Fünf Wege, Wielands
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen zu lesen
 

 

 

 

 

"Solcher Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern die auch Sinn für die Komposizion, Ausführung und Haltung des Ganzen haben, d. i. gerade für das, worauf Alles ankommt, solcher Leser wünsche ich mir recht viele."

 

Diesen etwas besorgt klingenden Wunsch äußerte Wieland in einem Brief an seinen Freund und Verleger Göschen, der das zunehmende Anwachsen von Wielands Altersroman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen (180-1802) mit einiger Sorge betrachtete. Viele solcher Leser wird der umfangreiche Schmöker allerdings wohl kaum gefunden haben, weder zur Zeit seiner Erstver­öffentlichung noch jemals danach. Obwohl inzwischen nicht mehr die Rede da­von sein kann, daß Wielands Spätwerk – und speziell der Ari­stipp – von der lite­raturwissenschaftlichen Forschung schnöde vernachläs­sigt wird, und obwohl seit 1988 eine umfangreich kommentierte Neuaus­gabe in der Bibliothek deut­scher Klassiker vorliegt, taugt der Roman ein­fach nicht zum leicht verdaulichen Lesefutter. Zum einen ist er nicht nur quantitativ schwergewichtig, sondern auch voller Zutaten mit be­schränk­tem Haltbarkeitsdatum in unserer schnellebigen Welt: reichhaltigen An­spielungen nämlich auf antike Texte und Kontexte, Figu­ren und Räume, Bildungswissen zuhauf. Daneben wurde ihm – vor allem von Wielands Zeitgenossen – seine Unmoral vorgeworfen: Sind die Hauptfiguren doch eine prominente Hetäre (die antike Lais) und ein berüchtigter Hedonist (der Sokrates-Schüler Aristipp); andererseits sind de­ren moralische Verwerflichkeit und ihr erotisches Verhältnis kaum weit genug getrieben, um nun heut­zutage wieder Leser anzulocken. Am schwersten im Magen lag den Lesern jedoch seit eh und je das vierte Buch des Romans, das zur Gänze über mehrere hundert Seiten die platonische Poli­teia (ebenfalls kein Leichtgewicht) referiert, er­läutert und bewertet. Und äußerlich kommt das Ganze auch noch als mehrstimmiger Briefroman daher – es gibt keine zentrale Identifikati­onsfigur, wenig spannende Handlung, romantische Liebesgeschichten nur in Bruchstücken; statt dessen Re­den über Reden über Reden, sei es im persönlichen Briefwechsel, im privaten Symposion, im philosophischen Dialog.  

 

Der Autor selbst hingegen, persönliche Befangenheit hin oder her, war durchaus anderer Meinung als der um seinen Umsatz besorgte Verleger. Aristipp war, wie mehrfach bezeugt, sein "Lieb­ling", sowohl die Figur als auch das Werk. Sein erster Plan zu einem Aristipp-Roman datiert schon aus dem Jahr 1774; Wieland erwog damals, der Anregung seines Lieblingsautors Horaz zu folgen, sich doch einmal ausführlich mit der Geschichte der Sokratischen Schule zu beschäftigen. Niedergeschrieben werden die vier Bände aber erst in den Jahren von 1798 bis 1801 in seinem geliebten "Osmantinum", dem ebenfalls nach dem Modell von Horaz und dessen "Sabinum" gebildeten Landgut in Oßmannstedt. Dessen Atmosphäre prägt nach Meinung vieler Interpreten den Roman; Wielands damaliger Sekretär Lütkemüller beschreibt das sehr anschaulich:

 

"Nie sah ich Wieland lebhafter, als da er die Briefe Aristipps und seiner Zeitgenossen zu schreiben anfing. Seine Seele war ganz voll von dem, was dieses Werk aufnehmen, schildern und beleuchten sollte, als ich eines Tages in sein Museum zu Oßmannstedt trat. Es war endlich einmal Zeit – , sprach er, – daß ich ein solches Werk begann. Eigentlich habe ich die Personen und Sachen, die darin vorkommen, schon von meiner Jugend an in der Seele getragen, und zum Theil auch, mehr oder minder historisch, zum Besten gegeben. Aber was ich früherhin auch that, und späterhin bald so, bald anders zu thun gedachte, ich wollte einmal auch die Geschichte der Sokratischen Philosophie schreiben, – nun erst ist es für mich die rechte Zeit, das klassische Griechenthum in einer seiner anziehendsten und inhaltreichsten Perioden zu überschauen und zu behandeln."


Gerade das vierte Buch über die platonische Politeia ­hielt Wieland im übrigen für "das wichtigste und beste morceau meines ganzen Werkes." Aber auch diesbezüglich gibt er dann doch in einem Brief an den ein wenig skeptischen Ver­leger zu:

 

"Ich weiß es nur zu wohl, daß die weitläufige Beurtheilung der Republik Platons, welche den größten Theil des 4ten Bands ausfüllt, für die große Majorität der Leser kein Inter­esse hat."

 

Eben deshalb schreibt Wieland primär, wie er im gleichen Brief betont, nicht für die "große Majorität", sondern für den "gebildeten Leser". Dieser ist die exakte Spiegelfigur eines Autors, der im Ari­stipp eine Art persönliche summa vorlegt, eine Lebens-, Wissens- und Erfahrungsbilanz, die auf reichhaltiger persönlicher Erfahrung und dem akkumulierten Wissen und Können eines langen Schriftstel­ler–, Philosophen- und Philologenlebens beruht. Gegenüber Göschen vertei­digt Wieland auch diese Einschät­zung des Aristipp als Höhepunkt und Abschluss seiner persönlichen Entwick­lung:

 

"Ich halte mich gewiß, auch Sie würden finden, daß ich allen meinen Werken die Krone dadurch aufsetze, und daß 50 Jahre meines vergangenen Lebens dazu nöthig waren, um mich fähig zumachen, dieses zu schreiben."

 

Vergleichbares fordert er nun von seinem idealen Leser – "aber unglücklicher Weise gibt es deren unter 100 kaum Einen – weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und Kunstsinn dazu erfodert wird, ein solcher Le­ser zu seyn, als ein Autor, der im Stand ist, solche Leser zu befriedigen." Der Leser soll sich also auf die gleiche kulturelle Höhe erheben wie der Autor. Er muß dazu nicht nur entsprechende intellektuelle Fähigkeiten und ein ge­schultes Geschmacksurteil mitbringen, sondern gar "Genie" – was zwar nicht im Sinne des schlechthin nicht willkürlich verfügbaren Origi­nalgenies zu ver­stehen ist, sondern eher im älteren Wortsinn von Witz, in­tuitiver Kombinations­gabe, angeborenem Einfühlungsvermögen und trai­nierter Urteilskraft. Offen­sichtlich ist der Aristipp trotz oder gerade wegen der Schwierigkeiten, die er der Rezeption entgegensetzt, auf eben diesen Leser ausgerichtet. Er bietet das fa­cettenreiche Bild eines langfristigen in­di­vi­duellen Kultivierungsprozesses und wendet sich an alle rezeptiven Fä­hig­keiten eines wohlgeschulten Le­sers.

