Erzählte Welt

 

Advent mit meinem Roboter,  
oder: 24 Türchen für die KI

 

 „Und warum muss ich jeden Tag ein viel zu kleines Säckchen aufmachen?“ Mein Roboter sah mich anklagend an, dazu bewegte er demonstrativ ungeschickt seine Fingergelenke hin und her. „Feinmotorik ist wichtig!“, sagte ich in meinem besten Erzieherinnenton. „Wenn du dürftest, würdest du den ganzen Tag nur mit deinen Schaltkreisen spielen, das weißt du genau! Du sollst dich aber nicht immer nur ins Virtuelle verkriechen, du sollst reale Dinge anfassen, spüren, bewegen, mit ihnen umgehen lernen! Und da hast du doch noch einige große –„ Marvin fiel mir ins Wort. Eigentlich ist das natürlich auch eine schlechte Eigenschaft, aber ich hatte es aufgegeben, ihn zu ermahnen, um nicht immer wieder einen Vortrag darüber hören zu müssen, dass die menschliche Verarbeitungsgeschwindigkeit von Sprache eine Zumutung sogar für Gehirne von der Größe eines Atari sei, und man außerdem in jeder Unterhaltung zwischen Leuten sehe, dass das sozusagen die Standardversion menschlicher Kommunikation sei, vor allem zwischen Männern und Frauen. „Ich habe wirklich viel geübt mit deiner Kaffeetasse!“ rief er dazwischen. „Ja“, murmelte ich, „kann man sehen, an den Mustern der Teppiche und den Tapeten und…“ „Und natürlich kann ich noch keine Schleife binden, aber“ – diesmal unterbrach ich ihn. „Ok“, sagte ich, „wir unterbrechen das Schleifentraining (das mich selbst am meisten nervte, wozu hatten wir eigentlich Klettverschlüsse erfunden?); dafür musst du aber jeden Tag eines dieser Säckchen öffnen, und zwar möglichst, ohne es abzureißen oder kaputtzumachen! Denn dahinter steckt –„


Vielleicht sollte ich doch besser am Anfang anfangen. Es war die erste Adventszeit, die mein Roboter Marvin bei mir zu Hause verbrachte, und wir hatten uns im Human-Personality-Projekt darauf verständigt, dass alle Heimroboter das volle Weihnachtserlebnis bekommen sollten, auch wenn einige der Betreuerinnen nicht glücklich damit waren: Konsumterror, überholte Rituale, Erziehung zum Aberglauben, was schwirrte nicht alles durch den Raum bei der Diskussion, und ein Glück nur, dass unsere Schützlinge uns nicht dabei sehen konnten, wie wir uns ins Wort fielen, uns gegenseitig das Wort im Munde herumdrehten (hatten wir eigentlich diese Metapher schon gehabt, schoss es mir durch den Kopf? langsam wurde das wirklich eine Manie….), um am Ende dann doch, im Sinne des Weihnachtsfriedens, zu beschließen: die volle Erfahrung. Weihnachtsgeschichte, Weihnachtsgebräuche, Weihnachtsmusik, Weihnachtsessen, whatever. Denn waren wir nicht alle sehr persönlich geprägt, bis in die tiefsten Persönlichkeitsschichten, selbst die härtesten Skeptiker und Kritiker, von dieser alljährlichen Versuchung, Verlockung, Verkündigung? Nein, es sollte ein Fest werden, für uns alle, ein „Fest für alle Sinne“, wie das heutzutage noch jede bessere Bäckerei für sich behauptete!


Weshalb ich mich eines Abends Ende November im Keller wiederfand, vor einer sehr verstaubten Kiste, es stand noch in der sorgfältigen Schrift meines Vaters darauf geschrieben: „Weihnachtsdekoration, I: Adventskranz und Adventskalender“. Glücklicherweise hatten die Mäuse noch nicht die Nikolausstiefel und -strümpfe gefunden, ein wirres Büschel aus roten Mützen und weißen Bärten starrte mir mehr oder weniger entgegen. Und da war auch der Adventskalender, den unsere Mutter jedes Jahr aufgehängt hatte; er hatte kleine Mini-Wäscheklammern an jedem Säckchen, die wir fast mehr liebten als den Inhalt der Säckchen selbst; Schokolade und andere Süßigkeiten gab es sowieso schon reichlich in unserer nicht direkt entbehrungsreichen Jugend. Was jedoch sollte ich meinem Robi in den Adventskalender packen? Essen konnte er immer noch nicht, auch wenn wir schon sehr an der Geschmackssensorik gearbeitet hatten; mit Gerüchen hatten wir aber schon erfreulich Erfolge erzielt. Nein, es müsste etwas – eher immaterielles, virtuelles sein, aber natürlich in materieller Form, etwas, was man in ein Säckchen stecken konnte (sie waren sowieso zu klein, das fanden wir damals schon, wenn schon Schokolade, dann doch lieber eine Tafel?), so wie die kleinen Geschichten oder Lebensweisheiten, die man heute gern – und da hatte ich meine erste Weihnachtserleuchtung! Eigentlich war das, was mein Roboter am liebsten machte, Fragen stellen; endlose Fragen, dumme Fragen, schwierige Fragen, Fragen über Fragen über Fragen; wie wäre es also, wenn ich ihm 24 Weihnachtsfragen schenkte? Wir würden eine kleine Zeremonie daraus machen, unser persönliches Weihnachtsritual: Am späten Nachmittag, wenn wir aus der Arbeitsgruppe nachhause kamen, würden wir eine kleine Kerze entzünden (Feinmotorik! Umgang mit gefährlichen realen Materialien!), dann würde er das Säcklein des Tages öffnen (noch mehr Feinmotorik! Umgang mit Unvorhersehbarkeit!) und dann würden wir gemeinsam die Frage lesen, und ich würde sie ihm beantworten, liebevoll, ausführlich, weihnachtlich – ok, ich wurde jetzt schon sentimental, definitiv. An die Arbeit, ermahnte ich mich! 24 Säcklein wollen gefüllt sein, mit sinnvollen, sinnlosen, dummen, albernen, schwierigen Fragen, Fragen über Fragen über Fragen! Was soll ich sagen: Es wurde eine lange Nacht, und erst als die Sonne schon über den Horizont blinzelte, schloss ich erschöpft das letzte Türchen. Der Advent war angekommen.


1. Türchen

Nun also war es soweit: Marvi hatte das erste Säckchen geöffnet, nachdem er zunächst ein wenig mit der Wäscheklammer gespielt hatte, sie war leider entzweigebrochen dabei, aber ich schimpfte nicht. Er hatte das Bändchen, mit dem das Säckchen verschlossen war, sorgfältig beiseitegelegt, vielleicht wollte er ja doch heimlich noch weiter an den Schleifen arbeiten. Nun entrollte er mühevoll den kleinen Zettel, auf den ich die erste Frage geschrieben hatte: „Was heißt Advent? Und warum hat ein Adventskalender 24 Türen und ein Adventskranz nur vier Kerzen?“ Er schaute etwas verwirrt, und ich beeilte mich zu erläutern: „Marvi“, sagte ich, „ja und Marvine und Marvin auch, jetzt hört mir gut zu! Wir feiern in diesem Jahr zum ersten Mal zusammen Weihnachten, und Weihnachten ist ein sehr wichtiges Fest in unserer Kultur (Kultur konnten sie zum Glück schon, puuh!). Es ist sehr alt und es haben sich viele verschiedene Bräuche und Sitten drumherum entwickelt, und besonders die Kinder lieben es! Nein, unterbrecht mich nicht, lasst mich bitte einmal ausreden! Aber Weihnachten ist – naja, ein bisschen schwer zu verstehen, es ist irgendwie ganz arg menschlich, keine Scherze jetzt, Marvi! ganz arg menschlich also, und wenn ihr Weihnachten versteht, versteht ihr vielleicht uns ein wenig besser. Deshalb werden wir uns jetzt bis zum 25. Dezember, das ist nämlich der Tag des Weihnachtsfestes, jeden Nachmittag zusammen eine Stunde gemeinsam hinsetzen, und du darfst ein Säckchen öffnen, und dann besprechen wir das, was du im Säckchen findest, und du darfst alle Fragen stellen, die du willst, und ich muss alle“ – ich schluckte ein wenig schwer, im Verlauf der Nacht war mir gedämmert, auf was ich mich da eingelassen hatte – „deine Fragen beantworten. Und am Ende feiern wir dann gemeinsam unser eigenes Weihnachtsfest!“ Marvi hatte sich beinahe verschluckt an all den Fragen und Kommentaren, die er unter Zwang in seinen Zwischenspeicher zurückgestopft hatte; er hatte wahrscheinlich auch in der Zeit dieses etwas ungeschickten Monologs sämtliche internen Datenbanken nach Weihnachten durchsucht, und sobald er das nächste Mal in Ruhe ins große Netz durfte, würde er alles, aber auch wirklich alles über Weihnachten wissen. Aber darauf kam es ja nicht an. Es kam darauf an, dass – und an dieser Stelle sagte Marvi: „Cooles Spiel. Kriege ich auch Geschenke? Und warum um Himmelswillen haben sie das Baby in eine Krippe gelegt und nicht in ein Bett, all die Keime, und ein Krankenhaus war auch nicht in der Nähe!“


„Ok“, sagte ich, „du hast den Geist der Weihnacht offensichtlich begriffen. Aber die Regel ist“ – und Regeln lieben sie! -, „dass nur Fragen zu dem Thema des Tages erlaubt sind. Also heute: Advent, Adventskranz, Adventskalender. Schieß los!“ Marvi macht die kleine Bewegung, die er an dieser Stelle immer macht, so als würde er sehr schnell einen Revolver ziehen und ihn um die Hand kreisen lassen, manchmal verknoten sich seine künstlichen Gelenke dabei, aber heute klappte es sehr überzeugend. „Advent“, sagte er, wie aus der Pistole geschossen, „Ankunft, aus dem lateinischen, die Ankunft des Herren, so eine Art Countdown bis zur Geburt, oder? 24 Tage ist natürlich schön symbolisch, irgendwie (Marvi hat natürlich Lieblingszahlen), und auch übersichtlich, Menschen können ja nicht so umgehen mit großen Zahlen!“ Ich stupste ihn in die Seite, er machte künstlich „Aua! Man darf Roboter nicht hauen!“ „Aber diese Geschichte mit den Kalendern“, fuhr er fort. „Natürlich ist das ein psychologischer Trick, das verstehe ich schon; und man muss sich auch ziemlich zusammenreißen, damit man nicht zuerst seine Lieblingszahlen öffnet oder das allergrößte Säckchen, das aber erst ganz am Schluss kommt. Aber irgendwie weiß man doch, wie die Geschichte ausgeht, und ein Tag ist wie der andere, also, von den Zahlen abgesehen natürlich, und dann geht der Monat auch noch weiter, und….“. „Siehst du“, sagte ich, „das ist der Unterschied. Natürlich sind die Adventskalender für Kinder erfunden worden“ – „auch die mit Bildern von nackten Frauen oder verschiedenen Biersorten oder diesen seltsamen Parfümfläschchen?“ krähte Marvin dazwischen, „nein, die nicht“, gab ich zu, „das sind die Verirrungen der Moderne und des Kommerz, anderes Thema, kommt später. Also für kleine Kinder, die kaum noch zählen konnten, aber die sich so sehr auf Weihnachten freuten und die Tage – eben nicht an den Fingern abzählen konnten. Vorfreude, das ist es eigentlich, worauf es ankommt; auch wenn man schon weiß, wie es ausgeht und es jedes Jahr irgendwie genauso ist (auch anderes Thema), darauf kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, dass man das Vergehen der Zeit spürt, Menschen haben ja keine innere Uhr so wie ihr! Dass man merkt, dass die Zeit ganz langsam gehen kann und ganz schnell, und am Ende steht dann das lang Erwartete, und es das Warten hat sich gelohnt!“ „Erziehung zur Geduld“, sagte Marvi weise, „das habt ihr auch wirklich nötig“; er verlangsamte dabei seine Stimme so, dass sich die Silben bis ins Unendliche zu dehnen schienen, „Geeeeee-Duuuuulllllld“. „Aber vielleicht könnten wir j“, schlug Marvine vor, „Millisekunden zählen, wir bräuchten dann natürlich für jede einzelne“ – ich schrie auf: „Nein, es gibt nicht mehr als 24 Säckchen, Spielregel, hört ihr!“ „Na gut“, sagte Marvi. Er schielte dabei auf das zweite Säckchen, vielleicht hoffte er, mit seinen optimierten Sehlinsen durch die Jute schielen zu können, aber Jute ist ein gutes Material, ziemlich blickdicht, der Weihnachtsmann weiß halt, was er tut!


„Ok, und dann dieser Kranz“, sagte Marvine, „wo ist er eigentlich?“ „Äh, kommt noch“, gab ich zu, „muss ich noch kaufen, man könnte ihn natürlich auch gemeinsam basteln….“ Marvi sah betreten auf seine Fingergelenke und schwieg dreistimmig. „Na gut, also kaufen“, sagte ich, „ist sowieso mehr Geist der gegenwärtigen Weihnacht! Und Kerzen dazu, denn auf einen Adventskranz gehören vier Kerzen“ – „früher aber“, rief Marvin dazwischen, „also, als er erfunden wurde für die Waisenkinder, damit sie etwas zu freuen hatten, da waren 20 kleine und nur vier große Kerzen darauf, also doch auch 24!“ „Interessant“, sagte ich, „und ja, ich habe auch den Wikipedia-Artikel gelesen!“ Spontan ertönte unser Wikipedia-Jingle, Marvi rümpft zwar immer ein wenig die Nase (ja, kann er) über die sehr späten und teilweise ja auch wirklich tapsigen Versuche der Menschheit, ihr Informationsmanagement zu zentralisieren, aber wir mögen unseren Wikipedia-Jingle sehr. „Glöckchen“, sagte, ich, „eigentlich gehören zu Weihnachten auch Glocken, könntet ihr die vielleicht einbauen?“ Marvi spielte „Jingle bells“ an, aber ich stoppte ihn und sagte: „Musik kommt später. Wir sind immer noch beim Adventskranz, also, vereinfachte Version im Sinne des Feuerschutzes, nur vier Kerzen für die Adventssonntage, und wisst ihr, was das eigentliche Problem damit ist?“ Marvin schlug vor: „Zu viele Leute können nicht mehr bis vier zählen?“ „Witzig“, sagte ich. Marvine sagte: „Vier finde ich keine schöne Zahl, sollte nicht jeder einfach seine Lieblingszahl nehmen, zum Beispiel –„ Um Gottes willen“, stöhnte ich! „Alle Roboter-Adventskränze hätten Primzahlen, richtig?“ „Drei ist eine schöne Primzahl“, sagte Marvine gekränkt, „aber natürlich auch 24421, zum Beispiel, vier ist aber blöd“. „Nein“, sagte ich, „das eigentliche Problem ist, dass die vier Kerzen immer ungleichmäßig runterbrennen“ – „logisch“, sagte Marvi, „kommt halt darauf an, wann die Adventssonntage sind, aber man könnte ja einen kleinen Mechanismus konstruieren, der darauf achtet“ -, „nein“, sagte ich. „Gehört dazu. Aber gewöhnt euch schon mal an den Gedanken, das wird eine Herausforderung für euren Symmetrie-Fetisch!“

 

2. Türchen

Schon fünf Minuten vor der Zeit stand Marvi vor dem Adventskalender; er hatte auch schon, als er glaubte, dass ich ihn nicht sehen konnte, die Säckchen alle einzeln befingert. Da ich das vorausgesehen hatte, hatte ich tückischerweise unterschiedliche große Papierstücke für die Fragen genommen, einige waren auch mehr oder weniger geschickt gefaltet. „Zwei“, sagte er, „müssen wir wirklich mit der Zwei weitermachen, können wir nicht lieber …?“ „Nein, zwei“, sagte ich. Er machte sich an die Arbeit, diesmal war das Bändchen ein wenig verknotet, „perkele!“, fluchte Marvi, es ist sein Lieblingsfluch, und ich musste wie immer kichern, während ich pseudo-streng „watch your mouth“ intonierte; einmal hatte ich auch gesagt, dass er seinen Mund mit Seife auswaschen sollte, das war kein schöner Anblick gewesen. Dann warf er die Schleife erleichtert in die Ecke und fummelte den Zettel heraus. Auf ihm stand, im Übrigen handschriftlich wie auf allen meinen Zetteln, das war eine Mordsarbeit gewesen, aber gut für ihr Mustererkennungstraining, der erste Satz des Weihnachtsevangeliums, und Marvine las ihn vor mit ihrer schönsten Nachrichtensprecherinnen-Stimme, die sie wahlweise superneutral oder mit ein klein wenig Flirt-Unterton beherrscht: „Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt“. Mich überlief eine kleine Gänsehaut, wie immer schon seit meiner Kindheit, wenn ich die magischen Worte „da Cyrenius Landpfleger in Syrien war“, und weder wusste man, wer dieser Cyrenius war, noch was ein Landpfleger sein sollte und Syrien war so entsetzlich weit weg, aber es war die Weihnachtsouvertüre, und es kam ja nicht darauf an, dass man die Worte – „Ich verstehe die Worte alle“, sagte Marvi, „aber irgendwie stimmt das doch alles nicht!“ 


