Die Schweigerunde



„Und wer möchte uns heute etwas verschweigen?“ Erwartungsvoll blickte die Gruppenleiterin in dem Stuhlkreis herum. Einige neue Teilnehmer waren heute wieder gekommen, die meisten von ihnen Männer; gutgestellt sahen die meisten aus, selbstbewusst, erfolgreich. Nur selten verirrte sich eine Frau hierher; oder eine verlorene Existenz, die einmal damit angefangen hatte, in besseren Zeiten, und dann einfach nicht mehr aufhören konnte. Die Gruppenleiterin selbst sah so aus, wie man sich früher eine Gouvernante vorgestellt hatte: die gleiche Strenge in Blick und Frisur, ein kleiner Mund, dem man ansehen zu meinte, das er selten lächelte; aber er war voller Ruhe, ein formgewordenes Schweigen. Das Geplapper in der Gruppe verstummte schlagartig. Ertappt sahen die Männer zu Boden, einige räusperten sich noch ein paarmal. Das war eine Art Übergangsritual, man erkannte die Anfänger daran, die Novizen, die noch weit von ihrem ersten Chip entfernt waren. Doch dann schossen die Finger schon in die Höhe: Mich, mich, mich, lass‘ mich zuerst, schienen sie zu schreien, und einige öffneten sogar den Mund, um dann schnell das fast schon hervorgetretene Wort in einem Hüsteln zu ersticken.

 

Die Gouvernante blickte um sich: „Du“, sagte sie, auf eines der ältesten Mitglieder zeigend, er hatte sich schon so gut im Griff, dass er noch im letzten Moment den Finger zurückzog, der schon in die Höhe schießen wollte, und sein Mund war fest verschlossen; "ja, du, was möchtest du uns heute verschweigen?" Ein Ruck ging durch den Mann. Er war in den besten Jahren, leger gekleidet, aber sorgfältig; seine Finger zuckten gelegentlich, so als würden sie imaginäre Tasten berühren, und sein Blick schweifte unstet durch den Raum, auf der Suche nach – aber es war nichts da, was den Blick fesseln konnte, der Raum war spartanisch eingerichtet, die Wände schwiegen starr, die Fenster waren verhängt, kaum dass die einfachen Stühle ein wenig knarrten. „Ich bin“, so begann er etwas zu laut, so als hätte er Angst, dass niemand ihm zuhört, „ich bin ein Journalist. Ich schreibe, Leitartikel, Kommentare meistens. Ich möchte heute schweigen über – die politische Lage im Großen und Ganzen, die Parteien insbesondere, die derzeit laufenden Koalitionsgespräche, oh wie möchte ich schweigen über dieses politische Schmierentheater, diese matten Charakterdarsteller, diese" – Er hatte gerade begonnen, sich in Rage zu regen, seine Finger zuckten immer stärker, da unterbrach ihn der strafende Blick der Gouvernante; die anderen Teilnehmer des Stuhlkreises waren auch schon unruhig geworden und schauten strafend. Sofort schwieg er. Stille breitete sich aus; aber es war noch eine aufgeregte Stille, sie schien in energischen Sätzen zu schweigen, und manchmal durchquerte ein Ausrufungszeichen geisterhaft den Raum. Der Journalist krampfte die Hände zusammen, um die zuckenden Finger zu verbergen. „Es muss doch“, quoll es auf einmal aus ihm heraus, er schlug sich beinahe auf den Mund, aber die zweite Satzhälfte stieg empor, gegen seinen Willen, man sah es deutlich – „möglich sein!“

 

