhe machen. Schon als Kind hatte er für seine Schwestern Puppenschuhe aus Stofffetzen genäht (zu dieser Zeit durften die Mädchen noch mit Puppen spielen), festliche mit Schleifen für die großen Puppendamen mit den seidigen blonden Locken und bunte, anschmiegsame für die kleineren Puppenkinder. Wenn er zur Schule ging (damals gingen die Kinder noch zu Fuß zur Schule), schaute er nicht auf die Autos und oder in die Wolken, sondern auf die Füße der Passanten: Er wollte wissen, welche Schuhe die Leute trugen, auf der Straße, in ihren Wohnungen, beim Arbeiten oder beim Feiern – wie sahen sie aus, wie gingen die Leute in ihnen, wie veränderten sie ihre Haltung und ihre Bewegungen? Er las Schuhe wie andere Leute Gesichter oder Bücher; er las die Geschichten ihrer Besitzer in ihnen, ihre Leiden und Freuden, ihre Krankheiten und Sehnsüchte, manchmal sogar ihre Zukunft. Natürlich ging er bei den besten Meistern in die Lehre; er schaute ihnen unermüdlich bei der Arbeit zu und lernte ihnen alle ihre Handgriffe und Tricks ab. Er kopierte geduldig klassische Modelle, seine ersten eigenen Modelle verwarf er bald wieder – sie waren ihm nicht gut genug, zu unreif, zu verspielt, zu jugendlich eben. Und erst als er sich reif fühlte, einen guten, soliden Schuh zu machen, ohne Schnickschnack und handwerkliche Fehler, eröffnete er seine eigene Werkstatt.

 

Am Anfang wollte er vor allem nützliche Schuhe machen: Schuhe, die schützen vor hartem Untergrund, Dornen und Stacheln, kleinen tückischen Kieselsteinen, fußbrecherischem Stolpersteinen (damals gab es noch Kopfsteinpflaster). Sie sollten die Füße warm halten, aber nicht zu warm; sie sollten Schweißfüße atmen lassen und kalte Frauenfüße besser mit Blut versorgen; sie sollten Kinderfüße das Gehen lehren und alten Füßen behutsam den Weg zum Ende aller Dinge bahnen. Strapazierfähig sollten sie sein, ob auf Feld-, Wald- und Wiesenwegen oder im Stadtverkehr, aber bezahlbar bleiben; jeder sollte sie sich leisten können, und wenn er sah, dass jemand diesen Schuh und keinen anderen brauchte, um sein Leben zu verändern, aber kein Geld dafür hatte, dann gab er ihm den Schuh eben umsonst. Natürlich brauchten seine Schuhe Pflege, alles Gute auf der Welt braucht Pflege; aber wenn man sich ein wenig Mühe gab, alterten sie in Würde und bekamen schöne Falten wie eine lebenskluge alte Frau.

 

Denn je besser er sein Handwerk er beherrschte, desto wichtiger wurde es dem Schumacher nun, nicht nur nützliche, sondern auch schöne Schuhe zu machen. Er achtete auf die Auswahl der besten Materialien und verarbeitete sie mit aller Feinheit und Sorgfalt, der er fähig war; oft dauerte es Monate, bis er mit einem Modell zufrieden war. Er experimentierte mit verschiedenen Formen, Verzierungen, Zuschnitten – aber es war ihm wichtig, dabei nicht zu übertreiben; es sollten Schuhe bleiben und keine Prachtkutschen für die Füße werden, die die Aufmerksamkeit nur ablenken und den Geist verwirren. Um einen wirklich passenden, nützlichen und schönen Schuh machen zu können, konnte man seine Kunden nicht über einen Leisten schlagen. Man musste mit ihnen sprechen, sie beim Gehen beobachten, ihre Füße befühlen, von der Sohle aufwärts bis zu den Zehenspitzen, bis man seine ganz einzigartige Form mit geschlossenen Augen kannte. Passte ein Schuh jedoch am Ende, passte er perfekt, so war er eine Erleuchtung für seinen Träger: Mit jedem Schritt lernte er etwas über sich selbst, über den Gang der Dinge und den Gang der Welt, über den Zusammenhang von Gehen und Denken; die Schuhe verbanden ihn mit dem Boden unter seinen Füßen, er spürte die lebendige Erde unter sich beben und war ein Teil von ihr.