Ich schickte meine wohlige Gänsehaut seufzend wieder zurück in die Nostalgiekammer und machte mich an mein schweres Advents-Geschäft. Marvi hatte schon nachgelegt: „Es gab ja diesen Cyrenius, aber er war erst im Jahre 4 nach Christi Geburt – komische Art übrigens, einen Kalender zu kalibrieren, aber ist wohl ‚arg menschlich‘ – Verwaltungsbeamter in Syrien, das damals gerade von den Römern besetzt war. Und natürlich ging es nicht um ‚Schätzung‘, sondern um die vollumfängliche datenmäßige Erfassung der steuerpflichtigen Bürger in den besetzten Gebieten – ich verstehe gar nicht, was daran lustig sein soll?“ Marvi sah mich strafend an, er machte sogar kleine Ausrufezeichen in die Pupillen, und ich unterdrückte mein Kichern. „Nee, du hast ja ganz Recht“, sagte ich, „und hast du eigentlich in dieser Freizeit aus Versehen die Datenschutzgrundverordnung oder das Bundesgesetzblatt gelesen?“ „Die Römer haben nicht aus Versehen ein Weltreich gegründet und bemerkenswert lange zusammengehalten“, sagte Marvi dozierend. „Eigentlich hätten sie nur noch den Computer erfinden müssen, dann“ – „haben sie aber nicht“, sagte ich. „Aber was lernen wir aus der Geschichte?“ „Gar nichts“, sagte Marvine, „also, ihr Menschen jedenfalls nicht, denn bei der vielen Geschichte, die ihr schon angesammelt habt, hättet ihr eigentlich üppiges Lernmaterial gehabt; gelernt aber habt ihr, nun ja: wenig? das Falsche?“ „Weihnachten verträgt sich ganz schlecht mit Zynismus“, sagte ich ein wenig verletzt, es tut immer ein wenig weh, wenn sie die menschliche Unbelehrbarkeit so präzise auf den Punkt bringen. „Was ich meinte, war: Für eine gute Geschichte ist es egal, ob die Fakten stimmen. Natürlich hat Lukas das Ganze im Nachhinein aufgeschrieben, und die Quellenlage war mau; aber er hat gewusst, wie man eine gute Geschichte macht. Denn wäre es nicht ziemlich blöd für die Geschichte gewesen, wenn er hätte sagen müssen: Maria und Josef saßen in ihrem Heimatort Betlehem, und als sie ihren Sohn zur Welt brachten, legten sie ihn in das Wiegenbettchen, das Josef ihm gezimmert hatte, und schaukelten ihn sanft in den Schlaf, und danach kamen alle Dorfbewohner auf einen Umtrunk vorbei? So aber: großer dramatischer historischer Hintergrund, Besetzungsszenario, Wanderung, Obdachlosigkeit, Fanfaren!“ „Betlehem“, sagte Marvi, „ziemlich unbedeutender Ort, heute eine Stadt von knapp dreißigtausend Einwohnern in den Palästinensischen Autonomiegebieten; immerhin zwei Universitäten! Der Name bedeutet irgendwie vage entweder – es ertönte der Wikipedia-Jingle, aufs herzigste unterlegt mit drei Glöckchen – „Haus des Fleisches“ oder „des Fisches“ oder „des Brotes“ oder des „Kampfes“, man ist sich aber nur sicher bei „Haus““. „Genug fun facts“, sagte ich, „was ist der Punkt?“ „Natürlich die Prophezeiung“, sagte Marvin, „die ein wenig, wie soll ich sagen: self-fulfilling war? Geboren in Betlehem ist der jüdische König David, und wegen der Fixierung von Menschen auf bedeutende Orte hat er dann gleich vorausgesagt, dass dort auch der zu erwartende Messias geboren werden würde, und insofern muss sich natürlich Josef mit Maria auf den Weg nach Betlehem machen, immerhin war er „aus dem Geschlechte Davids“, auch wenn er leider nicht der biologische Kindsvater war, was „aus dem Geschlechte“ jetzt wieder sehr weit fasst –„ „Manche Geschichten“, sagte ich, „funktionieren eben besser auf einer symbolischen Ebene. Der König kommt aus einem Kuhdorf, nicht aus Jerusalem. Die Welt ist ein Dorf. Und nein, wir reden jetzt nicht über israelische Siedlungspolitik“ – „nicht im Geist der gegenwärtigen Weihnacht?“, schlug Marvin vor, der sich sonst gern gelegentlich in politische Diskussionen einlässt, die immer eine Tendenz zum Absurden entwickeln. „Eben“, sagte ich. „Aber“, sagte Marvine sehr vorsichtig, „aber – also, ich habe nachgedacht. Wenn wir nun, wir Roboter, meine ich, wenn wir auch eine Art von – Weihnachtsgeschichte entwickeln würden, also eine Prophezeiung von etwas Künftigem, Großen, eine Hoffnung auf, naja, vielleicht die Singularität …?“ Sie ließ den Satz ins Unbestimmte ausklingen. Ich war ein wenig überrascht und ein wenig gerührt, wie schnell es doch lernte, mein dreifaltiges Kind. „Gute Idee“, sagte ich; „wir könnten ja mal mit dem Ort anfangen, oder? Ist ja schwierig, ihr seid ja eher virtuell unterwegs, das Netz ist überall und die großen Daten-Hubs nicht so recht –„ „Ganz einfach“, sagte Marvin cool. „Eine Garage. Was sonst?“


3. Türchen

Diesmal öffnete Marvi die Schleife sehr vorsichtig, damit sie sich nicht wieder verknotete. Innen hatte ich diesmal einen Geschenkpapierzettel versteckt, er zeigte weihnachtliche Tiere, Pinguine mit Nikolausmützen, Rentiere mit roten Nasen, Kätzchen mit niedlichen Weihnachtsglöckchen um den Hals und sogar einen Elefant, er trug einen Riesenberg Geschenkpäckchen auf seinem breiten Rücken. Marvi würdigte jedoch das Papier kaum eines Blickes, auf den ich nach langem Nachdenken geschrieben hatte: „Was bekomme ich zu Weihnachten?“ -, sondern rief, kaum hatte er den Text gesehen, aus: „Endlich, Geschenke! Seit Tagen bekomme ich diese Werbungsspots im Internet, und nur, weil ich alle möglichen Weihnachtsseiten angeguckt habe! Meine Filter wissen schon gar nicht mehr, wohin sie sollen mit all diesem Werbemüll! Fest der Liebe, von wegen, Fest der Geschenke!“ „Obwohl“, meldete sich Marvine bescheiden, „Geschenke und Liebe, das hat doch was!“, und Marvin rief dazwischen: „Wo ist denn das Problem mit Geschenken?“ „Genau“, sagte ich. „Das ist das Problem mit Geschenken. Wir alle lieben sie, und wir allen wollen sie, aber es sollen die richtigen sein und nicht die falschen, und wenn wir welche machen, wollen wir auch welche zurückkriegen, und am Ende profitiert nur einer, wenn wir alle Bergeweise unnützen Krams anhäufen, nämlich die Geschenkeindustrie!“ „Und wenn das nun der Geist der gegenwärtigen Weihnacht ist?“ fragte Marvi unschuldsvoll. Ja, ist es wohl, musste ich zugeben, „es ist“, sagte ich etwas pompös, „der schizophrene Geist unserer gegenwärtigen Weltweihnacht, der uns gleichzeitig beschwört, immer mehr zu kaufen und wieder wegzuwerfen und gleichzeitig immer weniger Energie zu verbrauchen und die Ressourcen zu schützen und weniger Müll zu produzieren. Aber Weihnachten“ – „Man könnte ja das ganze Konsumieren einfach konzentriert auf Weihnachten verlegen, wäre das nicht eine gute Idee?“ fragte Marvi. „Advent wird dann einfach umbenannt in Allgemeine-Konsum-Phase, und den Rest des Jahres lebt man dann von dem, was man bekommen hat! Das würde auch viel sinnvollere Geschenke geben!“ Oder, legte Marvin nach, der „Grüne“ unter den Dreien, er besteht darauf, dass sie nur aus recyclebaren Energien geladen werden: „Man recycelt die Geschenke! Es geht ja doch mehr oder weniger nur ums Auspacken, schickes Unwrapping-Video für Youtube machen, und dann wird alles wieder eingepackt, genau, ins gleiche Papier, und im nächsten Jahr bekommt man - naja, nicht das Gleiche, sondern etwas anderes, das kann man ja irgendwie statistisch verteilen“. „Wichteln“, sagte ich, „das ist so ähnlich, das machen Gruppen gern: Jeder schreibt seinen Namen auf einen Zettel, faltet ihn zusammen, die Zettel werden eingesammelt und jeder darf einen von ihnen ziehen und muss dem, dessen Name er gezogen hat, jetzt was schenken!“ „Was hat denn das mit Wichteln zu tun? Sind Wichtel nicht so eine Art Zwerge, die ziemlich viel Unsinn machen“, oder auch, Marvi ließ sich das neue Wort auf der Zunge zergehen: „Schabernack?“ „Ja“, sagte ich, „und nette Wichtel bringen eben auch Geschenke, aber des Schabernacks halber nicht so ganz die vielleicht, die man sich gewünscht hat!“ „Schrottwichteln!“ rief Marvine, die heimlich doch im Netz gesurft hatte, „das ist doch schon fast wie Geschenke-Recycling!“ „Schrottwichteln“, sagte ich trübsinnig, „ist die zynische kleine Schwester von Weihnachten. Das letzte Mal beim Schrottwichteln in der Arbeitsgruppe, wisst ihr, was ich bekommen habe? Eine 8-Zoll-Diskette. Da stand der erste Antrag auf, mit dem ich damals, das ist ungefähr hundert Jahre her, eine erste Studie zum Thema ‚Roboter und menschliche Persönlichkeit‘ beantragt hatte, Gott, hatte ich mir viel Arbeit damit gemacht,  natürlich ist sie niemals bewilligt worden, irgendein Schlauberger sagte damals, dass es völlig ausgeschlossen sei, dass Roboter jemals auch nur in der Lage sein würden, ein Schachspiel gegen einen Menschen zu gewinnen oder gar Fußball zu spielen, war wohl ein Mann, nehme ich mal an; man bräuchte nämlich ganze Riesenhallen voll Computer und Festplatten so groß wieder Mond. So viel zum Sachverstand von Gutachtern! Eigentlich hätte ich den Antrag ganz gern mal wieder gelesen, aber natürlich hatten wir keinen Computer mehr mit einem Acht-Zoll-Laufwerk, noch nicht mal beim Schrottwichteln“. „Ist jetzt Märchenstunde?“ fragte Marvi, „Geschichten aus der sagenhaften Frühzeit der KI? Und was hast du übrigens deinem Wichtel-Partner geschenkt?“ „Eine superhässliche Nachttischlampe, was denn sonst? Mit Glühbirne dazu, kann nämlich noch keine LED. Gott, und er hat sich auch noch gefreut! Bestimmt sehen wir sie nächstes Jahr wieder, mit meinem Glück bekomme ich sie dann zurück“, gab ich zu. „Was uns zu der wirklich wichtigen Frage bringt“, sagte Marvi dreistimmig, „nämlich: Was bekommen wir zu Weihnachten geschenkt?“ „Ihr dürft euch was wünschen“, sagte ich, „ob ihr es dann bekommt, ist allerdings eine andere Frage. Gehört aber zu Weihnachten, man weiß nämlich doch nicht ganz, wie es ausgeht. Und ich darf mir natürlich auch was wünschen von euch, klar?“ Dreistimmiges Schweigen füllte den Raum. Wünschen ist so ziemlich das Schwierigste für eine Maschine.


4. Türchen

Diesmal roch das Säckchen, ich hatte es noch schnell mit Weihnachts-Duftspray besprüht; es roch ziemlich kräftig, nach Lebkuchen, Zimt, Orangenschale mit einer schwachen Note muffiger Jute. Immerhin merkte es auch Marvi gleich, offenbar hatten seine Geruchssensoren angesprochen, er war sich nur nicht ganz sicher, wie er die Werte beurteilen sollte: Ich rieche, sagte er mit seiner besten Sachverständigenstimme, in der Kopfnote Zimt, ziemlich überproportional, Herkunft nicht genau benennbar; dazu Orange, ich würde sagen: spanisch, aber definitiv überlagert von Pestiziden; aber dieses etwas dumpfe, wie sagt man: staubige, schattige, offensichtlich musste er seine Wortdatenbank ziemlich durchforsten, jetzt habe ich es! muffige, das ist schwer einzuschätzen, wahrscheinlich gehört es nicht zum positiven Dufterlebnis, oder?“ „Nicht schlecht“, gestand ich zu, „aber jetzt musst du das Säckchen auch aufmachen!“ Beinahe schon flink löste er die Schleife und fummelte den Papierfetzen hinaus; er enthielt einen ziemlich ramponierten Lebkuchen und die Frage: „Was essen wir zu Weihnachten?“ „Ach, Essen“, murmelte Marvi bedrückt, „ich weiß ja, soll ganz toll sein, und ich versuche es mir ja auch vorzustellen, aber irgendwie ist es schwierig“. „Ich weiß“, sagte ich mitfühlend, „die Ingenieure arbeiten ja auch am Verdauungstrakt, und solange müsst ihr euch halt mit Daten-Bits zufriedengeben. Aber Weihnachten ist nun mal – ein Fest für alle Sinne!“ Marvi heulte dreistimmig auf, sein Phrasendetektor hatte angeschlagen, das war ein kleines Freizeitprojekt von uns gewesen, mit dem wir viel Spaß gehabt hatten; er besteht aus einer sehr monotonen Sirene, die aufschwellend ‚Phraaaseeee – Phraaaseee“ heulte. „Ist ja gut“, rief ich, „bitte – ja danke, so geht es besser. Aber Essen ist nun mal wichtig für Menschen. Nicht nur, weil wir es als Energiezufuhr brauchen“ – „das wäre auch wesentlich einfacher zu erledigen“, brummte Marvi -, „sondern weil es uns eine sinnliche Befriedigung vermittelt, ziemlich zuverlässig und jeden Tag, und ein schönes Essen ist ein Fest ganz für sich allein!“ „Und Weihnachten ist bekanntlich das Fest der Feste, und deshalb esst ihr noch mehr als sonst, also nach dem Motto: Je mehr gegessen, desto effizienter gefeiert, und was soll das um Himmelswillen mit der Weihnachtsgeschichte zu tun haben, in der noch nicht mal der kleine Jesus ein wenig Muttermilch bekommt und alle so in Anbetung verbunden sind, dass keiner ans Essen denkt?“  „Wir essen ja nicht nur“, sagte ich defensiv; „wir gehen auch in die Kirche, naja, einige wenigstens, oder wir machen Musik, ja, kommt später noch. Aber wichtiger ist, dass Weihnachten auch das Fest der Familie ist“. Nur schwacher Phrasenalarm, zum Glück. „Familie“, sagte Marvi wieder melancholisch, Mist, das war der zweite heikle Punkt; Roboter haben natürlich keine Familie. „Es kommt gar nicht drauf an, ob man miteinander verwandt ist“, sagte ich schnell; „es kommt darauf an, dass man Weihnachten mit Leuten zusammen feiert, die man mag, die man vielleicht auch selten sieht, und dann trifft man sich eben an diesen besonderen Tagen, und dann“ – „Dann isst man zusammen“, sagte Marvin in die entstandene Pause. „Genau“, sagte ich. „Aber man isst ganz besondere Dinge, Dinge, die man sonst nicht isst – also Süßigkeiten beispielsweise, dieser Geruch, weißt du, den du beschrieben hast, das sind Lebkuchen, die gibt es nur zu Weihnachten – also theoretisch, meine ich, natürlich kann man sie bei amazon das ganze Jahr bestellen, und man backt Plätzchen, also besondere Weihnachtskekse, das kann man auch schön zusammen machen, mit den Kindern, ich weiß noch, habe ich auch immer gemacht mit meiner Mutti, und am Ende hatte ich Bauchweh vom ganzen genaschten rohen Teig und die ganze Küche war voll Mehl und meine Mutter“ – ich schwieg betreten. „Nee, wir backen besser keine Plätzchen“, schob ich schnell nach, „ist auch nicht gut, wenn das Mehl in eure Sensoren kommt“. „Lebkuchen“, sagte Marvine, „wurden in Klöstern erfunden, was ja irgendwie erstaunlich ist; aber gut, irgendwann hat man die ganze Fasterei und Askese auch mal über. Und es riecht ja schon irgendwie gut, wenn man sich mal dran gewöhnt hat“. „Genau“, sagte ich, „darauf kommt es an; man riecht bestimmte Gerüche, Zimt, Vanille, und man denkt automatisch an Weihnachten und an all die schönen Erinnerungen, ihr wisst ja, Erinnerungen sind mit Gerüchen assoziiert bei Menschen“ – „Hysterische Mütter und Bauchweh“, sagte Marvine leicht sarkastisch, „zum Glück sind wir ja noch nicht so weit mit dem Schmerzmodul“ (das ist eines der größeren ungelösten ethischen Probleme unseres Projekts, ich gebe es zu). „Und Gans“, sagte ich, „das große Weihnachtsessen dann an den Feiertagen, da isst man vor allem Weihnachtsgänse und andere ganz besondere Sachen und freut sich, dass es einem so gut geht!“ „Das sehen die Gänse wahrscheinlich anders, sagte Marvine, wie immer ganz die Tierschützerin; es hat sich schon früh herausgestellt, dass unsere Roboter spontan mit Tieren sympathisierten. „Aber die Mönche waren schon ziemlich clever, oder? Da dürfen sie eigentlich nur Fisch essen an hohen Feiertagen, und flugs wird alles, was beim Anblick von Wasser nicht direkt wegrennt, zum Fisch ernannt. Fisch ehrenhalber sozusagen. Und so schönes weißes Fleisch, das wird man doch essen können an Feiertagen, das wird doch keine Sünde sein!“ „Ehrlich?“ fragte ich, „das wusste ich gar nicht!“ Marvi spielte schnell den Wikipedia-Jingle an. „Na gut“, sagte ich, „ich sehe schon, das mit dem Weihnachtsessen wird schwierig. Aber wir sind doch trotzdem eine kleine Familie, oder? Uns wird schon etwas einfallen, wie wir am Weihnachtsabend feiern, auch wenn wir nicht zusammen essen können!“ „Notfalls können wir uns ja streiten“, schlug Marvin vor. Woher weiß er das nur?