 

Dies alles sage ich natürlich nicht, um Sie nun endgültig von der Lektüre dieses schwergewichtigen Romans abzuschrecken; ich sage es, um Sie zu motivieren, sich den nicht zu übersehenden Schwierigkeiten der Lektüre zu stellen und das Vorhaben nicht zu verharmlosen. Der Aristipp ist keine leichte Nachttisch-Lektüre für den einmaligen Genuß, sondern ein Bildungsunternehmen für den ambitionierten Leser – also Arbeit; aber umso lohnender ist dann auch das Erfolgserlebnis!

 

Ich will im folgenden jedoch, um Sie nicht ganz allein zu lassen, verschiedene Zugänge zum Roman skizzieren, die auch in der Forschung schon vielfach behandelt wurden; es gibt nämlich, und das ist durchaus im Sinne Wielands, sehr viele Arten, diesen Roman zu lesen. Ich werde dabei, soviel Egoismus muss sein, mit meiner eigenen Interpretation beginnen, die da lautet: Der Roman ist ein Kulturroman; er behandelt das Oberthema Kultur in all seinen Facetten – in kulturgeschichtlicher, kultursoziologischer, kulturanthropologischer und kulturphilosophischer Hinsicht –, aber zugleich auf ungleich anschaulichere und auch lebensnahere Art als die diversen Kulturtheorien, die zu Wielands Zeit wie auch heute, wo Kultur wieder zu einem Mode- und Universalwort der Welterklärung geworden ist, im Umlauf waren. Ich will dazu einleitend etwas ausführlicher – was sich nun gerade in diesem Jahr 2008 der Weltgeschichte anbietet – auf die Olympia-Episode zu Beginn des Romans eingehen.

 

1. Die Olympia-Episode – der Kulturroman

 

Gleich am Beginn seiner persönlichen Bildungsreise durch die griechischen Stadtstaaten erklärt der junge Aristipp den Besuch der Olympiade zunächst zum zeitgenössischen Top Act: "und aus der Welt zugehen, ohne die Olympischen Spiele und den Jupiter des Fidias gesehen zu haben, wahrlich, da verlohnte sichs kaum der Mühe da gewesen zu sein!" In dieser Erwartung wohnt er nun einem olympischen Faustkampf bei, der ihn zunächst mit "einer seltsamen Art von schauderlichem tragischen Vergnügen"erfüllt. Das Vergnü­gen hat jedoch bald ein Ende, als er,"nach einem kaum viertelstündigen Kampf, einen der Athleten,der kurz zuvor die Schön­heit eines Paris oder Nireus mit der Stärke eines Milanion vereinigt dar­stellte, und einer Bildsäule des Apollo selbst zum Modell hätte dienen können, für tot aus den Schranken hinaus tragen sah, so übel zugerichtet, daß keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrümmerten Gesicht und an seinem ganzen, zu einem unförmlichen Klumpen zusam­mengeschlagenen Leibe zu erkennen war."

 

Wohlgemerkt, das ist der allgemein als zimperlich und schöngeistig gel­tende Wieland, der diese sehr deutlichen Zeilen zu Beginn des 19. Jahrhun­derts schreibt, das bekanntermaßen einem sehr idealisierten Griechenlandbild ("edle Einfalt und stille Größe", so das bekannte Winckelmann-Diktum) hul­digt. Die Episode aus dem Anfang des ersten Buches dient dabei in mehrfacher Hinsicht als Exposi­tion, also als Lesereinführung: Sie präsentiert die Hauptfigur, Aristipp, als neugierigen, populä­ren Sensationen durchaus nicht ab­geneigten, jedoch gleichzeitig sich kritisch seines eigenen Verstandes bedienen­den jungen Mann; sie zeigt das ver­meintliche Kulturvolk der Griechen von sei­ner dunklen Seite; und nicht zuletzt demonstriert sie wichtige poetische Verfahrensweisen und Themen, die auch die weiteren ästhetischen Debatten des Romans prägen. So wird der Athlet in all seiner jugendlichen Schönheit nicht be­schrieben, sondern mit mythologischen Vorbildern verglichen; dabei werden diese auf bezeich­nende Weise gemischt; und schließlich wird der Athlet wegen seiner beson­deren Schönheit als virtuelles Modell für ein Kunstwerk qualifiziert. Es geht also auch um das Verhältnis der Menschen zu den Göttern, um dasjenige von Realität und Idealität, und um einen möglichen Kanon der Schönheit – und damit Themen, die auch die Gestaltung des Romans selbst bestimmen.

 

Außerdem kann der geschilderte Vorfall auch auf das zentrale kulturtheoreti­sche Thema des Romans schlechthin bezogen werden: die Verbesserungsfähigkeit des Menschen nämlich, so­wohl als Indi­viduum als auch als Gattungswesen verstanden, und sein Verhältnis zur Gesellschaft (dass ist ein Kernthema der Aufklärung und eines, das sich offensichtlich bis heute nicht erledigt hat). In einem auf den Faustkampf folgenden Gespräch des ange­widerten Aristipp mit dem Athener Sokrates-Schüler Antisthenes und ei­nem Anhänger der eleatischen Schule des Parmenides weitet sich die zunächst instinktive Ableh­nung Aristipps zu einer veritablen kulturkritischen Diskussion aus. Dabei leugnet der Philosoph Antisthenes zu­nächst einen möglichen praktischen Nutzen der sportlichen Übungen: Ange­sichts der Fortschritte in der militä­rischen Technik und der Kriegsführung seien leichtbekleidete und ver­wundbare Läufer nun wahrlich das letzte, was die Na­tion bräuchte – ein durchaus ernstzunehmender, pragmatischer und realistischer Einwand. Darüber hin­aus sei jedoch die Veranstaltung im allgemeinen nicht mehr zeitgemäß und eher rufschädigend für eine moderne Kulturnation:


 

"Mit welcher Stirne können wir auf unsre wirklichen und vermeinten Vorzüge so stolzen Griechen alle übrigen Erdebewohner Barbaren nennen, so lange es eine unsrer größten Glückseligkeiten ist, alle vier Jahre zusammen zu kommen, um uns, zu gemeinschaftli­cher Belustigung, in die Zeiten zurückzusetzen, da unsre ei­genen Vorfahren wenig besser als rohe Waldmenschen, Räuber und Abenteurer waren, und an Humanität und Sittigkeit weit hinter den meisten Asiatischen Völ­kern zurückstanden? Wie übel ziemt es uns, die an eine edlere Denkart und Ge­schmack am Schönen und Erhabenen Anspruch machen, auf die Kunst einander die Glieder zu verrenken [...] einen so hohen Wert zu setzen [...]?

