Beim Wort genommen. Glossen

 

  • Wie kommt die Kultur in den Beutel? (NEU)
  • Wer die Pfeife bläst
  • Drittklassig
  • Auf Augenhöhe?
  • Abgezockt?
  • Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?
  • Der schwarze Ritter und die Wahrheit, oder:
    Gibt es den unabhängigen Experten?



(vollständige Versionen der Texte finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

Wie kommt die Kultur in den Beutel?

Eine Miszelle

   

Wie kommt eigentlich die Kultur in den Beutel? Ach, die Deutschen und die Kultur und die Sprache; das ist schon etwas, was einen manchmal zur Verzweiflung treiben kann. Wenn er doch nur einfach ein "Waschbeutel" wäre – so das etwas prosaische Synonym, aber wer will schon einen Waschbeutel kaufen, wenn er doch auch einen schönen Kulturbeutel haben könnte? Wann kann man sich schon einmal so leicht und billig kultiviert vorkommen wie beim Kauf eines Kulturbeutels? Oder wenn er eine Toilettentasche wäre, wie man in good old plain english sagt, eine toiletry bag! Aber Toiletten sind Dinge, von denen der kultivierte Deutsche nicht so gern spricht und wofür er gern einen Euphemismus zur Hand bzw. auf der Zunge hat: Kulturbeutel, das spricht sich doch gleich ganz anders, und niemand denkt an Verdauungsprobleme oder verstopfte Toiletten. Die Franzosen, immerhin, haben nicht nur das Ding wahrscheinlich erfunden, sondern sogar auch einen recht schönen Namen dafür. Es war ursprünglich ein "trousse de toilette", was nicht nur eine hübsche T-Alliteration hat, sondern auch mit dem "Schatz" gleich ganz andere Assoziationen weckt: kostbare Parfümfläschchen, hochwirksame Tinkturen, eine mindestens edelsteinbesetzte Zahnbürste. Durchgesetzt hat sich allerdings das nun wieder etwas prosaischere "Necessaire" – eine Behälter für Lebensnotwendiges im weiteren Sinne, seien es Hygieneartikel, Nähzeug – oder auch ein kleineres Teeset nebst dem allernötigsten zum Bereiten von Kaffee oder köstlicher heißer Schokolade; das enthielten nämlich die Necessaires der großen französischen Königin Marie Antoinette, nebst einer Waschflasche und Kristallgläsern. Das allernötigste also nur, und dazu wahrscheinlich viel Kuchen und wenig Brot. Geköpft wurde sie trotzdem, und ganz ohne Koffer und Täschchen mitnehmen zu dürfen. Die Lehre daraus gezogen hat die DDR: Dort firmierte das ehemalige Oberschichtenaccessoire als "Kulturbedarfsbehälter", ein Wort, das sogar den Euphemismus hinter sich gelassen hat und wahrhaft klassenlos geworden ist. Wir lernen daraus, zum ersten: Kultur im deutschen Sinne ist unübersetzbar (der Rest der Welt spricht von Zivilisation, und meint nur fast das Gleiche), der Kulturbeutel ein Triumph euphemistischer Verschleierung für ein Ding, in dem meist so profane Dinge wie Zahnpasta (zu alt, kommt nicht mehr aus der Tube), ausgebürstete Zahnbürsten, aus Hotels geklaute Mini-Shampoofläschchen und vielleicht sogar noch eine versteckte Duschhaube vor sich hin brüten. Früher aber einmal, als die Kultur noch ein Distinktionsmerkmal war und nicht eine multiple Integrations-Allzweckwaffe, enthielten die Kulturbeutel noch wahre Schätze und das, was man wirklich brauchte: heiße Schokolade und Kristallgläser nämlich (wer spricht von Zähne putzen, genießen ist alles!)

