Der Club der toten Dichter

Autorenporträts (ultimativ subjektiv)


  • Sokrates und der Todesbeweis
  • Sappho und der Sprung von Leukate
  • Christine im Gehäus
  • Salondamen. Madeleine de Scudery und Christiana Mariana Ziegler
  • Zwei ungleiche Revolutionärinnen Olympe de Gouges und die Gleichberechtigung von Schafott und Rednerbühe
  • Rousseau, der Paradoxenmacher
  • Kant, der Kopernikus in Königsberg
  • Johann Karl Wezel und das Leben als Spiel
  • Christoph Martin Wieland, Der skeptische Enthusiast
  • Die Musterschülerin wird Lehrerin. Sophie von La Roche
  • Schiller und die Gnade, krank sein zu dürfen
  • Goethe, das Monster
  • Herder und die Welt in der Provinz
  • Die Mary Wollstonecrafts und die Bronte-Schwestern: Doppelporträt vor Lord Byron
  • Biene und Schmetterling - Karoline von Günderode und Bettine von Arnim 
  • Brentano und die Frauen, die Poesie, die Religion
  • Mörike und die seltsamen Hausgötter
  • Fontane und das weite Feld
  • Cézanne und die Arbeit, nichts als die Arbeit
  • Rilke und das böse Blut
  • Robert Musil oder Atemzüge eines Sommertags
  • Friedrich Nietzsche und der ewige Mittag
  • Fanny Lewald und Simone de Beauvoir: Zwei Töchter aus gutem Hause
  • Virginia Woolf und der Leuchtturm
  • Thomas Mann, Dichter und Hochstapler
  • Und Kafka lachte
  • Todesarten. Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath
  • Terry Pratchett oder das Denken der Welt

 


Sokrates und der Todesbeweis

Ganz am Anfang war Sokrates. Natürlich, es hatte schon vor ihm den einen oder anderen gegeben, der sich Philosoph genannt hatte, Liebhaber der sophia, der Weisheit; aber wenig war von diesen früheren überliefert, seltsame, beinahe unverständliche Bruchstücke. Sokrates aber war die Hebamme der Philosophia im eigentlichen Sinne, er selbst hat seine Lehre so bezeichnet: Maieutik, Hebammenkunst, und das war durchaus wörtlich zu nehmen (seine Mutter war Hebamme gewesen, er wusste schon immer, wovon er sprach). Denn lange bevor die Pythia in Delphi es in alle Welt hinausgeposaunt hatte, wusste er selbst, dass er der weiseste aller Menschen war: weil er eines mit Sicherheit wusste, nämlich, dass er nicht wusste, niemals etwas mit Sicherheit wissen könnte, weil er ein Mensch war. Aber er hörte nie auf zu fragen und weiterzufragen, er fragte den Leuten Löchern in den Bauch, nahm das, was zum Vorschein kam, wendete es einigemal und füllte dann ihre Köpfe damit (wo meist ziemlich viel Platz war); und es ist ein Wunder, dass die Athener ihn nicht schon lange vorher zum Schweigen brauchten, einfach, damit endlich Ruhe war auf dem Marktplatz. Selbst wenn die Dialoge, die sein etwas übereifriger Schüler Platon überlieferte, nicht ganz der historischen Wahrheit entsprechen, sondern ein in Inhalt und Form sehr freies Referat dessen waren, was tatsächlich Tag für Tag auf dem Athener Marktplatz stattfand, oder neulich beim Symposion der schönen Diotima, so zeigen sie doch den Hebammen-Meister in Hochform: Das Gespräch startet harmlos, bei irgend einer beliebigen Kleinigkeit, die man so dahinsagt, wenn man sich auf der Straße trifft oder beim Symposion zu viel von den sehr kleinen, aber dafür umso häufiger gefüllten Becher Weines getrunken hat: Also, ich meine ja, Sokrates, die Liebe ist – naja, eine Himmelsmacht, oder so ähnlich, wer hat das noch mal gesagt? Und mit einem Ruck wacht Sokrates auf – er hatte auch schon einige Becher intus - , zieht sich an seinem langen Bart, kraust die Philosophenstirn und sagt verdächtig freundlich: „Ach so, das meinst du, die Liebe sei eine Himmelsmacht, habe ich dich da richtig verstanden? Aber was meinst du eigentlich genau mit ‚Himmel‘, wenn ich fragen darf?“ Der jugendliche Sprecher gerät ins Stottern, der Gedanke will nicht recht heraus, es kreist im Bauch und im Kopf, aber die eifrige Hebamme hat schon ausgeholt: „Du meinst vielleicht mit Himmel – die Götter, den großen Zeus und seine Ehefrau, die liebreizende, wenn auch manchmal meiner Gattin Xanthippe etwas ähnliche Juno?“ Äh ja, wahrscheinlich, murmelt der junge Mann, aber Sokrates kommt jetzt erst richtig in Fahrt, und es macht auch gar nichts, dass der überforderte Gesprächspartner von nun an auf Sätze wie „Ja, das hört sich richtig an“ oder „Ich denke, darauf können wir uns einigen“ oder „Keine Ahnung, aber wenn du es sagst, wird es wohl richtig sein, es erscheint mir auf einmal auch ganz einleuchtend“ eingeschränkt wird. Denn hier hat die Philosophia ihr sehr ernsthaftes Geschäft begonnen, das darin besteht, einen konkreten Einzelnen, hier und jetzt, von der Ebene des unsicheren Meinens zu einem bessern Wissen hinzuführen; indem man sich nämlich über die Wörter verständigt und ihren genauen Sinn, und wie sie zusammenhängen mit der Welt und unserer Erfahrung in ihr, und wie man beides, Wörter und Welt, gemeinsam im schrittweisen Zurückgehen auf den Grund unserer Urteile zu einem temporär gültigen Gebilde namens „Wissen“ zusammenfügen kann – ohne zu vergessen dabei, dass man genau und für immer natürlich nicht wissen kann. Aber man kann zusammen, in gemeinsamer Anstrengung, eine kleine Wahrheit zur Welt bringen; noch etwas erschöpft von der schweren Geburt, ein klein wenig nach Wein riechend, aber beseelt von der großen Weisheit Sokrates und der Jugend und vielleicht sogar Schönheit des Schülers blinzelt sie ihre Eltern an: Liebt mich, pflegt mich! Ich bin ein Keim des Wissens in einer Welt des Meinens! Auf mich könnt ihr bauen!


Es gehört zur besonderen Ironie der Philosophia, das ausgerechnet der Mann, der mehr für die Erziehung der Jugend getan hatte als jemals einer vor ihm oder jemals einer nach ihm in all den kommenden Jahrhunderten, ausgerechnet wegen der Verführung der Jugend zum Atheismus zum Tode verurteilt wurde (aber natürlich war das nur ein Vorwand; er wurde verurteilt, weil er die Jugend zum Denken verführt hatte, und das kann kein Staat dulden, noch nicht einmal eine Demokratie). Und Sokrates, so überliefern es seine Schüler jedenfalls, nahm das Urteil an, obwohl er selbst seine lebenslange Speisung durch die Stadt Athen für gerechter gehalten hätte. Und er schickte seine weinende Frau und die Kinder nach Hause, er schlug die Fluchtpläne seiner Schüler in den Wind, und dann trank er wahrscheinlich noch einige kleine Becher Wein, bevor er den Schierlingsbecher leerte. Denn die Philosophia ist die wahre Himmelsmacht und die einzige Göttin, und wer nur von ihr redet, aber ihr in seinem Handeln nicht folgen kann bis in den Tod, der hat sie nicht verstanden. Sokrates‘ Tod war kein Opfer, es war sein letzter und stärkster Beweis, und er leerte ihn bis zum Grunde.

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Sappho und der Sprung von Leukate

 

Ihre Gestalt ist zugleich statuen- und schemenhaft. Wir sehen sie, auf unzähligen Abbildungen, als griechische Frau mittleren Alters, einen strengen Kranz über dem idealisierten Antlitz, und sie bleibt ein Schemen. Allein ein Mosaik, es stammt aus einem Fresko in Pompeji, belebt die Züge etwas: Jünger ist hier dargestellt, farbig, ein wenig aufgeregt leuchten die roten Wangen, und – kann das sein? – sie kaut auf einem Schreibstift herum: Sappho, die Mutter aller Dichterinnen, die einzige Frau, die es je in einen literarischen Kanon geschafft hat (die neun berühmtesten Lyriker des Altertums), aber auch die leicht skandalumwitterte Namensgeberin der lesbischen Liebe wurde, benannt nach Lesbos, ihrer Heimatinsel, wo sie ihren Mädchenkreis um sich herum versammelte und man gemeinsam – ja, was genau weiß man denn nun eigentlich?

    

Sappho stammte aus einer wohlhabenden, politisch einflussreichen Familie. Sie wurde verheiratet, sicherlich ohne dass man sie nach ihren Wunsch und Willen fragte; man weiß von einer Tochter, genannt Kleis, die sie zärtlich liebte und in ihren Liedern pries. Zwischenzeitlich war die Familie ins Exil verbannt, aber man kam zurück, wahrscheinlich bereits ohne Ehemann. Und befreit von den Ehepflichten, seien sie nun lästig oder freudig gewesen, versammelte Sappho ihren Kreis um sich: junge Mädchen, aus guten Familien, wie sie selbst, die auf die Ehe vorbereitet werden, das große und einzige Schicksal der antiken Frau (wenn sie nicht Hetäre werden wollte, aber das ist eine ganz andere Geschichte). Und wahrscheinlich ist das Bild, das sich die Nachwelt von diesem Kreis gemacht hat, äußerlich im großen und ganzen richtig: Sicherlich wurden Kränze geflochten, Verse rezitiert, die Kithara geschlagen, anmutige Gruppentänze aufgeführt; sicherlich wurden die Jungfrauen in die Geheimnisse der weiblichen Kosmetik und Hygiene eingeführt, lernten, wie man sich Haare band und den Rock schürzte, wie man die Haut pflegte und sich mit verführerischen Wohlgerüchen balsamierte. Aber das Ganze war kein Ponyhof und auch keine höhere Töchteranstalt. Man huldigte nämlich den Musen und den Chariten, den weiblichen Göttinnen der Künste und der Anmut, der sanften Schönheit, der verführerischen Bewegung, und das war nicht irgendwie bildlich gemeint, sondern durchaus wörtlich: Diese Göttinnen waren real, allgegenwärtig, sie waren keine abstrakten ätherischen Figuren in einem fernen Himmel, sondern sie bestimmten den Alltag, sie lenkten die Geschicke der Menschen und sie bewegten das menschliche Herz – Aphrodite vor allem, die Schönste, die ewige Göttin der Liebe. Sappho besang sie in unendlichen Variationen: War die Liebe nicht wahrhaft göttlich? Setzte sie die Menschen, nein: die Frauen, nicht in einen außernatürlichen Zustand von Verzückung und Entrückung, dem Wahnsinn nahe, der körperlichen Krankheit ähnlich? Und Sappho beschrieb die Symptome dieser göttlichen Krankheit, ihre Wonnen und Leiden, und wie beide zusammen gehören, untrennbar für immer. Sie beschrieb es in detaillierten, bilderreichen, virtuosen Versen, denen sie eine eigene Struktur gab, eine wiedererkennbare Form, die als sapphische Strophe in die Weltliteratur eingegangen sind: drei längere Zeilen mit einem natürlich dahinfließenden Wechsel von betonten und unbetonten Silben, man konnte an weich dahinfließendes Mädchenhaar denken und den sanften Rhythmus der Wellen am Strand von Lesbos; und daran schloss sich eine kurze Verszeile an, die den Kranz zur strengen Form vollendete. Ob sie ihre Schülerinnen verführt hat, ob sie sie auf die Hochzeitsnacht und ihre dunklen Geheimnisse vorbereitet hat, ob man sich gegenseitig auch körperlichen Trost spendete – ist das denn wirklich so wichtig? Wichtig und wirklich waren der immer wiederholte Schmerz der Trennung, wenn wieder ein Mädchen den Kreis verließ, eine Lücke hinterließ im Kranz, eine im ersten Moment so schmerzliche Lücke, dass man meinte, sie nie wieder füllen zu können. Doch dann kam eine neue Gefährtin, mit dem gleichen weichen Haar und vielleicht etwas anders geschnittenen sanften Augen, und man nahm sie auf in den Kreis und man sang und tanzte und musizierte unter dem milden attischen Himmel, bei ewigem Sonnenschein und umgeben vom Wohlgeruch wilder Kräuter und Blumen, Aphrodite und die Musen und die Grazien sahen wohlwollend zu – bis auch dieses Mädchen wieder gehen musste. Die Zeit verfloss dabei, man merkte sie nicht; Statuen altern nicht, nur die Schülerinnen wechseln und bleiben immer jung. Dass dann aber boshafte Männer kamen, viel später, als Sappho schon längst entschwunden war und nur noch ihre Gedichte lebten (ganze neun Bücher sollen es gewesen sein!) und ihr eine Todesgeschichte andichteten, das hatte sie nicht verdient: Sie sei, aus verschmähter Liebe zum schönen Phaon, vom Felsen Leukate gesprungen, eine Verstoßene, eine Rasende (und recht geschah es ihr, sagt der Subtext dazu!). Das machte schon geographisch keinen Sinn, war aber natürlich eine gute Geschichte für die boshaften Athener. Nein, Flügel hätten sie ihr verleihen sollen, mit denen sie sich über Lesbos in den Himmel erhob, beflügelt von der eigenen Leidenschaft und dem Klang ihrer Verse! Doch sie wurde zur Skandalfigur; ihre Gedichte wurden verstreut, verbrannten in Alexandria, wurden zensiert im christlichen Mittelalter, und nur wenige Bruchstücke sind erhalten, zerrupfte Blüten, es reicht nicht einmal für einen Kranz. Behalten wir sie anders im Gedächtnis: Nicht als strenge Statue, blicklos, ideal, nicht als schwülstig verführerische Lesbe; behalten wir sie im Gedächtnis jung, mit aufgeregt roten Wangen, an einem Stift kauend.  

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Christine im Gehäus

 

Niemand weiß, wie sie ausgesehen hat. Doch wenn man sucht, findet man viele Bilder von ihr. In ihren eigenen Büchern hat sie sich verewigt, nicht nur im Wort, sondern auch im Bild, und man erkennt sie sofort: Immer trägt sie ein schlichtes, aber leuchtend blaues langes Kleid und eine strahlend weiße Witwenhaube auf dem Kopf. Ihr Gesicht sieht man kaum, aber ihre Hände fallen auf: Sie halten eine Feder oder ein Buch; oder sie zeigen den Menschen, die sie umgeben, etwas, mit erhobenen Fingern, aber nur sanft hinweisend, nicht streng belehrend. Zu ihren Füßen sitzt, man merkt es kaum, ein Hündchen, es schaut zu ihr hinauf. Ihr Ehemann hat sie verlassen, lange schon, die Kinder sind erwachsen, aber ein treues Hündchen ist geblieben, es wacht über die Frau und über ihre Bücher und ihre Schriften im Gehäus. Denn immer sitzt Christine im Gehäus: in einem engen Gemach mit gotischen Bögen, die Witwenhaube stößt mit den Spitzen fast an die Decke. Es hat zwar Fenster, aber man sieht nichts von einer Landschaft oder einem Himmel; nein, es ist eine Schreib- und Lesestube, oder es ist das intime Gemach einer fürstlichen Gönnerin, einer hohen Frau, der man das neueste Buch gewidmet hat und es nun überreicht. Wir befinden uns nämlich – sagten wir es eigentlich schon? – zu Beginn des 15. Jahrhunderts; im Gehäus ist Christine de Pisan, die erste bedeutende Autorin des Mittelalters, und das Gehäus ist ihr geistiger Freiraum und Gefängnis zugleich. Sie wird es erweitern im Laufe ihres Leben, sie wird immer neue Gemächer anbauen, so viele, dass es schließlich eine ganze Stadt der Frauen geworden ist – ein Frauenhaus, das erste der Geschichte, und die Männer müssen draußen bleiben, aber vielleicht darf ein Hund mit hinein.

 

Christine de Pisan wurde in Venedig geboren, einer reichen, hoch kultivierten Stadt; ihr Vater war ein berühmter Wissenschaftler, bald würde er an den Hof nach Paris berufen werden, als Leibastronom und Mediziner des Königs Karl V. Von ihrer Mutter weiß man – eigentlich nichts, und Christine hat ihr kein Denkmal gesetzt. Denn sie war, so viel kann man aus ihrer autobiographischen „Vision“ schließen, zweifellos auf den Vater fixiert: auf den Gelehrten mit all seinen Büchern, seinem Wissen von den Sternen und vom menschlichen Körper – ach, wenn man nur kein Mädchen gewesen wäre! Aber Christine ist klug, lebensklug, sie lebt von den Brosamen des Tisches der Weisheit, sie sammelt und stiehlt ihr Wissen zusammen, wo sie es findet; und man möchte gern denken, dass vielleicht, irgendwann, ihr kluger Vater gemerkt hat, dass er eine kluge Tochter hatte und was das für ein Geschenk war. Wahrscheinlicher ist aber, dass es immer nur das Hauptziel gewesen ist, Christine gut zu verheiraten – das einzige Lebensziel der Frau (nicht nur im dunklen Mittelalter, auch in der von der Vergangenheit gelegentlich allzu hell verklärten Antike war das so), ihr Sinn und Zweck, und nicht zuletzt: ihre Versorgung. Christine wird mit 15 Jahren verheiratet, das war üblich so; sie hat sich nicht gewehrt, sie hat drei Kinder geboren, und sie wird später nur Gutes über ihre Ehe sagen. Aber sie war kurz, und vielleicht (das klingt jetzt nicht schön) war es ein Segen für sie, als der königliche Sekretär, dem man sie angetraut hatte, an der Pest stirbt. Ihr Vater war bereits zuvor gestorben, und nun ist Christine eine kaum 25jährige Witwe, allein mit ihren Kindern, in einer ungeklärten Rechtslage im Blick auf ihre Erbschaft, sofort verwoben in juristische Streitereien, verfolgt von Männern, die ihre Notsituation auszunutzen wollten; nicht vorbereitet, nicht bevollmächtigt, überfordert. Und Christine krempelt die Arme des schlichten blauen Kleides auf, reißt sich zusammen und regelt nicht nur all ihre finanziellen und juristischen Angelegenheiten, sondern beschließt, aus ihrem Wissensdurst und ihrer verstreuten Lektüre ihren Lebensunterhalt zu machen. Natürlich braucht man dafür Mäzene, das ist klar; es gibt keinen Literaturmarkt, es gibt keine öffentliche Förderung, und die Buchproduktion ist teuer: Die Manuskripte müssen abgeschrieben werden, jedes einzelne, oft arbeiten Frauen daran mit, und Christine selbst soll gelegentlich Hand angelegt haben. Sie müssen, wenn sie schön und respektabel für den Mäzen sein sollen, mit wertvollen Illustrationen verschlungenen Initialen verziert werden; und dabei entwickelt Christine, von Anfang an, ihr eigenes Autorinnenbild, ihr Markenzeichen sozusagen: Es trägt ein blaues einfaches Gewand und die weiße Witwenhaube, und es sitzt im Gehäus und schreibt.

 

Christine aber wagt sich, Schritt für Schritt, immer weiter aus dem Gehäus heraus. Sie beginnt Balladen zu schreiben, eine leichte Gattung der mittelalterlichen Unterhaltungsliteratur; sie verarbeitet dabei auch ihren eigenen Liebesschmerz, ihre kurze Liebeserfahrung, und sie hat damit Erfolg. Und dann wagt sie sich noch ein Stück weiter hinaus, und nun passiert schon das, was ihr einen Platz in der ewigen Literaturgeschichte aller Zeiten sichern wird: Christine ärgert sich nämlich. Sie selbst hat die Szene beschrieben: Sie sitzt also mal wieder in ihrem Gehäus, bei der Arbeit, sie liest all ihre geliebten und verehrten Autoren von Aristoteles bis Augustinus, aber zwischendurch, zur Entspannung, auch einen zeitgenössischen Bestseller, den endlosen Rosenroman nämlich. Es ist die Geschichte eines Ritters, der seinen ideale Geliebte sucht, die unerreichbare Rose; und dabei erlebt er viele Abenteuer und lernt viele Frauen kennen und die Geschichte nimmt und nimmt kein Ende; denn nachdem der erste – natürlich männliche – Autor die Feder niedergelegt hat, ergreift sie der nächste und strickt neue Geschichten hinzu. Dieser aber, der Nachfolger, ist ein Misogyn, wie er im Buche aller Zeiten steht: von Grund auf und aus Prinzip frauenfeindlich, und die Frauen, die er schildert, werden immer schlimmer, charakterloser, verworfener. Und Christine liest und ärgert sich immer mehr: Es kann doch nicht sein, dass die Frauen wirklich so sind, wie sie hier geschildert werden? Sie kennt doch die Frauen, sie kennt jedenfalls genug Frauen, die nicht so sind. Warum aber schildert der Autor, der ja wohl ein gebildeter und gelehrter Mann sein muss, schließlich ist er ein Autor und hat ein berühmtes Buch geschrieben – warum also schildert dieser Mann die Frauen auf diese herablassende, boshafte, hämische Art und Weise? Und warum, so steigert sich Christine weiter in ihren Ärger hinein, hat sie diese Geschichte, mit nur etwas anderen Worten, schon so oft gelesen? Es kann doch nicht sein, dass Gott – und Christine ist von der Existenz und Güte des höchsten Wesens so durchdrungen wie man nur sein kann -, dass dieser allmächtige und allgütige Gott die Frauen böse und falsch erschaffen hat? Nein, das kann nicht sein. Und gerade, als Christine bereits an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln beginnt – denn woran soll sie sonst zweifeln? an den verehrten Autoren? an Gott etwa? – hat sie eine Erscheinung: In strahlendem Lichterglanz erscheinen drei edle Frauen. Sie sprechen zu Christine mit all der Autorität strahlender Erscheinungen aus dem Nichts und sagen, wie noch jeder kluge Engel vor ihnen, wenn er sich einer Frau genähert hat, als erstes: Fürchte dich nicht! Aber danach beginnt ein sehr rationaler Dialog. Du hast begonnen zu zweifeln, sagt die eine von ihnen (und wir übertragen ins Moderne, was jedoch nicht besonders schwer fällt), das ist keine schlimme Sache an sich – aber du darfst nicht an dir zweifeln, an deinem eigenen Verstand! Du bist doch sonst eine kluge Frau, sagt die hohe Erscheinung, also glaub gefälligst nicht blind, was irgendwelche Männer gesagt haben, es waren halt Männer! Denk nach, und zwar selbst! (sapere aude!, würde Kant knappe vierhundert Jahren später sagen, und das ist in die Geschichte eingegangen; aber die meisten klugen Dinge haben Frauen schon vorher gesagt)

 

Und Christine beginnt mit dem Denken, zögernd anfangs, unsicher; immer wieder fragt sie nach, bittet die erleuchteten Damen um weitere Erläuterungen, lässt nicht locker. Die Damen lassen sich nicht lange bitten: Die erste, sie wird Vernunft genannt, fordert Christine auf, mit dem Bau einer Stadt zu beginnen – einer Stadt allein für die Frauen, einen eigenen Raum, in den sie sich zurückziehen können (a room of one’s own, würde Viriginia Woolf knapp fünfhundert Jahre später sagen, braucht die Frau; aber es hätte sie sicherlich nicht erstaunt, dass das schon eine Frau vor ihr gesagt hat). Die zweite, Rechtschaffenheit genannt, stattet mit Christine zusammen die Stadt aus; und die Dritte, die Gerechtigkeit, verleiht ihr ihren metaphysischen Rahmen: Die Mutter Gottes nämlich, Maria selbst, zieht an der Spitze aller Heiligen und Märtyrerinnen ein, und es wird ein Leben sein wie im Himmel fortan – aber ohne Männer. Aber nicht nur die Heiligen werden dort leben, sondern viele, viele Frauen aus der Geschichte, vergessen beinahe, aber doch nicht ganz: Denn Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit erzählen Christine die Geschichten all dieser mutigen, entschlossenen, selbstbewussten Frauen vor ihr. Zu ihnen gehört Minerva (denn Minerva war auch nicht mehr als eine besonders kluge und tatkräftige und wissbegierige Frau in Athen, leider Heidin) ebenso wie die legendäre Dichterin Sappho. Zu ihnen gehören die legendären Amazonen, die sich eine Brust abhackten, um besser kämpfen zu können, und was haben sie gekämpft und wie waren sie gefürchtet! Zu ihr gehören, schließlich, Fürstinnen und Herrscherinnen von der Königin von Saba an bis hin zu den edlen Frauen der eigenen Zeit. In diesen Geschichten purzeln Mythologie, Religion und Geschichte munter durcheinander, aber darauf kommt es gar nicht an, und ob man Dichtung und Wahrheit im Einzelnen so genau auseinander halten kann, wie es eine männliche Logik fordert, ist sowieso umstritten. Worauf es ankommt ist, dass Frauen eine Geschichte haben – und wenn sie nur in Fetzen überliefert ist, muss man halt hier und dort anflicken. Aber am Ende wird man nicht mehr herkunftslos, allein, verunsichert sein, sondern ein Glied in einer langen Kette, zusammengehalten und gefestigt im Vertrauen auf sich selbst von der klugen und tatkräftigen Weiblichkeit aller Zeiten.

 

Das Buch von der Stadt der Frauen ist Christines berühmtestes Werk; mit ihm hat sie das enge gotische Gehäus zu einer von hohen Mauern umgebenen Stadt mit in den Himmel wachsenden Türmen erweitert, einem Inbegriff von Frieden, Geborgenheit, Ruhe. Und dann, versichert durch diese Stadt im Rücken, schreibt sie weiter, Schritt für Schritt: schreibt politische Texte und fordert endlich Frieden, schreibt eine Herrscherbiographie (eine Frau! ein Skandal!), schreibt weiter über die Liebe und das lange Lernen und wie beides zusammenhängt. Aber sie wird schon undeutlicher; irgendwann, keiner weiß mehr genau, wann und wie, geht sie ins Kloster (und was sind Klöster anders als Städte der Frauen, unter der Herrschaft der Himmelskönigin, und die Klosterzellen ein Gehäus, und das schlichte blaue Kleid mit der weißen Haube könnte genauso gut ein Nonnenhabit sein). Am Ende noch ein Lichtblick: Sie erlebt Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, die neue Amazone Frankreichs, und sie schreibt ein Lobgedicht auf sie, bevor sie schließlich ein letztes Mal den Wohnsitz wechselt und eingeht in die ewige Stadt der Frauen, ihre eigene Schöpfung und ihr Vermächtnis.

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Salondamen. Madame de Scudery und Christiana Mariana Ziegler

 

Was ist ein Salon? Wenn man sich noch etwas historische Phantasie bewahrt hat, sieht man vielleicht einen wohleingerichteten, etwas altertümlich und verstaubt wirkenden Saal mittlerer Größenordnung vor seinem inneren Auge; die Polster der verstreut herumstehenden Sessel und Sofas sind in Pastelltönen gehalten, hier und dort troddelt eine Quaste herab. Eine Seidentapete mit einem aufgeprägten unaufdringlichen Lilienmuster ziert die Wände; Gemälde kleineren Formats sind auf ihnen verteilt, liebliche Landschaften, neckische Genreszenen, ein wenig mythologisches Bildungsgut. Irgendwo steht ein Klavichord, vielleicht sogar eine Harfe. Einen Spieltisch mit Einlegearbeiten gibt es auch, ebenso einen Sekretär mit einer Andeutung von Geheimfächern für Liebesbriefe, Billets, Theaterzettel. Natürlich sind wir in einem anderen Jahrhundert, und die Damen, die jetzt auftreten, tragen vielleicht sogar noch Reifröcke, oder wenigstens, bodenlange Kleider über dem blauen Strumpf. Aber auch Herren sind zugelassen, nur sehr anständige natürlich. Sie treten selbstsicher, mit einem leicht tänzelnden Schritt hinein und machen den Damen ein höfliches Kompliment, gewürzt mit einer galanten Bemerkung, einem kleinen Scherz, vielleicht sogar, wenn der Abend schon fortgeschritten ist, einer subtil verbrämten erotischen Andeutung. Denn ist man hier nicht im Reich des anmutigen Spiels und der geistreichen Konversation, weit jenseits der Schlachtfelder des alltäglichen Geschlechterkriegs und der Machtpolitik; dort, wo geistreiche Männer und schöne Frauen den Abend vertändeln, so als wären sie wirklich in eine arkadische Idylle geraten und das Leben ein einziges großes Spielzimmer für poetische Dilettanten, Glücksspieler und Möchtegern-Casanovas?

 

Es gab ihn wirklich, den Salon, aber er war weit mehr als ein Spielfeld verwöhnter Adliger und aufstiegswilliger Bürger. Er war eine Aufstiegsstrategie für bessergestellte Frauen, er war ihr ganz eigener Raum, in dem sie die Regeln schrieben und das Gespräch dominierten und die Männer am Gängelband der Galanterie führten – genau so, als wäre man noch im Mittelalter, wo der heldenhafte Ritter sich der edlen Minne verschrieben hat, aber niemals wird er die hohe Frau bekommen, denn wenn er sie bekäme, ja – dann wäre sie ja keine hohe Frau mehr, sondern beschmutzt, vom Mann, von der niederen Liebe, vom körperlichen Liebesvollzug, von der schmutzigen Realität. Nein, Galanterie war ein Spiel, das kein Ende finden durfte, niemals. Ein berühmter Salon, es war das chambre bleu der Madam de Scudery mitten im Marais in Paris, erfand sich sogar ein Spielbrett dazu, das erstaunlich an moderne Brettspiele erinnert: Man zeichnete eine carte de tendre, eine Vermessung des galanten Kosmos, und ganz unten am Rande hatte sie sogar einen kleinen Maßstab, wie richtige große Karten. Drei Flüsse durchschnitten das Heimatland der hohen, der zärtlichen Liebe, sie trugen Namen wie „Neigung“ und „Achtung“ und „Wertschätzung“, aber jenseits von ihnen drohte das große böse unbekannte Meer, in das man geriet, wenn man es zu weit trieb mit der zärtlichen Liebe, Blieb man jedoch in der Nähe der freundlichen Flüsse, an denen Städte blühten wie „Wohlwollen“, „kleine Geschenke“, „galante Briefe“, "Gehorsam", "Großzügigkeit" und "Großherzigkeit", hielt man sich auch fern vom kreisrunden See der Gleichgültigkeit und dem felsigen Bergreich des Hochmuts und des Egoismus – ja, dann winkten einem das Lob und die Zuneigung schöner, edler, gebildeter Frauen, ihre zärtliche, aber nicht allzu leidenschaftliche Freundschaft und Zuneigung und, so es sich denn anbot: handfeste Förderung.

 

Als Madeleine de Scudery ihren Salon gründete, die berühmten samedis im chambre bleue, war sie schon nicht mehr ganz jung. Sie kam aus der Provinz, die Eltern waren in ihrer Jugend gestorben, und sie hatte nur ihren Bruder, Georges, der Schriftsteller war und mit ihr nach Paris ging, um sich einen Namen zu machen. Wie sie einer Heirat entgangen ist – man weiß es nicht, sie war weder hässlich (wenn auch nicht besonders hübsch) noch arm (es reichte für ein kleines Stadtpalais und ein sorgenfreies Leben, aber wohl nicht für eine attraktive Mitgift). Sie war allenfalls ein wenig – nun ja, zu gebildet; der Onkel, bei dem sie aufgewachsen war, hatte sie und Georges zusammen erziehen lassen. Und während Georges in Paris daran ging, sich einen Ruf als militärischer Haudegen und Autor mäßig erfolgreicher Theaterstücke zu machen, ging Madeleine schnurstracks in den berühmtesten Salon der Zeit, das Hotel de Rambouillet, und reüssierte dort; und wenig später schon eröffnete sie ihren eigenen, beinahe genauso erfolgreichen Salon (große Frauen machen sich keine Konkurrenz). Daneben schrieb sie, gemeinsam mit ihrem Bruder, ihren ersten Roman: Ibrahim, ou l‘illustre Bassa hieß er, vier Bände Liebes- und Entführungsgeschichten im Geschmack der Zeit, angesiedelt im beliebten orientalischen Milieu, Lesefutter für die unterhaltungsdurstige Gesellschaft der Salons und der Höfe. Ihr zweites Buch jedoch zeigte schon, dass mehr in ihr steckte: Les femmes illustres ou Harangues Heroiques  heißt es, und in ihm gibt sie nicht nur Frauen aus Geschichte, Mythologie und Religion eine Stimme, sie gibt ihnen gleich einen heroischen Ton: Es sind Reden, rhetorisch durch- und ausgefeilte Reden, die man in jedem Lehrbuch abdrucken könnte, weil sie direkt ans Herz und an den Verstand gehen. In diesen Reden richten sich berühmte Frauen an Männer: Männer, die sie geheiratet und verlassen haben; Männer, die ihnen ewige Liebe geschworen haben und sie betrogen; Männer, für die sie sich geopfert haben, ihre Tugend, ihre Ehre, ihr Leben. Es sind heldenhafte Ehefrauen dabei und energische Mütter; barmherzige Herrscherinnen, die nicht ihr Volk in Kriegen verbrauchten, sondern Krankenhäuser bauten und Waisenhäuser; vorbildliche Christinnen folgen auf heidnische Kriegerinnen, römische Ehefrauen auf asiatische Konkubinen, die eine oder andere Göttin mischt sich unauffällig unter. Keine andere als Minerva ist ihre Schutzgöttin, sie steht auf dem vorangestellten Kupferstich, und unter ihrem siegreichen Speer windet sich die (deutlich männliche) Dummheit. Antik oder christlich, Herrscherin oder Ehefrau, Mythos oder Geschichte, das alles macht keinen Unterschied für Scudery. Denn es gibt nicht die eine ideale Frau, oh nein, das ist eine Idee, die nur in Männerköpfe kommen kann, die „wahre Eva“ heißt sie dann meistens oder „das Weib“. Aber können nicht die Frauen genauso unterschiedlich sein wie die Männer? Die einen bewähren sich im Krieg, die anderen bei der Kindererziehung, einige herrschen, anderen opfern sich, darauf kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sie unterschiedliche Stimmen haben und diese unterschiedlichen Stimmen, endlich, einmal in ihrer Unterschiedlichkeit gehört werden.

 

Das Buch erscheint, ironischerweise, noch unter dem Namen ihres Bruders, wie auch die nächsten Romane, die sofort Welterfolge werden (im Rahmen der damaligen „Welt“ natürlich): Der zehnbändige Cyrus-Roman Artamene, bis heute eines der längsten Bücher der Weltliteratur; Clelie, eine Geschichte aus dem antiken Rom, eigentlich aber ein Schlüsselroman über die französische Macht- und Bildungselite ihrer Zeit; Almahide, die Geschichte einer Sklavenkönigin. Niemand kann diese Bücher heute mehr lesen, viel zu viele Wörter, viel zu monotone Entführungen und Errettungen tugendsamer Heldinnen durch galante Kavaliere, viel zu galante Konversationen – aber für die Salons war es Lesefutter, war es ihr Betriebsstoff, sozusagen. Salon und Literatur gingen in diesen Texten sehr fließend ineinander über: Briefe, die im Roman geschrieben wurden, konnten in der Realität beantwortet werden, Spiele, die man im Salon erprobte, tauchten als Karten im Text wieder auf, und die Konversation, sowieso – ist nicht alles Konversation, beinahe das ganze Leben, beinahe die ganze Literatur, ein endloses Gespräch über Alles und Nichts, unerträglich eigentlich – wenn es nicht kultiviert, interessant, ironisch, humorvoll, gelegentlich gebildet und anspielungsreich, gelegentlich etwas sentimental oder erotisch aufgeladen ist? Bildete man sich nicht bei beidem, im Salon und beim Lesen, allein oder gemeinsam? Waren nicht die Salons eine Art gehobener Volkshochschule für den niederen Adel und das aufsteigende städtische Bürgertum, aber für die Frauen vor allem, die ja immer noch keine Erziehung bekamen und antike Philosophen nur lesen konnten, wenn sie ihren Brüdern die – meist ungeliebten – Klassiker vom Schultisch wegstahlen? Und bildeten nicht noch die geschwätzigsten heroischen Romane, die doch, in ihren endlosen Konversationen, ein Stück lebendiges Leben enthielten, und das Gespräch wieder zurückspielten in die Salons?

 

Madeleine de Scudery schrieb in der zweiten Hälfte ihres Lebens einige Sammelwerke, die genau diesen Titel trugen: Conversations, Essays im Konversationston, über die Bildungsthemen der Salongesellschaft: Wie schmeichelte man richtig, wie schrieb man einen guten Brief, was war das überhaupt, die rätselhafte und unübersetzbare aire galante? Derweil war sie, wenn man den Quellen glauben mag, taub geworden, und man mag sich nicht vorstellen, welche Dramatik in ausgerechnet diesem Befund für eine Salonniere lag. Denn sie wollte immer nur im Gespräch schreiben, sie lehnte es ab, akademische Definition zu geben und gelehrte Monologe zu führen; was das Galante sei, so schrieb sie in ihrem Essay über die air galante, ließe sich niemals in einer Begriffsbestimmung einfangen, sondern nur im lebendigen, sich entwickelnden, wandlungsfähigen Gespräch galanter Menschen. Doch es wurde ein Selbstgespräch, und die samedis nahmen ein Ende. Madeleine de Scudery wurde alt, sehr alt für ihre Zeit: Sie starb mit über 90 Jahren. In hohem Alter porträtiert sie später E.T.A. Hoffmann in einer der ersten deutschen Kriminalnovellen, Das Fräulein von Scudery, wo sie mit Charme und Weisheit und diplomatischem Geschick einen rätselhaften Mordfall löst. Geheiratet hat sie niemals, in ihrem ganzen langen Leben; sie war von Männern umgeben, in ihren Salonzeiten sicherlich auch von attraktiven, intelligenten, machtvollen Männern; sie wird geflirtet haben, sie war keine von denen, die im See der Gleichgültigkeit planschten oder sich auf ihre Ego-Burg zurückzogen; aber sie blieb für sich, und man kann nur spekulieren über den Preis, den sie dafür gezahlt hat.

 

Die Taubheit hat er E.T.A. Hoffmann ihr in seiner Erzählung erspart. Man würde sich wünschen, dass sie ihr auch die Boshaftigkeit einiger ihrer männlichen Zeitgenossen erspart hat. Denn diese waren irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass diese neue weibliche Bildungselite, deren Salons sie natürlich gern und regelmäßig besuchten, um mit ihren neuen Werken und ihrem blitzenden Witz zu prunken, eine unliebsame Konkurrenz zu werden drohten. Bildung war bisher eindeutig männlich gewesen, die Eintrittskarte war der Besuch akademischer Ausbildungsstätten, ihre Eingangsschwelle die Bildungssprache Latein. Nun aber kamen diese Frauen, sie waren witzig, sie wollten lernen, sie begannen die Männer zu kontrollieren: Waren sie auch galant genug? Spielten sie sich nicht unangenehm auf gegenüber den Frauen, hielten sie sich an die Spielregeln, besonders an die ungeschriebenen? Und die Salondamen verfügten durchaus nicht nur über symbolisches Kapital, sondern auch über konkreten politischen Einfluss, sie hatten Zutritt bei Hofe, diskutierten mit um die großen kulturpolitischen Fragen der Zeit: Welche Kunst, welche Literatur ist die beste, die größte, die ruhmreichsten für die große französische Nation – die der Alten oder die der Neuen, unsere eigene, unsere Dramatiker, Moliere, Corneille, Racine? Was darf die Kunst, und was darf sie nicht? Und dann schrieben diese Salondamen auch noch all diese Romane, eine Gattung, die es eigentlich gar nicht geben durfte, weil sie keine antiken Vorbilder hatte; all diese Liebesromane, die die Leser und vor allem die Leserinnen in ganz Europa geradezu süchtig machten; die eine neue Mode aufbrachten, die Galanteriemode, einen blühenden Wirtschaftszweig von Accessoires bin hin zum Galanteriedegen und dem Galanten Wörterbuch! Nein, es ging nicht nur um symbolisches Kapitel, es ging um politisches Kapital, es ging um wirtschaftliches Kapital – und der Salon war auf einmal nicht mehr ein freundlicher weiblicher Raum, er wurde zum Kriegsgebiet.

 

Vielleicht hörte Madeleine de Scudery nicht mehr, als Moliere anfing, sie und ihre Mit-Salonnieren als precieuse zu verspotten: gezierte, künstliche, übersteigerte, sich Bildung anmaßende, aber eigentlich nur flachgeistige und oberflächliche Kunstwesen, vollständig aus Kunst gemacht, ohne Ende schwätzend, ewig flirtend, Gelehrsamkeit schwach vorspiegelnde, eigentlich aber vollständig überforderte Emporkömmlinge. Die Preziösen hieß die Komödie, die Moliere schrieb und die ganz Paris – und das hieß: die gesamte kultivierte Welt – zum spöttischen Lachen brachte; genauso waren sie, diese angeblich gebildeten Frauen, diese galante Welt des Scheins und der Oberfläche, Talmi, Gefühlskitsch, Sprachverzärtelung durch und durch! Aber bestimmt konnte sie es noch lesen, auf dem Theater sehen, in der Atmosphäre spüren. Es ist nur zu hoffen, dass sie trotzdem bis zum Ende in ihrem Inneren, wo sie niemand mehr hören musste, Sappho blieb: Unter diesem Namen verehrten sie die Zeitgenossen, unter diesem Namen sah sie sich selbst in ihren Romanen, und dieser Name steht über der letzten Eloge bei den Femmes illustres. In ihr wendet sich die antike Lyrikerin an ihre Nachfolgerin Erinna und ermutigt sie, sich nicht von der Dichtkunst abbringen zu lassen, egal, was die Männer dazu sagten: Sie sei talentiert, sie habe das Zeug zur Dichterin, und während alle Schönheit, selbst die größte, nur ein sehr vergängliches Gut sei, erwerbe man durch die Dichtung ewigen Ruhm. Konnte es denn überhaupt anders sein? Hatte nicht Gott selbst, der niemals etwas Entbehrliches, Überflüssiges, Sinnloses schuf, den Frauen dieses Talent gegeben, damit sie es ausprägten, zu ihrem und zu seinem Ruhm? War es nicht überall im Tierreich zu sehen, dass die körperlichen Schwächeren von dem allgerechten Gott dafür größere geistige Talente bekommen hatten, nicht um sie schlafen zu lassen, sondern um sie zu benutzen? Sei mutig, das sagte Scudery unter dem Gewand der Sappho im Wesentlichen zu Erinna und all ihren Nachfolgerinnen; seid mutig! Ihr seid nicht allein, und irgendwann irgendwo werden wir uns treffen, in einem großen Salon, und der Schönheit und der gebildeten Konversation und des heiteren Scherzes wird kein Ende sein – außer, jemand wagt sich doch einmal vor auf das Meer der Leidenschaft, was man ja niemals ausschließen kann, und wer weiß schon, wo der Tod ihn einholt.

 

Ein halbes Jahrhundert später waren die Salons auch in Deutschland angekommen, sogar die Galanterie-Mode, im damals kulturell ziemlich hinterwäldlerischen und nicht direkt für höfische Eleganz oder zivilisierte Feinheit der Umgangsformen bekannten Fleckenteppich deutscher Fürstentümer. Und das Zentrum der Galanterie wurde, ausgerechnet, eine betriebsame Stadt mitten in Sachsen: Vom „galanten Leipzig“ sprechen die Zeitgenossen bewundernd, es war eine Blütezeit der alten Buchhandels-, Messe -und Verlagsstadt mit ihrer aufstrebenden Universität und ihrem reichen Bürgertum. Und hier wurde auch Christiana Mariana Ziegler geboren, mitten in die Bildungselite der alten Lindenstadt. Ihre Mutter brachte eine schöne Mitgift mit, der Vater war angesehener Jurist an der Universität und wurde bald nach ihrer Geburt zum Bürgermeister gewählt, und man gedachte, den Ansehenszuwachs durch den Bau eines prächtigen Bürgerpalais mitten in der Stadt zu demonstrieren, dem heute noch Ehrfurcht gebietenden Romanushaus. Dann jedoch kam der Korruptionsskandal, die Umstände sind kaum noch genau zu rekonstruieren, der Bürgermeister sollte Geld unterschlagen haben; man einigte sich eher unter der Hand, dass er auf die Festung Königstein kam, als Staatsgefangener, wo er die letzten vierzig Jahre seines Lebens verbrachte. Natürlich war es ein Skandal für die Familie, aber das Vermögen der Mutter konnte gerettet werden, und die 16jährige Christiana – von deren Erziehung man eigentlich nichts weiß, außer dass sie irgendwann stattgefunden haben muss und gar nicht so schlecht war, vielleicht auch hier gemeinsam mit einem Bruder oder Neffen – wurde verheiratet und stieg auf in den niederen Adel. Alles scheint nach Plan zu gehen, ein Jahr später kommt schon das erste Kind – doch dann verstirbt, nach kaum zwei Jahren Ehe, der junge Mann. Wiederum zwei Jahre später heiratet Christiana wieder, zieht aufs Land mit ihrem ebenfalls adligen zweiten Ehepartner, zieht vielleicht sogar mit ihm in den Nordischen Krieg, aber das wird niemals mehr zu belegen sein. Sie bekommt auch wieder Kinder, der zweite Ehemann stirbt, die Kinder sterben – ein Frauenschicksal, gar nicht so außergewöhnlich. Christiana jedoch, und das ist das Außergewöhnliche, geht zurück zur Mutter, zieht wieder um ins galante Leipzig, ins pompöse Romanushaus, und eröffnet dort ihren Salon. Johann Sebastian Bach verkehrt dort, er vertont einige ihrer Kantaten. Und als Gottsched nach Leipzig kommt, schon eine Berühmtheit und Autorität in literarischen Kreisen, öffnet die Zieglerin ihm in Leipzig die Türen. Er revanchiert sich prompt: Auch dieser Salon ist eine Handelsbörse in Sachen literarischer Machtpolitik, aber er ist es in einem sehr deutschen, mehr noch: sehr aufklärerischem Gewand, das das galante bald verdeckt, überlagert, verdrängt. Im Zieglerschen Salon wurde zwar durchaus gelacht, gescherzt, getanzt, gespielt, gedichtet, musiziert – aber kann man sich einen Gottsched als galanten Komplimentendrechsler vorstellen, einen Bach als Salonmusikanten, ja auch eine Zieglerin als verliebte Schäferin, die sich auf der Karte der Zärtlichkeit verirrt hat?

