Essayistisches

Appetithäppchen


 Wie kommt die Kultur in den Beutel?

 

Napoleon, das Necessaire und die kulturelle Notwendigkeit


Wie kommt die Kultur eigentlich in den Beutel? Ach, die Deutschen und die Kultur und die Sprache; das ist schon etwas, was einen manchmal zur Verzweiflung treiben kann. Wenn er doch nur einfach ein "Waschbeutel" wäre – so das etwas prosaische Synonym, aber wer will schon einen Waschbeutel kaufen, wenn er doch auch einen schönen Kulturbeutel haben könnte? Wann kann man sich schon einmal so leicht und billig kultiviert vorkommen wie beim Kauf eines Kulturbeutels? Oder wenn er eine Toilettentasche wäre, wie man in good old plain english sagt, eine toiletry bag! Aber Toiletten sind Dinge, von denen der kultivierte Deutsche nicht so gern spricht und wofür er gern einen Euphemismus zur Hand bzw. auf der Zunge hat: Kulturbeutel, das spricht sich doch gleich ganz anders, und niemand denkt an Verdauungsprobleme oder verstopfte Toiletten. Die Franzosen, immerhin, haben nicht nur das Ding wahrscheinlich erfunden, sondern sogar auch einen recht schönen Namen dafür. Es war ursprünglich ein trousse de toilette, was nicht nur eine hübsche T-Alliteration hat, sondern auch mit dem "Schatz" gleich ganz andere Assoziationen weckt: kostbare Parfümfläschchen, hochwirksame Tinkturen, eine mindestens edelsteinbesetzte Zahnbürste. Durchgesetzt hat sich allerdings das nun wieder etwas prosaischere Necessaire – eine Behälter für Lebensnotwendiges im weiteren Sinne, seien es Hygieneartikel, Nähzeug – oder auch ein kleineres Teeset nebst dem allernötigsten zum Bereiten von Kaffee oder köstlicher heißer Schokolade; das enthielten nämlich die Necessaires der großen französischen Königin Marie Antoinette, nebst einer Waschflasche und Kristallgläsern. Das allernötigste also nur, und dazu wahrscheinlich viel Kuchen und wenig Brot. Geköpft wurde sie trotzdem, und ganz ohne Koffer und Täschchen mitnehmen zu dürfen. Die Lehre daraus gezogen hat die DDR: Dort firmierte das ehemalige Oberschichtenaccessoire als "Kulturbedarfsbehälter", ein Wort, das sogar den Euphemismus hinter sich gelassen hat und wahrhaft klassenlos geworden ist. Wir lernen daraus, zum ersten: Kultur im deutschen Sinne ist unübersetzbar (der Rest der Welt spricht von Zivilisation, und meint nur fast das Gleiche), der Kulturbeutel ein Triumph euphemistischer Verschleierung für ein Ding, in dem meist so profane Dinge wie Zahnpasta (zu alt, kommt nicht mehr aus der Tube), ausgebürstete Zahnbürsten, aus Hotels geklaute Mini-Shampoofläschchen und vielleicht sogar noch eine versteckte Duschhaube vor sich hin brüten. Früher aber einmal, als die Kultur noch ein Distinktionsmerkmal war und nicht eine multiple Integrations-Allzweckwaffe, enthielten die Kulturbeutel noch wahre Schätze und das, was man wirklich brauchte: heiße Schokolade und Kristallgläser nämlich (wer spricht von Zähne putzen, genießen ist alles!)  


Die Kultur ist also, schon sprachlich, eine sehr wandelbare Schöne. Den guten alten Beutel jedoch kennt man schon viel länger; er war und ist der Inbegriff des bauchig aufgeschwollenen Behältermäßigen, und je mehr er aufschwoll, desto besser war das: Der Beutel machte nämlich zunächst als Geldbeutel Karriere. Komischerweise ist niemand damals auf die Idee gekommen, ihn Kulturbeutel zu nennen, weil man von Geld schließlich nicht gern spricht und es irgendwie schmutzig ist. Aber nein, der Beutel blieb ein Geldbeutel, und Beutelschneider machten sich gern an ihm zu schaffen. Oder er war, schlimmer noch, ein Windbeutel, gefüllt mit Nichts, sowohl im kulinarischen Sinn (obwohl, war da nicht jede Menge Sahne mitten in dem Nichts aus Wind? Euphemismen, Euphemismen) als auch im übertragenen Sinne: Der Mensch war schon immer ein windbeutelartiges Wesen, und in seinem Inneren schlummern nicht nur weiße Schäume, sondern böse Triebe. Wir lernen daraus, zum zweiten: Durch die Paarung mit dem Beutel erbt die Kultur eine gewisse Neigung zum Geschwollenen, Prahlerischen, Parvenuehaften; und in ihrer Mitte findet sich häufig, wenn man genau hinschaut, jede Menge heiße Luft.  


Aber zurück zum Kulturbeutel, im engeren Sinne, jenseits der Metaphern und Windbeuteleien. Der berühmteste Kulturbeutel-Fan war wohl, und das ist nur auf den ersten Blick etwas überraschend, Napoleon. Ja, Napoleon, kleiner Mann, korsischer Gröfaz und selbstgekrönter Kaiser. Der mit dem komischen Hut. Napoleon, der viel unterwegs war, vor allem auf Schlachtfeldern quer durch Europa, ja sogar nach Ägypten (wo die alten Ägypter angeblich die Zahnbürste erfunden hatten), reiste nie ohne seinen Leibdiener Ali, einen Mamelucken, der ihn jeden Tag mit Eau de Cologne abrieb. Im Feldherrnstiefel hatte er immer einen Parfümflakon (sprichwörtlich geworden ist aber nur der Marschallsstab im Tornister). Sein Reise-"Necessaire" enthielt über hundert Einzelteile (das wissen wir so genau, weil die Preußen, preußisch wie sie nun einmal waren, es bei Waterloo eroberten und eine Inventarliste darüber anlegten); darunter waren zwölf Zahnbürsten und neun Zahnschaber aus Elfenbein, Zahnpulver, Seifen und Seifendosen, Haarbürsten und Rasiermesser, Scheren, Korkenzieher, eine Tintenfass samt Streusand, diverses Geschirr und Besteck sowie zwei Kerzenleuchter. Es war wahrscheinlich das weitestgereiste Necessaire der Hygiene-Geschichte. Wir lernen daraus, vielleicht: Kleine Männer brauchen umso größere Kulturbeutel, und der Krieg ist, entgegen eines verbreiteten anderslautenden Vorurteils, der Vater der Kultur. Wer noch bei Waterloo an sein Zahnpulver denkt, muss ein kultivierter Mensch sein. Ob auch Julius Caesar einen Kulturbeutel hatte, eine bursa cultura – es ist leider nicht überliefert (die Preußen schlummerten noch in den germanischen Wäldern). Aber immerhin kannte auch die römische Antike schon den Windbeutel, als nebulo.  