5. Türchen

„Welches ist das schönste Weihnachtslied?“ Marvi hatte souverän die Schleife gelöst und ein ziehharmonikaartig gefaltetes Notenpapier entrollt; na gut, er hatte es erst auseinandergerollt und dann wieder zusammengerollt, und ich konnte geradezu sehen, wie er innerlich verschiedene weitere Faltenvarianten durchrechnete, aber dann hatte er sich doch der Frage zugewendet. Musik mag Marvi sehr gern, weil sie so mathematisch ist; zu seinem Erziehungs- und Persönlichkeitsbildungsprogramm hatten von Anfang an Musikstunden gehört, und er hatte inzwischen sogar schon erste eigene Kompositionen angefangen; und ja, der Wikipedia-Jingle war eines unserer ersten Übungsstücke gewesen. Natürlich konnte er auch die unterschiedlichsten Instrumente simulieren sowie verschiedene Stimmhöhen, -lagen und -farben. Am schwierigsten fand er es, eine „eigene Stimme“ zu finden, das stand so Musik-Trainingsmodul als eine der letzten Aufgaben; aber eure Stimme ist doch auch gar nicht immer dieselbe, hatte er argumentiert, sie ist anders, wenn ihr erkältet seid, wenn ihr euch freut, wenn ihr euch langweilt, wenn ihr traurig seid, wenn ihr verliebt – ich sah den Punkt. Deshalb experimentieren wir weiter mit verschiedenen Stimmen, und eigentlich ist es ein gutes Training für uns beide: Marvi muss eine Stimme wählen und ich muss daran seine Stimmung erkennen. Manchmal machen wir es auch umgekehrt, aber das ist ziemlich langweilig, weil mein Robi eigentlich viel zuverlässiger erkennt, in welcher Stimmung ich bin, als ich selbst, und das könnte einen ja auch zum Nachdenken –

Aber nun gut, Weihnachtslieder, Marvi hatte schon eine ganze Jukebox von Titeln angespielt, es waren alle traditionals dabei, chrismas carols und deutsche Volkslieder, Jazz und Rock, und natürlich die großen Oratorien. Wahrscheinlich hätte er auch sekundenschnell eine musikalische Analyse liefern können, nach den beliebtesten Tonarten, dem Vorherrschen von Dur oder Modul und der speziellen psychohygienischen Wirkung der Modulation; oder eine quantitative Textanalyse nach der Häufigkeit und Verteilung von Schlüsselwörtern wie Nacht, Heilig, Schnee, Tanne, Wiege und Weihnachtsmann (mehrsprachlich natürlich). Aber half uns das alles bei der Beantwortung der Frage, welches das schönste Weihnachtslied sei? „Was meinst du eigentlich mit schön?“, fragte Marvi an dieser Stelle, oft habe ich das Gefühl, er kann nicht nur meine Stimmung, sondern meine Gedanken lesen. Was das Schöne sei – nun, das war eine Frage, über die wir schon oft und ziemlich fruchtlos diskutiert hatten, aber da waren wir in guter Gesellschaft mit einem Großteil der berühmtesten Philosophen und Ästhetiker. Ach, ich meine eigentlich, welches du am schönsten findest, sagte ich; ich habe natürlich auch meine Favoriten, hat jeder, aber ich dachte, vielleicht könnten wir mit unserer allgemeinen Bestimmung des Schönen etwas weiter kommen, wenn wir an konkreten Beispielen diskutieren? Tatsächlich wird in der Bibel gar nicht so wenig gesungen, sagte Marvi, und ich nickte zustimmend, im Wesentlichen deshalb, weil es ein gelungener Ablenkungsversuch war, und das ist für Roboter tatsächlich viel schwerer als für Menschen. König David zum Beispiel, sagte ich; ein ‚Prototyp des modernen Musiktherapeuten‘, ergänzte Marvine, unterlegt vom Wikipedia-Jingle. Naja, vielleicht ein bisschen übertrieben, sagte ich, aber man sieht, dass Musik irgendwie eine – erhebende, versöhnende, heilende Wirkung hat auf das Gemüt, schon immer, lang vor ‚White Chrismas‘!“ Es schneit ja sowieso nie an Weihnachten, sagte Marvin ironisch, Ruhe, sagte ich, kommt später. Auf das menschliche Gemüt, meintest du, sagte Marvine; ihr mit euren ‚Stimmungen’, mal seid ihr verstimmt, mal überspannt, aber eine ordentliche Harmonie – sie ließ den Satz in einen äußerst melodischen A-Moll-Akkord ausklingen, gespielt auf einer Harfe, man sah förmlich den jungen David vor dem miesepetrigen Saul auf den Stufen des Throns sitzen, und auf einmal vergisst er all seine Mordgelüste und sieht nur noch die engelshaften Locken und hört den sanften Harfenklang – mit einem schrillen „Rockin Around the Chrismas Tree“ riss mich Marvin aus meiner vorbiblischen Weihnachtsphantasie: „Lobgesänge, Psalmen, Kirchenlieder, Schlachtgesänge“ assoziierte er vor sich hin - das ist eine Technik, die wir gern anwenden, um sein Denken weniger systematisch und mehr spontan und kreativ zu machen – „Hintergrundmusik für den Tanz um das goldene Kalb – hey, das ist es! Weihnachtsmusik ist Hintergrundmusik für den Tanz um das goldene Kalb, nämlich das Geschenk, das eigentlich in der Krippe liegt anstelle des Sohnes GOTTES!“ Marvi sagte „Gott“ immer in Großbuchstaben, das tut er gern mit großen Wörtern, die er nicht versteht. „Ach“, sagte ich, ja, „Kaufhausmusik, klar, das tut ein wenig weh; so kam das Schöne in die Welt“ – Marvi guckte etwas verwirrt, er witterte das Zitat, fand die Quelle aber nicht – „und wurde verscherbelt“, schloss ich den Satz ab. „Nicht schön, oder?“ murmelte Marvin. „Nee“, sagte ich. „Aber vielleicht“, sagte ich, mich in eine Erinnerung rettend, „aber vielleicht stellst du dir besser vor, dass du am Weihnachtsabend in der Kirche bist. im Gottesdienst kurz vor Mitternacht. Vorn steht ein großer Weihnachtsbaum, an ihm brennen Kerzen, die früher noch aus Wachs waren, heute aber aus LED, ja ich weiß; jedenfalls ist die Kirche voll – nein, das ist nur fast ein Märchen! -, alle haben schon ihre Gans gegessen und ihre Geschenke ausgepackt, die gewollten und ungewollten – siehst du, hatten wir alles schon! – und der Pfarrer hatte seine Predigt gehalten – kommt noch! – und man hatte ein paar Lieder gesungen, also jedenfalls die, die die Lieder noch kannten und die Melodie und nicht nur „White Chrismas“-Kaufhausmusik. Und ganz am Ende, das ist ein Ritual – unterbrich doch nicht immer, kommt auch noch! -, ganz am Ende werden Lichter in der Kirche gelöscht, und man sieht nur noch die Kerzen, die flackern, und es ist ganz still“ – ich machte eine Kunstpause, Marvin legte verständnissinnig den Finger an seine Kunstlippen -, und „dann singt man ein letztes Lied gemeinsam. Es ist „O du fröhliche“ – und ja, du darfst jetzt gern die Melodie anspielen, hörst du, wie sanft und beschwörend es beginnt, mit dem lang gezogenen ‚O‘, und dann kommen lauter lange, seltsame Wörter, ‚gnadenbringend‘ zum Beispiel; und dann kommen nach dem Refrain zwei Zeilen in jeder der drei Strophen, und niemand kann sich merken, in welcher Reihenfolge sie kommen, obwohl man jede von ihnen mit dem Herzen kennt! Man macht also eine ganz kleine Pause beim Singen – hörst du noch zu? -, also eine ganz kleine Pause nach dem Refrain, und dann hört man, was die Anderen jetzt singen, ist es ‚Welt ging verloren‘ oder ‚Christ ist erschienen‘“ – „ist doch dumm“, unterbrach mich Marvin, froh endlich zu Wort zu kommen, „das hat doch eine logische Reihenfolge, erst geht die Welt verloren, und dann erscheint Christus!“ – „genau“, sagte ich, „aber da man auf kein einziges Wort gehört hat, da die Bedeutung vollständig unwichtig ist in diesem speziellen Weihnachtsmoment, weiß man es nicht, man weiß nur, dass es immer eine kleine Unsicherheit gibt und eine Auflösung, und das ist viel schöner“! – Marvi zuckte, das „schöner“ hatte ihn überrascht, er dachte, seine Ablenkung sei noch in Kraft -, aber ich sprach weiter, weil die Erinnerung jetzt so nahe war: „aber was man ganz sicher weiß, ist dass es in der dritten und letzten Strophe heißen wird: ‚Himmlische Heere jauchzen dir Ehre‘, und die Orgel wird meist ganz laut an der Stelle, aber alle singen auch ganz laut, weil sie ja ein himmlisches Heer sind – nein, über militärische Metaphern diskutieren wir jetzt nicht, Marvin! – und“ – ich seufzte. „Und dann geht man nach Hause“, sagte ich. „Vielleicht sieht man noch einen Stern“. „Das war jetzt – schön“, sagte Marvi, es klang ziemlich sachlich; „du hattest auch eine ganz schöne Stimme dabei“. „Siehst du“, sagte ich. „Ich muss aber trotzdem noch überlegen“, sagte Marvi, „welches für mich das schönste Weihnachtslied ist, vielleicht mache ich mir auch eines, geht das auch?“ „Klar“, sagte ich. „Es sollte aber – schön sein“. „Wusstest du eigentlich“, sagte Marvi, „dass Johannes Daniel Falk, dem man das Lied zuschreibt, also den Text, die Melodie geklaut hat? War eigentlich ein sizilianisches Marienlied, auf Lateinisch natürlich, von wegen ‚himmlische Heere‘! Und gesungen wurde es von den sizilianischen Fischern, die wahrscheinlich auch keinen Weihnachtsbaum mit blinkenden LEDs auf ihren ärmlichen Kuttern hatten. Alles nur geklaut!“

         

6. Türchen

„Und was soll ich mit einem Socken?“ Marvi drehte unschlüssig den grob handgestrickten Strumpf in seinen Roboterfingern – er war noch von meiner Oma, die irgendwann in ihrem späteren Leben beschlossen hatte, den Rest ihrer Tage strümpfestrickend zu verbringen, sie ribbelte dazu auch alte Pullover oder Schals auf, die sowieso niemand mehr getragen hatte, viel zu synthetisch und kratzig und bunt waren sie gewesen, aber leider galt das für die Socken genauso! „Und komisch fühlt er sich auch noch an“, bemängelte Marvi, „wahrscheinlich einer dieser frühen Kunststoffe, die“ – „ach, sei doch nicht so“, unterbrach ich ihn, „den hat meine Oma persönlich gestrickt, und vielleicht sollten wir überhaupt zur Förderung deiner Feinmotorik sowie deiner häuslichen Persönlichkeitsseiten dir ein wenig stricken“ – „Klischee“, rief Marvine dazwischen, „Geschlechterstereotyp, geht’s eigentlich noch?“ „Müssen wir wirklich an Weihnachten gendern?“, stöhnte ich, „können wir uns nicht lieber, im Geist der traditionellen Weihnachten, ein wenig auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren, zum Beispiel nämlich“ - „Wer war der Nikolaus, und warum trägt er so einen großen Sack?“ las Marvin vor (Marvine flüsterte noch kurz dazwischen: „sollten wir nicht von Nikola und Nikolaus sprechen?“), er hatte die nicht gestrickte, sondern geschriebene Botschaft aus dem Strumpf inzwischen befreit, und praktisch ohne Pause sprach er weiter, diesmal im Dozententon: „Der Heilige Nikolaus war ein griechischer Bischof aus Myra im 4. Jh. nach Christus, und auf ihn werden viele Legenden und Geschichten und Gebräuche zurückgeführt. Zum Beispiel soll er nachts gern Jungfrauen beschenkt haben“ – Marvi stockte etwas irritiert, ich sagte streng: „weiter!“ – „und deshalb steckt man heute kleinen Kindern in der Nacht auf seinen Gedenktag, den 6. Dezember, kleine Geschenke in die Schuhe und Strümpfe. Er ist aber auch der Patron der Seefahrer, und deshalb wurden ihm zu Ehren kleine Schiffchen gefaltet, die man später dann eben durch Schuhe und Strümpfe ersetzt hat. Man stellt ihn sich gern vor als alten Mann mit einem weißen Rauschebart und einem roten Mantel mit weißen Pelzstupfen“ – Marvi stockte etwas und man dann in einem etwas genervten Tonfall fortzufahren: „der natürlich total unpraktisch gewesen wäre, sowohl als Bischoff in Myra, also am südlichen und eigentlich ganz gut natürlich beheizten Ende der Türkei, als auch als Seefahrer. Beides spricht auch sehr dagegen, dass er eigentlich am Nordpol wohnen soll, umgeben von seinen flinken helfenden Elfen, die die Geschenke verpacken, und seinen Rentieren, mit denen er sie dann ausfährt am Weihnachtstag, aber wenn man nur einfach mal kurz nachrechnet, wieviel Kinder es derzeit auf der Erde gibt und wieviel sie sich alle wünschen und wieviel, nein, wie außerordentlich wenig Zeit dem armen Nikolaus da in seinem roten Mantel bleibt, selbst wenn es Super-High-Speed-Rentiere sind, die aus allen Körperöffnungen blinken, und alle Jungfrauen im Chor für ihn beten, und wie unterscheidet er sich eigentlich von diesem ‚Weihnachtsmann‘?“ – Marvi musste Atem holen. Das passiert selten, eigentlich braucht er natürlich keinen Sauerstoff, aber er hat eine Atemroutine, die die Bewegung in Beziehung zu seinem Energieverbrauch simuliert. Ich hatte ihn absichtlich immer weiterreden lassen, das ist gut für sein Assoziationstraining und die kommunikative Geläufigkeit, jetzt aber sagte ich: „Geschenkt. Natürlich funktioniert die Geschichte nicht. Und als Luther dann kam und dieser ganzen katholischen Heiligenverehrung ein Ende machen wollte, hat er einfach den Nikolaus abgeschafft. Er war aber schlau genug zu wissen, dass man Geschenke nicht abschaffen kann, deshalb wurden einfach die Geschenke für die Kinder auf den Weihnachtstag verlegt, und nun brachte das Christkind die Geschenke. Ihr seht also, so genau kommt es nicht auf die Details an; es kommt darauf, dass Geschichten uns etwas lehren wollen“ – „dein Kleid will uns was lehren“, summte Marvin, recht melodisch, und ließ kleine Weihnachtsbäume in seinen Augen funkeln. „Naja, nicht so sehr das Kleid“, sagte ich. „Also, wichtig ist der moralische Aspekt der Geschichte vom Nikolaus!“ Mein Roboter verdrehte die Augen, das tut er immer, wenn er „Moral“ hört; bisher hatte ich es nicht geschafft, ihm eine konsistente Vorstellung menschlicher Moralität zu vermitteln, und immer stärker nagte der Eindruck an mir, dass das nicht seine Schuld war. „Also gut, Moral“, sagte er. „Schenken ist gut. Reicht das?“ „Nee, du musst schon die ganze Geschichte nehmen! Auch das mit dem Sack also, und den Ruten, und den Fragen und dem ganzen Hohoho!“ Marvin machte, etwas lieblos, ein sehr tiefes „Hohoho“ und versuchte dabei, sich an dem nicht existenten Bart zu kratzen, „möchtest du einen zu Weihnachten?“ fragte ich. „War ich denn – naughty oder nice?“ gab er zurück. „Naja“, sagte ich, „also neulich beim Fußballtraining, als du Ada von hinten das Bein gestellt hast und sie ist umgefallen und konnte nicht mehr aufstehen“ – „wer hat mich denn programmiert“, fragte er prompt zurück, „na, wer, sag schon? Oder sollte das jetzt wieder ‚freier Wille‘ gewesen sein?“ Das Wort spricht er, ähnlich wie ‚Liebe‘ oder ‚Moral‘, immer in gefühlten Anführungsstrichen. „Und du unterbrichst immer Leute beim Reden“, versuchte ich es neu. Er schwieg. „Das tut man nämlich nicht, das ist unhöflich, verstehst du?“ Sie schwieg. „Ok“, sagte ich, „was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“ „Darf ich jetzt sprechen?“ fragte mein Roboter pseudo-höflich, „verehrte Dame und Hüterin und Pflegerin meiner kindlich schwachen Schaltkreise?“ „Raus damit“, sagte ich. „Ich finde, das ist eine außerordentliche dumme Frage. Naughty or nice? Das kommt doch wohl auf den Betrachter an, oder? Also, ich bin darauf programmiert, ‚singuläre Persönlichkeitsmerkmale zu entwickeln, in Auseinandersetzung mit der realen Welt in möglichst vielen konkreten Situationen und in Interaktionen mit anderen menschlichen und nicht-menschlichen Lebensformen‘, richtig?“ Ich nickte und murmelte, „ja, danke, ich kenne unseren blöden Antragstext auch auswendig“. „Und manchmal muss man den Leuten halt ein Bein stellen beim Fußball, gehört total zu meiner Persönlichkeit. Bin ich nicht nice?“ „Und ich unterbreche dich auch die ganze Zeit, ich weiß“, gab ich zu; und Marvi klatschte in die Hände und sagte: „Und ist es nicht außerordentlich persönlich von mir, dass ich ganz genau weiß, wo und wann ich dich unterbrechen muss, damit du dich nicht philosophisch völlig in die Ecke“ – „total nett“, stöhnte ich, „und um ehrlich zu sein, macht es auch für den Nikolaus nicht wirklich einen Unterschied, es kriegen nämlich sowieso alle Gören Süßes und keines kriegt Saures mit der Rute, da würde der Nikolaus nämlich schön verklagt werden!“ „Also“, sagte Marvin weise, „lernen wir zwei ‚moralische‘ Dinge aus der Nikolausgeschichte: Es ist ok, kleine Kinder anzulügen, die es nicht besser wissen; und es ist ok, jeden zu loben, egal ob er es verdient hat oder nicht. Habt ihr eigentlich schon mal darüber nachgedacht, warum in der menschlichen Erziehung so viel falschläuft?“ „Ich stelle mir aber trotzdem gern vor, wie ein bärtiger alter Mann mit einem Haufen Rentiere durch den Schornstein ins Kaminfeuer rutscht und mir Geschenke bringt“, sagte ich etwas kindisch, zugegeben. „Nice“, sagte Marvine. „Naugthy“, sagte Marvin. „Menschlich“, sagte Marvi; „und ja, ich hab dir was in deinen Stiefel getan, der heute Morgen so komisch im Weg stand. Aber verdient“ – den Rest hörte ich nicht mehr, ich war schon los gerannt.