 

Derweil boomte um den Schuhmacher herum der Schuhmarkt; die Moden wurden immer ausgefallener und wechselten immer schneller. Andere Schuhmacher wurden reich von Damenmodellen mit immer höheren, gefährlich spitzen High Heels, die Frauen zu bewegungsunfähigen Puppen machten, die nur noch dekorativ auf Partys stehen konnten (nicht mal die Puppen hatte er damals so gefoltert); mit Spangen- und Schnallenschuhen, die Männer zu eitlen Gecken machten; mit Flipflops, die eine Lässigkeit und Jugendlichkeit vortäuschten, die ihre Träger längst verloren hatten. Es gab Spezialschuhe für alles und jedes, ob man sie brauchte oder nicht; es gab Markenschuhe, die verkauften vor allem ein Image von Originalität, Geschmack und Reichtum, und eigentlich wollte man sie gar nicht tragen, weil sie zu kostbar aussahen. Der Schuhmacher jedoch ging nicht mit der Mode; und originell wollte er schon gar nicht sein. Unverwechselbar war er sowieso, und wer jemals einen seiner Schuhe getragen hatte, wach und mit dem richtigen Bewusstsein getragen hatte, der wollte niemals mehr einen modischen Markenschuh tragen. Seine Modelle wuchsen mit den Jahren immer noch mehr an Wissen und Erfahrung, genau wie er selbst: Er kannte alle Materialien von innen, er dachte in verschiedenen Ledern und Naturfasern; ein Schnürschuh war eine Philosophie, ein Slipper eine andere, sogar ein simpler Pantoffel konnte eine Welterfahrung sein. Er erfand auch keine neuen Formen mehr, weil er der Meinung war, dass die Menschheit nur einer begrenzten Anzahl von natürlichen Formen fähig war; alles andere war künstlich und ausgedacht, nicht lebenstauglich, ein Gag nur für eine Saison und ein Rezept für kaputte Füße und kaputte Seelen. Am Ende hinterließ er eine Werkstatt, die keinen Nachfolger fand, und ein Volk dankbarer Kunden, von denen einige ihn nie vergaßen und für einen wahrhaft weisen Mann hielten.

 

Schon kurz nach seinem Tod jedoch wurde er berühmt, und die Schuhforschung, die Calciamentologie, begann sein Werk zu analysieren. Zuerst stürzten sich die Wissenschaftler auf sein Leben und gruben alles aus, was nur über ihn zu wissen war: Sein Elternhaus, seine Herkunft, seine Kindheit und Jugend, seine Ausbildungszeit, die verschiedenen Werkstätten und Reisen, seine Vorbilder und die sogenannten „Einflüsse“ auf ihn. Am Ende war mehr über ihn geschrieben worden, als er über sich selbst hätte sagen können, und es stimmte ja auch irgendwie: Seine Person und sein ganzes Leben waren in jeden seiner Schuhe eingegangen, hatten an ihnen geformt und gearbeitet; aber Leben und Werk waren dabei so untrennbar verschmolzen wie eine gutes Sohle mit dem Schaft, und man konnte aus dem einen nicht einfach das andere ablösen. Hätte er mit ihnen sprechen können, es ihnen erklären können, vielleicht hätten sie seine Schuhe wirklich verstanden – aber dafür war es nun zu spät.

 

