Wieland-Handbuch

Gebrauchsanweisung, oder:
"Wie man ließt" 


Wir leben, Sie werden es bei gelegentlichen Blicken in eine Buchhandlung gemerkt haben, in handbuchwütigen, geradezu handbuchsüchtigen Zeiten. Wissen heißt das große Schlagwort der Zeit, am besten alles und jedes, möglichst vollständig, unterhaltsam natürlich und bitte sofort und auf einen Blick – wer hat schließlich schon die Zeit, sich einem Thema wirklich und umfassend, vielleicht tage-, jahre- oder gar lebenslang zu widmen? Insofern ist es offenbar ein Zeichen der Zeit, dass es jetzt auch ein Wieland-Handbuch gibt: den "ganzen Wieland", auf einen Blick, vollständig (beinahe), unterhaltsam (natürlich), verfasst von Wieland-Experten aus dem In- und Ausland, verlegt von einem der renommiertesten deutschen Fachverlage, unterstützt von Jan Philipp Reemtsma, dessen Verdienste um Wieland inzwischen ins Nicht-Mehr-Abzählbare gehen – was will man mehr? Nun, eines wird Ihnen weiterhin nicht erspart bleiben: Wieland lesen nämlich. Selber lesen. Möglichst vollständig, garantiert unterhaltsam. Aber lesen ist, das gerät, je weniger die Leute lesen, umso mehr in Vergessenheit, keine ganz einfache Kunst. Wieland hingegen hat das sehr wohl gewusst. In einer kleinen Anekdote mit dem Titel "Wie man ließt" erzählt er von den Leiden des Autors am Falsch-Gelesen-werden und dessen mannigfachen Ursachen:

 

"Der Autor - sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich izt zu Paris von der Bücherfabrik nähren - spricht von den manchfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit ihre Werke entweder in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglük, obenhin, unverständig, ohne Geschmak, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden - oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken - oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglüklich gespielt, oder sonst ein Mangel an Lebensgeistern hat - oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lectüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schikt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht - das Unglük, so gelesen zu werden, ist nach der Meynung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller […] sich und die armen ausgesezten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glük zu sagen, wenn unter den Zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man ließt (und wenn's auch nur ein Madrigal wäre) sein völliges Recht anzuthun.

 

"Wie man ließt"– heutzutage spricht man etwas hochtrabender von "Kulturtechniken" -, zu vermitteln also, wie man im speziellen Wieland lesen könnte, ist denn das Grundanliegen dieses Kompendiums, und das auch abseits der eher sparsam betretenen Pfade der Wieland-Forschung und -vermittlung im Studienalltag an deutschen Hochschulen. Ich möchte Ihnen Konzept, Gliederung und Zielsetzung des Wieland-Handbuchs im folgenden kurz anhand von vier verschiedenen Zugangsweisen demonstrieren; ich nenne sie, um auch ein wenig augenzwinkernd hochtrabend akademisch zu werden, die "prälektorale", die "postlektorale", die "themenzentrierte" und die "totalitäre" (oder vielleicht etwas weniger bös assoziiert, die "ganzheitliche") Funktion.

 

(1) Die prälektorale Funktion, zum ersten, besteht darin, Ihnen Auswahlkriterien für Ihre Lektüre zur Verfügung zu stellen. Sie können dazu beispielsweise zu ersten Annäherung an den Autor den umfangreichen Biographie-Artikel lesen, der ihnen einen fundierten und spannenden Überblick über Person, Gesamtwerk und Zeithintergründe vermitteln wird. Die etwas härter gesottenen Leser können diesen Ersteindruck dann anhand der Artikel zu Rezeptions- und Forschungsgeschichte vertiefen. Sie überschlagen dann am besten vorerst den zweiten Teil und stürzen sich auf die nach Genres unterteilten Artikel zu Wielands Einzelwerken – also nicht nur seinen noch halbwegs bekannten Romanen, sondern auch seinem religiösen und dramatischen Frühwerk, seinen Versepen und Märchen, seinen Essays und Briefen, seinen Übersetzungen. Wer hier nicht etwas nach seinem Geschmack findet, dem ist auf Erden nicht zu helfen. Also: prälektoral – suchen Sie sich Ihren Favoriten! – und dann lesen Sie ihn.