 

Antisthenes verweist damit zum einen auf einen bekannten Topos der kul­tur­theoretischen Debatte: die Abgrenzung der Kultivierten von den Barba­ren, wie sie die Griechen vornahmen und damit ein Leitbild der Kulturtheorie bis in unsere Zeit prägten. Der Roman übt nicht nur hier an dieser Unterscheidung Kritik; späterhin ist gar ausdrücklich die Rede vom barbarischen Völkerrecht der Griechen, die frei geborene Men­­schen nicht nur sprachlich ausgrenzen, sondern sogar zu Sklaven ma­chen. Zum anderen wird hier erstmals ein positives Kulturverständnis skizziert: eine Welt- und Lebens­haltung, die dem Entwicklungsstadium einer Nation angepasst ist und ihren Fortschritt an "Humanität und Sittigkeit" im Vergleich zu ande­ren Völkern widerspiegelt. Dieser Humanitätsbegriff wird verbunden mit geistigen Vor­zügen wie einer "edleren Denkart" – also wohl ei­nem morali­schen Fort­schritt – und dem "Geschmack am Schönen und Erhabe­nen" – einer ästhe­tischen Kategorie; ein erster Hinweis auf das von der sokrati­schen Philosophie geprägte Ideal der kalokagathie, das In-eins-Gedachte Gute und Schöne, das später noch mehrfach thematisiert werden wird.

 

Es ist bezeichnend für den Roman, daß diese erste – offensichtlich eher idea­listische – Kulturkonzeption nicht unwidersprochen stehen bleibt. Viel­mehr ver­teidigt der zweite Gesprächspartner, der Eleat, die Kampf­spiele mit zwei prag­matischen und modern klingenden Argumenten. Zum einen stellt er sie als eine Art von Wirtschaftsförderung dar – die ganze Re­gion verdanke dem Spektakel ihren Wohlstand. Das weist hin auf den Vergleich verschiede­ner griechischer Stadtstaaten in ihrer wirtschaftlichen, po­liti­schen und kulturellen Konstitution, der im Roman immer wieder betrieben wird.Ökonomischer Wohlstand wird dabei als unentbehrliche empi­rische Voraussetzung für kulturelle Blüte verstanden. Zum zweiten, so der Eleat weiter, handele es sich bei den Olympischen Spielen um eine wichtige soziale Institu­tion für die ganze grie­chi­sche Nation:

 

"Wir vergessen in diesen halcyonischen Tagen aller Beleidigungen, aller Eifersucht und Rache, um uns bloß unsers gemeinsamen Ursprungs zu erinnern, und die Bande von neuem zusammen zu ziehen, womit gemeinschaftliche Götter und Tem­pel, eine gemein­schaftliche Sprache und das große Interesse unsre Unabhängigkeit gegen auswärtige Mächte zu behaupten, die in so viele Stämme und Zweige ver­breitete Nachkommen­schaft Deukalions zu einem einzigen Volke verbunden ha­ben, das durch seine Kultur das erste in der Welt ist, und durch Eintracht unüber­windlich und unvergänglich dem ganzen Erdboden Gesetze geben würde."  

 

Explizit werden hier Rahmenbedingungen genannt, die für den kulturellen Fort­schritt unerlässlich sind. Kultur ist nicht das Werk eines einzelnen, son­dern einer Gemeinschaft; diese definiert sich sowohl durch gemeinsame praktische Interes­sen nach außen – wie die Selbstbehauptung gegen andere – als auch durch ge­meinsame Werte und Symbolsysteme (wie die Sprache und die Religion) nach innen. Die gemeinsamen Ursprünge werden symbolisch im kulturellen Gedächt­nis gespeichert und regelmäßig in Festen und Ri­tualen erneuert. Neben die phi­losophisch-idealistische Kulturauffassung tritt eine sozial-pragmatische; wäh­rend Antisthenes sozusagen als konser­vativer Kulturphilosoph spricht, antwortet ihm mit dem Eleaten ein pro­gressiver Kultursoziologe.

Damit stehen gleich zu Beginn des Romans zwei unterschiedliche Kul­tur­konzeptionen gegeneinander, die – und auch das ist bezeichnend für das Werk als Ganzes – nicht inhaltlich vermittelt werden sollen. Jeder darf auf seinem Standpunkt bleiben, solange die äußere Form gewahrt wird: "Wir kamen indes­sen, da der Eleer ein sehr höflicher Mann war, noch ganz friedlich aus einander; denn die Höflichkeit hat dies eigene, daß sie es dem Andern unvermerkt un­möglich macht, so grob zu sein als er wohl Lust hätte". Der konventionellen Höflichkeit des Eleaten entspricht die elegan­tere Form der Urbanität des Athe­ner Philosophen – verschiedene For­men der "Polizierung", der Veredlung und Verfeinerung der Sitten, die Wieland in seinem Werk differenziert ein- und umsetzt.

 

2. Die Emanzipation der Frau -
der Liebes- und Eheroman
 

 

Soweit zur Olympiade (und Sie sehen, die Bezüge zur Gegenwart sind auch hier durchaus gegeben, ohne dass ich sie im einzelnen aufzählen müßte). Ich habe diese kleine Episode so ausführlich behandelt, weil sich an ihr gut zeigen lässt, wie dicht Wieland seine zentralen Themen und Motive verwebt, wie selbst in Details eine Bedeutungstiefe steckt,die sich nur im Blick auf den Gesamtroman erschließt, wie schließlich Inhalt und Darstellungsform aufs Engste miteinander verbunden sind. Aristipps einleitender Bericht aus Olympia bietet damit auch für den Leser eine geradezu vor­bildli­che Exposition in zentrale Themen und formale Konzepte des Ro­mans. Er führt sowohl anhand praktischer Beispiele als auch theoretischer Reflexionen in die kulturtheoretische Problematik ein; er reißt weitere Kernbereiche des Werks an, wie die Diskussionen um die Schönheit oder den politischen Kontext kulturellen Erlebens; und er gibt ein Bei­spiel für die Formen der Auseinan­dersetzung, die der Roman propagiert.  

 

Weitere Lektürezugänge werde ich im Folgenden nur kursorisch behandeln können. Am naheliegendsten ist es natürlich – besonders für den nicht-fachlichen Leser, aber für den schreibt Wieland schließlich, nicht für die Wissenschaft – die Lektüre als Liebesroman; nicht wenige Leser werden sich schon in die schöne Lais verliebt haben, auch wenn Schiller etwas missgünstig schreibt: "Wenn man es nur nicht als eine aesthetische Composition betrachtet, so hat es recht viel gutes, freilich mag man seine Ideale nicht,und weder seine Lais noch sein Aristipp haben mich erobert." Hingegen verteidigte Wieland von Anfang an seine Entscheidung, ausgerechnet eine berüchtigte Hetäre zu einer Hauptfigur seines Altersromans zu machen: Es handele sich um eine der "merkwürdigsten Personen" der dargestellten Zeit – "Und was machte sie [dazu?]? Nicht sowohl Schönheit und Liebreiz! Wie groß diese auch sein mochten, sondern vielmehr eine Bildung und Liebenswürdigkeit, die noch außerordentlicher waren als jene. In ihr blühte für die gebildetsten Griechen jener Zeit das Höchste und Vollkommenste schöner und holder Weiblichkeit". Gleichzeitig verteidigte er jedoch – und auch das gehört zur Vielstimmigkeit des Romans – die bürgerliche Ehe, die er selbst ja 36 Jahre lang geführt und als außerordentlich positiv empfunden hatte:"Übrigens wird sich in der Griechenwelt, welche vor mir liegt, auch Gelegenheit finden, dem Ehestande, wie ich seines Ortes immer gethan habe, alle gebührende Hochachtung zu erweisen, und häusliches Familienwohl, so wie es seyn kann und seyn soll, als das reinste und vollste Glück dieses Lebens darzustellen."