Viel mehr wissen wir nicht, vom Kulturbeutel, diesem allgegenwärtigen und doch so unbekannten Wesen. In die Literatur ist es nicht eingegangen; Homers Helden putzen sich nicht die Zähne vor Troja. Bei Goethe allerdings, bei Goethe findet sich alles: Tief versteckt in seinem Monumentalroman Wilhelm Meisters Wanderjahre hat er eine kleine Novelle über einen Mann von fünfzig Jahren, der die Wunder eines Toilettenkästchens entdeckt, das ihm ein wandernder Schauspieler dagelassen hat; und der von einer midlife crisis gebeutelte Mann hofft nun, durch das Wunderkästchen "Haupt und Gesicht mit seinem Herzen in Übereinstimmung zu bringen". Das gelingt zwar dann doch nicht recht, aber man kann die Formulierung immerhin als eine beinahe philosophische Wesensbestimmung des Kulturbeutels lesen Er bringt Haupt und Gesicht, die unter dem Zahn der Zeit leiden, wieder in Übereinstimmung mit dem ewig jungen Herzen. Wenigstens im Reich der Fiktion.  


Fassen wir zusammen: Wie kommt die Kultur also in den Beutel, was ist ihre, platonisch gesprochen, Beutelhaftigkeit? Es sind wohl die vielen Fächer, Einschübe, Schächtelchen; Kultur ist ein Behälter für Unterschiedlichstes, wohlverpackt, aber vor allem: in kleinen Dosen. Der Kulturbeutel ist der Inbegriff einer reisetauglich und mobil gewordenen Kultur zum Mitnehmen; ja, sie wird sogar immer noch kleiner und mobiler, und jede bessere Fluggesellschaft oder jedes vage dreisterniges Hotel versorgt einen unaufgefordert mit Wegwerf-Kulturbeuteln – die sich zuhause dann in dunklen Ecken stapeln, weil man Kultur schließlich nicht einfach wegwerfen kann, man könnte sie ja nochmal brauchen! Zur Beutelhaftigkeit der Kultur gehört auch ihr schillernder Charakter zwischen Notwendigkeit – dem necessaire – und luxurierendem Überfluss (heiße Schokolade! neun Zungenschaber, aus Elfenbein übrigens!). Denn der Nutzen der Kultur erweist sich, Beutel oder nicht, erst in der Benutzung; neun Zungenschaber machen noch keine Zahnhygiene, wenn man sie nur windbeutelhaft vorzeigt (Elfenbein! die Zahnbürste mit Diamantgriff!) und nicht täglich benutzt. Napoleon war deshalb tatsächlich in gewisser Hinsicht ein kultivierter Mensch, weil er sein Monumental-Necessaire benutzte, hochdiszipliniert, genauso, wie er alles andere auch tat. Deutlich wird schließlich eine gewisse Katastrophenanfälligkeit der Kultur: Der größte anzunehmende Unfall kann im Kulturbeutel bekanntlich durch eine einzige nicht ordnungsgemäß verschlossene geklaute Hotelshampoo-Flasche angerichtet werden, die sich nun großräumig über den Beutel verteilt, noch die feinsten Zahnbürstenborsten durchdringt, und alles klebet, schäumet, stinket. Kultur kann ein großer Schaum sein. Nicht immer wohlriechend übrigens, wenn man es übertreibt. Schwer wieder auszuwaschen.  


Insofern ist es auch verständlich, dass der Kulturbeutel kein Zivilisationsbeutel ist. Zivilisation ist, wie wir seit Norbert Elias' Prozeß der Zvilisation wissen, im Wesentlichen die Ausweitung der Schamgrenze mit den Mitteln der Hygiene. Wer sich täglich die Zähne putzt, schäumt nicht mehr so leicht vor dem Mund (bildlich gesprochen), wer sich die Haare ordentlich kämmt, gerät sich nicht mehr so leicht in dieselben bzw. die von anderen (obwohl, Napoleon andererseits...). Zivilisation ist nötig, bitter nötig, das größte necessaire von allen. Kultur aber ist darüber hinaus – gelegentlich ein wenig windbeutelhaft, gelegentlich ein wenig beliebig, gelegentlich ein großer Schaum und gelegentlich ein großer Geldbeutel. Und spätestens, seit die Rede von den Misstrauens- oder Fehlerkulturen überhandgenommen hat, leiert der Beutel ein wenig aus. Wahrscheinlich wird er demnächst vom Euphemismus zum Dysphemismus mutieren. Der arme Kulturbeutel… 

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Weiter denken. 
Polemische Essays und Listen der Vernunft 



Bei amazon als Taschenbuch und als E-Book erhältlich:



Weiter denken.

