Totschlagargumente

 

  • Das ist doch Wortklauberei!
  • Der arme Oberlehrer, oder: Von der Last,
    Recht zu haben
  • "Das wird man ja noch sagen dürfen!", oder:
    Rettet die Meinungsfreiheit vor ihren Verteidigern!
  • Die Neiddebatte
  • Das ist aber populistisch!


(vollständige Versionen der Texte finden Sie in: Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne) 

"Das ist doch Wortklauberei!"
 

Jeder kennt das: Viele Diskussionen, je kontroverser und erbitterter sie geführt werden, kommen irgendwann an den Punkt, wo einer der Teilnehmer im Brustton der Überzeugung verkündet: „Das ist doch Wortklauberei!“ Wahrscheinlich weiß zwar kaum jemand zu sagen, was "klauben" eigentlich genau ist; höchstens Ältere werden sich noch daran erinnern, dass man früher einmal, beispielsweise, Äpfel vom Boden „aufgeklaubt“, also mühevoll zusammengesucht und aufgehoben hat. Das Wort ist damit, wie die meisten Dinge, die mit Mühe und Arbeit und Geduld zusammenhängen, wohl kaum positiv assoziiert. Und allein von dieser dunkel gespeicherten negativen Assoziation zehrt noch der Vorwurf der „Wortklauberei“: Man suche nämlich mühsam nach völlig überflüssigen Definitionen oder Worterklärungen, obwohl doch die Sache selbst längst klar sei; man lenke damit vom eigentlichen Ziel der Diskussion ab, indem man sich auf Feinheiten wie diffizile Unterschiede in der Wortbedeutung stürze, wo es doch um das Große und Ganze gehe. Wortklauberei steht damit in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zur "Erbsenzählerei" (Erbsen klaubt heutzutage auch niemand mehr zusammen, noch nicht mal Aschenputtel, sie kommen im Kilopack aus der Tiefkühltruhe), "Haarspalterei" (davon profitieren nur Friseure) oder anderen Varianten nervigen Pedantentums. Wer Worte klaubt, so die Unterstellung im Totschlagargument, ist sowieso viel zu kleingeistig und engstirnig, um an großen und wichtigen Diskussionen überhaupt teilnehmen zu dürfen. Schon in der Bibel ist in diesem Zusammenhang vom Unterschied zwischen „Geist“ und „Buchstabe“ die Rede: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig", soll der Apostel Paulus verkündet haben. Die genaue theologische Interpretation des Satzes ist, wen wundert's, umstritten (natürlich von pedantischen und sowieso schon toten Gelehrten), seine allereinfachste Deutung trifft aber genau den Kern des Wortklauberei-Vorwurfs: Wer sich nur an den "Buchstaben" klammere, werde nie zum "Geist" des Gesagten vorstoßen, der sich nämlich nur demjenigen erschließe, der großzügig über buchstäbliche Inkonsistenzen oder Unklarheiten oder gar Widersprüche hinwegsieht. Also ab in den Obstgarten, ihr Klauber, wenn die großen Geister reden!

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Der arme Oberlehrer, oder:
Von der Last, Recht zu haben

Oberlehrer? Echt ätzend. Will doch keiner hören, diese ewigen Besserwisser. Müssen ihren Senf zu allem dazugeben, ob die Wurst will oder nicht. Und so obermoralisch mit ihrem ewigen erhobenen Zeigefinger! Macht dies nicht, macht das nicht, seid brave Musterschüler und macht euren Lehrern und Eltern Freude! Da könnt ihr lange drauf warten, sowas von uncool! Und dann haben sie auch noch ewig Recht, das ist wirklich das Allerschlimmste!