Die Gruppenleiterin seufzte. „Nun gut“, sagte sie, „wir waren schon einmal weiter“. Dann wies sie auf den Mann neben dem Journalisten, der etwas beschämt zu Boden schaute, offenbar kannten sich die beiden gut: „Du“, sagte sie, „was möchtest du uns heute verschweigen?“ Der Mann blickte auf. „Ich bin“, sagte er in sonorem mediengestähltem Ton, „ein Politiker. Welcher Partei – lassen wir heute mal außen vor, obwohl“ – sein Nachbar stieß ihm mit dem Ellenbogen ein klein wenig in die Seite, und er fing sich gerade noch: „Lassen wir das also. Ich möchte heute schweigen über – die Lage der Nation, die Menschen draußen im Lande, ganz besonders aber die Koalitionsverhandlungen“! Mit einem beinahe übermenschlich wirkenden Ruck brach er den Satz ab und kreuzte die Arme, die zu beredten Gesten ausgeholt hatten, eng vor der Brust; es sah aus, als wollte er sich selbst die Luft zum weiteren Reden abschneiden. Stille breitete sich aus; es war eine etwas aufgeladene Stille, einzelne Schlagworte schienen noch aufsteigen zu wollen, die sensibleren unter den Teilnehmern spürten auch eine gewisse Polarisierung. Der Politiker presste die Arme immer enger an sich, sein Blick schweifte unstet durch den Raum, um dann auf den abgedeckten Fenstern liegen zu bleiben. Sehr unscharf sah er dort sein eigenes Spiegelbild, sein ganzer Körper straffte sich, und er legte sein bestes Siegerlächeln auf.

 

Das rettete ihn knapp über die vorgeschriebenen drei Minuten. Wieder streckten sich auf den auffordernden Blick der Gruppenleiterin viele Finger in die Höhe, gerade noch, dass sie nicht anfingen, mit den Fingern zu schnipsen. Sie entschied sich dieses Mal für einen jungen Mann, der zum ersten Mal da war. Er war modisch gekleidet und sehr gepflegt, eigentlich hätte man ihn sich gern als schönen, schweigenden Jüngling in einer sehr hochwertigen Werbeanzeige vorstellen mögen. Und prompt sagte er in einer schmeichelnden Stimme, der man sofort ein Auto abgekauft hätte: „Ich bin“, er blickte wohlgefällig in die Runde, „ein Marketing-Fachmann, ich mache Kommunikationsdesign, Medienberatung, Coaching, hier hätte ich meine –„ „Nein“, sagte die Gouvernante, „so geht das hier nicht. Keine Verkaufsgespräche! Kommen Sie zum Punkt, wir haben unsere Zeit hier nicht gestohlen!“ Der junge Mann zuckte und wischte sich nervös mit den wohlgepflegten Händen durch das gegelte Haar: „Tut mir soo leid, kommt nicht wieder vor! Also, ich –„ und er machte eine kleine Kunstpause, es war fast schon ein Mini-Schweigen, aber dann hob er erneut an: „ich möchte heute schweigen über – nein, ich kann das nicht!“ Er brach ab, seine seidene Krawatte war etwas verrutscht, und es zeigten sich leichte Schweißperlen auf seiner schönen Stirn. Sein Nachbar legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm und nickte ihm schweigend zu. Die Gruppenleiterin sagte kein Wort. Das Schweigen breitete sich aus, es war ein etwas angestrengtes Schweigen, aber auch ein solidarisches; kleine Wellen von Mitgefühl klangen darin mit, aber auch ein Unterton von Ungeduld. Er versuchte es noch einmal: „Ich will heute schweigen von: dem Verkaufen. Dem Anpreisen. Dem Schönreden. Den Superlativen. Den Lügen, den ganzen Lügen! Ich will – schweigen“. Alle nickten beeindruckt. So sollte es sein: ein Schweigen aus vollem Herzen. Eine liebliche Stille breitete sich aus, sie hatte den Balsam des Vergessens aufgelegt und viele schlossen einen Moment die Augen und erlaubten sich einen kleinen wohligen Seufzer.