 

Deshalb erzählt der Roman nicht nur die Liebesgeschichte – oder ist es doch "nur" eine Freundschaft und Seelenverwandtschaft? – der schönen Lais und des weisen Aristipp, sondern auch die Ehegeschichte von Aristipp und Kleone; er zeigt daneben aber auch noch einige andere Lebens- und Beziehungsformen, z.B. die freie Liebe zwischen der Ex-Hetäre Timandra und dem Sophisten Hippias. Daneben enthält er eine der frühesten Darstellungen weiblicher Emanzipationsbemühungen in der deutschen Literatur. Die schöne Lais trägt ihre persönliche Analyse des Verhältnisses der Geschlechter mit drastischer Deutlichkeit vor: Frauen und Männer befänden sich in einem permanenten Kriegszustand, die Frauen könnten deshalb gar nicht anders, als die Männer "überhaupt als eine feindliche Macht" zu betrachten und sich dementsprechend wehrhaft zu verhalten. Lais gründet diese düstere Einschätzung der Geschlechterbeziehungen vor allem auf eine lange, leidvolle und immer noch allgegenwärtige historische Erfahrung: Es sei eine "unleugbare Tatsache", "daß der weibliche Teil der Menschheit sich beinahe auf dem ganzen Erdboden in einem Zustande von Abwürdigung und Unterdrückung befindet, der sich auf nichts in der Welt als Überlegenheit der Männer an körperlicher Stärke gründen kann; da die Vorzüge des Geistes, in deren ausschließlichen Besitz sie sich zu setzen suchen, nicht ein natürliches Vorrecht ihres Geschlechts, sondern eine der Usurpazionen sind, deren sie sich kraft ihrer stärkeren Knochen über uns angemaßt haben." Männer sind also von Natur aus nicht klüger, sondern nur stärker; und diesen Startvorteil hat das weibliche Geschlecht im Verlauf der Kulturgeschichte bisher nicht aufholen können. Zwar sei, so Lais, bei "polizierten Nationen" die körperliche Gewalt derart in Verruf geraten, daß die Männer nun zu den subtileren Waffen von Schmeichelei und Liebkosungen greifen müßten. Die Frauen würden jedoch weiterhin, nun eben von kultivierten Barbaren, zu "Sklavinnen ihrer Bedürfnisse oder als Werkzeuge ihres Vergnügens" domestiziert. Deshalb fühlt sich Lais geradezu verpflichtet, den Spieß herumzudrehen und umgekehrt – aufgrund der besonderen Macht, die ihr die Natur durch ihre Schönheit verliehen hat – die alten Gegner zu versklaven, um ihre eigene Freiheit zu erhalten.


Für Lais ist der Kampf der Geschlechter also nicht etwa düstere Vorzeit, sondern wie für den größten Teil aller Frauen bittere Gegenwart. Die konventionellen Möglichkeiten des Friedensschlusses, die sich ihnen bieten, schließt Lais für sich selbst aus: Bevor sie eine "ehrbare Matrone" wird, versucht sie lieber, eine "so seltne Hetäre wie Aspasia oder Thargelia zu sein". Diese etwas hochnäsig klingende Verachtung des Ehestandes führt Lais nun aber nicht nur ausschließlich auf die Böswilligkeit der Männer zurück, sondern auch auf die Macht gesellschaftlicher Normen, denen sich die griechischen Frauen nicht hinreichend entziehen. So liegt das Grundübel bereits in der Erziehung, die an dieser Stelle nun explizit auch für die weibliche Jugend thematisiert wird; sie bereitet die Mädchen nämlich ausschließlich auf die vollständige Erfüllung des Rollenklischees als willige Sklavinnen im eigenen Haushalt vor:

 

"Du weißt vermutlich, wie wenig bei der Erziehung der Griechischen Töchter in Betrachtung kommt, daß sie auch eine Seele haben, und daß die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als möglich Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nötig hat, um (wo möglich) schöne Kinder zu gebären, ihre Mägde in der Zucht zu halten, und die Geschäfte des Spinnrockens und Webstuhls zu besorgen."

 

Die Seele hat kein Geschlecht – mit dieser Formel beruft sich Lais auf eine allgemeine, geschlechtsunabhängige Menschenwürde, die jegliche Instrumentalisierung von Personen zu Zwecken, die außerhalb ihrer selbst liegen, prinzipiell untersagt. Den griechischen Frauen wird gerade nicht zugestanden, was Aristipp und andere männliche Figuren von Jugend an verfolgen, nämlich die umfassende Ausbildung ihrer Person. Junge Mädchen werden gezielt an Geist und Seele verkürzt, um später ihre bescheidenen Aufgaben demütig und ohne Auflehnung zu erfüllen; sie werden von jeglichen über den Haushalt hinausgehenden sozialen Kontakten ausgeschlossen.  

 

Eben die Vielfalt und Qualität sozialer Kontakte ist es jedoch, die der vielfältig begabten und selbstbewussten Lais über alles gehen. Da die Frauen ihrer Generation davon durch ihre Erziehung systematisch ausgeschlossen sind, bleiben ihr nur die vorher so arg geschmähten Männer als gleichwertige Gesprächspartner: Gegen die "tödliche Langeweile" hilft nur "gute Gesellschaft, oder was in Griechenland wenigstens eben so viel ist, Männergesellschaft." In diesem Zusammenhang taucht mit dem Begriff des Umgangs ein weiterer Topos aus dem Umkreis der Geselligkeitsideale (wie Urbanität oder Poliziertheit) auf. Der gute Umgang ist für Lais "das einzige Mittel wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann". Ebenso hatte Aristipp gezielt den Kontakt mit Sokrates gesucht, um im alltäglichen Miteinander von seiner Weisheit zu lernen. Offensichtlich ist der "Umgang" die angemessene Form eines lebendigen Lernens an Vorbildern, die mit den Maximen ihres Handelns zugleich ihre Persönlichkeit vorführen. Werden die Frauen von diesem geselligen Umgang ausgeschlossen, verlieren nicht nur sie selbst, sondern auch die gute Gesellschaft ein gutes Teil an zusätzlichen Kultivierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Aristipp betont denn auch die allseitigen Vorteile, die die liberalere Behandlung der Ehefrauen in seinem eigenen Haushalt in Cyrene allen verschafft habe:"ohne sie [die Frauen] würden wir nur mit halbem Mute fröhlich sein können; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Göttern."

 

3. Identitätsproblematik und Lebensplan -  

der psychologische Roman 

 

Auch am Beispiel der Geschlechterproblematik kann man so sehen, wie dicht zentrale Themen und Darstellungsformen des Romans miteinander verknüpft sind: Die Benachteiligung der Frau ist gleichzeitig ein pädagogisches, gesellschaftliches, historisches und kulturelles Problem - und offensichtlich ebenfalls von bleibender Aktualität.  