 

Auch als Christiana ihr Erstlingswerk publiziert, sicherlich gefördert von Gottsched, tut sie das bereits mit einem gegenüber der Scudery – die sie im Vorwort sogar als Vorbild erwähnt! – deutlich gestärktem Selbstbewusstsein; es ist, also ob sie die Rede der Sappho an Erinna und all ihre Nachfolgerinnen wirklich verinnerlicht hätte. Ihr eigener Name steht auf dem Titelblatt. Bisher sei es zwar, so wendet sie sich an den Leser (oder vielleicht doch eher die Leserin), durchaus üblich gewesen, dass schreibende Frauen ihre Texte vor der Veröffentlichung sicherheitshalber einer männlichen Korrektur unterzogen hätten (also sozusagen dem Gegenteil eines peer-review). Sie habe jedoch, wissend um ihre eigenen Schwächen und Unvollkommenheiten sowohl als Frau als auch als Autorinnen (wann werden jemals männliche Autoren ein solches Bekenntnis in einer Vorrede ablegen?), beschlossen, dies nicht zu tun. Dieses seien ihre eigenen Texte, genauer: Gedichte, Werke in gebundener Sprache, Ausfluss ihres Vergnügens und ihrer Freude am Verfassen von Poesie seit früher Jugend. Man kann das glauben, man sieht das auch an ihren Gedichten, von denen viele das zeitgenössische Gewand der Gelegenheitslyrik tragen – und damit einer Angelegenheit für Dilettanten, Nebenstundendichter, wie man das nannte: Hier ist eine geschickte Reimeschmiederin (ihr eigenes Wort) am Werk, die Verse fließen geläufig, geschickt, meist konventionell, gelegentlich originell, insgesamt: lebhaft. Natürlich wisse sie, so gesteht sie ebenfalls in der Vorrede, dass Frauen gelegentlich Briefe schreiben, die man nicht einmal als „Botage“, als herzhaften Eintopf, servieren dürfe, so drunter und drüber ginge es in ihnen; aber hat nicht ein gut gemischter Eintopf auch seine Vorzüge (das sagt sie nicht in der Vorrede, aber wissen wir das nicht alle)? Vor allem aber schmerze es sie, dass man als Frau nicht scherzhaft sein dürfe. Sie habe gleichwohl einige Versuche in scherzhaften Gedichten beigefügt, für den gewogenen Kritiker – dessen hilfreichen Hinweisen sie im Übrigen gern Folge leisten werde, wenn er sie denn vernünftig und ernsthafte kritisiere; wenn man sie allerdings nur schmähe und beleidige, werde ihr schon das Halstuch nicht verrutschen! (und plötzlich sieht man doch die Salondame im Hintergrund zwinkern)

 

Dabei könnte einem heutzutage durchaus gelegentlich das Halstuch verrutschen, wenn man sich in ihre Situation versetzt. Denn Christiana Mariana von Ziegler erfährt bald darauf die außerordentliche Ehre, als erste Frau in die von Gottsched geleitete „Deutsche Gesellschaft“ aufgenommen zu werden; eine Sprachgesellschaft, wie es sie an vielen akademischen Standorten gab, die sich der Säuberung und Vereinheitlichung der deutschen Sprache zum Zwecke ihres literarischen Aufstiegs verschrieben hatte – keine Fremdworte also, aber auch kein Dialekt, sondern eine in Maßen vereinheitlichte und für die nationalsprachliche Dichtung geschmeidig gemachte Hochsprache war das ambitionierte Ziel. Die „Deutsche Gesellschaft“ war, wie ihr Vorbild, die französische Academie francaise, und im Gegensatz zu den Salons eine geschlossene Gesellschaft: Die Mitgliedschaft wurde verliehen, und sogar wenn sie einmal an eine Frau verliehen wurde – wie an die Zieglerin -, dann durfte diese natürlich nicht in den heiligen Hallen erscheinen, um ihre Antrittsrede zu halten. War es ein Zufall, dass Christiana kurz darauf eine eigene literarische Gesellschaft gründete, die sie die „Scherzende Gesellschaft“ nannte, wo man vielleicht gelegentlich dann doch das Halstuch etwas verrutschen lassen durfte? Zumal ihr bald darauf, eine zweite, beinahe noch höhere Ehre erfuhr: Die Universität Wittenberg krönte sie zur „poeta laurata“ – und verlieh ihr damit den einzigen akademischen Ehrentitel, der einer Frau außerhalb der für sie verbotenen Promotion zugänglich war. Und natürlich durfte sie wiederum den Lorbeerkranz nicht persönlich entgegennehmen; eine Frau hatte in der Universität nichts zu suchen, selbst wenn sie sie mit ihrer höchsten Ehre auszeichnete.

 

Wenig später schrieb Christiana dann eine Abhandlung über die Zulassung und Eignung von Frauen zur Wissenschaft, einen kleinen Text, der sehr wenig aufrührerisch oder gar proto-emanzipatorisch daherkommt und einfach nur friedlich argumentiert: Es sei nicht zu ersehen, warum Frauen weniger geistige Gaben als Männer von Gott verliehen haben sollten; es sei im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse einer Kulturnation, die vorhandenen geistigen Ressourcen optimal zu nutzen, zumal es den meisten Frauen (im Subtext meint man zu hören: im Unterschied zu den meisten Männern) nicht um die Befriedigung persönlicher Eitelkeit oder eines Gott wenig gefälligen Ehrgeizes ginge, sondern nur darum, nützlich zu sein und sich selbst ein wenig zu bilden. Schließlich, selbst wenn man nun der Meinung sei, die Pflichten des Frauenzimmers lägen auf anderen Gebieten – was sie durchaus nicht ablehne -, sei es erwiesenermaßen möglich, einen Haushalt zu führen und, in den Nebenstunden, zum Wohle des eigenen Geistes und des wissenschaftlichen Ruhmes der Nation tätig zu sein. Zeige das nicht – ihr eigenes Beispiel, nämlich ihre Aufnahme in die Hall of Fame, die „Deutsche Gesellschaft?“ Zeigten das nicht etliche gebildete, gelehrte, erfolgreiche Frauen, wie die Italienerin Laura Bassi, die in Bologna als Physikern reüssierte und auf die die Zieglerin eine eigene Ode verfasst hatte? Deren Tenor war: Wenn es überhaupt irgendeinen Sinn hat, dass die Musen den Sänger beflügeln, über wahrhaft hohe und edle Gegenstände zu singen, müssten wir dann nicht alle jetzt und sofort in einen Lobgesang über Laura Bassi und die edle Universität Bologna ausbrechen, die genug Größe hatte, einer Frau einen (zumal philosophischen) Doktorhut zu verleihen? Aber stattdessen: Stille im Walde, auch in der galanten Lindenstadt. Beim Geburtstag eines Generals, oh ja, da würden die Musen zum Sturmgesang rufen, so dichtete Christiana in einer anderen Ode nicht ganz scherzhaft; aber, um ehrlich zu sein, sie müsse nun wirklich nicht dabei sein, wenn dessen "- -  Ruhm" besungen würde; und die beiden Gedankenstriche sagen es alles und mehr.

 

In dieser Zeit der zunehmenden öffentlichen Anerkennung und Ehrung hatte sie selbst ihren zweiten Sammelband verfasst, der diesmal nicht nur die bekannte Mischung aus Gelegenheits-, scherzhaften und religiösen Gedichten enthielt, sondern auch einen Teil von Texten in „ungebundener Rede“: Prosatexte, Abhandlungen, Reden, Essays, wie man heute sagen würde; sie übersetzte in dieser Zeit auch die Conversations der Madame Scudery ins Deutsche, unter dem bezeichnenden Titel der „Moralischen Gespräche“. Und in diesen Essays und Reden zeigte die Zieglerin nun das, was ihr wahrhaft am Herzen lag, gleich unter dem Halstuch, aber jenseits von Männlichkeit und Weiblichkeit und den Ungerechtigkeiten eines Geschlechterdiskurses, in dem Männer immer die Herren sind und Frauen nur ihre Schuldigkeit tun müssen (gern zitiert sie in diesem Zusammenhang aus der Bibel, „Das Weib schweige in der Gemeinde“, sie muss diesen Satz ernsthaft gehasst haben, hatte aber die Größe, ihn immer wieder anzuführen, wie einen Stachel im eigenen Fleisch, der löckt und nicht nachlässt): Sie ist eine Aufklärerin, bis zur Leidenschaft, bis zur Naivität. Und würde man nicht die Frauen, wenn man sie sich nicht bilden lässt, genau davon ausschließen: von der Aufklärung des Menschengeschlechts, dem großen Projekt einer Zeit, die die Menschheit noch für erziehbar hielt? Und war es nicht sogar so, dass Frauen, gerade in ihrem eingeschränkten weiblichen Leben oder auch in den Salons, alle Zeit und Muße der Welt zur Beobachtung des Menschen hatten? Gestand man ihnen nicht Menschenkenntnis zu und eine Begabung für das Gespräch, für die Konversation, ja hielt man sie in diesem Bereich nicht nur sogar für begabter als Männer? Warum aber sollten sie nur reden und nicht schreiben über das, was sie beobachtet und sorgfältig erwogen hatten? Gott taucht in dieser Argumentation kaum noch auf; an seine Stelle sind die Moral getreten, die menschliche Tugend, die philosophische Weisheit. Aber Christiana hätte sicherlich gesagt, dass man einen Menschen, dem man vom Prozess der Aufklärung ausschließt, letztendlich zum Fegefeuer verdammte: Denn wie sollte man moralisch handeln, ohne zu wissen, wie das eigentlich geht, wie es sich begründet, wie man sich selbst, in vielen kleinen Schritten, hin zur Moralität entwickelt? Nein, wahre Dichtung war keine Reimeschmiederei, kein galantes Gesellschaftsspiel, kein buntscheckiger Eintopf aus Themen, keine diffusen Ideen, irgendwo aufgeschnappten Formen, zusammengerührt und gewürzt mit ein wenig weiblicher Preziosität. Dichtung im Geist der Aufklärung war eine moralische Verpflichtung, so, wie es Gottsched lehrte, auch wenn er längst nicht mehr der „Deutschen Gesellschaft“ vorstand und sich weit weg in der Schweiz die Aufrührer gegen sein Papsttum in der deutschen Literatur schon längst formiert hatten; aber das war der Gang der Dinge und rührte nicht an die Grundfesten der Aufklärung und der Tugend und der Dichtung.

 

Spät hat Christiana Mariana Ziegler noch einmal geheiratet, einen Jura-Professor, sie kannten sich schon lange in Leipzig, gemeinsam zogen sie nach Frankfurt an der Oder. Danach hat sie nur noch übersetzt, aus dem Französischen vor allem; mit sechzig Jahren starb sie, da hatte Madeleine de Scudery noch ein Drittel ihres Lebens vor sich. Dass sie nach der Heirat verstummte – vielleicht war es ihr dann doch zu viel, der Haushalt und die Dichtung? Vielleicht meinte sie nichts mehr zu sagen zu haben, vielleicht war die Zeit über sie, wie über Gottsched, hinweggegangen? Wie Madame de Scudery war auch sie Opfer einer Rufmordkampagne geworden, auch wenn diese auf deutsche Verhältnisse herabgestimmt war: Nach ihrer Poetenkrönung schrieben vier lose Leipziger Studenten ein Schmählied auf die gelehrte Damenwelt. Es war auf eine einfache Melodie gesetzt und begann: „Ihr Schönen, höret an, erwählet das Studieren!“, und es endete "O schöne Musen-Schar, /continuiert drei Jahr. / Ich sterbe vor Vergnügen, /wenn ihr anstatt der Wiegen, /euch den Catheder wählt, /statt Kinder Bücher zählt". Das konnte natürlich nicht mit Moliere konkurrieren, aber ein wenig weh tat es sicherlich trotzdem. Aber die Zieglerin riss sich zusammen und verfasste eine Ode auf das "Das männliche Geschlecht, im Namen einiger Frauenzimmer besungen"; sie zeigt hier wieder gekonnt ihre scherzhafte Seite, man sieht das Halstuch geradezu verrutschten, aber zwischendurch klingt auch gar nicht wenig Bitterkeit mit, wenn es heißt: "Die Männer müssen doch gestehen, / Daß sie wie wir, auch Menschen sind. / Daß sie auch auf zwey Beinen gehen; / Und daß sich manche Schwachheit findt. / Sie trinken, schlafen, essen, wachen. / Nur dieses ist der Unterscheid, / Sie bleiben Herr in allen Sachen, / Und was wir thun, heißt Schuldigkeit".

 

Genutzt hat es nichts. Das Modell „gelehrte Frau“ blieb auf die frühe Aufklärung in Deutschland beschränkt, die Zieglerin und die Gottschedin waren seine Heldinnen, und niemals hätten sie es gewagt, sich die deutsche Sappho zu nennen; dafür waren sie zu ernst und zu modern und gleichzeitig zu bescheiden. Und ihr himmlischer Salon wäre wohl auch nicht das galante Spielparadies von Madame de Scudery gewesen. Es wäre wohl eher eine Art „Spiel des Wissens“ gewesen oder eine Art Moral-Monopoly, wo man moralische Bonuspunkte einsammeln konnte; mit viel Geld hätte man dann eine Akademie gebaut, für kleinere Budgets hätte es Volksaufklärung gegeben, und die Ereigniskarten hätten gesagt: Sie haben den zweiten Preis in einer akademischen Preisfrage gewonnen! Aber es wäre immerhin ein interessantes Gedankenspiel, wie ein moderner Salon aussehen würde, ein multikultureller, multinationaler natürlich, in dem sich Frauen treffen und spielerisch an ihrer Bildung arbeiten (und natürlich dabei heimlich an ihren Netzwerken stricken, das ist sowieso klar); in dem das gute Gespräch gepflegt würde und der Scherz, in dem Männer galant sein dürfen und Frauen auch, in dem zwar die Regeln des guten Geschmacks und der vernünftigen Argumentation gelten, aber die Wachhunde der politischen Korrektheit ebenso draußen bleiben müssen wie die Trolle der unsterblichen Schmähsucht (es wäre ganz sicher kein Chatroom.) Träumen wir weiter. 

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Zwei ungleiche Revolutionärinnen – Mary Wollstonecraft und Olympe de Gouges

 

Sie waren Revolutionärinnen – und schon während man es schreibt, merkt man, dass es das Wort gar nicht gibt: Revolutionär sein und Frau sein, das verträgt sich offenbar nicht. Aber beide wären empört gewesen, wenn man ihnen dieses – ja durchaus moralisch zweifelhafte, aber durch tausendfachen Missbrauch in der Werbesprache reichlich verharmloste – Attribut verweigert oder sie gar vermännlicht und zu Revolutionären gemacht hätte. Schließlich waren sie beide dabei gewesen, als in Paris zum ersten Mal ganz ernst gemacht worden war mit diesem Wort. Auf den Barrikaden standen Männer und Frauen, und die Guillotine interessierte es nicht, ob den fallenden Kopf zierlich frisisiertes Frauenhaar oder zerzaustes Männerhaar bedeckte. Aber kein Zeugnis eines persönlichen Treffens ist überliefert, und so kann man sich nur vorstellen, wie es gewesen sein könnte. Vielleicht war es an dem Tag, als der König zu seiner Hinrichtung gefahren wurde, am zweiten Weihnachtstag 1792, sicherlich war ganz Paris auf der Straße an diesem Tag, Königsgetreue wie Revolutionäre und alles dazwischen. Und Mary stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass ihre Tränen flossen beim Anblick des entwürdigten Monarchen, obwohl sie wenig Sympathien für die Monarchie hatte. Aber auch Olympe, zehn Jahre älter und die weitaus politischere, radikalere von beiden, hatte das nicht gewollt. Ansonsten waren sie eher verschieden. Die eine war philosophisch versiert, eine Aufklärerin im besten Sinne, eine erfahrene Erzieherin, weitgereist in Europa; und die andere hat Frankreich nie verlassen, aber sie war ungebunden, selbsterzogen, polemisch und streitbar durch und durch. Doch nur zusammengenommen ergeben beide, die Engländerin und die Französin, ein schärferes Profil dieser neuen Art in der Menschheitsgeschichte: der weiblichen Revolutionärin.

 

Beginnen wir mit der sanften Revolutionärin im Bürgerkleid, beginnen wir mit Mary Wollstonecraft, der Engländerin. Ihre Jugend war nicht leicht gewesen, der Vater trank und prügelte, sie übernahm früh Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister – und eigentlich wird sie fast ihr ganzes Leben lang Verantwortung für Kinder tragen, eigene oder die anderer. Auch ihre Erziehung war nicht die Beste – und ihr ganzes Leben lang wird sie damit verbringen, die eigene Bildung zu verbessern und mehr Bildung für andere Frauen zu fordern. Fast überflüssig zu sagen, dass Geld ein Problem war. Mary musste schon früh für sich selbst sorgen, und sie durchlief geradezu bilderbuchmäßig alle Möglichkeiten für eine Frau (außer den unmoralischen, natürlich) zu Geld zu kommen: Verdingte sich als Gesellschafterin bei einer älteren wohlhabenden Dame, ertrug ihre Launen, bis es nicht mehr ging. Ging zurück, pflegte ihre sterbende Mutter. Eröffnete mit ihrer besten Freundin eine Schule. Wurde nach dem Scheitern der Schule Hauslehrerin bei einer wohlhabenden Familie in Irland. In dieser Zeit begann sie schon mit dem Schreiben; sie hatte reichlich Stoff gesammelt für einen Erziehungsratgeber, den sie Thoughts of the Education of Daughters nannte Töchter, nicht Frauen; die Frau bleibt bei Mary Wollstonecraft durchaus ein Familienwesen, und das Buch ist gesättigt mit pragmatischen Hinweise für das Leben als Haushälterin und als Mutter. Aber sie hatte auch die großen Erziehungsbibeln der Zeit studiert, John Lockes Thoughts on Education und Rousseaus Emile, sie hatte Erziehungsbücher aus dem Deutschen übersetzt und aus dem Französischen, und aus all dem, Erfahrung und Denken, hatte sie ihr eigenes Konzept entwickelt. Es war das einer durch und durch rationalen, bürgerlichen, moralischen Erziehung für bürgerliche Frauen als rationale, moralische, für die Gesellschaft vielfältig nützliche Wesen. Und dann schrieb sie noch, weil sie gerade dabei war, ein Kinderbuch hinterher, sie nannte es: Original Stories from Real Life, genau darum ging es ihr nämlich: Nicht irgendwelche Ammenmärchen zu erzählen oder ideale Kinder zu erziehen, wie Rousseau es tat mit seinem utopischen Emile, sondern reale Kinder für eine reale Welt lebenstüchtig zu machen.

 

Bis dahin verlief, würde man heute sagen, ihr Leben halbwegs emanzipatorisch, wenn auch nicht gerade revolutionär. Doch dann begann sie ihre erste Liebesaffäre mit einem Künstler, leider verheiratet. Natürlich endete sie unglücklich, und Mary machte in ihrer Verzweiflung den ersten großen Schritt zu ihrer persönlichen Revolution: Sie entschied sich, nach Paris zu gehen, dort, wo gerade die ersten Akte des großen Menschheits-Revolutions-Drama uraufgeführt worden waren. Und sie führte sich ein in die intellektuelle Revolutions-Szene, indem sie ein umfangreiches, leidenschaftlich formuliertes, aber grundrational argumentierendes Pamphlet gegen den großen englischen Revolutionskritiker Edmund Burke schreibt, betitelt Vindication of the Rights of Menmen natürlich verstanden, im zeitgenössischen Sinne, als Menschen im Allgemeinen, nicht als Männer im Besonderen; aber gleichzeitig mit der Unterstellung verbunden, dass der Mann auch der Allgemeinfall ist und Weiblichkeit eine seltsame Besonderheit. In diesem Werk steht schon viel Bemerkenswertes aus weiblicher Perspektive betrachtet: zum Beispiel, dass es ein ziemlich mieser Trick war von Burke, der sich auch als Ästhetiker betätigte, dass er die beiden großen ästhetischen Kardinaltugenden, das Erhabene und das Schöne, so definiert hatte, dass die Erhabenheit mit ihrem moralischen Schwergewicht des Großen, Starken, Überwältigenden – nur dem Mann zukommen konnte. Für die Frau hingegen blieb der Trostpreis, die moralisch eher indifferente Schönheit, also: das Niedliche, Kleine, Passive; sie war das reizende Blümlein neben dem mächtigen Heros, allenfalls: der Efeu, der sich dem starken Stamm anschmiegt. Oh nein, so sah Mary Wollstonecraft sich selbst nicht: Sie war die erste einer neuen Art Frau, sie scheute nicht den rationalen Kampf mit den großen Männern der Aufklärung, sie ging mitten hinein ins Feuer der Ereignisse, und sie schrieb eine zweite Vindication, die sie unsterblich machen sollte, unsterblich und damit erhaben: die Vindication of the Rights of Women.

 

Die Vindication of the Rights of Women ist allerdings, trotz des kämpferisch anmutenden Titels, keine Kampfschrift, kein Pamphlet. Es ist eine umfangreiche Abhandlung, klar und argumentierend, belesen, ohne Schnörkel, durchaus kritisch auch gegenüber dem eigenen Geschlecht und wahrhaft originell in vielen Gedanken. Geht es Frauen nicht beispielsweise eigentlich genauso wie – Soldaten? Zugerichtet, ja: verstümmelt um eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen, Rädchen in einer großen Maschine, verpflichtet auf Sekundärtugenden und bezahlend mit dem eigenen Leben, dem Lebensglück wie dem Seelenheil. Oder: Was ist das eigentlich für eine Sache mit der Liebe, die die Männer uns da eingebrockt haben? Da wird uns erzählt, es sei unser ganzer Lebenszweck als Frau, den Mann zu bezaubern, einzufangen, ihn zu versklaven; alles sollen wir dafür geben, uns selbst ganz zu künstlichen Wesen machen, Verstand stört da nur, es ist der Putz, der zählt! Und wenn es uns dann gelungen ist und wir sind endlich verheiratet, das Lebensziel scheint erreicht, das Glück winkt – da beginnt unsere Schönheit schon zu welken, im fatalen Gleichschritt mit der Liebes-Leidenschaft auf beiden Seiten, vor allem aber der männlichen. Denn das ist das Schicksal aller irdischen Dinge, die in die Sinne fallen: Sie sind vergänglich, viel zu schnell vergänglich, und übrig bleiben zwei alternde Eheleute, die sich nichts zu sagen haben, schon weil der eine Teil nie gelernt hat, auch nur zwei Sätze sinnvoll miteinander zu verknüpfen, wohl aber, das Haar in unendlich viele verschiedene Locken zu legen. Natürlich gibt es die große, die exzeptionelle, die Liebe des Genies: Aber ist es nicht auffällig, dass sie immer unglücklich endet? So argumentiert Mary, immer mit Maß und Klugheit. Sie will nicht die Welt umstürzen, sie will noch nicht einmal der vermeintlichen Überlegenheit der Männer über die Frauen ein allzu plötzliches Ende bereiten; wohin allzu plötzliche Enden führen, kann man gerade auf den Pariser Straßen beobachten. Aber wäre es nicht eigentlich logisch, wenn wir einmal davon ausgehen (lassen wir die Männer ruhig in diesem Glauben), sie wären das überlegene Geschlecht, weil sie physisch stärker sind; und physische Stärke ist nichts, über das man leichthin hinwegsehen sollte, sie könnte sogar eine Grundlage für moralische sein; trotzdem, selbst wenn wir von dieser gegebenen Überlegenheit ausgehen, ist es dann nicht so, dass sie nur ein „mehr“ von etwas ist, eine kleinere zu überwindende Distanz hin zur Vollkommenheit, die doch für alle Menschen die eine und gleiche sein muss, da sie von Gott kommt, dem einen Gott, für sein eines Geschlecht, die Menschen? Und wenn dem so ist, bleiben wir noch eine kleine Weile bei dem Gedanken, auch wenn wir gern wieder abschweifen würden, weil die Frauen unter uns an so langes und anstrengendes Denken ja nicht gewohnt sind, wenn dem also so ist: dann sollten wir ihnen doch eine Chance geben, diesen Unterschied aufzuholen, die kleine Lücke zu schließen, sich selbst endlich energisch auf den Weg zur Vollkommenheit zu begeben – und nicht sie, wie bisher, geradezu böswillig in die andere Richtung zu schicken, auf den mit weichen Teppichen gepflasterten und duftenden Ölen balsamieten Holzweg der Perfektionierung der eigenen Verführungskräfte und nicht etwa der eigenen Moralität und damit: des Seelenheils?

 

Klug, so war sie. In ihren Schriften jedenfalls. Im Leben hatte sich nach der Veröffentlichung der zweiten Vindication schon in die nächste Affäre gestürzt, immerhin kein Künstler mehr, sondern geradezu ein Musterbeispiel des neuen Mannes: Er ist Amerikaner und Offizier, nebenbei ist er ein wenig Schriftsteller und Spekulant; er ist, immerhin, nicht verheiratet, aber auch kein Musterbild von Treue. Als Mary ihm bald darauf eine Tochter gebiert, Fanny, lässt er sie zwar in der amerikanischen Botschaft als seine Ehefrau registrieren, ergreift daraufhin aber wacker die Flucht vor der Verantwortung. Mary muss wieder für sich sorgen, und nun für ein Kind dazu. Sie unternimmt, man kann sich kaum vorstellen wie, als sie endlich aus dem inzwischen im Krieg mit halb Europa liegenden Frankreich fliehen kann, eine dreimonatige Reise durch Skandinavien und schreibt ein Reisebuch, das bringt wenigstens Geld. Ein Treffen mit dem Liebhaber in England nach der Rückkehr führt nicht zur ersehnten Wiedervereinigung, und Mary versucht ihrem Leben mit einem Sprung in die Themse ein abruptes Ende zu bereiten. Es gelingt ihr nicht, vielleicht war es auch „nur“ ein Akt momentaner Verzweiflung; aber die Not muss immens gewesen sein, wenn sie, eine rationale Frau, eine überzeugte Christin, eine alleinerziehende Mutter einer kaum zweijährigen Tochter, eine anerkannte Autorin und Übermutter der noch in den Windeln liegenden Frauenbewegung, zu einem solchen Mittel greift. Kaum ein Jahr später heiratet sie dann doch noch, den Schriftsteller William Godwin, aber es ist schon wie ein Nachspiel, gezeichnet von einer zunehmenden Daseinsschwäche. Sie wird schwanger, sie bekommt eine zweite Tochter, die nach ihr Mary genannt wird, und sie stirbt an Kindbettfieber – einen typischen Frauentod, eine unverdiente Ironie des Schicksals. Vielleicht hätte es sie ein wenig stolz gemacht, dass diese Mary auch eine Autorin wird. Und Mary Wollstonecraft-Shelley wird der Welt mit ihrem Frankenstein-Roman ein ganz besonderes Geschenk machen: der Geschichte eines Monsters, das ohne Eltern, vor allem: ohne Mutter aufwächst, das niemals die Liebe kennen lernt und sich doch so danach sehnt, dass es zum Serienmörder wird.

 

Wahrscheinlich wäre das ihrer eigenen Mutter, die sie nie kennenlernte, dann doch zuviel der Revolution gewesen: Sie wollte die Welt in kleinen Schritten verändern, man dachte ja auch nur in kleinen Schritten; aber dann konnte sich aus einem kleinen Schritt logisch der nächste ergeben und so fort. Man ist heute geneigt, das eher als reformatorisch denn als revolutionär zu qualifizierten– ein in der modernen Begriffsmühle ähnlich abgeflachter Begriff wie der der Revolution. Kehren wir aber zum Begriffsursprung zurück, dort, wo die Worte noch jung und lebendig und dicht bei den Sachen sind, dann sehen wir: Eine Revolution ist eine Umkehr, eine Wende; und das ist das Entscheidende, die Umkehr des Blickes zwischen Frau und Mann, die Wende hin zu einem neuen Verhältnis der Geschlechter, das daraus sich entwickelnde neue Bewusstsein – das zwar nicht so sehr das Sein bestimmt, wie das die Philosophen gern hätten, aber zumindest eine Hälfte in einer komplizierten zweiseitigen Wechselbeziehung ist.

 

Olympe war da ganz anders; sie war das Vollbild der Revolutionärin, wie es die Zeitungen und die Dramen seit jeher lieben. Allein der Name schon! Denn eigentlich hieß sie gar nicht Olympe; auch sie hieß Marie, ein treuer braver Frauenname, der nur noch von fern die Assoziation an die Himmelskönigin Maria, die Mutter des Heilandes hervorrief; Millionen von Frauen hatten ihn vor ihr getragen, hatte Söhne unter Schmerzen geboren, sie unter Schmerzen geliebt und unter noch größeren Schmerzen verloren, an irgendeine höhere Gewalt; nach ihrer Meinung wurde nicht gefragt. Aber Marie Gouze, von kleinbürgerlicher Herkunft aus Südfrankreich, strebte nach einem anderen Himmel: Nach dem Olymp, dem Sitz der Götter, der unsterblichen Götter – und waren dort nicht auch Frauen anzutreffen, Göttinnen nicht nur der Schönheit und der Liebe oder gar der ihr verhassten Ehe, sondern auch der Klugheit und der Künste? Olympe, so nannte sie sich, nachdem ihr ungeliebter Mann ihr den Weg freigemacht hatte – er war älter als sie, er war nicht vermögend, er machte ihr einen Sohn und verstarb daraufhin, und das wenigstens hätte sie ihm zu Gute halten können. Nach seinem Tod jedenfalls nahm sie mit aller Energie ihre Karriere als femme des lettres in Angriff (die deutsche Übersetzung muss plump bleiben: eine gebildete Frau, eine Frau des Wissens und der schönen Künste, eine weibliche Autorin). Sie verschaffte sie sich noch einen fiktiven Adel, indem sie ihrem Geburtsnamen ein „de“ voranstellte, und schon war ihr Markenzeichen geboren, ein selbstgewählter Name für eine Feuertaufe: Olympe de Gouges, Frauenrechtlerin, weibliche Autorin, Verfasserin von aufrüttelnden Theaterstücken über das Schicksal der Sklaven, eines autobiographischen Briefromans sowie eines philosophischen Erziehungsromans sowie unzähliger politischer Schriften – oder, wenn man die Männer fragte: Skandalnudel, Prostituierte, Hysterikerin; ein Freigeist in seiner schlimmsten Form, nämlich als Frau.


Natürlich kam all das nicht aus dem Nichts, und wenn Marie nur irgendeine Krämerstochter im fernen Okzitanien geblieben wäre, wüssten wir nichts von ihr. Nein, sie hielt sich vielmehr für die uneheliche Tochter eines mittelmäßig bekannten adligen Autors, der Marquis de Pompignan, der sich jedoch nicht zu ihr bekennen mochte; und ihr kurzes Leben lang hat sie immer besonders die Rechte unehelicher Kinder im Auge behalten. Aber er war trotz allem ein Vorbild: ein homme de lettres, ein gebildeter Mann, der in den besten intellektuellen Zirkeln von Paris verkehrte und Bücher schrieb; das, genau das, wollte Marie-Olympe auch, und als der kleinbürgerliche Ehemann endlich aus dem Weg war, warf sie sich mit ihrem ganzen Ehrgeiz (einer schier unerschöpflichen Quelle) auf ihre Bildung. Als erstes lernte sie Französisch; Hochfranzösisch, die Sprache der Eliten, nicht das sicherlich wohlklingende, aber provinzielle Okzitanisch ihrer Heimat. Und sie las, sie studierte, las wieder, historische Texte, literarische Texte, philosophische Texte, all das, was jeder junge Mann aus adligem Hause hätte lesen können, um seine Bildung zu vervollkommnen. Natürlich brauchte man Geld dafür; und Olympe wählte die klassisch französische Lösung: Sie wurde die – Mätresse? Konkubine? Lebensgefährtin? – eines angesehenen Parisers, der ihr wahrscheinlich ihren Bildungstrip – gegen eine gewisse Gegenleistung? – finanzierte. Denn heiraten wollte Olympe nicht mehr; oder vielmehr ganz sicher nicht, bevor es nicht eine neue Scheidungsgesetzgebung gab und Eheverträge, die eine Güterteilung ermöglichten – für all das warb sie in ihren Schriften, legte Gesetzes- und Vertragsentwürfe vor, wurde dabei sehr praktisch und sehr konkret. Konnte man nicht wirklich etwas für die Armen tun, für die unehelichen und rechtlosen Kinder, für die mittellosen Frauen, die ihre Kinder auf der Straße gebären und in Waisenhäuser geben mussten? Konnte man nicht die rechtliche und finanzielle Stellung der Frauen absichern, so dass sie nicht mehr abhängig von tyrannischen, gewalttätigen, brutalen Männern waren? Konnte man nicht, wenn man schon dabei war, auch die Gefängnisse reformieren, die Sklaven befreien und zur Finanzierung eine Art Vermögenssteuer bei den Reichen erheben? Und warum las man all das eigentlich nie bei Männern, die doch angeblich den großen politischen Durchblick hatten und alle wichtigen gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen trafen – und im Übrigen gerade den gesamten stolzen französischen Staat in eine derartige Finanzkrise getrieben hatten, dass die Revolution einfach nicht mehr zu vermeiden war, sollte das Volk nicht auf den Straßen verhungern, alle, Männer, Frauen und Kinder – Kinder! -, während die Majestäten tanzten und jagten und gelegentlich einen sinnlosen Krieg vom Zaun brachen?


Olympes persönliche Emanzipation vollzog sich mitten in Paris, zeitlich parallel zur Französischen Revolution, und das merkt man ihr an. Es war keine Zeit für sanfte Zwischentöne, freundlich vorgetragene Bitten, subtile Argumente, für weiblichen Charme und reizende Augenaufschläge. Olympe meldete sich von Anfang an, wenn sie etwas zu sagen hatte – und sie hatte sehr viel zu sagen, sie schrieb wahrscheinlich noch schneller als sich sprach, und schon das stellte man sich sehr schnell vor -, schrill zu Wort. Sie griff zu den größten Worten, zu stärkstem rhetorischen Pathos, zu krassen Extremen und Beispielen; sie tat also genau das, was auch alle Männer der Revolution taten, wenn sie in dieser Kakophonie, diesem Wildwuchs der Entstehung politischer Parteien und Fraktionen, diesem testosteronstrotzenden Kampf um politischen Einfluss und Anhänger gehört sein wollten: Laut sein, schrill sein, übertreiben, den Teufel an die Wand malen (er trug die Züge des Königs), und dann noch ein wenig stärker auftragen (war er nicht der wahre Anti-Christ?). Allerdings, so muss man der Gerechtigkeit halber sagen – und Olympe hielt viel auf Gerechtigkeit, sie war ihr Hauptjoker im Geschlechterkampf, ihr ureigener Verbündeter: denn war nicht die Gleichheit von Frauen und Männern vor dem Gesetz die einfachste und grundlegendste Form von Gerechtigkeit überhaupt? – allerdings blieb Christine bei allem rhetorischen Feuerwerk durchaus mäßigend im Inhalt; sie verteidigte den König, der schon bald nur noch ein einfacher Louis Capet war, sie verteidigte sogar die ungeliebte Königin Marie Antoinette, die Österreicherin, die das Geld mit vollen Händen hinausgeworfen hatte; Olympe war nicht der Meinung, dass irgendetwas dadurch gewonnen würde, wenn man jetzt anfinge Könige – und Königinnen! – zu köpfen. Gelegentlich wurde ihr das verübelt, sowohl von den radikaleren Revolutionären, die gerade zu verstehen begannen, dass eine Guilottine das ultimative Gleichsheitsinstrument war, als auch von späteren radikalen Feministinnen: Ausgerechnet Marie Antoinette – die mit dem Kuchen, falls das irgendjemand vergessen haben sollte! -, ausgerechnet dieser Inbegriff des verabscheuten Absolutismus in weiblich-leichtfertiger Gestalt, ausgerechnet ihr widmete Olympe de Gouges die Erklärung der Frauenrechte; legte sie ihr zu Füßen, bat um ihre Unterstützung, appellierte an ihre gemeinsame Erfahrung als Frau, Tochter, Mutter. Wie konnte das sein?


An dieser Stelle muss die Geschichte ein wenig den Atem anhalten; war sie vielleicht doch hysterisch, die gute Olympe, nicht ganz zurechnungsfähig, vor allem an den besonderen Tagen der Frauen, ruhmsüchtig, typisch weiblich inkonsequent, flüstern die männlichen Stimmen im Hintergrund; seht doch, seht nur, wie sie einknickt, wie sie bei Marie Antoinette betteln geht und nicht bei den heroischen Frauen von Paris, die beim Sturm der Bastille dabei waren, die Röcke geschürzt, Mordwerkzeuge in den Händen, Blutdurst in den Augen! Den Atem anhalten. Ein wenig zurücktreten. Auf Olympe schauen, wie die Bilder sie zeigen, eine durchaus attraktiv hergerichtete Dame mittleren Alters mit modischer Frisur, gar nicht so unähnlich Marie Antoinette. Denn, das sieht man bei ein wenig Distanz und Gerechtigkeit und wenn man den Atem lang genug angehalten hat: Olympe appelliert nicht an die Königin – oder wenn, dann nur als zukünftige Herrscherin, als Modell einer geteilten Herrschaft, eines geschlechtergerechten Absolutismus (ein Paradoxon, wenn es jemals eines gab – und doch….). Sie appelliert an die Tochter und Mutter in der Herrscherfamilie; sie appelliert an die tugendhafte Frau, an die christliche Herrscherin, trotz allen äußerlichen Protzes; an eine Frau, die wie sie verheiratet wurde und Kinder gebären musste, ohne dass sie eine Wahl hatte; sie hatte nur einen Job. Und das, so Olympe, vereint die Frauen; vereint und verbindet sie und macht sie zu politischen Wesen. Ohne Familie gibt es keinen Staat. Ohne Moral gibt es keinen Staat. Was passiert, wenn man den Männern die Macht lässt, hat man genug gesehen: Unterdrückung (der Frauen, der Armen, der Sklaven, all derer, die schwächer sind, also: der allermeisten!); Brutalität (Kriege und Gewalt, exzessiv, immer wieder, ohne Erfolg, nur mit immer mehr Leichen) und Ungerechtigkeit (das endlose Machtgerangel, der niemals endende Krieg um Ehren, Ämter, Einfluss). Kein gutes Vorbild, sollte man meinen; und wenn man etwas auf die Untertöne in Olympes zweifellos grellen, zweifellos rhetorisch geradezu mit Prachtperücken und Schießgewehren aufgerüsteten Aufrufen hört, meint man etwas davon zu spüren, dass sie ahnte, es könne womöglich keine besonders gute Idee sein, so wie die Männer zu werden – nur damit man endlich auch die gleichen Rechte wie sie hatte. Nein, Frauen sollten Töchter und Mütter bleiben können; sie sollten gern weiter an Gott, ein höheres Wesen, die Moral, was auch immer glauben und danach handeln. Vermännlichung der Gesellschaft war keine Perspektive; es wäre ein Rückfall hinter die eigenen Ideale, hinter die Ideale der Aufklärung, hinter die Ideale auch des von ihr besonders verehrten Jean-Jacques Rousseau insgesamt gewesen.


Als die Nationalversammlung nun endlich, man schrieb das zweite Jahre der Revolution, mit großem Pomp die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte verabschiedet hatte (und sogar der König hatte sie irgendwann unterzeichnet!), war vielleicht allein Olympe frustriert. Natürlich, homme war im Französischen das Wort für Mann und Mensch, wie in so vielen Sprachen, aber sie war sich sehr sicher, dass hier ausschließlich der Mann gemeint war, dem all die heiligen, unveräußerlichen Rechte garantiert wurden. Und deshalb ging sie hin und nahm den Text als Blaupause, aber verweiblichte ihn konsequent: Setzte „Mann und Frau“, wo von „homme“ die Rede war; definierte den Staat nicht einfach als Gemeinwesen, sondern als harmonische Gemeinschaft von Mann und Frau; rief die Natur dazu, wo nur von Gesetzen die Rede war; fügte Sonderrechte für die Schwächsten der Schwachen, die unehelichen Kinder und ihre Mütter ein; sicherte jedes einzelne, grundlegende Menschenrecht auch und explizit als Frauenrecht. Und der Textentwurf gipfelte in der großen rhetorischen Formel, die sie endgültig unsterblich machte: Wenn die Frau das Recht habe, den Schafott zu besteigen, dann könne man ihr auch das Rednerpult nicht vorenthalten! Das Argument war geradezu hinreißend in seiner wörtlich entwaffnenden und doch so militanten Logik: Wenn ihr uns für die Wahrheit sterben lasst, so sagte es, dann müsst ihr uns auch für die Wahrheit leben lassen. Für unsere weibliche Wahrheit, unsere öffentlich verkündete weibliche Wahrheit. Wir wollen so öffentlich leben können wie wir sterben müssen. Das ist Gleichheit vor dem Gesetz, das ist geteilte Verantwortung! Wir wollen keine Sahnestückchen; wir wollen den ganzen Kuchen, aber, bitte sehr, auch das Schwarzbrot.


                   

Olympe hat, und das ist auch hier die sehr bittere Ironie der Geschichte, ihren Willen bekommen. Zwar hat die durchgehend männlich besetzte Nationalversammlung diese Erklärung nicht gebilligt, wenig überraschend. Aber als sie von den Meistern des terreur angeklagt wurde, bekam sie keinen Anwalt zugeteilt; man hielt sie für wortgewandt genug, sich selbst zu verteidigen. Unnütz zu sagen, dass natürlich niemand, ob Mann oder Frau und mit anwaltlicher Vertretung oder ohne, dem vorgefällten Urteil der Meister des terreur, Ankläger und Richter in einer Person, entkam: Die Anklage war der Schuldbeweis. Und so durfte Olympe de Gouges sich verteidigen – und das Schafott besteigen, nur knapp drei Wochen nach Marie Antoinette. Sie soll ihrem Ende ruhig entgegen gegangen sein, keine Spur von Hysterie. Sie hinterließ einen Sohn, eine immer noch nicht vollständig erschlossene Flut von Schriften und ein schlechtes Image. Bis heute ist ihr der Zutritt zum Pantheon, dem Himmel der großen französischen Nation, versperrt. Aber sie hat ihren eigenen geschaffen: Sie war Marie und sie ist Olympe geworden; und vielleicht war sie schrill, aber sie war vor allem nicht nur eigenwillig, sondern unbeugsam, mutig und konsequent (und von wie vielen Männern in dieser großen Wringmaschine der Geschichte, der Französischen Revolution, kann man das guten Gewissens sagen?) In ihrem politischen Testament hinterließ sie ihr Herz dem Vaterland, dass es ihr genommen hatte; und ihre Rechtschaffenheit den Männern, weil sie sie am besten brauchen konnten; ihre unbeschwerte Fröhlichkeit aber den Frauen – weil Revolutionärinnen wenigstens lachen sollten, solange sie es noch können.  