 

Die Kultur ist also, schon sprachlich, eine sehr wandelbare Schöne. Den guten alten Beutel jedoch kennt man schon viel länger; er war und ist der Inbegriff des bauchig aufgeschwollenen Behältermäßigen, und je mehr er aufschwoll, desto besser war das: Der Beutel machte nämlich zunächst als Geldbeutel Karriere. Komischerweise ist niemand damals auf die Idee gekommen, ihn Kulturbeutel zu nennen, weil man von Geld schließlich nicht gern spricht und es irgendwie schmutzig ist. Aber nein, der Beutel blieb ein Geldbeutel, und Beutelschneider machten sich gern an ihm zu schaffen. Oder er war, schlimmer noch, ein Windbeutel, gefüllt mit Nichts, sowohl im kulinarischen Sinn (obwohl, war da nicht jede Menge Sahne mitten in dem Nichts aus Wind? Euphemismen, Euphemismen) als auch im übertragenen Sinne: Der Mensch war schon immer ein windbeutelartiges Wesen, und in seinem Inneren schlummern nicht nur weiße Schäume, sondern böse Triebe. Wir lernen daraus, zum zweiten: Durch die Paarung mit dem Beutel erbt die Kultur eine gewisse Neigung zum Geschwollenen, Prahlerischen, Parvenuehaften; und in ihrer Mitte findet sich häufig, wenn man genau hinschaut, jede Menge heiße Luft.

 

Aber zurück zum Kulturbeutel, im engeren Sinne, jenseits der Metaphern und Windbeuteleien. Der berühmteste Kulturbeutel-Fan war wohl, und das ist nur auf den ersten Blick etwas überraschend, Napoleon. Ja, Napoleon, kleiner Mann, korsischer Gröfaz und selbstgekrönter Kaiser. Der mit dem komischen Hut. Napoleon, der viel unterwegs war, vor allem auf Schlachtfeldern quer durch Europa, ja sogar nach Ägypten (wo die alten Ägypter angeblich die Zahnbürste erfunden hatten), reiste nie ohne seinen Leibdiener Ali, einen Mamelucken, der ihn jeden Tag mit Eau de Cologne abrieb. Im Feldherrnstiefel hatte er immer einen Parfümflakon (sprichwörtlich geworden ist aber nur der Marschallsstab im Tornister). Sein Reise-"Necessaire" enthielt über hundert Einzelteile (das wissen wir so genau, weil die Preußen, preußisch wie sie nun einmal waren, es bei Waterloo eroberten und eine Inventarliste darüber anlegten); darunter waren zwölf Zahnbürsten und neun Zahnschaber aus Elfenbein, Zahnpulver, Seifen und Seifendosen, Haarbürsten und Rasiermesser, Scheren, Korkenzieher, eine Tintenfass samt Streusand, diverses Geschirr und Besteck sowie zwei Kerzenleuchter. Es war wahrscheinlich das weitestgereiste Necessaire der Hygiene-Geschichte. Wir lernen daraus, vielleicht: Kleine Männer brauchen umso größere Kulturbeutel, und der Krieg ist, entgegen eines verbreiteten anderslautenden Vorurteils, der Vater der Kultur. Wer noch bei Waterloo an sein Zahnpulver denkt, muss ein kultivierter Mensch sein. Ob auch Julius Caesar einen Kulturbeutel hatte, eine bursa cultura – es ist leider nicht überliefert (die Preußen schlummerten noch in den germanischen Wäldern). Aber immerhin kannte auch die römische Antike schon den Windbeutel, als nebulo.

 

Viel mehr wissen wir nicht, vom Kulturbeutel, diesem allgegenwärtigen und doch so unbekannten Wesen. In die Literatur ist es nicht eingegangen; Homers Helden putzen sich nicht die Zähne vor Troja. Bei Goethe allerdings, bei Goethe findet sich alles: Tief versteckt in seinem Monumentalroman Wilhelm Meisters Wanderjahre hat er eine kleine Novelle über einen Mann von fünfzig Jahren, der die Wunder eines Toilettenkästchens entdeckt, das ihm ein wandernder Schauspieler dagelassen hat; und der von einer midlife crisis gebeutelte Mann hofft nun, durch das Wunderkästchen "Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Übereinstimmung zu bringen". Das gelingt zwar dann doch nicht recht, aber man kann die Formulierung immerhin als eine beinahe philosophische Wesensbestimmung des Kulturbeutels lesen Er bringt Haupt und Gesicht, die unter dem Zahn der Zeit leiden, wieder in Übereinstimmung mit dem ewig jungen Herzen. Wenigstens im Reich der Fiktion.

