Beim Wort genommen. Glossen

 

  • Wer die Pfeife bläst
  • Drittklassig
  • Auf Augenhöhe?
  • Abgezockt?
  • Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?
  • Der schwarze Ritter und die Wahrheit, oder:
    Gibt es den unabhängigen Experten?



(vollständige Versionen der Texte finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

Wer die Pfeife bläst


Niemand mag Whistleblower so richtig leiden. Sie stehen auf dem Sportplatz, meist in für ihr Alter etwas zu kurzen schwarzen Hosen, und pfeifen eigentlich nie an der richtigen Stelle (meint jedenfalls die eine Hälfte des Publikums; aber das nächste Mal ist es die andere Hälfte, und so sind alle unzufrieden). Oder ganz früher, als die Polizisten noch komische Hüte trugen und statt elektronischer Schlagstöcke einen guten alten Knüppel, da pfiffen sie den Verbrechern auf der Straße hinterher; „verpfeifen“ nannte man das, und natürlich will bis heute niemand verpfiffen werden (egal, was für Katastrophen er gerade angerichtet hat). Pfeifen klingen schrill und laut – sie sollen schließlich aufschrecken und für jeden unüberhörbar anzeigen, dass gerade etwas passiert ist, was den Regeln nach nicht geschehen hätten solle. Wir lieben unsere Pfeifenköpfe, sei es auf dem Sportplatz oder in Polizeiuniform, nicht gerade; aber wenigstens respektieren wir sie!

[...]

Home  

Drittklassig*

 

Drittklassig. Jetzt wissen wir es also. „Partner dritter Klasse“ sind wir; wir sitzen auf den Holzbänken, eng aneinander gedrängt, mit steifem Rücken und ungewaschenen Mänteln, dazwischen das ein oder andere Huhn, und es ist unklar, ob der Zug jemals ankommen wird, wo auch immer. Der Lärm ist beinahe unerträglich – neben den Hühnern gibt es auch noch Hunde und Katzen -, die Leute lärmen, manche singen Lieder, andere schnarchen oder husten oder geben sonstige unerfreuliche Lebenszeichen von sich. Was auch immer jedoch sie tun, alle anderen bekommen es mit; jeder Pfurz wird belauscht, jedes Flüstern behorcht, ja, vielleicht werden sogar die dunklen Gedanken gelesen, die sich vergeblich hinter gekrausten Stirnen und geföhnten Locken zu verbergen versuchen. So ist das nun einmal in der dritten Klasse!

 

Oder reden wir gar nicht von Zügen aus der Zeit, als es noch keine ICEs mit versagenden Klimaanlagen, gebaute oder nur geplante europäische Magistralen und kein Thank-you-for-traveling-Deutsche-Bahn-today gab? Reden wir eher von – drittklassigen Etablissements? Räumen, in denen immer ein schummriges Halbdunkel herrscht, die Luft noch rauchgeschwängert ist und der billige Fusel das letzte Fünkchen Geistesblitz gelöscht hat? In denen Exzesse und Ekstasen stattfinden, heimlich natürlich, hinter verschlossenen Türen und roten Gardinen – oder doch, heimlich natürlich, bewacht von Sicherheitskameras, der letzte Voyeur selbst ausspioniert und nach und nach um seinen letzten Cent gebracht? Tja, so ist das halt in drittklassigen Etablissements!

 

Oder, nein, war die Rede etwa von Schulklassen? Erinnern wir uns noch an die dritte Klasse, in der zum ersten Mal eine Ahnung vom „Ernst des Lebens“ aufkam, das Spielen endgültig ein Ende hatte und die nette Lehrerin auf einmal zur strengen Domina wurde? Gell, ihr wollt doch aufs Gymnasium, ihr wollt doch nicht ewig bildungsferne Schichten bleiben, Manövriermasse für die Manipulateure der Medien und der Politik, Stimmvieh, ferngelenkt von TV und Internet? Nein, wollt ihr doch? Dann ab, nach hinten in die dritte Reihe, ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt! Die erste Reihe ist reserviert für die Erstklassigen, die bleiben besser unter sich!

