Das Bella-Buch


Am Anfang hat man sie gar nicht gesehen. Sie hatte sich verkrochen, ganz tief in ihren Korb, so als wollte sie nie mehr wieder herauskommen. Das war nichts Besonderes, das machten die meisten ihrer – nein, man möchte nicht sagen: Leidens-Genossen, denn es war ja zu ihrem Besten, dass sie hier im Tierheim gelandet waren, viele tierliebende Menschen opferten hier ihre Freizeit und ihr Herzblut für diese verstoßenen Kreaturen. Aber leider litten sie dabei, offensichtlich, unvermeidlich, also: Sie litt, wie ihre Leidensgenossen, all die Katzen und Kater, die sich irgendwo versteckten in ihren vergitterten Käfigen, manche sogar im Katzenklo, andere hatten offensichtlich die Fähigkeit sich ganz und gar unsichtbar zu machen. Draußen kläfften die großen Hunde, die es auch schwer hatten, und im Büro trieb der gutherzige Dilettantismus Blüten und das Telefon klingelte unaufhörlich und gelegentlich im Takt zum Bellen der Hunde. Nur ganz hinten im Katzenhaus tollten einige ziemlich minderjährige Katzenkleinkinder mutwillig übereinander und untereinander, die natürlich jeder sofort mitgenommen hätte. Aber wir standen vor ihrem Käfig, irgendwie hatte es sich so ergeben; "Bella" stand auf dem Namensschild, wer hatte sie wohl so genannt, und was hatte er oder sie sich dabei gedacht? Konnte man nicht, wenn man ganz genau hinschaute, ganz hinten ein paar sehr große kugelrunde Augen sehen? Und war es nicht so, wenn man sich den Käfig aufsperren ließ und sich sehr vorsichtig näherte, dass einen die großen kugelrunden Augen fixierten und nicht mehr losließen, gar nicht wehleidig, eher aus Angst entschlossen, aus Schrecken gebannt, pupillenschwarz gewordene Panik? Bella starrte. Man konnte, stellte sich heraus, sehr vorsichtig eine Hand in den Korb stecken; man konnte, sehr vorsichtig, sie berühren, durch das dicke Fell tasten, das man jetzt erst bemerkte, und irgendwann, war es der Stress oder doch ein erstes Erkennen, begann der versteckte Körper hinter und unter den großen Augen sogar vorsichtig zu schnurren. Und dann streckte sie die Pfote ein klein wenig vor, es war die rechte. Mehr konnte man nicht erwarten. Aber es brach einem ein wenig das Herz, wieder zu gehen und die großen Augen zurückzulassen, die nun wieder ins Leere starren würden, auf das Gitter, ins eigene Innere, wer weiß das schon. Draußen kläfften die Hunde immer noch, und wir versprachen ihr, Bella, dass wir wiederkommen. Vielleicht hatten wir gewisse Zweifel, dass wir eine Katze wollten, die irgendjemand Bella genannt hatte, o.k., zugegeben; aber ihr Blick hatte sich irgendwohin gebohrt, zwischen Herz und Verstand, und blickte von innen aus weiter.

 

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Beim zweiten Besuch war alles genauso. Sie saß im gleichen Korb, ganz weit hinten, aber man kannte die Augen ja jetzt schon. Und während die sehr umfangreichen Übergabeverhandlungen im Büro geführt wurden, unter dem ebenfalls schon bekannten rhythmischen Takt von Hundegebell und Telefongeläute, heute noch etwas stressiger als beim letzten Mal, aber mit einer bürokratischen Genauigkeit, die einen einfachen Autokauf als spontanen Feierabendeinkauf erscheinen ließ, taute Bella ein wenig auf. Sie drehte sich vorsichtig, man kam schon fast an den Bauch, er war sehr wollig, wie sich herausstellte. Die Pfote kam vor, man konnte auch sie anfassen. Natürlich würde es so sein, dass man eine Katze "kaufte", ohne sie besehen zu haben; woher sollten wir wissen, ob Bella klein oder groß, ein schlanker Räuber oder eine behäbige Wohnungsmieze war? Es war halt Bella. Man sah nur die Augen, sie bohrten sich dieses Mal noch ein wenig tiefer ein, das war durchaus kein ganz angenehmes Gefühl; Bella war nicht mitleiderregend, sie war nicht kläglich, sie war nur panisch und streng und vermittelte etwas, das man vielleicht, notwendig ungeschickt, in menschliche Worte fassen kann: Ich trau dir nicht. Ich behalte dich im Auge. Du bist wahrscheinlich auch nur einer von denen, die einem erst einen Namen geben und ein kuscheliges Körbchen und einen dann verlassen. Nein, du schaust jetzt nicht weg! Ich bin nicht niedlich, ich heiße zwar Bella, aber Namen kann man nicht trauen. Dann kam, endlich, die Tierheimleiterin, packte sie mit entschiedenem Griff im Genick – man sah, erstmals, eine ziemlich große Katze mit allen dazugehörigen Gliedern, die vor lauter Verwirrung noch nicht einmal zappelte – und packte sie in unseren sorgfältig ausgepolsterten Katzenkorb. Und wir fuhren mit Bella nach Hause.