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Rousseau, der Paradoxenmacher

 

Sie nannten ihn Paradoxenmacher. Das war natürlich abwertend gemeint, es bedeutete: Dieser wirre Kopf versteht noch nicht mal sich selbst; all seine kruden Theorien, über den edlen Wilden, über die Rückkehr zur Natur, über das Eigentum als Quelle allen Übels im Zusammenleben der Menschen, das ist doch nur in der Einsamkeit – und was ist schon jemals gutes aus der Einsamkeit gekommen, nur der Böse ist einsam! – zusammengesponnenes Zeug, um sich wichtig zu machen, um sich an seinen ehemaligen Pariser Freunden zu rächen, um die Frauen zu beeindrucken, um die Philosophen zu kränken. Sprang sie einem nicht geradezu in die Augen, diese fatale Paradoxenmacherei, in seinem Leben: Predigt das völlig weltferne Ideal einer sog. natürlichen Erziehung und gibt seine Kinder ins Findelhaus, eines nach dem anderen, und rechtfertigt sich dafür sogar noch! Predigt die vollkommene Liebe, die reine platonische Seelenfreundschaft, unabhängig von gesellschaftlichem Stand und Konvention und Sitte – und unterhält ein Verhältnis mit einer Wäscherin, wenn er sich nicht gerade von einer seiner adligen Gönnerinnen aushalten lässt! Und preist er nicht am Ende, in seinen skandalösen Memoiren, die er sehr zu Recht „Bekenntnisse“ nennt, denn sie bekennen alle möglichen Missetaten, Diebstahl, Lüge, sexuelle Phantasien, Betrug – preist er nicht, ausgerechnet, seine absolute Redlichkeit. Er, Rousseau, werde in diesem Buch etwas vorlegen, was die Welt noch nie gesehen habe: Er werde einen Menschen zeigen in seiner ganzen Wahrheit, so wie die Natur ihn geschaffen habe, er werde nichts verschweigen, nichts verschönern, nicht auslassen – und dieser Mensch werde er selbst sein. Und niemand, der seine eigenen Taten und Worte, seine verdeckten und seine öffentlichen, mit der gleichen Wahrhaftigkeit prüfen würde, wie er, Rousseau, werde es dann noch im Angesicht Gottes wagen zu sagen: Ich war besser als dieser Mensch!

 

Nun, das war alles tatsächlich reichlich paradox; aber vielleicht ist ja die Wahrheit, zumindest die menschliche, wenn man ihr einmal unter den Schleier schaut, genau so: schockierend und erhebend, beschämend und großartig, mal dies, mal jenes, und noch viel häufiger beides zusammen und durcheinander? Rousseau hätte sich ja auch durchaus verteidigen können, er hätte an unser allzu menschliches Mitleid appellieren können und sich selbst als missbrauchte, verlorene Seele darstellen können. Er war krank, von Jugend an; er litt an einer Missbildung der Harndrüse, und die Not und die Peinlichkeit, die damit verbunden waren, waren grenzenlos. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Sein Vater, ein gebildeter Uhrmacher, kümmerte sich zwar vorbildlich um ihn und machte ihn zu einem begeisterten und unermüdlichen Leser, er musste jedoch eines Ehrenhändels wegen aus Genf fliehen und ließ seinen Sohn bei einem Pfarrer in der Obhut. Der junge Rousseau wurde geschlagen und misshandelt, wahrscheinlich seelisch und körperlich und wiederholt. Er wurde herumgereicht, nirgends ging es ihm besser, bis er schließlich das tat, was er sein ganzes Leben lang immer wieder tun wird: Er ergreift die Flucht. Er durchlebt Abenteuer, aus denen man einen eigenen Roman machen könnte, er fällt auf Betrüger herein und wird selbst einer, er konvertiert zum Katholizismus (und später wieder zurück), er wird Bestandteil einer seltsamen Ménage à trois bei einer Adligen, die er als „Maman“ verehrt, und die Seltsamkeiten hören und hören nicht auf. Trotz alledem findet er Zeit, an seiner Bildung zu arbeiten: Er ist musikalisch begabt und erfindet ein neues Notensystem; und er bewirbt sich mehr oder weniger zufällig bei einer Preisaufgabe der berühmten Akademie in Dijon und wird mit einem Schlag berühmt, in ganz Europa. „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaft und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu verbessern?“, hatte die ehrwürdige Akademie gefragt – und dabei wahrscheinlich auf Antworten gerechnet, die das enthusiastisch bejahen würden: Schließlich hatte man endlich, endlich die Antike mit ihrer ganzen lästigen Vorbildlichkeit überwunden, man war modern, man hatte ganz neue Wissenschaften und ganz neue Künste entdeckt – und war nicht die Aufklärung auf dem besten Wege, die Moral neu zu begründen, ganz ohne die Rückendeckung der Kirche, und ihr Licht bis in die letzten Winkel zu verbreiten, auf dass noch der letzte kleine Uhr- oder Schuhmacher von ihr erleuchtet und fortan moralisch und glückselig in gleichem Maße werden würde? Aber das, so antwortete Rousseau, stimmte doch gar nicht, oh wie sehr es nicht stimmte! Nein, frei war der Mensch nur so, wie ihn die Natur geschaffen hatte, als freien Wilden, der allein seiner Selbstliebe folgte – und das war ganz recht so, denn ohne Selbstliebe würde niemand überleben, ob Tier oder Mensch. Es war jenseits von Gut und Böse, es war mehr als Gute und Böse, es war die Wahrheit der Natur. Aber sobald die Menschen damit begannen, sich zu Gemeinschaften zusammenzuschließen – was irgendwann nicht mehr zu vermeiden war, die kulturelle Evolution hatte einfach zu große Vorteile im ewigen Überlebenskampf – entstanden die eigentlichen apokalyptischen Reiter der Zivilisation: Vergleich und daraus resultierender Neid; Eigentum und daraus resultierende Ungleichheit. An die Stelle der natürlichen Selbstliebe trat ihre degenerierte Zwillingsschwester, die Eigenliebe, und von da an ging es im wahrsten Sinne des Wortes bergab mit den Menschen, so sehr sie auch meinten, sich in einem immerwährenden Aufstieg zu befinden.

 

Immerhin, der Gedanke war neu und originell, und die Akademie hatte genug Größe, dafür einen Preis zu geben. Vielleicht wäre es aber besser gewesen, wenn Rousseau ihn nicht bekommen hätte, auch wenn das paradox klingt; denn die Berühmtheit bekam ihm nicht. Sofort begann er sich zu streiten, mit den etablierten Philosophen, den großen Pariser Enzyklopädisten, seinen ehemaligen besten Freunden – das Theater sei eine moralische Anstalt? oh nein, das Gegenteil sei der Fall, unsittlich sei es und gefährlich. Natürlich hatte er selbst kurz zuvor sogar eine Oper geschrieben, sie war ein Erfolg und es war ein Paradox mehr. Weiterhin gab er seine Kinder, trotz seiner wirtschaftlich deutlich gebesserten Situation, ins Findelhaus; in seinem Erziehungsroman Emile aber imaginierte er einen Erzieher, der geradezu symbiotisch mit seinem Zögling verschmilzt und alles tut, um ihn vor den verderblichen Wirkungen der Zivilisation zu beschützen. Negative Erziehung nannte er das, und meinte: Man solle der Natur möglichst wenig im Weg stehen, auch bei der Erziehung nicht. Die Zeitgenossen spöttelten bereits über seinen vermeintlichen Kampfruf „Zurück zur Natur“, der bis heute wie ein schlecht sitzendes Etikett an ihm kleben geblieben ist: Nein, Rousseau meinte nicht, der Mensch sollte, wie ihm Voltaire vorwarf, zurück in die Wälder gehen und auf allen vieren kriechen und sich von Eicheln ernähren, wie die Schweine. Aber er sollte wenigstens versuchen, sich möglichst weitgehend von den schädlichen Einflüssen der Gesellschaft, ihren Künsten der Verstellung und des schönen Scheins, ihrem Prahl- und Imponiergehabe fernzuhalten, es korrumpiere nicht nur die Sitten, sondern letztlich auch den Staat. Denn dieser gründe, so beschrieb es Rousseau nun in seinem contrat social, der später für die Französische Revolution mit verantwortlich gemacht wurde, auf dem gemeinsamen Willen aller, die sich zu einem Vertrag zusammengeschlossen hätte und freiwillig ihre natürlichen Rechte einschränkten, um sie so zu stärken : Alle Macht solle künftighin vom Volk ausgehen – aber von einem Volk vernünftiger Individuen, die selbstbewusst ihren natürlichen Rechten entsagten, ohne sie jemals ganz zu vergessen, und dafür Pflichten auf sich nahmen. Das war ausnahmsweise nicht besonders paradox, aber dafür leider, wie schon bald die historische Erfahrung zeigte, vollständig unrealistisch, von geradezu platonisch inspirierter Naivität; und vielleicht war es das gerade deshalb, weil es einmal nicht paradox war.

 

Rousseau aber blieb sich treu und ging zurück in die Wälder. Nach einer Odyssee durch die Güter des französischen Hochadels und einer panischen Flucht nach dem Verbot des Gesellschaftsvertrags durch die Zensur, die ihn sogar nach England führte, fand er zwischendurch für kurze Zeit seinen Frieden auf einer Insel im Bieler See. Er kleidete sich als Armenier, in einem langen schlafrockartigen Gewand, das durch eine imposante Pelzmütze gekrönt wurde, und streifte durch die Wälder, botanisierte und klöppelte; bis sie kamen und Steine nach ihm warfen jedenfalls, danach war die Ausweisung nur noch eine Frage der Zeit. Rousseau schrieb weiter, und jetzt schrieb er nicht mehr über Philosophie oder Politik oder Musik, er schrieb seine Autobiographie, die lang erwarteten Bekenntnisse, in denen es heißt: Ich bin nicht gemacht wie irgendeiner von denen, die leben. Ich bin der erste Mensch, der seine ganze Natur zeigt, der den Schleier hebt und zeigt, wie unter dem von der Gesellschaft und von der Erziehung, von den Eltern und von den Erziehern, von den Autoritäten und den Freunden verformten Maske, der natürliche Mensch aussieht, der kein edler Wilder mehr ist, oh nein! Eines jedoch habe ist mir geblieben und ich halte es heilig: Es ist die Wahrheit. Vitam impondere vero – ich habe mein Leben der Wahrheit geweiht, es ist meine eigene Wahrheit, und keiner kann sie mir nehmen. Und ist sie nicht das Einzige, was wir bewahren können, in dieser Welt der Täuschung und des Betrugs, in der wir von anderen genauso verraten werden wie von unserer eigenen fatalen Eigenliebe? Kann man also nicht der wahrste Mensch sein, und gleichzeitig der verworfenste – und damit eben nicht mehr der verworfenste, weil der allerverworfenste doch derjenige wäre, der noch nicht einmal seine eigene Verworfenheit anerkennte und offenlegte? Sind meine Paradoxien als schwacher Mensch nicht letztlich belehrender, aufschlussreicher, wichtiger als die große Philosophie mit ihrer unrealistischen Eindeutigkeit und ihrem logischen Hochmut?

 

Rousseau, der Paradoxenmacher, starb im Frieden mit sich und der Welt, nachdem er seine Bekenntnisse abgelegt hatte. Es ist überliefert, dass er vor seinem Tod noch in den Park hineinsah, in zwar künstlich-gebändigte, aber immerhin doch ein wenige Natur gebliebene Natur, und mehr konnte man nicht erwarten im Zeitalter der Zivilisation, und er war es zufrieden. Dass man seine sterblichen Überreste 16 Jahre nach seinem Tod, der terreur in Paris stand in der schönsten Blüte, ausgrub und ins Nationalheiligtum, das Panthéon nach Paris, überführte – vielleicht hätte er das Paradox geschätzt, das ihn am Ende zu einem Nachbarn Voltaires werden ließ, der so höhnisch die Nase über seinen Wilden gerümpft hatte. Aber es ist wahrscheinlicher, dass er lieber auf seiner Insel geblieben wäre, wo die Natur das Grab erobern kann und die Schmetterlinge in voller Freiheit über seine unsterbliche Seele flattern.  

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Kant, der Kopernikus in Königsberg

Natürlich hat die Geschichte eine Witzfigur aus ihm gemacht, wie aus noch jedem großen Mann. Man sieht ihn förmlich vor sich, den sorgfältig frisierten und etwas geckenhaft gekleideten, auf den Porträts langsam vor sich hin alternden Mann, wie ihn morgens sein Diener weckt, Lampe heißt er, pünktlich um 4.45 Uhr; wie er seinen Tagesplan pünktlich absolviert, jeden Tag genauso, wie er seine Spaziergänge unternimmt, nach denen die Königsberger angeblich ihre Uhr gestellt haben sollen. Zwischendurch aber, wenn er nicht an seinen monumentalen Werken arbeitet, darf er ein wenig Mensch sein: darf Gäste empfangen zu einem ausgiebigen Mittagtisch, plaudern und sie mit Anekdoten unterhalten. Allerdings soll er nie selbst gelacht haben über seine Anekdoten, und das kennzeichnet ihn vielleicht besser als all die anderen Legenden und Mythen, die sich selbst längst verselbständigt haben: Er hatte Pflichten als Gastgeber, die Gäste mussten unterhalten werden, und war das nicht ein Fall für den Kategorischen Imperativ? Wollte man nicht selbst gut unterhalten sein, wenn man seine Freunde aufsuchte und das Mittagessen sie wieder einmal in die Länge zog? Der Erfolg dieses Unternehmens jedoch lag außerhalb dessen, was noch der moralischste in seinem Pflichteifer leisten konnte; und niemand konnte einen verpflichten, die eigenen Scherze komisch zu finden. Dann aber kehrte man zurück in sein Studierzimmer, während Lampe vielleicht abräumte, und man revolutionierte die Philosophie, so wie damals Nikolaus Kopernikus, ein anderer Ostpreuße, der die Weltsicht seiner Zeitgenossen auf den Kopf gestellt hatte. So wie sich nämlich die Erde um die Sonne drehte, und nicht etwa umgekehrt, so waren es nicht die Dinge, die unser Verstand erkannte; es war vielmehr ganz umgekehrt, der Verstand gab den Dingen ihre Erscheinungsweise, und immer nur spiegelte der Verstand selbst sich in der Welt; die Welt aber war unberührbar, rein, ein Ding an sich, von dem der Mensch nichts wissen konnte. Um das jedoch zu zeigen, musste Kant Königsberg nicht verlassen, und er hat es auch nie getan: Rufe ergingen an ihn, ruhmvolle, an große Universitäten, er lehnte sie ab und blieb mit Lampe in Königsberg. Er wurde zum Mitglied der berühmtesten Akademien ernannt und blieb in Königsberg. Er wurde von der Zensur verfolgt und blieb in Königsberg. Seine Lehre verbreitete sich nach gewissen Anlaufschwierigkeiten geradezu rasend, man war Kantianer oder man war nichts mehr in der Philosophie; er hatte Jünger und Gegner, mit beiden korrespondierte man – und blieb in Königsberg.


Dort jedoch, in Königsberg, baute er immer weiter an seinem Werk, und das ist ein Bild, das er selbst immer wieder benutzt hat: Er errichtete einen architektonisch wohlgegliederten philosophischen Palast, mit endlich gesicherten und soliden Fundamenten, seinen drei Kritiken nämlich. Denn wäre er nicht selbst beinahe, als junger Mensch, den Verführungen eines haltlosen Skeptizismus anheimgefallen, nachdem er David Hume gelesen und verstanden hatte? Hatte der Schotte nicht demonstriert, dass all unsere Erkenntnis auf Wahrnehmung und Beobachtung beruht, und dass man niemals, kategorisch: niemals, auf dieser Basis eine strenge Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, genannt Kausalität, herstellen könne? Denn woher sollte man wissen, ob ein oft beobachteter Kausalzusammenhang nicht doch nur eine Häufung von Zufällen, eine zeitliche Gleichzeitigkeit war, oder ob die Beobachtung mangelhaft war? Kausalität jedoch war nicht irgendetwas; Kausalität, die eindeutige Beziehung von Ursache und Wirkung, war die Basis der Philosophie seit der Antike, und ohne sie würde der ganze Bau der Metaphysik in sich zusammenbrechen, das Denken hätte keine Gesetz mehr und Anarchie wäre die Folge. Das konnte und das durfte nicht sein, fand Kant. Und er machte sich an die Arbeit, indem er ein neues Fundament suchte, es sollte die Zeit überstehen und ein- für allemal zeigen, dass Philosophie als ernsthafte Wissenschaft möglich sei! Und so machte sich Kant an seine ‚Kritiken‘, er arbeitete eine Architektonik aus, indem er einen Stein auf den anderen setzte und jeden auf seine Tragfähigkeit prüfte, und dann noch einmal prüfte, und wenn er nicht tragfähig war, weil er in Antinomien, Paralogien und andere Sackgassen führte, verwarf er ihn und suchte einen neuen. Er erfand dabei eine neue Sprache, es war notwendig, weil er sonst all die alten Missverständnisse mit eingebaut hätte, und sie hätten das Fundament unnötig geschwächt. Der Bau wuchs und wuchs, er war nicht schön, aber wohlgegliedert; er hatte viele Verstrebungen zwischen den einzelnen Teilen, die sich gegenseitig stützten, er war unglaublich kompliziert konstruiert, ganze Generationen von Nachfolgern sollten sich in ihm verlaufen; aber er war, im großen und ganzen, folgerichtig, und schließlich hatte keiner behauptet, Philosophie sei etwas, was das Denken leicht machte, im Gegenteil: Aber er machte es durchsichtig.


Aber noch nicht einmal darum ging es ihm in erster Linie, wenn auch ganz bestimmt in zweiter. Denn Kant war nicht nur ein guter Aufklärer, der mit dem sapere aude! – wage zu denken, und zwar selbst und ohne Autoritäten und ohne Risiko-Lebensversicherung – der Aufklärung ihr Motto gegeben hatte. Aber er war auch ein religiöser Mensch, wenn auch nicht im kirchlichen Sinne; er glaubte aber an die Vernünftigkeit der Welt, an ihre zweckmäßige Konstruktion, an einen großen übergeordneten logos, ob er nun Gott oder wie auch immer hieße; und nichts wäre schlimmer für ihn gewesen, als mit dem Beweis, dass wir die Welt niemals an sich selbst erkennen würden, auch Gott abzuschaffen. Aber leider wurden, als er sich der Spitze seines Palastes näherte, einige Tricks und Wendungen nötig, kleine kopernikalische Wenden sozusagen. So führte die Kritik der reinen Vernunft notwendig, über viele Stufen und verschlungene Wege, leider zu der Schlussfolgerung, dass eine spekulative Erkenntnis allein mit Mitteln der reinen Vernunft unmöglich, mithin kategorisch: unmöglich sei. Mit ihr konnte man nicht Gott beweisen, nicht die Unsterblichkeit der Seele, ohne die doch alles Leben in dieser Welt des Scheins und der Täuschung sinnlos war; nicht die Freiheit des menschlichen Willens, das, was den Menschen aus der Masse der Schöpfung hervorhob, ihn einzigartig, der Erlösung würdig machte, weil er ein Bürger zweier Reiche war, nicht nur der unfreien Natur, sondern auch des freien Geistes. Aber leider, leider würde man das alles niemals mittels spekulativer Philosophie beweisen können, und das war nun völlig gesichert und immerhin auch etwas. 


Doch immerhin – und jetzt kommt der kleine Salto – konnte, nein, musste man die Ideen der Vernunft als regulative Prinzipien benützen; man musste dafür nur ein kleines, unschuldiges „als ob“ einsetzen. Es würde also niemals erweisbar sein, dass Gott die Welt vernünftig erschaffen hatte und den freien Menschen mit seiner unsterblichen Seele in ihr; aber unser Denken tut zwingend so, als ob dies alles der Fall wäre. Denn ohne diese Annahme würde alles Denken keinen Sinn machen. Alle drei Prinzipien waren, wie er es dann in der Kritik der praktischen Vernunft nennen würde, Postulate: unbedingte Forderungen, die sich absolut zwingend daraus ergeben, dass es eine intelligible Welt, eine Welt des Geistes, eine Welt der Vernunft, eine Welt der Zwecke gab, die unterschieden war von der Welt der Natur, der Empirie, der Sinnlichkeit und Täuschung. Denn wenn es sie nicht gab – dann war sowieso alles vergebens, dann würde es keine Philosophie mehr geben und keine Hoffnung. Der Bau der kritischen Vernunft würde zerfallen, wie noch alle Systeme vor ihm. Und als der Palast der Kritiken fertig war, als die Konstruktion stand, war Kant nicht etwa zufrieden, nein, er schrieb vielmehr unermüdlich weiter: Denn nun konnte er daran gehen, die Räume zu beziehen, sie auszustatten mit Inhalten, mit Rechts- und Religionsphilosophie, mit Anthropologie und Geschichtsphilosophie, mit dem, was er in einer eigentlich in ihrer Paradoxie originellen Formel die „Metaphysik der Sitten“ nannte. All das aber hat die Philosophiegeschichte, die ihn schon zu Lebzeiten in ihr Pantheon erhob, nicht so sehr interessiert: Berühmt wird man als Baumeister, nicht als Innenausstatter. 


Mit 84 Jahren, gut 20 Jahre nach seiner ersten ‚Kritik‘, starb Kant in Königsberg, wo sonst, wahrscheinlich an Altersschwäche; er war schon seit längerem kränklich gewesen und hatte seine tägliche Routine aufgegeben, auch seine geistigen Fähigkeiten verließen ihn nach und nach. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Es ist gut so“. Die Gedenktafel, die die Stadt Königsberg wenig später für ihren berühmtesten Sohn anbrachte, zitiert diejenigen Worte, die auch all die verstehen konnten, die sich in Kants philosophischen Palästen verlaufen hatten oder gleich an der Pforte wieder verschreckt umdrehten: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“. Sie gehen ein wenig ans Herz, zumindest was den Blick in die Sterne betrifft, während die Berufung auf das moralische Gesetz wohl heute in den meisten allenfalls ein Gefühl der Leere oder einer lästigen Pflicht hervorruft; Kant halt. Man versteht Kant aber nur wirklich, wenn man dieses Gefühl versteht. Denn beide bezeugen sich bei Kant gegenseitig, das unendliche Universum und das ewige moralische Gesetz, und mit dem einen fällt das andere. Und natürlich kann man Moralität auch ohne Vernunft denken, ohne einen Weltenschöpfer, ohne einen bis heute immer noch nicht recht nachweisbaren freien Willen und ohne die Aussicht auf Unsterblichkeit; aber es ist gefährlicher.

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Johann Karl Wezel und das Leben als Spiel


Er kam aus Sondershausen, einer kleinen Residenzstadt im tiefsten Thüringen gelegen, und irgendwie kam er sein ganzes Leben lang nicht wirklich darüber hinaus und davon weg: nomen est omen, forever. Als Sonderling beschrieben ihn die wenigen, die ihn besser kennen lernten, von Freunden wagt man kaum zu sprechen. Seine Schriften hatten sonderbare Helden, wie gleich sein erster Roman: Tobias Knaut, ein Stotterer, missgestaltet von Geburt, misshandelt schon im Mutterleib, missbraucht von den eigenen Eltern und von den Frauen, missverstanden sein ganzes kurzes Leben lang. Und trotzdem, das war das wirklich Sonderbare daran, war Tobias Knaut eigentlich nicht missgelaunt, obwohl er jeden Grund der Welt dazu gehabt hätte und dann noch ein paar mehr. Nein, er war nur stoisch – er ertrug alle Widrigkeiten ungerührt, weil er von der Welt sowieso nie etwas Besseres erwartet hätte; sie war ein Ort, wo man besser ein Stoiker war oder wenigstens chronisch betrunken. Denn die Welt war, und das zeigte Wezel dann nur folgerichtig in seinem nächsten Roman, nicht etwa die beste, nein, sie war die schlechteste aller möglichen Welten: Und dafür brauchte man noch nicht einmal Erdbeben, es reichten schon die Mitmenschen. Neid und Vorzugssucht, so Wezel, das waren die wesentlichen Triebfedern des Menschen zu allen Zeiten und unter allen Himmeln, immer schon hatten sich die Menschen gegenseitig zerfleischt und beraubt und vergewaltigt und betrogen, und sie würden es auch zuverlässig weiter tun. Was sollte aus zwei solchen Ziehvätern auch schon für ein Geschlecht entspringen?


Aber es wurde noch sonderbarer. Denn während die Zeitgenossen die Menschenfeindlichkeit und den Nihilismus des Sonderlings aus Sondershausen beklagten, sah er sich selbst gar nicht so. Er war weder ein Stoiker noch ein Menschenfeind, auch übermäßiger Alkohlgenuss ist nicht überliefert, er hatte auch gar nicht genug Geld dafür; er behauptete vielmehr von sich, dass er den Frohsinn liebe und die gute Laune. Und weit davon entfernt, die Menschheit zu verdammen oder zu verfluchen, wolle er sie unterhalten, und erziehen natürlich auch, wie noch jeder Aufklärer – und ein Aufklärer war Johann Karl Wezel bis in die Zehenspitzen. Ja, er war es sogar so weit und so tief, dass er die Grenzen der Aufklärung sehen konnte: Sie lagen in der unveränderlichen Natur der Welt und der des Menschen, von dem er einmal schrieb, das beste Rezept für ihn sei gleich viel Verstand und gleich viel Empfindung, aber dann bitte noch einmal halb so viel Vorurteile, wie beides zusammen genommen, also ca. ein Drittel  – denn ohne Vorurteile, das weiß der Sonderling am allerbesten, funktionieren Menschen nicht, ihr schwacher Verstand braucht eine Stütze, zumal seine Gefühle dazu neigen, bei jeder Gelegenheit dem Verstand gegen das Schienbein zu treten. Aufklärung ist allerhöchstens, dass man seine Krücken kennt und weiß, wann man sie kurz ablegen darf; aber der Mensch wird sie immer brauchen, und nur wenn er seine Krücken verleugnet, wird er ein Monster.


Derweil ging es dem Sonderling aus Sondershausen herzlich schlecht in der schlechtesten aller möglichen Welt, bei aller Bemühung um die gute Laune und ein fröhliches Gesicht. Denn er war ein freier Schriftsteller, und die damit verbundene Freiheit ist schon ein sehr sparsames Geschäft. Er versucht es mit allen möglichen Projekten, eine Erziehungsanstalt will er gründen, und sein Erziehungsprogramm liest sich genauso wie sein Rezept zu einem Menschen: Schulung für den Verstand, aber auch für die Empfindungen – und nicht zuletzt für den Körper! - und gelegentlich ein Zugeständnis an die unbeherrschbare Natur: Wenn sich die Knaben halt prügeln müssen, dann sollen sie es wenigstens unter Aufsicht tun. In einer Prügelecke. Mit Regeln. Das Projekt scheitert, wie so viele andere auch; und es zerreißt einem fast das Herz, wenn man Wezels Bewerbungsbriefe für andere Erziehungsinstituten liest: Er brauche wenig, ein Stuhl und sein Bett seien sein ganzes Eigentum, und ernähren würde er sich sowieso nur von Brot und Kaffee – mit ein wenig Zucker, wenn es denn möglich sei. Aber er hat keinen Erfolg, mit nichts hat er Erfolg. Auf dem kurzen Höhepunkt seines Erfolgs schreibt er noch einmal einen Roman, der es beinahe auf den Höhenkamm der Literaturgeschichte geschafft hätte, aber eben nur beinahe, er verschwand dann doch bald in einer Gletscherspalte: die Liebesgeschichte eines jungen Helden kleinbürgerlicher Herkunft (ja, natürlich, ein Wunschbild, wie der Großteil aller Literatur, die von Menschen geschrieben wird) und einer jungen Heldin aus dem Adel – aber wieviel mehr als eine Liebesgeschichte ist dieser Roman, er ist das erste wirkliche, realistische Bild der deutschen Ständegesellschaft mit all ihren überholten Sonderlichkeiten mitten im Herzen der Aufklärung. Und seine zwei jugendlichen Helden sind keine Sonderlinge mehr, aber auch keine blutleeren Idealgestalten; sie werden wie all die anderen auch getrieben von zweifelhaften Affekten, gehen in die Irre, machen dumme, sogar schwere Fehler – aber sie kommen zurück, sie finden sich wieder, und am Ende steht eine Idylle mittlere, bürgerlichen Charakters, ein bescheiden gewordenes Wunschbild, mit Krücken für die Illusion, etwas mehr Stühlen und gelegentlich auch Kuchen anstelle von Brot.


Doch danach ist es vorbei, es ist, als habe Wezel all seinen Optimismus und guten Willen verbraucht mit diesem Werk. Er wird sonderlingshaft streitsüchtig, er verzankt sich in Wien mit dem Direktor des Burgtheaters, er verzankt sich in Leipzig mit einem hoch angesehenen Leipziger Philosophieprofessor, er verzankt sich mit der Zensur, die sein philosophisches Hauptwerk, den Versuch über die Kenntniß des Menschen, nicht drucken lassen will; was soll man aber auch mit Leuten anfangen, die ein Buch verbieten, weil der Autor den berühmten Rousseau, in einem Bild natürlich, auf einem Fixstern wohnen lässt? Und dieses Verbot traf ihn hart: Denn er kannte die Menschen tatsächlich, als er sein Hauptwerk schrieb, mehrbändig war es geplant; er hatte sie beobachtet, über all die Jahrzehnte hinweg, illusionslos und aufmerksam, und dann hatte er all das Beobachtete und Erfahrene sortiert und kritisch gewendet und mit der Lektüre der einschlägigen Fachliteratur vertieft, es war eine Heidenarbeit gewesen. Und auch sich selbst hatte er beobachtet, mit der gleichen Intensität und Illusionslosigkeit und Aufmerksamkeit, aber es mag sein, dass ihm das nicht gut bekommen ist; manche Dinge bleiben besser unbeobachtet. Denn nun wird er psychisch krank; er muss zurück nach Sondershausen, in die Heimat, wo er als Kind nicht glücklich war und es jetzt noch weniger sein wird, es ist die letzte Zuflucht. Die Sondershausener sehen einen Irrsinnigen heimkehren, geplagt von einer grenzenlosen Hybris, in der er sich mit Gott gleichgesetzt: Ich, Gottmensch Wezel! Die Kinder werfen auf der Straße mit Steinen nach ihm, er spricht mit niemand mehr, verwahrlost, wird notdürftig durchgefüttert und die Welt vergisst ihn nach und nach.


Dabei hatte er noch in seinem allerletzten Roman, einem kleinen launigen Märchen, das Leben als eine Art Reise vorgeführt, in der man allen Illusionen der Welt der Reihe nach hinterherläuft und eine nach der anderen verliert. Aber etwas bleibt übrig, eine Art unzerstörbare Essenz des menschlichen Daseins in der schlechtesten aller möglichen Welten: die wunderbare, aber bewusste Illusion, die einem Bücher verschaffen können, eine bescheidene Lebensweisheit in Kenntnis der eigenen Beschränkungen, dazu der ganz kostenfreie Genuss der Natur in all ihrer Schönheit und Vielfalt – das ganze Leben ist ein Spiel, es gibt nur ernstere und weniger ernste, aber mitspielen müssen wir alle, und es gibt nur bessere und schlechtere Spiel – das ist die Moral, die spielerisch daherkommt und doch so mühsam erarbeitet ist. Ein letztes Mal hatte Wezel in diesem Buch mit seinem menschenfreundlichen Gesicht gelächelt, ein letztes Mal ein Lächeln auf das Gesicht seiner Leser gezaubert – um selbst, direkt danach, in Wahnsinn, Psychose, Armut, Verzweiflung zu versinken. Er lebt noch lange Jahre, sehr reduziert, in Sondershausen, er hat gute Zeiten und schlechte Zeiten; und als er stirbt, verzeichnet das Kirchenbuch: „Starb den 28. Januar 1819 nachts ein Viertel nach Zwölf, den 30. unter den Gottesacker, Herr Johann Karl Wezel, einer der vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands. Begräbnis gratis“. Immerhin, ein Gratisbegräbnis war der Nation einem ihrer vorzüglichsten Schriftsteller wert.

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Christoph Martin Wieland, der skeptische Enthusiast

 

Sein Leben lang hat man ihm irgendetwas vorgeworfen. Erst war er zu schwärmerisch, wie man das damals nannte; auf eine beinahe peinliche Art religiös, verliebt in seinen Glauben, aber auch in die poetischen Möglichkeiten, die er ihm bot: Heilige Poesie, war das nicht das Höchste, was ein Dichter schaffen konnte, begeistert von der Größe des unerschöpflichen Gegenstandes, verdienstvoll für die Nation und das Publikum und von Bestand in alle Ewigkeit? Waren nicht die größten Dichter, ja sogar die größten Philosophen – und das meinte für den früh altklugen und literaturvernarrten Wieland immer: die der Antike – Heilige Poeten gewesen? Und bot ihm dieses Programm, wenn er es nur klug verfolgte, nicht die Möglichkeit, dem oberschwäbischen Biberach, seiner allzu kleinbürgerlichen Heimatstadt, endgültig zu entkommen? Immerhin, er hatte schon früh eine Eliteschule besucht, fern der Heimat, und er hatte ein wenig studiert. Lieber aber hatte er den Don Quijote gelesen, eines seiner Lebensbücher; und der Kontrast zwischen dem Ritter von der traurigen Gestalt und den altehrwürdigen Patriarchen des christlichen Epos hätte ihn schon damals stutzig machen können. Aber er war jung, er war verliebt (natürlich, das war er immer), und er quoll über vor ungenutztem Enthusiasmus. Einen Teil davon schüttete er in ein bücherlanges Hexametergedicht für die Geliebte, über, nichts Geringeres, „Die Natur der Dinge“. Aber den Rest gedachte er karriereförderlich in das Projekt Heilige Poesie zu investieren.

 

Der Coup gelang. Wieland kam in die Schweiz, und während er ziemlich begriffsstutzigen und sich gern einmal prügelnden Aristokraten-Kindern die Schönheiten der humanistischen Bildung zu vermitteln versuchte, schmeichelte er in der Freizeit den lokalen bildungshungrigen Damen ebenso wie dem ansässigen Literaturpapst, zu dessen Fahne er nun bedingungslos schwor. Das ging gut. Eine Zeitlang wenigstens. Dann wurden die Knaben allzu aufsässig, die Damen allzu anspruchsvoll – wenigstens die Eine, die Gebildete, aber leider nicht allzu hübsche, wollte ihn nicht heiraten! -, und die Heilige Poesie ein wenig, wie soll man sagen, am besten wörtlich: eintönig. Man warf ihm auch bereits allzu großen Opportunismus neben der zweifellos vorhandenen, ebenfalls großen dichterischen Virtuosität vor; schrieb er doch neben der Heiligen Poesie auch Loblieder auf den preußischen König! Aber der fatale Enthusiasmus, er musste schließlich irgendwo hin. Und es war nur in der äußersten Not, dass er doch wieder zurückkehrte nach Biberach, wo sich in der Stadtverwaltung ein vielversprechender Job als Kanzleichef anbot. Der verlorene Sohn kehrte zurück und warf sich in die Grabenkriege der traditionell bikonfessionell regierten Stadt: Es gab alles zweimal, einmal in katholischer und einmal in evangelischer Variante, und damit verdoppelte, nein, vervielfachte sich jedes einzelne Verwaltungsproblem der stolzen freien Reichsstadt, und Wieland saß mittendrin, schrieb, protokollierte, vermittelte, intrigierte, reformierte, es entstanden viele, viele Bände feinsten bürokratischen Schrifttums, im geschnörkelsten Kanzleideutsch der Zeit. Es hätte ihm das Schreiben verleiden können und den Stil verderben, und es ist ein Wunder, dass es das nicht getan hat. Aber als Gegengift schrieb er außerdienstlich, er schrieb einen kleinen launigen Roman, seinen Mini-Don Quijote, und die Dame seines Herzens war liebes katholisches Mädchen aus kleinen Verhältnissen, das er, der Protestant und Kanzleichef geschwängert hatte. Solche Probleme löste man diskret, ein wenig Geld konnte jedoch nicht schaden.

 

Danach war er geheilt. So nannte man das damals, in der Literatur jedenfalls: eine Schwärmerkur, die den allzu hochfliegenden Idealisten auf den holprigen Boden der Realität zurückbrachte. Das, was Don Quijote erst auf seinem Totenbett gelang, gelang Wielands Don Sylvio jedoch ganz gut, im Wesentlichen deshalb, weil er verstanden hatte, was Liebe ist, wenn sie nicht platonisch ist (Wieland selbst ging dann schnell eine Vernunftehe ein, zeugte 13 Kinder, und die Ehe war über Erwarten glücklich, und darin allein ist eine Lehre, die heute niemand lernen will). Und dann machte er gleich noch eine zweite Kur, bei der er seine metaphysische Schwärmerei austrieb, den Glauben an allzu heilige Ideale und Idole, an eine Welt jenseits der Sinnlichkeit, wo die Seelen direkt kommunizieren und jeden Morgen schon zum Frühstück platonische Ideen schlürfen. Dazu schrieb er, immer noch vom Biberachschen Amtsschimmel malträtiert, einen zweiten Roman, in dem er sie direkt gegeneinander antreten lässt, den Schwärmer und den Realisten, und zwar mit den härtesten Waffen, die die Philosophie nur bereithielt: Materialismus, Determinismus, all das, was den braven Zensoren die sorgfältig zu einem Zopf geflochtenen und gepuderten Haare zu Berge stehen ließ. Und Wieland wollte, dass der Schwärmer gewinnt, er wollte es immer noch und allzu sehr; aber etwas in ihm gab seinem Gegner, dem Materialisten und Deterministen, allzu gute Waffe. Der Roman musste enden mit einem Sprung aus dem Fenster, in dem der Autor seine Seele rettete, und es war eine Ironie, die weh tat, danach war das eine oder andere metaphysische Organ noch länger verletzt. Deshalb versuchte Wieland einen neuen Schluss, und dann noch, Jahre später, noch einen dritten, mit dem er halbwegs zufrieden war. Aber natürlich wurde er dafür kritisiert, die ganze Zeit; erst warfen sie ihm vor, dass er dem Materialismus huldigte, und dann, dass er eine allzu idealistische Utopie verfasst habe. Genau, hätte er gesagt, und zwar beides. Beides, habt ihr verstanden? Denn ich bin zwar kein Schwärmer mehr, sondern nur noch ein Enthusiast, der an die Möglichkeit des Guten glaubt (weil ich es spüre, hier, innen in mir, und niemand wird mir das nehmen!). Aber eben darum weiß ich, welche unendlichen Energien man dafür in Bewegung setzen muss, damit es in auch die Welt kommt, die eben materialistisch und deterministisch ist, jedenfalls solange man nicht energisch Einspruch dagegen erhebt.

 

In diesem Geist schrieb Wieland weiter, und endlich entlastet von der Fron des Amtes. Er schrieb weiter als Universitätsprofessor der Philosophie, aber keine philosophischen Kompendien, sondern Philosophenromane, in denen die antiken Philosophen neu auflebten und ihre Theorien in einer moderneren Welt erprobten, mit wechselndem Erfolg, aber immer unterhaltsam, immer anrührend, immer klug. Natürlich warfen sie ihm philosophisches Dilettantentum vor. Der Aufstieg Kants zur neuen philosophischen Großmacht stand unmittelbar bevor, und Wieland schrieb dagegen an – nicht gegen den Inhalt von Kants Philosophie, das interessierte ihn weniger; Inhalte waren verhandelbar und eng mit der Person des Philosophen selbst verknüpft, hatte er das nicht in seinen Philosophenromanen gezeigt, dass einer eben ein Diogenes war, der mit seiner Tonne glücklich war, und ein anderer ein Aristipp, der die Philosophie auch in bescheidenem Luxus leben konnte? Aber gegen die Form der kantischen Kritiken, gegen die Erfindung neuer, abstrakter Wörter, gegen die Unzugänglichkeit der langen, in sich kreisenden Sätze und Texte, vor allem aber: gegen ihren Alleinvertretungsanspruch, dagegen kämpfte Wieland mit aller Entschiedenheit. Denn war das nicht wieder, nur anders verkleidet, philosophisch gewandet, ein lebensfernes Idol, der Palast der kritischen Vernunft, zu dem nur die Eingeweihten Zutritt hatten? Hatte er nicht gezeigt, zeigte er es nicht weiter in seinen Romanen und Essays, dass Philosophie nur da wahre Philosophie sei, wo sie Lebenskunst sei, Aufklärung über die Natur des Menschen – nein, seine vielfältigen und unterschiedlichen Naturen - und seine spezifischen Zwecke in dieser Welt, war Philosophie nicht nur da sie selbst, wo sie Denkenlernen und Lebenlernen in einem war? Aber ihm wurde vorgeworfen, den Geist der neuen Zeit nicht verstanden zu haben, und der hieß Kant. Philosophie als System, für Fachleute. Weder enthusiastisch noch skeptisch, sondern transzendental, was immer das heißen sollte (es hieß, sehr vereinfacht: der menschliche Verstand ist begrenzt. Wir haben es jetzt endgültig bewiesen Ach so, hätte Wieland gesagt).

 

Und dann kam die Französische Revolution, und die Welt war nicht mehr die gleiche. Auch Wielands Welt. Seit langem schon, schon seit Biberacher Tagen, hatte er gründlich über die politische Verfassung menschlicher Gesellschaften nachgedacht: Er war zutiefst davon überzeugt, dass der Mensch ein geselliges Wesen war, von Natur aus und von Anfang an. Nicht der einsam umherschweifende Wilde Rousseaus, sondern eine freundliche Urfamilie schwebte ihm vor, seiner eigenen nicht unähnlich, in der all das Gute im Menschen, an das er so fest glaubte in seinem enthusiastischen Herzen, am besten und am reinsten zum Ausdruck käme. Und war es nicht natürlich und selbstverständlich, dieses Modell auszuweiten, auf kleine Gemeinschaften erst, und dann in immer größeren Kreisen bis hin zu einer kosmopolitischen Weltgemeinschaft, die eine einzige Menschheitsfamilie wäre, gesellig und gutwillig, aufgeklärt und tolerant, verbunden nicht nur durch das kalte Band der Gesetze (das natürlich auch), sondern durch die Blumenketten (so sagte man damals, und es ist eine schöne Vorstellung) von Liebe und Freundschaft? Denn bis dahin dachte Wieland, durchaus; der Kosmopolitismus war ihm keine schwärmerische Illusion, sondern er sollte – so hätte Kant es gesagt – eine regulative Idee sein, keine Utopie, sondern etwas, an dem man sein Handeln ausrichten konnte, mit der skeptischen Gewissheit, es selbst nicht mehr zu erleben, aber dem enthusiastischen Trost, dass es die eigenen Nachkommen, und sei es in fernen Generationen, verwirklichen und erleben würden. Schließlich war man eine Familie, auch mit der Zukunft. 


Aber eben deshalb war es so durch und durch falsch, wie sich die anfangs so begeistert begrüßte Revolution in Wielands Lieblings-Nachbarland, dem Land mit der fortgeschrittensten Kultur, dem Land seines Helden Voltaire, nun entwickelte: Wer einen König köpfte, und wenn er es noch so verdient hatte, der hatte sich aus der Menschheitsfamílie verabschiedet. Und Wieland schrieb Artikel für seine Zeitschrift über die Revolution, über jeden einzelnen ihrer Schritte informierte er seine Leser; er las die französischen Zeitschriften, regelmäßig, er las die Proklamationen der Revolutionäre, er besprach das Gelesene mit Freunden und Bekannten in seinen täglichen Briefen; er war ein Augenzeuge dieser Revolution, so weit das eben aus dem Nachbarland in Zeiten vor Erfindung moderner Kommunikationsmittel möglich war. Er bildete sich sein eigenes Urteil, unendlich mühevoll, er korrigierte es hier und da, er verglich es mit allem, was er aus Geschichte und Literatur wusste – und das war viel und wurde immer noch mehr! -, und dann bildete er sich wieder ein Urteil und schrieb einen Artikel. Von Anfang an war er skeptisch gewesen, aber auch nicht wenig enthusiastisch. Doch die Skepsis nahm im Verlauf der Zeit überhand, sie wuchs mit dem Terreur, und irgendwann wurde es ihm zur sicheren Gewissheit: Die Zeit war nicht reif für die Demokratie, so sehr man sie auch begrüßen mochte; eine Demokratie, das zeigten alle Erfahrungen, die schon ihre Erfinder mit ihr gemacht haben, war eine schwierige Staatsform, für Fortgeschrittene, für gebildete Völker, für Bürger mit einem politischen Bewusstsein und einer geschulten politischen Urteilskraft; man konnte sie nicht einfach per Dekret verkünden und dann erwarten, alles würde gut. Nein, dann besser einen aufgeklärten König, der seinen Job gelernt hatte und ihn gut machte; das Volk würde gar nicht so unglücklich sein, und man hätte Zeit, den Staat in Ruhe zu reformieren. Gute Gesetze zu machen, eine fortschrittliche Verfassung, eine funktionierende Gewaltenteilung. Aber sie warfen ihm vor, reaktionär zu sein, ein uneinsichtiger Monarchist, der eine verjährte Ordnung ins Unendliche rechtfertigte. Schwärmer, allesamt, unheilbar. Ihre Schwärmerei wurde in Frankreich mit Blut bezahlt.

 

Aber sie lasen ihn ja sowieso nicht mehr, weder seine Romane noch seine Übersetzungen noch seine Zeitschrift. Eine neue Generation war gekommen, die nicht nur belächelte, sondern beleidigte, tief persönlich beleidigte: Unzeitgemäß sei er, ein Relikt überholter Zeiten und Formen; abgeschrieben habe er, bei der allzu sehr von ihm verehrten Antike (aber man war modern jetzt!), keine einzige originelle Idee, sondern nur Nachahmung, Wiederholung, Langeweile. Natürlich, sie taten nur das, was er auch als junger Mann gemacht hatte; das literarische Leben war keine Idylle, war es noch nie gewesen, sondern ein Kampf ums Dasein, in dem Polemik, Beleidigung, ja sogar Annihilation erlaubt waren. Und wer ihn, wer den ersten anerkannten Nationaldichter der Deutschen, der ihre Sprache verfeinert hatte wie ihre Kultur, der den barbarischen Deutschen die Grundtexte abendländischer Zivilisation durch Übersetzung und Kommentierung näher gebracht hatte, der ihnen die Philosophie der Antike wie der eigenen Gegenwart in Menschen übersetzt hatte – wer ihn stürzen würde, der hätte das höchste Podest für sich erobert (an Goethe wagten sie sich nicht. Das Podest war nicht nur hoch, es war breit und es war noch keine Waffe dagegen erfunden).