 

Aber nein, es war ja die Rede von Partnern, nicht von überfüllten Zügen, unterbelichteten Bordellen oder unwilligen Schülern! Partner, immerhin; das klingt nach – Sport vielleicht? Tennispartner? Man trifft sich regelmäßig auf dem Platz, bei gutem Wetter häufiger, und tauscht mehr oder weniger heftige Schläge aus; und am Ende gewinnt einer, und der andere verliert, der eine steigt auf und der andere steigt ab, denn im Sport gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer: Ende der Partnerschaft!

 

Oder vielleicht eher: Geschäftspartner? Man trifft sich regelmäßig, bei guten Geschäften häufiger in teureren Restaurants, und tauscht Visitenkarten und Floskeln aus; und am Ende macht einer ein Geschäft, der andere vielleicht auch nicht; denn immer, wenn einer einen Gewinn macht, macht ein anderer einen Verlust, auch die Finanzwelt ist ein geschlossenes System, da hilft kein ewig steigender DAX, und Geschäftspartner sind nur solange Partner, wie das Geschäft stimmt!

 

Oder sind gar Lebenspartner - naja, oder wenigstens Lebensabschnittspartner gemeint? Ersteres nannte man früher Ehe, und der Staat förderte es, und es sparte Steuern, und vielleicht hatte man Kinder oder auch nicht, aber es war für gute Zeiten, schlechte Zeiten(was noch keine Vorabendserie war). Heute steigt die Scheidungsrate mit dem DAX, und die Abschnitte tendieren dazu, kürzer zu werden – alles geht schneller heutzutage, auch das Auseinanderleben -, und die Partnerschaft wird am besten vertraglich festgehalten, prenuptial, postnuptial, vielleicht demnächst auch internuptial? Egal, die Partnerschaft ist von vornherein begrenzt, das Leben ist ja auch begrenzt, und die Kinder (oder auch nicht) wandern als Patchworkflecken durch die Welt und werden immer neu vernäht, je bunter desto besser. Die Liebe geht nicht mehr durch den Magen, sondern rennt (dafür gibt es ja Fastfood), und wenn sie erschlafft, bekommt sie Viagra und einen neuen Partner (aber wenn man heiratet, kriegt man auch Steuerklasse 3, wenn das kein Zeichen ist!).

 

Alles in allem: Soll man doch froh sein, wenn man überhaupt einen Partner hat, und sei es nur einen dritter Klasse! Erstklassig – wer will das schon? Teuer und überbewertet. Das Leben ist, seien wir ehrlich, meistens drittklassig. Aber meistens hört sowieso keiner zu.

   

Deutschland ist den Enthüllungen von Edward Snowden zufolge für den amerikanischen Geheimdienst ein „third party partner“; in den deutschen Nachrichten wurde der Begriff als „drittklassige Partner“ übersetzt (was den Sinn wahrscheinlich nicht ganz korrekt wiedergibt: ein „third party country“ ist im Amerikanischen einfach ein Drittland).  

Home 

Auf Augenhöhe?

 

Früher, in den guten alten Zeiten, hat man sich noch gebückt oder ist hingekniet, wenn man mit Kleinkindern Kontakt aufnehmen wollte. Sieh her, sagte die Geste, ich bin gar nicht größer, stärker, erwachsener, klüger als du! Schau mir in die Augen, ganz nah, wir sind Freunde, wir können uns vertrauen; hör mir zu, wir können auch flüstern, damit die Großen uns nicht verstehen; fass mich an, du darfst mich auch an der Nase krabbeln oder an den Haaren ziehen! Und es stellte sich heraus, dass die Welt aus der Hocke gleich ganz anders aussah. Das Gras war näher, die Blumen sprangen einem verführerisch in die Hand, und unter dem Tisch konnte ein neues Leben beginnen. Zwar waren die Möbel auf einmal größer und die Fahrzeuge gefährlicher, alles war einem auf einmal über den Kopf gewachsen; aber man konnte sich auch vorstellen, unten durchzuschlüpfen, unbemerkt, neben Kindern und Katzen und anderen Kleinlebewesen. Es war eine Erfahrung der Demut. Nicht umsonst kniete man auch in den guten alten Religionen vor seinem Gott oder seinen Göttern und senkte seinen Kopf und empfand seine Kleinheit. [...]  