 

Doch schon nach kaum zwei Minuten stieg in den ersten Teilnehmern wieder die Unruhe empor. Einer bewegte immer wieder die Hände, sie wollten sich zu einer Art Segen formen; doch dann brach er wieder ab und verschränkte die Finger krampfhaft ineinander. Die Gruppenleiterin hatte ein Einsehen: "Du", sagte sie und zeigte auf ihn, "dann mal los!" Erleichtert atmete der Mann auf; er sah eigentlich friedlich aus mit seinem breiten, gutwilligen Gesicht, es erweckte Vertrauen, Verständnis, es versprach Verzeihung – genau wie seine litaneihaft schwingende Stimme, mit der er nun sagte: "Ich bin ein Priester, meine Brüder und Schwester" – er sah unsicher um sich, aber tatsächlich war auch eine junge Frau anwesend, er sah sie zum ersten Mal -, "und ich will heute zu Euch schweigen über: Gott. Die Liebe, seine Liebe. Seine Gnade. Vor allem aber will ich schweigen über Eure Sünden, über Eure Uneinsichtigkeit, Eure Undankbarkeit im Angesicht des – " gerade noch konnte er sich fangen. "Ein stilles Gebet", murmelte er noch, bevor sich ein etwas eingeschüchtertes Schweigen ausbreitete; es roch ein wenig nach Weihrauch, aber es versprach Frieden und Erlösung – an den Rändern jedoch drohte es auch ein wenig, so dass mehrere Teilnehmer ein wenig eingeschüchtert auf ihren Stühlen hin und her rückten und den Blick zu Boden senkten.

 

Sein Nachbar hielt es nach kaum einer Minute nicht mehr aus und versuchte das Wort zu ergreifen: "Ich muss doch sagen", doch sofort unterbrach ihn die Gruppenleiterin: "Niemand ergreift hier das Wort, wenn ich es nicht sage! Du" – und sie zeigt gezielt an dem Sünder vorbei, auf einen jungen Mann, er trug einen schwarzen Rollkragenpullover und die Sorte von zerrissenen Jeans, deren Rissen man ansah, wie viel sie gekostet haben; "du schweigst immer so schön. Wovon willst du heute schweigen?" Der junge Mann besann sich ein wenig, bevor er antwortete. Es war, als warte er darauf, dass die Worte in ihm aufsteigen; aber dann platzte er auf einmal hinaus: "Ich bin ein Dichter – und die Metaphern können mir gestohlen bleiben! Immer wollen sie, dass ich tiefe und bedeutungsvolle Dinge sagen, und dann verstehen sie sie nicht. Aber kritisieren, das können sie alle. Deshalb schweige ich jetzt über die Schönheit des Schweigens, seine sanften Flügel, sein unhörbares Rauschen, sein unsichtbares Lächeln, all das Nicht-Sagbare … " Er ließ den Satz elegant ausklingen, und tatsächlich war es so, als erhebe ein unsichtbares Wesen seine großen Schwingen, weit ausholend, aber ganz und gar unhörbar. Etwas unheimlich war es, aber auch entzückend, und alle hielten einen Moment den Atem an – da war es auch schon vorbei. Sogar die Gouvernante hatte einen Moment beinahe gelächelt, das passierte oft, wenn der Dichter schwieg; aber eigentlich wussten sie alle, es war ein kleiner Betrug, sie hatten ihm zu viele Worte zugestanden, und er hatte sie wieder einmal eingelullt mit seiner sanften Stimme, die gar nicht zu ihm passte, tief und hypnotisierend klang sie, aber eine Hypnose war kein wahres Schweigen.

 