Essays wider die Kurzsichtigkeit
der Moderne

 

Klappentext:

Am schnellsten, am besten, am größten – die Moderne ist süchtig nach Superlativen . Philosophische, aber auch lebensweltliche Erfahrungen und Erkenntnisse vergangener Jahrhunderte interessieren sie nicht mehr: Der moderne Mensch hat zu allem eine "eigene Meinung" zu haben,und zwar sofort und in drei Sätzen. Deshalb blüht der Meinungsmarkt: Vorgefertigte Gewissheiten und variabel verwendbare Totschlagargumente ersetzen die zeitraubende eigene Urteilsbildung. "Weiter denken" hingegen fordert dazu auf, sich nicht mit Fertigurteilen zu begnügen. Der Band versammelt Essays, die das Denken bei der Arbeit zeigen, die Urteilskraft bei ihrer täglichen Gymnastik: Es geht um Alltägliches und um philosophische Grundfragen, um das Leben als Frau und als Katze, um die Notwendigkeit von Neiddebatten, Wortklaubereien und Weihnachtsfreude. 

 

Inhalt:  


Denken Frauen anders? Statt einer Einleitung 
Raffaels Schule von Athen und die verborgene Schule der Athene. Eine philosophische Bildbetrachtung 

I. POLEMISCHE ESSAYS

Der alltägliche Wahnsinn: Von Katzen, Krimis und Kaffee

Katzen-Philosophie 
Aufgeklärt. Warum wir Krimis lieben

Kleine Fluchten: Kein kalter Kaffee! 
Froh sein. Vom Geist der Weihnacht 
Mit System zu spät oder: kleine Dialektik der Hochgeschwindigkeitszüge 
Geförderte Unterforderung. 


Beim Wort genommen: Reizwörter

Auf Augenhöhe herabgelassen 
Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?
Abgezockt? 
Wer die Pfeife bläst 
Der weiße Ritter und die Wahrheit: Experten 
Es sprach die Rabenmutter: Nimmermehr! 


Totschlag-Argumente: Rhetorische Wunderwaffen, entschärft


Das ist doch Wortklauberei!
Der arme Oberlehrer, oder: Von der Last, Recht zu haben 
Das wird man doch noch sagen dürfen! Die Meinungsfreiheit der Anderen 
Die Notwendigkeit von Neiddebatten 
Das ist aber populistisch! 


Grundfragen: Vom kleinen Glück und der Größe der Philosophie

Zarathustra in der Wellness-Oase 
Marke und Metaphysik: Neue und alte Hinterwelten 


II. LISTEN DER VERNUNFT

Aufgelistet. Warum Listen menschlich sind 
Denken leicht gemacht. Zur geistigen Fitness in fünf Schritten
Ausgedacht. Archetypen des Denkens 
Episch. Zwanzig Regeln für Krimi-Serien 
Abgefahren. Acht Regeln zum Bahnfahren 
Ausgelacht. Zehn Gründe gegen das Lachen 
Kinder sind auch Menschen. Zwölf Regeln für den Umgang mit Kindern
Wer ist schuld? Zwölf Kandidaten für das blame game
You've gotta learn to listen, man! Neun Verständnishindernisse
Wofür der brave Bürger zahlt. Zehn Anschläge auf das Portemonnaie 


Rettet die Mitte! Statt eines Schlusswortes 


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Leseproben: 

 

Der alltägliche Wahnsinn  

 

Geförderte Unterforderung - ein Wettbewerb

 

Tatsächlich soll es ja Kinder und Jugendliche geben, die trotz des ach so schrecklichen G8-Stress,ihrer Hubschrauber-Mutter und der Notwendigkeit, mehrere Stunden täglich mit Computerspielen zuzubringen, um von der Peer Group nicht völlig gemobbt zu werden, nicht ausgelastet sind. Für diese bemitleidenswerten Wesen hat die Bildungspolitik die Wettbewerbe erfunden. Jugend trainiert für Olympia, Jugend forscht, Jugend debattiert, Jugend musiziert; für die technisch-naturwissenschaftlich Orientierten dazu das Känguru der Mathematik, die Mathematik-Olympiade oder die Physik-Olympiade. Die Programmatik der entsprechenden Internet-Portale schäumt vor Förder-Ambition geradezu über: Hier sollen sich die versteckten Talente entfalten, die künftigen Genies schon einmal Anlauf nehmen, Höhenluft schnuppern, auf dass sie auch weiter streben und später einmal die krankende Wirtschaft und das aussterbende Vaterland mit neuen Ideen, hoch innovativen und kreativen natürlich, retten. (Nebenbei bieten Förderwettbewerbe auch eine prächtige Gelegenheit zur Profilierung der weiterführenden Schulen und der jeweils zuständigen Fachlehrer im Kollegenkreis; aber das sind natürlich höchstens sekundäre Motive).

[...]    

Mit System zu spät. K(ein) Trost für Bahnfahrer

 

Früher hießen die Züge noch nicht Hochgeschwindigkeitszüge (oder: Train à Grande Vitesse), sondern D-(für Durchgangs-) oder E-(fürEil-)Zug; und alles darunter war ganz einfach ein Bummelzug. Man konnte die Wagenfenster noch öffnen und geruhsam die Landschaft betrachten, und, wenn die Eltern oder der strenge Schaffner (der noch kein Zugbegleiter war oder gar ein Zug-Chef) nicht schauten, die Haare im Wind flattern lassen und den Kühen winken. Dann kamen die IC-(für Inter City)-Züge, und natürlich hielten sie nicht mehr an jeder Milchkanne, sondern nur noch in ordentlichen Städten, dort wo die fleißigen und eiligen Menschen wohnten. Ihnen folgten die ICE-(für Inter City Express)-Züge, mit Superhochgeschwindigkeit fuhr man nun begradigt über hohe Brücken und durch lange Tunnel, die Landschaft raste nur so vorbei, und um die Haare im Wind wehen zu lassen, musste man schon die Scheiben im vollklimatisierten Zug einschlagen. Stattdessen kühlte die Klimaanlage – so sie funktioniert, aber dazu kommen wir erst an der übernächsten Station – auf derartige frische Innentemperaturen, dass fröstelig veranlagte Zugfahrerinnen gezwungen sind, auch bei hochsommerlichen Außentemperaturen den Wollpulli nicht zu vergessen. Aber dafür fuhr man ja auch ICE, schnell, schneller, am schnellsten! 