 

Fassen wir zusammen: Wie kommt die Kultur also in den Beutel, was ist ihre, platonisch gesprochen, Beutelhaftigkeit? Es sind wohl die vielen Fächer, Einschübe, Schächtelchen; Kultur ist ein Behälter für Unterschiedlichstes, wohlverpackt, aber vor allem: in kleinen Dosen. Der Kulturbeutel ist der Inbegriff einer reisetauglich und mobil gewordenen Kultur zum Mitnehmen; ja, sie wird sogar immer noch kleiner und mobiler, und jede bessere Fluggesellschaft oder jedes vage dreisterniges Hotel versorgt einen unaufgefordert mit Wegwerf-Kulturbeuteln – die sich zuhause dann in dunklen Ecken stapeln, weil man Kultur schließlich nicht einfach wegwerfen kann, man könnte sie ja nochmal brauchen! Zur Beutelhaftigkeit der Kultur gehört auch ihr schillernder Charakter zwischen Notwendigkeit – dem necessaire – und luxurierendem Überfluss (heiße Schokolade! neun Zungenschaber, aus Elfenbein übrigens!). Denn der Nutzen der Kultur erweist sich, Beutel oder nicht, erst in der Benutzung; neun Zungenschaber machen noch keine Zahnhygiene, wenn man sie nur windbeutelhaft vorzeigt (Elfenbein! die Zahnbürste mit Diamantgriff!) und nicht täglich benutzt. Napoleon war deshalb tatsächlich in gewisser Hinsicht ein kultivierter Mensch, weil er sein Monumental-Necessaire benutzte, hochdiszipliniert, genauso, wie er alles andere auch tat. Deutlich wird schließlich eine gewisse Katastrophenanfälligkeit der Kultur: Der größte anzunehmende Unfall kann im Kulturbeutel bekanntlich durch eine einzige nicht ordnungsgemäß verschlossene geklaute Hotelshampoo-Flasche angerichtet werden, die sich nun großräumig über den Beutel verteilt, noch die feinsten Zahnbürstenborsten durchdringt, und alles klebet, schäumet, stinket. Kultur kann ein großer Schaum sein. Nicht immer wohlriechend übrigens, wenn man es übertreibt. Schwer wieder auszuwaschen.

 

Insofern ist es auch verständlich, dass der Kulturbeutel kein Zivilisationsbeutel ist. Zivilisation ist, wie wir seit Norbert Elias' Prozeß der Zvilisation wissen, im Wesentlichen die Ausweitung der Schamgrenze mit den Mitteln der Hygiene. Wer sich täglich die Zähne putzt, schäumt nicht mehr so leicht vor dem Mund (bildlich gesprochen), wer sich die Haare ordentlich kämmt, gerät sich nicht mehr so leicht in dieselben bzw. die von anderen. Zivilisation ist nötig, bitter nötig, das größte necessaire von allen. Kultur aber ist – gelegentlich ein wenig windbeutelhaft, gelegentlich ein wenig beliebig, gelegentlich ein großer Schaum und gelegentlich ein großer Geldbeutel. Und spätestens, seit die Rede von den Misstrauens- oder Fehlerkulturen überhandgenommen hat, leiert der Beutel ein wenig aus. Wahrscheinlich wird er demnächst vom Euphemismus zum Dysphemismus mutieren. Der arme Kulturbeutel… 