 

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Im Gegensatz zu Minka verhielt sich Bella vorbildlich beim Autofahren. Kein Murks, kein wildes Toben, kein Rütteln am Gitter. Wir fühlten uns sicher. Es war alles richtig gewesen. Das war, wie sich herausstellen sollte, ein klein wenig voreilig gefühlt. Bella blieb ruhig, als wir aus dem Auto ausstiegen und sie ins Wohnzimmer trugen. Dann öffneten wir die Tür des Katzenkorbes, sehr vorsichtig. Sie kam nicht heraus, na klar, konnte man verstehen. Wir ließen sie ein wenig in Ruhe. Und dann verschwand eine Katze. Es war wie ein Zaubertrick. Als wir einige Minuten später zurückkamen, war da nur noch ein leerer Katzenkorb und keine Spur einer Katze, nirgends, noch nicht einmal ein paar Haare. Nun gut, sie würde sich versteckt haben; das hatte die viel zu plapperige Inspektorin vom Tierheim, die uns einige Tage zuvor auf unsere Eignung als verantwortungsbewusste Katzenhalter geprüft hatte, ja angekündigt; wir hatten ihr zwar nicht so recht geglaubt, schließlich hatten wir schon eine Katze gehabt und wussten, wie Katzen funktionieren! Bella aber, so stellt sich jetzt heraus, funktionierte anders. Ganz anders. Sie konnte zum Beispiel spurlos verschwinden, das hatte Minka nie getan. Wir suchten, überall. Wir suchten an den Stellen, von denen man sich vorstellen konnte, dass sich eine Katze dort verstecken würde, und dann suchten wir an den Stellen, von denen wir uns nicht vorstellen konnten, dass sich dort eine Katze verstecken konnte; und schließlich, kurz vor der völligen Verzweiflung sogar in Räumen, die definitiv mit einer Tür verschlossen gewesen waren. Dann gaben wir auf. Wir setzten uns zum Abendessen, beunruhigt und mit wenig Appetit, und warfen immer wieder verstohlene Blicke in alle möglichen Ecken. Nichts. Wir standen auf und suchten nochmal an den gleichen Stellen, auch an den unmöglichen. Nichts, nichts, nichts. Es war bestimmt eine ganze Stunde später, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung unten hinten im Bücherregal sah. Ich hätte schwören können, es sei gänzlich unmöglich sei, dass eine Katze – die zudem eine relativ massive Katze war, eher das Modell behäbige Zimmermieze – einen Platz zwischen den Büchern und der Wand finden könne. Es war nicht unmöglich. Bella hatte es bewiesen. Sie saß dort, die großen Augen starrten zwischen den Comics hervor, ironischerweise war es direkt neben den Garfield-Büchern. Aber nein, sie war kein Garfield, ganz sicher nicht. Sie war Bella, und wir würden schon lernen, sie zu finden.

 