 

Das war zu viel. Wieland wurde schwach. Seine Frau war gestorben, es hat ihn unglaublich hart getroffen; er verließ sein kleines Rittergut nahe Weimar, wo er sich die antike Idylle des Dichters im Landleben verwirklicht hatte, Bäume gepflanzt und einen Rosengarten, umgeben von Schwiegertöchtern und Enkelkindern, besucht von Freunden und Bekannten aus aller Welt. Die Herzogin Anna Amalia war gestorben, die ihn damals nach Weimar geholt hatte, damit er ihren etwas schwierigen Sohn bilde und seiner zukünftigen Regierungsaufgaben würdig machte; sie waren über lange Jahre so etwas wie Freunde geworden, und das war viel in diesen standesfixierten und geschlechtergetrennten Zeiten. Er arbeitete, immer noch, er übersetzte Cicero, einen seiner Lebensautoren; vielleicht las er sogar dann und wann wieder im Don Quijote, man möchte es sich gern vorstellen, wie er sich verjüngt bei der Lektüre, wie er dann zur Feder greift und noch einen seiner kleinen Romane schreibt, einen Eheroman diesmal, und er ist so viel vernünftiger und lebenskluger als alles, was die jungen Romantiker gerade als „freie Liebe“ in die Welt schreien, das es fast wehtut. Denn man liest ihn nicht mehr. Man hat ihn annihiliert.

 

So verschwindet er immer mehr, bereits auf dem Weg in eine Unsterblichkeit, die er sich gern persönlich vorstellt, einfach weil es eine so schöne Vorstellung war und nicht mehr, weil er ein unheilbarer Schwärmer war: Dort würde er seine Ehefrau treffen, neben Anna Amalia und all den vorangegangenen Freunden und Gefährten. Und hatte nicht selbst Kant, wenn auch in seiner eigentümlich-unverständlichen Weise, gerade erwiesen, dass die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ein Postulat der Vernunft sei, sprich: Alles mache keinen Sinn ohne sie? Natürlich, hätte Wieland gesagt und den Kopf geschüttelt. Natürlich kann man es nicht wissen, man kann nichts mit Gewissheit wissen in dieser sublunarischen Welt, hat das nicht schon die Skepsis gelehrt, zeigt sich das nicht jedem, der seinen Verstand einsetzt, ohne sich mit idealistischen Scheuklappen auszurüsten oder hochnäsig über den sogenannten „gemeinen Verstand“ herzuziehen? Und natürlich liegt es in der menschlichen Natur, es trotzdem glauben zu wollen; ich spüre es, hier, in meinem Herzen, und alle Vernünftelei dieser Welt wird mir diese Gefühlsgewissheit, diesen Enthusiasmus nicht nehmen. Seid skeptisch dort, wo man an euer Gefühl appelliert; seid enthusiastisch, wo man sich auf den Verstand beruft. Am Ende wird man euch sowieso kritisieren, und zwar von beiden Seiten; das ist der Nachteil, wenn man sich entschieden zwischen die Fronten wirft und angeblich opportunistisch ist, nur weil man Argumente von beiden Seiten betrachten kann, einfach indem man die Position wechselt. Denn deshalb bin ich von einem Schwärmer zu einem Skeptiker geworden; einem lachenden Philosophen, der nicht nur um die Standortgebundenheit menschlichen Wissens und Wollens weiß, sondern auch darum, dass alle diese unterschiedlichen Perspektiven auf das menschliche Wissen und Wollen, zusammengenommen, die nächste Annäherung an die Wahrheit ergeben, die der Menschheit jemals möglich sein wird. Und wenn jeder, Enthusiasten und Skeptiker und alle dazwischen, seinen eigenen Bildungsroman schreiben würde, ganz aus seiner Sicht, sehr ehrlich und aus einer gewissen Distanz gesehen, und mit einer Prise Laune und Ironie, die sich aus dieser Distanz ergibt – vielleicht hätten wir dann ein Bild der Welt, für das wir uns nicht zu schämen brauchten und in dem die unterschiedlichsten Typen und Sichtweisen in ein niemals endendes Gespräch geraten würden. Enthusiastisch und skeptisch.  

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Die Musterschülerin wird Lehrerin – Sophie von La Roche (mit einem Seitenblick auf Wieland)

 

Wenn man sie doch hätte Latein lernen lassen! Aber der Vater, wohlangesehener Stadtarzt in Kaufbeuren, ließ seiner begabten Tochter zwar ein wenig Bildung angedeihen, neben der pietistischen strengen Religionserziehung natürlich. Sie durfte sogar in seine Bibliothek, das Schatzhaus; aber die wahre Bildung, die Bücher der Gelehrten, blieben ihr verschlossen: Latein. Mädchen, auch Bürgerstöchter lernten Französisch, die Sprache des Hofes und der eleganten Welt; dazu ein wenig Zeichnen, ein wenig Musizieren, ein wenig Haushaltsführung. Sophie war ein braves Kind und eine brave Schülerin, ganz sicher. Sie ging auch gern mit ihrer Mutter in die Natur hinaus und hatte zeitlebens ein Auge nicht nur für ihre Schönheiten, sondern auch ihre Eigenheiten, das Leben der kleinen Tiere, das Wachsen der Bäume und Blumen, für alles, was Gott in seiner unendlichen Güte und Phantasie erschaffen hatte; denn das alles war nicht nur schön und seltsam, sondern auch das konnte eine Lehre sein. Und auch ihr Verlobter, den ihr Vater ihr eines Tages vorstellte, da war sie gerade 17 Jahre alt, war ein gelehrter Mann und also durchaus nach ihrem Herzen. Italienisch konnte er ihr beibringen, und ein wenig Mathematik wollte man gemeinsam studieren; er war nämlich Italiener, aber leider war er auch Katholik. Und so ergab es sich während der üblichen Verhandlungen auf beiden Seiten, dass man doch eine gegenseitige Inkompatibilität feststellen musste: War es die Mitgift, die doch nicht ganz so groß war, war es die Unvereinbarkeit der tieferen Glaubensartikel, war es die Uneinigkeit über die konfessionelle Erziehung der zu erwartenden Kinder? Das Verlöbnis löste sich jedenfalls auf, da war man über die Anfangsgründe der Mathematik wohl noch nicht sehr weit hinausgekommen.

 

Kurz darauf machte Sophie einen Verwandtschaftsbesuch, der ihr Leben verändern sollte. Sie fuhr ins oberschwäbische Biberach, zur Familie ihres Vetters Christoph Martin Wieland. Zwei junge Leute, beide sehr schwärmerisch veranlagt, beide literaturbegeistert, beide unerfahren in der Welt und in ihrem Geschlecht – konnte es irgendjemand überraschen, dass es funkte? Natürlich wird auch Wieland sofort ein Lehrer für Sophie, er machte sie mit den Schriften der Alten bekannt, die er selbst so sehr verehrte. Und Sophie wird wieder die Musterschülerin gewesen sein, den bis ins hohe Alter zierlichen Kopf sanft geneigt, die schwarzen Augen blitzend vor Lerneifer und Ehrfurcht. Unter dem Lindele versprachen sie sich ewige Liebe, und Wieland schrieb für Sophie das pompösteste Liebesgedicht der Weltliteratur: „Die Natur der Dinge“ hieß es, wie ein berühmter Text aus der Antike; sechs ganze Bücher umfasste es (kaum weniger als das große Vorbild von Lukrez), und natürlich spielte die Liebe eine Hauptrolle darin, eine Himmelskraft, weniger aber die Geliebte selbst. Doch im wahren Leben musste man sich erst einmal trennen. Wieland entfloh der schwäbischen Enge der alten Bürgerstadt und ging in die Schweiz als Hauslehrer bei adligen Familien, vor allem aber, um sich bei den dort residierenden Literaturpäpsten einen Namen zu machen als junger, aufstrebender Literat. Man würde sich schreiben, so versprach man sich. Und geschrieben haben sie sich auch beide, bis ins hohe Alter, aber gekommen ist alles ganz anders, als man unter dem Lindele gedacht hatte. Nichts sei sicherer, so hat Wieland sehr viel später geschrieben, als dass er, wenn er Sophie damals nicht getroffen hätte, kein Dichter geworden wäre. Das ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ganz sicher hat die junge Liebe katalytisch gewirkt und nicht nur bei Wieland, sondern auch bei der jungen Sophie ein ganzes Feuerwerk hoher dichterischer Ideen geweckt. Es musste nur noch gebändigt werden.

 

Wieland wurde also ein Dichter, ein Vollblut- und später auch Vollzeitdichter. Überraschender war jedoch, dass auch Sophie eine Dichterin wurde. Geheiratet haben sie beide aber anderweitig. Sophie ist es, die nach langem Hin und Her und einem niemals offiziell gelösten Verlöbnis mit Wieland einen hohen Beamten von niederem Adel ehelicht, Georg La Roche. Sie geht mit ihm an den Mainzer Hof, erlernt das mühsame Geschäft einer Hofdame und gebiert ihm in den nächsten 15 Jahren acht Kinder, von denen fünf das Kindesalter überleben; da bleibt wenig Zeit für literarische Ambitionen und verliebte Briefe. Auch diese Ehe macht Sophie natürlich zu einem Bildungsprojekt: So lernt sie Englisch, und sie wird sich ihr Leben lang eine Vorliebe für das Volk und seine Sprache, für die skurrilen Lords und die melancholischen Verrücktheiten bewahren. Später hat sie auch erzählt, dass der Ehemann ihr morgens häufig Bücher auf dem Frühstückstisch liegenließ, in denen Stellen eingemerkt waren. Mit immer noch kaum gebremsten Bildungseifer hat sie sie gelesen, vielleicht neben einer morgendlichen Schokolade, die Kinder waren natürlich versorgt vom Personal. Abends war man dann gerüstete für die gebildete Konversation mit den gebildeten Männern, und Sophie wurde berühmt dafür, wie sie lebendig das Gespräch führte, schwebend von Thema zu Thema wechselte und alles Schwere leicht machen konnte.

 

Derweil war Wieland in der Schweiz gewesen und hatte versucht, eher handfesten Schweizer Bürgersöhnen die Antike nahezubringen, wie er es bei Sophie so erfolgreich getan hatte; sie prügeln sich jedoch zwischendurch, das kann nicht gutgehen. Aber er wird in die gute Gesellschaft eingeführt, und die dortigen Damen schließen den so hinreißend schwärmenden Schwaben schnell ins Herz. Sophie ist schon in weite Ferne gerückt, als er sich beinahe mit einer gebildeten Frau verlobt, Julie von Bondeli hieß sie und sie war eigentlich nicht so sehr am Heiraten interessiert, sondern mehr an der Philosophie, und so wurde auch das nichts. Als er dann einige Jahre später in seine alte Heimatstadt Biberach zurückkehrt, die ihm einen ziemlich langweiligen, aber angesehenen und gut dotierten leitenden Posten in der Verwaltung angeboten hatte, trifft er tatsächlich wieder auf seine Ex-Verlobte. Es mag durchaus ein wenig peinlich gewesen sein, wie man sich gegenüber stand auf dem nahe bei Biberach gelegenen Gut Warthausen. Dort residierte der Graf Stadion, ein einflussreicher katholischer Politiker, man munkelte, Sofies Ehemann sei sein unehelicher Sohn, den er nun zu sich nach Warthausen geholt hatte, als Privatsekretär; und auch Sophie ist einbezogen, sie führt die weitläufige französische Korrespondenz des Grafen. Warthausen ist weit weg von den politischen Zentren der Zeit, aber das wird für Wieland wie für Sophie durch einen wahren Standortvorteil aufgewogen: Stadion hat eine umfangreiche Bibliothek, und beide setzen ihr inzwischen recht unterschiedlich gewordenes Bildungsprogramm fort. Die alte Liebe, sie flammt wohl nicht wieder auf; Sophie ist glücklich verheiratet, Hofdame, Ehefrau und Mutter; und Wieland sieht sich, nachdem er eine unglückliche Affäre mit einem katholischen Bürgermädel samt ungewollten Folgen glücklich vertuscht hat, von seiner eigenen Vernunft geradezu dazu gezwungen, endlich zu heiraten. Eine Vernunftehe wird es auch werden, mit einer Augsburger Bürgerstochter aus gutem Hause. Anna Dorothea wird ihm 13 Kinder gebären, sie wird ihm bedingungslos den Rücken freihalten für sein Dichtertum (auch wenn sie ihn wahrscheinlich nicht in seiner Jugend zum Dichter gemacht hätte), sie wird ihm ein Halt sein in dunklen Tagen und als er sie verliert, verfällt er in eine tiefe Depression.

 

Doch vorerst bleiben wir im idyllischen Warthausen, und Wieland, den sein Kanzleijob zumindest intellektuell nicht auslastet, arbeitet nachmittags an der ersten deutschen Shakespeare-Übersetzung, ein Mammutunternehmen im Nebenjob. Doch auch Sophie hat jetzt angefangen zu schreiben. Man hatte ihr ihre ältesten Kinder weggenommen, sie wurden in einem katholischen Pensionat erzogen, wie das üblich war. Und Sophie litt nicht nur still darunter, nein, sie ergriff die Feder und begann sich ein „papiernes Mädchen“ zu schaffen. Das „Fräulein von Sternheim“ nannte sie den entstehenden Briefroman, und natürlich trug er, wie noch jedes Erstlingswerk, die Züge seines Schöpfers oder seiner Schöpferin. Das Fräulein von Sternheim ist bildungshungrig, naturverliebt, eigenwillig, eine Musterschülerin; niemals glücklich bei Hofe, all die Verstellung und Unnatur ist ihr wesensfremd. Sie ist empfindsam, aber nicht überempfindlich, und sie blüht auf, wenn sie anderen, Ärmeren helfen kann, denn sie ist auch, wie ihre geistige Mutter, tugendhaft durch und durch. Als Sophie von einem befreundeten Pfarrer zur Veröffentlichung ermutigt wird, gibt sie das Manuskript zuerst Wieland; schließlich war sie schon so lange seine Schülerin. Wieland korrigiert hier und da ein wenig, schließlich ist er schon lange ein Lehrer. Aber er hilft auch dazu, dass das Werk schließlich anonym erscheint, mit einer von ihm namentlich gekennzeichneten Vorrede, die sicherheitshalber die Vorzüge und die Mängel des Werkes aus seiner männlichen Sicht gleich aufzählt, der Tenor ist: Es ist das liebenswürdige Werk einer liebenswürdigen Frau, sie ist kein Profi, habt Nachsicht; aber es ist ganz sicher – nun, individuell, originell, selbst erlebt, selbst formuliert; es hat seine Schrullen, aber es sind echte und natürliche.

 

Das Werk wird, zur Überraschung aller, ein Riesenerfolg, die Autorin bald enttarnt und Sophie wird für die nächsten Jahre als die Verfasserin der Sternheim reüssieren, es ist ihr Label. Inzwischen haben die La Roches das abgelegene Warthausen längst verlassen und sich in Ehrenbreitstein bei Koblenz repräsentativ eingerichtet, Sophie etabliert dort einen empfindsamen Salon, in dem die Größen der Zeit verkehren, sogar Goethe hat ihn erwähnt in Dichtung und Wahrheit. Sie schreibt weiter, Briefromane, moralische Erzählungen, Geschichten von Frauen, die so sind, wie es ihre Sternheim war und wie sie selbst immer noch ist: nach all den Jahren immer noch hungrig nach Bildung, weltoffen, aber auch tugendhaft, mit einer sentimentalen Note und einem unerschütterlichen Glauben – Sophie von La Roche ist keine Revolutionärin, keine Emanze, sie wird auch keine mehr, aber sie wird immer mehr eine Autorin, und das ist vielleicht auch eine Form von Emanzipation, auch wenn man keine blauen Strümpfe trägt und den Geschlechterkampf predigt. Wieland ist derweil wieder in die Ferne gerückt. Er ist Philosophieprofessor in Erfurt geworden, leidet unter der thüringischen Provinz und schreibt zur Entlastung philosophische Romane; auch sie haben launige, bildungshungrige und empfindsame Helden, und auch er ist kein Revolutionär und wird keiner mehr werden; auch er glaubt weiter eher an die Bildung, an die Erziehung des Menschengeschlechts, an seine Perfektibilität, aber eben: Schritt für Schritt.

 

So fliegen die Jahre dahin, Wieland erzieht und schreibt, er ist inzwischen Prinzenerzieher geworden, so wie es eine seiner Figuren war; er lebt in Weimar, neuerdings hat er auch eine Zeitschrift gegründet, den „Teutschen Merkur“. Sophie führt ihren Salon, erzieht (die jüngeren  Kinder dann endlich selbst) und schreibt ihre moralischen Erzählungen. Alles hätte noch lange so weitergehen können, da fällt ihr eben noch geadelter Mann plötzlich in Ungnade: Er hatte sich doch ein wenig zu freizügig über die Nachteile des „Mönchwesens“ geäußert (wir befinden uns bereits im Vorfeld der französischen Revolution, die diesem Mönchswesen wie so vielem anderen ein abruptes Ende bereiten wird), und der katholische Fürstbischof entlässt ihn. Die Familie findet Asyl in Speyer, aber natürlich hat die Entlassung auch finanzielle Konsequenzen. Der Ehemann beginnt zu kränkeln, und vielleicht ist es erst an diesem Punkt, dass Sophie von La Roche zur Autorin in einem professionellen Sinn wird – getrieben durch finanzielle Not, befördert durch die Entlastung von familiären Pflichten, mit dem wachsenden Selbstbewusstsein der lebenserfahrenen Frau, die keinen Korrektor mehr braucht für ihre Texte. So gründet nun auch sie eine Zeitschrift, ein Art weiblichen 'Merkur'. Weder die heroische Minerva steht auf ihrem Titelblatt noch lieblich tanzende Grazien, sondern „Pomona“, die Göttin des Herbstes, der Ernte, der fröhlichen Apfelgärten. In der Vorrede weist sie ausdrücklich darauf ist, und das ist viel für sie, dass dies die erste Zeitschrift ist, die von einer Frau für Frauen gemacht ist – also nicht wie die anderen Frauenzeitschriften der Zeit, die von Männern für Frauen gemacht werden und meinen, dass sich Frauen eher für Fragen der Mode und der Haushaltsführung interessieren sollten und nicht für europäische Politik, Übersetzungen aus den europäischen Kultursprachen und fundierte Ehe- und Erziehungsberatung aus weiblich-solidarischer Perspektive.

 

Denn das alles bietet die 'Pomona'. Die Zeitschrift erscheint einmal im Monat, sie wird zu großen Teilen von Sophie selbst gefüllt: mit Geschichten, Auszügen aus ihrem umfangreichen Briefwechseln, Übersetzungen, Antworten auf Fragen der Leserinnen, der „deutschen Frauenzimmer“, an die sich die Zeitschrift explizit richtet – kein Nationalismus, sondern eine Aufbauarbeit am so lange vernachlässigten weiblichen Teil der Kulturnation. Es ist Sophie von La Roches wahrscheinlich ambitioniertestes Erziehungsprojekt. Und es ist natürlich ermutigend, dass die große Kaiserin Katharina einfach pauschal 500 Stück bestellt, um sie am russischen Hof zu verteilen, aber dann wird es Sophie nach zwei Jahren doch zu viel. Doch die finanzielle Lage wird immer schwieriger: Als ihr Ehemann stirbt, muss sie mit der Witwenpension auskommen, und sogar die entfällt, als die Franzosen in den Koalitionskriegen die rheinischen Gebiete besetzen. Inzwischen hat sie auch noch einige Enkelkinder zu versorgen; ihre eigene Tochter Maximiliane, verheiratete Brentano, war früh gestorben und Sophie springt ein. Sie erzieht die stürmische Bettine, ihr Leben lang ein wildes Kind, und auch Clemens Brentano geht bei ihr aus und ein. Wenn sie kann, geht sie aber auf Reisen, durch die Schweiz, durch Frankreich, England und Holland. Anschließend veröffentlicht sie ihre Reisejournale, das ist gut verdientes Geld, die Leser sind ganz wild auf Reiseberichte. Und sie macht aus ihren Erziehungsbriefen in der „Pomona“ ein eigenes Buch, einen veritablen Erziehungsratgeber, wahrscheinlich wieder: der erste von einer Frau für Frauen. „Briefe an Lina“ heißt er, der erste Band richtet sich an Lina als junges Mädchen, der zweite an Lina als Mutter.

 

Ein neues papiernes Mädchen also, dieses noch etwas musterschülerinnenhafter, zweifellos, aber manchmal muss man halt etwas dick auftragen. Auch die Ratgeberin kommt etwas hart als Übermutter daher: Was sie nicht alles weiß und rät, Lektürehinweise neben Wäschetipps, Ratschläge für die Kleidung, die Vorratshaltung und den Verstand! Von Raum zu Raum geht man gemeinsam durch das Leben, und die arme Lina wird geradezu überschüttet mit Weisheit und Lebenserfahrung. Aber was soll man machen, das hat sich alles angesammelt und will hinaus, und was hätte man selbst darum gegeben, eine solche Bildung zu bekommen? Die wesentliche moralische Lektion ist im Übrigen: Sei zufrieden, mit deinem Stand und deinen Talenten, die die Natur dir mitgegeben hat; nutze deine Chancen, sie sind alles, was du hast. Wer sich immer nur noch Größerem sehnt, macht nicht nur sich selbst unglücklich, sondern auch seine Mitmenschen; schlimmer noch, er verstößt gegen die göttliche Vorsehung, denn Gott hat sich schließlich etwas dabei gedacht, als er die Frauen anders gemacht als die Männer (ein wenig hört man, aber nur ganz leise, den Stoßseuzfer: Gott sei Dank!). Und er hat ihnen auch ihre Pflichten vorgezeichnet: Ehefrau, Hausfrau, Mutter! Nicht etwa Autorin; nein, so weit geht Sophie nicht, dass sie ihren, doch etwas von der geraden Bahn abweichenden Lebenslauf als Muster aufstellt. Andererseits, war sie nicht selbst auch all das gewesen, mit ganzem Herzen: Ehefrau, Hausfrau, Mutter (dazu aber auch Hofdame, Sekretärin, Salonniere, Zeitschriftenherausgeberin, Reiseautorin)? Und jetzt ist sie, am Ende, auch noch zur Lehrerin geworden, nach all den Männern in ihrem Leben, die sie belehrt haben; kann man es ihr übelnehmen, dass sie etwas über die Stränge schlägt und eine Musterlehrerin wird, so wie sie selbst immer eine Musterschülerin war? Und dass sie mit all dem nicht nach Selbstverwirklichung strebte, dass sie sich nicht emanzipieren wollte, sondern nur ihren Job machen, dort, wo Gott sie hingestellt hatte – das ist ein Vorwurf, der nur in moderne Köpfe kommen kann und Sophie sehr fremd gewesen wäre: Man lebte doch nicht für sich allein, man lebte für seine Freunde, für seine Familie, wenn es hoch kam: für die Nation? Was wäre denn gewonnen, wenn man sein zufälliges Selbst, was immer das sein sollte, verwirklicht hätte und dabei das seine Seele, seine Freunde oder das ewige Leben verloren? Sie ist niemals Minerva gewesen, die strahlende Kämpferin; sie ist die freundliche Göttin der Ernte und der Gärten, Pomona, die den Männern die schönen Äpfel reicht und nebenbei eine mittlere Großfamilie versorgt. Niemand erntet für sich allein, so wie niemand für sich allein gesät hat; und  niemand ist genützt mit Äpfeln, die nur schön glänzen rotbackig prall, nahrhaft müssen sie sein und  nützlich, und man backt besser einen handfesten Apfelkuchen aus ihnen anstatt eines luftigen Apfelsouffles.

 

Derweil hat sich der alternde Wieland als Gutsbesitzer in Oßmannstedt bei Weimar eingerichtet, ganz horazisch; er pflanzt Apfelbäume und übersetzt, Horaz, Lukian, am Ende Cicero, seine alten und immer noch jungen Helden. Sophie besucht ihn dort eines Sommers, mit ihrer nach ihr selbst benannten Enkelin Sophie Brentano. Es wird wieder ein wenig peinlich gewesen sein, so viele Jahre waren inzwischen vergangen; und Wieland kann sich nicht recht in seine alte Liebe finden, umso mehr jedoch hat er Augen für die aparte Enkelin, die sich eng an den freundlichen altersweisen Herren anschließt. Sophie von La Roche reist bald wieder ab, man wird sich in diesem Leben nicht mehr sehen. Sophie Brentano allerdings kehrt im darauf folgenden Jahr nach Oßmannstedt zurück, sie leidet an einer unglücklichen Liebesgeschichte, so wie damals ihre Oma und ihr Wahl-Opa, die nicht zueinander kommen konnten unter dem Lindele; und keiner konnte ahnen, dass sie Oßmannstedt nicht mehr lebendig verlassen wird, eine Hirnhautentzündung rafft sie nach einem perfekten Sommer schnell und schmerzhaft dahin. Wieland ist traumatisiert, mehr noch, als ihr ein Jahr später seine Ehegattin nachfolgt, die stille Anna Dorothea. Zu dritt ruhen sie noch heute am Ufer der Ilm bei Oßmannstedt, ein altes Ehepaar mit einer Wahl-Enkelin.

 

Sophie von La Roche wird wenige Jahre später in Offenbach, ihrem letzten Wohnort, begraben. Am Ende hatte sie noch ein Buch geschrieben, in dem sie erstmals unverhüllt von sich selbst spricht: "Melusines Sommerabend" heißt es, und herausgegeben hat es Wieland, wie damals ihren Erstling, die "Geschichte des Fräulein von Sternheim". Vorher jedoch hatte sie schon ein anderes, besonders originelles autobiographisches Werk verfasst: "Mein Schreibetisch" heißt es, und in ihm beschreibt Sophie von la Roche – ihren alten Schreibtisch, ihren liebsten Schreibort, und ihre selbst angefertigte Mappe mit ihren gesammelten Lesens- und Lebensfrüchten. Es ist die alte bunte, liebenswert skurille und sentimentalisch angehauchte Sophie-Mischung: Natur und Welt, Gott und Tugend, von eigener Hand eingebunden in die zufällig auf einer Reise gefundenen Seiten eines alten englischen Frauenmagazin. Rund zweihundert Jahre später wird Virginia Woolf fordern, dass Frauen einen eigenen Raum zum Schreiben brauchen. Sophie von La Roche hatte ihn gefunden. Es war ihr ganz besonderer Schreibtisch, und wo er stand, da war die Autorin zuhause. Im Vorwort zur "Sternheim" hatte Wieland ihre Qualitäten als Autorin noch sehr vorsichtig beurteilt. Handwerkliche Fehler seien ersichtlich, das Buch sei nicht glatt und geschliffen wie seine eigenen Werke (und die der Männer, so ist mitzudenken), es sei mehr interessant des tugendhaften Inhalts und der liebenswerten Schrulligkeit der Hauptperson wegen (aber waren seine männlichen Helden, die die Philosophie liebten und nur sie, etwa weniger schrullig?). Aber dann hatte er doch zugegeben, dass in der Ausdrucksweise etwas ganz besonderes läge. Sie sei nämlich nicht angelernt, übernommen, nein, sie sei so originell und persönlich und unverwechselbar, wie der individuelle Prozess, in dem sie erworben wurde. Er brachte diesen Unterschied auf den zeitgenössischen und etwas groben Gegensatz von Natur vs. Kunst: Die Frauen sind eben Naturwesen, und so schreiben sie auch. Aber, beinahe gegen seinen eigenen Willen und Wollen, gibt er schließlich zu: Nur so entsteht Individualität beim Schreiben, nur so – man baut sich ein Leben, und dann erfindet man sich eine eigene Sprache und Ausdrucksweise dafür, und je dichter beides nebeneinander liegt, desto unverwechselbarer – heute würde man sagen: authentischer – war man.

 

Sophie war ihr ganzes Leben für Andere dagewesen, so wie man ihr es beigebracht hatte, und sie war eine immer eine Musterschülerin gewesen, die des Lernens niemals müde wurde. Aber wenn sie sich an ihren „Schreibetisch“ setzte und die Feder nahm, war sie ganz bei sich selbst, auch wenn sie für andere schrieb. Hätte man sie Latein lernen lassen, vielleicht wäre sie eine Naturforscherin gewesen. Hätte sie Wieland damals geheiratet, vielleicht wäre sie trotzdem eine Dichterin geworden, auszuschließen ist es nicht. Aber wahrscheinlich wäre sie ihren Korrektor niemals losgeworden.  

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Schiller und die Gnade, krank sein zu dürfen


Die Krankheit überschattete alles. Es war ein langes, immer wiederkehrendes Übel; es stieg aus den Gedärmen auf und legte sich auf die Brust und es nahm einem den Atem und den Lebensmut. Es hatte schon begonnen mit seiner jugendlich-romanhaften Flucht vor dem Herzog in Schwaben, dem ungeliebten Medizinstudium, der Pflanzschule, in der sie Untertanen pflanzten; er aber war ein Räuber, ein großer Kerl, und er brannte durch in einer Nacht-und-Nebelaktion ins benachbarte Mannheim, die Freiheit, mit der sein Name später einmal beinahe synonym werden sollte: Schiller, der Dichter der Freiheit. Zunächst aber wurde er ein Professor der Geschichte, in Jena, und er erfand die Geschichtsschreibung neu: nicht die gelehrte Historie der Brotgelehrten, sondern eine Geschichte für den philosophischen Kopf, so wie er selbst einer war, auch und gerade als Gelehrter; und als er seine Antrittsvorlesung hielt, eine Glanzstunde akademischer Selbstreflexion, fasste der Hörsaal die Zuhörer nicht. Und dann wurde er wieder krank, und dann nahm er sich einen Urlaub von seinem Leben: Er wollte in Ruhe die kantische Philosophie studieren, an der niemand vorbeikam, egal ob Brotgelehrter oder philosophischer Kopf. Und dann kam er zurück und erfand er die Ästhetik neu, in dem er ihr einen Grund gab, der weiter nicht hätte entfernt sein können von seinem siechen Körper und seinen täglichen Kämpfen: das Spiel, ausgerechnet das Spiel. Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spiele, und auf das „ganz“ kam es ihm an, bei all den Widersprüchen und Dualismen, mit denen er, treuer Schüler des großen Meisters Kant, jonglierte, dass es einem den Atem nehmen konnte. Und mit dem Spiel war es ihm, dem großen Tragiker, aufs bitterste Ernst: Denn sein Spiel war gar kein Kinderspiel, keine regellose Ausschweifung vom Alltag, kein Urlaub vom Ernst des Lebens; es war der schwierigste denkbare Balanceakt von Geist und Körper, Freiheit und Regel, Form und Inhalt, und nur wenn die Waage aufs genaueste im Gleichgewicht war und die Gegensätze einen ebenso freien wie regelgebenden Tanz veranstalten konnte, war es das wahre, das ganze, das ästhetische Spiel. Und nur in diesem Spiel konnte man die wahre, die ganze Freiheit gewinnen – die aber nichts anderes war als das Setzen selbstgewählter, in vollem Bewusstsein anerkannter Regeln; was die späteren Nachbeter und Freiheitsapostel nicht einmal im Ansatz verstanden hatten, die immer nur dachte, Freiheit sei die Abwesenheit von Grenzen. Nein, das Gegenteil war der Fall; es gab keine strengeren Regeln als die der Freiheit.  


Bevor der Tod ihn dann doch viel zu früh holte, hatte das Leben ihm jedoch am Ende noch einen wahren Freund geschenkt – den einzigen, der gewillt und in der Lage war, dieses riskante Spiel mit ihm zu spielen, es ganz zu spielen, und der in allem sein Gegensatz war und gerade deshalb sein einziger und wahrer Geistesverwandter. Und kein Freund hat jemals eine rührender, vertrauensvollere, intimere Bitte an seinen Freund gestellt als Schiller an Goethe: Er bitte um die große Gnade, in seinem Haus – krank sein zu dürfen. Zwischendurch jedoch, wenn es Schiller besser ging, schrieben sie ihre spitzen, gnadenlosen Xenien gegen den Rest des literarischen Deutschlands, so frech und schamlos wie nur je zwei junge, aber hochbegabte Schuljungen, sie gründeten Zeitschriften, kritisierten sich gegenseitig ihre Werke und spielten sehr ernsthafte Spiele mit der Schönheit, ihrer strengen Meisterin. Und als Schiller starb, erwartet und doch unerwartet – zu oft war er schon totgesagt gewesen -, sagte der Arzt nach der Obduktion, es sei ein Wunder gewesen, dass dieser Mann gelebt und produziert hätte: Der linke Lungenflügel war zerstört, die eine Niere beinahe aufgelöst, der Herzmuskel hatte sich zurückgebildet – ein Wrack. Aber Schiller hatte es immer gewusst, sein ganzes Leben war getrieben von der Furcht, nicht fertig zu werden mit dem, was er zu sagen hatte. Er hinterließ ein Textkorpus, unvergänglich und geschützt vor den Gebrechen des Körpers, und man könnte den Mann daraus wieder auferstehen lassen mit all seinen Werken, so voll Schaffenskraft sind sie. Er hat mit Einsatz seines ganzen Lebens auf Zeit gespielt – und gewonnen.

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Goethe, das Monster

 

Goethe ging nicht zu Schillers Begräbnis, er war krank. Er ging auch nicht zum Begräbnis seiner langjährigen Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, Christiane, die unter unsäglichen Schmerzen ihrem Nierenleiden erlegen war. Sein einziger Sohn, August (die anderen Kinder waren Fehlgeburten, mehrere an der Zahl, es war eine seltene Rhesus-Unverträglichkeit zwischen Goethe und Christiane, aber das konnte damals niemand wissen, und die Leiden der Mutter werden auch hier unsäglich gewesen sein), starb fern von ihm in Rom. Aber Goethe war kein Monster, nicht der unnahbare Olympier mit dem kalten Götterblick, zu dem ihn die verängstigten Zeitgenossen gemacht hatten; noch nicht einmal die Freundschaft mit Schiller wollten sie ihm gönnen, es konnte nicht sein, dass er, der Größte der Lebenden, auch noch den besten Freund haben sollt; er musste kleingemacht werden, koste es was es wolle, also war er ein schlechter Freund und ein schlechter Ehemann und ein Monster. Aber Goethe trug nicht nur schwer an seiner unzweifelhaften Größe; er trug noch schwerer an seinem im wörtlichen Sinne mit-leidendem Herzen. Denn Goethe war, und das hat er allen verborgen und nur in seine Werke eingeschrieben, hoch emphatisch, vielleicht war er sogar der Emphatischste von allen. Er konnte mit allem fühlen, mit dem kleinsten und dem größten, mit Männern und Frauen, ja sogar mit Tieren und der unbelebten Natur; und sein Ausruf angesichts einer Seeschnecke am Lido von Venedig, „wie abgemessen zu seinem Zustand, wie seiend, wie wahr!“ war die reinste Wahrheit, ein Eindruck unmittelbarsten Gefühls wie fortgeschrittenster Erkenntnis (eine Idee, hätte Schiller gesagt, und Goethe hätte erwidert: Nein, eine Erfahrung, und tatsächlich war es das eine wie das andere und das eine durch das andere, aber das konnte niemand außer den beiden verstehen). Denn Goethe interessierte sich, lange bevor das „Interesse“ (Teilnahme, wörtlich gelesen) zu einem Stempel des Unverbindlich-Belanglosen geworden war, für alles, von Kind an; und dass jedes neu entdeckte Interesse ein verwandtes, aber doch wieder ein wenig anderes nach sich zog, von dem man aus Beziehungen spinnen konnte zu wieder anderen interessanten Dingen, von der Dichtung zur Mineralogie, von der Botanik zur Farbenlehre, von der Farbenlehre zu den bildenden Künsten (nur der Philosophie und der Mathematik hat er sich verweigert, der Große – das war nun wirklich zu viel Idee und zu wenig Erfahrung, zumindest für einen Uneingeweihten). Und zwischendurch ging es, von all dem, immer wieder zurück zur Dichtung, aber das war Goethe nun wirklich nicht das Wichtigste; er war alles, aber kein Literat oder Intellektueller gar. Und so wanderte er durch sein Leben und seine Zeit, wie sein Romanheld Wilhelm, der vom 18. ins 19. Jahrhundert stolpert, mit all der neuen teuflischen Velocität und Industrie; oder gar wie sein Faust, für den Raum und Zeit nur noch vage gültige Kategorien sind im Angesichts der Ewigkeit. Aber auch diese immer noch zunehmende Größe hatte ihren Preis: Es war die Einsamkeit, zumal nach Schillers, des Einzigen, Tod, und wenn er sich seiner Trauer überlassen hätte, er hätte nicht mehr leben können – wie sein Werther, den er statt seiner umbrachte, als er jung war, ein literarisches Menschenopfer, wenn es jemals eines gegeben hat. Aber er war nicht empfindsam, wie die Zeitgenossen den Giganten gern gesehen hätten, er protzte nicht mit seinen Gefühlen und Tränen. Er war empfindlich, und nur wer wahrhaft empfindlich ist, der kann sich für alles wahrhaft interessieren; und nur, wer alles mitempfunden hat bis zum bitteren Ende, der kann es lebendig gestalten.


Am schlimmsten jedoch war die Einsamkeit am Ende. Nicht nur die meisten Freunde hatten ihn verlassen, seine Frau und sein Sohn, die wenigen geschätzten Kollegen, der verehrte Fürst und dessen Mutter, Anna Amalia, die ihn damals in ferner Vergangenheit nach Weimar geholt hatten. Nein, er fühlte sich verlassen von der Zeit. Er, der doch immer als erster die Zeichen der Zeit verstanden hatte, der ihr mehr als einmal die Richtung gewiesen hatte – und war er nicht der lang ersehnte deutsche Nationalautor, ihr erster Klassiker von Rang, der Revolutionär der Farbenlehre und so vieles mehr? –, er sah sich immer mehr nicht nur vereinsamt, sondern übergangen. Unverstanden. Abgelegt. Die Welt änderte sich auf einmal noch schneller als er selbst, wahrhaft veloziferisch. Es war kein guter Weg, da war er sich ganz sicher; und seinem zweiten Faust schrieb er all das ein, seine Ängste und Visionen, aber auch seine Hoffnung auf Erlösung, Verständnis, Rettung: „Wer immer strebend sich bemüht“. Und dann legte er alles, die vielen hundert Seiten, in eine Schublade und schloss sie ab; nach seinem Tode sei sie zu öffnen, ein Vermächtnis für eine kommende Zeit, die vielleicht reif sein würde zum Verstehen. Hatte er sich nicht immer strebend bemüht, mehr noch, als man von einem normalen Sterblichen erwarten konnte? Aber sie warfen ihm Kälte vor und Überheblichkeit; weil sie nicht zu ihm hinauf konnten, mussten sie ihn herabziehen. Als er, direkt vor seinem ruhigen Alterstod, nach „mehr Licht“ verlangte, meinte er wahrscheinlich: für die Anderen.

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Herder und die Welt in der Provinz

Geboren wurde er in Ostpreußen, einem der hintersten Winkel der Welt. Doch er holte die Welt zu sich heran, egal wo er war. Sein Studium absolvierte er in Königsberg, noch nicht weit von zuhause; aber immerhin, er hörte Immanuel Kant und verkehrte auch privat bei dem großen Revolutionär der Philosophie, der privat gern gesellig war und sich mit Männern nach seinem Herzen umgab. Er korrespondierte er bereits mit Gelehrten in aller Welt und schrieb selbst gelehrte Artikel, als er sich endlich auf die große Reise seines Lebens begab: Und auf dem freien Meer, irgendwo zwischen der Kurischen Nehrung und dem Atlantik, entwarf er bei schaukelndem Wellengang in einem Reisetagebuch nicht mehr oder nicht weniger als eine zu schreibende, genauer: von ihm, Johann Gottfried Herder aus Mohrungen in Ostpreußen, zu schreibende Enzyklopädie der menschlichen Kultur, die sich mit dem großen französischen Schauprojekt der Aufklärung messen konnte. Einige Jahre verbrachte er auf Reisen, als Prinzenerzieher und Reisebegleiter, wie es damals üblich war; aber dann wurde er wieder häuslich. Er lernte eine junge Dame kennen, um die er erfolgreich freite und die ihm sieben Kinder gebären wird; er trat in die Spuren seines Vaters und wurde Hofprediger in der Provinz, in Bückeburg. Zwischendurch aber war etwas passiert, was sein Leben von Grund auf ändern sollte: Er war einem vielseitig begabten, lebhaften jungen Mann begegnet, in Straßburg, wo er sich einer äußerst schmerzhaften, täglich wiederholten Prozedur zur Öffnung seiner chronisch verstopften Tränendrüsen unterziehen musste. Und dieser begabte junge Mann besuchte ihn, immer und immer wieder, er saß mit am OP-Tisch, er sprach mit ihm über seine großen Pläne, er erlitt geduldig seine abrupten Stimmungswechsel, er war bereit, von dem nur wenige Jahre älteren Mann zu lernen, der eine Enzyklopädie in seinem Kopf entworfen hatte, auf einer Seefahrt zwischen Ostpreußen und Frankreich. Und als der vielseitig begabte junge Mann dann in das Herzogtum Weimar berufen wurde, weil der dort regierende, ebenfalls noch junge Fürst sich in ihn vergafft hatte, da dachte er, da dachte Goethe an Herder und ihre großen Pläne damals in Straßburg; und er verschaffte ihm eine nicht nur ehrenvolle, sondern auch hierarchisch hoch angesiedelte, vor allem aber arbeitsreiche Stellung als Cheftheologe in einem kleinen thüringischen Fürstentum, das sich entschlossen hatte, als eine Art Kulturhauptstadt im unterentwickelten deutschen Reich zu reüssieren.


Und so kam Herder ins Herz der deutschen Klassik, er wurde einer der „Vier Großen“, neben Wieland, dem ehemaligen Fürstenerzieher, dem sich immer noch vielseitiger entfaltenden Goethe und dem ebenfalls von Goethe als Geschichtsprofessor berufenen Schiller. Aber er blieb immer der blasseste im Quartett; er schaute immer grämlich, egal wer ihn porträtierte, er überwarf sich der Reihe nach mit allen seinen Freunden und versöhnte sich nur mit einem kleinen Teil wieder, und er hasste Weimar von Herzen, aber er kam nicht davon los. Aber wenn ihm seine vielfachen Amtspflichten Zeit lassen, arbeitete er an seiner Enzyklopädie, unermüdlich, und Stein für Stein setzte er sein Hauptwerk zusammen, die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Schon der monumentale Titel mit den vier monumentalen Substantiven war eine Herausforderung, eine Kampfansage an die traditionelle Philosophie. Immanuel Kant, sein alter Lehrer, hatte inzwischen ebenfalls die Grundlage seines enzyklopädischen Projekts veröffentlicht: die Kritik der reinen Vernunft; und seine Jünger wurden immer mehr und bekamen immer mehr Einfluss und bestimmten die öffentlichen Debatten. Aber Herder wollte nicht kritisieren, er wollte aufbauen und verstehen, und an eine reine Vernunft glaubte er schon gar nicht; nicht aus theologischen Gründen, bewahre, nein aus reiner Menschenvernunft: Da draußen war eine Welt, eine historisch gewachsene und empirisch wahrnehmbare Welt, und sie war weit jenseits einer reinen Vernunft, aber verstehbar, mit Gefühl und Verstand des Menschen, und nur mit beiden zusammen. Aber das interessierte Kant nicht, der das Ding an sich für irrelevant erklärt hatte und der Philosophie neben einem neuen Fundament auch eine neue Sprache gegeben hatte, die man mühsam lernen musste.


Und Herder schrieb und schrieb, er schrieb eine Metakritik gegen seinen ehemaligen Lehrer, die dicker noch war als das Original, aber niemand wollte ihm zuhören, nur einige wenige alte Freunde, und wer weiß, ob sie ihn richtig verstanden hatten; er neigte zur wortgewaltigen Ausdrucksweise des geübten Predigers, er liebte Bilder und Metaphern über alles, und er dachte in Analogien: Sie waren der Grund und die Wurzel der Welt für ihn, der gleiche logos, der sich in allem äußerte, Tieren, Pflanzen und Menschen, und dieser logos sprach sich in so vielen Sprachen und Gebärden und Formen, wie sie nur Gott sich ausdenken konnte, der größte Analogiker und Weltenschöpfer. Aber Kant war dagegen, und das war ein Todesurteil. Herder schrieb trotzdem weiter unermüdlich gegen ihn an, gegen seine Jünger und gegen eine neue Zeit, die heraufzog. Sie nannte sich „romantisch“, sie trat auf als jugendlich-übermütige Fundamentalopposition und ultimative Erneuerung, und dabei hatten sie doch nur von ihm abgeschrieben, diese konfusen jungen Leute; er war es gewesen, der auf die Wurzeln aller Dichtung in der Poesie und Mythologie der Völker hingewiesen hatte und die Texte zusammengesammelt hatte, mühsam, aus vergessenen Quellen, von den Eskimos bis zu den Peruanern, und übersetzt und veröffentlicht; er hatte dargelegt, dass alle Dichtung eigentlich Musik war, gestalteter Naturlaut, Seelensprache; er hatte, in tausendfacher Variation, auf die Natur als Lehrmutter und Amme einer Menschheit hingewiesen, die ohne sie niemals zu einer bloß eingebildeten geistigen Humanität vorgedrungen wäre. Aber es nützte alles nichts, sie vergaßen und verleumdeten ihn. Und Herder war immer schon kränklich gewesen, aber nun wurde er krank und immer kränker, die Kuren halfen nicht mehr.