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Wer die Pfeife bläst


Niemand mag Whistleblower so richtig leiden. Sie stehen auf dem Sportplatz, meist in für ihr Alter etwas zu kurzen schwarzen Hosen, und pfeifen eigentlich nie an der richtigen Stelle (meint jedenfalls die eine Hälfte des Publikums; aber das nächste Mal ist es die andere Hälfte, und so sind alle unzufrieden). Oder ganz früher, als die Polizisten noch komische Hüte trugen und statt elektronischer Schlagstöcke einen guten alten Knüppel, da pfiffen sie den Verbrechern auf der Straße hinterher; „verpfeifen“ nannte man das, und natürlich will bis heute niemand verpfiffen werden (egal, was für Katastrophen er gerade angerichtet hat). Pfeifen klingen schrill und laut – sie sollen schließlich aufschrecken und für jeden unüberhörbar anzeigen, dass gerade etwas passiert ist, was den Regeln nach nicht geschehen hätten solle. Wir lieben unsere Pfeifenköpfe, sei es auf dem Sportplatz oder in Polizeiuniform, nicht gerade; aber wenigstens respektieren wir sie!

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Drittklassig*

 

Drittklassig. Jetzt wissen wir es also. „Partner dritter Klasse“ sind wir; wir sitzen auf den Holzbänken, eng aneinander gedrängt, mit steifem Rücken und ungewaschenen Mänteln, dazwischen das ein oder andere Huhn, und es ist unklar, ob der Zug jemals ankommen wird, wo auch immer. Der Lärm ist beinahe unerträglich – neben den Hühnern gibt es auch noch Hunde und Katzen -, die Leute lärmen, manche singen Lieder, andere schnarchen oder husten oder geben sonstige unerfreuliche Lebenszeichen von sich. Was auch immer jedoch sie tun, alle anderen bekommen es mit; jeder Pfurz wird belauscht, jedes Flüstern behorcht, ja, vielleicht werden sogar die dunklen Gedanken gelesen, die sich vergeblich hinter gekrausten Stirnen und geföhnten Locken zu verbergen versuchen. So ist das nun einmal in der dritten Klasse!

 

Oder reden wir gar nicht von Zügen aus der Zeit, als es noch keine ICEs mit versagenden Klimaanlagen, gebaute oder nur geplante europäische Magistralen und kein Thank-you-for-traveling-Deutsche-Bahn-today gab? Reden wir eher von – drittklassigen Etablissements? Räumen, in denen immer ein schummriges Halbdunkel herrscht, die Luft noch rauchgeschwängert ist und der billige Fusel das letzte Fünkchen Geistesblitz gelöscht hat? In denen Exzesse und Ekstasen stattfinden, heimlich natürlich, hinter verschlossenen Türen und roten Gardinen – oder doch, heimlich natürlich, bewacht von Sicherheitskameras, der letzte Voyeur selbst ausspioniert und nach und nach um seinen letzten Cent gebracht? Tja, so ist das halt in drittklassigen Etablissements!

 

Oder, nein, war die Rede etwa von Schulklassen? Erinnern wir uns noch an die dritte Klasse, in der zum ersten Mal eine Ahnung vom „Ernst des Lebens“ aufkam, das Spielen endgültig ein Ende hatte und die nette Lehrerin auf einmal zur strengen Domina wurde? Gell, ihr wollt doch aufs Gymnasium, ihr wollt doch nicht ewig bildungsferne Schichten bleiben, Manövriermasse für die Manipulateure der Medien und der Politik, Stimmvieh, ferngelenkt von TV und Internet? Nein, wollt ihr doch? Dann ab, nach hinten in die dritte Reihe, ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt! Die erste Reihe ist reserviert für die Erstklassigen, die bleiben besser unter sich!

 

Aber nein, es war ja die Rede von Partnern, nicht von überfüllten Zügen, unterbelichteten Bordellen oder unwilligen Schülern! Partner, immerhin; das klingt nach – Sport vielleicht? Tennispartner? Man trifft sich regelmäßig auf dem Platz, bei gutem Wetter häufiger, und tauscht mehr oder weniger heftige Schläge aus; und am Ende gewinnt einer, und der andere verliert, der eine steigt auf und der andere steigt ab, denn im Sport gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer: Ende der Partnerschaft!