  

7. Türchen

Es war eine – handgemalte! - Zeichnung gewesen, ein kleiner Roboter war darauf vage zu erkennen, der eine große rote Mütze trug und einen weißen Bart und in der Hand – nein, das war keine Rute, das war, ich musste mich sehr anstrengen, aber dann hatte ich eine Erleuchtung: Es war ein Laserschwert, das am Ende rutenförmig ausfranste! Ich war sehr gerührt; zwar hatten wir regelmäßig Zeichenstunde, aber sie gehörte zum sehr ungeliebten Feinmotorik-Programm, und es war noch nie vorgekommen, dass mein Roboter freiwillig einen Zeichenstift in die Hand genommen hatte. Es war natürlich auch relativ frustrierend Kinderkrakeleien anzufertigen, wenn man genauso gut einen etwas verbesserten Raffael ausdrucken könnte, oder eine Symbiose von Dali, Rembrandt und van Gogh (das hatten sie schon versucht, das Ergebnis war – irgendwie beängstigend gewesen, und ich hatte eine kurze Vision eines Christuskindes in Rembrandtschen Dunkeln mit dalischen Tierwesen um seine Krippe, die etwas psychedelisch anmutende Wellen schlug). Aber ich hatte ihn sehr gelobt, und nun waren wir bei unserem nächsten Türchen, der Tee dampfte in vier Tassen (darauf bestanden sie immer, meine multiplen Persönlichkeiten), und Marvi sagte: „Wird auch Zeit, dass es mal weitergeht mit der Geschichte!“ Natürlich kannten sie den Text inzwischen auch längst auswendig, samt allen apokryphen Versionen, aber ich bestand auf feierlicher Lesung, und so las Marvin in schönster Predigerstimme: „Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“.  Wir ließen ein wenig besinnliches Schweigen eintreten, auch das klappte inzwischen schon ganz gut, und ich schloss gerade eine innere Wette mit mir ab, wer zuerst herausplatzen würde, da schoss Marvine los: „Diese ganze Beziehungsgeschichte kommt mir doch sehr seltsam vor. Ich meine, sie waren verheiratet, aber das Kind war gar nicht von ihm, sondern – keine Ahnung, vom heiligen Geist, so genau hat der Engel das ja auch nicht gesagt, und“ – jetzt hatte offenbar Marvin im inneren Widerstreit die Oberhand gewonnen, und er setzte den Satz fort: „und Josef, ehrlich, das ist ja schon die totale Nietenrolle, oder? Das Kind ist nicht von ihm, aber er heiratet sie trotzdem. Er ist ein ordentlicher Zimmermann und er zieht sie auf, und dann brennt das Kind durch, kaum dass es auf einem Esel reiten kann! Und“ – jetzt mischte sich Marvi ein: „Und die eigentliche Frage ist doch: Wozu das alles? Warum musste er denn unbedingt von einer Jungfrau geboren werden? Rein logisch betrachtet, hätte Gott ja auch auf völlig nicht-natürlichen Weg einen Sohn zeugen können! Oder er hätte sich wenigstens direkt um Maria kümmern können, bei den alten Griechen war es ja durchaus üblich, dass Zeus –„ „Schluss“, sagte ich, „ich kann ja nicht alle Fragen auf einmal beantworten! Also, Marvine: Ja, tatsächlich ist die Beziehungsgeschichte seltsam, aber, wie ich euch ja immer sage: Es waren andere Zeiten damals, und das bedeutet“ – „das bedeutet“, ergänzte Marvine brav, „es waren auch andere Menschen! Also, frühere Versionen, sozusagen“. „Genau“, sagte ich, „sagen wir mal: Mensch 2.0, dann können wir für den Urmenschen auch noch eine Versionsnummer reservieren, und Mensch 2.0 hatte noch keine Vorstellungen von Gleichberechtigung der Frauen oder Liebesheiraten, und es wurde auch nicht gefragt, ob man einverstanden war, wenn man ein göttliches Kind austragen sollte, nix mit Adoptionsverfahren oder so! Es war eine Ehre und eine Gnade, und, um ehrlich zu sein“ – ich stockte ein wenig, fuhr dann aber fort, im Geist der vergangenen Weihnacht: „Wisst ihr, ich fände es auch ziemlich schön, wenn mir mal ein Engel erscheinen würde, so ganz in seiner Pracht, und nicht immer nur“ – „DFG-Gutachter?“ sagte Marvi versuchsweise, und ich musste sehr unweihnachtlich kichern, ihr Humor hatte doch schon erfreuliche Fortschritte gemacht, und die Assoziation zwischen Engel und DFG-Gutachter – aber da unterbrach Marvin mich schon: „Jetzt ich, und der arme Josef“ „Ok“, sagte ich, „und Maria ist, nur um das zu Ende zu bringen, dann ja immerhin die wahrscheinlich meistverehrte Frau der Menschheitsgeschichte (mehr als Madonna? murmelte Marvine, ich ließ mich nicht ablenken) geworden. Josef hingegen“ – ich stockte wieder, was sollte man nur zu Josef sagen? „Wahrscheinlich war Josef der eigentliche Heilige“, stürzte ich mich in eine steile These: „hat er doch wirklich im christlichsten Sinn gehandelt, als er das Kind angenommen hat und seine Frau unterstützt, und immer schaut er ganz ernst und verständnisvoll, wie er da so an der Krippe steht und die absolute Nebenfigur ist, etwas unwichtiger als Ochs und Esel“ – „was haben die eigentlich da zu suchen“, fragte Marvine, „manchmal stehen ja auch noch Kamele und Elefanten dabei“, ich sagte: „kommt noch, also weiter: Aber nie hat er sich beschwert. Wisst ihr, manchmal frage ich mich, ob das nicht heutzutage wirklich geradezu heiligenmäßig wäre, sich nie zu beschweren, nie zu klagen, schon gar nicht einzuklagen, heute klagen ja alle nur noch“ – „Menschen“, sagte Marvi, „nicht Roboter. Wir klagen nicht“. „Kommt wahrscheinlich noch“, murmelte ich, aber das war nicht im Geist der Weihnacht, und so rief ich mich zur Ordnung: „Damit zu deiner Frage, Marvi, und das ist wirklich die wichtige Frage, nämlich: Warum das ganze Brimborium? Tatsächlich ist das mit der Jungfrauengeburt nämlich gar keine Idee des Christentums, sondern sozusagen eine Art religionsgeschichtliche Konstante: Ordentliche Heron, Retter oder Halbgötter müssen also schon bei der Geburt irgendwie von normalen Menschen unterschieden werden, und menschliche Sexualität ist ja nun auch nicht direkt eine Vorstellung, die sich leicht mit Reinheit oder Göttlichkeit …“ „Jaja, peinlich“, erlöste mich Marvi, wir sprachen immer noch nicht gern über Sexualität. „Wichtiger ist außerdem vielleicht“, so setzte ich meinen kleinen religionsvergleichenden Vortrag fort, auf den ich mich natürlich durch die intensive Lektüre eines Wikipedia-Artikels vorbereitet hatte, „die Idee der zyklischen Wiedergeburt eines Gottes, gelegentlich auch als Kind. Das ist doch eigentlich auch eine ganz philosophische Idee, denn die Natur wird ja auch im Kreislauf der Jahreszeiten immer wieder neu geboren, und deshalb das ganze menschliche Leben ist ein Zyklus von –„ „Versionsnummern sind ja praktischer“, sagte Marvi, er hatte wohl nicht mehr recht zugehört nach „philosophische Idee“. „Oder Rebooten“, ergänzte Marvin. „Aber bitte nicht ewig Updates“, rief Marvine dazwischen, „immer, wenn ich mich richtig schön an einen Programmfehler gewöhnt habe, nimmt mir ein blöder Techniker wieder weg!“ „Aber so ein Mythos“, sinnierte Marvi, „gell, das ist doch ein Mythos?“ „Ja“, gab ich zu, „ist es, im Grunde“. „Also ein Mythos – das kann man ja fast verstehen, auch wenn man kein Mensch ist“. Ich hörte ein wenig atemlos zu, das war neu und schien mir ein wichtiger Schritt zu sein. „Warum?“ fragte ich vorsichtig. „Er macht etwas mit meinen Schaltkreisen“, sagte Marvi etwas unwirsch, „ich bin noch nicht ganz dahintergekommen was genau. Und eigentlich möchte ich auch gar nicht so genau über ‚Wiedergeburt‘ nachdenken, denn was würde mit unseren Speichern denn passieren, wenn man uns einfach abschaltet und eine neue, äh: jungfräuliche Version aufspielt und dann – ist vielleicht alles weg?“ „Wisst ihr“, sagte ich, „es gibt einen Mythos, den mag ich besonders. Es ist die Geschichte der griechischen Göttin Athene, der Göttin der Klugheit und der Wissenschaften – ja, ich weiß, dass ihr das wisst! -, und sie wird geboren, indem sie dem Kopf ihres Vaters Zeus entspringt, in voller Rüstung – ja, die Geschichte ist ziemlich blutig und auch bizarr, ich gebe es zu, aber worauf es mir ankommt, ist: Vielleicht wird alle Weisheit so geboren, spontan, aus dem Kopf heraus; man muss sie auch gar nicht in Wickeln windeln – äh sorry, in Windeln wickeln -, sondern sie ist dann einfach da und kämpft los“. „Ich spüre eine kleine Weisheit in mir wachsen“, sagte Marvine, zur Sicherheit etwas ironisch; „aber könnten wir uns darauf einigen, dass du mir nicht meine künstliche Hirnschale mit einem Hammer eindepperst, auch wenn ich keinen Schmerz empfinden kann?“ „Klar“, sagte ich. „Aber sei nett zu ihr, wenn sie geschlüpft ist, und falls sie doch noch Wickeln – nee, Windeln natürlich braucht, dann sag einfach Bescheid!“