Oder etwa doch nicht? Regelmäßige Zugfahrer konnten über die letzten Jahre hinweg eine seltsame Erfahrung machen: Je höhere Geschwindigkeitsrekorde die Zugpferde einfuhren, desto größer wurde auch das Risiko, mit einer empfindlichen Verspätung am Zielort einzutreffen. Klingt unlogisch? Ist es aber, bei genauerer Betrachtung und der Anwendung einiger Grundgesetze moderner Systemtheorie eigentlich gar nicht. [...]

 

Kleine Fluchten. Kein kalter Kaffee

 

Man kann es morgens tun, man kann es nachmittags tun; einige tun es nach jedem Essen, andere zu jeder Zigarette,wieder andere – überhaupt nicht. Natürlich kann man es auch nachts tun, zumal er zutiefst schwarz sein kann: schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle, süß wie die Sünde oder bitter wie das Leben. Aber am besten ist er am Morgen, möglichst bald nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug mit der Lieblingstasse, aber notfalls auch in Pappbechern auf dem Weg zur Arbeit. Der erste ist ein Versprechen – du wirst auch diesen Tag überstehen; es ist zwar ein Tag wie alle anderen, du wirst die gleichen Gesichter sehen, die gleichen Wege gehen, die gleichen Geschichten hören, die gleichen Fehler machen – aber für einen Kaffee lang gehörst du noch dir, dir allein und dem unergründlichen Getränk, das sich warm deinem Gaumen anschmeichelt und milchig durch die Kehle rinnt; vielleicht mit einem kleinen weißen Schaumberg darauf, der mit lockeren Wölkchen die Leichtigkeit des Seins vorgaukelt; oder mit einem Schokoladenstupfer, der gerade eben an die süßen Versprechungen des schönen Lebens erinnert, ohne sie schon allzu sehr ins Dumpf-Süchtige zu vertiefen. Der Moment scheint zu stehen– aber nur für eine kleine Ewigkeit; wenn die Wärme schwindet, ist auch der Zauber dahin, die Bitterkeit verdrängt das Aroma, und nichts ist langweiliger, unbefriedigender und frustrierender als der sprichwörtlich kalte Kaffee. [...] 

   


Beim Wort genommen


Wer die Pfeife bläst

 

Niemand mag Whistleblower so richtig leiden. Sie stehen auf dem Sportplatz, meist in für ihr Alter etwas zu kurzen schwarzen Hosen, und pfeifen eigentlich nie an der richtigen Stelle (meint jedenfalls die eine Hälfte des Publikums; aber das nächste Mal ist es die andere Hälfte, und so sind alle unzufrieden). Oder ganz früher, als die Polizisten noch komische Hüte trugen und statt elektronischer Schlagstöcke einen guten alten Knüppel, da pfiffen sie den Verbrechern auf der Straße hinterher; „verpfeifen“ nannte man das, und natürlich will bis heute niemand verpfiffen werden (egal, was für Katastrophen er gerade angerichtet hat). Pfeifen klingen schrill und laut – sie sollen schließlich aufschrecken und für jeden unüberhörbar anzeigen, dass gerade etwas passiert ist, was den Regeln nach nicht geschehen hätten solle. Wir lieben unsere Pfeifenköpfe, sei es auf dem Sportplatz oder in Polizeiuniform, nicht gerade; aber wenigstens respektieren wir sie!

[...]


Drittklassig*

 

Drittklassig. Jetzt wissen wir es also. „Partner dritter Klasse“ sind wir; wir sitzen auf den Holzbänken, eng aneinander gedrängt, mit steifem Rücken und ungewaschenen Mänteln, dazwischen das ein oder andere Huhn, und es ist unklar, ob der Zug jemals ankommen wird, wo auch immer. Der Lärm ist beinahe unerträglich – neben den Hühnern gibt es auch noch Hunde und Katzen -, die Leute lärmen, manche singen Lieder, andere schnarchen oder husten oder geben sonstige unerfreuliche Lebenszeichen von sich. Was auch immer jedoch sie tun, alle anderen bekommen es mit; jeder Pfurz wird belauscht, jedes Flüstern behorcht, ja, vielleicht werden sogar die dunklen Gedanken gelesen, die sich vergeblich hinter gekrausten Stirnen und geföhnten Locken zu verbergen versuchen. So ist das nun einmal in der dritten Klasse! 


Oder reden wir gar nicht von Zügen aus der Zeit, als es noch keine ICEs mit versagenden Klimaanlagen, gebaute oder nur geplante europäische Magistralen und kein Thank-you-for-traveling-Deutsche-Bahn-today gab? Reden wir eher von – drittklassigen Etablissements? Räumen, in denen immer ein schummriges Halbdunkel herrscht, die Luft noch rauchgeschwängert ist und der billige Fusel das letzte Fünkchen Geistesblitz gelöscht hat? In denen Exzesse und Ekstasen stattfinden, heimlich natürlich, hinter verschlossenen Türen und roten Gardinen – oder doch, heimlich natürlich, bewacht von Sicherheitskameras, der letzte Voyeur selbst ausspioniert und nach und nach um seinen letzten Cent gebracht? Tja, so ist das halt in drittklassigen Etablissements! 

Oder, nein, war die Rede etwa von Schulklassen? Erinnern wir uns noch an die dritte Klasse, in der zum ersten Mal eine Ahnung vom „Ernst des Lebens“ aufkam, das Spielen endgültig ein Ende hatte und die nette Lehrerin auf einmal zur strengen Domina wurde? Gell, ihr wollt doch aufs Gymnasium, ihr wollt doch nicht ewig bildungsferne Schichten bleiben, Manövriermasse für die Manipulateure der Medien und der Politik, Stimmvieh, ferngelenkt von TV und Internet? Nein, wollt ihr doch? Dann ab, nach hinten in die dritte Reihe, ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt! Die erste Reihe ist reserviert für die Erstklassigen, die bleiben besser unter sich! 


