Der politische Wieland 

 

Short Cuts: 
Wieland zur Politik
in seinen Briefen


 

Kein Lobredner für große Herren

 

Und bin, wie du wohl weißt, ein für allemal zum Lobredner großer Herren verdorben. Ich glaube, wenn ich mit einem Epigramm von vier Versen auf irgend einen dermaligen Potentaten der Christenheit, der mehr als 500 Mann ins Feld stellen kann, meine Seele retten könnte, ich müßte sie zu Grunde gehen lassen.

(an Johann Heinrich Merck, 5.11.1780; WBr7,1, S. 310)

 

 

Niemals die Vorstellungsart der Götter der Erden!

 

Freilich werde ich von unsern Königen und regierenden Herrn nicht gelesen, und wenn dieß auch zufälliger Weise geschähe, so weiß ich sehr wohl, daß meine Vorstellungsart niemals die Vorstellungsart dieser Götter der Erde werden kann.

(an Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, 29.12.1792; WBr 11, 332)

 

Politische Zauberworte

 

Sind Sie nicht auch mit mir der Meynung, daß es besser wäre, anstatt Freyheit u Gleichheit, Gerechtigkeit u Ordnung zu den Grundpfeilern der neuen Ordnung der Dinge zu machen? Aber freylich denkt sich der große Haufe bey den letzten beyden letztern entweder gar nichts oder nichts das großen Reitz für ihn hat – da hingegen Freyheit und Gleichheit für die Sanskülotten wahre Zauberworte sind, womit man alles aus ihnen machen kann was man will.

(an Karl Leonhard Reinhold; WBr 11, 1, 317)


  

Aristokratischer und demokratischer Fanatismus

 

Mein Trost bey allem diesem ist, daß das mannichfaltige Gute, das die französische Revoluzion mitten unter den gräßlichsten Ausbrüchen des aristokratischen und demokratischen Fanatismus und aller übelthätigen Leidenschaften, in Bewegung gebracht hat, für die Menschheit nicht verloren gehen, sondern nach und nach, im Stillen, und ohne sichtbare, wenigstens ohne gewaltsame und erschütternde Bewegungen Tausendfältige Früchte tragen wird.

(an Johann Wilhelm Ludwig Gleim,12.4.1793; WBr 11,1, 395)

 

 

Unheilsschwangere Revolutionen

 

Ich kann mir Frankreich unter keinem andern Bilde vorstellen, als dem einer kreissenden Frau, die eine Leibesfrucht, welche dergestalt zur Geburt eingetreten ist, daß sie nun weder Vorwärts noch Rückwärts kann, zur Welt bringen soll, und nachdem sie alle ihre Kräfte vergebens angesträngt hat,endlich zugleich mit ihrem Kind unter den Händen der Geburtshelfer den Geist aufgiebt.

(an Karl Leonhard Reinhold, 29.5.-1.6.1795; WBr 12,1, 485)

 

 

Als Journalist nie zu diesem Handwerk getaugt

 

Und besonders regiert heut zu Tage unter unsern Herren Kollegen, den Journalisten, eine Unwahrheit oder wenigstens Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit, eine Gewissenlosigkeit über den Punkt des Rechts oder Unrechts, eine politische Willkührlichkeit und sofistische Politik, daß ich keinen andern Beweggrund, das Journalisten Metier je bälder je lieber aufzugeben, nöthig habe. Ich habe nie zu diesem Handwerk getaugt, und bin in meinen dermahligen Jahren gänzlich dazu verdorben.

(an Karl August Böttiger, 2.10.1798; WBr14,1, 357)

 

 

Die heillosen Künste des Lesens und Schreibens

 

Wiewohl Gott allein weiß, wenn der fatale Krieg seine Endschaft erreichen wird, und was, nach erfolgtem Frieden, die Kaiser Franz und Paul, und die Jesuiten, die unter einem neuen Nahmen wieder aufzustehen im Begriff sind, über Kultur Aufklärung und Litteratur beschließen werden, und ob man nicht vielleicht zur Grundlage der künftigen Verfassung Europens machen wird, alles Lesen und Schreiben, als heillose Künste die am Ende nur zu Revoluzionen führen, gänzlich abzuschaffen.

(an Georg Joachim Göschen, 5.8.1799; WBr15,1, 44f)

 

 

Wahrer Common Sense

 

Das, mein Freund, ist der wahre Common Sense, der uns armen Germanen fehlt. Aber gebt uns Englands Verfassung, Einen König, Ein Parlament in 2 Cammern, eine Habeas Corpus Acta und die Declaration of Rights, und in weniger als 50 Jahren soll man die deutschen Nation, die itz nicht einmahl eine Nation zu heissen werth ist, nicht mehr kennen.

(an Karl August Böttiger, 24.2.1804; WBr 16,1, 266)

 

 

Der rasche und leichtfertige Geist der Zeit

 

Aber überhaupt ist nur allzu wahr, was einer meiner Freunde neulich sagte, daß der Geist der Zeit so rasch und leichtfertig daherschießt, daß selbst Journale zu langsam für ihn gehen, und daß man alles, was von vielen gelesen werden soll, in Form von Wochenblättern und Daily Papers geben muß. Was wird am Ende noch aus diesem Zeitgeist und überhaupt aus unserm lieben Germanien werden?

