Frauensachen - Essays

 

  • Denken Frauen anders?
  • Es sprach die Rabenmutter - Nimmermehr!

   

Die Philosophin zwischen Windeln, Kartoffelbrei und Halbtagsjob –
Denken Frauen anders?

 

Für Virginia Woolf

 

Denken Frauen anders? Wenn man es doch nur wüsste. Denn historisch, das steht fest, haben Männer zumindest mehr, wenn nicht: beinahe ausschließlich gedacht, wenn man darunter ein öffentliches oder veröffentlichtes Denken versteht. Männer haben Bibliotheken voller philosophischer Grundlagenwerke gefüllt, haben Systeme errichtet, turmhoch für die Ewigkeit, haben die großen Fragen gewälzt, immer wieder die gleichen Begriffsberge hinauf, haben die großen Ideen gepredigt, wenn auch selten mit ebenso großen Folgen. Frauen existieren in der Philosophiegeschichte ebenso wenig als Subjekte des Denkens wie als Objekte: Der Mensch ist, seit Anfang aller Philosophie, ein Mann, wie der monotheistische Gott, sein Ebenbild; und wenn Frauen darüber anders gedacht haben, haben sie es nicht aufgeschrieben.

 

Sie hatten, das muss man zugeben, auch kaum Chancen das zu tun, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Der erste ist zum Gähnen langweilig und zum Abwinken trivial; trotzdem muss es gesagt werden, weil es wahr ist und die Wurzel aller intellektuellen Benachteiligung und Unterdrückung schlechthin: Lesen und Schreiben waren bis vor sehr kurzer Zeit sehr rare Bildungsgüter für Frauen. Ohne Lesen und Schreiben jedoch kann Frau denken, wie und was sie will – es wird keinerlei bleibende Spuren hinterlassen, und wir werden niemals wissen, ob Xanthippe vielleicht eine noch ausgeklügeltere geistige Hebammenkunst entwickelt hatte als ihr hakennasiger Gatte, oder ob Descartes‘ Lebenspartnerin dem „cogito ergo sum“ ein energisches „ich gebäre also bin ich“ entgegen geschleudert hat.

 

Dazu kommt: Philosophisches Denken ist, wie jeder Leistungssport, anstrengend und will trainiert sein – am besten von früh an, unter fachkundiger Anleitung, mit erprobten Trainingsmethoden,in einer anregenden Umgebung und, wenn es eben geht, mit Aussicht auf eine würdige Belohnung für all die Strapazen. Philosophische Naturtalente sind zwar sicherlich, ebenso wie mathematische Genies, musikalische Wunderkinder oder sportliche Frühbegabungen, vorstellbar – einfach, weil das menschliche Gehirn aufgrund des segensreichen Würfelspiels der Evolution offensichtlich zu jeder noch so bizarren Form von Hochleistung rein zufällig in der Lage sein kann. Sie sind nur etwas schwerer zu finden, da wohl die Weisheiten eines frühkindlichen Hegel eher unter die Kategorie „altkluges Balg“ verbucht worden wären („ist er nicht niedlich? Heute hat er schon wieder vom Weltgeist gebabbelt, ich weiß wirklich nicht, woher er das hat!“). Kleine Mädchen nun gar, die ihre Puppen zum philosophischen Symposion gruppiert hätten anstelle an ihnen neue Frisuren auszuprobieren, wären sicherlich ernsthaft von ihren besorgten Müttern zurechtgewiesen worden ("niemand wird die Prinzessin wachküssen, weil sie so klug aussieht!").

[...]


 

(eine vollständige Version des Textes finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

 

 

Home   

 

Es sprach die Rabenmutter: Nimmermehr!

 

Man könnte geradezu Mitleid bekommen mit den armen Raben. Seit Generationen müssen sie herhalten für eines der ältesten Klischees der Familienpolitik. Nein, gemeint ist gerade nicht der allgegenwärtige Vorwurf an arbeitende Mütter, den hilflosen Nachwuchs kurz nach der Geburt im Nest allein und seinem Schicksal zu überlassen, um möglichst schnell der heimeligen Nestwärme zu entfleuchen und den kalten Gipfeln der Karriereleiter entgegen zu flattern. Gemeint ist vielmehr die äußerste Gedankenlosigkeit, mit der dieser Vorwurf nun seit Jahrzehnten benutzt wird, um zu vertuschen, dass an der Sache vielleicht ja etwas dran sein könnte. Womit nicht gemeint ist, dass man Mütter (oder Väter; ein- für allemal: im Folgenden geht es nicht um Geschlechterrollen, sondern um Familienpolitik!) kategorisch an Heim und Herd verbannen sollte, sondern vielmehr, dass Kinder doch so etwas wie Nestwärme in dieser trotz wachsenden Ozonlochs immer kälteren Welt brauchen könnten; und dass sogar, man wagt es kaum zu sagen, ein kuscheliges und wohlgepflegtes Nest etwas durchaus Schützens- und Behütenswertes sein könnte. Als familienpolitisches Allheilmittel wird aber stattdessen, inzwischen mit geradezu verdächtiger Einstimmigkeit im Parteien- und sonstigen Meinungsspektrum, der Anspruch auf einen Vollzeitbetreuungsplatz für den Nachwuchs propagiert, und zwar so früh wie möglich. Sind die lieben Kleinen dann erst einmal arbeitszeit- und feriendeckend untergebracht, steht dem Familienglück dieser Vorstellung zufolge nichts mehr im Weg; außer der Kleinigkeit vielleicht, dass man sich eigentlich kaum noch trifft auf den durchorganisierten Trampelpfaden zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen, Kita, Schule, Fußballtraining, Klavierunterricht, Fitnessstudio und Stresstherapie.


Dass die Rabenmutter zum gesellschaftlich geforderten Rollenvorbild mutiert ist– „Ich bin eine Rabenmutter und stolz darauf!“ -, ist allerdings in erster Linie  handfesten politischen und wirtschaftlichen Interessen geschuldet und spiegelt nicht etwa hochfliegende pädagogische, humanistische oder feministische Ideale. Schon ein sehr oberflächlicher Blick auf die Ausbildungswege und die Gehaltstabellen von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen zeigt, dass bessere Kinderbetreuung oder individuelle Begabungsförderung in einer entscheidenden Phase frühkindlicher Entwicklung offensichtlich nicht das familienpolitische Ziel ist. Politisch und wirtschaftlich geboten ist vielmehr die allseitige Verfügbarkeit auch des weiblichen, neuerdings ja sogar besser ausgebildeten und deshalb wirtschaftlich effizienter verwertbaren Arbeitskräftereservoirs: Alle sollen arbeiten, und alle sollen möglichst qualifiziert arbeiten, und je mehr und je länger, desto besser für den Wirtschaftsstandort. Bringen wir die kleinen Rabenkinder also möglichst geräuschlos den ganzen Tag unter, bis die Nicht-Mehr-Rabenmutter abends freudestrahlend aus ihrem erfüllten Berufsleben zurückkehrt, den Nicht-Mehr-Oder-Noch-Nie-Rabenvater, der gerade dem Zweitwagen entsteigt, herzt und küsst und anschließend die Rabenkinder wohlgeputzt, gefüttert und in all ihren Talenten optimal gefördert in Empfang nimmt, um sich in den verbleibenden Stunden des Tages einem innigen Familienleben zu widmen – quality time ist sowieso besser als stupides Einfach-Da-Sein, und es kommt schließlich nicht auf die Länge der miteinander verbrachten Zeit an, sondern auf ihre – ja was genau eigentlich?

[...]


 

(eine vollständige Version des Textes finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

 


 

  

Home