Essayistisches

Appetithäppchen

 

Wie kommt die Kultur in den Beutel?

 

Napoleon, das Necessaire und die kulturelle Notwendigkeit


Wie kommt die Kultur eigentlich in den Beutel? Ach, die Deutschen und die Kultur und die Sprache; das ist schon etwas, was einen manchmal zur Verzweiflung treiben kann. Wenn er doch nur einfach ein "Waschbeutel" wäre – so das etwas prosaische Synonym, aber wer will schon einen Waschbeutel kaufen, wenn er doch auch einen schönen Kulturbeutel haben könnte? Wann kann man sich schon einmal so leicht und billig kultiviert vorkommen wie beim Kauf eines Kulturbeutels? Oder wenn er eine Toilettentasche wäre, wie man in good old plain english sagt, eine toiletry bag! Aber Toiletten sind Dinge, von denen der kultivierte Deutsche nicht so gern spricht und wofür er gern einen Euphemismus zur Hand bzw. auf der Zunge hat: Kulturbeutel, das spricht sich doch gleich ganz anders, und niemand denkt an Verdauungsprobleme oder verstopfte Toiletten. Die Franzosen, immerhin, haben nicht nur das Ding wahrscheinlich erfunden, sondern sogar auch einen recht schönen Namen dafür. Es war ursprünglich ein trousse de toilette, was nicht nur eine hübsche T-Alliteration hat, sondern auch mit dem "Schatz" gleich ganz andere Assoziationen weckt: kostbare Parfümfläschchen, hochwirksame Tinkturen, eine mindestens edelsteinbesetzte Zahnbürste. Durchgesetzt hat sich allerdings das nun wieder etwas prosaischere Necessaire – eine Behälter für Lebensnotwendiges im weiteren Sinne, seien es Hygieneartikel, Nähzeug – oder auch ein kleineres Teeset nebst dem allernötigsten zum Bereiten von Kaffee oder köstlicher heißer Schokolade; das enthielten nämlich die Necessaires der großen französischen Königin Marie Antoinette, nebst einer Waschflasche und Kristallgläsern. Das allernötigste also nur, und dazu wahrscheinlich viel Kuchen und wenig Brot. Geköpft wurde sie trotzdem, und ganz ohne Koffer und Täschchen mitnehmen zu dürfen. Die Lehre daraus gezogen hat die DDR: Dort firmierte das ehemalige Oberschichtenaccessoire als "Kulturbedarfsbehälter", ein Wort, das sogar den Euphemismus hinter sich gelassen hat und wahrhaft klassenlos geworden ist. Wir lernen daraus, zum ersten: Kultur im deutschen Sinne ist unübersetzbar (der Rest der Welt spricht von Zivilisation, und meint nur fast das Gleiche), der Kulturbeutel ein Triumph euphemistischer Verschleierung für ein Ding, in dem meist so profane Dinge wie Zahnpasta (zu alt, kommt nicht mehr aus der Tube), ausgebürstete Zahnbürsten, aus Hotels geklaute Mini-Shampoofläschchen und vielleicht sogar noch eine versteckte Duschhaube vor sich hin brüten. Früher aber einmal, als die Kultur noch ein Distinktionsmerkmal war und nicht eine multiple Integrations-Allzweckwaffe, enthielten die Kulturbeutel noch wahre Schätze und das, was man wirklich brauchte: heiße Schokolade und Kristallgläser nämlich (wer spricht von Zähne putzen, genießen ist alles!)  

Die Kultur ist also, schon sprachlich, eine sehr wandelbare Schöne. Den guten alten Beutel jedoch kennt man schon viel länger; er war und ist der Inbegriff des bauchig aufgeschwollenen Behältermäßigen, und je mehr er aufschwoll, desto besser war das: Der Beutel machte nämlich zunächst als Geldbeutel Karriere. Komischerweise ist niemand damals auf die Idee gekommen, ihn Kulturbeutel zu nennen, weil man von Geld schließlich nicht gern spricht und es irgendwie schmutzig ist. Aber nein, der Beutel blieb ein Geldbeutel, und Beutelschneider machten sich gern an ihm zu schaffen. Oder er war, schlimmer noch, ein Windbeutel, gefüllt mit Nichts, sowohl im kulinarischen Sinn (obwohl, war da nicht jede Menge Sahne mitten in dem Nichts aus Wind? Euphemismen, Euphemismen) als auch im übertragenen Sinne: Der Mensch war schon immer ein windbeutelartiges Wesen, und in seinem Inneren schlummern nicht nur weiße Schäume, sondern böse Triebe. Wir lernen daraus, zum zweiten: Durch die Paarung mit dem Beutel erbt die Kultur eine gewisse Neigung zum Geschwollenen, Prahlerischen, Parvenuehaften; und in ihrer Mitte findet sich häufig, wenn man genau hinschaut, jede Menge heiße Luft.  