 

Die armen Oberlehrer. Sie können einem wirklich Leid tun. Da sind sie nun vorbildlich, rechtschaffen und arbeiten sich die Hucke krumm, ja, erreichen damit sogar etwas (werden nämlich Oberlehrer und bleiben nicht schlechtbezahlte Hilfslehrer) – und sobald sie nur anzudeuten wagen, dass man von anderen ja irgendwie auch etwas Einsatz – oder richtiges Handeln – oder wenigstens verschärftes Nachdenken – erwarten könnte, dann hagelt es von allen Seiten auf sie ein: Wer seid ihr denn eigentlich, dass ihr uns Vorschriften machen wollte? Dass ihr unsere persönliche Freiheit  oder auch nur unsere Faulheit einschränkt? Dass ihr uns unter Druck setzt mit eurer achso stupiden und langweiligen Alleswisserei und Vorbildlichkeit?  Der „Oberlehrer“-Vorwurf  gehört nämlich zu den rhetorischen Wunderwaffen, sehr einfach zu benutzen und gleichwohl hunderprozentig wirksam. Und sie wird mit großem Gestus gezückt, sobald jemanden eine Auseinandersetzung auf der Sachebene zu kompliziert oder zu unangenehm wegen möglicherweise daraus zu ziehender Konsequenzen geworden ist: So kann man doch nicht miteinander reden unter Erwachsenen! Das ist doch Bevormundung (gern auch neudeutsch und wegen der Anspielung auf gender-Missverhalten doppelt tödlich: patronizing! )

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"Das wird man doch noch sagen dürfen!", oder: Die Meinungsfreiheit der Anderen 

 

Ich werde ungern persönlich, aber diesmal muss ich wohl mit einem Bekenntnis beginnen, damit überhaupt noch jemand zuhört und es nicht gleich Schläge mit der Meinungskeule gibt: Ich habe keinerlei Problem mit Homosexualität oder Menschen mit Migrationshintergrund; die Gleichberechtigung der Geschlechter ist mir eine Herzensangelegenheit, der Schutz sozialer Minderheiten und die Menschenrechte sind mir selbstverständlich. Ich habe sozialdemokratisch gewählt, ich habe Grün gewählt, und ich hätte mich früher als progressiv bezeichnet. Womit ich aber ein immer größeres, inzwischen geradezu schmerzhaftes Problem habe, das sind die selbsternannten öffentlichen Verteidiger der Meinungsfreiheit. Denn Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Dass man sie aber wirklich als solches erkennt und vor allem ausübt, zeigt sich erst, wenn man mit grundsätzlich anderen Meinungen konfrontiert wird. Von einem der energischsten Verteidiger der Meinungsfreiheit, dem französischen Philosophen Voltaire, ist das Zitat überliefert: "Ich lehne zwar ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen!" Wahrscheinlich ist das Zitat nicht von ihm, sondern von einer seiner Biographinnen, aber egal, wer es nun gesagt hat: Es bringt unüberbietbar klar zum Ausdruck, was Meinungsfreiheit, in ihrer vollen Konsequenz und zu Ende gedacht, wirklich sein sollte: Immer die Freiheit der Anderen, und zwar auf eine gänzlich andere Meinung, und auch, wenn sie noch so abwegig oder abschreckend ist!

 