 

Eine weitere, "moderne" Lesart wäre die Lektüre des Aristipp als psychologischer Roman, der neben interessanten Charakterstudien auch ganz konkrete Lebenshilfe zu bieten hat. So könnte man die Titelfigur durchaus als Modell eines modernen, kulturell vielseitig interessierten, gesellschaftlich engagierten Intellektuellen lesen, der einen gezielten "Lebensplan" verfolgt (und das ganz ohne personal trainer!) Dieser Lebensplan beruht auf der reflektierten Analyse der eigenen Anlagen – der "individuellen Form" seiner Natur, seiner genetischen Grundausstattung, wie wir vielleicht sagen würden – und der daraus resultierenden Verpflichtung zu ihrer Ausbildung wie Darstellung im Leben – also, dem was man aus seinen natürlichen Anlagen unter bestimmten Umgebungsbedingungen und äußeren Einflüssen macht. Dabei ist Aristipp ein wahrer "Mann ohne Eigenschaften", um Robert Musil zu zitieren: vielseitig begabt, von gleichmütigem Temperament und auch durch äußere Glückumstände privilegiert, sprich: reich. Er selbst sieht das positiv:"Aber freilich interessiert mich auch beinahe Alles in der Welt". Deshalb betreibt er neben der Grundausbildung in Philosophie und Rhetorik bei Sokrates und Hippias auch Musik und Astronomie bei den Pythagoräern sowie als Hobby-Botaniker Natur- und Kräuterkunde. Nach der Beendigung seiner odysseeischen Studienreisen jedoch tritt die Selbstausbildung zurück, um in einer neuen Lebensphase der "Mitteilung" seiner Kenntnisse und Fähigkeiten größeren Raum zu gewähren – ein Verhalten, das er letztlich auch Lais anempfiehlt, die sich jedoch wesentlich unflexibler zeigt und dafür vom Leben selbst bestraft wird. Aristipp gehorcht hingegen dem allgemeinen biologischen Lebensrhythmus – "Ich fange an sehr lebhaft zu fühlen, daß uns beim Eintritt in die männlichen Jahre eine bestimmtere Art von Beschäftigung immer unentbehrlicher wird" – und einer sozialen Verpflichtung: "Indem ich andere lehre, bringe ich meinen eigenen Vorrat alles dessen, was ich durch Erfahrung, fremden Unterricht, Reisen, Forschen und Nachdenken erworben habe, in bessere Ordnung, sehe was davon für mich selbst und andere brauchbar ist".  

 

Doch Aristipp wirkt nicht nur direkt pädagogisch, sondern auch mittelbar durch seine Tätigkeiten als Kultursponsor in seiner Heimatstadt, dem nordafrikanischen Cyrene, und schließlich wohl am stärksten durch die vorbildliche Wirkung seines als "kleine idealische Republik" beschriebenen Familienverbandes auf Freunde und Bekannte. Sein Bürgerleben weist die gleiche Zielstrebigkeit und ein ähnlich hohes Reflexionsniveau wie seine Ausbildungsphase auf. In Cyrene macht er es sich zur Gewohnheit, sich nach den Zerstreuungen des Alltags nachts zurückzuziehen und in den dadurch gewonnenen "Digestionsstunden meines Geistes, die zu meiner Lebensordnung so notwendig sind", über die Ereignisse des Tages Rechenschaft abzulegen. Aus all dem wird ersichtlich: Aristipp betreibt seine "Selbstverwirklichung" nicht als unverbindliches Hobby oder Ego-Trip, sondern als arbeitsreiches Pflichtprogramm mit straffen äußeren Strukturen. Dabei können einzelne Lebensphasen unterschiedlich gestaltet werden; wichtig ist aber, daß sie gestaltet werden müssen, und daß Aristipp auch im gemächlichen Bürgerleben in Cyrene gezielte Anstrengungen unternimmt, um an der allgemeinen kulturellen Kommunikation teilzunehmen wie auch die eigenen Kenntnisse, wenn schon nicht weiter zu entwickeln, so doch zumindestens auszuwerten und zu systematisieren.

 

4. Cyrene vs. Athen - der politische Roman 

 

Es ist kein Zufall, dass Aristipp seinen Lebensplan eng an seine Heimatstadt, das nordafrikanische Cyrene, bindet. Damit geht der psychologische Roman direkt in einen politischen über: Cyrene verdeutlicht nämlich gleichzeitig exemplarisch die Diskussion um die Vor- und Nachteile verschiedener Regierungsformen, die ebenfalls ein zentrales Romanthema ist und sowohl praktisch vorgeführt wie auch theoretisch diskutiert wird (ausführlich dann im vierten Buch am Beispiel der platonischen Politeia). Vieles erinnert dabei in überraschender Weise an aktuelle politische Entwicklungen, beispielsweise nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in den osteuropäischen Teilstaaten. Zu Beginn der Handlung befindet sich Cyrene in einem sehr labilen Zustand: Nach dem Erlöschen der letzten Herrscherlinie hatte sich für kurze Zeit eine "ziemlich anarchische Demokratie" entwickelt, die bald darauf unter allgemeiner Zustimmung in eine Aristokratie gewandelt wurde. Diese ließ sich zwar trefflich an, degenerierte jedoch innerhalb dreier Generationen zu einer streitsüchtigen Oligarchie. Das weitere Schicksal Cyrenes scheint sich zunächst durch traditionelle Mittel der Machtpolitik, nämlich gewalttätige Auseinandersetzungen und kaltblütige Intrigenmorde, zu entscheiden: Die bösen Oligarchen besiegen die patriotischen Demokraten unter Einsatz von Söldnerheeren und fortschrittlicher Waffentechnik in einer Entscheidungsschlacht auf dem Marktplatz; die Überlebenden gehen in den Untergrund, und die Sieger reduzieren sich selbst von einem Triumvirat auf einen einzigen Aspiranten, der sich zum König krönen läßt. Der neue Alleinherrscher Ariston ruft Brot und Spiele aus und fällt dem Wohlleben in vollem Maße anheim. Offensichtlich vernachlässigt er dabei seine Führungsaufgaben aber zu stark, denn seine Regierungszeit ist nur von kurzer Dauer; und nach seinem unblutigen Sturz setzt sich ein aus Schaden klug gewordener Konvent zusammen, um nun, "wo nicht die beste Verfassung, die sich denken läßt, wenigstens die beste, die unter den gegenwärtigen Umständen möglich ist, zu geben".

 

Nach einem reichlich blutigen Vorspiel scheint sich in Cyrene alles zum Besten zu wenden; man hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und vertraut nun nicht mehr nur den Personen, sondern will ihnen mit einer ausgeklügelten Verfassung gleichzeitig Grenzen setzen und positiven Gestaltungsraum schaffen. Deren Vorbild ist die alte solonische Verfassung für Athen, die Aristipp im zwölften Brief des ersten Buches ausführlich geschildert hatte. Während das athenische Modell dabei stark an moderne Mehrkammersysteme erinnert, gemahnt die cyrenaische Verfassung im Detail eher an eine Kommunalverwaltung – was ja der unterschiedlichen Größendimension der beiden Stadtstaaten durchaus angemessen erscheint. Die Machtverteilung zwischen den verschiedenen Interessen- und Standesgruppen ist auch hier der erste Grundsatz. Im 100köpfigen Senat sind die ältesten Familien der städtischen Aristokratie auf Lebenszeit repräsentiert. Er steht unter der Leitung eines Epistates als Siegelverwalter und ausführendes Organ mit unbedingter Befehlsgewalt. Dieser soll die rasche und zielstrebige Umsetzung von beschlossenen Maßnahmen befördern und verhindern, daß im Marsch durch die Institutionen Projekte und Entscheidungen verzögert und lahmgelegt werden. Seine sehr starke Machtposition soll dadurch vor Korruption bewahrt werden, daß sie nur für 30 Tage gilt. Der Senat tagt regelmäßig und häufig, nämlich sechsmal im Monat, und hat unmittelbare legislative, judikative und exekutive Gewalt. Den Gegenpol zur aristokratischen Oberkammer bildet der große Rat der Volksversammlung mit 192 auf Zeit gewählten Vertretern der verschiedenen Stadtquartiere. Er hat eine Art Vetorecht bei allen Gesetzen, die die Gemeinschaft als Ganzes betreffen, und entscheidet mit über die existentiell wichtigen Fragen von Krieg und Frieden.  