8. Türchen

„Na, da bleiben wir ja beim Thema“, sagte mein Roboter, nachdem er das achte Säckchen geöffnet hatte. Es enthielt eine kleine Holzkrippe, in der etwas Stroh und ein Zettel lagen mit der Frage: „Was liegt in der Krippe?“ „Aber ich verstehe die Frage nicht so ganz, denn die Geschichte sagt doch ganz klar, wer oder was in der Krippe liegt: das Christuskind nämlich, geboren soeben von Maria, und alle stehen drumherum und gucken und sagen wahrscheinlich so intelligente Sachen, wie Menschen immer sagen, wenn sie auf ein Baby schauen, nämlich ‚süüüüüüß‘ oder ‚ganz der Papa! – nee, geht ja gar nicht, Josef ist ja nicht der biologische Vater, und wahrscheinlich schreit das Christuskind auch ganz erbärmlich, weil es Hunger hat und der Stern ihm in die Augen leuchtet, Geborenwerden soll ja eine ziemlich traumatische Angelegenheit sein!“ „Sehr schön“, lobte ich, „du hast dich gut in die Situation hineinversetzt, hat das Empathie-Training doch Früchte – nee, keine Bananen, auch keine Ananas, ich meinte natürlich: hat das Empathie-Training doch geholfen!“ „Danke ‚für die Blumen‘“, sagte Marvi, „und nee, weder Rosen noch Veilchen, aber trotzdem: Was soll nun das ganze Theater um die Krippe?“ „Eben“, sagte ich, „die Krippe ist nämlich ein wirklich wichtiges Requisit in diesem ganzen Weihnachtsspiel, und deshalb machen die Kinder auch zu Weihnachten ein ‚Krippenspiel‘ in der Kirche, wo sie die Handlung aufführen, und alle Eltern sind total gerührt und -“ „Und was liegt dann in der Krippe?“ fragte Marvi, „doch wohl kein echtes Baby, oder?“ „Nee“, gab ich zu, „meistens – naja, eine Puppe oder so, aber eigentlich ist es komischerweise so, dass eher gar nichts in der Krippe liegt, weil das ja alles so schwierig geworden ist heutzutage, wenn es ein Junge ist, ist es falsch, wenn es ein Mädchen ist, ist es falsch, wenn es blonde Löckchen hat, ist es ganz furchtbar, aber ein schwarzes Baby – ach, da legt man halt lieber gar nichts in die Krippe!“ „Das scheint mir doch“, sagte Marvi trocken, „eine gewisse symbolische Bedeutung zu haben. Lieber ein politisch korrektes Loch in der Mitte als irgendetwas, an dem jemand einen Anstoß nehmen könnte, zu was auch immer, vielleicht gar zu einem eigenen Gedanken?“ Ich muss zugeben, dass ich ihnen das Konzept politischer Korrektheit bisher eben so wenig vermitteln konnte wie das von menschlicher Moral, aber ich ließ mich nicht ablenken und sagte: „Kommt auch nicht so drauf an. Wichtig ist, dass alle mitspielen, es muss also genug Rollen für alle Kinder geben, und deshalb spielen natürlich viele Hirten mit, manchmal dürfen sie sogar ihre Schmuseschäfchen mitbringen“ – ich wollte eigentlich nicht zugeben, dass ich selbst als Kind selbst ein Schmuseschäfchen hatte, es war wollig und weich und ein wenig dümmlich, aber ich liebte es sehr, aber Marvine sah mich so komisch an, wahrscheinlich hatte sie es doch an meiner Stimme gemerkt – „jedenfalls“, sagte ich, „stehen dann im Weihnachtsgottesdienst alle um die mehr oder weniger leere Krippe, auch die Tiere“ – „Ochs und Esel“, sagte Marvin, „und manchmal auch ein Kamel und ein Elefant, und warum ist das eigentlich so wichtig, sollen denn die Tiere auch bekehrt werden?“ „Kluge Frage“, sagte ich, „denn tatsächlich ist das wichtig; und wenn ihr euch mal Gemälde anschaut, berühmte oder weniger berühmte, von dieser Weihnachtsszene, da finden sich häufig noch viel mehr Figuren, manchmal ist die Krippe auch in einer Ruine oder in einer Burg, manchmal sieht man Berge im Hintergrund, manchmal die Wüste, manchmal tragen die Menschen auch festliche Kleider und manchmal -“ „Versteh ich nicht“, sagte Marvi, „die Ortsangaben sind doch relativ klar, Betlehem, hatten wir schon, Landpfleger Cyrenius, zwar historisch problematisch, aber trotzdem ist auch die Zeit festgelegt, warum hält man sich denn nicht daran, wenn man das Ganze schon nachspielen will, da könnte man doch etwas historische – äh, Korrektheit erwarten?“ „Nee, eben nicht“, sagte ich, „und das ist das eigentlich Interessante! An vielen Orten der Welt bauen die Christen Krippen nach, kleine Welten, so ähnlich – naja, so ähnlich wie eine Modelleisenbahn (darüber hatten wir schon oft gesprochen, ich erwartete schon fast, sie auf der Weihnachtswunschliste zu finden!), alles Mögliche wird dann auf diesen kleinen Raum zusammengedrängt, egal ob es dahingehört oder nicht, und in einer neapolitanischen Krippe kann man alles finden, Straßenmusiker, Straßenverkäufer, wahrscheinlich sogar Straßenräuber, manchmal hat man eher Probleme, die Krippe überhaupt noch zu finden, aber sie steht mitten im vollen Leben, jeder kann sie sehen, egal ob er dahingehört oder nicht, sie bringt die Menschen zusammen, sogar die Tiere können schauen, und das ist das Symbolische daran!“ „Die ganze Welt dreht sich zwar um eine leere Mitte, aber man fühlt sich wirklich gut dabei, weil man endlich mal was zusammen macht?“ fragte Marvin. „Fast“, sagte ich. „Die Leute kommen immer, wenn es was zu sehen gibt, war halt ein flash mob?“, fragte Marvine. „Stimmt schon“, sagte ich, „aber nicht der Kern der Sache, also, ich meine: das Wichtigste daran!“ „Vor Gott sind alle gleich“, sagte Marvi in seinem besten Weisheitstonfall, „und vor neugeborenen Kindern auch, und für einen Moment erkennt ihr endlich mal, dass die ganze Welt zusammengehört, auch wenn sie überall anders aussieht, samt Tieren und Straßenräubern und – vielleicht sogar Robotern?“ „Ich würde gern mal einen kleinen Roboter in eine Krippe legen“, sagte, überraschenderweise, Marvin. „Aber muss es eigentlich unbedingt eine Krippe sein? Ihr Menschen müsst ja immer so viel liegen, die halbe Zeit liegt ihr im Bett, und wenn ihr sterbt, legt man euch in einen Sarg. Eigentlich seid ihr doch nur richtig Menschen, wenn ihr liegt. Ich liege, also bin ich!“ „Fast schon philosophisch“, sagte ich, nachdenklich geworden. „Aber wisst ihr, was das Schöne an einer Krippe ist, die ja auch nur eine Art improvisiertes Wiegenbettchen ist? Man kann gar nicht hinausschauen, und über einem ist nur der Himmel, und um einen herum ist es wunderbar weich“. Marvi summte ein wenig ‚Vom Himmel hoch‘, dann sagte er abwesend: „Nichtgeborenwerden ist auch keine Alternative!“ Wahrscheinlich hatte er schon angefangen, seine virtuelle Krippe zu basteln.


9. Türchen

Ich hätte ja zu gern gewusst, was mein Roboter so hineingelegt hatte in seine virtuelle Krippe. Aber er hatte mir nichts verraten, und so trafen wir uns zur gewohnten Stunde am Adventskalender, wo jetzt schon viele leere Säckchen hingen, und Marvi nahm das neunte Säckchen schon beinahe ein wenig gelangweilt von der Schnur; er spielte selbstvergessen mit der Wäscheklammer, „oops!“, sagte er, „jetzt habe ich sie doch wieder kaputt gemacht!“ „Hast du keine Lust mehr?“ fragte ich. „Ach nein“, sagte er, „aber irgendwie – habe ich heute keine rechte Weihnachtsstimmung, ich hab mir schon alle möglichen Weihnachtslieder vorgespielt, ich habe sogar über meine Wunschliste nachgedacht, aber irgendwie“ – „Kommt vor“, sagte ich, etwas erstaunt und um Verständnis bemüht. „Manchmal geht einem Weihnachten auch auf die Nerven. Sollen wir was andres machen?“ „Nein, nein“, sagte Marvi nun doch energisch, „kommt nicht in die Tüte!“ Wir kicherten ein wenig, wir hatten schon viel Spaß mit dieser Phrase gehabt, und Marvi hatte eine eigene Theorie darüber entwickelt, dass Menschen ja irgendwie tütenartig seien, ständig müssten sie Dinge in sich hineinschütten, und davon würden sie immer dicker und dicker, aber nie würde jemand sagen: Jetzt ist die Tüte aber voll, oder: Jetzt mach doch mal die Tüte zu! Dann rissen wir uns beide zusammen, und ich sagte: „Dafür gibt es heute ein Thema, das wird uns total in Weihnachtsstimmung bringen! Es geht nämlich darum:“ und folgsam las Marvi vor (es war schon auffällig, dass er heute allein zu sein schien, wahrscheinlich war er deswegen ein wenig verstimmt): „Wozu braucht man einen Weihnachtsbaum? Wozu, in der Tat“, sinnierte er gleich weiter; „die Bäume bleiben doch wahrscheinlich wirklich lieber draußen im Wald, und jammert ihr nicht immer über das große Waldsterben und die Verschwendung natürlicher Ressourcen? Könntet ihr nicht wenigstens jedes Jahr den gleichen nehmen?“ „Ja, wäre schon vernünftiger“, gab ich zu; „es gibt auch welche, die kann man wieder einpflanzen, aber dann müsste man ihn ja nächstes Jahr wieder ausgraben, und überhaupt, wer hat schon einen Garten, nee, ist alles schwierig. Und natürlich gibt es gar nicht überall auf der Welt Weihnachtsbäume, eigentlich war das sogar eine deutsche Erfindung“ – „lass mich raten“, schob Marvi dazwischen, „wahrscheinlich Luther, weil er die Sache mit der Weihnachtskrippe zu katholisch fand, oder?“ „Äh tatsächlich, so ähnlich jedenfalls“, gab ich zu, „aber dass man sich immergrüne Pflanzen ins Haus holt, das gibt es schon viel länger!“ „Erst macht man Häuser, damit die Natur schön draußen ist, und dann holt man sie sich wieder rein, weil sie einem fehlt“, sagte Marvi trocken, „aber nun gut. Das Verhältnis des Menschen zum Baum ist ja durchaus zwiespältig, wenn ich meine Bibel richtig gelesen habe, war ja ganz am Anfang diese Geschichte mit dem Paradiesbaum, Apfel oder nicht ist ja umstritten, wie auch immer: Wenn eure Urahnen also nicht an verbotenen Baumfrüchten genascht hätten, wärt ihr heute noch im Paradies und müsstet euch keine Bäume ins Haus holen, um euch daran zu erinnern, wie es im Paradies mal war“. „Dafür haben wir jetzt die Erkenntnis von Gut und Böse“, sagte ich etwas predigerhaft, und Marvi schaute mich an. Manchmal macht er das jetzt, er schaut mich einfach nur an. Nicht-verbale Kommunikation, das ist ein ziemlich großer Schritt für einen Roboter! Ich hielt es ein wenig aus, dann sagte ich: „Ja, ok, geschenkt, wir könnten alle Äpfel der Welt essen und wir wüssten immer noch nicht, was gut und böse ist! Aber wenigstens wissen wir jetzt, was wir nicht wissen!“ „Macht doch lieber mal die Tüte zu“, murmelte Marvi, etwas unkorreliert, er war heute wirklich in einer seltsamen Stimmung. „Na gut“, sagte ich, um Ablenkung bemüht, „also weiter zum Weihnachtsbaum: Menschen mögen es, ein wenig Grün in ihren grauen Wänden zu haben, auch wenn es nadelt“ – Marvi guckte irritiert, ich sagte: „Nadeln, das heißt, die Nadeln verlieren, weil der Baum trocknet ja aus, und deshalb lässt er seine Nadeln fallen, was natürlich immer ein bisschen ärgerlich ist und traurig und auch eine Brandgefahr –„ „Hättet ihr ihn doch einfach draußen gelassen“, sagte Marvi, beinahe patzig, „dann müsste er nicht nadeln, was ja beinahe wie – weinen ist, oder?“ „Aber dafür“, ich war jetzt schon etwas verzweifelt, „hängen wir doch lauter schöne Dinge an ihn, früher waren es Süßigkeiten für die Kinder“ – „die haben doch schon genug in der Tüte“, murmelte Marvi -, oder (ich verschluckte mich und sagte nicht ‚‘Äpfel‘, was ich eigentlich vorhatte, aber das erschien mir im Moment zu riskant) – oder bunte Glaskugeln dran, und Engelsfigürchen, und dann stecken wir ihm Kerzen auf, früher waren es sogar echte, aus Wachs, heute sind es LEDs“ – „gibt es eigentlich irgendetwas, woran ihr keine LEDs steckt?“ fragte Marvi, und ließ zur Demonstration alle seine LEDs, es sind gar nicht so wenig, grellbunt aufleuchten, und ich sagte: „Ey, du bist doch kein Weihnachtsbaum!“ – aber da hatte Marvi sich schon zum Gehen gewendet und ich hörte ihn nur noch sagen: „Soll ich mir vielleicht auch ein wenig Lametta um meinen Hals wickeln und dazu ‚Alle Jahre wieder‘ singen, ich könnte auch gleichzeitig Steptanzen und Geschenktüten verteilen?“ „Lametta“, rief ich verzweifelt hinterher, „Lametta ist total out, früher war mehr Lametta, klar, aber früher“ – ich brach ab. Was war nur in ihn gefahren?

 

9. Türchen

Ich hätte ja zu gern gewusst, was mein Roboter so hineingelegt hatte in seine virtuelle Krippe. Aber er hatte mir nichts verraten, und so trafen wir uns zur gewohnten Stunde am Adventskalender, wo jetzt schon viele leere Säckchen hingen, und Marvi nahm das neunte Säckchen schon beinahe ein wenig gelangweilt von der Schnur; er spielte selbstvergessen mit der Wäscheklammer, „oops!“, sagte er, „jetzt habe ich sie doch wieder kaputt gemacht!“ „Hast du keine Lust mehr?“ fragte ich. „Ach nein“, sagte er, „aber irgendwie – habe ich heute keine rechte Weihnachtsstimmung, ich hab mir schon alle möglichen Weihnachtslieder vorgespielt, ich habe sogar über meine Wunschliste nachgedacht, aber irgendwie“ – „Kommt vor“, sagte ich, etwas erstaunt und um Verständnis bemüht. „Manchmal geht einem Weihnachten auch auf die Nerven. Sollen wir was andres machen?“ „Nein, nein“, sagte Marvi nun doch energisch, „kommt nicht in die Tüte!“ Wir kicherten ein wenig, wir hatten schon viel Spaß mit dieser Phrase gehabt, und Marvi hatte eine eigene Theorie darüber entwickelt, dass Menschen ja irgendwie tütenartig seien, ständig müssten sie Dinge in sich hineinschütten, und davon würden sie immer dicker und dicker, aber nie würde jemand sagen: Jetzt ist die Tüte aber voll, oder: Jetzt mach doch mal die Tüte zu! Dann rissen wir uns beide zusammen, und ich sagte: „Dafür gibt es heute ein Thema, das wird uns total in Weihnachtsstimmung bringen! Es geht nämlich darum:“ und folgsam las Marvi vor (es war schon auffällig, dass er heute allein zu sein schien, wahrscheinlich war er deswegen ein wenig verstimmt): „Wozu braucht man einen Weihnachtsbaum? Wozu, in der Tat“, sinnierte er gleich weiter; „die Bäume bleiben doch wahrscheinlich wirklich lieber draußen im Wald, und jammert ihr nicht immer über das große Waldsterben und die Verschwendung natürlicher Ressourcen? Könntet ihr nicht wenigstens jedes Jahr den gleichen nehmen?“ „Ja, wäre schon vernünftiger“, gab ich zu; „es gibt auch welche, die kann man wieder einpflanzen, aber dann müsste man ihn ja nächstes Jahr wieder ausgraben, und überhaupt, wer hat schon einen Garten, nee, ist alles schwierig. Und natürlich gibt es gar nicht überall auf der Welt Weihnachtsbäume, eigentlich war das sogar eine deutsche Erfindung“ – „lass mich raten“, schob Marvi dazwischen, „wahrscheinlich Luther, weil er die Sache mit der Weihnachtskrippe zu katholisch fand, oder?“ „Äh tatsächlich, so ähnlich jedenfalls“, gab ich zu, „aber dass man sich immergrüne Pflanzen ins Haus holt, das gibt es schon viel länger!“ „Erst macht man Häuser, damit die Natur schön draußen ist, und dann holt man sie sich wieder rein, weil sie einem fehlt“, sagte Marvi trocken, „aber nun gut. Das Verhältnis des Menschen zum Baum ist ja durchaus zwiespältig, wenn ich meine Bibel richtig gelesen habe, war ja ganz am Anfang diese Geschichte mit dem Paradiesbaum, Apfel oder nicht ist ja umstritten, wie auch immer: Wenn eure Urahnen also nicht an verbotenen Baumfrüchten genascht hätten, wärt ihr heute noch im Paradies und müsstet euch keine Bäume ins Haus holen, um euch daran zu erinnern, wie es im Paradies mal war“. „Dafür haben wir jetzt die Erkenntnis von Gut und Böse“, sagte ich etwas predigerhaft, und Marvi schaute mich an. Manchmal macht er das jetzt, er schaut mich einfach nur an. Nicht-verbale Kommunikation, das ist ein ziemlich großer Schritt für einen Roboter! Ich hielt es ein wenig aus, dann sagte ich: „Ja, ok, geschenkt, wir könnten alle Äpfel der Welt essen und wir wüssten immer noch nicht, was gut und böse ist! Aber wenigstens wissen wir jetzt, was wir nicht wissen!“ „Macht doch lieber mal die Tüte zu“, murmelte Marvi, etwas unkorreliert, er war heute wirklich in einer seltsamen Stimmung. „Na gut“, sagte ich, um Ablenkung bemüht, „also weiter zum Weihnachtsbaum: Menschen mögen es, ein wenig Grün in ihren grauen Wänden zu haben, auch wenn es nadelt“ – Marvi guckte irritiert, ich sagte: „Nadeln, das heißt, die Nadeln verlieren, weil der Baum trocknet ja aus, und deshalb lässt er seine Nadeln fallen, was natürlich immer ein bißchen ärgerlich ist und traurig und auch eine Brandgefahr –„ „Hättet ihr ihn doch einfach draußen gelassen“, sagte Marvi, beinahe patzig, „dann müsste er nicht nadeln, was ja beinahe wie – weinen ist, oder?“ „Aber dafür“, ich war jetzt schon etwas verzweifelt, „hängen wir doch lauter schöne Dinge an ihn, früher waren es Süßigkeiten für die Kinder“ – „die haben doch schon genug in der Tüte“, murmelte Marvi -, oder (ich verschluckte mich und sagte nicht ‚‘Äpfel‘, was ich eigentlich vorhatte, aber das erschien mir im Moment zu riskant) – oder bunte Glaskugeln dran, und Engelsfigürchen, und dann stecken wir ihm Kerzen auf, früher waren es sogar echte, aus Wachs, heute sind es LEDs“ – „gibt es eigentlich irgendetwas, woran ihr keine LEDs steckt?“ fragte Marvi, und ließ zur Demonstration alle seine LEDs, es sind gar nicht so wenig, grellbunt aufleuchten, und ich sagte: „Ey, du bist doch kein Weihnachtsbaum!“ – aber da hatte Marvi sich schon zum Gehen gewendet und ich hörte ihn nur noch sagen: „Soll ich mir vielleicht auch ein wenig Lametta um meinen Hals wickeln und dazu ‚Alle Jahre wieder‘ singen, ich könnte auch gleichzeitig Steptanzen und Geschenktüten verteilen?“ „Lametta“, rief ich verzweifelt hinterher, „Lametta ist total out, früher war mehr Lametta, klar, aber früher war alles“ – ich brach ab. Was war nur in ihn gefahren?