Aber nein, es war ja die Rede von Partnern, nicht von überfüllten Zügen, unterbelichteten Bordellen oder unwilligen Schülern! Partner, immerhin; das klingt nach – Sport vielleicht? Tennispartner? Man trifft sich regelmäßig auf dem Platz, bei gutem Wetter häufiger, und tauscht mehr oder weniger heftige Schläge aus; und am Ende gewinnt einer, und der andere verliert, der eine steigt auf und der andere steigt ab, denn im Sport gibt es immer einen Gewinner und einen Verlierer: Ende der Partnerschaft! 

Oder vielleicht eher: Geschäftspartner? Man trifft sich regelmäßig, bei guten Geschäften häufiger in teureren Restaurants, und tauscht Visitenkarten und Floskeln aus; und am Ende macht einer ein Geschäft, der andere vielleicht auch nicht; denn immer, wenn einer einen Gewinn macht, macht ein anderer einen Verlust, auch die Finanzwelt ist ein geschlossenes System, da hilft kein ewig steigender DAX, und Geschäftspartner sind nur solange Partner, wie das Geschäft stimmt! 


Oder sind gar Lebenspartner - naja, oder wenigstens Lebensabschnittspartner gemeint? Ersteres nannte man früher Ehe, und der Staat förderte es, und es sparte Steuern, und vielleicht hatte man Kinder oder auch nicht, aber es war für gute Zeiten, schlechte Zeiten(was noch keine Vorabendserie war). Heute steigt die Scheidungsrate mit dem DAX, und die Abschnitte tendieren dazu, kürzer zu werden – alles geht schneller heutzutage, auch das Auseinanderleben -, und die Partnerschaft wird am besten vertraglich festgehalten, prenuptial, postnuptial, vielleicht demnächst auch internuptial? Egal, die Partnerschaft ist von vornherein begrenzt, das Leben ist ja auch begrenzt, und die Kinder (oder auch nicht) wandern als Patchworkflecken durch die Welt und werden immer neu vernäht, je bunter desto besser. Die Liebe geht nicht mehr durch den Magen, sondern rennt (dafür gibt es ja Fastfood), und wenn sie erschlafft, bekommt sie Viagra und einen neuen Partner (aber wenn man heiratet, kriegt man auch Steuerklasse 3, wenn das kein Zeichen ist!). 

Alles in allem: Soll man doch froh sein, wenn man überhaupt einen Partner hat, und sei es nur einen dritter Klasse! Erstklassig – wer will das schon? Teuer und überbewertet. Das Leben ist, seien wir ehrlich, meistens drittklassig. Aber meistens hört sowieso keiner zu.   


*  Deutschland ist den Enthüllungen von Edward Snowden zufolge für den amerikanischen Geheimdienst ein „third party partner“; in den deutschen Nachrichten wurde der Begriff als „drittklassige Partner“ übersetzt (was den Sinn wahrscheinlich nicht ganz korrekt wiedergibt: ein „third party country“ ist im Amerikanischen einfach ein Drittland).  


Auf Augenhöhe?

 

Früher, in den guten alten Zeiten, hat man sich noch gebückt oder ist hingekniet, wenn man mit Kleinkindern Kontakt aufnehmen wollte. Sieh her, sagte die Geste, ich bin gar nicht größer, stärker, erwachsener, klüger als du! Schau mir in die Augen, ganz nah, wir sind Freunde, wir können uns vertrauen; hör mir zu, wir können auch flüstern, damit die Großen uns nicht verstehen; fass mich an, du darfst mich auch an der Nase krabbeln oder an den Haaren ziehen! Und es stellte sich heraus, dass die Welt aus der Hocke gleich ganz anders aussah. Das Gras war näher, die Blumen sprangen einem verführerisch in die Hand, und unter dem Tisch konnte ein neues Leben beginnen. Zwar waren die Möbel auf einmal größer und die Fahrzeuge gefährlicher, alles war einem auf einmal über den Kopf gewachsen; aber man konnte sich auch vorstellen, unten durchzuschlüpfen, unbemerkt, neben Kindern und Katzen und anderen Kleinlebewesen. Es war eine Erfahrung der Demut. Nicht umsonst kniete man auch in den guten alten Religionen vor seinem Gott oder seinen Göttern und senkte seinen Kopf und empfand seine Kleinheit. [...]  


Gut aufgestellt oder gut aufgelegt?

 

Wir alle sind gut aufgestellt heutzutage. Früher war man vielleicht noch gut aufgelegt, aber das reicht offensichtlich nicht mehr: Nur wer gut aufgestellt ist, kann sich durchsetzen (eigentlich eine veraltete Metapher: wer sitzt, hat schon verloren); nur wer gut aufgestellt ist, hat eine Chance im globalen Wettbewerb, wird seine Konkurrenten ausschalten, wird der Sieger sein und am Ende: überleben. Wer hingegen schlecht aufgestellt ist, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, setzt die falschen Prioritäten, wird am Ende: nicht überleben, nicht bestehen, untergehen. Die Metapher signalisiert: Strategie ist alles! Analysiere deine eigenen Stärken, erkenne die Schwächen deiner Gegner;kontrolliere die Gegenwart, beherrsche die Zukunft; sei flexibel, wenn sich die Situation ändert, aber behalte immer eines im Auge: Das Ziel ist der Erfolg,die Durchsetzung der eigenen Interessen gegen eine niemals schlafende Konkurrenz. Nur wer gut aufgestellt ist, überlebt, sei es als internationaler Konzern oder als professioneller Selbstvermarkter in der globalisierten Ego-Gesellschaft.

[...] 


Abgezockt?