Aber zurück zum Kulturbeutel, im engeren Sinne, jenseits der Metaphern und Windbeuteleien. Der berühmteste Kulturbeutel-Fan war wohl, und das ist nur auf den ersten Blick etwas überraschend, Napoleon. Ja, Napoleon, kleiner Mann, korsischer Gröfaz und selbstgekrönter Kaiser. Der mit dem komischen Hut. Napoleon, der viel unterwegs war, vor allem auf Schlachtfeldern quer durch Europa, ja sogar nach Ägypten (wo die alten Ägypter angeblich die Zahnbürste erfunden hatten), reiste nie ohne seinen Leibdiener Ali, einen Mamelucken, der ihn jeden Tag mit Eau de Cologne abrieb. Im Feldherrnstiefel hatte er immer einen Parfümflakon (sprichwörtlich geworden ist aber nur der Marschallsstab im Tornister). Sein Reise-"Necessaire" enthielt über hundert Einzelteile (das wissen wir so genau, weil die Preußen, preußisch wie sie nun einmal waren, es bei Waterloo eroberten und eine Inventarliste darüber anlegten); darunter waren zwölf Zahnbürsten und neun Zahnschaber aus Elfenbein, Zahnpulver, Seifen und Seifendosen, Haarbürsten und Rasiermesser, Scheren, Korkenzieher, eine Tintenfass samt Streusand, diverses Geschirr und Besteck sowie zwei Kerzenleuchter. Es war wahrscheinlich das weitestgereiste Necessaire der Hygiene-Geschichte. Wir lernen daraus, vielleicht: Kleine Männer brauchen umso größere Kulturbeutel, und der Krieg ist, entgegen eines verbreiteten anderslautenden Vorurteils, der Vater der Kultur. Wer noch bei Waterloo an sein Zahnpulver denkt, muss ein kultivierter Mensch sein. Ob auch Julius Caesar einen Kulturbeutel hatte, eine bursa cultura – es ist leider nicht überliefert (die Preußen schlummerten noch in den germanischen Wäldern). Aber immerhin kannte auch die römische Antike schon den Windbeutel, als nebulo.  


Viel mehr wissen wir nicht, vom Kulturbeutel, diesem allgegenwärtigen und doch so unbekannten Wesen. In die Literatur ist es nicht eingegangen; Homers Helden putzen sich nicht die Zähne vor Troja. Bei Goethe allerdings, bei Goethe findet sich alles: Tief versteckt in seinem Monumentalroman Wilhelm Meisters Wanderjahre hat er eine kleine Novelle über einen Mann von fünfzig Jahren, der die Wunder eines Toilettenkästchens entdeckt, das ihm ein wandernder Schauspieler dagelassen hat; und der von einer midlife crisis gebeutelte Mann hofft nun, durch das Wunderkästchen "Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Übereinstimmung zu bringen". Das gelingt zwar dann doch nicht recht, aber man kann die Formulierung immerhin als eine beinahe philosophische Wesensbestimmung des Kulturbeutels lesen Er bringt Haupt und Gesicht, die unter dem Zahn der Zeit leiden, wieder in Übereinstimmung mit dem ewig jungen Herzen. Wenigstens im Reich der Fiktion.  