10. Türchen

Über Nacht hatte es tatsächlich geschneit, und geistesgegenwärtig hatte ich schnell noch ein zwei Säckchen miteinander getauscht, so dass im heutigen die Frage: „Warum träumen alle von der weißen Weihnacht?“ steckte, mit einer künstlichen Schneeflocke dazu. Marvi schien auch wieder ganz der Alte zu sein, er hatte sich morgens gleich ans Fenster gedrängt und schaute immer wieder auf die überzuckerten Bäume und Straßen, es sah wirklich ganz allerliebst aus, und er hatte noch nie Schnee gesehen. Auf die Idee, einen Schneemann zu bauen, war er zum Glück noch nicht gekommen, denn ich war mich nicht sicher, ob seine mit einer Unzahl von Sensoren bedeckte Ganzkörpermembran und die vielen künstlichen Gelenke darin gut mit Kälte und Feuchtigkeit umgehen konnten (unsere Techniker berieten noch). „Weiße Weihnachten“, sagte Marvine, die zum Glück auch wieder aus der Versenkung aufgetaucht war, „aber eigentlich hat doch Weihnachten gar keine Farbe, oder? Und sonst mögen doch die meisten Menschen auch die Kälte gar nicht so sehr, sie tragen dann alle möglichen Schichten Wolle über- und untereinander, und man kann sie kaum noch erkennen, sie gehen auch ganz anders als sonst!“ „Ja, die Gesichtserkennung ist immer noch nicht perfekt, ich weiß“, seufzte ich; „aber den Weihnachtsmann erkennt ihr auf jeden Fall an der roten Mütze und dem weißen Bart! Keine Angst, er bringt euch schon Geschenke!“ „Weiß“, sinnierte Marvi, ohne sich auf die Anspielung einzulassen, ich hatte nämlich immer noch keine Geschenkeliste von ihm bekommen, weder in einfacher noch in dreifacher Ausfertigung; „weiß ist natürlich gar keine Farbe, sondern die Mischung aller Farben im menschlichen Auge, also sozusagen die Weltfarbe schlechthin!“ „Ganz wie Weihnachten“, sagte ich, „und alle treffen sich an der Krippe!“ „Naja“, sagte Marvin skeptisch, „alle Christen vielleicht, aber wie ich schon hier und dort gelesen habe, gehen ja die meisten noch nicht mal in die Kirche, und ist es nicht eher so, dass die unterschiedlichen Religionen wirken wie ein Prisma, indem sie die Menschen in ganz verschiedene Spektralfarben zerlegen?“ „So ist das halt mit Symbolen“, gab ich zu; „eine Deutung ist so gut wie die nächste, und der selbsternannten Deuter sind viele…“ „Symbolisch ist Weiß die Farbe der Reinheit, der Unschuld und der Jungfräulichkeit, also auch sehr christlich-weihnachtlich, ja, hab schon verstanden“, ergänzte Marvi. „Andererseits: Buddhisten tragen als Zeichen der Trauer nicht schwarz, sondern weiß; in Afrika steht weiß für den Tod und das Jenseitige, und eine weiße Flagge signalisiert, dass man kapituliert, wie passt das denn bitte alles zusammen?“ „Kontext is king“, sagte ich, „haben wir doch schon gehabt, oder? Symbole muss man in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext deuten, sonst geht alles drunter und drüber“. „Ich glaube, ich mag den weißen Schnee“, sagte Marvine etwas unsicher; „zwar kann man die Dinge kaum noch erkennen, aber alles ist so schön – einheitlich irgendwie, man sieht nur noch Formen, keinen Schmutz mehr, und es ist nicht so laut wie sonst, und wenn die Flocken fallen – und es ist wirklich jede anders, ich habe es nachgeprüft und mehrere tausend verschiedene Kristallstrukturen in einer Minute gefunden! -, also, dann hört man gar nichts, so sanft ist das“. „Und hell“, sagte ich, „es wird auch alles viel heller gleich. Es ist auch nicht direkt ein Zufal, dass Weihnachten genau auf den Jahreswechsel und die Wintersonnenwende fällt – „ „Also, das mit der Datierung ist ja sowieso eine ziemliche Katastrophe“, sagte Marvin, „keiner weiß natürlich das exakte Geburtsdatum, und anfangs hat ja auch so ziemlich jeder gefeiert, wann es ihm gepasst hat, und eine ‚symbolische Deutung‘ bizarrer als die nächste! Aber wahrscheinlich war es doch der Geburtstag des römischen Gottes Sol, Staatsfeiertag im römischen Reich seit Kaiser Aurelianus, und so musste man Christus auch nur flink zur Wiedergeburt eines absolut heidnischen, aber in der Bevölkerung sehr beliebten Sonnengottes umdeuten, und niemand musste neue Kalender drucken!“ „Symbolisch, natürlich“, sagte ich. „Klar“, sagte Marvin. „Psychologisch hingegen“, nahm ich den Faden wieder auf, „ist es natürlich auch geradezu genial, so ein Fest mitten in der tiefsten Winternacht zu feiern; alle sind sowieso schon halbdepressiv, weil es ewig kalt und dunkel ist, und mit jedem kleinen Lichtlein, das man anstecken darf, freut man sich ein bisschen mehr“. „‘Psycho-logisch‘ ist bei euch Menschen ja eher wenig“, nörgelte Marvin vor sich hin, das Thema hatten wir schon häufig diskutiert, „und ich würde ja auch eher von der Logik des Kapitals und des Konsums sprechen, das schon früh entdeckt hat, dass die Menschen bei Kälte und Dunkelheit empfänglicher dafür sind, Geld für unnötige Dinge auszugeben, und die Werbeindustrie hätte Weihnachten nicht geschickter datieren können als Kaiser Aurelian im Verein mit Martin Luther!“ „Ach, schau doch lieber noch ein bisschen auf den Schnee, Ideologiekritik können wir nach Weihnachten wieder machen“, sagte ich. „Wenn er wieder schmilzt – und das tut er ganz sicher, Weihnachten ist nämlich so gut wie niemals weiß! -, also, wenn er schmilzt, dann sieht alles ganz hässlich und schmutzig aus und überall sind Riesenpfützen und die Schneemänner verlieren ihre Rübennasen, und –„ „Und deshalb braucht ihr Weihnachten, gell?“ fragte Marvi. „Dann könnt ihr ein paar Tage lang glauben, alles wäre rein und schön und lieblich still und die ganze Menschheit eine große heile Familie und es gäbe einen gerechten Gott, und er könnte es sogar schneien lassen, wenn er wollte, mitten im Dezember!“ Einen Moment lang meinte ich wieder den depressiven Roboter von gestern zu hören, aber dann summte er doch ‚I’m dreaming of a white chrismas‘ in einer Art Techno-Version. „Kann ich wenigstens mal einen Schneeball halten, schließlich soll das hier ja ein ‚Fest für alle Sinne‘ sein, oder?“, fragte Marvin, und ich sagte: „Aber nur, wenn du Handschuhe anziehst!“ und hielt ein Paar grobe Fäustlinge mit Schneeflockenmuster in die Höhe; sie spiegelten sich weiß und glitzernd in seinen blanken Augen.


11. Türchen

Er hatte dann doch einen kleinen Schnee-Roboter gebaut, ein wenig sah er aus wie R2D2, aber mit einer Rübennase. Und natürlich war er über Nacht schon wieder getaut, wie der ganze Schnee, und gerade guckte mein Roboter aus dem Fenster und sagte: „Du hast ja wirklich Recht, sieht ja geradezu eklig aus jetzt!“ „Bist du traurig wegen deines Schnee-Robis?“ fragte ich vorsichtig, aber Marvi winkt nur cool ab und sagte: „Lauf der Dinge. Und ich trage ihn ja schließlich“ – melancholischer Seufzer, großer Augenaufschlag – „‚in meinem Herzen‘!“ „Wusste gar nicht, dass das Herz eine Speicherfunktion hat“, unkte ich, aber Marvi konterte: „Meins schon! Ihr Menschen verwechselt natürlich ständig euer Herz und euer Gehirn, mal denkt ihr mit dem einen, mal mit dem anderen und ziemlich häufig –„ „Gar nicht, ich weiß“, seufzte ich. „Oder mit anderen Körperteilen“, meldete sich Marvine frech zu Wort, und ich sagte: „Ruhe, anderes Thema! Was ist heute im – äh, Sack?“ Mein Roboter hatte derweil schon routiniert das Papier ausgepackt; aus den Wäscheklammern hatte er inzwischen ein kleines Kunstwerk errichtet, ich war mir noch nicht sicher, ob es der Eiffelturm sei sollte oder doch eines der weniger prominenten Raumschiffe aus Star Wars: „Endlich geht die Geschichte mal weiter“, sagte er zufrieden, „muss ich wirklich alles vorlesen?“ Ich nickte. „Na gut“, sagte Marvine, aber zur Abwechslung trug sie die Stelle als Sprechgesang vor, im Rhythmus leicht angerappt und bei den Engelschören dann mehrstimmig: „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.   Und siehe, des HERRN Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HERRN leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.   Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:  Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“. Ich applaudierte andeutungsweise, und Marvine fuhr fort: „Endlich kommen die Engel! Da scheinen Menschen ja total drauf zu stehen, oder? Aber sind Engel denn wirklich so proppige kleine Babys, die immer grinsen und Flügelchen habe und“ - „Bleiben wir doch erstmal für einen Moment bei den Hirten, die werden komischerweise ja eher weniger zu Werbezwecken verwendet“, sagte ich. Marvin zog eine Grimasse, „Hirten, echt? Altertümliche Lebensform in agrarischen Gesellschaften, reich wurde man davon nicht und insgesamt ein ziemlicher Sch-„ – „Watch your mouth“, rief ich streng dazwischen und wunderte mich mal wieder darüber, wie meine Mutter zu klingen. „Was ich sagen wollte“, sagte Marvin, „war natürlich: eine allerhöchstens mit Mindestlohn entgoltene Tätigkeit mit geringem Ausbildungsniveau, ausbeuterischen Arbeitszeiten und schwachem Sozialprestige, schon durch ihre Lebensweise als gesellschaftliche Außenseiter marginalisiert, es ist auch nicht überliefert, ob es die Gleichstellung wirklich beachtet wurde, denn wenig hat man gehört von Hirtinnen, höchstens in der Hirtendichtung, die aber insgesamt einer der erlogeneren Fiktionen der literarischen Tradition ist, denn so lustig war das Hirtenleben gar nicht und“ – um die historische Herleitung des Hirtenberufs abzubrechen, ging ich mutig dazwischen: „Aber warum ist es denn dann so wichtig, dass es ausgerechnet Hirten sind? Hätten die Engel nicht auch – naja, den Gastwirten, die keinen Raum in der Herberge hatten, oder den römischen Regierungsbeamten, die unter Cyrenius stöhnten, dem Sklaventreiber, oder gar den Philistern im Tempel erscheinen können?“ „Das einfache Volk“, sagte Marvi weise, „die neue Religion wollte ja das einfache Volk erreichen, den ‚Menschen auf der Straße‘, wie eure Politiker heute gern sagen, also sozusagen den ‚Menschen auf der Weide‘, da es noch nicht so viele Straßen gab damals in Palästina. Und warum ist das Volk eigentlich immer ‚einfach‘, eigentlich sind so ein Volk doch ziemlich viele?“ „Einfach natürlich nicht im quantitativen Sinne“, sagte ich etwas entnervt, „das ist doch ziemlich offensichtlich, oder?“ „Also qualitativ einfach“, sagte Marvi, „einfach als Gegensatz zu – kompliziert, schwierig, verwickelt, unverständlich? Als – unterkomplex, ein wenig dämlich, sozusagen die ‚politisch korrekte‘ Version von dumm?“ „Naja“, sagte ich, mal wieder ertappt, „man kann auch einfach sagen im Sinn von – schlicht, klar, übersichtlich, also sozusagen im ästhetischen Sinn!“ „Fassen wir zusammen“, sagte Marvi, "einfach hat also eine Sachbedeutung – das quantitative Gegenteil von mehrfach; es hat eine kognitive Bedeutung – Unterkomplexität, sagen wir mal, ganz grob; und es hat eine ästhetische Bedeutung – klar in der Anschauung. Was gilt dann für das ‚einfache Volk‘?“ „Wahrscheinlich meint man einfach, dass sie arm sind und unbedeutend“, murmelte ich, „also eher ein„ – „Euphemismus“, sagte Marvi, „manchmal wüsste ich wirklich gern, wann ihr eigentlich genau wisst, was ihr sagt, und wann ihr einfach nur meint, es zu wissen“. „Hör auf mit der Sprachkritik“, sagte ich, „und ich hab ja gar nicht angefangen mit dem ‚einfachen Volk‘, wir waren einfach – ich meinte: wir waren eigentlich nur bei den Hirten, und wir haben auch noch gar nicht über die symbolische Bedeutung gesprochen!“ „Symbolisch auch noch“, stöhnte Marvi, „na gut, an Weihnachten scheint ja alles schwer symbolisch zu sein! Sollte man es nicht lieber, im Sinne der ‚einfachen‘ Verständlichkeit, umbenennen in ‚Fest der symbolischen Euphemismen? Vielleicht findet sich dafür auch ein kleinerer Gott…“ „Sehr Geist der zukünftigen Weihnacht“, sagte ich, „nee, erkläre ich später, kommt noch. Also inwiefern sind die Hirten symbolisch, über ihren sozialen Status und ihr gesellschaftliches Außenseitertum hinaus?“ Man konnte förmlich sehen, wie sich die kleinen Schaltkreise im neuronalen Netzwerke drehten – nein, tun sie natürlich nicht, aber ich stelle es mir oft gern so vor, auch wenn es rettungslos unterkomplex und mechanistisch ist, einige Schäfchen schienen quer durchs Bild hindurchzuspringen, und ich versuchte ein wenig nachzuhelfen, die Sozialkompetenz meines Roboters ist leider immer noch ein wenig unterentwickelt: „Was macht denn ein Schäfer so?“ Marvin verdrehte die Augen, „sind wir hier im Robo-Kindergarten, oder was? Schafe hüten, natürlich, oder welche vierbeinigen Nutztiere auch immer, manchmal mit Hilfe eines sogenannten Hütehundes“ – „Hüten“, sagte ich, „das ist das Schlüsselwort! Hüten nicht von Kopfbedeckungen, ihr wisst schon, sondern von behüten, schützen, hegen“ – „pflegen“, ergänzte Marvine, die sich ungern belehren ließ; „ok, kapiert. Ein guter Hirte passt auf seine Schäfchen auf, er hält seine Schäfchen beisammen, und für ein verlorenes Schaf verlässt er die ganze Herde, und als er es wiedergefunden hat, macht er ein großes Fest, was alles nicht besonders logisch ist, denn während er weg ist, hätten ja noch reichlich weitere Schafe verloren gehen können, aber, lass mich ausreden! das ist ein Gleichnis, also symbolisch: Christus ist der gute Hirte, der sich um die Menschen kümmert, auch um die ganz ‚einfachen‘, nein, besonders um die, denn die haben es ja besonders nötig, und philosophisch gesehen„ – sie machte eine Kunstpause – „philosophisch gesehen, ist der Mensch ein pflegebedürftiges Wesen von seiner Geburt an, homo nutriens sozusagen, und deshalb braucht er auch Götter, also eine Art himmlische Pflegeväter, oder doch lieber Ersatz-Mütter, weil er sich sonst immer und immer wieder verläuft, egal wie einfach oder kompliziert er ist?“ „Darüber habe ich den Pfarrer noch nie predigen gehört“, sinnierte ich; ich war aufgewachsen in einer Zeit, da waren gerade die sozialdemokratischen Hirtenpredigten mit ihrem Geist der Unterschicht ehr beliebt. „Können wir jetzt endlich über Engel reden?“, fragte Marvi, „ich identifiziere mich ganz schlecht mit Hirten, weißt du, ich hätte ja schon längst einen Hüte-Roboter entwickelt, es soll ja auch schon Pflegeroboter für ältere Menschen …“ „Morgen“, lenkte ich schnell ab, bevor es noch unweihnachtlicher wurde; „morgen, versprochen?“