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Bella jedoch fand in den nächsten Tagen viele Orte, an denen man spurlos verschwinden konnte. Der erste Favorit war die Schublade unter dem Sofa im Wohnzimmer – eigentlich eine geschlossene Schublade, aber, aus welchem Grund auch immer, war eine der Ecken etwas offen, vielleicht zum Lüften der dort gelagerten Wolldecken, man hätte jedoch nicht geglaubt, dass eine Katze dort hindurch passte. Sie passte aber. Und wenn sie schlangenförmig hineingeschlupft war, wickelte sie sich in die Wolldecke ein, so dass man, wenn man die Schublade öffnete, keine Katze sah. Man sah eine etwas wulstige Wolldecke und dachte, komisch, habe ich die nicht ganz anders zusammengelegt? Dann schlug man die Decke vorsichtig zurück, und die schwarzen Augen starrten einen an. Vielleicht kam eine Pfote vor, dann und wann. Ansonsten ließ man Bella lieber in Ruhe. Des Nachts kam sie offensichtlich hervor, fraß ihren Futternapf leer, trank Wasser und benutzte, ohne jede Einweisung, korrekt ihr Katzenklo (sie war allerdings viel besser als Minka darin, die Streu anschließend in einem Umkreis von einem Quadratmeter fein zu verteilen). Zwischendurch schaute man mal wieder, sie war wieder eingewickelt. Eine Katzenmumie. Konnte sie nicht ersticken? Offensichtlich nicht. Es war der ideale Platz, man war dabei, aber unsichtbar. Wir saßen auf ihr, im wörtlichen Sinne, und überlegten, ob wir ihr nicht doch einen anderen Namen geben sollten. Bella, nun gut, wir hatten schon eine Ahnung davon, dass sie eine ziemlich fellreiche Katze mit einem ziemlich hinreißenden Gesicht war, einer feinen fedrigen Halskrause, dicken Samtpfötchen, pludrigen Ohren und langen weißen Schnurrhaaren. Aber war es nicht doch wichtig, ihr selbst einen Namen zu geben, sie damit erst wirklich zu unserer Katze zu machen, nicht zu einer Bella, die von irgend jemand verlassen wurde, der Katzen Bella nennt? Wir erwogen kurz, sie Eule zu nennen, des Starrens wegen, oder Hase, wegen ihrer Art, die Pfötchen vorzustrecken. Aber eigentlich war sie eher ein Enigma, das sich uns noch nicht recht erschloss, ein flüchtiger Besucher, mehr ein vorbeiblitzendes Augenpaar als eine Katze. Ach was, beschlossen wir irgendwann, ohne noch länger darüber zu reden; wir sind nicht die Leute, die meinen, einem selbstständigen Wesen ihren Charakter aufdrücken zu können, indem sie ihm einen Namen anhängen! Sie ist Bella. Minka hatte Charakter, Bella hat Schönheit. Beides ist anstrengend und eine Verpflichtung.

 

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Dann fand Bella ihren Platz, endlich. Zwischendurch hatte sie das Gästebett ganz hinten im Gästezimmer erprobt, zwei oder drei Tage lang; wir hatten sie auch im Verdacht, im Kinderzimmer eine Ecke unter dem Bett gefunden zu haben, die tatsächlich für Menschen völlig uneinsehbar war. Aber dann hatten wir sie eines Tages überredet – schließlich sollte sie ihr Territorium langsam erweitern – uns auf den Dachboden zu folgen. Dort gibt es sehr viele Dinge, die für Katzen sehr interessant sind – für andere Katzen jedenfalls, wie zum Beispiel Kater, der sich dort sehr lange aufhielt und immer neue interessante Ecken fand, bis er mitten auf dem Wäschekorb glücklich wurde, dessen Durchmesser genau der gleiche war wie der seines imponierenden Kater-Körpers, wenn man ihn nur richtig kringelte. Bella jedoch erwählte den Billardtisch; unseren lange nicht benutzten, mit einer etwas staubigen gelbgrünen Samtdecke aus einem vorigen Jahrhundert und einer Vergangenheit als Vorhang bedeckten, etwas zu kleinen Billardtisch. Aber Bella fand ihn genau richtig; man konnte sich in eine Ecke setzen, oder auch legen (aber nur, wenn keiner schaute), gleich bei den Queues, und dort wohnte Bella nun. Den ganzen Tag lang. Man musste nicht mehr suchen, unter Betten krabbeln oder Schubladen öffnen – nein, man musste nur den Weg zum zunehmend kühler und ungemütlicher werdenden Dachboden auf sich nehmen, und dort saß, unfehlbar, eine Katze auf dem Billardtisch, immer noch großäugig und scheu. Aber dann hob sie ein wenig das Pfötchen, ihr Markenzeichen, und alles war gut, und man ging wieder runter und macht irgendetwas, und die Katze blieb oben und schaute. Manchmal hatte man das Bedürfnis, sich anzuschleichen und zu schauen, ob sie sich nicht doch heimlich hinlegte und die Augen schloss – irgendwann musste sie doch schlafen! Abends kam sie immerhin mit zu uns hinunter, drapierte sich auf einen Schoss und sah mit uns Fernsehen; und nachts aß sie weiterhin ihr Futter, benutzte ihr Katzenklo und verteilte die Katzenstreu in der Wohnung. Inzwischen fand man auch da und dort Knäuel von Katzenhaaren, vor allem auf der Treppe; irgendwann ging sie also im Haus umher. Aber kam man, auch zu überraschenden Zeiten, auf den Dachboden, saß Bella-Buddha hellwach auf dem Billardtisch und starrte.