 

Oder vielleicht eher: Geschäftspartner? Man trifft sich regelmäßig, bei guten Geschäften häufiger in teureren Restaurants, und tauscht Visitenkarten und Floskeln aus; und am Ende macht einer ein Geschäft, der andere vielleicht auch nicht; denn immer, wenn einer einen Gewinn macht, macht ein anderer einen Verlust, auch die Finanzwelt ist ein geschlossenes System, da hilft kein ewig steigender DAX, und Geschäftspartner sind nur solange Partner, wie das Geschäft stimmt!

 

Oder sind gar Lebenspartner - naja, oder wenigstens Lebensabschnittspartner gemeint? Ersteres nannte man früher Ehe, und der Staat förderte es, und es sparte Steuern, und vielleicht hatte man Kinder oder auch nicht, aber es war für gute Zeiten, schlechte Zeiten(was noch keine Vorabendserie war). Heute steigt die Scheidungsrate mit dem DAX, und die Abschnitte tendieren dazu, kürzer zu werden – alles geht schneller heutzutage, auch das Auseinanderleben -, und die Partnerschaft wird am besten vertraglich festgehalten, prenuptial, postnuptial, vielleicht demnächst auch internuptial? Egal, die Partnerschaft ist von vornherein begrenzt, das Leben ist ja auch begrenzt, und die Kinder (oder auch nicht) wandern als Patchworkflecken durch die Welt und werden immer neu vernäht, je bunter desto besser. Die Liebe geht nicht mehr durch den Magen, sondern rennt (dafür gibt es ja Fastfood), und wenn sie erschlafft, bekommt sie Viagra und einen neuen Partner (aber wenn man heiratet, kriegt man auch Steuerklasse 3, wenn das kein Zeichen ist!).

 

Alles in allem: Soll man doch froh sein, wenn man überhaupt einen Partner hat, und sei es nur einen dritter Klasse! Erstklassig – wer will das schon? Teuer und überbewertet. Das Leben ist, seien wir ehrlich, meistens drittklassig. Aber meistens hört sowieso keiner zu.

   

Deutschland ist den Enthüllungen von Edward Snowden zufolge für den amerikanischen Geheimdienst ein „third party partner“; in den deutschen Nachrichten wurde der Begriff als „drittklassige Partner“ übersetzt (was den Sinn wahrscheinlich nicht ganz korrekt wiedergibt: ein „third party country“ ist im Amerikanischen einfach ein Drittland).  

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Auf Augenhöhe?

 

Früher, in den guten alten Zeiten, hat man sich noch gebückt oder ist hingekniet, wenn man mit Kleinkindern Kontakt aufnehmen wollte. Sieh her, sagte die Geste, ich bin gar nicht größer, stärker, erwachsener, klüger als du! Schau mir in die Augen, ganz nah, wir sind Freunde, wir können uns vertrauen; hör mir zu, wir können auch flüstern, damit die Großen uns nicht verstehen; fass mich an, du darfst mich auch an der Nase krabbeln oder an den Haaren ziehen! Und es stellte sich heraus, dass die Welt aus der Hocke gleich ganz anders aussah. Das Gras war näher, die Blumen sprangen einem verführerisch in die Hand, und unter dem Tisch konnte ein neues Leben beginnen. Zwar waren die Möbel auf einmal größer und die Fahrzeuge gefährlicher, alles war einem auf einmal über den Kopf gewachsen; aber man konnte sich auch vorstellen, unten durchzuschlüpfen, unbemerkt, neben Kindern und Katzen und anderen Kleinlebewesen. Es war eine Erfahrung der Demut. Nicht umsonst kniete man auch in den guten alten Religionen vor seinem Gott oder seinen Göttern und senkte seinen Kopf und empfand seine Kleinheit. [...]  