Als er starb, hinterließ er „Zerstreute Blätter“ – so der Titel einer seiner vielen Zeitschriftenprojekte, in die er sein immer noch wachsendes enzyklopädisches Wissen, seine unendliche Gelehrtheit und seine bilderreiche Sprache investiert hatte. Nach ihm würden Schulen und Straßen benannt werden, und er würde einer der „Vier Großen“ sein – aber niemand liest mehr zerstreute Blätter oder Kritische Wäldchen, und wenn er nach seiner schmerzensreichen Operation damals in Straßburg wieder weinen konnte, hat er darüber bestimmt mehr als eine Träne vergossen.

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Zwei Mary Wollstonecrafts und die Brontë-Schwestern – Doppelporträt vor byroneskem Hintergrund

 

Im 19. Jahrhundert, Großbritannien ist gerade dabei, die industrielle Revolution und das Empire zu erfinden, erobern die englischen Frauen den Roman. Jane Austen ist eine der ersten, und sie ist bereits so perfekt, dass man beinahe geneigt ist, sie nicht als schreibende Frau zu sehen: Sie ist ein geborener Autor, das Produkt einer langen literarischen Ahnenreihe; sie muss das Schreiben nicht lernen, sie kann es, und sie tut es, ohne Verbitterung und fernab vom Geschlechterkrieg (man könnte nur einwenden, dass ihre Frauen ein wenig zu klug sind, aber das ist eine mehr als verzeihliche Schwäche). Aber sie bleibt nicht die Einzige. Zwei Familien machen von sich reden, und sie könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: Mary Wollstonecraft-Godwin und ihre Tochter Mary Wollstonecraft-Shelley, romantisch, anarchistisch, erotisch abenteuerlustig; und die Brontë-Schwestern Charlotte, Emily und Anne, geboren in Hawthorne inmitten der Moore Yorkshires und dort gestorben, kaum vierzig Jahre alt ist die älteste von ihnen geworden, und Charlottes Ehe hatte ganz sicher nichts von erotischer Abenteuerlust. Und doch, auf den zweiten Blick –

 

Aber beginnen wir am Anfang. Mary Wollstonecraft, die Mutter, geboren noch mitten in der Blütezeit des aufklärerischen Zeitalters, durchlebte wirre Jugendjahren mit Reisen quer durch Europa (pünktlich zur Revolution war sie in Paris), diversen Jobs, diversen Männern, der Geburt eines unehelichen Kindes und zwei Suizidversuchen, bevor sie mit knapp vierzig Jahren einen anerkannten Anarchisten, den Philosophen und Politiker William Godwin, heiratete; das war das äußerste Zugeständnis, das sie an eine bürgerliche Existenz machte. Da hatte sie aber ihr Hauptwerk, die Vindication of the Rights of Women, schon geschrieben – eine messerscharf argumentierende, philosophisch fundierte Kampfschrift, die nicht nur allgemein gleiche Rechte, sondern vor allem eine bessere Erziehung für Frauen forderte. Denn wie sollten sie, so fragte Mary, wie sollten die Frauen die ihnen qua Grundrecht zustehende zweite Hälfte der Welt eigentlich tragen, wenn man sie von Geburt an nicht nur entweder verhätschelt oder vernachlässigt, sondern zur Förderung der besseren Heiratsfähigkeit geradezu körperlich und seelisch verstümmelt hatte: Indem man sie in ihren natürlichen Entwicklungsmöglichkeiten beschnitten hatte, verkünstelt wie eine exotische Zierpflanze, in beengende Kleider gestopft wie eine Anziehpuppe, damit sie nicht allzu klug, nicht allzu scharfsinnig, nicht allzu selbstbewusst den Männern gegenüber wurden, also: wie Mary Wollstonecraft selbst? Immer hatte sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, hatte die Kinder anderer Leute erzogen, ohne selbst eine Erziehung genossen zu haben. "Genossen", das sagt man bis heute so leichthin: Wie gern hätten viele Frauen dieser Zeit eine Erziehung genossen, die ihre Brüder so oft leichtherzig verachteten und auf die leichte Schulter nahmen? Und es war nur logisch, dass sie, die Männer, auf diesen leichten Schultern die ganze Welt allein nicht tragen konnten; sie hätten Frauen benötigt, Genossinnen, aber sie hatten nur Zierpuppen, exotische Zierpflanzen, die wussten wie man seine Locken eindreht und das Korsett schnürt und nicht widerspricht. Sie hätte wenigstens ein kurzes Eheglück verdient gehabt, die tapfere Mary Wollstonecraft, und vielleicht hätte sie dann noch weitere Werke geschrieben; oder sie hätte eine Schule gegründet, für ihre Tochter und noch viele andere bildungshungrige Mädchen. Aber die Welt ist ungerecht, und so starb Mary Wollstonecraft, seit kurzem mit dem Zunamen: Godwin, zehn Tage nach der Geburt ihrer Tochter im Kindbett. Sie hinterließ ein mutterloses Baby und einen überforderten Ehemann, der allem theoretischem Anarchismus zum Trotz lieber schnell wieder heiratete, damit das Kind eine Mutter hatte.

 

Und so kam Mary Wollstonecraft, die zweite, in die Welt: mit einem alternden Anarchisten als Vater, der sich leider nicht in der Lage sah, die von seiner Kurzzeit-Ehegattin so wortreich wie leidenschaftlich entworfenen Erziehungspläne für die weibliche Jugend in die Tat umzusetzen, und mit einer Stiefmutter, die sie nicht lieben lernte. Und bei all dem sollte sie auch noch, womöglich, ein Wunderkind werden: So schön und selbstbewusst wie die leibliche Mutter, so klug und scharfsinnig wie der Vater. Geschichten sollte sie schreiben, so ermutigte der Vater sie von klein an; Mary aber dachte sich lieber Geschichten aus, lebte in Tagträumen, von denen sie später behauptete, dass sie selbst nicht in deren Mittelpunkt stand; oh nein, sie selbst sei gar nicht die Heldin, die Prinzessin, die unschuldige Jungfrau gewesen, dafür sei ihr Leben viel zu langweilig, zu common, zu – nun ja, vielleicht stiefmütterlich gewesen. Wenn sie jedoch schrieb – schreib doch endlich, hatte der Vater wieder gedrängt, zeig doch, was in dir steckt, deine Mutter hätte es so gewollt! -, dann geriet es ihr langweilig, common, plain, eine Nachahmung dessen, was die Männer seit jeher schrieben. In ihrer Phantasie jedoch war sie frei, vom Druck der Eltern, der toten Mutter wie des lebendigen Vaters.

 

Aber alles wurde anders, als der Märchenprinz kam, und das, obwohl sie nie eine Prinzessin gewesen war. Er war schon ein wenig berühmt geworden, als romantischer Dichter; er kam aus einem reichen Haushalt und war gebildet; er war so anarchistisch gesinnt wie ihr Vater, ein Freidenker auch er, und er konnte Gedichte machen, bei denen einem die Seele dahinschmolz. Auf dem Friedhof, so ist es überliefert, am Grab von Mary Wollstonecraft-Godwin, trieb die Jugendliebe von Mary Godwin und Percy Bysshe Shelley erste zarte Blüten; denn der Vater, dessen philosophische Liberalität auf einmal unerwartete Grenzen gezeigt hatte, war dagegen. Und so flohen Mary (sie war gerade 16 Jahre alt) und Shelley, hinaus aus England, nach Italien, Frankreich, in die Welt. Heiraten konnte man nicht, Shelley war schon gebunden; aber das störte keinen, sollte die Welt sich doch ändern, wenn es ihr nicht passte! Wichtig war, dass man zusammen sein konnte, man las Bücher und diskutierte, und jetzt war es der Geliebte, der immer wieder drängte: Schreib doch mal was! Es steckt in dir, lass es raus! Zeig dich der Welt, damit sie sich ändert!

   

Der Höhepunkt dieses romantischen Welt- und Selbsterkundungstrips lässt sich genau datieren. Es war Mitte 1816, in Europa trat die Restauration gerade ihren Siegeszug an, und es war das „Jahr ohne Sommer“ – später würde man lernen, dass irgendwo, weit, weit weg auf der Welt ein Vulkan ausgebrochen war, der Rauch war in die Atmosphäre aufgestiegen und hatte die Sonne verhüllt, die ganze Welt spürte die Folgen einer Mini-Klimakatastrophe. Die Patchwork-Family Wollstonecraft-Godwin-Shelley war an den Genfer See gereist; dort, in einer klassizistischen Villa mit Park und dem freien Blick auf den See, hatte sich Lord Byron eingemietet – Byron persönlich, die Licht- und Schattengestalt der neueren englischen Literatur schlechthin, der Mann mit dem Klumpfuß, der Sohn berühmter militärischer Ahnen, später selbst Held im griechischen Freiheitskampf; Lord Byron, der Mann, der seine Schwester liebte und der Vater von Ada Lovelace wurde, der ersten Programmiererin der Weltgeschichte; der von Goethe verehrt wurde und die armenische Sprache lernte, und den die Frauen liebten wider jedes bessere Wissen ("mad, bad and dangerous", sagte eine seiner vielzähligen Liebhaberinnen, es wurde zu seinem Marknezeichen, vielleicht hat er es sogar selbst in Umlauf gebracht, es wäre ihm zuzutrauen gewesen). Aber wir befinden uns vorerst im Jahr 1816, am idyllischen Genfer See; wahrscheinlich hatte man Pläne für eine erholsame Sommerfrische gehabt, man hätte Ausflüge in die Alpen unternehmen können, fröhliche Seefahrten und kleine Feste im illuminierten Park. Aber es war das "Jahr ohne Sommer", und es regnete. Man kann sich vorstellen, wie Lord Byron vor dem Kamin saß, den man hatte anschüren müssen, und unruhig mit dem Klumpffuß zuckte. Doch dann fand man ein Buch mit Geistergeschichten, aus dem Deutschen übersetzt ins Französische, wahrscheinlich sagte einer der anwesenden gebildeten Männer oder beide im Chor: „Boccaccio!“, aber zum Glück war es nicht die Pest in Florenz, wie damals beim Decamerone, sondern nur anhaltend schlechtes Wetter am Lac Leman. Und so saß man nun Abend für Abend vor dem Kamin und las sich entweder Geistergeschichten vor oder erfand neue. Denn darauf bestand Byron, der Meister der Runde: Jeder hätte eine Geistergeschichte zu erfinden, auch die Mary natürlich! Sollte sie nicht schon längst etwas geschrieben habe, murmelte wahrscheinlich der missmutige Noch-Nicht-Ehemann. Mary aber war zutiefst verschreckt. Natürlich konnte sie Geschichten erfinden, sie hatte ihre Jugend mit dem Erfinden von Geschichten verbracht, aber nun sah sie sich drei erwartungsvollen männlichen Gesichtern gegenüber (Byrons Arzt war noch dabei), und jeder Keim von Phantasie erstickte schon angesichts des dunklen Byronischen Heroenblicks. Sie war gerade zwanzig Jahre alt. Sie hatte eine Tochter geboren, eine Frühgeburt, das Kind starb wenige Tage nach der Geburt; und einen Sohn, die "Willmouse", vielleicht krabbelte er zwischen den Füssen der Erwachsenen herum, während sie ihre Geistergeschichten spannen und es draußen regnete.

 

Eines Abends jedoch, vielleicht war das Wetter besonders schlecht, ein Gewitter braute sich zusammen, sprachen die Herren darüber, ob und wie man eigentlich einen künstlichen Menschen machen könnte; es habe hier und da Versuche gegeben, die Galvanisten hätten tote Froschschenkel zum Zucken gebracht, und ein Herr Darwin, in England, hatte seltsame Experimente angestellt mit – aber da hörte Mary wohl schon nicht mehr genau zu. Als sie aber, überreizt und angespannt, gegen Mitternacht einzuschlafen versucht, hat sie eine Vision: Sie sieht einen jungen Studenten vor sich, er steht an einem Bett, an einer Liege, in einem Labor, und was liegt da vor ihm, sie kann es nicht genau erkennen, es bewegt sich nicht, noch nicht, doch plötzlich – und wahrscheinlich schlägt in diesem Moment ein Blitz ein, in einen der großen Bäume im Park ganz in der Nähe – springt der Funke des Lebens über: Das Wesen rührt sich, es streckt seine Glieder, und sein jugendlicher Schöpfer sieht – nicht den neuen Menschen, den er hatte erschaffen wollte, sondern ein Monster. Panisch ergreift er die Flucht, und zurück bleibt die Kreatur. Allein. Verlassen von seinem Vater. Mutterseelenallein (schon weil er niemals eine Mutter hatte, und Mary weiß, wie das ist). Unbekannt mit sich selbst. Einzigartig. Fremd. Bedrohlich. Furchtbar. Und als Mary damit aufgehört hat, zu zittern und sich zu gruseln, weiß sie, dass sie ihre Geschichte gefunden hat: Es ist die einer monströsen Männerphantasie, die sich anmaßt, den Schöpfer zu übertreffen und ein neues Wesen zu erschaffen, allein aus dem Geist eines Mannes, nicht aus dem Körper einer Frau. Und ihr Mann und wahrscheinlich auch der große Byron drängen sie, erneut: schreib doch, jetzt hast du eine Idee, schreib endlich!, und so schreibt sie die Geschichte zu einem ganzen Roman aus. Er wird in die Weltliteratur eingehen, Frankenstein heißt er, und entgegen einem verbreiteten Missverständnis ist das nicht der Name des Monsters (sagen wir lieber: der Kreatur), sondern seines Schöpfers (von dem wir, mit einem gewissen Recht sagen können: er war ein Monster).

 

Von diesem Moment an existierte eine Autorin namens Mary Shelley. Wenig später hat sie dann endlich Percy geheiratet, kurz darauf ertrinkt er bei einem Bootsausflug auf dem Genfer See, und damit endet die romantische Phase in ihrem Leben ein- für allemal. Drei ihrer gemeinsamen Kinder mit Percy waren gestorben, eine Fehlgeburt eines vierten kostet sie fast das Leben; ein Sohn nur wird überleben, und Mary wird ihr weiteres Leben seiner Erziehung und Versorgung widmen. Die Reisen hören auf; sie geht mit ihrem Sohn zurück nach London, man versöhnt sich nach und nach mit den Familien. Mary schreibt weitere Romane (die nicht mehr so berühmt werden wie Frankenstein, häufig behandeln sie schwierige Vater-Tochter-Verhältnisse). Sie verdient Geld mit der Serienproduktion von Biographien, geht spät noch einmal auf Reisen, mit dem Sohn (der niemals literarische Ambitionen zeigt, es ist wohl davon auszugehen, dass seine Mutter ihn nicht gedrängt hat), und schreibt noch einmal einen Reisebericht. Stirbt dann an einem Hirntumor, kein schöner Tod; und wahrscheinlich war die Kirche heimlich der Meinung, dass einem Gehirn, das ein Monster ausgebrütet und berühmt gemacht hatte, damit irgendwie recht geschah. Mary Shelley hatte aber gar kein Monster ausgebrütet; sie hatte nur eine Männerphantasie ausgesponnen (mad, bad and dangerous) und sie in ihren dramatischen Konsequenzen gezeigt. Frankensteins Monster, so wie sie es zeichnete, hatte im Übrigen durchaus weibliche Züge: Er liebte Musik, er hätte gern eine Familie gegründet und er litt unter seiner unendlichen Einsamkeit. Und während man den Roman liest und unter der unendlichen Einsamkeit des vermeintlichen Monsters leidet und sich über die unendliche Dummheit und den unendlichen männlichen Hochmut seines Schöpfers ärgert, hofft man immer wieder darauf, dass die Kreatur nur einmal eine Frau trifft, die ihn, wie der blinde alte Mann im Roman, nicht auf den ersten Blick hasst und fürchtet und verdammt. Aber das hat Mary Shelley ihm nicht gegönnt. Sie war zwanzig Jahre, als sie den Roman schrieb, und die Frauen sind in ihm vor allem als Lücke vorhanden, als schweigende Briefpartnerinnen oder als Heiratsmaterial; es sind die Männer, die handeln, reden, verurteilen, verdammen. Ihre eigene Emanzipation kam erst später – als sie Bücher schreiben durfte, zu denen niemand sie gedrängt hatte. Dass sie den Erfolg von Frankenstein damit nicht wiederholen konnte – sagte letztendlich mehr über den Erfolg von Männerphantasien als über ihr Talent als Autorin aus.

 

Und doch – wir kommen zum zweiten Teil. Die Schwestern Brontë musste niemand drängen, Bücher zu schreiben. Charlotte, Emily und Anne – samt ihrem etwas tragischen Bruder Branwell – waren Pastorenkinder, immerhin hatte sich auch ihr Vater schon als Amateurdichter betätigt, aber wie fern waren seine ländlichen Gedichte von den philosophischen Romanen und Pamphleten eines William Godwin oder den romantischen Phantasien eines Percy Shelley! Sechs Kinder zählte die Familie, und zwei von ihnen starben schon in ihrer Kindheit; man vermutet, dass sie sich die Tuberkulose, an der später auch die anderen Geschwister sterben sollten, in der Armenschule holten, und das hätte nicht nur Mary Wollstonecraft zutiefst empört: An einem Ort, an dem man sich fürs Leben ausrüsten soll, in dem man Bildung „genießt“, holt man sich den Tod, langsam, schleichend, auszehrend, wie man damals so anschaulich sagte. Aber die Armut war entsetzlich groß, nicht nur im Pastorenhaushalt, sondern in der ganzen Gegend, dem abgelegenen Yorkshire mit seinen Hochmooren, wo zumindest in der Phantasie die Sonne niemals scheint, jedes Jahr ist ein Jahr ohne Sommer und die Nebel ziehen und die Kohleöfen rauchen, wenn das Geld überhaupt für die Kohle gereicht hat. Schon London ist eine andere Welt; dass es einen See gibt in Genf, an dem man die Alpen sehen kann, wenn es nicht regnet, können die Brontë-Kinder nur in den Zeitschriften lesen, die ihr Vater abonniert hat. Doch sie sind hungrig, unendlich bildungshungrig; sie brauchen auch keine Geistergeschichten, oh nein, sie erfinden sich selbst ganze Welten. Alles, was sie dafür brauchten, war eine kleine Schar von Holzsoldaten, sehr kleinen Holzsoldaten, aber wieviele Fragen warfen diese kleinen Männer auf! Welche Kriege sollten sie führen, welche Heldentaten verbringen; wo lebten sie, wie lebten sie, wer herrschte in ihrem Staat, wo lag er, auf welcher imaginären oder realen Landkarten, schien dort die Sonne, oder war es wie in Hawthorne, wo man geboren sein musste, um die wilde Schönheit und die Farben der Moore zu schätzen – und so begann das große Epos von Angria, aufgeschrieben für die Holzsoldaten, in winzigen Notizbüchern, mit winzigen Zeichnungen dazu. Später würden Emily und Anne ein zweites Imperium erfinden: Gondal sollte es heißen, und es wurde von einer Frau regiert, und wer weiß, was dort noch alles möglich war? 


Nein, niemand hatte die Bronte-Schwestern zum Schreiben gedrängt, und noch nicht einmal die eigenen Geschwister wussten alles; wussten zum Beispiel lange Zeit nicht, dass jede von ihnen heimlich Gedichte geschrieben hatte, unterschiedliche Gedichte, längere und kürzere, einige erstaunlich formvollendet dazu, andere von großer Ausdruckskraft. Und als Charlotte sie schließlich entdeckt und es wagt, sie an einen Verleger zu schicken, da denken sie sich als erstes neue Namen aus: Und Charlotte wird Currer, Emily wird Ellis und Anne Acton; ihr gemeinsamer Nachname ist Bell, und wenigstens die Initialen haben diese Geschlechtsumwandlung überlebt, vielleicht klingt auch im "Bell" der heimische Kirchhof ein wenig mit. Von nun an sind sie Männer in der Literatur, auch wenn ihr Gedichtband so gut wie unbeachtet bleibt; in der Realität aber bleiben sie Frauen, und sie tun das, was Frauen tun müssen, wenn sie nicht heiraten, aber leben wollen: nämlich unterrichten. Von gelehrigen Schülerinnen werden sie zu Lehrerinnen, Charlotte vor allem, die treibende Kraft in der Familie; Emily hingegen, unruhig, leidenschaftlich und kompromisslos wie ihre Charaktere, zieht es zurück, zum dunklen Moor, wo der alternde Vater immer schwieriger wird. Aber dann, zwei Jahre nach dem erfolglosen Gedichtband, wagen sich Currer, Ellis und Acton wieder an die Öffentlichkeit, diesmal mit getrennten Texten. Es sind drei Romane, jeder steht für sich und jeder ist unverwechselbar: Und Charlotte wird beinahe auf einen Schlag berühmt mit Jane Eyre, Emily wird ein Skandal mit Wuthering Heights, und Anne bleibt brav und unauffällig mit Agnes Grey. Und obwohl sie wirklich einigermaßen unverwechselbar sind, musste der Londoner Verleger erst überzeugt werden, dass es sich bei Currer, Ellis und Acton nicht nur um Frauen, sondern auch um drei deutlich unterschiedene Autorinnen-Charaktere handelte – erst ein Besuch in London beseitigte seine Zweifel: Vor ihm standen drei Frauen aus der tiefsten Provinz, die älteste gerade dreißig Jahre alt; sie sind wenig modisch gekleidet und so unsicher, dass sie kaum sprechen können, aber sie halten seinen Brief in den Händen. Ja, es waren die Brontë-Schwestern, und sie besuchten den Kristallpalast und gingen in die Oper; und dann fuhren sie zurück nach Haworth, wo bald darauf Emily stirbt, und nur ein Jahr später Anne. Charlotte immerhin darf ihren Ruhm noch ein wenig genießen; sie schreibt noch weitere Romane, ja, sie heiratet sogar, einen hartnäckigen Verehrer, und sie soll glücklich gewesen sein in ihrer späten Ehe. Aber sie bleibt kurz; Während der Schwangerschaft stirbt sie samt ihrem ungeborenen Kind – ob an der alten Tuberkulose, ob an Typhus, ob an Fehlernährung, wird niemals geklärt werden.

 

Und doch – wir kehren zurück zum Anfang: bei allen äußeren Umständen, bei allen charakterlichen Differenzen, bei allen schwerwiegenden und grundlegenden Unterschieden in Geburt, Erziehung, Lebenslauf, Tod – sind sich die Brontës und die Wollstonecrafts gar nicht so unähnlich. Sie alle wachsen mehr oder weniger mutterlos auf; auch die Mutter der Brontë-Schwestern starb bereits in ihrer frühen Kindheit, sie wurden von ihrer Tante großgezogen. Die beiden Väter sind, bei aller Unterschiedlichkeit, dominant, der Anarchist wie der Dorfpfarrer mit der ländlichen Poesie; sie verlangen Unterordnung, Aufmerksamkeit, Pflege im Alter. Die Mädchen fliehen in die Phantasie, erfinden Geschichten, ganze Phantasie-Kontinente; ihre Erziehung bleibt sporadisch, auch noch lange nach Mary Wollstonecraft-Godwins Forderung nach gleichberechtigter Mädchenerziehung. Und sie werden berühmt, man ist geneigt zu sagen: als Männer: als Currer, Ellis und Acton Bell und als der Autor – es kann sich doch nicht wirklich um eine Frau gehandelt haben, die diesen schauerlichsten aller Schauerromane geschaffen hat? – von Frankenstein, einem Buch ohne Frauen. Und wie ein dunkler Engel (man sah ihn schon zu Lebzeiten gern als den gefallenen Engel aus Miltons Paradise Lost, der rebelliert hatte gegen Gott, der Satan geworden ist, um sich ein für allemal an seinem Schöpfer zu rächen, und liest sich das nicht schon ein wenig wie Frankenstein?) schwebt über ihnen allen schließlich die Gestalt von Lord Byron: Seitdem die Brontë-Schwestern ihn aus ihrer fleißigen Zeitungslektüre kannten, nehmen alle ihre Männer eine dunkle byronische Seite an. Der nicht zu zügelnde Schurke Heathcliff aus Wuthering Heights, ist er nicht, in seinem unstillbaren Rachedurst und seiner unersättlichen Suche nach Anerkennung, ein dunkler Bruder von Frankensteins Monster und von Lord Byron, an dessen Kamin das Monster ausgebrütet wurde? Ja, hat nicht sogar der geheimnisvolle Mr. Rochester aus Charlottes Jane Eyre entschiedene Züge des unberechenbaren Manchilds und Freiheitskriegers? Byronische Helden, so würde man den Typus später nennen, der auch durch die Romane der englischen Frauen des 19. Jahrhunderts in einigermaßen verstörender Art und Weise geistert: ein unaufgeklärter Mann, ein wirrer Romantiker, mad, bad and dangerous (und ja, die Vermutung liegt nicht fern, dass darin auch etwas von ihren schwierigen Vätern lebt). Jane Austen konnte noch Sense und Sensibility versöhnen, auch wenn es dazu sehr kluge Frauen brauchte; aber Mary Shelley und den Brontë-Schwestern ist die Welt ein dunklerer Ort geworden, sei es im "Jahr ohne Sommer", auf der Yorkshire-Heide oder in der Welt des ewigen Eises, in der Frankensteins Schöpfer vergeht. Es ist eine Welt, in der ungeliebte Männer Katastrophen anrichten: Weil sie keine Mutter haben, weil sie zurückgewiesen wurden, weil sie romantische Träume und unbeherrschte Männerphantasien verfolgen ohne Blick auf die Kosten. Es ist auch eine Welt, in der Kinder sterben, viel zu früh sterben und ihre Mütter viel zu oft das Leben kosten; eine Welt, in der die Mädchenerziehung von selbst kaum erwachsenen jungen Frauen übernommen werden muss, die sich gerade erst selbst, aus mageren Resten und gelegentlichen Zeitungslektüren, eine Bildung zusammengekratzt haben. Ein wenig Hoffnung vermittelt allein Jane Eyre, die gleichnamige Heldin aus Charlotte Brontë Erstlingserfolg, die sich selbst "poor, obscure, plain, and little" nennt; und der reiche Rochester, der dunkle byronische Held mit der rätselhaften Vergangenheit, wird sie heiraten, die kleine, unscheinbare und arme Jane Eyre – aber erst, nachdem er selbst verwundet und ein wenig weniger byronesk vom Schicksal gemacht wurde, so viel Realismus muss dann doch sein. Zu hoffen bleibt jedoch, dass Jane Eyre der Frankensteinschen Kreatur gefasst ins Auge geblickt hätte; denn sie kennt sich aus mit Monstern und weiß, dass sie von Menschen gemacht werden.  

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Biene und Schmetterling  – Karoline von Günderode und Bettine von Arnim

 

Für eine kurze Zeit waren sie BFFs, wie man heute sagt: beste Freundinnen, forever. Es war in Frankfurt, der reichen Bürgerstadt, aus der sie beide kamen, sie waren jung, übermütig und die Ewigkeit eine Verheißung. Natürlich war forever dann doch eine verschwindende Zeitspanne im Angesicht der Ewigkeit, aber das ist heute in den meisten Fällen nicht anders. Nur kurz sollten sich ihrer beider Lebenslinien begegnen, die eher Flugbahnen waren: Für eine kleine Weile nur näherten sie sich an, überschnitten sich, verstärkten sie sich, bildeten nie zuvor gesehene Muster, trennten sich wieder, ein wenig, vereinigten sich erneut. Doch eines Tages, wahrscheinlich haben sie es selbst noch gar nicht bemerkt, begannen sie sich voneinander zu entfernen: Zuerst drifteten sie nur ein wenig in andere Richtung, irgendwann nahm die eine von beiden dann deutlich Fahrt auf und preschte voraus. Die andere jedoch hob ab in Richtung Himmel, sie versuchte aufzusteigen, verlor dabei an Schwung, wurde immer weniger sichtbar, bis sie schließlich abrupt abbrach: ein Stich, genau ins Herz, ein Punkt nur noch, das war alles, was von Karoline blieb, der Stiftsdame mit dem poetischen Naturtalent zur strengen Form und zum poetischen Extrem. Von Anfang an war sie ein verkappter Heldenjüngling aus den heroischen Zeiten der Menschheit gewesen, der nur irrtümlich in diese Welt der Missverständnisse und Kompromisse geraten war, einen Kerker für eine wahrhaft freie und poetische Seele; und ihr Tod war ihre Befreiung. Bettine hingegen, die quirlige, nicht zu bändigende, vor Lebenskraft überschäumende Bettine ging weiter, nein, sie hüpfte und sprang auf ihren nicht immer einfachen, nicht immer geradlinigen, aber immer bettineartigen Weg voran, der sie immer stärker ans Leben und an diese Welt fesselte: Sie heiratete, bekam sieben Kinder, wurde Großmutter, veröffentlichte Bücher, engagierte sich für die Armen, redete dem preußischen König ins Gewissen – und blieb bei all dem ein nicht zu bändiges Kind der Natur.

 

Beginnen wir mit der kurzen Geschichte, mit dem Irrtum, mit dem Leben zum Tode hin. Karoline von Günderode war von altem Adel, die Familie verarmte jedoch nach dem frühen Tod des Vaters. Mit 17 Jahren kommt Karoline deshalb in ein Damenstift: eine soziale Einrichtung geboren aus dem Geist von christlichem Sendungsgeist und nobler Barmherzigkeit zur Versorgung von in finanzielle Not geratenen Frauen des lokalen Adels. Das ist nun eigentlich gar nicht so schlimm, wie es sich anhört: Es wurde zwar ein moralisch vorbildlicher Lebenswandel erwartet, aber die geistlichen Pflichten waren gering, und Karoline kann sich offensichtlich mit Muße ihren literarischen und philosophischen Studien widmen. Der junge Schelling vor allem ist ihr ein Geistesverwandter, aber auch Schillers Spuren sind unverkennbar: Idealismus, in jeglicher Form, gern auch hochdosiert philosophisch, das ist Karolines Lebenselement. Doch noch gibt es ein Gegengewicht: Sie freundet sich an mit Bettine aus der kinderreichen, wohlsituierten Kaufmannsfamilie Brentano, obwohl die Gegensätze kaum größer sein könnten: eine strenge Stiftsdame mit sorgfältig geheim gehaltenen dichterischen Talenten und philosophischen Leidenschaften - und ein Naturkind, in dessen Kopf die Ideen so übereinander purzeln wie die wilden schwarzen Locken an dem mädchenhaft kleinen Kopf. Doch gemeinsam erobert man sich das Reich der Poesie: Versüßt sich den dunklen Frankfurter Winter durch phantastische Weltreisen, liegt gemeinsam in der Wüste unter den Sternen mit den Pferden in der Nacht und macht sich über die Frankfurter Philister lustig; erwägt sogar die Gründung einer privaten Religion, eine Schwebereligion soll es sein, zwischen Himmel und Erde schillernd. Die Flugbahnen tanzen umeinander, umschlingen sich, steigern sich, schweben und oszillieren. Aber ist die eine nicht etwas dunkler als die andere, sind ihre Muster nicht von strengerer Art, während die zweite Arabesken bildet, immer neue, immer phantastischere?

 

Auch Clemens, Bettines kaum weniger wilden Bruder, lernt Karoline kennen. Clemens verliebt sich sogar in beste Freundin seiner Schwester – aber er verliebte sich leicht und schnell, das hat keinerlei tiefere Bedeutung; und wen er Karoline poetisch-erotische Briefe schreibt, deren Entdeckung ganz sicher zu ihrem Verstoß aus dem Damenstift geführt hätten, ist das kaum mehr als eine Schreibübung. Nun muss Karoline sich zwar auch verlieben - das ergibt sich geradezu mit logischer Notwendigkeit aus ihrer Situation, aus der fatalen Mischung von äußerer Disziplinierung, innerem Idealismus und noch gebremsten, aufgestautem Schaffensdrang; der einzige Ausweg aus dieser Malaise ist, sich möglichst schnell zu verlieben, ein Objekt zu finden, das man bis in den Himmel hoch idealisieren kann, an das man all seinen Enthusiasmus hängen kann – und das einem verwehrt bleibt, natürlich (sonst wäre der Idealismus schnell am Ende). Aber dass der Wirrkopf Clemens nicht der Richtige ist, dass weiß Karoline dann doch; und im schnell entstehenden Dreiecksverhältnis zwischen ihr, Bettine und Clemens wird sie immer die Vernünftige bleiben. Friedrich von Savigny hingegen, er verkehrt ebenfalls im Brentano-Kreis, ist geeigneter für ihre Zwecke: ein aufstrebender Jurist, schon mit 21 Jahren promoviert, von Hochbegabter von allgemein anerkannter Brillanz, Geistesschärfe und Bildung; ein ruhender Pol in diesem wirbligen Kreis, vielleicht sogar: sein geheimes Zentrum. Aber Savigny wird, wenig später, ausgerechnet Gunda heiraten, Kunigunde Brentano, die blasseste der schillernden Brentano-Schwestern; und sie wird ihm, als er noch vor dem dreißigsten Lebensjahr die erwartete Professur bekommt, eine würdige Professorengattin werden. Nein, hatte er an Karoline geschrieben, die ihm – für ihre Verhältnisse – eher zahme Liebesbriefe schreibt, es wäre ihm nicht recht, wenn sie ihn „Du“ nenne.

 

Beim zweiten Versuch klappt es besser, am Anfang zumindest. Friedrich Creuzer ist ebenfalls ein akademischer Frühstarter, doch entschieden romantischer gesinnt: Er ist Philosoph, er wird als Mythenforscher reüssieren, und schon das verbindet ihn mit Karoline, die sich gern als Ossianischer Heldenjüngling sieht und in der Vergangenheit die Vorbilder für ihr eigenes, allzu wenig weibliches Empfinden sucht, die sie im Damenstift nicht finden kann. Aber Creuzer ist, nun ja, verheiratet; natürlich ist die Ehe nicht glücklich, natürlich verspricht er ihr die baldige Trennung und ewige Liebe, selbstverständlich sie ist die Einzige, und irgendwann, ganz sicher, irgendwann – das reicht Karoline, vorerst. Allerdings, nun ja, mag er Bettine und den ganzen wirren Brentano-Haufen nicht recht und empfiehlt ihr Abstand zu dieser gefährlichen Person zu halten. Vielleicht hat Karoline ein wenig gezögert; immerhin, man war einmal BFF gewesen. Aber Bettine wird immer anstrengender. Sie schreibt Briefe, tage- und seitenweise, endlose phantastische Monologe, die von einem Bild zum anderen tanzen, Gedanken und Ideen versuchsweise durchspielen, sie aber schnell, bevor sie zum Begriff zu werden drohen, wieder freilassen, ins Offene, Unbestimmte – und Bettine schaut ihnen nicht einmal nach, wie sie fallen, sie hat schon wieder eine neue Idee geerntet, eine neue Blume gepflanzt, einen neuen Menschen ein wenig abseits von den anderen, allzu bekannten Philister-Gesichtern gefunden. Geradezu instinktiv widersteht sie allen Bildungsversuchen ihrer Umgebung. Sie soll den Kontrapunkt lernen von einem Musiklehrer; aber Bettines ganzes Sein ist ein ewiger Kontrapunkt, und Musik ist ihre natürliche Sprache, was gibt es da zu lernen, außer Fesseln und Regeln? Sie soll Philosophie lesen, Clemens gibt ihr Schiller, Karoline gibt ihr Schelling, Bettine schüttelt sich vor Abscheu, so wenig entspricht diese Begriffshuberei ihrem Wesen, das in der Philosophie lebt, Philosophie ist, aber ohne Worte: Philosophie ganz aus Natur, aus sinnlicher Erfahrung, aus unmittelbar erlebter Gegenwart. Bettine bindet lieber mit dem Gärtner Kränze, der ein wenig in sie verliebt ist, und er lehrt sie dafür das Propfen; oder sie stickt ein wenig mit dem Judenmädchen Veilchen kostbare Taschen für Clemens' Freunde; oder sie lauscht den Geschichten der Großmama aus ihrer Jugend; oder sie träumt von den Helden der französischen Revolution; oder sie schreibt nicht enden wollende Briefe an Karoline, die Eine, die jetzt in der Ferne ist, zunehmend: entschwebt.

 

Creuzer aber mag Bettine nicht, und irgendwann lässt Karoline den Briefverkehr einschlafen. Hatte sie selbst nicht inzwischen, zum Erstaunen aller, ihren ersten Gedichtband veröffentlicht? Er erschien unter dem Autornamen „Tian“: tian, das ist der Himmel im Chinesischen, wahrscheinlich wusste sie das von Creuzer; der fiktive Name mutet zudem vage androgyn an, und was hätte ein passenderer Name für einen aus dem Sagenhimmel verstoßenen Heldenjüngling sein können? Dem Himmel nähert sich Karoline jetzt sowieso immer mehr, auch in ihren Gedichten, ihren kurzen Dramenentwürfen und Prosastücken, die Bettines ausschweifendem Wortreichtum, ihrer endlosen Assoziationsmaschine, ihren ins Absurde und Paradoxe ausschweifenden Gedankenflügen virtuose Formenstrenge und philosophische Gedankenschwere entgegensetzen. Als die Welt lernt, wer sich hinter Tian verbirgt, will sie es nicht glauben: Niemals, so gibt Clemens, der selbst poetisch Hochbegabte, aber viel zu wenig Disziplinierte zu, hätte er gedacht, dass eine Frau so schreiben kann, so formen, so denken. Sogar Goethe ist des Lobes voll. Was hätte noch aus diesem Talent werden können?

 

Doch Karoline ist dem Himmel schon viel zu nahe gekommen. Als Creuzer schwer erkrankt, pflegt ihn seine Ehefrau treusorgend gesund, und der genesene Ehemann verpflichtete sich ihr erneut, sei es nun aus Dankbarkeit oder weil er bereits erkannt hatte, dass er mit dem Götterjüngling sowieso nicht würde mithalten können: Er schreibt den Abschiedsbrief. Man will ihn Karoline noch vorenthalten, aber aufgrund unglücklicher Umstände liest sie ihn doch. Sie reagiert gefasst. Sie entschuldigt sich, sie müsse kurz auf ihr Zimmer gehen, alle sind erleichtert, man hatte Schlimmeres befürchtet. Karoline jedoch kommt nicht wieder. Sie ist in ihr Zimmer gegangen, hat den kleinen silbernen Dolch geholt, für dessen Benutzung sie sich von einem Chirurgen hatte instruieren lassen, diszipliniert, planvoll, souverän wie immer; wahrscheinlich hatte sie ein poetisches Interesse vorgetäuscht, eine Heldin, die den Heldentod sterben sollte auf der Bühne, was auch immer. Und dann geht sie hinab an den Fluss, den Rhein, und erdolcht sich, ein gezielter Stoß ins Herz, in Winkel am Rhein, 26jährig. Welche Kraft dazu gehörte, den Dolch zu führen und zuzustechen und zu treffen, niemand kann es ermessen. Oder war es ihr doch ein Leichtes, endlich diesen irdischen Kerker zu verlassen, in der Gewissheit, dass danach der Himmel kam, tian, das bessere Leben, das ideale und poetische? „Meine Ansicht vom Sterben ist die ruhigste“, das hatte sie schon einige Zeit zuvor geschrieben, aber das schreibt sich unendlich viel leichter, als man es tut – und die meisten Romantiker schreiben nur romantisch vom Sterben (sie tun sich ein wenig schwer mit dem Leben, aber das ist nun wirklich kein Grund tatsächlich zu sterben).

 

In ihrem Nachlass fand man ein Gedicht, das zu den schönsten romantischen Gedichten überhaupt gehört; es erinnert an den anderen Heldenjüngling der Romantik, an Novalis, Friedrich von Hardenberg mit seinen androgynen Zügen, für den das Sterben ebenfalls der ultimative Beweis eines wahrhaft romantisch gelebten Lebens war. „Einstens lebt ich süßes Leben“, beginnt Karolines Gedicht; und wir sehen das Ich davonschweben in eine tiefes blaues Meer, wo es von der Somme umarmt wird und geküsst von den farbigen Himmelslichtern, weil es heimgekehrt ist; es sieht die ewigen Götter auf ihren Thronen, es sieht die Helden kämpfen gegen gewaltige Tiere – wie gern hätte Karoline diesen Kampf gekämpft! -, und über all dem schwebt eine Jungfrau, eine heilige Jungfrau. Aber sie kann nicht zu ihr kommen, zur heiligen Jungfrau, wo der ewige Frieden wäre – denn die Erde, die schwere Erde zieht sie immer noch an, die Erde ist die Mutter von allem, und unter Schmerzen verlässt das schwebende Ich den heiligen Äther mit den ewigen Göttern und den farbigen Lichtern, um zur Erde zurückzusinken, in ihren mütterlichen Schoß. Durfte Karoline selbst einziehen bei den ewigen Göttern, durfte sie wohnen neben der himmlischen Jungfrau, oder ist sie in den mütterlichen Schoß heimgekehrt, endlich heimgekehrt? Oder schwebt sie vielleicht zwischen beiden, ein unruhiger Geist, wie es sich Bettine für sie beide imaginiert hatte?

 

Bettine hat der Tod ihrer ehemaligen Freundin tief und bleibend erschüttert; es war ein Trauma mehr. Denn schon ihre Kindheit war nicht einfach gewesen. Zwar entstammte sie einer berühmten Literatenfamilie: Ihre Großmutter war Sophie von La Roche, die erste Verlobte von Christoph Martin Wieland, die berühmteste Autorin der deutschen Aufklärung, die einen Roman schrieb und eine Frauenzeitschrift gründete; ihre Mutter Maximiliane La Roche, verheiratete Brentano, die Goethe umschwärmte und deren schwarze Augen er seiner Lotte im Werther verlieh; und ihr Bruder Clemens sprudelte geradezu über vor romantischer Poesie und Spottlust. Aber was nützen all der literarische Ruhm, die großen Namen, wenn die Mutter stirbt? Bettine wird in einer Klosterschule erzogen, und das muss angesichts ihrer übersprudelnden Persönlichkeit noch schlimmer als der durchaus moderate Stiftskerker von Karoline gewesen sein; sie hat später berichtete, dass es keine Spiegel gab dort und dass sie deshalb nicht wusste, wie sie aussah. Wie vollständig unvorstellbar ist das in unserer Zeit der minütlichen Selfie-Selbstdokumentation, der allgegenwärtigen Schaufenster und Spiegel – nicht zu wissen, wie man aussieht! Vielleicht gehört auch das zu Bettine, zu ihrem pausenlosen inneren Überquellen von Geschichten, Phantasien, Erlebnissen: Man kann sich nur von innen kennen lernen, und wenn der innere Monolog aufhört, geht man sich selbst verloren.

 

Nach der Klosterschule, der strenge Vater war inzwischen auch verstorben, wird Bettine weiter herumgereicht: Eine Zeitlang lebt sie bei ihrer Großmutter, Sophie von La Roche; als Gunda Savigny heiratet, zieht sie mit ihnen nach Marburg. Aber vielleicht war diese unstete Lebensweise gar nicht so falsch. Denn Bettine war ein und blieb ein Schmetterling: Sie flatterte von Blüte zu Blüte, sie naschte mal hier, mal dort; sie lief tage- und nächtelang durch die Wiesen, sie himmelte den Mond an und konnte jede Blume beim Namen nennen. Am liebsten lag sie mit dem Gesicht nach unten auf der Erde; so konnte sie die Natur am besten spüren, riechen, hören, ihre Umgebung in sich einströmen lassen, sich durchfluten lassen von Empfindung und Verehrung eines Höheren – und danach schnell aufspringen und weitertanzen, Blumen pflücken, ein selbstgedichtetes Lied dazu singend, nach einer eigenen Melodie, ganz ohne Kontrapunkt. Sie saß ungern auf Stühlen; lieber hockte sie sich auf Tische, unter Tische oder gleich auf den Boden. Heute würde man wahrscheinlich eine krankhafte Hyperaktivität diagnostizieren und Ritalin verordnen; und es spricht viel dafür, dass Bettines Persönlichkeit tatsächlich in gewisser Weise krankhaft sprunghaft war. Ihre Familie und ihre Bekannten nannten sie einen Kobold, einen Irrwisch, wahrscheinlich auch, wenn sie nicht zuhörte, eine Nervensäge; Goethe nannte sie in einem seiner weniger freundlichen Olympier-Momente eine Tollhäuslerin. Aber einen Schmetterling kann man nicht einfangen; man muss ihn schweben lassen, tanzen lassen, von Blüte zu Blüte – bis er seine Eier ablegt, und der Kreislauf aufs Neue beginnt: Raupe, Puppe, Schmetterling, Ei.