Das aber ist offenbar nicht nur vollständig in Vergessenheit geraten, sondern die öffentlichen Diskussionen der letzten Zeit bewegen sich geradezu in die entgegengesetzte Richtung. Sobald ein Thema etwas heikler wird – und welches wichtige und interessante Thema wird das nicht in unseren medial hypersensibilierten Zeiten! –, entsteht sofort ein öffentlicher Aufruhr, wenn jemand eine politisch nicht korrekte, von dem aufgeklärten mainstream der Gebildeten und Wohlinformierten abweichende Ansicht äußert. Dabei verwenden die rhetorisch meist ungleich besser ausgebildeten, intellektuell überlegenen Vertreter dieses (vermeintlich) aufgeklärten mainstreams gern – weil es so schön ironisch ist, und wie kann man sich besser dem dumpfen Mob überlegen fühlen als durch eine feine Ironie! – die (vermeintlich) entlarvende Floskel der Abweichler: "Das wird man doch noch sagen dürfen!" So wird der Volkszorn dann mit hämischem Unterton zitiert und damit gleich doppelt mundtot gemacht: Denn jeder Satz, der fortan so eingeleitet wird – nämlich mit einer Berufung auf die Meinungsfreiheit, ironischerweise! – wird unter den Generalverdacht gestellt, dass er garantiert im folgenden Nachsatz zwangsläufig dumpfe, unbedachte, menschenfeindliche Parolen enthalten werde. Man muss dann gar nicht mehr weiterreden, man hat sowieso schon verloren. Debatte aus. Glückwunsch, das ist echte Meinungsfreiheit! (ja, Ironie) Voltaire (oder jeder andere wirkliche Aufklärer) hätte gesagt: Mit meinem Leben verteidige ich dein Recht darauf, diesen Satz unbelästigt zu Ende führen zu dürfen – und anschließend ernsthaft mit dir darüber zu diskutieren, und wenn es der größte Quark ist! Nur so geht Aufklärung!

 

Aber nein, das, was der moderne Outrageism lieber öffentlich mit großem Medienecho zelebriert, ist eine Gesinnungsdemonstration. Jemand hat also, ganz unvorsichtig, mal wieder was gesagt, was gegen die derzeitigen Sprachregeln verstößt – lassen wir es ruhig böse oder menschenfeindlich oder auch nur dumm sein – und hätte gerade deshalb eigentlich eine ordentliche Antwort verdient, mit guten Gegenargumenten. Aber gefordert wird stattdessen geradezu ritualisiert, dass alle Recht- und Richtigdenkenden dagegen unverzüglich "ein Zeichen setzen". Um noch einmal in den Bekennerton zu verfallen: Mir graut inzwischen vor dieser Lieblingsplatitüde der Medien und der Politik und jedes beliebigen Shitstorms im Internet! Gesinnungsdemonstrationen werden nicht unbedingt besser dadurch, dass man statt schwarze Kapuzen und Sturmstiefel Kerzen in den Händen trägt und Birkenstock an den Füssen, oder dass man eine Menschenkette bildet und sich gegenseitig dafür auf die Schultern klopft, dass man so schön richtig denkt (was man denkt, wird meist nicht so genau gesagt). "Ein Zeichen setzen" ist die perfekte Ausflucht dafür, kein lästiges Gespräch führen zu müssen - es reicht ja, dass man demonstriert hat, dass man wie so viele andere richtig denkt; wozu soll da bitteschön eine Begründung nötig sein? Zeichen aber sind beliebig und vieldeutig und tun keinem weh; sie kosten meist auch nichts. Würde man hingegen mit jedem reden, wie verbohrt und verkehrt einem seine Meinung auch scheinen mag, wäre das natürlich mühevoll und gefährlich; möglicherweise muss man dann sogar ab und zu etwas von liebgewordenen Meinungen abrücken. Oder man ist nicht mehr in der Mehrheit. Aber man könnte ihn ja auch, vielleicht, eines Besseren überzeugen - mit Argumenten und nicht mit Denunziationen und Vorverurteilungen. 

 

Es werden ein oder zwei Beispiele nötig sein, um diese heutzutage wirklich unpopuläre Meinung zur Meinungsfreiheit ein wenig zu erläutern. Und natürlich wähle ich aus Veranschaulichungsgründen zwei etwas extreme Beispiele aus – einfach, weil man an ihnen am besten zeigen kann, wie angebliche Meinungsfreiheit in öffentlich sanktionierten Meinungsterror mit persönlich tragischen Folgen nicht nur umschlagen kann, sondern das immer häufiger auch tut.