 

Der komplizierten Konstruktion sieht man unschwer die Grundsätze an, die die cyrenaischen Verfassungsväter geleitet haben. Zum ersten sollte dafür gesorgt werden, daß die im Volk vertretenen ständischen Gruppierungen "in einer ziemlich zweckmäßigen Proporzion" vertreten sind. Deshalb gibt es sowohl quantitative wie auch qualitative Gewichtungen und nicht nur einen einfachen Zahlen- und Besetzungsschlüssel: Der Senat ist zwar deutlich kleiner als die Volksversammlung, aber nicht in dem Maße, wie es der realen Bevölkerungsverteilung entspricht. Zudem werden im Senat alle Funktionen mit persönlicher Verantwortlichkeit angesiedelt, also Minister- und Verwaltungsposten, während die Volksversammlung nur als Kollektiv agiert. Proportional bedeutet hier also offensichtlich nicht "one man, one vote", sondern jeder nach seinen Fähigkeiten –und diese werden bei den Mitgliedern der Aristokratie in einem höheren Maße vorausgesetzt als beim ungebildeten Volk.

 

Der zweite Grundgedanke der Verfassung ist: Der Staat muß unter allen Umständen handlungsfähig bleiben und schnell auf veränderte politische Situationen reagieren können. Deshalb sind die traditionellen drei Gewalten der Legislative, Exekutive und Jurisdiktion im Senat vereint bzw. in der Ausführung noch stärker auf den Senatsvorsteher, den Epistates als eine Art Kanzler konzentriert. Die kurzen Beratungs- und Entscheidungszyklen tragen ebenfalls zur Beschleunigung der politischen Willensbildung wie -ausübung bei.  

 

Zum dritten enthält die Verfassung ein starkes und vor allem strafbewehrtes Verantwortungsprinzip. Die allgegenwärtige Korruptionsgefahr soll durch mehrere Maßnahmen eingedämmt werden. Die erste ist ein striktes Rotationsprinzip mit Fristen, die um so kürzer sind, je größer die Machtspielräume der einzelnen Positionen sind; also eine extrem kurze Amtsdauer von nur 30 Tagen für den Epistates als Kanzler und ein Jahr für die Präsidenten, die Eparchen. Auf Lebenszeit sind allein die Mitglieder des Senats bestellt; allerdings gibt es hier ein Mindestalter von 35 Jahren. Das aristokratische Prinzip der Auswahl der Besten schimmert auch hier deutlich durch: Wer zur gesellschaftlichen Elite gehört, erhält ab einem gewissen Alter eine Art politisches Reifezeugnis summarisch ausgestellt, das allein im Vertrauen auf seine privilegierte Ausbildung und seine umfassendere Welterfahrung gründet.  

 

Zum vierten und letzten liegt in der Verfassung von Cyrene schließlich ein Schwerpunkt auf Gesetzgebung und Rechtsprechung. Der dadurch ausgedrückte Geist der Gerechtigkeit soll den Zusammenhalt der Bürgerschaft gewährleisten, der nicht mehr unmittelbar in einem gemeinsamen Verteidigungs- oder sonstigen Interesse oder einer sympathetischen Anmutung gegeben ist (auch hier fühlt man sich deutlich an aktuelle Diskussion um die Rolle der "sozialen Gerechtigkeit" als Grundlage der Demokratie erinnert).  

 

Doch selbst diese so fein ersonnene und austarierte Verfassung ist nur von kurzer Lebensdauer. Mit Aristipps Bruder Aristagoras stirbt der "wahre Urheber und die stärkste Stütze unsrer dermaligen Verfassung"; es drohen neue Unruhen von Seiten eines der alten Adelsgeschlechter und ein Rückfall in die Zeit des oligarchischen Parteienstreits. Wiederum hängt das politische Schicksal an den Personen – und die sind nun einmal sterblich. Mit der Verfassung von Cyrene scheitert deshalb keine ideale Republik im Sinne Platons, sondern die ziemlich reduzierte Hoffnung auf die Begründung eines Staates allein aus einer Rechtsform heraus;und Aristipp räsonniert deshalb ungewohnt kulturpessimistisch:

 

"Ist es nicht ein niederschlagender Gedanke, daß noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug gehabt hat, das, was bisher bloß Sache des Zufalls war, zu einem Werke seiner Verfassung und seiner Gesetze zu machen? Und wo ist das Volk, von welchem ein solches Kunstwerk (vielleicht das größte, dessen der menschliche Verstand fähig ist) zu erwarten wäre?"

 

Die letzte Frage läßt der Roman offen für die Zukunft. Davon unabhängig kann jedoch die abstrakte Frage nach der besten Staatsform schon aus dem Grund nicht entschieden werden, weil sie nur historisch und relativistisch geklärt werden kann. Eine förmliche Streitrunde, an der sich Aristipp öffentlich in Syrakus beteiligt, endet denn auch mit der klassischen Kompromißformel:  

 

"Jede Regierungsart hat ihre eigene Vorzüge und Gebrechen; wiegt man sie gehörig gegen einander, so gleicht sich, wechselsweise, diese durch jene und jene durch diese aus, und was übrig bleibt, ist so unendlich wenig, daß es die Mühe nicht verlohnt, darum zu hadern".

 

5. Mäßigung als Richtschnur des Humanen -
der philosophische Roman
 

 

Im engen Zusammenhang mit den politischen Themen stehen im Roman philosophische Grundfragen nach der Natur des Menschen, dem Gattungsziel der Menschheit und ihrem wesentlichen Charakteristikum, der Humanität. Der Roman selbst geht bemerkenswert sparsam mit dem um 1800 schwer bedeutungsbeladenen Begriff um. Er hat jedoch eine Art strukturelles Synonym, das sich umso häufiger findet, nämlich das Konzept der Mäßigkeit, das Wieland von seinen antiken Gewährsautoren wie Horaz übernimmt. Wie sehr dieses mit der Menschlichkeit zusammenhängt, zeigt eine Stelle im vierten Buch. Eurybates übernimmt dort von Aristipp die "Redensart" des "menschlichen Menschen", der "für alles Menschliche das rechte Maß findet, und sich in Allem auf der Mittellinie zwischen zu wenig und zu viel mit Sicherheit und Leichtigkeit sein ganzes Leben durch" bewegt. Diese Mittellinie ist dadurch gekennzeichnet, daß sie den Menschen weder zu stark an die Götter noch an die Tiere annähert. Sie hat deshalb nichts zu tun mit der in der Moderne stark in Verruf geratenen "Mittelmäßigkeit", der die prinzipielle Ablehnung jeglicher Außerordentlichkeit, Genialität oder Idealität zugunsten einer spießbürgerlichen Selbstbescheidung der von Natur aus Minderbegabten unterstellt wird. Es geht vielmehr um einen ständigen Ausgleich im Bewusstsein der möglichen Extreme, um die Suche nach einem menschlich angemessenen Handeln, immer wieder und in jedem Einzelfall aufs Neue, um einen heiklen Balanceakt zwischen Über- und Unterforderung, die beide auf die Dauer gefährliche Folgen haben, sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft.  