 

Und deshalb wird Bettine tatsächlich, kaum kann es man glauben, irgendwann sesshaft; sie verpuppt sich erfolgreich. Sie heiratet Achim von Arnim, den Lebensfreund von Clemens; Abkömmling einer alten preußischen Adelsfamilie, studierter Naturwissenschaftler und ein sehr ernsthafter Romantiker von großer literarischer Produktivität; Romane hat er geschrieben, Dramen, Novellen, Gedichte, für Zeitschriften und Zeitungen hatte er gearbeitet und gegen Napoleon gekämpft. Bettine hat ihm sieben Kinder geboren, keines von ihnen stirbt, wie in dieser Zeit so häufig, in der Kindheit, und Bettine sitzt an ihren Betten, wenn sie krank sind, hält ihnen die Hand und erzählt ihnen Geschichten. Bettine wird sogar ländlich häuslich, für eine kleine Weile: Sie macht Butter und sammelt die Eier auf und kocht ein auf dem Familiengut Wiepersdorf. Aber sie ist, Schmetterling hin oder her, nicht fürs Landleben gemacht, und so trennt man sich bald: Bettine geht nach Berlin, und Achim bleibt in Wiepersdorf, es ist eine moderne Ehe, man zieht die Kinder gemeinsam auf, und das ist das. Und als Achim von Arnim unerwartet stirbt und die Kinder eines nach dem anderen erwachsen werden, entpuppt sich der Schmetterling wieder: Bettine beginnt Bücher zu veröffentlichen. Und sie verwertet all den Nektar, den sie in ihrer Jugend gesammelt hatte, aufs hausfraulich-rationellste – indem sie nämlich etwas erfindet, was mit "fiktiver Briefwechsel" nur unzureichend artmäßig bestimmt ist. Schon immer hatte sie Briefe geschrieben, Briefe an nun berühmte Leute: an ihren Bruder und Erzieher Clemens, an die frühverstorbene und unvergessene Karoline von Günderode, an Goethe, den großen, unendlich verehrten Übervater und heimlichen Geliebten Goethe (der zum Glück auch gerade gestorben war, man durfte nun unbeschwert an seinem Denkmal basteln), an seine altersweise und altershumorige Mutter, die Frau Rat im heimischen Frankfurt, die Ersatz- und Übermutter; und sie hatte Antworten empfangen, Briefe von nun berühmten Leuten. Aus diesen Briefwechseln beginnt sie Kränze zu knüpfen: doch nicht, indem sie einfach brav ehefrauen- und hausmuttermäßig die Briefe aneinanderreiht – nein, sie nimmt nur die schönsten Blumen, sie propft Fremdes und Eigenes aufeinander und schaut, was sich daraus entwickelt; sie zupft das Ergebnis ein wenig zurecht, und dann bindet sie sie in einen Kranz daraus, ein Kunstwerk, ein Naturwerk. Ist es denn wichtig, ob ein Brief genauso, wortwörtlich geschrieben wurde? Ist es denn von so großer Bedeutung, dass die Zeiten stimmen, die Orte, die Personen, die Details? Es sind doch Briefe von Menschen, von schwebenden Lebewesen, wie alle wahrhaft großen Persönlichkeiten schillernd zwischen Wahrheit und Dichtung. Verwandelt sie selbst sich nicht ständig schreibend? Ihre Texte laufen, wie in ihrer Jugend, ins Unendliche fort, wie die Natur selbst, die Bilder stürzen übereinander, schwanken zwischen dem äußersten Tiefsinn und dem oberflächlichsten Blödsinn, sind Nachtwandlungen und Tagschwärmer, Eintagsfliegen, verpuppte Raupen, von der Sonne bebrütet und vom Mond beschienen. Die Natur ist alles, das Gefühl ist alles, das Leben ist alles, und alles ist Gott; und das vermeintliche Wissen ist nichts, und die Philosophie eine Plage und Belästigung und die Amtskirche eine Verirrung (denn politisch wird Bettine auch noch, eine letzte Metamorphose auf ihre alten Tage).

 

Als sie nach längerer Leidenszeit nach einem Schlaganfall im Kreis ihrer Familie stirbt, soll sie auf ihren Entwurf eines Goethe-Denkmals geschaut haben. Eigentlich aber hat sie schon immer über alle hinausgeschaut, ins Freie, und das Sterben war nur ein kleiner Schritt zurück in die Natur. So oft schon war sie mit dem Gesicht zur Erde dagelegen, hingegeben für alle Eindrücke, demütig bei allem Übermut; nur dass sie diesmal nicht wieder aufgesprungen war und über die Tische getanzt hatte. "Einstens lebt ich süßes Leben", so hatte Karoline von Günderode, ihre BFF, ihren Tod vorweggenommen; sie selbst beschrieb sich gern als Biene, die den Blütennektar der Welt aufsammelte und den feinsten Honig daraus destillierte, ein Vorgeschmack des Himmels in seiner Süße. Bettine hingegen hat geschrieben: "Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!" Sie hatte keine Paradiese nötig, keine fernen Himmel, keine Götter und kämpfenden Tiere; sie war schon immer im Schoß der Erde gelegen und hatte geruht und sich verwandelt wie ein Schmetterling, und was war schon eine Verwandlung mehr im Angesicht der Ewigkeit? 

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Brentano und die Frauen, die Poesie, die Religion


Sein Schicksal waren die Frauen. Oder war es die Religion? Oder doch die Poesie? Wahrscheinlich aber alle zusammen, so wie sie ihm zusammenfielen in seinem Leben und Schreiben, und es war immer die gleiche Maria, die Mutter aller Mütter, die er verehrte, vermisste, verließ und doch nicht lassen konnte. Seine eigene Mutter, die schöne Maximiliane, in deren schwarze Augen sich schon Goethe verliebt hatte, starb, als er 15 Jahre alt war; sie hinterließ eine Wunde in ihm, die sich niemals schloss. Er wird ihr unzählige Denkmale setzen in seinem Werk, in dem immer wieder marmornen Frauengestalten auftauchen, deren Schönheit für immer versteinert ist und die der Liebende nicht zum Leben erwecken kann. Der Vater hingegen, der das erfolgreiche Handelsgeschäft leitete und sich eine repräsentative Bürgerexistenz in der freien Reichsstadt erarbeitet hatte, blieb ihm fremd; man kennt die Geschichte aus Wilhelm Meisters Lehrjahren, aber im Gegensatz zu Wilhelm fand der junge Clemens niemand, der sein Geschick mit Überblick und Wohlwollen leitete, sondern ging immer nur weiter in die Irre. Er versucht sich in einer Buchhändler-Lehre, er beginnt Medizin zu studieren und hört dann lieber ein wenig Philosophie, aber nichts bringt er zu Ende, gar nichts. Immerhin aber findet er in Jena, im Kleinmilieu des aufmüpfigen Romantikerkreises um die Brüder Schlegel, schnell Anschluss; man überschlägt sich dort vor Ideen und übermütigen Scherzen, man will die Literatur revolutionieren und das Leben poetisieren, man erfindet die Philosophie neu und experimentiert mit den neuesten naturwissenschaftlichen Techniken, und all das miteinander und durcheinander. Und man verliebt sich leicht, man wechselt die Frauen sogar gelegentlich, und Friedrich Schlegel schreibt einen Roman, der die freie Liebe verherrlicht, ein Skandal! Brentano allerdings, ein Außenseiter in dem illustren Kreis, nimmt das alles gleichzeitig ein wenig zu leicht – er schreibt noch frechere Satiren als Tieck, noch kompliziertere Romane als Schlegel und zieht über die „Philister“ so boshaft und gemein her, dass einem noch heute die Haare zu Berge stehen. Aber gleichzeitig nimmt er das alles auch ein bisschen zu schwer. Er verliebt sich sehr ernsthaft in Sophie Mereau, eine umschwärmte, schöne, aber leider anderweitig verheiratete Professorengattin und Autorin; sie soll ihn, den herumirrenden Poeten mit den schwarzen Locken, der so schmachtende Lieder zur Gitarre singt und dem die Liebesgedichte so leicht aus der Feder fließen wie seinem Vater die Handelsrechnungen, erlösen, sie soll seine verlorene Mutter ersetzen, die früh gestorbene Lieblingsschwester Sophie, ja sogar die eigensinnige Schwester Bettine, die sich so gar nicht von ihm erziehen und formen lässt nach seinem Bild.


Sophie Mereau jedoch ist nicht interessiert, anfangs jedenfalls nicht, an dem jungen Allzuwilden mit dem wunden Blick. Brentano zieht wieder in die Welt hinaus und verirrt sich, verliebt sich hier und dort, Kleinigkeiten, eine hübsche Wirtstochter, eine entfernte Verwandte von Sophie Mereau in der Provinz; er macht aus all dem Literatur, aber kein Werk kommt zu einem Ende, es bleibt bei Bruchstücken, dramatischen Versuchen und natürlich Gedichten, immer wieder Gedichten. Aber dann, in einem zweiten Anlauf, kehrt er zurück nach Jena und wirbt nun erfolgreich um die inzwischen geschiedene, so viel lebensklügere und reifere Frau; und Sophie heiratet ihn tatsächlich, und sie bringt ihm zwei Kinder zur Welt – bis sie, 35jährig, an den Folgen einer Totgeburt verstirbt, ein nicht allzu seltenes Schicksal in dieser Zeit; auch die beiden ersten Kinder werden nicht alt. Brentano als Familienvater – es hat nicht sein sollen, und seine nächste Beziehung ist eine völlige Katastrophe, die endgültig seine Beziehungsunfähigkeit demonstriert: Er war mit der erst 16jährigen Auguste Bußmann aus Frankfurt durchgebrannt, doch bereits kurz nach der überstürzten Trauung begann ein wahrer Ehekrieg, mit mehrfachen Trennungen und Wiedervereinigungen, die dramatisch in einem inszenierten Selbstmord von Auguste gipfelt. Erst nach vielen Jahren konnte die Scheidung vollzogen werden. Da war Brentano schon längst in Berlin, in Böhmen und anderswo gewesen, immer zu Besuch, immer auf der Durchreise, aber nirgends siedelt er sich so ganz an; auch in Wien, wo er sein Glück als Theaterdichter versucht, kommt es zu keiner festen Anstellung, sondern nur zu Streit, Ärger, Missverständnissen.


Da entschließt sich Brentano zu einem drastischen Schritt: Er schwört der Poesie ab, seiner einzigen wahren Geliebten, die ihm über all die Frauen hinweg treu geblieben war; und er ergibt sich wieder der katholischen Religion, die schon seine Jugend geprägt hatte, mit all dem Herz und all der Seele, die er geben konnte. Als er von der Nonne Anna Katharina Emmerick hört, die krank in Dülmen liegt und Visionen hat und Stigmata auf den Händen, macht er sich kurz entschlossen auf die Reise; näher kann eine Frau seinem Ideal der wahren Maria nicht kommen, sie ist beinahe schon von Marmor, aber noch mit Blutmalen, und sie ist keine erotische Bedrohung. Er wird an ihrem Bett sitzen, ganze sechs Jahre lang, und er wird ihre Gesichte und Visionen aufschreiben, 40 ganze Foliobände voll, bis zu ihrem Tod. Und dann wird er an ihrer Veröffentlichung arbeiten, weitere lange Jahre, während derer wiederum herumzieht, in Frankfurt lebt, in München, in Regensburg. Er kehrt ein wenig ins Leben zurück und verliebt sich sogar noch einmal, ein letztes Mal; er beginnt wieder zu schreiben, Liebesgedichte natürlich, aber auch Märchen, wunderbare phantastische Märchen, in denen die Tiere sprechen und die Welt wieder zu singen beginnt. Aber seine letzten Jahre sind schwermütig, er gilt als erzkatholischer Sonderling; und als er im Haus seines Bruders Christian stirbt, ist nur eine Handvoll seiner literarischen Werke veröffentlicht worden. Er war ein wahrer Romantiker gewesen, in seinem Herzen und nicht nur in irgendeiner jugendlichen Revolte; er litt an einer Wunde, die sich niemals schloss, sie hinterließ Stigmata in all seinen Werken, aber niemand kann die Marmorgestalt zum Leben erwecken, ohne dass sie das verliert, was sie zum ultimativen Sehnsuchtsziel macht: ihre Künstlichkeit und Perfektion und Unerreichbarkeit.

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Eduard Mörikes seltsame Hausgötter

 

Natürlich hat er Goethe verehrt, welcher Dichter von Rang tut das nicht (zweitrangige allerdings reden ihn gern schlecht)? Das Komische aber war, dass sein zweiter Lieblingsautor Georg Christoph Lichtenberg war, der etwas kauzige bucklige Göttinger Professor der Naturgeschichte, der es niemals zu einem dichterischen Werk, sondern nur zu Bänden voller kauziger Aufzeichnungen über – und das ist sehr wörtlich zu nehmen: über Gott und die Welt und alles dazwischen und darunter gebracht hat, die er selbst "Sudelbücher" nannte. Nun war Mörike sicher kein Sudler; schon seine Bilder lassen einen behäbigen Schwaben vermuten, der sich zwar nie wohlfühlte im Priesterrock und ihn so bald wie nur möglich an den Nagel hängte; aber davor lag eine wahre Odyssee durch schwäbische Pfarrhäuser und Vikariate, anhand deren man noch heute eine schöne Rundwanderung durch die schwäbische Alb und die ihr angrenzenden Täler machen könnte, und vielleicht fände sich sogar die eine oder andere schöne schwäbische Pastorentochter – oder doch lieber eine unheimliche Zigeunerin, die in einer Höhle auf der Alb haust und dunkle Geschichten aus dem Handteller liest, worauf man überstürzt zurück ins Pfarrhaus eilt, wo die ungeliebte Sonntagspredigt wartet und ein angefangener Brief an die schöne Pfarrerstochter Luise Rau in Plattenhardt (ja, schwäbische Dörfer heißen wirklich so, heute noch!) und daneben ein angefangenes Gedicht mit anakreontischen Grundton, und man fühlt sich auch wieder ein wenig kränklich, die Luft ist eben doch zu rau auf der rauen Alb – doch wir sind vom Wege abgekommen, so wie es Mörike immer wieder selbst passiert in seinen Romanen und Geschichten, wo Episoden mit Einschüben über- und untereinander purzeln. Lichtenberg und Goethe also: ein seltsames Paar an Hausgöttern für einen schwäbischen Biedermeier-Dichter mit gelegentlich diagnostizierten Abgründen und einem Kneifer im lebenslang etwas pausbäckigen Gesicht! Natürlich, Goethe; aber seltsamerweise war Mörikes absolutes Lieblingsbuch keines der großen literarischen Werke, weder der unglückliche Werther noch der überhebliche Faust, nicht der etwas verwirrte Wilhelm Meister oder der am Hofe leidende Dichter Tasso; nein, das absolute Lieblingsbuch war Mörike Goethes Briefwechsel mit seinem Dichterfreund Schiller, einem weiteren Schwaben, gar nicht weit von Mörikes heimatlichem Ludwigsburg war er aufgewachsen, und später würde Mörike das überwachsene Grab von Schillers Mutter auf einem Pfarr-Kirchhof in Cleversulzbach (ja, wirklich, siehe oben) entdecken und ein Gedicht darauf schreiben, in klassischen Hexametern, denn die antiken Klassiker liebte er beinahe ebenso wie Goethe und Lichtenberg – womit wir zum Briefwechsel von Goethe und Schiller zurückkommen, fünfmal soll er ihn gelesen haben, er legt die Lektüre seiner Braut innigst ans Herz (mit schwachem Erfolg), und was ihn daran fasziniert, hält er nur in Andeutungen fest: Er habe dort, so schreibt er, ohne unbescheiden sein zu wollen viele seiner eigenen Lieblingsgedanken wiedergefunden; und man mag ergänzen: bestätigt gefunden, mit allerhöchstem Siegel beglaubigt. Worüber jedoch schreiben Goethe und Schiller sich eigentlich? Es ist ein Dichterbriefwechsel; sie schreiben, natürlich, über ihre Werke, über ihre Pläne, sie kritisieren sich, regen sich an, lästern gelegentlich über Dichterkollegen; selten ist von ihrem Privatleben die Rede, nie von Christiane Vulpius, die Schiller geflissentlich ignoriert, häufig jedoch vom Alltag, von Krankheiten, von Erschwernissen des Dichtertums: Ja, auch die Größten, sie haben gelegentlich gelitten, sie haben gewusst, wie wichtig die richtige Stimmung ist, um etwas wahrhaft Großes und Freies zu schaffen, und wie sehr einen der Alltag und die Krankheit darniederdrückt; sie tun alles, um sich gegenseitig in diese Stimmung hineinzusteigern, sie wünschen dem Freund nicht etwa schönes Wetter oder einen guten Appetit, sondern einen fruchtbaren Tag; und wenn der Brief mal wieder gar zu unfruchtbar war, so versucht Goethe, und das ist für jeden empfindlichen Leser unendlich rührend, dieser Unfruchtbarkeit durch das beigelegte frische Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten abzuhelfen. Fruchtbarkeit, dichterische Stimmung, Produktivität – darum geht es in diesem Briefwechsel vor allem anderen, und man kann sich vorstellen, wie Mörike es gierig aufsog: Seht nur, auch die Großen haben Probleme, sind nicht immer so produktiv, wie sie möchten, sind kränklich, nennt sie nur Hypochonder, ich bin auch einer, und vielleicht ist sogar jeder Dichter ein wenig ein Hypochonder, nämlich: Jemand, der auf seinen Körper hört, hören muss, weil ohne den Gleichklang im Körper der Kopf nicht dichten mag, vor allem nichts Heiteres, Harmonisches, in sich Vollendetes: Schönheit. Und Schönheit, seht ihr, da steht es, bei den Großen, darauf kommt alles an; auf die befreiende Wirkung des schönen Kunstwerks, auf seine ausgleichende Wirkung, auf seine harmonisierende Kraft in unserem Leben, das doch meist das Gegenteil von all dem ist: zerrissen, zerstreut, unproduktiv, gehemmt (und immer muss noch eine Predigt geschrieben werden).

 

Mörike wäre, das wissen nicht nur seine langjährigen Freunde, selbst gern produktiver gewesen; das Werk macht sich ein wenig schmal für all die langen Lebensjahre, die nach dem Vikariats-Parcours durch Schwaben nicht eben ereignisreicher wurden. Denn das Dichten fiel ihm leicht, offenbar von Jugend an; er war nie ein guter Schuler, auch im Tübinger Stift schlug er sich mehr schlecht als recht, aber seine Gedichte waren formvollendet, mehr oder weniger von Anfang an; er brauchte keine Entwürfe, kein mühsames Feilen, sie flossen aus ihm heraus, bei Gelegenheit (aber eine Gelegenheit brauchten sie, und war es nicht Goethe, der gesagt hatte, alle Dichtung sei eigentlich Gelegenheitsdichtung?), und formten sich, ein "Kunstgebild der echten Art", wie es in einem seiner berühmtesten Gedichte heißt, das bezeichnenderweise "Auf eine Lampe" heißt. Größere Werke jedoch fielen ihm schwer; mühsam schrieb er einen Roman zusammen, den düsteren Maler Nolten, ein Künstlerroman mit schweren Todesfolgen: Am Ende ist das gesamte Personal samt der Titelfigur verstorben, und es ist noch nicht einmal ganz klar, warum das nun wirklich sein musste – außer, dass sie an dem Grundleiden aller Romantiker litten, nämlich dem Leben. Aber Mörike war eigentlich gar kein Romantiker, und gelegentlich wurde schon vermutet, er habe sich mit dem Maler Nolten ähnlich therapiert, wie schon Goethe in seinem Werther: Bringen wir die Hauptfigur doch einfach um, und dann sind wir sie los, das Leiden an der unglücklichen Liebe, an der unendlichen Sehnsucht, an dem ewigen Ungenügen des Lebens im Angesicht der Kunst! Wie auch immer, es hat funktioniert. Es bleibt aber auch der einzige Roman. Mörike träumt von einem Trauerspiel (große Dichtung!), versucht sich weiter an kleineren Erzählungen, Märchen – aber das Schreiben für Geld, der einzige Ausweg aus der Pfarrers-Misere, will ihm nicht gelingen: Es ist wie das ungeliebte Predigtschreiben, man steht auf einer öffentlichen Kanzel und soll die Menge unterhalten, dabei ist doch alles, was man zu sagen und zu schreiben hat, eher – intim, heiter, für die kleine, die gute Gesellschaft bestimmt, für Freunde und Wohlgesinnte, für zwanglose Konversationen auf dem einen oder anderen Landgut, im Hintergrund blühen die Orangen, gedankenlos greift man nach einer schönen Pomeranze – aber das ist Mozart, nicht Mörike, der nach Prag fährt, um seinen Don Juan zur Aufführung zu bringen, Mozart mit seiner heiteren, konversationsartigen Musik, die man sich gut im Hintergrund einer Mörikeschen Konversation auf einem horazischen Landgut vorstellen kann; man hat sich getroffen, es sind schöne Frauen anwesend und gebildete Männer, und man erzählt sich gegenseitig Geschichten, wunderbare und reale, so genau kann man das gar nicht entscheiden, und dann spricht man darüber und ist im besten Sinne des Wortes: miteinander vergnügt. Das ist Mörikes (ideale) Welt!

 

Natürlich hätte das auch Goethe und Schiller gefallen, Schiller, dem Theoretiker des schönen geselligen Spiels und seiner erzieherischen Wirkung auf den Menschen, und Goethe, in dessen Wahlverwandtschaften genau die gleiche gute Gesellschaft sich trifft und vergnügt, nur knapp dreißig Jahre vorher. Aber wo ist eigentlich Lichtenberg geblieben, der kauzige Spätaufklärer, der Physik-Lehrbücher schrieb, Experimentalvorlesungen hielt und Mitglied aller berühmten Akademien war; der einen Buckel hatte und ein Verhältnis mit seiner etwas zu jungen Aufwärterin; der Sudelbücher schrieb, Streitschriften und Polemiken, aber niemals einen Roman oder überhaupt ein literarisches Werk? In einem Fragment gebliebenen Romanprojekt Mörikes taucht eine Gestalt auf, ein Professor Killford, der ihm verdächtig gleicht: Er interessiert sich gleichermaßen für die Naturwissenschaften wie die schönen Künste, er macht Experimente mit Luftpumpen, ist der Frömmelei abgeneigt und einer polemischen Auseinandersetzung nicht ungeneigt, er hat skurrile Launen und spricht eine höchst anschauliche, witzige Sprache. Lichtenberg ist gewissermaßen der aufklärerische Gegenpol zu einer allzu heiteren, allzu harmonisierten Welt des Spiels und der schönen Geselligkeit: Er bringt die Dinge auf den Punkt, notfalls auch scharf; er hat Ideen, Einfälle, Erkenntnisse, Beobachtungen ohne Ende, sie sprudeln nur so aus ihm heraus in seine Sudelbücher – aber er bringt es zu keinem geschlossenen Werk. Ist er Mörike ein Trost? Schau, so könnte er gesagt haben, seht doch nur, er ist klug, gescheit, präzise, er steht mitten im Leben, er interessiert sich für alles, nichts ist ihm zu klein und nichts zu groß. Auch so kann man ein Dichter sein, auch so! Und wenn er Gedichte geschrieben hätte – hätte er vielleicht auch ein Gedicht auf eine Lampe geschrieben, warum nicht? Denn das Schöne, das "Kunstgebild der echten Art", verbirgt sich gern; keiner beachtet es, aber zum Glück braucht es das auch nicht: denn "selig scheint es in ihm selbst".


Man mag das Biedermeier schmähen (don't be bieder!). Man kann es auch klassisch nennen. Vollendet. "Unverrückt", wie die Lampe im fast vergessenen Lustgemach. Wer achtet sein? Rilke wird gut sechzig Jahre später angesichts eines anderen vollendeten Kunstdings schreiben: "Du mußt dein Leben ändern". Mörike war nicht stark genug, sein Leben zu ändern, der große Künstler zu sein, wie Goethe und Schiller, die er verehrte; aber er war stark genug, um zu wissen, was man achten muss und was nicht.

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Theodor Fontane oder das weite Feld

 

Er erzählte für sein Leben gern Anekdoten. Schon sein Vater hatte das getan, der Apotheker mit den hugenottischen Wurzeln und der fatalen Neigung zum Glückspiel. Auch Theodor lernte das Familiengewerbe, man mag ihn sich gar nicht ungern vorstellen, wie er in einer altertümlichen Apotheke steht zwischen ihren vielen Fächern, Schubladen und sauber beschrifteten Gläsern und der Oma mit dem krummen Buckel ein selbst zusammengerührtes Heilmittel verkauft; dazu erzählt er ihr noch, im schönsten Dialekt, eine Geschichte erzählt, von den Wunderkräften der Kräuter und den alten Sagen, die mit ihnen verbunden sind, und die Oma wird schon vom Zuhören beinahe wieder gesund werden. Aber Fontane wollte nicht Apotheker bleiben. Kaum war er verheiratet, entschloss er sich, sein Glück als freier Schriftsteller zu versuchen, und von da an war die Not ein Dauergast in dem kleinen bürgerlichen Haushalt, der schnell, im Jahrestakt, immer größer wurde. Sieben Kinder brachte Emilie zur Welt, drei davon starben kurz nacheinander. Fontane war zwischendurch in England und erfand den Korrespondentenbericht neu. Dann kam er wieder nach Hause, nach Berlin; und in Wanderungen durch seine Heimat, die Mark Brandenburg, erfand er den kulturhistorischen Reisebericht neu. Zwischendurch schrieb er politische Artikel für ein ziemlich reaktionäres Blatt, die Kreuz-Zeitung; 1848 war er noch selbst auf den Barrikaden gestanden bei der Revolution in Berlin und hatte einen launigen Artikel darüber geschrieben, wie man ihm ein Gewehr in die Hand gedrückt hatte, er scheitert jedoch schon daran, es zu laden. Später wurde er Theaterkritiker, danach wurde er Kriegsberichterstatter und berichtete von der Front aus dem Deutsch-Französischen Krieg. Gedichte schrieb er zwischendurch, häufig historische, anekdotische, die Schotten hatten es ihm besonders angetan. Aber er schrieb auch ein Gedicht über einen tragischen Unfall durch moderne Technik, die Ballade John Maynard über den heldenhaften Steuermann, der auf dem Eriesee fuhr mit seinem Raddampfer fuhr; und eines Tages fing das Gefährt Feuer, es war vollbesetzt, Familien mit Kindern und Frauen, in Freizeit- und Ausflugslaune. Und John Maynard hält das Steuer fest, er lässt sich nicht beirren im Maschinenraum, „noch zwanzig Minuten bis Buffalo!“, das Feuer greift um sich, doch John Maynard hält aus, unten tief und allein im Maschinenraum, zehn Minuten bis Buffalo, fünf – und dann setzt das Schiff endlich auf den Strand auf, alle werden gerettet – „nur Einer fehlt“. John Maynard ist wahrscheinlich der erste Held der Arbeit in der deutschen Literaturgeschichte, und nur jemand, der selbst hart für seinen Lebensunterhalt gearbeitet hat, der in der Welt herumgekommen war und sich den Neuerungen der Zeit nicht verschloss, aber gleichzeitig seine Heimat liebte und sehr, ach so sehr an der guten alten Zeit hing, konnte diese Geschichte schreiben mit ihrem drängenden Countdown nach, ausgerechnet, Buffalo.

 

Als er knapp sechzig Jahre alt war, also zu einem Zeitpunkt, wo die meisten an die Rente denken, hat sich Theodor Fontane noch einmal neu erfunden. Er schreibt seinen ersten Roman, mit einem historischen Thema natürlich; und er wird ein Erfolg. Von da an geht es Schlag auf Schlag: Jedes Jahr kommt ein neuer Roman; die meisten von ihnen spielen auf vertrautem Gelände, in Berlin, in der Mark, es sind Liebesgeschichten und Eheromane, Romane über Offiziere, Landjunker, Emporkömmlinge, aber auch einfache Leute, Gärtner, Handwerker, alles durcheinander, so wie es kommt. In vielen von ihnen geschieht nicht viel, jedenfalls nicht viel von dem, was man so unter „Handlung“ versteht. Aber es wird viel geplaudert, es werden Geschichten und Anekdoten erzählt, so wie es Theodor Fontane sein Leben lang gern getan hat, aber sie bekommen nun eine tiefere Bedeutung: Nur Geplauder, nichts als Geplauder – und doch, und coch… In vielen von ihnen spielen Frauen die Hauptrolle, die Romane heißen nach ihnen: Grete Minde, Cecile, Stine; und Namen sind wichtig für Fontane, der ein klein wenig abergläubisch ist, wie jeder guter Geschichtenerzähler, und an die tiefere Bedeutung auch von Namen glaubt, an ihren Geist, an ihre persönlichkeitsprägende Kraft. Durch vielfache Schullektüre unsterblich geworden ist vor allem, bezeichnenderweise eine Ehe- und kein Liebesroman: Effi Briest, die Geschichte einer fahrlässig zu früh verheirateten jungen Frau, die so gern schaukelt und sich vor der Chinesenfigur fürchtet, aber leider so gar nichts gemeinsam hat mit ihrem Ehemann, dem strengen Beamten Innstetten, und ihn deshalb betrügt, auch das mehr aus Fahrlässigkeit und jugendlichem Trotz. Generationen haben mit der armen Effi gelitten, sie für unschuldig erklärt und die böse Gesellschaft mit ihren unmenschlichen Konventionen beklagt. Fontane allerdings selbst sah das durchaus anders, auch Effi selbst: Was sollte er denn tun, der arme Innstetten? Sie hatte ihn betrogen, weil sie es nicht besser wusste, und er war vernünftig gewesen, er war von Anfang an vernünftig gewesen, und nur weil alle lieber die Vernunft anklagen und die jugendliche Unbesonnenheit lieben, statt sich selber den unendlichen Mühen moralischer Abwägung im Einzelfall zu unterziehen, haben sie noch lange nicht Recht damit. Es ist nur unendlich viel bequemer, „die Gesellschaft“ für schuldig zu erklären, es ist die leichteste Übung von allen. Das schwierigste an Fontanes Romanen jedoch, die so leicht und plauderhaft daherkommen, ist, dass sie eben nicht urteilen. Über niemand. Sie zeigen Figuren, reiche und arme, erzogene und ungebildete, junge und alte, Männer und Frauen, und keiner von ihnen schwimmt im moralischen Oberwasser, noch nicht einmal die ziemlich weisen Pfarrer, und wenn sie es doch tun, werden sie dafür bestraft. Nein, gerade Fontanes beste Figuren urteilen nicht – aber sie übernehmen Verantwortung, sogar für ihren eigenen Tod. Denn nicht mehr und nicht weniger tut Effi, als sie am Ende erkannt hat (mit leichter Hilfestellung durch einen weisen Pfarrer): Das Leben ist mitunter recht viel, und mitunter ist es recht wenig. Das sagt sich so leicht weg, man lacht kurz, aber das will erlebt sein: Das Leben ist mitunter recht viel, und mitunter ist es recht wenig. Mit beidem aber kann man leben. Oder sterben. Oder, um das bekannteste und meist unverstandene Zitat aus Effi Briest zu bemühen: Das ist ein weites Feld. Was weder bedeutet, dass das Feld deshalb nicht beackert werden kann oder dass man nicht versuchen kann, es zu erschließen; aber es ist mühevoll, und man wird nicht leicht damit fertig. Und am Ende weiß man nicht, ob die Mühe gelohnt hat, auch das. Das Leben ist mitunter recht viel, und mitunter ist es recht wenig. Davon handeln Fontanes Romane, nur davon.

 

Fontane hatte, kurz bevor er Effi Briest schrieb, schon fast mit dem Leben abgeschlossen. Er litt an einer Durchblutungsstörung im Gehirn, immerhin, er war 72 Jahre alt, und er wurde depressiv. Er konnte nicht mehr schreiben. Sein Arzt riet ihm – und man kann sich nur wundern, wie er darauf kam, lange Zeit vor Erfindung der Freudschen Psychoanalyse, aber wahrscheinlich ist es damit wie mit allem wahrhaft Wissenswerten über den Menschen, man wusste es eigentlich schon lange, bevor es jemand laut in die Welt schrie und ihm seinen eigenen Namen gab –, der wahrhaft weise Arzt riet ihm also, er solle doch seine Kindheitserinnerungen aufschreiben. Und Fontane fing ganz vorn an, bei Eltern und Vorfahren, er schrieb seine Kinderjahre auf, und dann seine Jugend; er holte sozusagen den Roman über sich selbst nach, den er nie geschrieben hatte, denn das tut man nicht mehr, wenn man mit sechzig Jahren seinen ersten Roman schreibt; das tun nur die jungen, die noch nichts anderes haben als ihre Kindheit und ihre Jugend und all ihre Verirrungen, einer mehr Werther als der andere. Aber mit sechzig Jahren sich seine Kindheit zurückzuerobern, war ein Lebenselixir; und es geriet nicht sentimental, sondern genauso detailverliebt, menschenfreundlich, weltgewandt und eben im allerbesten Sinne „realistisch“ wie all seine Romane. Und dann schrieb er noch seinen Stechlin hinterher, den Abgesang auf eine gute alte Zeit, die aber im Guten Platz macht für eine hoffentlich gute neue Zeit – und als der alte Dubslav stirbt, kann auch Fontane zur Ruhe gehen. Vielleicht hat an seinem Todestag, wie beim Tod des alten Dubslav, irgendwo die Erde gebebt, verhalten, keine große Erschütterung, aber doch spürbar im Mark der Erde; in der Mark Brandenburg jedoch ganz sicher.  

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Cezanne und die Arbeit, nichts als die Arbeit

 

Er war ein schwieriger Mensch. Er hatte wenige Freunde, mit denen er sich meist früher oder später überwarf. Er hatte Beziehungen zu Frauen, vor allem, weil er sie malte; Berührungen mied er, es war eine Phobie, und sie war ebenso ausgrenzend wie kennzeichnend. Nein, Menschen waren ein Problem für ihn. Aber er konnte Tischdecken zum Leuchten bringen und einfache Tonkrüge zum Singen; seine Äpfel waren der Inbegriff aller Äpfel, obwohl sie doch nicht einmal richtig gemalt haben. Das sagte jedenfalls die Akademie in Paris, und wer war er, Paul Cézanne, der Akademie zu widersprechen? Aber was bedeutete eigentlich richtig und falsch in der Malerei? Kam es denn darauf wirklich an?

 

Seine Jugend stellt man sich noch sonnig und unbeschwert vor: Er wuchs auf unter dem Licht der Provence, er badete in ihren Flüssen, er schmiedete Pläne mit seinen zwei besten Freunden, einem romantischen Dreierbund, wie er in so vielen Jugendbüchern steht; man las, Homer und Vergil, man disktutierte über die Kunst und das Leben, man schrieb Gedichte und die jugendlichen Ideen glitzerten im Sonnenschein auf dem Arc. Zwei von ihnen sollten berühmt werden: Der eine war er, Paul („ein Vater“, so würde ihn Picasso nennen), der andere Emile Zola, der Vater des Naturalismus in der Literatur; der dritte im Bunde blieb im Schatten. Noch vor dem Abitur gingen Paul und Emile nach Paris, in die Metropole; recht und schlecht machten sie ihr Abitur, und Paul wurde von seinem Vater, einem Bankdirektor in der Provinz, zur Juristerei gezwungen. Das war offensichtlich ein absurder Irrweg; man sieht ihn einfach nicht, den etwas groben jungen Mann aus der Provinz, wie er vor Gericht feinziselierte Worte setzt. Obwohl er vielleicht hätte ein Redner werden können, mit seinem dunklen impulsiven Temperament – wenn er sich nicht längst entschlossen hätte, mit seinen Bildern zu sprechen, mit den Farben, und oh, so laut und nachdrücklich und überzeugend zu sprechen, wie der beste Rhetor mit seinen Worten. Richtig oder falsch? Das Jurastudium, das konnte man mit Sicherheit sagen, war falsch.

 

Stattdessen stürzt sich der junge Paul in die Malerei. Das große Ziel für ihn wie für all die anderen jungen hoffnungsvollen Talente, die in die Metropole gekommen sind, ist natürlich die Hochschule der schönen Künste, das Heiligtum der französischen Malerei; und er bereitet sich vor, in einer anderen, kleineren Akademie, er lernt das Handwerk, er geht in den Louvre, unermüdlich, und kopiert die großen Meister. Paris bleibt ihm fremd, nur ein einziges Gemälde ist überliefert, und darauf sieht Paris aus wie ein großes Dorf. Sein Bilder aus dieser Zeit sind dunkel, ein wenig grob; sie zeigen ungeschickte Landschaften oder mythologisch überlagerte Szenen; in einigen wenigen kann man etwas spüren vom soeben beginnenden Realismus in der Kunst, aber auch in diese Schublade passt Cézanne von Anfang nicht ganz. Natürlich weist ihn die Hochschule zurück; er könne wohl ein wenig mit Farben umgehen, aber: „Er übertreibt!“ Was soll das nun sein: Kann denn Malerei überhaupt übertreiben? Und Cézanne arbeitet weiter, trotz wiederholter Demütigungen. Denn selbst wenn eines seiner Werke, das kommt selten genug vor, aufgenommen wird in eine der großen Ausstellungen, dann machen sich die Besucher und die Kritiker über ihn lustig, seine Schwere, seine Ungeschicklichkeit. Ausgerechnet der Freund Zola hat es beschrieben, in einem seiner vielen Romane, „Das Werk“ hat er ihn genannt. Er zeichnet einen Maler und einen Künstler, die aus der Provinz nach Paris geraten, mit allen ihren Träumen und Zukunftsplänen, und die nun erleben müssen, wie sie scheitern, tragisch scheitern; und es gibt wenige Szenen in der Literatur der Zeit, die so sehr ans Herz gehen wie diejenige, in der der Maler das Bildnis seines toten Sohnes, in das er all seine Energie und seine Überzeugung und sein ganzes Können gesteckt hat, im Louvre sehen muss: Ganz oben in einem der Riesensäle hat man es aufgehängt, die Perspektive ist grotesk verzerrt, der kleine tote Körper nur noch eine Absurdität, eine Narrheit eines Irren, so weit entfernt von einem „Kunstwerk“, wie man nur sein kann. Der Maler erhängt sich, aber tot war er bereits in diesem Moment.

 

Den Roman hat Cézanne Zola nicht verzeihen können, und man kann verstehen, warum: Denn war es nicht schlimm genug, zurückgewiesen zu werden, musste der beste Freund diese Zurückweisung, dieses Scheitern, auch noch ins Überscharfe der neuen Literatur vergrößern; und er, der Dichter überlebt, mit diesem Roman? Zudem stimmt es doch gar nicht, es war nicht wahr. Cézanne hatte längst einen weiteren Freund gefunden, Camille Pissarro, etwas älter als er, der ihn mit der soeben entstehenden Kunstrichtung des Impressionismus vertraut macht. Es ist eine Revolution in der Kunst, wie es wenige gegeben hat; sie stellt alle Regeln der alten, akademischen Atelierkunst einfach auf den Kopf. Die Impressionisten gehen hinaus aus dem Atelier, in die frische Luft, die ein Hauptthema ihrer Malerei ist: plein air! Sie befreien die Paletten von all den dunkeln Tönen; sie malen das Licht selbst, wie es tanzt auf den Dingen, auf Wiesen, Wellen und Heuhaufen, auf Frauen mit Sonnenschirmen und fröhlichen Kindern, wie es die Pariser Boulevards zum Schwingen bringt, sogar die neuen Eisenbahnen! Auch Cézanne bringt ein paar Lichter zum Tanzen, aber immer bleibt eine gewisse Schwere, Erdenschwere, auch bei den neuen leuchtenden Farben, die nun seine Palette dominieren. Aber hatte er nicht auch eine Frau gefunden in Paris, Hortense Fiquet, die den Malern in Paris Modell stand? Hatte man nicht einen gemeinsamen Sohn und lebte nun vom väterlichen Scheck (allerdings musste ihm die unstandesgemäße Heirat verheimlicht werden) auf dem Lande? Dort kann das Kind aufwachsen in den Wiesen, dort kann Cézanne hinausgehen, es ist heller als in Paris; dort kann er seine Malerei weiterentwickeln, in der Natur, vor dem Motiv, bei der täglichen Arbeit.

 

Das Kind wächst, die Frau entfremdet sich, aber Cézanne malt sie weiterhin, sehr sachlich, so wie man einen Sessel malt, einen Gegenstand. Die Flächen werden jetzt stärker auf  seinen Bildern, einfacher, geometrischer, sie geben dem Bild einen festen Halt, nichts flirrt da mehr. Aus den Flächen wachsen Gegenstände heraus, Landschaften, Häuser, Wege, einfache Dinge, die immer da sind, wie der Montagne Sainte-Victoire. Aber sie sehen jeden Tag anders aus, in jedem neuen Licht, mit einem Schritt nach rechts oder links, mit einem anderen Ausschnitt, von einer neuen Straßenbiegung aus gesehen. Cezanne sieht Bilder, überall, Motive, wohin er nur blickt. Es ist dieser Blick, auf den es ankommt, der belebt wird durch sein ganz persönliches Temperament, so hat er es auf Befragen immer wieder erklärt – keine große Technik, keine Theorie für die Akademie und die Programmschriften, sondern ein einfacher Imperativ: schauen, genauer schauen, noch mal schauen. Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Jeden Tag hinaus, egal bei welchem Wetter, das Motiv wartet, der Berg ist immer noch da, und sieht man nicht heute die geologischen Linien ganz anders, ihre Schichtung, ihre Ästhetik (aber das Wort wäre viel zu groß gewesen für ihn gewesen, es ging nicht um Ästhetik, es ging um einen Berg und einen Maler)? Dichter haben beschrieben, wie Cézanne arbeitete: selbstvergessen, unablässig, sich ganz in die Dinge versenkend und ein Ding schaffend, ein lebendiges Kunstwerk, festgefügt aus Flächen und Formen (nicht Gegenständen, das ist der alte Irrtum der illusionistischen Malerei gewesen, über den man hinweg ist, längst hinweg): Es gibt kein richtig und falsch, es gibt nur wahr und nicht wahr. Und wahr ist machbar. Wenn man nur genug arbeitet.

   

Und das Kind wächst, die Frau sieht man immer seltener, aber trotzdem heiratete man irgendwann; für den Sohn, damit er einen Platz in der Welt hat. Und der eigene Vater muss es jetzt endlich wissen, er ist böse, das war vorauszusehen, und kürzt den Scheck. Aber er ist ein alter Mann und bald stirbt er; man hat endlich sein Erbe, man erbt ein Haus, man kann in Ruhe arbeiten, arbeiten, arbeiten, und nur darauf kommt es an. Und langsam, Zolas „Meisterwerk“ mit seiner öffentlichen Demütigung liegt weit hinter Cézanne, beginnt der Erfolg. Einzelne Galeristen sind auf den einsamen Fanatiker aufmerksam geworden und stellen seine Werke aus. Die Kollegen erkennen, was da in der Provinz, weitab der Akademie, entsteht; Claude Monet ist einer der ersten Käufer eines Werkes von Cézanne, sogar die großen Museen beginnen bereits, seine Werke zu erstehen. Es ist der Erfolg, die Anerkennung, endlich. Aber der Vater ist tot. Emile Zola stirbt bald darauf, er hat immerhin noch sehen können, dass die Geschichte anders enden wird als in seinem Roman. Und Cézanne selbst wird alt, krank, depressiv. Er lebt allein in Aix-en-Provence und richtet sich ein Atelier ein, in das die Sonne, das Licht durch einen Spalt in der Mauer fallen kann. Er malt „Die Badenden“, eine monumentale Serie von nackten Frauengestalten an einem Fluss, im Einklang mit der Natur, eine große Hymne an die Schönheit und die Wahrheit und vielleicht eine kleine Erinnerung an seine Jugend, an das Baden im Fluss mit den Freunden, die nun auch schon tot waren. Die Äpfel schauen zufrieden zu, der Krug ist immer noch da, der Berg sowieso, die Montagne Saint-Victoire, die man niemals, niemals zu Ende malen kann. Und wenn es ein guter Tag ist, geht man hinaus, die Staffelei und die Farben auf dem Rücken, in die frische Luft. Aber an diesem Tag zieht ein Gewitter herauf, er hat es nicht kommen sehen, er war beim Motiv mit den Augen und in Gedanken; und Cézanne bricht zusammen, vorbeikommende Arbeiter müssen ihn in ihrem Karren nach Hause bringen. Am nächsten Tag steht Cézanne im Garten und malt weiter, als sei nichts geschehen; es ist das Bildnis des Gärtners Vallier, ein sachliches Bild eines alten Arbeiters, in sich ruhend, von sich selbst absehend, der nun seine Hände in den Schoß legen kann, weil das, was er in mühsamer, jahrelanger Arbeit gesät hat, wachsen wird. Cézanne malt, bis er zu schwach wird, es ist eine Lungenentzündung, und sie ist nicht mehr zu stoppen: Eine Woche später ist er tot. Aber sein Werk wird wachsen wie der Ruhm seines Namens, und niemals, niemals hätte er sich aufgehängt, wie es der Jugendfreund es in seinem Roman geschildert hatte, niemals hätte er freiwillig aufgehört mit der großen Arbeit. Heute wäre er ein Milliardär, seine Bilder erzielen Phantasiepreise auf Auktionen in aller Welt; aber wahrscheinlich würde er immer noch die Sainte-Victoire malen und die Äpfel und den alten Gärtner, wenn man ihn denn ließe. Denn es ging nicht darum, richtig zu malen; es ging darum, die Wahrheit zu malen.