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Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?

 

Wir alle sind gut aufgestellt heutzutage. Früher war man vielleicht noch gut aufgelegt, aber das reicht offensichtlich nicht mehr: Nur wer gut aufgestellt ist, kann sich durchsetzen (eigentlich eine veraltete Metapher: wer sitzt, hat schon verloren); nur wer gut aufgestellt ist, hat eine Chance im globalen Wettbewerb, wird seine Konkurrenten ausschalten, wird der Sieger sein und am Ende: überleben. Wer hingegen schlecht aufgestellt ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, setzt die falschen Prioritäten, wird am Ende: nicht überleben, nicht bestehen, untergehen. Die Metapher signalisiert: Strategie ist alles! Analysiere deine eigenen Stärken, erkenne die Schwächen deiner Gegner;kontrolliere die Gegenwart, beherrsche die Zukunft; sei flexibel, wenn sich die Situation ändert, aber behalte immer eines im Auge: Das Ziel ist der Erfolg,die Durchsetzung der eigenen Interessen gegen eine niemals schlafende Konkurrenz. Nur wer gut aufgestellt ist, überlebt, sei es als internationaler Konzern oder als professioneller Selbstvermarkter in der globalisierten Ego-Gesellschaft.

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Abgezockt?

 

Das Wort stammt eigentlich, über viele politisch nicht besonders korrekte Um- und Schleichwege, aus dem Hebräischen: „zocken“ war ursprünglich „tskhoken“ für „spielen“, aber auch für andere harmlose Menschlichkeiten wie „lachen“ oder „unterhalten“. Daraus wurde in der Gaunersprache des Rotwelsch der „Zocker“, der mit hohem Risiko und am Rande der Legalität  und heute auch gern am Computer operierende Spieler; und daraus wurde schließlich die moralisch hoch anrüchige, wenn auch nicht immer gesetzeswidrige „Abzocke“. Abgezockt wird, wer für eine Sache einen überhöhten Preis bezahlen muss;  der Vorteil ist also immer auf Seiten des Abzockers, der mit wertloser Ware handelt, dafür aber, und zwar gänzlich ohne Mühe und Arbeit, jede Menge Cash kassiert. In letzter Zeit stellen sich beim "Abzocken" zwanglos Assoziationen zum „Banker“ ein. Ein älterer, sozusagen chronischer Verdächtiger ist jedoch von ganz anderem Kaliber: Es ist der Staat. Zockt er uns alle nicht alle täglich ab? Erfindet er nicht immer neue Steuern und Gebühren für alles und jedes und vorzugsweise für Dinge, die Spaß machen? Ist aus dem mündigen Bürger nicht längst der bevormundete, ausgebeutete und eben abgezockte Bürger geworden? [...]

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Der weiße Ritter, oder:
Gibt es den unabhängigen Experten?

 

Er ist ein Liebling der Schlagzeilen. Wo immer sich zwei streitende Parteien nicht einigen können und es nicht nur um immer beliebige Meinungen, sondern um so etwas wie die „Sache selbst“ geht, wird nach ihm gerufen, aus welcher Partei auch immer: der "unabhängige Experte". Offensichtlich ist die Vorstellung, dass ein ganz in eine schwarze – oder, je nach Parteipräferenz auch rote, gelbe, grüne - Rüstung aus fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung gehüllter Ritter in den Ring tritt, um für seine Dame – die "objektive Wahrheit" – siegreich zu streiten, nicht auszurotten. Auch wenn wir inzwischen längst wissen, dass alle (oder die meisten) Profi-Radrennfahrer dopen, viele (oder zumindest einige) Politiker den Versuchungen von Reichtum und Glamour nicht widerstehen können und auch die jugendlichste Hollywood-Schönheit irgendwann unters Messer (oder, schlimmer noch, ins Dschungelcamp) kommt – die Experten bleiben unabhängig und im alleinigen Besitz der Wahrheit, punktum. [...] 

 

 

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