(an Friedrich Rochlitz, 13.1.1806; WBr 17,1, 24)

 

 

Wo reden etwas helfen konnte

 

Aber ich scheine ruhig, weil ich schweige, und ich schweige, weil die Zeit vorbey ist, wo reden etwas helfen konnte, aber nichts geholfen hat, weil diejenigen nicht hören, nicht lesen, nicht denken wollten, deren Pflicht es war, für das Ganze zu sorgen und thätig zu seyn. Fragen Sie doch gelegentlich die Fürstin, ob Sie meine Gespräche unter vier Augen kennt? und unter diesen einen Traum, welche Verfassung Deutschland sich geben müßte, wenn es seinen alten Glanz u Wohlstand wieder erhalten und noch Jahrhunderte darin fortdauern sollte? – Es war ein Traum, und man ließ es einen Traum bleiben. Izt sehe ich diesen Traum Stückweise und gewisser maßen, durch eine fremde eiserne Hand realisieren - aber wie?

(an Sophie von La Roche, 1.9.1806; WBr17,1,112)

 

 

Die deutsche Sprache ein jämmerliches Kauderwelsch

 

Die ganze Geschichte der Menschheit liefert kein Seitenstück zu der Epoke, in welche die zweite Hälfte unser Lebens fallen mußte. … Was wir waren – was wir sind! was wir werden sollen! Die angestammte Verfassung, in welcher und durch welche die ungleich größere Mehrzahl (wiewohl von vielen unerkannter und undankbarer Weise) so glücklich war, zertrümmert! Die Deutschen nicht länger ein Volk, nur noch Sprachgenossen! Und ach! wie lange wird uns auch nur dieses Band zusammen halten. Wie wahrscheinlich ist es, daß die Sprache, in welche ich mit so vieler Mühe die Briefe Cicero’s übertrage, in weniger als 100 Jahren selbst eine todte Sprache, oder doch ein so jämmerliches Kauderwelsch sein wird, daß kein honetter Mensch sie mehr reden oder schreiben kann!

(an Elisabeth von Solms-Laubach, 8.5.1809; WBr 17,1, 596)

 

 

Europens allgemeine Noth

 

Denn was können wir uns von einem partiellen Frieden Gutes versprechen? Europens allgemeine Noth, dem Stillstand aller Gewerbe, der Hemmung aller Indüstrie, der Theurung u dem Mangel der uns unentbehrlich gewordenen Colonial-Waaren, dem Geldmangel, der Stockung aller Circulation, etc. etc. kann nur ein allgemeiner Friede abhelfen.

(an Elisabeth von Solms-Laubach, 31.7.-5.8.1809; WBr 17, 1, 641)

 

 

Sancta Simplicitas!

 

Ich, meines Orts, wüßte in der That nicht, daß ich (das Kreuz der Ehren Legion und der heiligen Sanct Anna ausgenommen!!) etwas anders als dies, beiden gewaltigen politischen Convulsionen, Eruptionen, Revolutionen und wie die onen alle heissen, die ein Einziger Sterblicher in den verfloßnen 12 Jahren bewirkt hat, gewonnen hätte. Denn, daß ich alle die schönen Moralischen, Politischen und Staatswirthschaftlichen Lehren, die sich daraus ziehen lassen, für meine Person gar nicht nöthig hatte, davon habe ich lange vor dem Jahre 1789. meine Proben schwarz auf weiß öffentlich abgelegt: auch hätten unsere Deutschen Fürsten und Gewaltshaber dieses etwas theuren und beschwerlichen cours de Politique, de Moral et d’Oeconomie p.p. sehr wohl überhoben sein können, der ihnen nicht mehr geholfen als das Bißgen Latein, so ihnen in ihren Knabenjahren, mühsam genug – für ihre Instructoren nehmlich – eingetrichtert wurde, und woraus sie nicht für einen Deut mehr gelernt haben, als sie zehnmal leichter und um ein Spottgeld aus dem Goldnen Spiegel hätten lernen können! – O! des guten goldnen Spiegels und seines ehrlichen treuherzigen, ächt Schwäbischen Verfassers, der sich in seiner sancta Simplicitas träumen ließ, daß er von den Königen, Churfürsten, Herzogen, Land- u Markgraven etc. und von allen Kron und Erbprinzen des damals noch (wiewohl etwas wackelnd) bestehenden heiligen Römischen Ex-Reichs begierig und mit großem Nutzen würde gelesen werden!! Wie wenig konnte die gute ehrliche Haut damals diese lieben Herren die sich bei den Maßnehmungen, wodurch sie uns zu Grunde richten, sowohl geschehen lassen, und sich um das, worum ihnen selbst alles gelegen ist, so wenig bekümmern als ob es sie gar nichts angienge!!!

(an Elisabeth zu Solms-Laubach,16.-24.8.1810; WBr 19,1, 169)

 

 

Verwicklungen und Einseitigkeiten

 

Und überhaupt liebe ich in Sachen die ihrer Natur nach, unendlich vielseitig und verwickelt sind, niemals einseitige VorstellungsArt und Aussprüche.

(an Johann Wilhelm von Archenholz, 7.2.1785; WBr 8,1, 407)

 

Johann Baptist Hössel, nach Hans Veit Friedrich Schnorr von Carolsfeld: Begegnung Christoph Martin Wielands mit Napoleon I. Bonaparte