Schon die nächste Forschergeneration kritisierte ihre Vorgänger von Grund auf: Auf diese vereinfachende Art und Weise würde man der komplexen Formgebung seines schuhmacherischen Werks ganz gewiss nicht gerecht, sagten sie, seinem geistigen, immateriellen Gehalt. Nun wurden die Leisten analysiert, die Formensprache in ihrer Beziehung zur zeitgenössischen Architektur, Dichtung und Musik; es wurden Epochen seines Schaffens voneinander abgegrenzt, es entstanden Lehrbücher, die seine frühe von seiner reifen und seiner späten Phase unterschieden und eifrigen Schülern die jeweiligen Merkmale eintrichterten. Kunstwerke seien diese Schuhe, sagten diese Wissenschaftler; man würde sie beleidigen, wenn man sie auf ihren einfachen Zweck als Schuhwerk reduzierte, sie trügen ihren Zweck in sich selbst und hätten ihre eigenen Gesetze – das sei eben die „Autonomie des Schuhes“! Wie man jedoch einen Schuh, einfach so, als Zweck in sich selbst, hätte fertigen können, blieb etwas unklar, und der Schuhmacher hätte sich sicherlich schwer getan mit dieser Vorstellung: Denn die Form des Schuhs ergab sich ja erst aus seinem besonderen Zweck, wie sollte man denn einen Leisten für ein Phantasma fertigen? Unter seinen Kunden waren viele Künstler gewesen, die gern mit ihm sprachen, auch über ihre Arbeit; und keiner von ihnen hatte jemals ein „Kunstwerk“ einfach so machen wollen, ohne Zweck und Nutzen. Sie hatten die unterschiedlichsten Gründe, sie wollten Geld verdienen, die Leute unterhalten, aufklären oder belehren, sie wollten ihre Erfahrungen mitteilen, sie hatten Spaß daran, etwas zu machen; es waren Arbeiter, wie er, sie hatten ihre Kunst lange und gründlich studiert und geübt, und ihre Werken lebten wie seine Schuhe, es waren keine reinen Konstrukte, Fiktionen, bunt schillernde Seifenblasen oder Schäume! Nur diejenigen, die es nie zu etwas gebracht hatten in einer Kunst oder einem Handwerk, die sprachen immer davon, dass es ja nicht auf das Handwerk oder die Intention oder gar einen Zweck ankomme, sondern auf den Geist (von dem sie dann sehr viel sprachen)! Wenn ein Schuh aber keinen Nutzen mehr hatte, sondern nur noch ein Zeugnis des Geistes seines Schöpfers war – dann konnte man auch gleich Handschuhe zu Schuhen erklären. Oder Holzbretter, es war eigentlich egal. Man durfte sich dann aber auch nicht wundern, wenn keiner in diesen „fiktiven“ Schuhen laufen wollte.

 

Aber auch das ging vorbei, und wieder kam eine neue Forschergeneration gelaufen, um den Schuh neu zu erfinden. Ihre Vorgängern warfen sie Vernachlässigung der sozialen Kontexte, der Macht- und Herrschaftsstrukturen, der Emanzipation der Frau, der Aufklärung der Massen und der Vorbereitung der Revolution vor; sie befragten statt dessen die „Nutzer“ der Schuhe, wie sie sie nannten, sammelten Daten, legten Tabellen an und lasen aus einzelnen Modellen ganze Gesellschaftsanalysen. „Gesellschaft“ war auch eines dieser Worte gewesen, die der Schuhmacher nie genau verstanden hatte, waren das nun die Leute alle zusammen, und waren sie alle zusammen irgendwie anders als einzeln? Und warum musste die Gesellschaft immer kritisiert werden, wenn es doch nur alle Leute zusammen waren, dann hätten sie sich doch einfach ändern können, und die Gesellschaft wäre besser geworden? Andere „Schulen“ von Wissenschaftlern, wie man das jetzt nannte, interessierten sich mehr für das Innenleben der „Nutzer“ und nicht ihr Grundeinkommen oder ihre Schulausbildung. Sie stellten das Freudsche Triebmodell vom Kopf auf die Füße und fanden den Penisneid in hohen Lederstiefeln, den Ödipuskomplex in Flauschpantoffeln und das Über-Ich in allen Arten von Schnürschuhen überhaupt. Natürlich waren seine Schuhe Persönlichkeitsmodelle, da hätte der Schuhmacher sicher zugestimmt; aber so einfach hatte er die Leute nie verstanden, und dass auf einmal alles mit Sex zu tun haben sollte, schien ihm eher mit den Interessen der Forscher und ihrer Neigung zu möglichst sensationellen Theorien als den alltäglichen Erfahrungen eines Fußgängers zu tun zu haben.