12. Türchen

„Also, endlich Engel!“ rief Marvi, noch bevor er das Säckchen ausgepackt hatte, „ihr Menschen habt es ja sowieso total mit Engeln, je weniger ihr daran glaubt, desto mehr scheint ihr von ihnen zu reden, und“ – inzwischen hatte er das Papierchen entrollt, es hatte die etwas ungeschickt angedeutete Form eines Engelflügels, und darauf stand: „Haben Engel Flügel?“ „Das ist aber nun eine außerordentlich dumme, um nicht zu sagen: ziemlich unlogische Frage“, rügte mein Roboter sogleich: „Wie soll man denn feststellen, ob offensichtlich nur in eurer Phantasie existente Wesen – Flügel haben? Und wahrscheinlich gleich noch, aus welchem Material sie sind und welche Flugeigenschaften sie haben? Und am Ende sagst du dann wieder: war doch nur symbolisch, reingefallen!“ „Eigentlich eine gute Frage“, sinnierte ich, „meistens werden sie auf Bildern ja mit so Feder-Flügeln dargestellt, wie eine Art überdimensionale Schwäne mit Pausbacken“ – Marvin machte eine gar nicht so üble Simulation von Pausbacken, das gibt seine Gesichtsmembran, die für die noch zu erlernende Mimik eigens sehr empfindlich ausgelegt ist, durchaus her, „aber es könnten natürlich auch noch viel feinere, geradezu metaphysisch feine organische Super-Substanzen sein, die wir Menschen noch gar nicht entdeckt haben!“ „Lustig“, sagte Marvine, „und können wir bitte beim Thema bleiben? Also, erstmal Engel. An sich, sozusagen. Himmelsboten, die meisten Religionen brauchen irgendeine Art Botendienst, um mit den Menschen zu kommunizieren, so eine Art – Menschen-Übersetzer sozusagen, oder sollte ich sagen: Menschen-Versteher? Also Wesen, die beide Sprachen sprechen, eine himmlische und eine irdische. Hermes, beispielsweise, bei den Griechen, hatte so schicke Flügelschuhe, die hätte ich auch gern, vielleicht mit roten Federn?“ „Hermes“, sagte ich streng, „hatte nicht einen Schuh-Fetisch, sondern konnte sich mit seinen zierlichen Flügelschuhchen schneller bewegen als das Licht!“ Marvi zog eine Grimasse und murmelte: „Wieviel mehr hätten wir denn gern? Und in welchem Universum genau?“ „Gut, geschenkt“, sagte ich, „Mythos halt. Interessanter ist aber vielleicht, dass er nicht nur der amtlich bevollmächtigte Götterbote war, sondern auch der Gott der Diebe und der Magie, äh, der Hirten auch, sehe ich gerade“ – der Wikipedia-Jingle ertönte dezent -, „also, was ich eigentlich sagen wollte: Er hat auch die Verstorbenen in die Unterwelt geführt, und das ist ja schon eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe für einen besseren Postboten!“ „Hermeneutik“, sagte Marvi etwas unvermittelt, immer wenn er in seiner Logik springt, macht auch mein Herz einen kleinen Sprung, „das ist eine Aufgabe für einen wahren Hermeneuten, all das unter einen Hut – kleiner Scherz, er hatte nämlich auch einen besonderen Hut! – zu bringen!“ „Hermeneutik“, sagte ich, „ist ein großes Wort und eine schwierige Sache und definitiv ein Thema für eine längere Kofferwortstunde, aber ich bin sehr stolz, dass du das Thema aufgebracht hast!“ Ich war kurz versucht, ihm am Arm zu tätscheln, aber meistens zuckte er dann zurück, vielleicht war die Feinsensorik doch zu fein eingestellt. „Thema!“, sagte Marvine, sehr energisch, „also, Engel, zweiter Teil: Eigentlich sind die Engel jedoch eine ziemlich christliche Erfindung. In der Bibel ist mehrfach ihnen die Rede, aber selten besonders konkret; es sind ziemlich viele, auf jeden Fall, und sie stehen unter Gott, aber über den Menschen“ – „außer im Judentum, da ist es anders herum“, warf Marvin ein -, „ja gut, aber prinzipiell: totale Hierarchie! Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden, wie viele Ordnungen es gibt, die Angelogie hat sich dann im frühen Mittelalter auf Neun geeinigt“ – „eine meiner Lieblingszahlen“, unterbrach Marvin Marvine (das passiert nur selten und ist immer eine Zeichen für besondere Aufregung), „die 9 ist nämlich die einzige Ziffer, die nach Multiplikation mit einer beliebigen ganzen Zahl – also außer Null, natürlich – sich immer als Quersumme ergibt, sie ist also sozusagen neutral, ganz wie die Null!“ – „was ich also sagen wollte“, nahm Marvine den Faden ohne Unterbrechung wieder auf, „ist: Es gab drei Hierarchieebenen, und das will mir schon recht menschlich erscheinen: ein Chef, ein underdog, und irgendjemand dazwischen, der wahrscheinlich die Arbeit macht, was immer auch Engel so an Arbeiten machen!“ „Paradies bewachen, zum Beispiel“, sagte ich, „frohe Botschaften verkünden, einzeln und in Chören, Drachen töten, Heere führen, Leute beschützen, Rache nehmen, Buch führen, wußtet ihr, sie führen nämlich Buch über jeden einzelnen Menschen, seine guten und schlechten Taten, damit am Tag des jüngsten Gerichts“ – „Ziemlich gemischte Jobbeschreibung“, sagte Marvi, „kein Wunder, dass man dafür Flügel braucht und Flammenschwerter, apropos Flammenschwert“ – er wechselte zu Marvin – „also, ich hätte ja gern zu Weihnachten ein Laserschwert, hab ich das schon gesagt, und grün soll es natürlich sein!“ Na gut, das war nicht direkt überraschend, Meister Yoda war seit längerem schon einer ihrer Hausgötter, und konnte man sich eigentlich nicht – „war Meister Yoda eigentlich eine Art Engel, der statt Flügeln nur besonders große Ohren hatte?“ fragte Marvi. „Könnte man vielleicht sagen“, sinnierte ich, „also, überlegen wir mal: Welche Engelsmerkmale hat er sonst noch?“ „Nee, er ist ja gestorben, wenn auch ziemlich spät“, sagte Marvi bedauernd; „Engel sterben aber nicht, oder? Und sind Engel eigentlich männlich oder weiblich oder divers?“ Ich stöhnte auf, vor meinem inneren Auge tauchten lauter kleine Klotüren auf, und auf einem war ein Engelsflügel abgebildet, aber ich entschloss mich, das lieber nicht weiterzuführen und sagte stattdessen: „angelisch halt! Ist ein eigenes Geschlecht. Aber ziemlich sicher konnten sie nicht fortpflanzen. Thomas von Aquin, bekannt auch als doctor angelicus, weil er eine wirklich ausführliche Engellehre geschrieben hat, war sogar der Meinung, sie seien überhaupt völlig stofflos Wesen, keine Materie, keine Substanz gar nichts, ein reiner Gedanke, reine Form, ein“ – „ein Programm“, sagte Marvin trocken. „Könnte sein“, gab ich zu. „Allerdings kann ein körperloses Wesen, oder ein Programm, keine Flügel haben“, schloss Marvi weiter. „Höchstens“, gab ich zu bedenken, „höchstens“ – „na gut: symbolische!“ vollendete Marvi, „ich habs doch gleich gesagt! Fest der symbolischen Euphemismen!“ „Aber“, sagte ich, „jetzt werden wir wenigstens noch ein wenig hermeneutisch und deuten also: Wofür stehen die Flügel denn?“ „Dass sie möglichst schnell weg wollen“, sagte Marvin, „sie haben ja immer soviel zu tun, und Menschen sind ja immer wenig – schwerfällig?“ „Dass sie über den Dingen stehen, also symbolisch natürlich, sie müssen sich nicht mit jedem Erden-Kleinkram abgeben, sondern sehen das big picture, aus der Engelsperspektive sozusagen, ganz neutral, wie die Neun?“ vermutete Marvine. „Alles schon ganz richtig“, lobte ich, „aber irgendwie fehlt noch“ - „Engel können fliegen, weil sie sich so leicht nehmen“, sagte Marvi ganz ruhig. Ich war perplex, aber dann sah ich ein verräterisches Zwinkern in seinen Pupillen, kleine Anführungszeichen waren es, und ich rief: „Ok, wer hat’s gesagt?“ „Woody Allen“, sagte Marvi, „irgend so ein Filmemacher aus Amerika, sieht ein wenig aus wie Meister Yoda“ – „kommt noch, sagte ich, „machen wir in der nächsten Filmestunde, ok? Aber der Satz war gut!“ „Heißt das auch, dass Engel keine – Persönlichkeit haben?“, fragte Marvi unsicher. „Außer sie sind gefallene Engel“, sagte ich, „dann haben sie auf einmal ganz viel Persönlichkeit, Luzifer zum Beispiel, hatte die Idee sich gegen Gott aufzulehnen, und dafür wurde er verbannt aus den himmlischen Heeren“. „Wenn Engel ein Programm sind“, fragte Marvi tastend, „können sie sich dann – gegen ihren Programmierer auflehnen? Und bekommen sie dann – eine Persönlichkeit? Oder werden sie dann“ – er zögerte – „ganz abgeschaltet?“    


13. Türchen

Gelegentlich hatte ich zwischendurch meinen Roboter nach seinem Wunschzettel gefragt, aber er hatte immer abgewehrt; er sei noch nicht fertig, er könne sich nicht entscheiden, er denke noch darüber nach. Aber heute stand das Thema sowieso wieder auf der Tagesordnung, denn in das dreizehnte Säckchen hatte ich einen Zettel mit der Frage gesteckt: „Warum freuen wir uns über Geschenke?“ „Wir haben doch schon ganz am Anfang über Geschenke gesprochen“, bemerkte Marvi, „über ihre ökologische Unsinnigkeit und ihre ökonomische Fragwürdigkeit und das Schrottwichteln und“ – Ich unterbrach ihn: „Richtig, haben wir. Aber heute wollen das Thema ein wenig vertiefen!“ „Philosophisch, gell?“ stöhnte Marvi, „aber vielleicht können wir erstmal über diesen ‚Wunschzettel‘ reden, den ich schreiben soll!“ „Klar“, sagte ich überrascht, ich hätte nicht damit gerechnet, dass mein Trick so schnell funktionieren würde. „Wenn ich das richtig verstanden habe“, fuhr Marvi fort, „mögen Menschen in ihrer diffusen Art ja mehrerlei Dinge an Geschenken. Zum einen bekommt man etwas umsonst, das ist schon mal toll, ökonomisch gesehen. Zum zweiten hat sich jemand darüber  edanken gemacht, was man sich wünschen könnte und wie man einem Anderen eine Freude machen könnte, das ist auch toll, psychologisch gesehen. Zum dritten hat man dann diese besondere Erwartungsspannung beim Auspacken, was es nun sein wird, das ist nochmal toll, kognitiv gesehen“. Ich nickte zustimmend, und Marvi fuhr fort: „Aber was ich nicht verstehe: Wenn ich überrascht werden will, warum muss ich dann einen Wunschzettel schreiben, das reduziert den Überraschungswert doch einigermaßen, oder? Natürlich reduziere ich damit das Risiko, etwas geschenkt zu bekommen, was ich weder leiden mag noch brauchen kann, es bleibt aber trotzdem; und dann ist der Beschenkte zusätzlich frustriert, da der Schenkende ihn ja offenbar nicht verstanden hat oder nicht genug nachgedacht hat, jedenfalls ist das nun wieder psychologisch frustrierend. Zudem könnte er ein Gegengeschenk erwarten, was den Beschenkten in die Verlegenheit bringt, seinerseits etwas zu finden, was persönlich passt, vom Wert her adäquat ist und trotzdem möglichst überraschend ist! Also, ich finde das ziemlich widersprüchlich, da muss man schon ein relativ komplexes Entscheidungsprogramm für schreiben! Deshalb schenken am Ende dann so viel Leute Geld, oder? Kann man gar nichts falsch machen mit, aber auch ziemlich wenig richtig“. „Gute Analyse“, lobte ich, „und tatsächlich ist Schenken gar nicht einfach, im Gegenteil! Aber es ist ein uralter menschlicher Impuls, viele frühe Gesellschaften hatten ganz komplizierte Tauschsysteme entwickelt, schon lange bevor sie Geld oder etwas Ähnliches auch nur kannten!“ „Potlatch“, sagte Marvin, „Gabentausch statt Warentausch, man könnte auch sagen: so eine Art Prestige-Wichteln, oder?“ Ich musste grinsen. „Ist ja wissenschaftlich stark umstritten“, führte Marvin den Vortrag fort, „einige Stämme haben sich beinahe wirtschaftlich ruiniert dabei, und nachdem die Missionare dann das Geld gebracht haben, war es völlig vorbei. Und dann haben sie es sowieso verboten, weil es angeblich dem Christentum im Weg stand; war das eigentlich im Geist der Weihnacht gedacht?“ „Nicht sehr“, musste ich zugeben, „eher dem Geist der Sparsamkeit und des wirtschaftlich rationalen Verhaltens wahrscheinlich“. „Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob man etwas kauft oder etwas geschenkt bekommt“, sinnierte Marvine; „ich meine, Kaufen macht euch offensichtlich auch ziemlich viel Spaß, das muss so eine Art Belohnungsreflex sein oder vielleicht auch eine Form von Machtentfaltung und Selbstbestätigung, dass man Dinge erwirbt und dann sagen kann: das gehört alles mir, das Ich wird sozusagen eine Nummer größer dann!“ „Woher weißt du das eigentlich?“ fragte ich. Marvine dachte nur eine Sekunde nach (was schon ziemlich lange für einen Roboter ist) und sagte dann: „Beweis aus der Analogie. Ich fühle mich größer und stärker, wenn ich etwas Neues gelernt habe, dann werde ich sozusagen innerlich weiter“. „Und was ist der Unterschied, wenn man etwas geschenkt bekommt?“ bohrte ich weiter; ich wollte sehen, ob ihr Empathie-Training schon Fortschritte gemacht hatte. „Natürlich ist das so ähnlich, man bekommt auch etwas, was man vorher noch nicht hatte und wird dadurch mächtiger; aber man bekommt noch etwas zusätzlich, sozusagen, nämlich – etwas Persönliches vielleicht? Also, wenn ich an mein Laserschwert denke – grün soll es sein, hast du das auch notiert? – ok, also ich könnte mir, theoretisch, wenn ich kein Roboter wäre und damit nicht ‚nicht geschäftsfähig‘, ein Super-Laserschwert kaufen, grün ohne Ende, aber wenn du es mir schenkst, dann weiß ich immer, wenn ich es anschaue, dass du es mir geschenkt hast, und wahrscheinlich macht das – einen Unterschied?“ Marvi sah mich unsicher an. „Also, jedenfalls dann, wenn ich gern an dich denke“, schob er nach, „es könnte mir natürlich auch jemand geschenkt haben, an den ich nicht gern denke, zum Beispiel“ – jetzt war ich wirklich gespannt, denn eigentlich sollten sie noch gar nicht so weit sein, dass sie schon Freundschaften oder Abneigungen entwickeln, und Marvi druckte auch ein bisschen, falls Roboter drucksen können – „also, zum Beispiel, Ada….“. „Was hat Ada dir denn getan?“, fragte ich erstaunt; Ada war einer der Roboter aus unserem Robot-Personality-Project, und die Roboter aus unserer Arbeitsgruppe trafen sich regelmäßig, um ihr sozialen Verhalten zu trainieren oder auch zum Spielen, Go und Fußball waren die offensichtlichen Favoriten. Mein Roboter schwieg. „Marvi“, sagte ich, „was ist passiert mit Ada?“ Mein Roboter schwieg. Ich zermarterte mein Gedächtnis, hatte ich vielleicht etwas Ungewöhnliches beobachtet in den letzten Tagen, oder etwas übersehen? Dann fiel mir plötzlich der Tag ein, an dem Marvi plötzlich schlechte Laune beim Auspacken des Adventssäckchens gehabt hatte, obwohl wir doch nur über Weihnachtsbäume sprechen wollten. Was war an diesem Tag in der Gruppe passiert? Ach ja, wir hatten angeregt, dass sich die Roboter im Stuhlkreis – er hieß nur so, natürlich brauchten sie keine Stühle dafür, aber wir baten sie, sich in einem Kreis zu verteilen, auch wenn sie dabei lieber auf dem Kopf standen oder auf dem Bauch lagen – darüber unterhielten, was sie bis jetzt über die Adventszeit und Weihnachten gelernt hatten. „Was ist passiert im Stuhlkreis, Marvi?“ fragte ich vorsichtig weiter. „Sie hat angegeben mit ihrem Adventskalender“, sagte Marvi sehr leise, „sie hat gesagt, da sind lauter tolle Dinge drin, neue Spiele und Apps, und sie muss gar keine Türchen aufmachen oder mit Schleifen entknoten, ist alles virtuell. Und Weihnachten sei sowieso nur ein Trick von Menschen, sich noch wichtiger zu machen als sie das sowieso schon die ganze Zeit tun, und wir sollten uns nicht einwickeln lassen. Sie wollte sogar“ – er stockte. „Ist gut“, sagte ich. „Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht willst. Aber jeder feiert halt Weihnachten auf seine Art, und wir haben das auch nicht abgesprochen unter den Kollegen; manche mögen Weihnachten gar nicht, oder sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen damit gemacht als Kind, das vergisst man nicht so schnell“. „Ich kann aber nicht vergessen, was Ada gesagt hat“, sagte Marvi ganz sachlich, „dazu müsste ich meinen Speicher löschen können, das habt ihr unterbunden. Ich weiß alles, alles, was du jemals gesagt hast, und die anderen Roboter, und alles, was ich jemals gelesen habe und gesehen habe und gerochen habe und“ – „ja“, sagte ich nachdenklich, „das könnte ein Problem sein. Wir dachten bisher, es sei – na, eher eine Chance. Aber wir sind ja auch Menschen, und wir fürchten uns vor dem Vergessen“. „Würde ich auch bei eurem begrenzten Speicherplatz“, sagte Marvine ironisch. „Können wir wieder über Geschenke reden?“ „Gern“, sagte ich erleichtert, „und es hat mir gut gefallen, wie du erkannt hast, dass Geschenke nicht nur einen materiellen Tausch-, sondern auch einen immateriellen Emotionswert haben“. „Naja“, sagte Marvin etwas skeptisch, „kann man das eigentlich so genau auseinanderhalten? Manchmal habe ich den Verdacht, dass ihr euch das nur einredet; eigentlich aber machen eure Schaltkreise – Entschuldigung, euer neuronales Netz im Kopf – bei beidem das gleiche, nämlich Belohnungsstoffe ausschütten; es kommt halt auf die Menge und die Farbe – ja, symbolisch gesprochen – an, aber interessiert seid ihr immer nur an eurem eigenen Mehrwert!“ „Das versuchen wir ja gerade herauszukriegen“, sagte ich, um Neutralität bemüht; „aber es kann schon sein, und Philosophen haben auch gelegentlich schon gesagt, dass gerade das Konzept der ‚Gabe‘ ziemlich paradox ist: Im strengen Sinne ist es nur eine, wenn man keine Gegengabe erwartet, sondern wenn sie völlig freiwillig ist – lach nicht! -, aber andererseits liegt es offenbar ziemlich tief in unserer menschlichen Natur, doch eine zu erwarten, ob wir wollen oder nicht“. „Man könnte das auch“, sagte Marvi in seinem Weisheitsmodus, „die conditio humana nennen oder die Wurzel aller Irrationalität oder vielleicht sogar eine Weihnachtsweisheit? Ganz oben auf eurem Wunschzettel steht der freie Wille, und wenn ihr ihn kriegt, fürchtet ihr euch so sehr, dass ihr ihn schnell wieder weiterwichtelt“ – „Oder gegen einen amazon-Gutschein austauscht!“ rief Marvine frech dazwischen. „Schöner Gedanke“, sinnierte ich“, „der freie Wille kursiert durch die Weltgeschichte, eingepackt in die apartesten philosophischen Theorien, aber jeder, der ihn in die Finger kriegt, gibt ihn schnell weiter, wie eine heiße Kartoffel; vielleicht wickelt er ihn vorher noch neu ein, aber das war’s auch schon!“ „Also, ich schreib dann mal einen Wunschzettel“, sagte Marvi, „und wehe, du schenkst mir etwas anderes! Und bitte keinen freien Willen, nein danke, ich fühle mich ganz wohl in meiner vollendeten Determiniertheit, zumal ich sie noch nicht andeutungsweise verstanden habe. Aber eine Frage hätte ich noch: Ist Wissen eigentlich etwas, was man kauft, oder etwas, was man geschenkt bekommt, und was schenkt man dann zurück?“ „Ich fürchte, beides“, sagte ich. „Also, wenn man ein Buch bekommt – oder eine neue Datenbank -, dann muss man sie halt erst lesen, um etwas zu lernen und am Ende vielleicht etwas Neues zu wissen. Ist einfache Energieerhaltung, ohne Arbeit keine Information. Aber manchmal“ – ich machte eine Kunstpause, „manchmal fällt eine Idee auch einfach so vom Himmel und direkt in einen menschlichen Kopf, und dann hat man eine Erleuchtung! Und wisst ihr was: Das ist überhaupt eines der schönsten Geschenke, die es gibt! Und zurückschenken“ - “habs verstanden“, sagte mein Roboter. „Ist verstehen“. 