 

 

Das Wort stammt eigentlich, über viele politisch nicht besonders korrekte Um- und Schleichwege, aus dem Hebräischen: „zocken“ war ursprünglich „tskhoken“ für „spielen“, aber auch für andere harmlose Menschlichkeiten wie „lachen“ oder „unterhalten“. Daraus wurde in der Gaunersprache des Rotwelsch der „Zocker“, der mit hohem Risiko und am Rande der Legalität  und heute auch gern am Computer operierende Spieler; und daraus wurde schließlich die moralisch hoch anrüchige, wenn auch nicht immer gesetzeswidrige „Abzocke“. Abgezockt wird, wer für eine Sache einen überhöhten Preis bezahlen muss;  der Vorteil ist also immer auf Seiten des Abzockers, der mit wertloser Ware handelt, dafür aber, und zwar gänzlich ohne Mühe und Arbeit, jede Menge Cash kassiert. In letzter Zeit stellen sich beim "Abzocken" zwanglos Assoziationen zum „Banker“ ein. Ein älterer, sozusagen chronischer Verdächtiger ist jedoch von ganz anderem Kaliber: Es ist der Staat. Zockt er uns alle nicht alle täglich ab? Erfindet er nicht immer neue Steuern und Gebühren für alles und jedes und vorzugsweise für Dinge, die Spaß machen? Ist aus dem mündigen Bürger nicht längst der bevormundete, ausgebeutete und eben abgezockte Bürger geworden? [...]


Der weiße Ritter, oder:
Gibt es den unabhängigen Experten?

 

Er ist ein Liebling der Schlagzeilen. Wo immer sich zwei streitende Parteien nicht einigen können und es nicht nur um immer beliebige Meinungen, sondern um so etwas wie die „Sache selbst“ geht, wird nach ihm gerufen, aus welcher Partei auch immer: der "unabhängige Experte". Offensichtlich ist die Vorstellung, dass ein ganz in eine schwarze – oder, je nach Parteipräferenz auch rote, gelbe, grüne - Rüstung aus fundiertem Wissen und langjähriger Erfahrung gehüllter Ritter in den Ring tritt, um für seine Dame – die "objektive Wahrheit" – siegreich zu streiten, nicht auszurotten. Auch wenn wir inzwischen längst wissen, dass alle (oder die meisten) Profi-Radrennfahrer dopen, viele (oder zumindest einige) Politiker den Versuchungen von Reichtum und Glamour nicht widerstehen können und auch die jugendlichste Hollywood-Schönheit irgendwann unters Messer (oder, schlimmer noch, ins Dschungelcamp) kommt – die Experten bleiben unabhängig und im alleinigen Besitz der Wahrheit, punktum. [...] 

  


 

Totschlagargumente 

  

"Das ist doch Wortklauberei!"
 

Jeder kennt das: Viele Diskussionen, je kontroverser und erbitterter sie geführt werden, kommen irgendwann an den Punkt, wo einer der Teilnehmer im Brustton der Überzeugung verkündet: „Das ist doch Wortklauberei!“ Wahrscheinlich weiß zwar kaum jemand zu sagen, was "klauben" eigentlich genau ist; höchstens Ältere werden sich noch daran erinnern, dass man früher einmal, beispielsweise, Äpfel vom Boden „aufgeklaubt“, also mühevoll zusammengesucht und aufgehoben hat. Das Wort ist damit, wie die meisten Dinge, die mit Mühe und Arbeit und Geduld zusammenhängen, wohl kaum positiv assoziiert. Und allein von dieser dunkel gespeicherten negativen Assoziation zehrt noch der Vorwurf der „Wortklauberei“: Man suche nämlich mühsam nach völlig überflüssigen Definitionen oder Worterklärungen, obwohl doch die Sache selbst längst klar sei; man lenke damit vom eigentlichen Ziel der Diskussion ab, indem man sich auf Feinheiten wie diffizile Unterschiede in der Wortbedeutung stürze, wo es doch um das Große und Ganze gehe. Wortklauberei steht damit in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zur "Erbsenzählerei" (Erbsen klaubt heutzutage auch niemand mehr zusammen, noch nicht mal Aschenputtel, sie kommen im Kilopack aus der Tiefkühltruhe), "Haarspalterei" (davon profitieren nur Friseure) oder anderen Varianten nervigen Pedantentums. Wer Worte klaubt, so die Unterstellung im Totschlagargument, ist sowieso viel zu kleingeistig und engstirnig, um an großen und wichtigen Diskussionen überhaupt teilnehmen zu dürfen. Schon in der Bibel ist in diesem Zusammenhang vom Unterschied zwischen „Geist“ und „Buchstabe“ die Rede: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig", soll der Apostel Paulus verkündet haben. Die genaue theologische Interpretation des Satzes ist, wen wundert's, umstritten (natürlich von pedantischen und sowieso schon toten Gelehrten), seine allereinfachste Deutung trifft aber genau den Kern des Wortklauberei-Vorwurfs: Wer sich nur an den "Buchstaben" klammere, werde nie zum "Geist" des Gesagten vorstoßen, der sich nämlich nur demjenigen erschließe, der großzügig über buchstäbliche Inkonsistenzen oder Unklarheiten oder gar Widersprüche hinwegsieht. Also ab in den Obstgarten, ihr Klauber, wenn die großen Geister reden!

[...] 



Der arme Oberlehrer, oder: Von der Last, Recht zu haben

 

Oberlehrer? Echt ätzend. Will doch keiner hören, diese ewigen Besserwisser. Müssen ihren Senf zu allem dazugeben, ob die Wurst will oder nicht. Und so obermoralisch mit ihrem ewigen erhobenen Zeigefinger! Macht dies nicht, macht das nicht, seid brave Musterschüler und macht euren Lehrern und Eltern Freude! Da könnt ihr lange drauf warten, sowas von uncool! Und dann haben sie auch noch ewig Recht, das ist wirklich das Allerschlimmste! 