 

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Aber ansonsten machten wir kleine Fortschritte. Am Anfang war Bella stumm; sie schaute nur und schnurrte gelegentlich, ob aus Unsicherheit, Panik oder sanftem, widerwilligen Wohlbehagen, war schwer zu sagen. Irgendwann aber begann sie zu sprechen. Nein, sie begann nicht zu sprechen, wie Minka, die "Ja" sagen konnte (was "Miau" benachbart genug ist, um im richtigen Kontext wie "Ja" zu klingen). Sie begann eher – zu quietschen, etwas unglückliche Geräusche, schwer beschreibbar, eine Art "Knurz", aber offenbar eine Art von Kommunikation. Es war eine Fremdsprache, und wir mussten sie lernen. Bella aber auch, hatte man das Gefühl; wir arbeiten weiterhin daran. Das Geräusch hingegen, das eigentlich sofort Bellas Markenzeichen wurde, war ein sonores "Plopp". Es ist das Geräusch, das entsteht, wenn eine große, dicht befellte Katze sich von einem Moment zum anderen auf den Boden schmeißt und auf der Seite landet; was auch die Vorstufe dafür sein kann, sich ganz auf den Rücken zu wälzen, alle Beine in die Höhe zu strecken und einen wirklich sehr würdelosen Eindruck zu machen (man konnte aber gut sehen, wie ihr Fell auf dem Bach nachwuchs). Bella fällt wirklich um, man kann es nicht anders sagen. Man hört sie nie kommen, so wie man Minka kommen hörte, ungeschnittene Krallen auf Laminat, tippel-tippel. Nein, Bella schleicht perfekt auf ihren dicken Samtpfoten; sie macht sich dabei sogar klein, so dass die ganze Katze nur knapp über Bodenhöhe daherschlurft. Aber dann, auf einmal, macht es irgendwo "plopp", und die Katze ist umgefallen. Sogar dabei schafft sie es noch, das Pfötchen vorzustrecken. Vielleicht will sie irgendetwas damit sagen. Vielleicht will sie aber auch nur umfallen, weil es sich lustig anfühlt, wer weiß? Man wird ein wenig neidisch, wenn man ihr dabei zuschaut, und möchte sich gleich aufs nächste Sofa schmeißen. Aber wahrscheinlich würde es nicht "Plopp" machen, sondern Polter, und hinterher wäre entweder das Sofa dahin oder irgendein mäßig unbedeutender Knochen. Nein, nur Bella kann dieses sanfte "Plopp" erzeugen; es entspricht irgendwie ihrem sprunghaften Charakter, der ohne Zwischengänge von totaler Panik zu wohligem alle-viere-von-sich-Strecken umschalten kann. Wir hatten langsam den Verdacht, dass sie bei aller Behäbigkeit eine tückische Jägerin sein mochte, ein kompakter dickfelliger Bella-Bär.

 