 

So entfernte sich die Calciamentologie schrittweise immer mehr und mehr von seinen Schuhen. Für die einen war die Schuhmacherei nur noch ein „Symbol“ (für was auch immer, das war ein bisschen beliebig, man nannte es Postmoderne), für die anderen ein „System“ und für die dritten ein „Diskurs“. Es ging jedoch nicht mehr um einzelne Schuhe, um sein unverwechselbares Werk, seine persönliche handwerkliche Leistung; einige behaupteten sogar, es sei gar nicht er gewesen, der in liebevoller Handarbeit und mit seiner ganzen Lebenserfahrung jeden einzelnen Schuh geformt hatte, sondern er sei nur ein Medium für diese „Diskurse“, die durch ihn hindurch auf mysteriöse Weise Schuhe produzierten, die keinen Hersteller mehr hatten, keinen Zweck und auch nicht weiter von Bedeutung waren, außer dass sie gelegentlich als Beispiele für immer wildere Thesen herangezogen wurden (meistens stimmt dann noch nicht mal die einfache Beschreibung von Material und Form). Wieder andere machten die Schuhmacher generell nun für alles verantwortlich: Ihre Werke waren ein Mahnmal kolonialistischer Ausbeutung oder ein ökologischer Sündenfall: Woher kam das Leder? War es ökologisch korrekt? Erinnerte das Design einiger Sandalen nicht an das Schuhwerk römischer Senatoren, dieser Ausbeuter und Kolonialherren? Waren Stiefel nicht vorzugweise an den Füßen derer zu finden, die die Menschenrechte schon immer mit Füßen getreten hatte? Warum hatten die Schuhmacher die Füße nicht endlich befreit von allen ethnischen oder kulturellen Stereotypen und vor allem von vorgeformten Geschlechterrollen? Tatsächlich hatte der Schuhmacher Damen- und Herrenschuhe gefertigt, ohne je darüber nachzudenken; die Füße von Frauen waren einfach anders als die von Männern, die Bewegungen unterschiedlich, und infolge dessen natürlich auch das Denken - das wusste jeder Schuhmacher, das hatte noch nicht einmal etwas mit Mode oder Geschmack zu tun. Nie wäre dem alten Schuhmacher das alles in den Kopf gekommen. Er hatte Schuhe gemacht für Menschen, nicht für oder gegen Ideologien und Systeme.

 

Am Ende aber triumphierte die Wissenschaft: Sie hatte sich selbst schließlich ganz autonom gemacht, ganz so, so wie sie es immer von den Kunstwerken oder den Schuhen behauptet hatte; sie diente keinem Zweck mehr, sie war nützlich für niemand, sie befasste sich nicht mit konkreten Gegenständen, sondern verfasste Theorien über Theorien über Theorien. Auf Tagungen in aller Welt traf sich die erlesene Elite von Calciamentologen und sprach von Meta-Schuhen oder von der Hybridisierung des Schuh-Diskurses. Meistens trugen die Wissenschaftler dabei schlechte Schuhe; Schuhe, wie sie die Mode gerade diktierte, bizarre Monumente der Originalität ihrer Designer, mit den auffälligen Labels großer Marken – und allein, dass man sie an den Füssen trug, wies ihren Träger als modisch auf der Höhe der Zeit fußenden Denker aus. Natürlich drückten sie. Natürlich konnte man in ihnen nicht laufen, schon gar nicht in der Natur, aber die Wissenschaftler liefen auch nicht, und die Tagungsräume waren mit weichen Kunstfaserteppichen ausgestattet. Natürlich deformierten sie die Füße so, dass der ganze Mensch deformiert wurde: von den Füßen aufsteigend über die weichen Knie und das schwache Becken über den untrainierten, zum Buckel tendierenden Rücken bis in den stets stolz erhobenen Kopf machten sie die Gedanken quer und schmerzhaft. Das merkte man an all ihren Theorien, die immer nur das Außerordentliche, Exzentrische, Schwerverständliche verkündeten, nie das Geläufige, Einsichtige oder Nützliche. Schuhmacher wie er waren niedere Handwerker für diese Calciamentologen, vorurteilsbehaftet, anachronistischen Traditionen anhängend, von begrenzter Ein- und Weitsicht in die das Wesen der Moderne; gerade nicht passen sollte er, der moderne Schuh, nur so entsprach er dem modernen Menschen in seiner Zerrissenheit, Verlorenheit, Widersprüchlichkeit! In seinen schwachen Stunden, wenn die Arbeit hart war und die Anerkennung rar und die Straßen voller entsetzlich widernatürlicher Schuhmodelle, hätte der Schuhmacher ihnen Blasen an die Füße gewünscht. Reale Blasen, keine fiktiven oder symbolischen. Jede Menge. Samt Fußpilz.