Die armen Oberlehrer. Sie können einem wirklich Leid tun. Da sind sie nun vorbildlich, rechtschaffen und arbeiten sich die Hucke krumm, ja, erreichen damit sogar etwas (werden nämlich Oberlehrer und bleiben nicht schlechtbezahlte Hilfslehrer) – und sobald sie nur anzudeuten wagen, dass man von anderen ja irgendwie auch etwas Einsatz – oder richtiges Handeln – oder wenigstens verschärftes Nachdenken – erwarten könnte, dann hagelt es von allen Seiten auf sie ein: Wer seid ihr denn eigentlich, dass ihr uns Vorschriften machen wollte? Dass ihr unsere persönliche Freiheit  oder auch nur unsere Faulheit einschränkt? Dass ihr uns unter Druck setzt mit eurer achso stupiden und langweiligen Alleswisserei und Vorbildlichkeit?  Der „Oberlehrer“-Vorwurf  gehört nämlich zu den rhetorischen Wunderwaffen, sehr einfach zu benutzen und gleichwohl hunderprozentig wirksam. Und sie wird mit großem Gestus gezückt, sobald jemanden eine Auseinandersetzung auf der Sachebene zu kompliziert oder zu unangenehm wegen möglicherweise daraus zu ziehender Konsequenzen geworden ist: So kann man doch nicht miteinander reden unter Erwachsenen! Das ist doch Bevormundung (gern auch neudeutsch und wegen der Anspielung auf gender-Missverhalten doppelt tödlich: patronizing! )

[...] 

 

"Das wird man doch noch sagen dürfen!", oder: Die Meinungsfreiheit der Anderen 

  

Ich werde ungern persönlich, aber diesmal muss ich wohl mit einem Bekenntnis beginnen, damit überhaupt noch jemand zuhört und es nicht gleich Schläge mit der Meinungskeule gibt: Ich habe keinerlei Problem mit Homosexualität oder Menschen mit Migrationshintergrund; die Gleichberechtigung der Geschlechter ist mir eine Herzensangelegenheit, der Schutz sozialer Minderheiten und die Menschenrechte sind mir selbstverständlich. Ich habe sozialdemokratisch gewählt, ich habe Grün gewählt, und ich hätte mich früher als progressiv bezeichnet. Womit ich aber ein immer größeres, inzwischen geradezu schmerzhaftes Problem habe, das sind die selbsternannten öffentlichen Verteidiger der Meinungsfreiheit. Denn Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Dass man sie aber wirklich als solches erkennt und vor allem ausübt, zeigt sich erst, wenn man mit grundsätzlich anderen Meinungen konfrontiert wird. Von einem der energischsten Verteidiger der Meinungsfreiheit, dem französischen Philosophen Voltaire, ist das Zitat überliefert: "Ich lehne zwar ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen!" Wahrscheinlich ist das Zitat nicht von ihm, sondern von einer seiner Biographinnen, aber egal, wer es nun gesagt hat: Es bringt unüberbietbar klar zum Ausdruck, was Meinungsfreiheit, in ihrer vollen Konsequenz und zu Ende gedacht, wirklich sein sollte: Immer die Freiheit der Anderen, und zwar auf eine gänzlich andere Meinung, und auch, wenn sie noch so abwegig oder abschreckend ist! 


Das aber ist offenbar nicht nur vollständig in Vergessenheit geraten, sondern die öffentlichen Diskussionen der letzten Zeit bewegen sich geradezu in die entgegengesetzte Richtung. Sobald ein Thema etwas heikler wird – und welches wichtige und interessante Thema wird das nicht in unseren medial hypersensibilierten Zeiten! –, entsteht sofort ein öffentlicher Aufruhr, wenn jemand eine politisch nicht korrekte, von dem aufgeklärten mainstream der Gebildeten und Wohlinformierten abweichende Ansicht äußert. Dabei verwenden die rhetorisch meist ungleich besser ausgebildeten, intellektuell überlegenen Vertreter dieses (vermeintlich) aufgeklärten mainstreams gern – weil es so schön ironisch ist, und wie kann man sich besser dem dumpfen Mob überlegen fühlen als durch eine feine Ironie! – die (vermeintlich) entlarvende Floskel der Abweichler: "Das wird man doch noch sagen dürfen!" So wird der Volkszorn dann mit hämischem Unterton zitiert und damit gleich doppelt mundtot gemacht: Denn jeder Satz, der fortan so eingeleitet wird – nämlich mit einer Berufung auf die Meinungsfreiheit, ironischerweise! – wird unter den Generalverdacht gestellt, dass er garantiert im folgenden Nachsatz zwangsläufig dumpfe, unbedachte, menschenfeindliche Parolen enthalten werde. Man muss dann gar nicht mehr weiterreden, man hat sowieso schon verloren. Debatte aus. Glückwunsch, das ist echte Meinungsfreiheit! (ja, Ironie) Voltaire (oder jeder andere wirkliche Aufklärer) hätte gesagt: Mit meinem Leben verteidige ich dein Recht darauf, diesen Satz unbelästigt zu Ende führen zu dürfen – und anschließend ernsthaft mit dir darüber zu diskutieren, und wenn es der größte Quark ist! Nur so geht Aufklärung! 