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Rilke und das böse Blut


Er führte ein unstetes Leben. Durch ganz Europa reiste er; er war in Russland und suchte das Land Tolstois mit der Seele, er war in Ägypten und sah die Wunder von Karnak, er war in Skandinavien und interessierte sich für Vegetarianismus und Reformschulen, und Frankreich wurde ihm eine zweite Heimat, auch in der Sprache. Vielleicht versuchte er am ernsthaftesten von all den Dichtern, die je großspurig behauptet hatten, man müsse die Dichtung und das Leben vereinen, das auch wirklich zu tun, und zwar nicht abstrakt und programmatisch, sondern konkret und jeden Tag aufs Neue. Deshalb wurde er auch kein Schriftsteller, der um das Brotes willen schrieb; er lebte, wie die Vögel auf dem Felde, von der Gunst der Stunde und reicher Mäzene, und selbst als er einmal eine Art Anstellung hatte, eine etwas undefinierte Tätigkeit als „Sekretär“ bei dem Bildhauer Auguste Rodin, da lernte er so unendlich viel über die Kunst und Menschen und das Sehen von dem Künstler, das er ihn eigentlich hätte bezahlen müssen. Denn das war Rilkes eigentliche Begabung: die Dinge und die Menschen zu sehen, wie sie gesehen werden können, wenn man all das Äußere, Konventionelle, Plakative wegnimmt; das Leben zu sehen, wie es sich vollzieht im Blick des Hundes, im Wachsen des Grases, dem Aufsteigen der Kathedralen, einem Lächeln, dem Tod – und es dann in Gedichte zu pressen, die, je weiter er fortschritt, immer komprimierter, konzentrierter und gleichzeitig auf eine seltsame Art abstrakt und anschaulich zugleich waren; und niemand, der Rilkes Hortensien-Gedicht gelesen hat, wird jemals eine Hortensie so sehen wie zuvor, als er noch nicht genau genug hingeschaut hatte.


Aber es war ein Prozess, ein langer, mühsamer Prozess bis dorthin. Er startete, wie bei so vielen Autoren, mit einer verwirrten Kindheit, einer mühsamen Jugend, ersten Gedichtzyklen noch voller Innenschau und Sentimentalität, aber schon von beinahe vollendeter Form und mit einzelnen Zügen des Großen und Klaren. Und dann ging Rilke nach Paris, und die Stadt überforderte ihn und erzog ihn zugleich: Was bedeutete sein einzelnes, kleines, typisches Dichter-Elend schon angesichts des massenhaftes Elends der modernen Großstadt, angesichts von Armut, Krankheit, Wahnsinn? Aber welcher Trost waren auch die Tiere im Zoo, die Gebäude, die Kunstwerke, im Louvre und anderswo! „Du musst dein Leben ändern!“, sagte der Apoll dort, im Louvre, eines Tages zu ihm, und Rilke hat darauf gehört. Er gab seinem Leben eine Wende, vergaß sich selbst und konzentrierte sich ganz darauf, die Dinge selbst zum Sprechen zu bringen, sie einfach nur sachlich zu sagen. Das war etwas, was noch niemand vor ihm getan hatte, es war ein großer Schritt für ihn und für die Dichtung, die in romantischer Formelhaftigkeit, endloser Nabelschau oder exotischer Künstlichkeit zu versanden oder zu versteinern drohte. Und dann, als es ihm gelungen war, ganz zu verschwinden im unendlichen Anschauen der Dinge (im allerweitesten Sinne genommen: Dinge, das hieß einfach „Seiendes, sachlich“) und wieder aus ihnen aufzutauchen mit einem ganz eigenständigen Sprachkunstwerk, das sie vor der Vergänglichkeit alles Irdischen ins Unsterbliche rettete - dann konnte er auch den nächsten Schritt gehen, der sich ganz logisch ergab, ein sozusagen ins Poetisch-Schöpferische gewendeter Hegelscher Dreischritt: Er konnte wieder persönlich werden, er konnte das Leben, all das Geschaute, nicht nur sagen, sondern loben, preisen, feiern. Das Leben war schön, und es war schrecklich, und seine Duineser Elegien, empfangen nach langer Inkubationszeit in einem düsteren Schloss über der Adria, verkündeten es, dass jeder Engel schrecklich sei – aber wie schön und wie schrecklich zugleich, das wusste nur er. In diesen Gedichten, in den Elegien und den sie begleitenden Sonetten an Orpheus, einer freundlichen und sanften Nachgeburt, war der Sturm all seiner einsamen Jahre und Reisen ebenso wie die Sanftheit seiner Poesie, seines Blicks und seiner Stimme, seine vergeblichen Versuche in einer sehr abstrakten, besitzlos seiend wollenden Liebe ebenso wie sein Stolz als Dichter; das alles war in ihm angewachsen, gestört von gelegentlichen Krankheiten, unglücklichen Liebesgeschichten und der Katastrophe des ersten Weltkrieges, aber dann doch irgendwann reif geworden und fertig geformt aus ihm herausgeströmt.


Am Ende, als die große Krankheit bei ihm ausbrach, hatte er in einem mittelalterlichen Turm im Schweizer Tessin gelebt, einem großen Flusstal, wie er es liebte; er hatte endlich zur Ruhe gefunden, aber sie sollte nicht von Dauer sein. Lange Jahre schon hatte er sich nicht gesund gefühlt; der Vegetarier und Frischluft-Fan beklagte eine schwer zu fassende Unruhe im Blut, die die befragten Ärzte wohl gern auf die bildliche Phantasie des sensiblen Lyrikers zurückführten. Und nun brach das Schreckliche aus ihm hervor, es war ein Blutkrebs, fortgeschritten, unheilbar. Und der schwache und sanfte und von Fürstinnen behütete und von großen Männern geschätzte Dichter erwartete ihn, in vollem Bewusstsein, ja er begrüßte ihn sogar: „Komm letzter, den ich anerkenne“. Er hatte seinen eigenen Tod gefunden, so wie er es in seinem einzigen Roman geschrieben und erbeten hatte; und wenn die Ärzte ihn schon Jahre vorher gefunden hätten, im vielsagenden und kreisenden und überempfindlichen Blut des Dichters, so steht es zu vermuten, wären weder die Elegien noch die Sonette an Orpheus geschrieben worden. Schon als ihn seine Freunde, in seiner Jugend bereits, zur Analyse zu Sigmund Freud schickten wollten, hatte er abgelehnt: Er fürchtete, dass mit seinen Dämonen auch sein Genius ausgetrieben werden würde. Wer seine Lyrik aber mit Blut geschrieben hat, der fürchtet nichts mehr.

 

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Friedrich Nietzsche und der ewige Mittag

 

Unsterblich sollte er werden mit dem Satz, das Gott tot sei. Dabei war das nun wirklich nicht sonderlich neu; längst hatte sich der Glauben aus der Welt sehr vieler Menschen verabschiedet, und die neuen Götter hießen „Wissenschaft“ oder „Technik“ oder „Krieg“ oder, der größte von ihnen allen, „Geld“. Aber das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ausgerechnet dieser Satz an ihm hängen blieb: Die meisten seiner anderen Sätze, die wirklich neu und revolutionär waren, waren viel zu schlimm zu denken, und sie hätten noch viel weitreichendere Konsequenzen gehabt, wenn man sie ernst genommen hätte. Denn hatte Nietzsche nicht auch die Moral für tot erklärt, die religiös unverdächtige Schwester der in Verruf geratenen Religionen? „Jenseits von Gute und Böse“ erst finde das eigentliche Leben statt, so hatte er geschrieben; Moral sei für Schwächlinge, sie sei, wie auch das Christentum, Ressentiment – ein schwieriges Wort, so sperrig wie der Gedanke, den es transportiert: Es drückt das unangenehm-peinlich Gefühl von Zu-Kurz-Gekommenheit aus, dass nun in Rache an den Besserverdienenden, Besserdenkenden, Besserhabenden, Besserkönnenden umschlägt, indem es die eigene Schwäche verherrlicht, die ererbte Unfähigkeit übertüncht, die menschlichen Mängel zu Vorzügen erklärt; und der Heiland der christlichen Religion, der Sohn eines soeben für tot erklärten Vaters, ist nur derjenige, der diese neue Sklavenmoral am erfolgreichsten propagierte. In Zeiten politischer Korrektheit hätte Nietzsche nicht fünf Minuten überlebt, obwohl er wahrscheinlich ein begabter Twitterer gewesen wäre: Die kurze Form war seine Stärke, er schrieb keine gelehrten Abhandlungen oder dicken Bücher, noch nicht mal in seiner Frühzeit als hochbegabter Wunderkind-Altphilologe. Schon damals, als er noch Förderer und Freunde hatte, war er entschieden eigensinnig und unversöhnlich; er verehrte seine großen Vorbilder wie Helden – Schopenhauer gehörte dazu und Richard Wagner – und dann verachtete er sie, zutiefst. Der Ausgleich war seine Sache nicht, sondern das Extrem, die Zuspitzung des Gedankens in der auf tödliche Hochglanz polierten Form seiner Sätze und Absätze, die keinerlei Rücksicht nahmen, auf niemand, sondern in ihrem erbarmungslosen Glanz ebenso erschreckten wie faszinierten. Nahm er dann Rücksicht auf sich selbst? Nein, er hat seine Freundschaften dem Werk um den riesenhaften Fortschritten seiner Erkenntnis geopfert, wenn sie nicht mehr mithalten konnten oder wollen. Er hat nur einmal um eine starke Frau gefreit, sie hat ihn abgelehnt, und fortan verachtete er die Frauen; schwache Wesen, auch sie. Seine Familie, die ihn später, als er endgültig verrückt geworden war, pflegte und unterstützte – sie war ein Quell des Zornes und der Peinlichkeit. Sogar die Wissenschaft hatte er geopfert, weil sie sich vom Leben verabschiedet hatte; er macht Sokrates dafür verantwortlich und seine fatale Fixierung auf das Wissenwollen, wo es doch nun wirklich Wichtigeres gab: Lebenwollen zum Beispiel; später wird er es „Wille zur Macht“ nennen. Aber bevor er seinen Abschied aus der Wissenschaft nahm, malte er ein ganz neues Bild der griechischen Antike, die er so intensiv studiert hatte wie kaum jemand zuvor: Es war ein zwiespältiges Bild, eine Maske mit zwei Seiten, eine lachenden und einer weinenden; denn zwischen Apollo, dem jugendlichen Gott der Schönheit und des Lichts und des wachen Traumes, und seinem Widersacher Dionysos, dem bocksbeinigen Gott der Ekstase und des Rausches, fand ein ewiger Kampf statt. Und der Mensch war dabei nicht etwa ein unbeteiligter Zuschauer, sondern in ihm selbst tobte dieser Konflikt, mit Apollo wollte er erkennen, wollte er unterscheiden, wollte Individuum sein, unverwechselbar und einzigartig, und ewig leben; und mit Dionysos wollte er alle Unterschiede und sich selbst vergessen, wollte Eins werden in einem großen Rausch und vergehen, immer wieder lustvoll vergehen.

 

Heute würden all die Hobby-Psychologen wohl sagen, dass Nietzsche an diesem Konflikt zugrunde ging; aber Nietzsche war kein Freund der Psychologen, dieser Alles-Erklärer und -Versteher, obwohl er selbst einer der größten und erbarmungslosesten war. Zwei Dinge hingegen liebte er wirklich und grenzenlos, sie allein schienen seiner immer noch weiter wachsenden Zerstörungskraft gewachsen, mit der er weiter einschlug auf die unterschiedlichen Scheinwelten, in denen sich die Menschheit wohnlich eingerichtet hatte, um dem dionysischen Grauen des Lebens nicht mehr ungeschützt ins Auge sehen zu müssen: Das Hochgebirge, wo er auf endlosen Spaziergängen sein Werk heraufbeschwor; im Gehen, nur so konnte man denken, was bildeten sich all diese Stubenphilosophen eigentlich ein auf ihre künstlichen Konstrukte aus Stubenluft? Und das zweite war das Meer, das endlose, mal spiegelglatte, mal aufgewühlte Meer, der einzige Ort, wo er sich der Unendlichkeit Aug in Auge gegenüber sah. Es war der endlose Mittag der Erkenntnis, wo eine glühende Sonne schonungslos alles erhellte, und wo der Philosoph auf die härteste Probe gestellt wurde: Was bleibt im Angesicht der Unendlichkeit des Meers, des Weltraums, der Sterne, was in der unendlichen Wiederholung der Weltzeit, der immerwährenden Wiederkehr des Gleichen? Und Nietzsche kam, nachdem er alles zerstört hatte, woran er sich selbst hätte halten können, auf die verwegenste Lösung von allen: Nur dasjenige Leben sei es wert gelebt zu werden, dass auch noch zu dieser ewigen Wiederholung des Immergleichen in jedem Moment ja, ja, ja! sagen konnte. Es war nun nicht etwa so, dass Nietzsche ein Hedonist war, im Gegenteil: Er hatte lebenslang schwere Krankheiten, physische und psychische, erlitten; er war nicht etwa reich, er lebte nicht im Luxus, der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren eben das Hochgebirge und das Meer. An ihnen konnte man wachsen, nicht an dem, was Stubenphilosophen auf akademisch gepolsterten Lehrstühlen absonderten. Und so rang Nietzsche mit dem Leben, so erfand er den Übermenschen: nicht die simple blonde Bestie, die die Nazis aus ihm machten, sondern ein freier Mensch, der tanzen konnte, oh, wie Zarathustra tanzen konnte! Und er machte Gedichte und sang, er lebte mit den freien Tieren in der freien Natur, abseits der Gesellschaft, und er hatte nur ein einziges Ziel: Das Leben zu steigern, immerfort zu steigern, es schöner zu machen und stärker und am Ende so groß, dass er der Wiederholung in der Unendlichkeit ins Auge blicken konnte mit der Gewissheit: Du machst mich nicht klein! Ecce homo, hier siehst du einen Menschen! – so nannte er eines seiner letzten Werke, mit dem er sich endgültig an die Stelle von Christus setzte.


Aber es ist nicht leicht, ein freier Philosoph und Weltenzertrümmerer zu sein, wenn man in dieser Welt der Kleingeister und Moralisten lebt. Man erntet zwar erste Zustimmung hier und da, in Kopenhagen soll sogar einer eine Vorlesung über das Werk halten! Man hat zwar keine Freunde, aber Kontakte, neue, vielversprechende. Es könnte alles noch gut werden, vielleicht ist die Zeit ja doch inzwischen reif für das, was man ihr vor die Füße geworfen hat und was sie mit Füßen getreten hat, anstelle es aufzuheben, mit freiem Geist zu betrachten und nicht nur seine Zerstörungskraft zu sehen, sondern seine befreiende Kraft, seinen Aufruf, das Leben zu steigern, seine ganze neue „fröhliche Wissenschaft“! Aber vielleicht hatte er doch das Universum beleidigt, vielleicht sah irgendwo ein düsterer Schicksalsgott auf ihn hernieder und beschloss, dass es genug sei. Und so begab es sich, dass einer der freiesten und mutigsten Lebensphilosophen aller Zeiten, nachdem er Gott für tot erklärt hatte und den Menschen im Allgemeinen für ein unbedeutendes Insekt in einem abgelegenen Winkel des Universums und allein dasjenige Leben für lebenswert, dass sich selbst feiern und steigern und ewig wiederholen will – es begab sich also, dass dieser Friedrich Nietzsche am 3. Januar 1889 in Turin einem von seinem Herrn geschundenen Kutschpferd weinend um den Hals fiel. Man sagt, dass er danach endgültig wahnsinnig wurde, aber zu vermuten ist, dass er in diesem einen Moment hellsichtig wurde und sein eigenes Leiden als das erkannte, was es war: ein Opfer für eine bis in alle Ewigkeit uneinsichtige und undankbare Menschheit, die lieber auf vermeintlich gefühllose Kreaturen eindrischt, als sich einmal nur am Riemen zu reißen und den Karren selbst aus dem Dreck zu ziehen, in den sie ihn aus Gedankenlosigkeit und Selbstsucht und Schwäche versenkt hat. Vielleicht ist er dionysisch geworden, und sein Wahnsinn war nur die zweite, rauschhafte Hälfte eines Lebens, das sich bis zu diesem Zeitpunkt in außerordentlicher apollinischer Hellsichtigkeit vollzog. Es wäre schön zu denken – aber wahrscheinlich dann doch zu versöhnlich. Lassen wir ihm seine Tragik. 

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Zwei Töchter aus gutem Hause: Fanny Lewald und Simone de Beauvoir

 

Sie waren beide Töchter aus gutem Haus. Zwar war die eine jüdisch, und die andere katholisch, die eine Deutsche und die andere Französin; die eine lebte im verstockten 19. Jahrhundert, die andere im selbstbewusst modernen 20. Jahrhundert, aber das waren nur Äußerlichkeiten – Schicksal, würde es Simone de Beauvoir später nennen, die jüngere von beiden. Aber Schicksal ist für sie nichts, was einen verdammt; es ist etwas, über das man sich erheben kann, ja, von dem man sich frei machen muss! „Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau gemacht!“, mit diesem Satz wird sie zur großen Mutter des modernen Feminismus werden, auch wenn sie die Metapher wahrscheinlich abgelehnt hätte; aber so ist das mit dem Nachruhm, er macht etwas aus einem, gegen das man sich dann endgültig nicht mehr wehren kann.

 

Doch so lange man lebt, als Frau insbesondere, kann man sich wehren. Fanny Lewald und Simone de Beauvoir, die beiden Töchter aus gutem Hause, sollten in ihrer Jugend zur Frau gemacht werden, und zwar genau so, wie es sich zu ihrer jeweiligen Zeit gehörte. Das Ziel war klar bestimmt, man nannte es den „Beruf der Frau“ (und gemeint war Beruf im Sinne von vorherbestimmter Berufung, nicht etwa im Sinne freier Wahl): Sie sollten heiraten, möglichst gut; sie sollten sich ihren Männern unterordnen, sie sollten ihnen den Haushalt führen und Kinder gebären (vorzugsweise männliche), dabei ein wenig am Klavier klimpern, zeichnen oder sticken, vielleicht sogar ein Gedicht schreiben, dann und wann; aber das war allerhöchstens ein Nebenberuf, eine reizende Marotte, etwas für den erweiterten Familienkreis. Fanny und Simone aber waren klug, oh wie waren sie klug, und sie waren wissbegierig, energisch, zielbewusst dazu – eine ziemlich unweibliche Mischung für die Zeitgenossen. Nein, sie wollten sich ihrem Schicksal nicht unterwerfen, sie rebellierten gegen den angeblichen „Beruf“ der Frau, sie wollten nicht schmückendes Beiwerk und willige Sklavinnen sein. Sie wollten selbst etwas aus sich machen – und das nicht nur für sich privat, sondern für alle Frauen, für ihre Geschlechtsgenossinnen zu allen Zeiten und in allen Ländern (das erst macht sie zu Feministinnen)! Sie waren die Anderen, und es war an der Zeit, dass die ganze Welt auf die Anderen schaute, und nicht nur auf die Einen, die immer dominiert hatten, unbezweifelt, egoistisch, gewaltsam: Mann ist Mensch. Nein, er ist nur die Hälfte der Menschheit!

 

Fanny Lewald trat dabei unter erschwerten Umständen an: Sie war nicht nur Frau, sondern auch Jüdin, also sozusagen doppelt unterdrückt und als gehorsame Tochter dreifach emanzipationsbedürftig. Ihren Eltern zuliebe war sie zum Christentum konvertiert, in der Jugend schon, aber es wollte ihr einfach nicht eingehen: Zwar war sie gläubig, zutiefst sogar, überall sah sie Gottes Spuren auf Erden – aber dieser christliche Wunderglaube, diese seltsame heilige Trinität, dieser etwas schwer zu fassende Sohn Gottes, all dies ging ihr gegen ihre jüdische Vernunft wie ihren praktischen Verstand, und von beiden hatte sie überreichlich. Aber nein, sie sollte christlich werden und gut heiraten; sie sollte Klavierspielen und Handarbeiten machen, ein wenig mehrsprachig parlieren und den Ruhm ihres Mannes mehren! Was dachten sich die Eltern bloss dabei, dass sie einen zum Objekt auf dem Heiratsmarkt machten, zu einer Ware, die man vorzeigt und deren Vorzüge man preist: Seht nur, eine Tochter aus gutem Hause, sie ist nicht hässlich und hat gute Manieren, sie ist ein wenig künstlerische ambitioniert, aber in Maßen, in bescheidenen Maßen, und ihre Mitgift wird nicht gering sein! Wie sollte man unter diesen Umständen seine Würde bewahren, seine Intelligenz und seine psychische Gesundheit? Konnte man es den Frauen wirklich verdenken, wenn sie zu preziösen und unpraktischen Schmuckstücken wurden, zu verzärtelten Modepuppen, seicht daher plappernden Schwätzerinnen, missgünstigen Hyänen und rachsüchtigen Ehefrauen? Hatte man sie nicht selbst – dazu gemacht?

 

Fanny jedoch war zum Glück ziemlich, wie man heute sagen würde, resilient. Sie überstand ihre ersten unglücklichen Verliebtheiten ebenso wie die langen Jahre, während derer sie die Tochter aus gutem Haus war und die eigenen Eltern mit ihr handelten wie mit immer saurer werdenden Gurken; sie ließ sich einfach nicht verheiraten. In ihrem ersten Roman Jenny (autobiographisch wie noch jeder Erstling, egal ob männlich oder weiblich) hat sie die Hauptfigur mit einem kleinen grünen Kaktus verglichen: Er ist unbeugsam, er kann sich den stürmischen Winden des Schicksals nicht anschmiegsam und demütig beugen, sonst würde er brechen; er ist stachlig und etwas unansehnlich, aber er kann blühen, wenn man ihm nur die Gelegenheit dazu gibt, oh wie er schön er blühen wird! Und Fanny hat irgendwann, endlich – nun ja, das Quäntchen Glück, das man sogar braucht, um einen Kaktus zum Blühen zu bringen: Ein Vetter gibt eine angesehene Zeitschrift heraus, er veröffentlicht etwas von ihr, anonym natürlich (die Heiratschancen der unterordnungswilligen Schwestern sollen nicht gemindert werden, das wäre eine schlechte Investition); und das ist der Beginn einer ansehnlichen Schriftstellerkarriere. Von nun an wird Fanny mit dem Schreiben nicht mehr aufhören, sie wird Romane, Erzählungen, Essays, Reiseberichte, Kampfschriften für die Emanzipation schreiben (aber niemals Gedichte oder andere Sentimentalitäten). Schreibend befreit sie sich von ihrer fatalen Unverheiratbarkeit, schreibend verlässt sie das Elternhaus und geht nach Berlin, schreibend macht sie die Frau aus sich, die sie selbst werden wollte, trotz und gegen das Schicksal. Und sie schreibt so, wie sie ist: klug, pragmatisch, reflektiert, ein wenig allzu männlich-energisch für eine Frau; stilistisch wenig originell, aber mit einem soliden Realismus und scharfer weiblicher Beobachtungsgabe; unsentimental, aber trotzdem gelegentlich leidenschaftlich.

 

Ja, Fanny wird schließlich sogar eine Wortführerin der internationalen Emanzipation: Sie hat Netzwerke, Programm und Pflichten, sie reist durch die Welt, hält Vorträge, sammelt Geld für gute Zwecke, fördert und fordert. Aber niemals wird sie eine unkritische Feministin: Für und wider die Frauen heißt einer ihrer bekanntesten Texte, und es gab ja tatsächlich Gründe, gegen die Frauen zu sein: wenn sie sich nämlich dem männlichen Bild von ihnen unterworfen hatten, wenn sie Schmuckstücke geworden waren, ohne Sinn und Verstand, ohne Bildungswillen; Frauen, die gar meinten, man könne einfach so schreiben oder wählen ohne irgendeine Ausbildung, Befähigung, Übung! Nein, Emanzipation muss erarbeitet werden, wie Fanny sie sich erarbeitet hat, davon ist sie zutiefst überzeugt. Man konvertiert so wenig zum Feminismus wie zum Christentum, und man bekommt ihn auch nicht geschenkt. Das jedoch ist nur möglich, wenn man wirtschaftlich selbständig ist, also einen richtigen „Beruf“ ergreift, von dem man notfalls leben kann, auch ohne Mann. Frau muss sich den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt aussetzen, ihren Versprechen wie ihren Bedrohungen, der damit verbundenen Verantwortung wie der damit verbundenen Freiheit, nur so kann sie die gleichberechtigte Partnerin des Mannes werden. Dadurch wird man vielleicht, nun ja, ein kleiner grüner Kaktus und keine exotische Orchidee, noch nicht einmal eine blühende Lilie oder ein verstecktes Veilchen. Aber man kann trotzdem Frau bleiben, ja, man kann sogar durchaus wertkonservativ bleiben. Bis ans Lebensende ist Fanny zutiefst religiös. Sie ist eine geradezu erbarmungslose Moralistin, für die die Tugend der deutschen Frau, die Heiligkeit der deutschen Ehe, die Vorbildlichkeit der deutschen Familie unantastbar sind; aber sie müssen als persönliche Wahrheit gelebt werden können, sonst sind sie nur Fassade, Tand, Lüge. Ihre späte Ehe (nach einer Scheidung des Partners, so lange schon hatte sie auch dafür gekämpft!) stilisiert sie als Arbeits- und Denkgemeinschaft, als Verbindung gleichberechtigter Partner (sie selbst war aber deutlich stärker als der Gymnasiallehrer, der aber immerhin den Mut hatte, sie zu heiraten). Am Ende sammelt sie ihre mühsam erworbene Lebensweisheit in Aphorismen, einer auf den ersten Blick männlich zugespitzten Form, aber es sind männliche dabei und weibliche. Einer von ihn würdigt sogar die Männer auf ungewohnte Weise: Vielleicht sind sie das liebensfähigere Geschlecht, und die Frauen haben dafür die größere Rationalität; die Frauen, die es immer mit realen Dingen zu tun hatten, mit Räumen, Tieren, Kindern, praktischen Dingen. Frauen kennen sich damit aus, wie man Dinge macht. Wenn man sie nur lässt, wenn man sie ermutigt statt einsperrt, wenn man sie freisetzt aus dem goldenen Käfig – dann machen sie ihre Hälfte der Welt, und zwar so, wie sie selbst es wollen.

 

Bei Simone de Beauvoir, der erheblich berühmteren höheren Tochter, ist gut fünfzig Jahre später alles verschärft und gleichzeitig beschleunigt. Das begabte Kind behauptet sich schon in der Ausbildung selbst, es setzt sich dem urfranzösischen Elitewettbewerb aus, es gewinnt sogar, aber: gemeinsam mit Jean-Paul Sartre, sie die zweite, Er der erste. Und sie verweigert das Heiraten, viel entschiedener noch als Fanny, ein Leben lang: Sie wird Beziehungen eingehen zu Frauen und Männern, natürlich auch: sexuelle (wie fern hätte das Fanny Lewald gelegen, und man sollte nicht zu schnell damit sein, dass für überholte Prüderie zu erklären: es ist auch eine Form von Selbstbestimmung). Die notwendige Beziehung zu Sartre war, das haben beide immer wieder beteuert, ein Vertrag, mehr nicht: man braucht sich, unendlich, für die gemeinsame Arbeit, für das gemeinsame Denken, für die politischen und intellektuellen Ziele; daneben jedoch gibt es Begehren, gibt es Freiheit, gibt es die Anderen.

 

Früh auch erreicht Simone die wirtschaftliche Selbständigkeit: Sie wird Lehrerin, sie selbst zahlt den Preis einer Pendlerbeziehung, bevor man endlich wieder in Paris zusammen kommen und den Existentialismus erfinden kann. Wo und wann das geschehen ist, in welchen Gesprächen, an welchen Orten, den berühmten Cafés oder doch gelegentlich im Bett, beim Flanieren oder beim Diskutieren, man kann es nur vermuten. Nach Marx stellt er ein zweites Mal die Philosophie vom Kopf auf die Beine stellt: nicht das Wesen ist es, die Essenz, die Substanz, das Ewig-Unvergängliche, auf das es ankommt beim Menschen; an allem Anfang steht vielmehr die Existenz, das konkrete, individuelle Dasein, die damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnisse. Sinn ist nicht gegeben, von oben oder wo auch immer, Sinn muss erarbeitet werden, Identität muss konstruiert werden, denn das Absurde, die Sinnlosigkeit, die Vergeblichkeit lauern hinter allen Ecken (da wäre Fanny wieder dabei gewesen; jawohl, man muss arbeiten an der Emanzipation, jede für sich, ganz individuell; man bekommt sie nicht geschenkt wie ein kostbares Schmuckstück, denn dann wäre man ja wieder – gefangen, behängt, beschwert!). Als der Weltkrieg kommt und noch einmal ganz anders alles vom Kopf auf die Füße stellt, politisieren sich Jean-Paul und Simone, auch das natürlich gemeinsam: Man muss Stellung beziehen im Geist, auch wenn man doch eigentlich nur denken wollte, nur sein, reflektieren, entwerfen, versuchen. Sie werden ein Sprachrohr, ein Inbegriff, die Speerspitze einer Bewegung, etwas später sogar Kult: der Mann in schwarzen Rollkragenpullovern, die Frau die unvermeidliche Zigarette, die Emanzipationstrophäe der frühen Feministin, cool in den Fingern, und die Weiblichkeit versteckt hinter Kurzhaarfrisuren und Turbanen (ist das noch der freie Entwurf, oder hat einen die Realität von hinten nun wieder eingeholt und einen Mythos aus einem gemacht, bevor man sich versehen hat?)

 

Aber es sind immer zwei, Jean-Paul und Simone, wie sie sitzen bei Fidel Castro, auf dem Sofa, ein altes Ehepaar, ohne Ring und Schein, aber mit einem gemeinsamen Werk. Irgendwann jedoch macht Simone den ersten Schritt zu ihrer ganz speziellen Emanzipation: Sie schreibt ihr Jahrhundertwerk, es trägt allein ihren Namen, und betitelt ist es „Das zweite Geschlecht“ (nicht das „andere“, wie die deutsche Übersetzung verfälschend wiedergibt; es ist das zweite, und das impliziert immer auch, dass das erste eben das Erste, der Gewinner, ist, und das Zweite nur ein Trostpreis, allerhöchstens). Man könnte sagen, dass Simone nun endlich wahrhaft und wirklich existentialistisch praktisch wird, indem sie fragt: Was heißt es eigentlich, eine Frau zu sein? Wenn es kein biologisches Schicksal ist, wenn es kein weibliches Wesen gibt, wenn Gott nicht die Frau als Anhängsel aus einer Rippe schuf, sondern die Männer die Frauen gemacht haben, von Anfang an, gemacht mit Worten und Taten, und zwar genauso, wie es ihnen am liebsten war, also: demütig, unterordnungsbereit, niedlich, schwach und trotzdem irgendwie verführerisch? Und Simone begibt sich entschlossen an die wahre Sisyphos-Arbeit, die Enttarnung der Mythen von der Frau, das Wegräumen der Vorurteile, der Konstrukte, der Bilder von Männern über Frauen, wie sie geschrieben und festgehämmert wurden über Jahrtausende in Biologie und Geschichte, in Literatur und Philosophie, und nicht zuletzt: im Alltagsleben – und wieder ein Stein mehr, er wird zertrümmert, manche sind klein, manche wirken riesenhaft, und es sind noch so unendlich viele, immer wenn man meint, man habe einen zertrümmert, wächst ein neuer nach, es ist so anstrengend und die Arbeit nimmt kein Ende (Sisyphos ist sowieso, das wurde bisher übersehen, ziemlich sicher eine Frau). Das Buch wird ein Bestseller, es wird das Fundament des modernen Feminismus, auch wenn wahrscheinlich nur wenige die beinahe tausend Seiten gelesen haben, die von wahrlich grundlegender Recherche und Arbeit, von den redlichen Mühen der Argumentation, von Klarsicht und Energie, aber auch von den unvermeidlichen Risiken der Voreingenommenheit durch die ganz eigene Prägung zeugen. Nur eine Frau wie Simone konnte dieses Buch so schreiben, wie es geschrieben ist, und es ist, durchaus, in Teilen ein Buch für und wider die Frauen, genau wie bei Fanny Lewald. Denn nur so wird man dem Geschlechter-Thema gerecht und nicht selbst im Schreiben zum Mann, zum Einen und Ersten, zum ewigen Gewinner. Befreien müssen sich sowieso beide Geschlechter selbst.


Später wird Simone Sartre in seiner langen Krankheit pflegen, bis zum Tode – und man fragt sich, unwillkürlich: Hätte er das für sie getan? Sie hat alles getan, damit sie nicht zu einer Mythen-Frau „gemacht“ wird; sie hat nicht geheiratet, keine Kinder bekommen, keinen Haushalt gegründet. Und doch, und doch, immer sind sie zu zweit, bis heute, Sartre sagt, es gebe ihn nicht ohne Simone, und umgekehrt, und sie bestätigt ihn. Der Existentialismus jedoch trägt das männliche Markenzeichen, den schwarzen Rollkragenpullover; wäre es nicht denkbar, dass er auch Simones Turban tragen könnte? Vielleicht ist es ein Gewinn, dass sie untrennbar waren, dass sie Gedanken teilten, politische Ziele und eine Zeitlang das Bett. Vielleicht ist es aber auch, man wagt es kaum zu denken, ein Verlust, für den Simone bezahlen musste: die Gefährtin, die Geistes- und Kampfgenossin, die ewige zweite. Was wäre gewesen, wenn sie es gewagt hätte, ein Kind zu bekommen – nicht, weil es die Norm verlangte, sondern aus freier Wahl, als letztes Argument gegen die Absurdität? In Das zweite Geschlecht kommt das Kinderbekommen nicht gut weg; es behindert die Frau in ihrem freien Selbstentwurf, es belädt sie mit einem zweiten Wesen, es erinnert sie an ihren Körper, der sie an die Immanenz fesselt, immer noch, immer wieder: Sisyphos darf nicht schwanger werden, noch nicht einmal als Frau. Vielleicht hätte er es trotzdem wagen sollen. Fortan würde er Kinderwägen bergauf schieben, denn auch das kann man aus freier Wahl tun – für einen Anderen. Einen dritten. 

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Virginia Woolf und der Leuchtturm

 

Irgendwann würden sie zum Leuchtturm fahren. Er war gewöhnlich gut zu sehen von ihrem Haus an der Küste aus; außer es war Nebel, oder die Wellen schlugen so hoch ans Ufer, dass man gar nichts mehr erkennen konnte. Natürlich musste der Vater oder die Mutter mitkommen, aber das würde sich doch einrichten lassen. Eines Tages würden sie ganz sicher dorthin fahren, mit dem Boot. Die Eltern hatten es ja versprochen.

 

Aber man konnte sich nicht auf die Eltern verlassen. Die Mutter – sie war eine berühmte Schönheit gewesen - starb, als sie dreizehn Jahre war, Virginia erlitt ihren ersten Nervenzusammenbruch und das Haus an der Küste wurde verkauft. Der Halbschwester Stella führte nun den Haushalt und wurde auch die Ersatzmutter für Virginia – bis Stella selbst heiratete und auszog und wenig später starb, noch auf der Hochzeitsreise, an einer Bauchfellentzündung. Einige Jahre später starb der Vater; er war ein bekannter Literat und Biographist gewesen, die Queen hatte ihn geadelt und im Haushalt verkehrten berühmte Leute; er war nicht einfach gewesen, eine dominierende Persönlichkeit, und Virginia bekam wieder einen Nervenzusammenbruch. Dass dann aber noch zwei Jahre später der Lieblingsbruder starb, bei einer Griechenlandreise an Typhus, war mehr als man tragen konnte; fortan würden sie die Depressionen begleiten, ein dunkler Schatten auch über den hellsten Zeiten.

 

Aber in gewissem Sinne war der Tod des Vaters auch eine Befreiung. Die junge Virginia war zuhause unterrichtet worden, und seit sie denken konnte, wollte sie das gleiche wie ihr Vater: Schriftsteller werden – und das war ein Beruf, der zu dieser Zeit allein in männlicher Form existierte. Man lebte natürlich noch im viktorianischen Zeitalter, selbst als liberal gesinnte Intellektuelle; und der Platz der Frau war im sitting room, wo sie die Gäste empfing. Natürlich konnte sie gebildet sein, brillant sogar, aber ihr Platz war im Haus. Ihre Brüder gingen hinaus ins Leben und studieren und in den Krieg, aber Virginia, die nach Bildung hungerte wie selten eine Frau vor ihr, durfte nicht studieren. Aber als der Vater gestorben war, zog sie zu ihrem Bruder nach London; hier versammelten sich die jungen Intellektuellen, eine ganz neue Generation, und man diskutierte, rauchte, reiste, dachte sich wilden Schabernack aus. Natürlich bekam sie den einen oder anderen Heiratsantrag, schließlich war sie nicht umsonst die schöne Tochter einer schönen Mutter. Aber man konnte nun zum Beispiel, und genau das tat Virginia, einen Mann heiraten, dem man zwar sehr zugetan war, der klug war, freundlich und so großzügig, dass es gar nicht nötig war, in ihn verliebt zu sein. Nein, Virginia und Leonard waren Geistesverwandte, sie leben und dachten und arbeiteten gemeinsam, sie kauften ein Haus, sie gründeten einen Verlag und sie schrieben. Von Kindern hatte der Arzt abgeraten – Virginias Gesundheit sei zu schwach. Man weiß nicht, ob das vielleicht einer der Gründe war, aber der dunkle Schatten kam wieder, und diesmal versuchte Virginia zu ersten Mal sich das Leben zu nehmen. Sie wurde gerettet, und es war ein Glück für die Literatur – denn sie hatte zwar bisher schon erfolgreich für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben, aber noch keiner ihrer großen Romane war erschienen.

 

Nun aber schrieb Virginia, sie druckten die ersten Romane auf ihrer eigenen Presse, handgesetzt, in kleiner Auflage. Ihre Romane wurden immer größer, sie zogen immer weitere Kreise; sie waren erzählerisch neu und gewagt, sie benutzten die Technik des Bewusstseinstroms, die James Joyce eben erst berühmt gemacht hatte – aber was war das für ein Unterschied, dass es nun ein weibliches Bewusstsein war, durch den die Dinge strömten, Gedanken, Gefühle, Erlebnisse, Träume; in einem weiblichen Kopf, in dem so viele andere Dinge ihren Platz finden mussten wie in dem eines Mannes? Mrs. Dalloway will eigentlich nur ein Fest ausrichten, es ist ein großer Tag, was ist nicht zu alles tun und zu bedenken, es ist nicht mehr oder nicht weniger als ein Feldzug im Krieg! Und während Mrs. Dalloway all die kleinen Dinge tut, die erforderlich sind, zieht ein ganzes Leben vorbei, nein, mehrere Leben, eng miteinander verknüpft, und noch die kleinsten alltäglichen Handlungen gewinnen unendliche Bedeutung in diesem klugen, selbstbewussten, originellen und gefühlvollen weiblichen Kopf! Es waren sensationelle Romane; und sie waren es nicht, weil sie von einer Frau geschrieben wurden, sondern weil sie von einer klugen, sensiblen, künstlerisch mutigen und menschlich reifen Frau geschrieben wurden, die sich nicht eine Minute dafür schämte, dass die Literatur jetzt weiblich wurde, dass ein Einkauf die gleiche Bedeutung bekommen konnte wie ein Feldzug; oder dass jetzt endlich der Körper zu seinem Recht kam, auch der kranke, empfindliche, fragile Körper der Frau; oder dass die Herstellung eines Menüs so sprechend sein konnte wie ein ganzes Parlament voller Männer, die sowieso nur immer dasselbe sagten und dumm genug waren, um immer wieder den gleichen Krieg zu führen. Es waren Romane, die von einer anderen Welt erzählte – aber diese andere Welt war immer da gewesen, es hatte nur keiner von ihr erzählt, und alle Frauen, begeisterte Romanleserinnen seitdem der Roman erfunden war, hatten damit leben müssen, dass immer nur Männergeschichten erzählt wurden, von Männern für Männern, und dass diese Männer ihnen vor-schrieben, wie sie sein sollten, denken sollten, fühlen sollten.

 

Virginia aber schrieb über Dinge, über die noch nie ein Mensch in einem Roman geschrieben hatte. Sie schrieb gerne auch Essays, wie ihr Vater, eine besonders männliche Form der Literatur: gedankengeladen, formvollendet und doch leicht sollten sie sein, Glanzstückchen des gehobenen Literaten, kleine funkelnde Meisterwerke, denen man die Mühe gar nicht ansah, die in sie geflossen war, das Denken, das Erleben, die mühsame Arbeit mit der Feile. Virginias Essays waren nicht nur brillant und klug, sie waren auch poetisch. Sie konnte beschreiben, wie man in den Straßen nach London nach einem neuen Bleistift jagt – und es war nicht nur ein neues unverbrauchtes Thema, es war auch ein wichtiges: Denn man trifft die unterschiedlichsten Menschen auf der Straße und ihre Geschichten, und hinter jeder Straßenecke, in jedem Schaufenster wartet eine andere Welt, wenn man nur genau hinschaut und ein wenig Phantasie hat. Virginia konnte schauen, oh, was hatte sie schauen gelernt! Das, wenigstens, war ein Vorteil, wenn man keine Schulen und Universitäten besuchen musste und nicht in sinnlosen Kriegen abstumpfen und in öden Brotberufen geistig verhungern. Der sitting-room war zwar eine Plage gewesen, aber auch, wie man im Englisch so schön sagt, eine education, ein ganz besonderer Bildungsakt, eine Schule der Beobachtung und Menschenkenntnis. Man kennt das alltägliche Leben hinterher nicht wie seine Westentasche, sondern man kennt die Westentaschen des Lebens; man hat sie gekauft, gewaschen und geflickt, vielleicht sogar gewendet, und was hatte man dabei erlebt und gefunden! Ein Essay, so schrieb Virginia, sollte den Leser verzaubern; er sollte einen Vorhang um ihn ziehen, der ihn von der Welt isoliert und ihn ganz in seinen Bann zieht. Noch nie hatte ein Mann einen Essay so definiert; Männer wissen einfach zu wenig von Vorhängen.

 

Nachdem sie endlich genug Frau und Schriftstellerin hatte sein dürfen, wurde Virginia noch freier und machte einen Schritt weiter. Konnte man nicht auch Frauen lieben? Man konnte, und es waren andere Liebesbeziehungen als die, über die die Männer schrieben. Konnte man nicht auch sein Geschlecht wechseln? Man konnte; und Virginia schrieb den ersten Roman der Weltliteratur, in dem der Held zuerst ein Mann war und dann eine Frau wurde; und er/sie durchlebte die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, durchwanderte die Länder  und die Zeiten wie die Geschlechter, ein wahrhaft freier Geist – denn war es nicht so, dass in jeder Frau ein Mann steckte und in jedem Mann eine Frau, und bei manchen Menschen war die eine Seite dominant und bei manchen die andere, aber nur beide zusammen ergaben ein Ganzes. Konnte man nicht schließlich fordern, dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass Frauen schreiben? Sie brauchen dafür nur, so schrieb Virginia Woolf in dem Gründungsmanifest weiblicher Autorschaft bis heute, nur zweierlei: finanzielle Unabhängigkeit (offensichtlich) und ein Zimmer für sich, a room of one’s own. Männer haben immer genug Räume, wo sie für sich sein können; Frauen aber haben nur Räume, in dem sie arbeiten müssen, Funktionen erfüllen, Erwartungen entsprechen. Aber in der Küche kann man so wenig schreiben wie in der Wäschekammer; und auch im sitting room oder dem Schlafzimmer gehört man nicht sich selbst allein, man gehört dem Geliebten oder der Gesellschaft. Um zu schreiben, muss man jedoch sich ganz allein gehören können. Man muss bei sich sein, und  nicht bei den anderen, und zwar ungestört, ohne ständige Unterbrechungen und Ablenkungen. Und dann kommt vielleicht, vielleicht jener wundersame Genius, den man niemals mit Gewalt bezwingen oder herbeibefehlen kann, und lässt die Gedanken strömen und die Worte – bis es wieder an der Türe klopft und jemand etwas will, die Wäsche geholt werden muss oder das Abendessen vorbereitet.