 

Die Notwendigkeit zur Mäßigung ist eine der Grundlehren des Romans, die für viele Bereiche gilt und diese verbindet: Sie sollte die Politik und die rechtliche Verfassung eines Staates ebenso bestimmen wie den Lebenswandel des Individuums, die Volksmentalität wie die sozialen Beziehungen. Deshalb werden Cyrene und Milet für ihre "goldne [...] Mittelmäßigkeit" gepriesen, und deshalb wird Athen immer wieder für seine Maßlosigkeit getadelt. Das verbindet Athen auch mit Lais, die ebenfalls nicht gerade ein Musterbild der Mäßigkeit ist; für den Cyrenaiker Aristipp hingegen gehört die "Mäßigung" zu den Grundfesten seiner Philosophie wie auch seiner sorgfältig konstruierten lebensweltlichen "Diät".


Um Mittleres, Vermittlung und goldene Mittelmäßigkeit als immens humanistische und im besten Sinne "bürgerliche", nicht aber spießbürgerliche Werte geht es also im Aristipp, wohin der Blick auch fällt. Diese Form der Humanität muß jedoch wie alles andere auch erarbeitet werden. Denn widerstrebende Tendenzen sind im Roman durchaus vorhanden und werden nicht verschwiegen: Dazu zählen zum einen menschliche Eigenschaften wie das Machtstreben, die Eitelkeit, die Prachtliebe, die Leidenschaftlichkeit im allgemeinen, die aus der sinnlichen Natur des Menschen resultieren, wie zum anderen solche, die in seiner geistigen Natur begründet sind: die Schwärmerei, der Stolz, die Rechthaberei, die Neigung zur Weltflucht. Daß die Mitte aus einem ständigen aktiven Balanceakt zwischen Extremen besteht, zeigt beispielsweise die Beschreibung von Aristipps Hauswesen in Cyrene:

"In seinem Hause herrscht Ordnung ohne ängstlichen Zwang,Zierlichkeit ohne Pracht, und Überfluß ohne Verschwendung." Die Mäßigkeit als Ideal läßt sich deshalb kaum in Worten beschreiben, da sie ein harmonischer Gleichgewichtszustand ist, der immer wieder neu austariert werden muß. Deshalb versucht Wieland in seinem Roman, möglichst viele und unterschiedliche Beispiele für exemplarische erfolgreiche Mäßigungsprozesse bzw. für lokale Maxima von Humanität auf verschiedenen Gebieten darzustellen. Denn wenn die Humanität im wirklichen Leben nur auf begrenzten einzelnen Gebieten vollwertig ausprägt werden kann, dann ist es gut, möglichst viele spezielle Vorbilder vorrätig zu haben, an denen man sich orientieren kann; einen Kanon also, und damit etwas, was in der Moderne ebenfalls stark als autoritär und bevormundend in Verruf geraten ist.  

 

Nur das jedoch kann ein Kanon sein bzw. werden, was in einer festen Form der Darstellung vorliegt; Sokrates’ Leben und Wirken wären der Nachwelt verloren, wenn sie nicht schriftlich überliefert würden. Der Verlust wäre in diesem Fall kaum zu überschätzen:

 

"Ein solcher Karakter in einem solchen Leben dargestellt,würde für die Formen und Proporzionen des sittlichen Menschen eben das sein,was der Kanon des Polykletus für die richtigsten Verhältnisse des menschlichen Körpers. Denn unleugbar gibt es in beiden ein Schönstes, über welches die Fantasie nicht hinausgehen darf, wenn sie des wahren Ebenmaßes nicht verfehlen,und statt schöner Gestalten schöne Ungeheuer hervorbringen will."

 

Das Zitat zeigt noch einmal die enge Verbindung der für den Roman so zentralen Begriffe von Kanon, Mäßigung und Humanität. In der Darstellung der Person und des Lebens von Sokrates als Kanon, als ideale sittliche Verhaltensnorm für den Leser, findet er seine eigentliche Mitte und sein Ziel; und in den daraus ableitbaren Formprinzipien von natürlichem Gespräch, Einheit in der Mannigfaltigkeit und richtigen Proportionen der Teile zum Ganzen erhält er seine Gestalt; womit wir bei der Formgestalt des Romans selbst wären.  

 

6. Dialogische Anlage  

 

Es handelt sich beim Aristipp um etwas, was die Forschung einen "polyphonen Briefroman" genannt hat (im Gegensatz beispielsweise zum wohl berühmtesten Briefroman des 18. Jahrhunderts, den Leiden des jungen Werthers, in denen nur die Titelfigur Briefe schreibt, der also ein- statt mehrstimmig ist). Das Textkorpus besteht aus insgesamt 144 Briefen, verteilt über vier Bücher; bei ca. der Hälfte, nämlich 82, ist Aristipp der Sender, bei 52 Briefempfänger, nur an 10 Briefen ist der Titelheld völlig unbeteiligt. Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei Lais, die 26 Briefe schreibt und ebenso viele empfängt. Um diese beiden Gestalten als Figurationszentren gruppieren sich verschiedene Korrespondenten: die meisten sind Freunde, einige Familienmitglieder, darunter bekannte Philosophen und Künstler.  

 

So verschieden wie die Korrespondenten selbst sind auch ihre Briefe: Sie dienen der reinen Kontaktaufnahme oder der Übermittlung von Neuigkeiten, enthalten Geschehensberichte und Erzählungen, legen ein Problem dar, geben protokollartig oder frei Gespräche und Symposien wieder. Dabei sind sie meist eher unauffällig auf die Person des Empfängers ausgerichtet, behandeln also ganz selbstverständlich nur Dinge, von denen der Absender annimmt, daß sie von Interesse für den Adressaten sind; eigentlich Persönliches oder gar Intimes kommt selten zur Sprache. Individuelle sprachliche Eigenheiten spiegeln sich ebenfalls eher zurückhaltend in der Schreibweise: Natürlich sind Lais’ Briefe kleine Feuerwerke von Witz und Ironie; und Aristipps Schreiben zeugen von flinker Auffassungsgabe, urbaner Diskretion und philosophisch-analytischem Scharfsinn – insgesamt jedoch herrscht durchgehend der elaborierte Sprachgebrauch einer Hochsprache. Trotzdem sind die Briefe nicht im mindesten steif oder gar formal; Aristipp entschuldigt sich sogar für ihren digressiven Charakter zu Beginn des ersten Buchs ein- für allemal bei seinem Freund Kleonidas:

 

"Du wirst dich, wie ich sehe, schon daran gewöhnen müssen,lieber Kleonidas, daß ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann, ohne bald auf diesen bald auf jenen Gegenstand zu stoßen, der mich zu einer kleinern oder größern Abschweifung verleitet. In sofern ich dir nur keine Langeweile mache,wird es dir übrigens gleichviel sein, was für einen Weg ich dich führe, da meine Briefe bloße Spaziergänge für dich sind."