Aber nein, das, was der moderne Outrageism lieber öffentlich mit großem Medienecho zelebriert, ist eine Gesinnungsdemonstration. Jemand hat also, ganz unvorsichtig, mal wieder was gesagt, was gegen die derzeitigen Sprachregeln verstößt – lassen wir es ruhig böse oder menschenfeindlich oder auch nur dumm sein – und hätte gerade deshalb eigentlich eine ordentliche Antwort verdient, mit guten Gegenargumenten. Aber gefordert wird stattdessen geradezu ritualisiert, dass alle Recht- und Richtigdenkenden dagegen unverzüglich "ein Zeichen setzen". Um noch einmal in den Bekennerton zu verfallen: Mir graut inzwischen vor dieser Lieblingsplatitüde der Medien und der Politik und jedes beliebigen Shitstorms im Internet! Gesinnungsdemonstrationen werden nicht unbedingt besser dadurch, dass man statt schwarze Kapuzen und Sturmstiefel Kerzen in den Händen trägt und Birkenstock an den Füssen, oder dass man eine Menschenkette bildet und sich gegenseitig dafür auf die Schultern klopft, dass man so schön richtig denkt (was man denkt, wird meist nicht so genau gesagt). "Ein Zeichen setzen" ist die perfekte Ausflucht dafür, kein lästiges Gespräch führen zu müssen - es reicht ja, dass man demonstriert hat, dass man wie so viele andere richtig denkt; wozu soll da bitteschön eine Begründung nötig sein? Zeichen aber sind beliebig und vieldeutig und tun keinem weh; sie kosten meist auch nichts. Würde man hingegen mit jedem reden, wie verbohrt und verkehrt einem seine Meinung auch scheinen mag, wäre das natürlich mühevoll und gefährlich; möglicherweise muss man dann sogar ab und zu etwas von liebgewordenen Meinungen abrücken. Oder man ist nicht mehr in der Mehrheit. Aber man könnte ihn ja auch, vielleicht, eines Besseren überzeugen - mit Argumenten und nicht mit Denunziationen und Vorverurteilungen.  


Es werden ein oder zwei Beispiele nötig sein, um diese heutzutage wirklich unpopuläre Meinung zur Meinungsfreiheit ein wenig zu erläutern. Und natürlich wähle ich aus Veranschaulichungsgründen zwei etwas extreme Beispiele aus – einfach, weil man an ihnen am besten zeigen kann, wie angebliche Meinungsfreiheit in öffentlich sanktionierten Meinungsterror mit persönlich tragischen Folgen nicht nur umschlagen kann, sondern das immer häufiger auch tut.

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Die "Neiddebatte"

 

 

Der Neid ist ein grässliches Ungeheuer, ein schleichendes Gift, eine unheilbare Seuche, die Mutter aller Laster. Wo er seinen heimtückischen Schlangenkopf erhebt, werden Menschen zu Bestien: Nichts gönnen sie einander, alles wollen sie für sich allein – Schönheit und Klugheit, Gesundheit und langes Leben, Lob und Anerkennung, die Gunst der Götter und die Liebe der Frauen - vor allem aber, in unseren vollständig säkularisierten und durchgängig ökonomisierten Zeiten: Luxus und Reichtum. Nichts macht heutzutage so begehrlich wie der wirtschaftliche Erfolg der Anderen, zumal wenn er öffentlich zur Schau gestellt wird. Kaum jedoch erheben die neuen Armen – vom Hartz-IV-Empfänger über den Minijobber und den prekären Praktikanten bis hin zum Niedriglohnbezieher (der vorzugsweise weiblich ist: die Friseuse, die Krankenschwester, die Erzieherin, die Altenpflegerin, die Kassiererin im Billig-Discount) - ihre neidverzerrten Stimmen, werden sie von den neuen und alten Reichen (vorzugsweise männlich und in Banken oder multinationalen Konzernen als Manager beschäftigt) mit einem einzigen Wort von oben herab lässig abgefertigt: Da habe man nun wieder einmal eine typische „Neiddebatte“! Und schon stehen die armen Armen da, wie die zweifach begossenen Pudel: Nicht nur haben sie kein Geld und deshalb kein schönes Leben (was schon ziemlich gegen sie spricht); sie haben auch noch einen schlechten Charakter. Ab in die Ecke und schämen! Mit solchen Leuten diskutieren wir nicht!

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"Das ist aber populistisch!"

 

Die Welt ist nicht einfach. Wahrscheinlich war sie das noch nie, aber heute ist sie es erst recht nicht. Früher war sie vielleicht einfach nur kompliziert; aber zum Glück wussten die Meisten sowieso nicht allzu viel von ihr. Es gab noch weiße Flecken auf der Landkarte, keine Telekommunikation und keine Massenmedien, und eigentlich war es schwierig genug, mit seinen Nachbarn in Frieden auszukommen, die Kinder großzukriegen und vielleicht dann und wann zu den Sternen aufzusehen und von der großen weiten Welt zu träumen. Heute jedoch ist die Welt komplex, was nicht nur ein modisches Wort für kompliziert ist. Ein komplexes System besteht aus unübersichtlich vielen, ineinander „zusammengeflochtenen“ (so die Grundbedeutung aus dem Lateinischen) Elementen, das der menschliche Verstand, trotz der zweifellos höchst komplexen Struktur des Gehirns selbst, nicht mehr vollständig gedanklich beherrschen kann: zu verknotet und verstrickt die Abhängigkeiten, zu klein- und vielteilig die Details, zu unabsehbar die entlegenen Ursachen und die entfernten Folgen, von deren Rückkopplungen und Wechselwirkungen untereinander ganz zu schweigen. Und je mehr wir von der Welt wissen, desto komplexer wird sie; der Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien kann nicht nur einen Tornado in Texas auslösen, sondern wahrscheinlich auch eine Ehekrise in Ermelskirchen, einen Bankrott in Buxtehude oder einen Hustenanfall in Hamburg. Oder ist das zu stark vereinfacht? Sie können es nicht mehr hören, und der arme brasilianische Schmetterling soll endlich in Ruhe mit seinen Flügeln schlagen, soviel er will, ohne dass ihm alles Elend der Welt angelastet wird? Aber so ist das eben mit der Popularisierung komplexer wissenschaftlicher Theorien: Um sie passend für den Allgemeinverstand zu machen, werden sie so lange vereinfacht, bis sie eigentlich nicht mehr stimmen; zumindest nicht mehr in jenem exakten Sinn stimmen, auf den es in der Wissenschaft bekanntlich ankommt, und für den der Wissenschaftler seinen ganzen mühsam hochtrainierten Spezialistenverstand braucht.

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