 

(2) Die postlektorale Funktion, zum zweiten, besteht darin, Ihnen nach der Lektüre Hinweise für ein vertieftes oder erweitertes Verständnis zu geben. Sie haben also bereits gelesen – und zwar so, wie man nach Wieland richtig liest –, wollen nun aber mehr wissen: zu Entstehung und Aufnahme des Werks, zu seinen Querbeziehungen im Gesamtwerk, zu Motiv- und Themenkomplexen, zur Formgestalt, zum Verhältnis zur Tradition und zu literarischen Vorbildern, zu Interpretationsansätzen der Forschung vielleicht gar. All das enthalten, nach einem gewissen Schema, um die Orientierung zu erleichtern, die bereits erwähnten Werkartikel. Sie decken natürlich nicht das Gesamtwerk bis hin zur letzten Herausgeberanmerkung Wielands im Teutschen Merkur oder dem verstecktesten apokryphen Frühwerk ab; Sie werden aber das meiste finden, das bekannteste sowieso und dieses und jenes etwas entlegenere (notfalls im Register, das auch die manchmal etwas verwirrenden verschiedenen Werktitel aufführt). Postlektoral werden Sie, hoffentlich, das bereits einmal Gelesene noch besser verstehen – und am besten noch einmal lesen.

 

(3) Die themenzentrierte Funktion, zum dritten, wenden Sie am besten an, wenn Sie sich schon ein wenig in Wielands Zeit, deren Debatten und Diskurse eingelesen haben und an etwas Bestimmten interessiert sind – dem Verhältnis Wielands zur französischen Revolution beispielsweise, seiner Rolle in der Debatte um ein international konkurrenzfähiges deutsches Musiktheater, seiner Stellung zu den wichtigen philosophischen Strömungen der Zeit. Hier nun kommen die anfangs so schnöde bei Seite geschobenen "Überblicksartikel" des zweiten Teils zu ihrem Recht: In ihnen geht es, jeweils im "Überblick" über das Gesamtwerk eben, um die Situierung von Wieland in den "Diskursen seiner Zeit" – also: Wieland und – die Religion, die Künste (und zwar alle), Wieland und die Philosophie, die Politik, die Wissenschaften, die Weltliteratur. Dabei werden Sie Bekanntes finden – über die besondere Stellung, die die Antike in seinem persönlichen Literaturkanon einnahm, beispielsweise, oder seine persönliche Wandlung vom Religionsschwärmer und Tugendenthusiasten zum Skeptiker und Aufklärer, – aber vielleicht auch Unbekanntes. "Themenzentriert" also: Wieland für Fortgeschrittene. Und dann weiterlesen…

 

(4) Damit zum Schluss, der ganzheitlichen/totalitären Lektüre. Sie können natürlich auch – und das würde die Herausgeberin selbstverständlich am glücklichsten machen – das ganze Buch von vorn bis hinten lesen, von den einleitenden Vorüberlegungen zum "Verlust eines Nationalautors oder der Schwierigkeit Wieland zu lesen" bis zum Buchstaben Z des Personenregisters (der letzte Eintrag gilt Johann Friedrich Zückert, einem der bekannteren "philosophischen Ärzte" der Zeit, dessen Übersetzung von Laurence Sternes Tristram Shandy Wieland verreißt). Einiges wird sich dabei wiederholen, anderes wird sich widersprechen, vieles wird sich jedoch hoffentlich runden und ergänzen – zum Bild eines "Nationalautors" vielleicht, den die Zeitgenossen so verzweifelt suchten; zum Bild eines Klassikers, der unaufhörlich um sprachliche und künstlerische Perfektion bemüht war und niemals aufhörte, an seinen Werken zu feilen; zum Bild eines Aufklärers ganz sicherlich, der sowohl als Popularphilosoph im besten Sinne als auch als Poet am großen Projekt des 18. Jahrhunderts mitarbeitete, der Aufklärung und Vervollkommnung des Menschen.Schließlich aber auch zum Bild eines Menschen mit langer Lebenserfahrung, warmen Herz und kühlem Verstand – jedes an seinem Platz, wohlgemerkt; mit Spott, wo er therapeutisch wirkte, und Begeisterung, wo die Sache sie erforderte; und mit einer so unerschöpflichen Phantasie, dass seine Texte ihn wohl noch lange überleben werden – ob mit Wieland-Handbuch oder ohne.  

 

Inhaltsverzeichnis: 

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