Fassen wir zusammen: Wie kommt die Kultur also in den Beutel, was ist ihre, platonisch gesprochen, Beutelhaftigkeit? Es sind wohl die vielen Fächer, Einschübe, Schächtelchen; Kultur ist ein Behälter für Unterschiedlichstes, wohlverpackt, aber vor allem: in kleinen Dosen. Der Kulturbeutel ist der Inbegriff einer reisetauglich und mobil gewordenen Kultur zum Mitnehmen; ja, sie wird sogar immer noch kleiner und mobiler, und jede bessere Fluggesellschaft oder jedes vage dreisterniges Hotel versorgt einen unaufgefordert mit Wegwerf-Kulturbeuteln – die sich zuhause dann in dunklen Ecken stapeln, weil man Kultur schließlich nicht einfach wegwerfen kann, man könnte sie ja nochmal brauchen! Zur Beutelhaftigkeit der Kultur gehört auch ihr schillernder Charakter zwischen Notwendigkeit – dem necessaire – und luxurierendem Überfluss (heiße Schokolade! neun Zungenschaber, aus Elfenbein übrigens!). Denn der Nutzen der Kultur erweist sich, Beutel oder nicht, erst in der Benutzung; neun Zungenschaber machen noch keine Zahnhygiene, wenn man sie nur windbeutelhaft vorzeigt (Elfenbein! die Zahnbürste mit Diamantgriff!) und nicht täglich benutzt. Napoleon war deshalb tatsächlich in gewisser Hinsicht ein kultivierter Mensch, weil er sein Monumental-Necessaire benutzte, hochdiszipliniert, genauso, wie er alles andere auch tat. Deutlich wird schließlich eine gewisse Katastrophenanfälligkeit der Kultur: Der größte anzunehmende Unfall kann im Kulturbeutel bekanntlich durch eine einzige nicht ordnungsgemäß verschlossene geklaute Hotelshampoo-Flasche angerichtet werden, die sich nun großräumig über den Beutel verteilt, noch die feinsten Zahnbürstenborsten durchdringt, und alles klebet, schäumet, stinket. Kultur kann ein großer Schaum sein. Nicht immer wohlriechend übrigens, wenn man es übertreibt. Schwer wieder auszuwaschen.  


Insofern ist es auch verständlich, dass der Kulturbeutel kein Zivilisationsbeutel ist. Zivilisation ist, wie wir seit Norbert Elias' Prozeß der Zvilisation wissen, im Wesentlichen die Ausweitung der Schamgrenze mit den Mitteln der Hygiene. Wer sich täglich die Zähne putzt, schäumt nicht mehr so leicht vor dem Mund (bildlich gesprochen), wer sich die Haare ordentlich kämmt, gerät sich nicht mehr so leicht in dieselben bzw. die von anderen (obwohl, Napoleon andererseits...). Zivilisation ist nötig, bitter nötig, das größte necessaire von allen. Kultur aber ist darüber hinaus – gelegentlich ein wenig windbeutelhaft, gelegentlich ein wenig beliebig, gelegentlich ein großer Schaum und gelegentlich ein großer Geldbeutel. Und spätestens, seit die Rede von den Misstrauens- oder Fehlerkulturen überhandgenommen hat, leiert der Beutel ein wenig aus. Wahrscheinlich wird er demnächst vom Euphemismus zum Dysphemismus mutieren. Der arme Kulturbeutel… 

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Weiter denken.

Essays wider die Kurzsichtigkeit
der Moderne

 

Klappentext:

Am schnellsten, am besten, am größten – die Moderne ist süchtig nach Superlativen . Philosophische, aber auch lebensweltliche Erfahrungen und Erkenntnisse vergangener Jahrhunderte interessieren sie nicht mehr: Der moderne Mensch hat zu allem eine "eigene Meinung" zu haben,und zwar sofort und in drei Sätzen. Deshalb blüht der Meinungsmarkt: Vorgefertigte Gewissheiten und variabel verwendbare Totschlagargumente ersetzen die zeitraubende eigene Urteilsbildung. "Weiter denken" hingegen fordert dazu auf, sich nicht mit Fertigurteilen zu begnügen. Der Band versammelt Essays, die das Denken bei der Arbeit zeigen, die Urteilskraft bei ihrer täglichen Gymnastik: Es geht um Alltägliches und um philosophische Grundfragen, um das Leben als Frau und als Katze, um die Notwendigkeit von Neiddebatten, Wortklaubereien und Weihnachtsfreude. 

 

Inhalt:  

I. Der alltägliche Wahnsin: Von Katzen, Kindern und Kaffee

II. Beim Wort genommen: Reizwörter
III. Totschlag-Argumente: Rhetorische Wunderwaffen, entschärft – IV. Grundfragen: Vom kleinen Glück und der Größe der Philosophie

 

Leseproben: 

 

Der alltägliche Wahnsinn

 

Beim Wort genommen

 

  • Wer die Pfeife bläst!
  • Drittklassig
  • Auf Augenhöhe?
  • Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?
  • Abgezockt? 
  • Der schwarze Ritter und die Wahrheit, oder:
    Gibt es den unabhängigen Experten?

 

 Totschlagargumente 

  

  • "Das ist doch Wortklauberei!
  • Der arme Oberlehrer, oder: von der Last, Recht zu haben
  • "Das wird man doch noch sagen dürfen!", oder:
    Rettet die Meinungsfreiheit vor ihren Verteidigern!
  • Die "Neiddebatte"
  • "Das ist aber populistisch!"

 

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