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Und dann kam der Sonntag, wo wir dachten, es sei eine gute Idee, wenn Bella einmal das Haus verlässt. Schließlich sollte sie eine Freigängerin werden, kein eingesperrter Stubentiger! Wir dachten, wir seien bereit dafür. Unsere Beziehung würde das verkraften. Das, so stellte sich schnell heraus, war ein Fehler. Denn Bella ging bereitwillig hinaus auf die Terrasse, oh ja, und wir freuten uns, schau, sie will ja! Bella aber wollte immer weiter. Es war, als hätte ein fremder Geist von ihr Besitz ergriffen, von dieser immer noch scheuen und viel zu leicht zu erschreckenden Katze, die tagsüber auf ihrem Billardtisch thronte und abends sich auf unseren Knien drapierte, zunehmend entspannt, manchmal schloss sie sogar schon die Augen für zwei oder drei Minuten. Und dieser fremde Geist trieb sie nun in den Garten hinaus, der voller fremdartiger Geräusche war, die uns auf einmal auch auffielen: Waren die Vögel wirklich immer schon so laut? Hörte man die Autos von der Hauptstraße denn so deutlich? Und was war das für ein Knacken im Gebüsch? Bella wurde ums Haus getrieben, schleichend, die Samtpfoten kaum vom Boden hebend. Wir folgen ihr, angetan von ihrem Eroberungstrieb, aber zunehmend unsicher: War es wirklich eine gute Idee, jetzt schon aufs Nachbargrundstück zu gehen? Musste sie sich unbedingt hinter dem Holzstapel verstecken? Wenn wir klug gewesen wären und nicht überehrgeizige Helikopter-Katzeneltern, hätten wir gemerkt, dass Bella nur das tat, was sie im Haus auch tat: Sie suchte das entlegenste und versteckteste Versteck, zielstrebig wie ein kleiner total panischer Roboter mit Samtpfötchen. Sie fand es, auf dem Nachbargrundstück, in einer dunklen Ecke unterhalb der Terrasse, gerade so schmal, dass ein Mensch kaum hineinlangen konnte. Genau das aber, so mussten wir nun, als der Sonntagabend begann sich in die Länge zu ziehen, jetzt aber tun: Wir mussten hineingreifen, um sie zurück ins Haus zu tragen. Allein würde sie nicht kommen, und wer weiß, wohin sie sich absetzen würden, wenn wir sie allein ließen. Also fasste Dieter hinein. Er hob aber nicht Bella hoch, sondern ein fauchendes, um sich schlagendes Monster, das nur noch aus Zähnen – sehr spitzen Zähnen, warum war uns das vorher noch nie aufgefallen? – bestand und kamikazemäßig rotierenden Krallen. Dieter war heldenhaft, er hielt vielleicht zwei Minuten aus, und in diesen zwei Minuten verlor er viel Blut. Ich übernahm, aus Verzweiflung, einen Moment war Bella still, wohl aus Verwirrung; dann mutierte sie wieder zum Monster, und ich hielt es kaum eine Minute aus, bevor ich sie losließ – und wie der Blitz war sie verschwunden. Wir humpelten zurück zum Haus, blutend, geschlagen, frustriert. Was war aus unserem schönen Sonntagsausflug geworden! Als wir das Wohnzimmer betraten, schon verzweifelt darüber grübelnd, wie wir nun unsere flüchtige Katze einfangen sollten, sahen wir gerade noch einen sehr gesträubten Schwanz um die Kurve vom Wohnzimmer in den Flur verschwinden. Bella war geflüchtet, und sie war geradeaus dorthin geflüchtet, wo sie sich am sichersten fühlte in dieser bösen, fremden Welt mit Geräuschen und Gärten und Autos: in unser Haus, in ihr Haus. Man konnte ihren Blutspuren durchs Haus folgen, offenbar hatte sie sich auch ein wenig verletzt bei ihrer Mutation zur Bella-Bestie. Sie war auf dem Dachboden, irgendwo versteckt, doch nach gar nicht allzu langer Zeit traute sie sich wieder hervor. Die Vorderpfote blutete noch etwas, wir hatten aber eindeutig die schwereren Verletzungen davongetragen. Bella war sehr friedlich, wir auch; ich hatte das Gefühl, wir schämten uns alle ein wenig. Keine Experimente, beschlossen wir stillschweigend; es reicht, morgens einige Minuten auf den Balkon zu gehen, das ist aufregend genug. Später vielleicht einmal wieder.

 