 

Derweil wurden die Schuhe draußen auf den Straßen immer schlechter. Die neuen Generationen von Schuhmachern wollten, verblendet von all dem Gerede über Meta-Schuhe und das Passende des Unpassenden als wahrer Ausweis von Modernität, kein Handwerk mehr lernen, sie wollten einfach möglichst schnell Erfolg haben und reich werden – und das funktionierte auch ganz gut, da es ja viel einfacher war, zerrissene, widersprüchliche, unpassende und „originelle“ Schuhe zu machen anstelle von guten, haltbaren, persönlichen und passenden. Man benötigte auch keine Lebenserfahrung mehr, Menschenkenntnis schon gar nicht, sondern nur noch ein gutes Marketing, dass den Schuhen ein Image verpasste – und in der nächsten Saison mussten dann sowieso neue her, weil nicht nur das Leder kaputt war, sondern auch das Image ausgetauscht werden musste. Es konnte auch schon lange niemand mehr einen Schuh reparieren, das sorgsam gepflegte Werkzeug des Schuhmachers samt der Leisten-Bibliothek hatte ein Schuhmuseum angekauft (aber eigentlich ging zu dieser Zeit schon lange niemand mehr in Museen, es gab ja das Internet). Zukunftsforscher priesen bereits den digitalen Schuh für jeden, selbst entworfen, frisch aus dem 3-D-Drucker; er sei zuhause im Internet der Dinge, habe ein integriertes Navi, Schrittzähler und Kamera gleich dabei, und wenn man wollte, könne man sich dreimal am Tag neue Schuhe drucken. Sogar ein Calciamentologe hätte sich damit einen Schuh machen können. Aber eigentlich interessierten die sich gar nicht für Schuhe, sondern nur für ihren eigenen wissenschaftlichen Aufstieg, und der fand auf Papier und im Kopf statt, nicht auf steinigen Wegen.

 

Und so kam es schließlich, dass es heute keine guten Schuhe mehr gibt. Natürlich, in einigen Spezialkatalogen, wo man die Klassiker wieder ausgekramt hat, werden jetzt die Schuhe des alten Schuhmachers repliziert und für sehr viel Geld an eine ausgewählte Kundschaft verkauft (Podofactum heißt die Marke). Aber es ist mehr Nostalgie als wahre Anerkennung dabei; denn so, wie keiner mehr weiß, wie man gute Schuhe macht, wird auch bald keiner mehr wissen, wie sich gute Schuhe anfühlen, wie man sich in ihnen bewegt, den Boden spürt und das Vergehen der Zeit, wie man sich selbst kennen lernen kann beim Gehen und wie man sich verändert im Laufe der Zeit. Und vielleicht ist die Zeit tatsächlich über gute Schuhe hinweg gegangen wie über so vieles, was man eine kurze Zeit vermisst, bevor man es dann vergisst. Und man könnte sogar fragen: Sind Schuhe denn wirklich lebensnotwendig? Man kann schließlich auch barfuß gehen; Schuhe sind ein Luxus, die Urmenschen hatten so wenig Schuhe wie sie Literatur oder Theater, eine Toilettenspülung und eine Waschmaschine, Autos oder Flugzeuge hatten. Denn natürlich sind Schuhe nicht überlebensnotwendig; für Tiere oder Engel jedenfalls ganz sicher nicht. Aber es könnte sein, dass sie notwendig sind für Menschen – so hätte es der Schuhmacher vielleicht gesagt in seinen philosophischeren Stunden: für Menschen, die es so schwer haben auf dieser Welt, die nicht für sie gemacht ist, auch wenn sie immer verzweifelter das Gegenteil behaupten; notwendig für ihre empfindlichen Füße und Seelen und ihr Bedürfnis, die Welt zu verstehen, in dem sie mit ihr – umgehen und sie nicht nur umschreiben.  

  


  

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