Der alltägliche Wahnsinn  

 

  • Geförderte Unterforderung - ein Wettbewerb
  • Mit System zu spät. K(ein) Trost für Bahnfahrer
  • Kleine Fluchten. Möge der Kaffee mit euch sein!



(vollständige Versionen der Texte finden Sie in:

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

Geförderte Unterforderung -
ein Wettbewerb

 

Tatsächlich soll es ja Kinder und Jugendliche geben, die trotz des ach so schrecklichen G8-Stress,ihrer Hubschrauber-Mutter und der Notwendigkeit, mehrere Stunden täglich mit Computerspielen zuzubringen, um von der Peer Group nicht völlig gemobbt zu werden, nicht ausgelastet sind. Für diese bemitleidenswerten Wesen hat die Bildungspolitik die Wettbewerbe erfunden. Jugend trainiert für Olympia, Jugend forscht, Jugend debattiert, Jugend musiziert; für die technisch-naturwissenschaftlich Orientierten dazu das Känguru der Mathematik, die Mathematik-Olympiade oder die Physik-Olympiade. Die Programmatik der entsprechenden Internet-Portale schäumt vor Förder-Ambition geradezu über: Hier sollen sich die versteckten Talente entfalten, die künftigen Genies schon einmal Anlauf nehmen, Höhenluft schnuppern, auf dass sie auch weiter streben und später einmal die krankende Wirtschaft und das aussterbende Vaterland mit neuen Ideen, hoch innovativen und kreativen natürlich, retten. (Nebenbei bieten Förderwettbewerbe auch eine prächtige Gelegenheit zur Profilierung der weiterführenden Schulen und der jeweils zuständigen Fachlehrer im Kollegenkreis; aber das sind natürlich höchstens sekundäre Motive).

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Mit System zu spät.

K(ein) Trost für Bahnfahrer

Früher hießen die Züge noch nicht Hochgeschwindigkeitszüge (oder: Train à Grande Vitesse), sondern D-(für Durchgangs-) oder E-(fürEil-)Zug; und alles darunter war ganz einfach ein Bummelzug. Man konnte die Wagenfenster noch öffnen und geruhsam die Landschaft betrachten, und, wenn die Eltern oder der strenge Schaffner (der noch kein Zugbegleiter war oder gar ein Zug-Chef) nicht schauten, die Haare im Wind flattern lassen und den Kühen winken. Dann kamen die IC-(für Inter City)-Züge, und natürlich hielten sie nicht mehr an jeder Milchkanne, sondern nur noch in ordentlichen Städten, dort wo die fleißigen und eiligen Menschen wohnten. Ihnen folgten die ICE-(für Inter City Express)-Züge, mit Superhochgeschwindigkeit fuhr man nun begradigt über hohe Brücken und durch lange Tunnel, die Landschaft raste nur so vorbei, und um die Haare im Wind wehen zu lassen, musste man schon die Scheiben im vollklimatisierten Zug einschlagen. Stattdessen kühlte die Klimaanlage – so sie funktioniert, aber dazu kommen wir erst an der übernächsten Station – auf derartige frische Innentemperaturen, dass fröstelig veranlagte Zugfahrerinnen gezwungen sind, auch bei hochsommerlichen Außentemperaturen den Wollpulli nicht zu vergessen. Aber dafür fuhr man ja auch ICE, schnell, schneller, am schnellsten!

 

Oder etwa doch nicht? Regelmäßige Zugfahrer konnten über die letzten Jahre hinweg eine seltsame Erfahrung machen: Je höhere Geschwindigkeitsrekorde die Zugpferde einfuhren, desto größer wurde auch das Risiko, mit einer empfindlichen Verspätung am Zielort einzutreffen. Klingt unlogisch? Ist es aber, bei genauerer Betrachtung und der Anwendung einiger Grundgesetze moderner Systemtheorie eigentlich gar nicht. [...]

 

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Kleine Fluchten

Kein kalter Kaffee

Man kann es morgens tun, man kann es nachmittags tun; einige tun es nach jedem Essen, andere zu jeder Zigarette,wieder andere – überhaupt nicht. Natürlich kann man es auch nachts tun, zumal er zutiefst schwarz sein kann: schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle, süß wie die Sünde oder bitter wie das Leben. Aber am besten ist er am Morgen, möglichst bald nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug mit der Lieblingstasse, aber notfalls auch in Pappbechern auf dem Weg zur Arbeit. Der erste ist ein Versprechen – du wirst auch diesen Tag überstehen; es ist zwar ein Tag wie alle anderen, du wirst die gleichen Gesichter sehen, die gleichen Wege gehen, die gleichen Geschichten hören, die gleichen Fehler machen – aber für einen Kaffee lang gehörst du noch dir, dir allein und dem unergründlichen Getränk, das sich warm deinem Gaumen anschmeichelt und milchig durch die Kehle rinnt; vielleicht mit einem kleinen weißen Schaumberg darauf, der mit lockeren Wölkchen die Leichtigkeit des Seins vorgaukelt; oder mit einem Schokoladenstupfer, der gerade eben an die süßen Versprechungen des schönen Lebens erinnert, ohne sie schon allzu sehr ins Dumpf-Süchtige zu vertiefen. Der Moment scheint zu stehen– aber nur für eine kleine Ewigkeit; wenn die Wärme schwindet, ist auch der Zauber dahin, die Bitterkeit verdrängt das Aroma, und nichts ist langweiliger, unbefriedigender und frustrierender als der sprichwörtlich kalte Kaffee. [...] 

 

  

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