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Die "Neiddebatte"

 

Der Neid ist ein grässliches Ungeheuer, ein schleichendes Gift, eine unheilbare Seuche, die Mutter aller Laster. Wo er seinen heimtückischen Schlangenkopf erhebt, werden Menschen zu Bestien: Nichts gönnen sie einander, alles wollen sie für sich allein – Schönheit und Klugheit, Gesundheit und langes Leben, Lob und Anerkennung, die Gunst der Götter und die Liebe der Frauen - vor allem aber, in unseren vollständig säkularisierten und durchgängig ökonomisierten Zeiten: Luxus und Reichtum. Nichts macht heutzutage so begehrlich wie der wirtschaftliche Erfolg der Anderen, zumal wenn er öffentlich zur Schau gestellt wird. Kaum jedoch erheben die neuen Armen – vom Hartz-IV-Empfänger über den Minijobber und den prekären Praktikanten bis hin zum Niedriglohnbezieher (der vorzugsweise weiblich ist: die Friseuse, die Krankenschwester, die Erzieherin, die Altenpflegerin, die Kassiererin im Billig-Discount) - ihre neidverzerrten Stimmen, werden sie von den neuen und alten Reichen (vorzugsweise männlich und in Banken oder multinationalen Konzernen als Manager beschäftigt) mit einem einzigen Wort von oben herab lässig abgefertigt: Da habe man nun wieder einmal eine typische „Neiddebatte“! Und schon stehen die armen Armen da, wie die zweifach begossenen Pudel: Nicht nur haben sie kein Geld und deshalb kein schönes Leben (was schon ziemlich gegen sie spricht); sie haben auch noch einen schlechten Charakter. Ab in die Ecke und schämen! Mit solchen Leuten diskutieren wir nicht!

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"Das ist aber populistisch!"

 

Die Welt ist nicht einfach. Wahrscheinlich war sie das noch nie, aber heute ist sie es erst recht nicht. Früher war sie vielleicht einfach nur kompliziert; aber zum Glück wussten die Meisten sowieso nicht allzu viel von ihr. Es gab noch weiße Flecken auf der Landkarte, keine Telekommunikation und keine Massenmedien, und eigentlich war es schwierig genug, mit seinen Nachbarn in Frieden auszukommen, die Kinder großzukriegen und vielleicht dann und wann zu den Sternen aufzusehen und von der großen weiten Welt zu träumen. Heute jedoch ist die Welt komplex, was nicht nur ein modisches Wort für kompliziert ist. Ein komplexes System besteht aus unübersichtlich vielen, ineinander „zusammengeflochtenen“ (so die Grundbedeutung aus dem Lateinischen) Elementen, das der menschliche Verstand, trotz der zweifellos höchst komplexen Struktur des Gehirns selbst, nicht mehr vollständig gedanklich beherrschen kann: zu verknotet und verstrickt die Abhängigkeiten, zu klein- und vielteilig die Details, zu unabsehbar die entlegenen Ursachen und die entfernten Folgen, von deren Rückkopplungen und Wechselwirkungen untereinander ganz zu schweigen. Und je mehr wir von der Welt wissen, desto komplexer wird sie; der Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien kann nicht nur einen Tornado in Texas auslösen, sondern wahrscheinlich auch eine Ehekrise in Ermelskirchen, einen Bankrott in Buxtehude oder einen Hustenanfall in Hamburg. Oder ist das zu stark vereinfacht? Sie können es nicht mehr hören, und der arme brasilianische Schmetterling soll endlich in Ruhe mit seinen Flügeln schlagen, soviel er will, ohne dass ihm alles Elend der Welt angelastet wird? Aber so ist das eben mit der Popularisierung komplexer wissenschaftlicher Theorien: Um sie passend für den Allgemeinverstand zu machen, werden sie so lange vereinfacht, bis sie eigentlich nicht mehr stimmen; zumindest nicht mehr in jenem exakten Sinn stimmen, auf den es in der Wissenschaft bekanntlich ankommt, und für den der Wissenschaftler seinen ganzen mühsam hochtrainierten Spezialistenverstand braucht.

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