 

Mehrere Romane später kam der Zweite Weltkrieg, und die Schatten wurden tiefdunkel. Der Ehemann war Jude, es hatte niemals eine Rolle gespielt in ihrer langen, ruhigen Partnerschaft. Gemeinsam würde man aus dem Leben gehen, wenn die Nazis kämen, so beschlossen die beiden, und man kann sich vorstellen, dass sie auch dabei ganz ruhig blieben. Die Nazis kamen nicht, aber Virginias Depressionen wurden wieder stärker; sie hatte psychotische Phasen, in denen sie Stimmen hörte, sie war dann nicht mehr sie selbst. Und so entschloss sie eines Tages, ihrem Ehemann ein Stück voran zu gehen. Sie füllte sich die Taschen ihres Mantels mit Steinen und ging zum Fluss, und dann ging sie in den Fluss, und erst drei Wochen später fand man ihre Leiche. Und das sagt sich so sachlich, aber es ist unendlich furchtbar, sich das vorzustellen, aber das muss man tun, wenn man davon schreibt, man muss es ganz tun und ehrlich, und man hätte diese Frau nicht verdient, wenn man sich nun davor drückte die Szene innerlich auszumalen: Wie sie die Steine wählt, sie müssen schwer sein, aber auch in die Tasche passen (was trägt man für einen Selbstmord?). Es muss ein unbeobachteter Moment sein, aber man kennt die Umgebung, man wählt den Zeitpunkt klug, man will niemand belasten, der zufällig Zeugen sein könnte. Und dann schreibt man die letzten Zeilen an den Mann, mit dem man sein Leben geteilt hat, man schreibt vielleicht mit der gleichen Feder – nein, wahrscheinlich gab es dafür eine Schreibmaschine. Aber Schreiben war Virginias Leben, und nun schreibt sie: „Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir es waren“. Es gab sicherlich keinen Leuchtturm am Fluss Ouse, in dem Virginia Woolf ihr Leben beendete; aber vielleicht wird die Szene erträglicher, wenn man sich vorstellt, dass sie einen Leuchtturm sah, als letztes, in der Ferne; und dass sie ganz sicher war, dass sie ihn nun, endlich, erreichen würde.  

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Robert Musil, oder Atemzüge eines Sommertags


Er war einer der wenigen Ingenieure in der Literaturgeschichte. Tatsächlich, er hat ein Maschinenbau-Studium nicht nur angefangen, sondern es auch vollendet, er war ein richtiger, diplomierter, österreichischer Ingenieur, und er hat sogar etwas erfunden, den nach ihm benannten Musilschen Farbkreisel nämlich. Er war auch beim Militär, und er hat, tatsächlich, im Ersten Weltkrieg gekämpft, am Ende war er Landsturmhauptmann und hatte mehrere militärische Auszeichnungen bekommen. Vorher aber hatte er eben noch Philosophie und Psychologie studiert, und, tatsächlich, sogar promoviert; die ihm angebotene Habilitationsmöglichkeit, die allergrößte Ehre der Gelehrtenwelt, hat er aber abgelehnt. Er wollte lieber freier Autor werden. Aber davon, so fleißig er Theaterkritiken und Rezensionen und hochintelligente Essays schrieb, konnte man nicht leben, noch nicht einmal, wenn man nur sich selbst und eine Ehefrau versorgen musste. Die Sorge ums tägliche Brot wurde ihr täglicher Begleiter; manchmal fanden sich Unterstützer, im Freundeskreis, mit wachsender Bekanntheit auch anderswo; aber es war immer zu wenig, und es war demütigend für einen hochintelligenten Menschen, der sich leicht mit einem Brotberuf hätte ernähren können, dass er um Geld betteln musste, nur weil er all seine Klugheit und Energie und sogar sein technisches Wissen auf die Literatur verwenden wollte. Er hasste Thomas Mann, den Großschriftsteller, obwohl der Kollege sich sogar persönlich für ihn einsetzte: Der residierte, sogar im Exil in der Schweiz, schon wieder in einer Villa mit seiner Großfamilie, während er, Musil, mit seiner Martha – auch seine Schriften waren in Deutschland natürlich verboten worden – in ärmlichsten Verhältnissen in einem Dorf bei Genf lebte.


Musil aber arbeitete weiter an seinem großen Roman, seit Jahren nun schon, die Jahrzehnte wurden und die die Geduld und die Vorschüsse seines durchaus großzügigen Verlegers erschöpften: dem Mann ohne Eigenschaften, und was war das schon für ein Titel! Romanhelden haben Eigenschaften zu haben, am besten sogar besonders ausgeprägte und ausgefallene, sonst interessiert sich doch kein Leser für sie! Aber eigentlich war Musils Mann ohne Eigenschaften auch kein richtiger Roman, die Welt hatte nur noch keinen richtigen Titel für dieses Projekt gefunden, das der Ingenieur und Offizier mit all der Energie, der geschulten Analysefähigkeiten, dem Sinn für komplizierte Konstruktionen und einem geradezu mathematischen Kalkül verfolgte, viele tausend Seiten lang, mit Entwürfen, Schemata, Varianten, Notizen. Es war eine Analyse des Menschen, der Gesellschaft, der Kunst und der Liebe; es war eine Analyse des Verbrechens, des Wahnsinns, der Kunst und der Liebe; es war eine Analyse von Männern und Frauen, Schöngeistern und Industriellen, Philosophen und Musikern, ja sogar ein verschmitzer Neger mit lief durchs Bild, der Königssohn Soliman, und Kammerzofen und Serienmörder und junge Radikale und Nymphomaninnen und Oberlehrer, und eine der allerklügsten Gestalten unter lauter Möchtegern-Intellektuellen war ein kleiner, dicker General, der sich selbst für dumm und ungeistig erklärte hatte, und es wurden immer mehr, es hörte nicht auf, alles drehte sich wie ein Musilscher Farbenkreisel. Doch während Musil an diesem Monumental-Panorama der österreichischen Gesellschaft vor und nach dem ersten Weltkrieg schrieb, begann sich der zweite drohend am Horizont abzuzeichnen; und der Roman wurde immer düsterer, aber es zeichnete sich immer noch kein Ende ab, weder ein gutes noch ein schlechtes – wie sollte ein Roman über einen Mann ohne Eigenschaften auch ein Ende finden? War ein Ende nicht eine definitive Eigenschaft? Was sollte danach noch kommen?


Musil verschrieb sich weiter in seinem Textlabyrinth, und sollte er verhungern und die Zivilisation nebenbei zugrunde gehen, für die er so sehr kämpfte, auch in ihren technischen, sportlichen oder militärischen Aspekten, über die seine schöngeistigeren Kollegen, bei aller prätendierten Modernität, meist herablassend hinweggingen, um den Geist und das Schöne zu predigen. Musil war nicht eigentlich interessiert an Literatur, ebenso wie seine Figur Ulrich, eine Mathematiker, der sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben genommen hatte, aber dann nicht wieder in sein Leben zurückfindet. Ulrich liest nicht und Ulrich schreibt nicht, aber Ulrich redet, er redet mit allen, mit dem kleinen dicken General besonders gern und dem Großindustriellen und den Mächtigen, aber auch der Kammerzofe. Und er kann mit allen reden, eben weil er ein „Mann ohne Eigenschaften“ ist in einer Welt, in der die Eigenschaften sich selbständig gemacht haben und aufeinander losgehen und ihre Konflikte mit immer tödlicheren Waffen austragen. Bei Ulrich weiß man zwar niemals genau, ob er jetzt ironisch ist oder nicht, aber es macht gar keinen so großen Unterschied, denn alles, was er sagt, ist wohldurchdacht und originell formuliert, und man kann daran anknüpfen und es weiterdenken – und dann hat man sich schon selbst in das Romanlabyrinth verstrickt, es ist einem ganz egal, ob der Roman ausgeht oder wie er ausgeht; jede Sackgasse ist es wert, sie zu gehen in solcher Gesellschaft. Denn ein außerordentlich kluger Mann hat diesen Roman geschrieben, und er ist sogar so klug, dass er niemals direkt sagt, was er sagen will – das führt nur zu Eigenschaften und Streitigkeiten und in Sackgassen. Nein, Musil und all seine Gestalten sprechen in Bildern, Analogien, Vergleichen – aber den ungewöhnlichsten Bildern, Analogien und Vergleichen, die die Literaturgeschichte je gesehen hat; sie sind modern, Rennwägen tauchen in ihnen auf und Turngeräte. Aber sie sind nicht etwa dazu da, eine Erkenntnis irgendwie zu bebildern, zu schmücken, es sind keine Kränze, die man um eine Erkenntnis flicht, damit sie freundlicher aussieht, keine honigsüßen Pillen, die eine bittere Moral übertünchen – die Bilder sind die Erkenntnis ganz, sie sind gleichzeitig genau und anschaulich, wer die Bilder nicht versteht, wird weder zur Moral noch zur Erkenntnis vordringen.


Denn das war Musils größte Einsicht von Anfang an, und er hat sie seinem Roman und seinen Essays in so vielen Formen und Varianten eingeschrieben, dass sie kaum zu übersehen ist. Aber sie ist schwer zu verstehen. Es ist die Erkenntnis, dass man nicht alles wissen kann, im positiven Sinne, wie ein Ingenieur eine Formel weiß oder ein Offizier ein Gewehr kennt. Aber das, was man nicht wissen kann, kann man erfahren, sinnlich, anschaulich, lebendig – wie in der Kunst, in der Religion, in der Liebe, aber auch im ganz normalen Leben oder im Wahnsinn. Und das eine – jetzt erst kommt die eigentliche Einsicht! - ist nicht besser oder wichtiger als das andere; der Mensch, das Leben, die Welt existieren zwar in zwei kategorial getrennten Zuständen, die aber nur für praktische Zwecke und wegen der einfacheren Handhabung voneinander getrennt sind, weil Menschen Schubladen brauchen und Eindeutigkeit, das ist ganz in Ordnung und lebenswichtig. Eigentlich jedoch gehören sie vom Ursprung her zusammen, die beiden „Zustände“, wie sie der gelernte Naturwissenschaftler nennt, und das ist ein seltsam charakterloses Wort, wie die „Eigenschaften“; aber wenn man sich vorstellt, dass es Aggregatszustände gibt, chemische oder physikalische Eigenschaften, die miteinander interagieren, sich ineinander verwandeln, kommt man der Sache schon ziemlich nah. Der eine ist, wie Musil es nennt, der „ratiode Zustand“ – unser Standardmodus, in dem wir uns für vernünftige Menschen in einer wissenschaftlich durchschaubaren Welt halten und nach Gründen und Zielen handeln und moralische Entscheidungen über Gut und Böse treffen. Aber sein heimlicher, versteckter Zwillingsbruder (und es ist kein Zufall, dass Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, im Roman eine versteckte Zwillingsschwester hat, die ebenfalls seltsam konturenlose Agathe) ist der „andere Zustand“ – in dem die Grenzen auf einmal zerfließen, in dem die Zeit stehen bleibt, in dem unsere Vernunft versagt und wir ganz im Augenblick auf eine seltsame Weise einig mit uns selbst und der Welt sind; und dieser Zustand ist gleichzeitig berauschend und gefährlich wie notwendig und unentbehrlich für eine Menschheit zur Entwicklung ihres gesamten, sagen wir auch das im naturwissenschaftlichen Sinn: Potentials. Das jedoch zeigt uns Musil – und deshalb hat er sich der Literatur verschrieben, allein deshalb – vor allem in einer Sprache, in der Bilder und Begriffe auf eine seltsame Art und Weise interagieren können. Und wenn uns es jemals gelänge, die Bilder sprechend zu machen und die Begriffe anschaulich, wenn beide Welten in kleinen gelungenen Formeln oder gar in großen, unabschließbaren Romanen interagierten, aber nicht nur irgendwie interagierten, sondern so miteinander kommunizierten, dass der eine Zustand vom anderen lernt, an ihm partizipiert, das Denken bildlich verflüssigt wird und die Anschauung begrifflich verfestigt – dann wäre es vielleicht, vielleicht möglich, beiden Zuständen zu ihrem Recht zu verhelfen, bevor der große Krieg kommt: mit Gewalt, der stärksten Eigenschaft von allen, und mit zur Propaganda vereindeutigten Sprach- und Feindbildern.


Und so schrieb und schrieb Robert Musil, gegen die Zeit, gegen die Armut, gegen die Gewalt, gegen den immer weiter anwachsenden Textberg. Und an einem Apriltag, vielleicht war der Frühling schon in der Luft, schrieb er, wie schon an den Tagen zuvor, an einem besonderen Kapitel: „Atemzüge eines Sommertages“ hieß es, und er schildert, wie ein Strom weißen Blütenschnees durch den frühsommerlichen Garten schwebt, und wie Ulrich und Agathe bei seinem Anblick plötzlich im „Tausendjährigen Reich“ angekommen sind, wo das Wollen und das Denken, wo Leben und Tod zusammenfallen und die Zeit stillsteht, und es gibt keine getrennten Zustände mehr, sondern nur noch diesen einen, definitiven Moment der Vereinigung. Und über dem Schreiben ausgerechnet dieses Kapitels stirbt Robert Musil, 62jährig, an einem Hirnschlag, von einer Minute zur anderen. Sein Roman blieb unvollendet und seine Asche wurde in einem Wald am Genfer See verstreut; und vielleicht hat sie, falls es ein schöner Apriltag war, einen Blütenzug durch die Luft angetreten und sich dann in alle Winde verstreut.

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Thomas Mann, Dichter und Hochstapler

Er hatte immer ein schlechtes Gewissen, sein Leben lang. „Hinter die Schule gelaufen“ sei er, der Patriziersohn aus dem traditionsreichen Handelshaus, im wörtlichen Sinne wie im übertragenen: kein Abitur, dafür zwei Jahre Italien mit seinem Bruder; kein Studium, keine Ausbildung – aber dann ist doch, tatsächlich, ein Dichter aus ihm geworden, der mit dem Nobelpreis seine verdiente Dichterkrone bekam. Aber ein bisschen ist er immer, das sah er selbst so, ein Hochstapler geblieben, und sein Felix Krull hat ihn sein Leben lang als Schatten begleitet. Und was hat er gearbeitet, dieser durch und durch bürgerliche Dichter, mit welcher Disziplin, mit welchem Arbeitsethos, welch moralischem Verantwortungsbewusstsein: die Tage säuberlich eingeteilt wie noch jeder Kontorist, jeden Morgen zur gleichen Zeit saß er an seinem Schreibtisch (später auf seinem Sofa), um die immer größer werdende Familie um ihn herum zu ernähren. Die Familie hingegen hatte Rücksicht zu nehmen, wenn der Zauberer, wie sie ihn halb liebe-, halb respektvoll nannten, arbeitete – an seinem kontinuierlichen wachsenden Werk, der stetig sich einstellenden öffentlichen Anerkennung, aber auch dem Geld für die Villen, die Reisen, die Autos. Und als er den Nobelpreis bekam, endlich, endlich, und die vielen Ehrungen, sogar mehrere Ehrendoktorwürden waren dabei für den verbummelten Schüler ohne Abitur, da war es nur der gerechte Lohn, nicht mehr. Und er ging von Lübeck in die Welt und wurde, beinahe gegen seinen Willen, ein Weltbürger; aber sein Schreibtisch begleitete ihn überall hin, auf dem die „Sächelchen“ ihre strenge Ordnung hatten und das Werk geschah – und ginge dabei die Welt zugrunde in dem großen Weltkrieg, in dem seine Söhne kämpften und seine älteste Tochter, auf ihre je unterschiedliche Art und Weise, meist jedoch mit der Feder und dem großen Namen im Rücken.


Aber nichts davon wäre möglich gewesen ohne die Eine, die er in jungen Jahren umworben und, man muss es tatsächlich so sagen, gefreit hatte: die apart dunkeläugige und verdächtig kluge junge Frau aus besten Elternhaus, der die Welt offen stand, mit ihrer Schönheit, ihrer Klugheit, ihren Verbindungen und dem eisernen Willen, den sie nun, nach reiflicher Überlegung, in den Dienst des großen Mannes gestellt hatte; und sie sah niemals zurück. Man könnte sagen, dass dies die größte Leistung des Hinter-die-Schule-Gelaufenen war: sich klug im Bürgerlichen zu befestigen mit eisernen Banden, mit wachsender Kinderschar (und war es nicht hinreißend, wie sie pärchenweise zum Vorschein kamen, immer Mädlein und Büblein, und so talentiert und charmant!), und, weil es sich so gehörte, auch mit wechselndem Dienstpersonal, aber immer einem Hund an seiner Seite, dem Hausherrn untertan. Es war das Opfer, das er dem Werk bringen musste, sonst wäre er ein Hochstapler geblieben und hätte haltlose Literatur geschrieben, wie so viele vor und um ihn herum: ästhetizistische Traum- und Scheinwelten, von keiner tieferen Bedeutung, Schaumblasen auf dem Geschmack der Zeit tanzend und mit ihr vergehend. Und es wäre so viel einfacher gewesen, hinter die Schule zu laufen; aber er gab jeden Tag am aufgeräumten Schreibtisch ein Stück seines eigenen Lebens dahin, und welches Opfer es ist, sich als Bruder Hitlers zu sehen oder mit dem leibhaftigen Teufel über die Liebe seines Lebens zu verhandeln, haben sie niemals verstanden, all die Literaten mit den großen Worten und den großen Ideen und ihrer Hochnäsigkeit gegenüber dem braven Bürger und seinem biederen Alltagsleben. Als er nach einem reichen Leben eher unspektakulär an einer Arteriosklerose starb – er selbst hatte noch gar nicht damit gerechnet -, da war auch das ein bürgerlicher Tod: Einmal bereits war er dem Tod von der Schippe gesprungen, es war ein Lungenkrebs gewesen, den man ihm sorgsam verschwiegen hatte, die gerechte Strafe für sein Zigarren-Laster. Aber Katia hatte es nicht zugegeben: Das wäre kein Tod für einen Bürger gewesen, sondern für einen Hochstapler, der unverbesserlich mit seiner Zigarre hinter die Schule läuft, weil er es nicht lassen kann.

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Und Kafka lachte


Er hätte es ganz sicher nicht so gewollt: Dass sein Name in aller Munde ist. Dass ein Adjektiv nach seinem Namen gebildet, wird, kafkaesk, und keiner weiß genau, was es bedeutet, es kann alles oder nichts bedeuten, das ist eben das Kafkaeske daran, aber er hat sein Leben lang gekämpft um die genaue Bedeutung, das präzise Wort. Dass Bücher über ihn geschrieben werden, Berge von gelehrten Abhandlungen, Deutungen über Deutungen, und schlimmer noch: über ihn selbst, über sein kleines verborgenes Leben, das er selbst so schwer genommen, aber auch tapfer gelebt hat. Dass Abiturienten Schulaufsätze über sein schwieriges Werk schreiben müssen, junge Menschen, die das Leben noch vor sich haben und die nun verführt werden, alle ihre jugendlichen Sorgen und Nöte auf einen dunklen Andern zu projizieren: der Vater ist schuld, immer der Vater, oder die Gesellschaft mit ihren starren, unmenschlichen Normen, alles eine große imaginäre Versicherungsanstalt, schlossartig bedrohlich. Und so stehen sie vor dem Tor, wartend, hoffend, dass ihnen geöffnet wird und dass dann das richtige, das eigentliche Leben beginne; und nicht einmal kommen sie auf die Idee, einfach am Türhüter vorbeizugehen und das Tor zu öffnen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Kafkaesk.


Nein, er hatte das alles nicht gewollt. Denn Kafka, das wissen nur wenige und es wird in der Schule auch nicht gelehrt, war gar nicht so kafkaesk. Er ging regelmäßig schwimmen, auch im Winter; er besuchte gern das jiddische Theater und liebte das Kino. Seinen Job bei der Versicherungsanstalt hat er ganz sicher nicht geliebt, aber das hat man damals auch nicht erwartet; seine Vorgesetzten jedenfalls waren sehr zufrieden mit seinen Leistungen, beförderten ihn regelmäßig und akzeptierten seine häufige krankheitsbedingte Abwesenheit. Natürlich, das Verhältnis zu dem autoritären Vater war eine Katastrophe, aber er war sicherlich nicht das Einzige mit einem dominanten Vater in dieser Zeit, und Freuds Theorien darüber nahm er zur Kenntnis, ohne sich sonderlich dafür zu interessieren. Ja, Kafka hat sogar, es ist bezeugt, gelacht; als er seinen Freunden – und ja, er hatte Freunde, gute sogar! – das erste Kapitel seines Romans Der Prozeß vorgelesen hat, konnte er vor lauter Lachen nicht mehr weiterlesen. Den Roman, in dem die ganze Moderne ihr eigenes Elend so unvergleichlich geschildert und symbolisch aufs höchste verdichtet fand, fand sein eigener Autor unsterblich komisch. Und war es nicht auch zum Totlachen, wie ihm alle auf den Leim gingen? Wie sie sich in seine komischen Protagonisten vergafften, wie sie alle zu hilflosen, ausgelieferten K-Clones wurden, weil es ja so einfach war, sich dem verführerischen Sog des Geschehens hinzugeben, sich ausgeliefert zu fühlen, ganz Opfer zu werden – und dabei all die Signale zu übersehen, die der Autor so sorgsam eingebaut hatte: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet“ – ja, was war denn das um Himmelswillen für eine Logik der Paranoia? „Just because you’re paranoid doesn’t mean they are after you?” Nein, es war durchaus auch möglich, das alles lustig zu nehmen und sich nicht von der eigenen Paranoia einfangen zu lassen.


Denn schließlich ging es ihm sowieso um etwas ganz Anderes. Kafka war auf der Suche nach dem perfekten Satz; und dann nach dem perfekten Anschluss für einen zweiten perfekten Satz – und danach nach dem Dritten. Seine Tagebücher  verzeichnen Satzembryonen und Fehlgeburten; ein Satz nimmt einen Anlauf, scheitert, nimmt einen neuen Anlauf, ändert den Rhythmus ein wenig, scheitert; nimmt wieder einen Anlauf, diesmal mit größeren Schritten – und so fort, und nur selten schafft es ein Satz bis zur eigenen Vollendung, von Anschlusssätzen ganz zu schweigen. Kafka war selbst sein strengster Richter, und er ließ nur sehr wenige seiner Texte vor diesem Urteil passieren. Dass ihn am Ende ausgerechnet sein allerbester Freund verraten würde und all das Versuchsweise, Gestrichene, Verworfene, ja beinahe noch Ungeborene nicht weisungsgemäß verbrennen, sondern der Öffentlichkeit in ihren gierigen Rachen werfen würde, damit sie es wiederkauen und wiederkauen ohne Ende  – er hätte es nicht gewollt, genauso wenig wie den ganzen kafkaesken Rummel um seine Person. Lieber ein Käfer bleiben und in Würde sterben.


Aber Kafka war auch kein Käfer geblieben; er hatte sogar sein so lang verteidigtes Junggesellentum am Ende aufgegeben, als er Dora Diamant traf. Das war ein Name, wie er ihn nie in einem seiner Texte verwendet hätte, ein Name voll Klang und Versprechung; und sie war 25, sie war keine ambitionierte Intellektuelle, sondern eine jüdische Kindergärtnerin, und sie versöhnte ihn endlich mit dem Leben. Sinnesfreudig sei er gewesen, hat sie später berichtet, als er schon immer kafkaesker gemacht wurde, verspielt, lebenslustig. Er hatte viel nachzuholen, aber die Zeit war ihm nicht vergönnt. Seine Tuberkulose verschlechterte sich, und Dora pflegte ihn, bis zu seinem Tod. Kafka starb mit 41 Jahren, und es ist zu hoffen, dass der große Torhüter vor dem Gesetz ihn mit diesen Worten empfangen hat: „Diese Tür war nur für dich bestimmt, und ich öffne sie jetzt für dich; denn du warst brav und tapfer dein Leben lang“. Vielleicht hätte er, wenn ihm noch einige Jahre mit Dora Diamant geblieben wären, endlich den großen komischen Roman geschrieben: „Die Erlösung“ hätte er heißen können, und es wäre so kafkaesk in ihm zugegangen, dass alle vor Lachen vor den Stühlen gefallen wären. Die Moderne hätte einen tragischen Helden verloren und die Literaturwissenschaft einen ihrer liebsten Gegenstände, an dem sie sich abarbeiten wird, bis sie selbst zu einem Käfer geworden ist, schrullig und unverständlich, mit dem keiner mehr spielen will; und am Ende hätte sie sich aus ihrem Elfenbeinturm gestürzt, weil ihr das Urteil gesprochen war, und der unendliche Datenverkehr wäre über sie hinweg gegangen. Aber Kafka hätte es so gewollt.

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Ingeborg Bachmann und Sylvia Plath – Todesarten

 

Wie viele Tode muss man gestorben sein, bevor man, endlich, wirklich sterben darf? Das ist eine Frage, die vermeintlich nur Romantiker stellen – also Menschen, die ihre Wahl zwischen Leben und Sterben längst getroffen haben: Nur der Tod kann die letzte und größte Sehnsucht von allen erfüllen, nämlich die nach Unendlichkeit, nach ewiger Fortdauer, nach dem Sieg des Geistes über das verrottende Fleisch; das Leben hingegen ist eine Reihe kläglicher Kompensationsversuche, eine schwache Vorübung, eine einzige Enttäuschung. Aber vielleicht stellen doch nicht nur Romantiker, die vom Leben allzu viel erwarten, diese Frage? Vielleicht sind es auch Menschen, die im Gegenteil vom Leben allzu wenig erwarten, die sich in gleichem Maße zum Tode drängen, am Tode hängen, also: Melancholiker, Depressive? Denn das Leben, im kalten Licht der Vernunft betrachtet, ist eine einzige Wiederholung: zu oft gesehen, nichts rührt sich mehr in einem, gar nichts, warum soll man empfinden, wenn man doch genauso gut sterben kann und endlich, endlich Ruhe haben vor den Zumutungen, die das Leben täglich stellt, Wiederholungen, Entscheidungen, Gefühle, alles Aufwand, sinnloser Aufwand, und wofür? So, wie es verschiedene Lebensarten gibt, gibt es auch verschiedene Todesarten. Man hat die Wahl (falls man, jemals, wirklich die Wahl hat).

 

Ingeborg Bachmann war eine der letzten Romantikerinnen, zweifellos. In ihren ersten Gedichten schon beklagt sie, dass die Welt ihr nur eines einflößt: ein Lastbewusstsein, kein Selbstbewusstsein. Sie türmt Fragen über Fragen, häuft Klagen über Klagen, aber sie findet keine Antwort dazu, weder von Gott noch von sonst einer metaphysischen Instanz. „Ich frage“ – das ist ihre lyrische Kampfansage an die Welt, eine Variante des „J’accuse“: zwei Sätze ohne direktes Objekt, sie formulieren nur eine Haltung, eine Forderung, dass nämlich endlich Sinn sein soll, egal welcher: Sinn, Antwort, Bedeutung, nur so kann die Last des Lebens gestemmt werden, nur so ist Erhebung möglich (wenn Erhebung, jemals, wirklich möglich ist). Aber die Antworten bleiben aus. Obwohl: Die Liebe, natürlich, sie scheint eine Antwort zu versprechen: Und Ingeborg Bachmann, ein junges Talent aus Österreich, eine Denkerin und Dichterin von Jugend an, wirft sich ihr geradezu an den Hals. Mit sicherem Gespür wählt sie die intellektuellen Alpha-Wölfe ihrer Zeit, Dichter, Komponisten, Literaturkritiker; sie raucht die unvermeidlichen Zigaretten, sie trägt die unvermeidliche Perlenkette zum Kostüm und sie ist dabei, wenn die ganz Großen reden, denken, urteilen, so wie das Männer eben tun. Sie ist auch dabei, wenn sie sie dann verlassen, so wie das Männer eben tun. Aber immerhin, sie lebt ihre Freiheit, in Wien, Rom, Zürich, sie erhält die großen Literaturpreise (wenn auch nicht den größten, den Nobelpreis; aber sie wird wenigstens vorgeschlagen). Sogar der SPIEGEL setzt sie auf sein Cover, den weiblichen Popstar der Nachkriegsliteratur: Es ist ein wohlkalkuliertes Autorenbild, keine Perlenkettchen und Dauerwellen, sondern schwarze Kurzhaarfrisur und existentialistischer Rollkragenpullover, dazu ein androgyner Blick, sehr fern, sehr dunkel. Ist sie eine Frau oder ist sie ein Mann? Es scheint gleichgültig, in diesem Moment; sie ist eine Autorin, sie schreibt Gedichte, die beinahe so hermetisch sind wie die ihres Ex-Geliebten Paul Celan, aber dann doch – weiblicher, bildlicher, ohne auch nur eine Spur versöhnlich oder friedlich zu sein. Denn sie fragt immer noch, fragt und fragt, und sie ist immer noch keinesfalls zufrieden mit den Antworten der Welt. Aber zwischendurch scheint das Meer durch in ihren Gedichten, und man sieht Schiffe, die wagemutig in See stechen. Es gibt schwarze Pferde, gefährlich und kaum zu bändigen, die mit dem lyrischen Ich losstürmen, und wer sich nicht von Ingeborg Bachmann zu der Überzeugung erführen lässt, dass Böhmen doch am Meer liegt, manchmal, irgendwann, der ist für die Lyrik endgültig verloren. Sie kann sich in die Sprache retten, gelegentlich immerhin (wenn man sich, jemals, wirklich in die Sprache retten kann); aber am Ende bleiben es Worte, schöne Worte, Metaphern mit Mandelblüten, Delikatessen für den Connoisseur.

 

Reisen, Reisen, Männer, Männer, das Verlassenwerden. Krankheit, Depression, man findet keinen Schlaf mehr, auch nicht mehr mit Tabletten, kein Vergessen, keine Ruhe. Es wird ein endloser Kreislauf, kein Entrinnen ist mehr möglich. Und so wendet sich Ingeborg Bachmann den „Todesarten“ zu, ihrem letzten literarischen Projekt. Ein ganzer Zyklus sollte es werden, aber es blieben Fragmente. Eines nur ist vollendet, der Roman Malina, und er endet mit den lakonischen Worten: „Es war Mord“. Aber es ist nicht klar, wer genau tot ist; es ist auch nicht klar, wer der Mörder ist; es ist eigentlich überhaupt nichts klar in diesem Roman einer fatalen Dreierbeziehung zwischen Malina und Ivan und einer Frau, die „Ich“ heißt und keinen Namen hat: Sie ist, allerhöchstens, ein Konsonant, ein Mitlaut zwischen den beiden lauten, nur leicht variierten Selbstlauten A und I, Malina (und liest man nicht Anima, die Seele, mit?) und Ivan, und niemals, niemals bringt sie es in dem ganzen Text dazu, ein Selbstlaut zu werden, ein eigener Ton, eine eigene Erzählung. Und heißt doch „Ich“. Aber ist „Ich“ nicht der allgemeinste Name überhaupt, jenseits aller Identität und Persönlichkeit, für die ein einzelner Name steht? Und sind nicht die Frauen, die liebenden Frauen, genau solche namenlosen Wesen, die den jeweiligen Geliebten aufnehmen und sich in ihm spiegeln und seinen Namen annehmen? „Ich“ verliert sich in der Liebe. „Ich“ ist schon jung von diesem Dorn verletzt worden. „Ich“ ist Schneewittchen, aber Schneewittchen kann nicht mehr schlafen, sie blutet und blutet, rote Tropfen auf weißem Schnee, die Männer sehen nur ihre Schönheit, ihr schwarzes Haar und ihre roten Lippen, sorgfältig nachgezogen mit dem Lippenstift, aber sie sehen nicht, wie Schneewittchen stirbt, wie „Ich“ stirbt, weil es kein Selbstlaut wird. Und als, in einer anderen Erzählung von Bachmann (eine der wenigen mit einer weiblichen Sprecherin!), Undine ihr Abschiedslied anstimmt – Undine, eine Märchenfrau, verführerisch und tödlich für die Männer, die ihr verfallen, aber sie selbst bekommt nur eine Seele, wenn sie liebt, wenn sie ein Mitlaut wird, und wer mordet hier eigentlich wen? -, preist sie die Männer sogar noch ein wenig: Sie haben gut und viel gesprochen, von Motoren und Maschinen zum Beispiel; aber nicht vom Meer und Schiffen und wilden Pferden. Undine aber geht für immer; am Ende von Malina verschwindet „Ich“ in einer Spalte in der Mauer, und es heißt: „Es war Mord“. Und noch einmal: Wer war schuld an dem Mord? Oder ist das nicht die falsche Frage, die fatale falsche Frage des ganzen Jahrhunderts, immer nur: Wer war schuld? Waren nicht eigentlich alle Schuld, oder auch niemand, aber ganz sicher jeder und jede für sich selbst? Ich frage! Keine Antwort. Die Mauer schweigt. Undine ist gegangen.

 

Sylvia Plath ist so etwas wie die amerikanische Variante von Ingeborg Bachmann, ihre Modulation vom Genre der hohen deutschen Literatur in das der etwas trivialen amerikanischen: ein College-Girl, mit Dates und Plänen und einem Boyfriend. Und sie will sogar eine Zeitlang leben, ganz normal leben – nachdem sie nämlich entdeckt hat, dass sie schreiben kann, wie Bachmann schon in ihrer Jugend. Zwar weiß sie auch bald, dass sie niemals Sekretärin werden will und Kurzschrift lernen (wozu Kurzschrift? Literatur ist das Gegenteil von Stenographie!) oder eine brave soccer mum in den Suburbs, aber sie versucht es mit dem Leben, eine Zeitlang, ganz ernsthaft. Geht nach New York, versucht es mit dem Schreiben und den Männern, es ist wie Sex and the City in Schwarzweiß, und sogar Freundinnen hat sie, gute und böse. Aber irgendwie, irgendwie funktioniert es nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte, die Welt des Glamour und der Autorschaft. Aber sie klagt nicht darüber, sie fragt auch nicht, oh nein, das ist nicht ihre Art. Sie macht einen Scherz daraus, einen bösen, aber gleichermaßen sehr, sehr lustigen Scherz; sie sieht die Welt zwar wie unter einer Glasglocke hervor, aber man kann lachen über das, was man da seltsam verzerrt jenseits der Glasglocke sieht, seht doch, ist es nicht komisch, wie sie sich alle abstrampeln, jeden Tag aufs Neue und doch immer das Gleiche, nur man selbst bleibt allein und sieht, wie komisch ist es, urkomisch, todtraurig, und warum soll man eigentlich noch aufstehen aus dem Bett, wenn alles am nächsten Tag sich wiederholen wird, urkomisch und todtraurig, eine einzige sinnlose Strampelei? Da hilft es nichts, dass sie alle ihre Möglichkeiten vor sich sieht, alles, was man werden könnte: Das Leben ist ein – und das Bild ist seltsam rührend und originell und unpassend zugleich - ein Feigenbaum, die Zweige streben alle noch oben, weit auseinander, und sie tragen Früchte, Werke oder Kinder. Aber wie soll man wissen, welches der eigene Zweig ist, wenn man doch alle Zweige haben will – oder keinen? Wie soll man sich überhaupt entscheiden, wenn es doch keinen Grund gibt, nichts, in dem man wurzelt, sondern nur beliebige Verzweigungen?

 

An diesem Punkt – und er liegt sehr viel früher als bei Ingeborg Bachmann, die wir noch auf der anderen Seite des Ozeans als Covergirl der Literatur flirten und rauchen sehen –, beginnt Sylvia Plath sehr konkret über Todesarten nachzudenken. Es gibt so viele Möglichkeiten sich selbst von diesem Leben zu befreien, das eben nicht zu wenig Möglichkeiten bietet, sondern zu viele, wie die Äste des Feigenbaumes, und an jedem Ende sitzen ein Tod und ein Leben. Und macht das überhaupt einen Unterschied? Bleibt nicht alles, Leben und Sterben, seltsam entfernt, gedämpft, unattached? Schauen einem, wenn man in den Spiegel schaut, nicht viel zu viele Gesichter an, jeden Tag ein anderes, und niemals stellt sich spontan die Empfindung ein: Das bin Ich! Denn Sylvia Plath ist, und man kann nicht genug betonen, wie klinisch und pathologisch und wie wenig eingebildet oder irgendwie psychosomatisch, nein, sie ist im Vollsinn des medizinischen Krankheitsbildes: depressiv; so wie ihre Mutter es war, so wie ihre eigenen Kinder es werden – ein Stoffwechselproblem im Gehirn, eine genetische Anlage, was auch immer, eine Ungerechtigkeit auf jeden Fall und doppelt fatal für eine Autorin. Denn eine Depression ist nicht etwa ein Leiden an zu viel negativer Emotion: Es ist ein Leiden an dem Fehlen jeglicher Emotion, eine erbarmungslose Rationalität, die die Wirklichkeit all der freundlichen Schleier entkleidet, mit der sie sich der „normale“ Mensch lebbar und verträglich macht: Positiv denken, es geht immer wieder bergauf, es gibt eine Lösung für alles und ein gutes Ende, und morgen ist auch noch ein Tag – oh nein! Es geht weder bergauf noch bergab, es geht immer im Kreis, und dafür gibt es keine Lösung, auch kein Ende, sondern nur das ewig Gleiche, die ewige sinnlose Wiederholung, und der nächste Tag ist die schlimmste aller Drohungen! Und ein Schmerz wäre so willkommen wie eine Freude, vielleicht noch willkommener; aber beides bleibt draußen, jenseits der Glasglocke, fremd, abstrakt, unattached.

 

Sylvia Plath nimmt es mit Humor, und zwischendurch zerreißt es einem das Herz, ihr dabei zuzusehen, in ihrem einzigen Roman, ihrer eigenen Geschichte, der Bell Jar. Man folgt einem Zweig des Feigenbaumes, man versucht es, wirklich. Man begibt sich in Behandlung, man versucht es (und die Ärzte wissen nichts, stellt sich heraus, sie können die Glasglocke nicht durchbrechen). Man bekommt sogar Kinder, dieses Wirklichste von allen. Nichts. Man schreibt Gedichte, ziemlich gute, und findet Anerkennung. Nichts. Man schreibt einen Roman, unter falschem Namen nichts, nichts, nichts. Der Mann ist schon länger fort, er hat einen betrogen. Nichts. Man versucht in der Wand zu verschwinden, die Glasglocke zu zerstoßen, Böhmen zu suchen, Todesarten, Selbstmordversuche, nichts, nichts, nichts. Bis es am Ende doch gelingt, vielleicht sogar aus Versehen, man wird es nicht mehr wissen. Sylvia Plath ist verschwunden, sie hinterlässt zwei Kinder, einen verzweifelten Ex-Ehemann und eine Reihe von Tagebüchern, die die Hölle auf Erden schildern, die Depression, Tag für Tag für Tag.

 

Vielleicht treffen sie sich, außerhalb der Wand und jenseits der Glasglocke, die beiden ungleichen Schwestern: die romantische Deutsche, die nicht aufhören konnte mit dem Fragen und die die Liebe niemals aufgab, auch wenn es immer die falschen Männer waren; und die zynische Amerikanerin, die sich kaltblütig zu Tode scherzte und das Wagnis eines Familienlebens auf sich nahm, auch wenn es nicht ihres war, sondern nur ein kleiner Zweig an einem belanglosen Baum, den sie selbst am Ende absägte. Und wenn sie sich gefunden haben, besteigen sie ihre wilden Pferde und ziehen nach Böhmen, das am Meer liegt, niemand wird sie finden dort, und ihre Werke werden einsam dastehen in der Weltliteratur, mutterlos und ohne Nachkommen, mit der Aufschrift: Mein Teil, es soll verloren gehen.

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Terry Pratchett oder das Denken der Welt


Die Welt ist eine Scheibe. Die Scheibe ruht auf dem Rücken von vier Elefanten. Die vier Elefanten stehen auf dem Rücken einer Riesenschildkröte. Wir haben es geglaubt, wir glauben es noch, wir werden es noch lange weiter glauben – wir, die Fans des unsterblichen Terry Pratchett in allem Erdteilen, inklusive der von ihm erdachten weiteren Welten, und das waren nicht wenige. Terry Pratchett war ein Universum für sich, er ruhte auf dem Rücken aller großen Epiker der Weltliteratur, wie diese auf dem Rücken aller überlieferten und nur ausgedachten Mythologien der Völker, und dann ging er noch ein Stückchen weiter und tiefer. Denn was macht das schon für einen Unterschied, ob eine Welt wirklich existiert oder ob sie ausgedacht ist? Terry Pratchett wurde nicht müde seinen Lesern zu erklären, dass Geschichten nicht etwa aus dem gemacht werden, was irgendwo irgendwie geschieht und hilfsweise „Wirklichkeit“ heißt, sondern dass es gerade umgekehrt ist, dass Geschichten Wirklichkeit machen: Etwas wird wahr (was die Steigerungsform von wirklich ist), weil es erzählt werden kann; und es kommt nur darauf an, die richtige Erzählung zur richtigen Zeit zu finden und sie auf die richtige Art und Weise zu erzählen. Und jeder und jede kann eine Welt durch Erzählen herbeizaubern, egal welchen Geschlechts, Alters, Berufs er ist oder welcher Spezies er mehr oder weniger zufällig angehört; Menschen sind dabei nur eine, nicht eben überlegene, sondern eher banale Spezies neben vielen anderen.


Terry Pratchett aber lebt in all seinen Gestalten, den kleinen, ungewaschenen, der Sprache kaum mächtigen underdogs (kein Speziesmus beabsichtigt, Hunde sind auch nur Zombies!) ebenso wie in dem Tyrannen Vetinari, der so weit jenseits von gut und böse ist, dass er selbst ständig darüber Scherze macht, und niemals weiß man genau, ob man lachen oder sich sehr, oh so sehr fürchten muss! Und Pratchett zaubert allein mit der Sprache; aus jedem Satz kann er eine Pointe machen, ohne jemals albern, obszön oder trivial zu sein; er kennt die Sprache in- und auswendig und wieder zurück und dann ein Stückchen weiter, und gerade wenn seine Figuren stammeln oder stottern oder die Grammatik so verletzten, dass es wehtut, könnte man es nicht besser sagen, sondern nur korrekter. Ganz nebenbei hat er in seinen 37 Romanen jede gesellschaftliche, politische, ökonomische, technische, kulturelle, religiöse Entwicklung von einiger Bedeutung auf unserer partiell-realen Kugelwelt in allen ihren Gründen und Folgen ebenso wie ihren Folgen und Gründen (denn Kausalität ist in der Scheibenwelt nicht die künstlich versperrte Einbahnstraße, die sie auf der jämmerlichen realen Welt ist, damit wir einfache Gehirne es verstehen) so einleuchtend vorgeführt, dass niemand ein Studium oder selbst ernannte Experten dafür braucht, auch wirklich komplizierte Dinge zu verstehen. Es ist ein Triumph des Verstehens und Erklärens, der allein einen Nobelpreis wert gewesen wäre, nicht für Literatur, ach was, sondern für das Verstehen und Erklären der Welt, für das die Literatur nur ein Mittel unter vielen ist. Und es hat schon seinen besonderen Witz, dass in der Scheibenwelt keine Dichter oder gar Literaten vorkommen, wozu auch? Die Wahrheit kann man nicht erfinden, man muss sie erzählen.


Terry Pratchetts wichtigster Gedanke jedoch ist gleichzeitig der schwierigste, und nur wenige Figuren dringen zu ihm vor: Es ist der Gedanke vom Denken der Welt. Es gibt nämlich nicht nur erste Gedanken – das was einem so in den Kopf kommt, wenn man nicht besonders aufpasst und glaubt, die Welt sei eine Scheibe und man selbst ihr natürliches Zentrum, aber ansonsten zu nichts verpflichtet und für nichts verantwortlich. Darunter schlummern die zweiten Gedanken. Sie sind das, was der Kopf aus dem Kraut-und-Rüben-Brei der ersten Gedanken macht, nachdem er darüber besser nachgedacht hat und erkannt hat, dass die Scheibe auf dem Rücken von vier Elefanten steht und er vielleicht doch nicht ganz ihr Zentrum ist, sondern nur ein vergängliches Wesen von sehr begrenzter Einsicht. Am verborgensten aber sind die dritten Gedanken. Sie sind Gedanken, die die Welt in unserem Kopf denkt. Man kann sie nur hören, wenn man über all dem Lärm der ersten und die etwas ruhigeren Stimmen der zweiten Gedanken hinweg sehr sorgfältig lauscht und dabei, für einen Moment nur, ganz vergisst, wer und was man ist und was man eigentlich genau wollte und ob nicht eigentlich ganz jemand anders dafür zuständig ist – dann, nur dann spricht die Welt zu einem, sie spricht die Wahrheit (warum sonst sollte sie überhaupt sprechen?), und man ist bis zur Schildkröte auf dem Grund vorgedrungen, zu einem wahren Schüler von Terry Pratchett und einem wahren Philosophen geworden.

     

Dann, aber nur dann kann man es vielleicht auch mit dem TOD aufnehmen, so wie es Pratchett gemacht hat, vom ersten seiner Scheibenwelt-Romane an: nicht ohne Schrecken, aber gelassen, humorvoll, verzeihend – der TOD hat auch nur einen Job, und den macht er schon ziemlich lange ziemlich gut, und wo wären wir schließlich ohne ihn? Jemand muss ihn erzählen, es hilft nichts. Terry Pratchett aber, und das ist das wahrhaft Unausdenkliche und ein Beweis dafür, dass die Geschichten, die die phantasielose Wirklichkeit selbst schreibt, nicht immer die Besten sind, erkrankte mit knapp sechzig Jahren an der Alzheimer-Krankheit; er, der von der Queen zum Ritter geschlagene Jongleur von Welten, der Schöpfer unsterblicher Gestalten und Geschichten, der Zauberer der Worte, der Philosoph der dritten Gedanken, musste es erleben, dass er nach und nach die Herrschaft über seine eigene Sprache, seine eigene Erinnerung, seine eigene Welt verlor. Es ist nahezu sicher, dass er sich nicht vor dem TOD fürchtete; es war sein guter Bekannter, er hatte einen schwierigen Job, und er machte ihn gut. Aber seine eigene Geschichte hätte ein besseres Ende verdient gehabt.  

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