"Du", sagte die Gruppenleiterin nun zum Ausgleich umso ruppiger zu dem vorletzten Mitglied der Runde, das sich eben vordrängen wollte; jetzt hielt es ihn wirklich kaum noch auf seinem Stuhl. Er hatte einen modischen Bürstenschnitt, die Hände schauten wohl maniküriert aus dem edlen Hemd – war es wirklich maßgeschneidert? – und am Armgelenk prangte eine Uhr, von der man sich vorstellen konnte, dass sie auch noch die Zeit auf dem Jupiter an einem schönen Frühlingstag im Universum anzeigte. Der Mann fiel auch dadurch auf, dass er immer wieder nervös in seine Jackentasche griff; an schlimmen Tagen hatten sie ihm das Handy abnehmen müssen, er hatte einfach seine Finger nicht davon lassen können. "Ja, du, jetzt bist du an der Reihe. Was willst du uns heute verschweigen?" "Zuerst und vor allem möchte ich sagen, wie außerordentlich", begann der Mann, der Dichter verdrehte die Augen und schaute zum Himmel, der Priester nickte mitleidig. "Entschuldigung", murmelte der Redner. "Zur Sache, ich weiß. Also: Ich schweige heute über – Geld; ich dachte, ich schweige einfach mal über Geld", wiederholte er, offensichtlich mit sich zufrieden; und auch die anderen nickten wohlgefällig; das hatten sie schon anders erlebt, und wenn er erst einmal anfing, über den Aktienmarkt zu schweigen, dann konnte man wirklich nervös werden. So aber trat ein Schweigen ein, das geradezu physisch erleichternd wirkte, weil es so vieles umfasste. Einige spürten, wie sich eine langjährige Beklemmung in ihrer Brust löste und wie auf einmal der spartanische Raum viel lebendiger aussah; waren es nicht eigentlich ganz gute, einfache Stühle, auf denen man saß, und war es nicht egal, dass der alte Teppich etwas schäbig aussah, wichtig war doch, dass man warme Füße hatte und dass man zusammen war und etwas teilte!

 

Beinahe fühlte man sich gestört, als die Gruppenleiterin, die Stunde näherte sich dem Ende, auf die junge Frau zeigte: "Du bist heute zum ersten Mal dabei, es ist sehr lobenswert, dass du dich nicht vorgedrängt hast! Herzlich willkommen! Worüber möchtest du heute mit uns gemeinsam schweigen?" "Alles", entfährt es der jungen Frau spontan; ihre Lippen mit dem blinkenden Piercing zittern dabei ein wenig. "Einfach alles! Ich bin eine Twitterin, und ich kann es nicht mehr hören! Ich habe der Welt alles erzählt über mich, einfach alles, jeden beschissenen Fur-", sie fängt sich gerade noch unter dem tadelnden Blick der Gouvernante, "jede Kleinigkeit, meine ich, echt, alles, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll" – "aufhören", flüstert ihr Nachbar, "aufhören sollst du!" "Genau", ruft sie erleichtert: "Also, hey!, ich schweig dann jetzt mal einfach über: Alles!" Eine sehr tiefe Stille breitete sich über den Raum aus. Sie war aber nicht einschüchternd; kleine Emojis durchquerten sie lächelnd, aber es war, als ob das Universum schwiege und man könnte ihm wohlwollend dabei zusehen, von einem fernen Stern in der Tiefe des Weltraums aus.

                  

"Und damit", so schloss die Gruppenleiterin nach drei Minuten mit den gewohnten Worten, "gehen wir schweigend auseinander". Einige nahmen sich beim Weggehen noch ein Bagel mit, es war eine liebe Gewohnheit, und man konnte in das Loch in der Mitte hinein schweigen, es verschluckte eine ganze Menge. Doch sobald der Erste die Tür öffnete, eroberte der Lärm den Raum wieder; Autos, Menschen, Hundegebell, oft war es, als hätte eine Sirene ihnen geradezu bösartig aufgelauert, und nicht wenige der Teilnehmer zogen sich eine Mütze über die Ohren, bevor sie auf die abendlich hektische Straße hinausgingen. Die Gruppenleiterin stellte die Stühle zusammen und sah ihnen hinterher. "Ich bin", so flüsterte sie etwas heiser, "ich bin eine Therapeutin. Ich möchte schweigen, oh, wie möchte ich schweigen! Aber einer muss ja zuhören, wenn ihr schweigt. Ich weiß, ihr braucht mich. Aber das Schweigen muss von innen kommen, eines Tages, eines fernen Tages –", und damit verließ sie den Raum.  

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