   Home     

 

Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?

 

Wir alle sind gut aufgestellt heutzutage. Früher war man vielleicht noch gut aufgelegt, aber das reicht offensichtlich nicht mehr: Nur wer gut aufgestellt ist, kann sich durchsetzen (eigentlich eine veraltete Metapher: wer sitzt, hat schon verloren); nur wer gut aufgestellt ist, hat eine Chance im globalen Wettbewerb, wird seine Konkurrenten ausschalten, wird der Sieger sein und am Ende: überleben. Wer hingegen schlecht aufgestellt ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, setzt die falschen Prioritäten, wird am Ende: nicht überleben, nicht bestehen, untergehen. Die Metapher signalisiert: Strategie ist alles! Analysiere deine eigenen Stärken, erkenne die Schwächen deiner Gegner;kontrolliere die Gegenwart, beherrsche die Zukunft; sei flexibel, wenn sich die Situation ändert, aber behalte immer eines im Auge: Das Ziel ist der Erfolg,die Durchsetzung der eigenen Interessen gegen eine niemals schlafende Konkurrenz. Nur wer gut aufgestellt ist, überlebt, sei es als internationaler Konzern oder als professioneller Selbstvermarkter in der globalisierten Ego-Gesellschaft.

[...] 

 

Home 

Abgezockt?

 

Das Wort stammt eigentlich, über viele politisch nicht besonders korrekte Um- und Schleichwege, aus dem Hebräischen: „zocken“ war ursprünglich „tskhoken“ für „spielen“, aber auch für andere harmlose Menschlichkeiten wie „lachen“ oder „unterhalten“. Daraus wurde in der Gaunersprache des Rotwelsch der „Zocker“, der mit hohem Risiko und am Rande der Legalität  und heute auch gern am Computer operierende Spieler; und daraus wurde schließlich die moralisch hoch anrüchige, wenn auch nicht immer gesetzeswidrige „Abzocke“. Abgezockt wird, wer für eine Sache einen überhöhten Preis bezahlen muss;  der Vorteil ist also immer auf Seiten des Abzockers, der mit wertloser Ware handelt, dafür aber, und zwar gänzlich ohne Mühe und Arbeit, jede Menge Cash kassiert. In letzter Zeit stellen sich beim "Abzocken" zwanglos Assoziationen zum „Banker“ ein. Ein älterer, sozusagen chronischer Verdächtiger ist jedoch von ganz anderem Kaliber: Es ist der Staat. Zockt er uns alle nicht alle täglich ab? Erfindet er nicht immer neue Steuern und Gebühren für alles und jedes und vorzugsweise für Dinge, die Spaß machen? Ist aus dem mündigen Bürger nicht längst der bevormundete, ausgebeutete und eben abgezockte Bürger geworden? [...]

Home  

 

Der weiße Ritter, oder:
Gibt es den unabhängigen Experten?

 

Er ist ein Liebling der Schlagzeilen. Wo immer sich zwei streitende Parteien nicht einigen können und es nicht nur um immer beliebige Meinungen, sondern um so etwas wie die „Sache selbst“ geht, wird nach ihm gerufen, aus welcher Partei auch immer: der "unabhängige Experte". Offensichtlich ist die Vorstellung, dass ein ganz in eine schwarze – oder, je nach Parteipräferenz auch rote, gelbe, grüne - Rüstung aus fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung gehüllter Ritter in den Ring tritt, um für seine Dame – die "objektive Wahrheit" – siegreich zu streiten, nicht auszurotten. Auch wenn wir inzwischen längst wissen, dass alle (oder die meisten) Profi-Radrennfahrer dopen, viele (oder zumindest einige) Politiker den Versuchungen von Reichtum und Glamour nicht widerstehen können und auch die jugendlichste Hollywood-Schönheit irgendwann unters Messer (oder, schlimmer noch, ins Dschungelcamp) kommt – die Experten bleiben unabhängig und im alleinigen Besitz der Wahrheit, punktum. [...] 

 

 

Home