 

Die Briefform bietet damit das Gerüst für einen Roman, der sich aus den Stimmen einzelner zusammensetzt und nur einen Herausgeber, nicht aber einen Erzähler hat. Dabei nutzt Wieland die beiden spezifischen Möglichkeiten, die dem Briefroman im 18. Jahrhundert zugeschrieben wurden, in sehr unterschiedlichem Maße: Es geht kaum um die expressive und spontane Darstellung von Individualität à la Werther;diese würde zu sehr gegen das romaninterne Kommunikationsmodell der Urbanität verstoßen. Aber es geht um so mehr um die Darstellung von Problemen aus verschiedenen Perspektiven, die der Grundüberzeugung Wielands entspricht, dass Dinge niemals nur eine Seite haben. Dabei sorgt die quantitative Konzentration auf die Figuren Aristipp und Lais dafür, daß die Stimmenvielfalt nicht zu einem akustischen Chaos führt, sondern meist eine Leitlinie der Meinungsbildung vorgegeben ist, von der sich andere Figuren dann in verschiedene Richtungen und in unterschiedlichen Graden absetzen können.  

 

Die für die Romanstruktur entscheidende Haupteigenschaft der Briefform ist jedoch ihre Füllungsfreiheit. Als formale Rahmenstruktur kann der Brief verschiedene weitere Gattungen in sich aufnehmen; insofern fungieren die jeweiligen Briefschreiber als personale Erzähler, die Geschichten, Gespräche, philosophische Abhandlungen weiter vermitteln. Kurzgefaßt: Der Brief ist im Aristipp das ideale Medium zur formalen Repräsentation von Intersubjektivität, nicht von Subjektivität. Er bezieht durch seine Struktur einen Sprecher auf einen Hörer, ohne gleichzeitig als Medium allzu stark in den Vordergrund zu treten. Wie ein Spaziergang ist er ziellos und in der Bewegungsart frei; er kann sich dem verschiedenen Tempo der Begleiter anpassen, von verschiedenen Standorten Vor-und Rückblicke schweifen lassen und findet seine Erfüllung im Vollzug seiner selbst, nicht im Erreichen eines Ziels. In Abwandlung eines bekannten medientheoretischen Aphorismus könnte man sagen: Nicht das Medium, aber die Kommunikation überhaupt ist die Botschaft.

 

Diesen Befund unterstützt der über die Briefstruktur hinaus pointiert dialogische Charakter des Romans. Im Aristipp sind vorzugsweise dialogische Genres wie der philosophische Dialog oder die Symposienliteratur vertreten. Dabei ist die Wahl gerade dieser Gattungstraditionen keinesfalls willkürlich, sondern steht mit den Themen des Romans in engem Zusammenhang. Im maieutischen Zweiergespräch entwickelt Sokrates seine lebenspraktische Weisheitslehre; im rhetorischen Streitgespräch prägen die Sophisten wie Hippias ihre materialistisch geprägten Ansichten zur besonderen Überzeugungskraft aus; in der geselligen Runde pflegen die Gäste der Lais einen freien Austausch von Meinungen und Persönlichkeiten; und im eigenartigen platonischen Pseudo-Dialog meldet eine idealistische Philosophie ihren dogmatischen Geltungsanspruch an. Die Gesprächsarten selbst verkörpern bereits unterschiedliche Haltungen im Umgang mit Meinungsvielfalt sowie Geltungs- und Wahrheitsansprüchen. Für Arno Schmidt, einen der bekanntesten Apologeten des lange Zeit verkannten und unterschätzten Wielandschen Spätwerks insgesamt, war gerade diese Formanlage eines der höchsten Qualitätskriterien des Romans: "von mehreren Schauplätzen empfängt der Leser jeden Brief selbst; in immer erneuter Gegenwart; aus Kyrene und Athen spricht es zu ihm; schönste, kunstvoll sich entwickelnde Menschlichkeiten sind ins bedeutend Historische und Kulturgeschichtliche gewoben; organisch selbst die, nur dem Unkundigen langweiligen, in Wahrheit unschätzbaren Erörterungen über Anabasis und Politeia: der 'Aristipp' ist, wie der einzige 'historische', so auch der einzige 'Briefroman', den wir Deutschen besitzen, mit Ehren vorzeigen können".

 

Am Ziel? 

 

Ich komme zum Schluss des Romans und meiner Ausführungen (bevor sie endgültig genauso lang werden wie der Roman). Der Aristipp endet nicht nur offen (wie es sich für einen wahrhaft modernen Roman gehört), sondern auch melancholisch: Der Tod von Aristipps Ehefrau Kleone zeichnet sich am Horizont ab (ebenso wie der Tod von Wielands eigener Gattin, die wenige Monate nach dem Abschluss des vierten Bandes starb), die politische Lage in Cyrene ist nach dem Tod von Aristipps Bruder wieder instabil geworden, und Aristipp tut das, was er bereits zu Beginn des Romans getan hatte: Er geht wieder auf Reisen. Seinem Verleger Göschen hatte Wieland zwar mehrfach einen weiteren fünften Band angekündigt; diesen fünften Band hat er aber nicht mehr geschrieben. Die Vermutung liegt nahe, dass dem nunmehr 80jährigen nach dem Tod seiner Gattin im Jahre 1801 und dem Verkauf des Osmantinums 1803 die Kraft, aber auch die rechte Stimmung fehlte, das Monumentalwerk noch einmal vorzunehmen. Jan Philipp Reemtsma hat darauf hingewiesen, dass die beiden nun folgenden kleinen Romane, Menander und Glycerion und Krates und Hipparchia; in vielerlei Hinsicht als Bestandteil eines solchen fünften Teils gelesen werden könnten. Insofern muss es dem Leser überlassen werden, das Romangespräch fortzusetzen und am Leben zu erhalten. Wieland selbst hatte zumindest einen guten Schluss angekündigt, auch wenn er bereits die Probleme voraussah, die im fünften Teil durch das Verschwinden der schönen Lais entstehen würde; an Göschen schrieb er:

 

"Zum Unglück war es eigentlich nur die schöne Lais, die unsern Lesern den Aristipp so schmackhaft machte, und diese ist nun leider! Verschwunden und befindet sich an einem Ort, von wannen keine Wiederkehr ist.Doch wird auch für diesen Abgang im 5thn Theile nach Möglichkeit gesorgt werden, und an Mannigfaltigkeit und Interesse für gebildete Leser soll es nicht fehlen, und ich hoffe, es soll auch hier heißen: Ende gut, Alles gut.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, ob mit oder ohne Lais, eine mannigfaltige und interessante Lektüre!


 

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