Zensur und Pressefreiheit 
bei Wieland


 

Der Conflict zwischen den Autoren, welche eine
unbedingte Freyheit der Presse fordern
und den Staatsverwesern, die solche nur
mehr oder weniger zugestehen können,
dauert seit Erfindung der Buchdruckerkunst
und kann niemals aufhören.

Goethe, Gutachten zur Zensur

  

I.  Bücher und Lesen im 18. Jahrhundert –
von der Selbstverständlichkeit der Zensur

 

„Eine Zensur findet nicht statt“ – so heißt es einprägsam und auf den Punkt formuliert in unserem Grundgesetz, Artikel 5, der die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Der Satz und das Faktum selbst sind für uns selbstverständlich geworden, was die öffentlichen Reaktionen auf aktuelle Bedrohungen der Pressefreiheit durch radikalisierte Fanatiker deutlich demonstrierten haben; und wir sind zu Recht stolz darauf. Allerdings vergessen wir dabei allzu leicht, dass die gut 2000 Jahre Vorgeschichte, die es gebraucht hat, damit wir heute auf diesen Satz stolz sein können, ganz und gar andere Zeiten waren; Zeiten, in denen es anfangs überhaupt keine gedruckten und frei handelbaren Bücher gab; Zeiten, in denen die große Mehrheit der Bevölkerung überhaupt nicht lesen konnte; Zeiten, in den es keine Massenmedien, keine politischen oder sonstigen Nachrichten schon aus der Nachbarstadt, geschweige denn aus anderen Ländern und Kontinenten gab; Zeiten, in denen von politischer Mitbestimmung oder freier Religionswahl nicht das geringste zu sehen war und das Leben für die Mehrheit der Menschen im Wesentlichen vom täglichen Kampf ums Überleben, von der Tradition ihrer Altvorderen und den Vorschriften ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft bestimmt war. 

 

Ein paar Zahlen nur für das 18. Jahrhundert, das Wielands konkretes Leben zum größten Teil bestimmte (wobei die Zahlen in der Fachliteratur sehr stark abweichen, da keine genauen Daten vorhanden sind): Der Alphabetisierungsgrad lag im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Jahr 1700 um 10 %, im Jahr 1800 eher optimistischen Schätzungen zufolge dann bei 25 %. Er schwankt sehr stark zwischen Stadt- und Landbevölkerung, aber 90 % der Gesamtbevölkerung leben auf dem Land mit sehr begrenzten Bildungschancen. Wobei „Alphabetisierung“ selbst ein sehr weiter Begriff ist: Zwischen denjenigen, die beim Dorfpfarrer anhand des Katechismus mühsam buchstabieren gelernt hatten, bis zur kleinen Elite derjenigen, die ganze Bücher flüssig lesen konnten, vielleicht gar in anderen Sprachen, klafft eine weite Lücke; auch wer mühsam seinen eigenen Namen schreiben konnte, war meist nicht in der Lage, einen ganzen Brief zu schreiben. Die Zahl regelmäßiger Leser wird für das Ende des 18. Jahrhunderts auf ca. 1 bis 10 % der Gesamtbevölkerung geschätzt (zum Vergleich: heute behaupten etwa 40 % der Bundesbürger, mindestens einmal in der Woche ein Buch zu Unterhaltungszwecken in die Hand zunehmen). Immerhin hatten diese wenigen regelmäßigen Leser im Verlauf des 18. Jahrhunderts dann die Wahl auf einem sehr schnell größer werdenden Buchmarkt: Waren um 1600 noch 71 % aller Buchveröffentlichungen selbstverständlich in der Gelehrtensprache des Lateinischen, sind es um 1800 nur noch (aber immerhin!) 4%. Von den muttersprachlichen Publikationen war immer noch ein eher geringer Teil belletristisch, und ein Roman galt bereits dann als wirklicher „Bestseller“, wenn ca. 4.000 Exemplare verkauft wurden. Die Landbevölkerung besaß allenfalls (neben der Bibel und dem Katechismus natürlich) religiöse Erbauungsschriften und volkstümliche Kalenderliteratur, die wieder- und wiedergelesen wurden. 

 

Das alles ändert und verbessert sich im Lauf des langen und sich selbst als zunehmend aufgeklärt empfindenden 18. Jahrhunderts zwar – aber der Weg hin zu einer wirklichen breiten Lesefähigkeit und zur ökonomischen Verfügbarkeit von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen für jeden ist insgesamt mühsamer, als wir uns das heute vorstellen können. Für die Elite der Leser jedoch sowie für die Autoren und Verlagen hatte die Bücherzensur die gleiche Selbstverständlichkeit wie für uns die Pressefreiheit: Natürlich hatte die Regierung (der Kaiser, die Kurfürsten, die Bischöfe, die Landesherren), hatten die Kirchen (vor allem die römisch-katholische), aber auch die Universitäten das Recht und die Macht, Publikationen zu kontrollieren und zu regulieren  –  auch wenn diese verschiedenen Institutionen dieses Recht zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen in sehr unterschiedlichem Maß in Anspruch nahm.

  

II. Was ist Zensur? – Von Bücherverbrennungen, Zensoren und Verbotslisten

 

Eine Zensur fand also noch zu Wielands Zeiten ganz selbstverständlich statt. Was jedoch bedeutet das genau? Das Wort „Zensur“ leitet sich ab von dem lateinischen Verb „censere“ für schätzen, prüfen, streng beurteilen; schon im Römischen Reich gab es den einflussreichen Posten des „Censors“, der jedoch nicht in erster Linie Publikationen beurteilte, sondern – wir kennen immer noch den Begriff des „Zensus“ – für die Zählung der Bürger und die Feststellung ihres Vermögens zuständig war; im Nebenberuf, sozusagen, übte er jedoch auch die Aufsicht über die Sitten der Bürger aus und konnte sie bei moralischen Verfehlungen beispielsweise in weniger einflussreiche Wählerklassen versetzen. Eine institutionalisierte Zensur im heutigen Sinne jedoch fand weder bei den antiken Griechen (auch wenn sie Sokrates zum Tode verurteilten wegen Verführung der Jugend) noch bei den Römern (auch wenn sie Ovid wegen seiner Liebeslyrik ins Exil verbannten) statt.  


 

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