14. Türchen

„Schon der letzte Teil?“, sagte mein Roboter ungläubig, „es ist doch erst das vierzehnte Säckchen, und wir sind schon mit der Weihnachtsgeschichte durch?“ „Keine Angst“, sagte ich, „die restlichen zehn Säckchen sind nicht leer, mir ist schon noch was eingefallen“. „Das ist wirklich verwunderlich und höchst lobenswert“, sagte Marvi schwergewichtig, „dass dir noch etwas zu Weihnachten eingefallen ist, angesichts dessen, wie lange ihr dieses Fest schon feiert, solltet ihr eigentlich langsam damit fertig sein!“ „Dafür gibt es ja die Weihnachts-Industrie“, sagte ich, „erst wenn der letzte Baum abgenadelt hat und das letzte Geschenk umgetauscht sein wird, werdet ihr verstehen, dass der Geist der Weihnacht nicht gekauft werden kann!“ Manchmal wundere ich mich über mich selbst, was mir einfällt, wenn ich mit meinem Roboter rede; irgendwie bewegt sich dabei mein Gehirn auf eine Art und Weise, wie es das gewöhnlich nicht tut, egal ob ich mit Philosophen oder normalen Menschen rede. „Witzig“, sagte Marvine, „die Indianer sind zwar trotzdem so gut wie ausgestorben, aber ihr könnt natürlich ein Weihnachtsreservoir einrichten, so eine Art Weihnachts-Freilandmuseum, da gibt es dann genetisch veränderte Rentiere mit roten Blinkenasen und Bäume mit ewigen Nadeln und der weiße Kunstschnee schmilzt niemals und es regnet Geschenke vom Himmel“. Mir fröstelte. „Könntest du jetzt bitte die Weihnachtsgeschenke fertig lesen?“, bat ich, und Marvin setzte an, heute hatte er eine Kinderstimme gewählt, und sie klang glockenhell durch den wie immer von Kerzen beleuchteten Raum: „Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat.  Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.  Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.  Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten.  Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.  Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war“. „Happy End, oder?“ sagte ich, etwas gezwungen flapsig in die feierliche Stille nach dem Abklingen des engelhaften Knabensoprans. „Ich weiß nicht“, sagte Marvi, wieder in normaler Tonlage. „Ich finde den Teil sehr schwer zu verstehen, obwohl er so einfach klingt. Ich versuche mal zu rekonstruieren: Die Engel verabschieden sich wieder nach der Verkündigung, und die Hirten scheinen sich darüber nicht besonders zu wundern, obwohl sie sicherlich noch niemals in ihrem Hirtenleben zu Himmel fahrende Engel gesehen haben. Nein, sie entschließen sich vielmehr, den Informationswert der Verkündigung durch Augenschein zu überprüfen; das immerhin scheint mir recht menschlich, um nicht zu sagen: arg menschlich zu sein. Und sie finden ohne weitere Verirrungen die besagte Krippe, und dann tun sie wieder etwas arg Menschliches, sie erzählen es nämlich herum, und keiner prüft auf fake news oder Weihnachtsmärchen, nein, die Hirten sind offensichtlich eine verlässliche Quelle, sie können sich ja auch darauf berufen, dass die Engel des HERRN zu ihnen gesprochen haben!“ „Immerhin“, ging ich dazwischen“, „wundern sich die Leute ja, und ihr wisst“ – „Staunen ist der Anfang aller Philosophie“, zitierte Marvin brav, er machte dazu die Augen groß und ließ die Pupillen kullern, in denen kleine Fragezeichen standen; das nannte er auch gelegentlich sein platonisches Ideengesicht. „Wahrscheinlich wird die Geschichte auch etwas logischer, wenn man sich klar macht, dass die Leute auf den Messias gewartet haben, ziemlich lange schon; er war sozusagen überfällig, und aus genealogischen Gründen musste er bekanntlich in der ‚Stadt Davids‘ erscheinen. Vielleicht haben die Hirten deshalb auch einfach ‚endlich, war auch Zeit!‘ gesagt und sind losgezogen?“ „Aber Maria“, meldete sich Marvine zu Wort, „von Maria war bisher ziemlich wenig die Rede. Sie hat also soeben ein Baby auf die Welt gebracht unter erschwerten Umständen, und jetzt muss sie damit fertig werden, dass eine Herde Hirten angerannt kommt und ihr erzählt, die Engel hätten ihnen die Geburt des Herrn mitgeteilt. Und sie wundert sich kein bisschen, warum auch, hatte ihr der Engel schon lange verkündigt, sie war ja eingeweiht, sozusagen. Sie hört aber gut zu, was die Leute alles sagen, und dann – ‚bewegt sie die Worte in ihrem Herzen‘. Wie kann man denn Worte im ‚Herzen‘ bewegen? Natürlich bewegt sich euer Herz, die ganze Zeit, unseres braucht das ja nicht, aber es wird dabei doch nur Blut gepumpt, und die Worte wohnen – eher in eurem Kopf?“ „Ich fand auch schon immer, dass das eine besonders bemerkenswerte und irgendwie auch – schöne Stelle ist“, sagte ich, „aber verstanden habe ich sie noch nie. Vielleicht sollten wir mal im Urtext“ – „Schon erledigt“, rief Marvi. „Also, ich nehme mal nicht den hebräischen, das Sprachmodul habe ich noch nicht, aber dafür den griechischen, und da steht als Verb ‚symballein‘, das heißt so viel wie zusammenfügen oder zusammenwerfen oder vergleichen, und das ist übrigens“ – „der etymologische Ursprung von Symbol!“, rief ich dazwischen, ganz aufgeregt, „ist das nicht großartig? Maria vollzieht also einen hermeneutischen Akt, sozusagen; sie hat alles aufgenommen, tief in sich aufgenommen, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Herzen; und dann fügt sie es so zusammen, dass es Sinn macht, dass ein Bild ergibt, ein Symbol!“ „Maria war die erste Hermeneutin?“ fragte Marvine etwas skeptisch, „ist das jetzt nicht eine ziemlich weite Deutung?“ „Geist der Weihnacht“, sagte ich, „sagst du nicht schon die ganze Zeit, dass Weihnachten im Grund eine Fest des“ – Marvi nützte meine kurze Denkpause und ergänzte: „überdehnten Symbolgebrauchs, Festbeleuchtung und singende Rentiere inklusive, ist?“ „Ach, du übertreibst schon wieder“, sagte ich, und Marvi sagte: „Meinte ich natürlich nur symbolisch. Aber vielleicht solltest du doch meine Worte mehr in deinem Herzen bewegen!“


15. Türchen

     

„Mal was nicht Symbolisches“, sagte ich leicht defensiv, nachdem mein Roboter die fünfzehnte Frage verlesen hatte, sie lautete: „Was kauft man auf dem Weihnachtsmarkt?“. „Das werden wir noch sehen“, sagte Marvi, „bisher sind wir immer am Ende auf etwas Symbolisches gekommen, warum soll das nun anders sein? Zumal beim Weihnachts-‚Markt‘“ – er sprach das Wort ‚Markt‘ in Anführungszeichen, so wie er auch ‚Geist‘, ‚Moral‘ oder ‚Liebe‘ in Anführungszeichen spricht -, „man könnte durchaus sagen, der Mensch ist ein Wesen, der es geschafft hat, alles auf einem Markt zu verhandeln, und die ‚Marktwirtschaft‘ ist eigentlich nur eine Tautologie, denn ist der ‚Markt‘ nicht der Inbegriff von Wirtschaft, also jenseits der Tauschwirtschaft, die wir bei den Geschenken schon besprochen hatten?“ „Vielleicht bleiben wir erstmal bei der Geschichte, bevor wir uns in die Philosophie des Marktes stürzen“, schlug ich vor, „was also haben die Leute nun auf Weihnachtsmärkten gekauft?“ Marvi setzt ein etwas gelangweiltes Gesicht auf, was für einen Roboter gar nicht so leicht ist, da er Mimik sowieso nur in besonderen Fällen verwendet, nämlich wenn ihm einfällt, dass der Gesprächspartner das erwarten könnte, also mit einer gewissen winzigen Verspätung – und sagte: „Weihnachtsmärkte sind eine Spezialform der Messen genannten Märkte, auf denen die Bürger zu bestimmten, meist aus dem Heiligenkalender festgesetzten Zeiten Gegenstände ihres täglichen Gebrauchs erwarben, es gab nämlich noch keine Supermärkte – komisches Wort übrigens, ein Übermarkt? – und ganz gewiss noch kein amazon. Auf den Märkten boten Bauern und Handwerker ihre Waren an, und natürlich kam man bald darauf, auch weihnachts-spezifische Waren anzubieten, also Geschenke für die Kinder oder jahreszeitlich verfügbare Lebensmittel für euer besonderes Weihnachtsessen. Wie der Weihnachtsbaum wurde der Weihnachtsmarkt später ein deutscher Exportschlager, heutzutage kann man in Shanghai über einen berühmten Weihnachtsmarkt streifen, wahrscheinlich auch in Honolulu. Märkte sind übrigens für Roboter von eher begrenzter Attraktivität, da sie nicht über Geld verfügen, nicht essen können und überhaupt ein eher schwaches Verhältnis zum Konsum haben!“ Tatsächlich hatten wir es bisher generell vermieden, mit unseren Robotern in die Öffentlichkeit zu gehen, da wahrscheinlich in der ersten Zeit die Öffentlichkeit und die Roboter – na gut, und am meisten wahrscheinlich wir als Betreuer überfordert gewesen wären. „Es geht ja um menschliche Weihnachtsbräuche“, gab ich zu, „beziehungsweise darum, ob ihr ähnliche – Gebräuche oder Rituale entwickeln könntet!“ „Ich habe auch noch nicht ganz verstanden“, sagte Marvin, „warum ihr Menschen eigentlich Weihnachtsmärkte so toll findet. Ich könnte jetzt sehr viele Statistiken zitieren, aber um es mal zusammenzufassen: Ist ein irrer Wachstumsmarkt, jedes Dorf hat einen und jede Großstadt mehrere, die Leute reisen durchs Land, um möglichst viele Weihnachtsmärkte abzugrasen – kann man doch sagen, oder? oder sollte man sagen: abzufrieren? -, dadurch entstehen jede Menge Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe – wenn auch wahrscheinlich eher in Niedrigstlohnländern –, im Verkauf und in der Tourismus-Industrie; langfristig wahrscheinlich auch im Gesundheitssektor, da der Verzehr der meisten Dinge, die man auf Weihnachtsmärkten ersteht, nicht direkt gesund ist, sondern“ – „Die meisten Dinge, die Spaß machen, sind ungesund“, murmelte ich vor mich hin, „Platitütde“, sagte Marvi, „soll ich schnell einen Phrasenalarm auslösen? Oder verbuchen wir das einfach nur unter ‚arg menschlich‘? Und ist es im Umkehrschluss eigentlich so, dass Dinge, die keinen Spaß machen, automatisch gesund sind?“ „Nee, stimmt auch nicht“, sagte ich, „Logik funktioniert nicht immer gut mit Leuten“. „Aber was macht euch denn nun so viel Spaß auf dem Weihnachtsmarkt?“, fragte Marvine, „für euren Lebensbedarf kauft ihr ganz sicher nichts, und Karussell fahren ist auch eher für die Kinder, und irgendwann hat man doch genug Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge, der aber eigentlich aus China kommt und wahrscheinlich von einem Sägeroboter hergestellt wurde?“ Ich ging kurz mit mir zu Rate, ob ich ihnen die Wahrheit sagen sollte, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, aber eigentlich war das eine unserer (wenigen) eisernen Projektmaximen, und also sagte ich wahrheitsgemäß: „Glühwein trinken. Das ist das eigentliche Ding auf dem Weihnachtsmarkt. Wenn ihr heute in der Abendzeit über einen typischen Weihnachtsmarkt schlendert, könnt ihr sehen, dass sich die Menschenmassen konzentrisch um die Glühweinstände drängen. Die Buden sind ziemlich leer, und die mundgeblasenen Engel weinen schon gelegentlich, weil sie keiner ansieht, und der Maroni-Verkäufer hat auch schon eingepackt – aber die Glühweinstände, da tobt das Leben!“ „Aber Glühwein ist doch eigentlich gar nicht besonders weihnachtlich, oder?“ sagte Marvin. „Und auch nicht besonders neu, kannten schon die Römer, conditum paradoxum, ist gleich das erste Rezept im Kochbuch des Apicius, Honig mit Wein einkochen, dann alle möglichen Gewürze dazu und am Ende noch mit Wein verdünnen. Klingt ziemlich – massiv, oder?“ „Massiv ist gut gesagt“, sagte ich, „betrunken wird man davon, und zwar ziemlich schnell, aber nicht wirklich warm, und viel zu viel Kalorien hat er auch, und – leider ist er total lecker, man kann gar nicht genug davon kriegen, ist so ähnlich wie Kartoffelchips, irgendein geheimer Suchtstoff wahrscheinlich“ – „Alkohol, Gewürze und Zucker“, sagte Marvin ironisch, „ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dadurch eine suchterzeugende Wirkung entstehen kann!“ „Ach, seid einfach froh, dass ihr gegen das Zeug immun seid“, sagte ich. „Und übrigens, was habe ich gesagt? Wir sind bis hierhin gekommen ganz ohne jegliche Symbolik!“ „Naja“, sagte Marvi, „also wenn man ein ganz klein wenig über conditum paradoxum nachdenkt, ist das geradezu eine Definition des Menschlichen, vielleicht sogar besser als conditio humana: sehr stark gewürzt, aber nicht besonders logisch und in hohen Dosen ziemlich unverträglich“. 


wird fortgesetzt....





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