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Es mag eine Woche später gewesen sein, dass endlich einmal Kater zu Besuch kam. Als er die Terrasse betrat, erkannte ich ihn erst gar nicht: Er sah so klein aus, und er hatte so glattes Fell! Mühsam erkannte ich, dass meine inneren Katzenproportionen sich verändert hatten: Bella war eine recht imponierende Katze, die durch ziemlich viel Fell noch vergrößert wurde, während Minka immer zierlich und zerbrechlich neben Kater gewirkt hatte (natürlich nicht neben Kater, so nah ließ sie ihn nie kommen, aber: im geistigen Maßstab). Kater jedoch war fröhlich wie immer; sehr vorsichtig schaute er auf die Terrasse, wo seines Wissens eine zierlich, aber ihm sehr wenig gewogene Katze wohnte, die ihn regelmäßig anfauchte. Dann ging er nicht etwa durch die geöffnete Terrassentür ins Haus, sondern durch die Haustür, wie wir es immer gemacht hatten, damit er Minka nicht im Wohnzimmer begegnen musste. Und dann gingen wir zusammen, wie sich das gehörte, zum Dachboden hoch, vielleicht freute er sich schon auf seinen Wäschekorb oder die Kiste mit den uralten Gardinen, die er vor einiger Zeit entdeckt hatte. Wir begegneten Bella, zufällig, schon beim Eingang zum Dachboden, offensichtlich wollte sie gerade eine Runde durchs Haus gehen. Und Bella verwandelte sich wie der Blitz wieder zur Bella-Bestie; nein, eigentlich fand ich sie sogar noch schreckenerregender als bei unserem misslungenen Sonntagsausflug, wie sie nun den armen, aber nicht aus der Ruhe zu bringenden Kater anfauchte, alle Haare von sich gestreckt, beinahe kochend vor Wut. Ich stellte mich zwischen die beiden, froh darüber, menschliche Größe zu haben. Kater rührte sich nicht, Bella kam näher, eine Furie. Ich drängte sie etwas mit dem Fuß zurück, das funktionierte – temporär. Aber die Situation war rettungslos; sie konnte nur weiter eskalieren. Ich musste einen verständnislosen, etwas verdatterten Kater wieder die Treppe hinuntertragen, zum Glück folgte die Furie uns nicht. Seitdem wissen wir, dass Bella eine Einzelkatze ist, genauso, nein: mehr noch als Minka. Sie macht auch keine Gefangenen. Nachdem der Eindringling entfernt war, war sie sofort wieder friedfertig. Wir beschlossen auch hierüber kein Wort mehr zu verlieren. Es sollte nicht wieder vorkommen, jedenfalls nicht auf dem begrenzten Raum eines Dachbodens.


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Es begann damit, dass Dieter eines Abends, als er von der Arbeit heimkam, meine Bettsocken mitten auf dem Absatz der Treppe zwischen Erdgeschoß und ersten Stock fand. Natürlich hatte ich sie, schließlich bin ich ein Ordnungsfanatiker, am Morgen unten in den Nachttisch gelegt, wo sie immer griffbereit liegen, falls mich vor dem Einschlafen die eiskalten Füße überfallen, und dann war ich nach Freiburg gefahren und hatte, nachweislich, das Haus nicht mehr betreten. Aber irgendwie mussten die Bettsocken ja auf die Treppe gekommen sein? Wir wunderten uns ein wenig. Am zweiten Tag wunderten wir uns schon nicht mehr so sehr, dass die Bettsocken irgendwann im Laufe des Tages wieder zur Treppe gewandert waren; es war eher bemerkenswert, wie ordentlich sie da lagen, nebeneinander drapiert wie zwei kleine weiße wollige Füße. Danach machte ich einige kleine Experimente, aber im wesentlichen endeten sie immer gleich: Irgendwann lagen die Bettsocken nicht mehr im Schlafzimmer, sondern auf der Treppe, wie von Geisterpfoten bewegt. Heute hörte ich dann beim Mittagessen im Esszimmer merkwürdige Geräusche aus dem benachbarten Wohnzimmer: Offenbar fand eine Art Kampf statt, man hörte tobende Katzenpfoten auf Laminat, und ich vermutete, dass Bella sich mit einem der kleineren Wohnzimmerteppiche angelegt hatte; sie hat auch die Angewohnheit, den weißen Lämmchen-Vorleger vor dem Gästeklo zu zausen, ich ziehe es dann wieder glatt, und am nächsten Tag ist es wieder zerzaust (wahrscheinlich ist es doch heimlich ein in der Wolle gefärbtes schwarzes Schaf, wir haben es nur noch nicht gemerkt in unserer menschlichen Vertrauensseligkeit). Als ich dann nachschaute, lagen aber alle Teppiche ordentlich da, wo ich sie hingelegt hatte. Hingegen ruhte ein sehr zerzauster weißer Bettsocken mitten im Wohnzimmer. Das warf ein ganz neues Licht auf die Treppen-Episode: Bella war also gar nicht der Meinung, dass die Bettsocken einfach nur am falschen Ort lägen und gelegentlich durch das Haus an andere Orte bewegt werden müssten, auf Katzenpfötchen, ganz leise; nein, es waren böse Feinde, getarnte weiße, aber innerlich rabenschwarze Monster, genau wie das Bettvorleger-Lämmchen, und jeden Tag nahm sie erneut tapfer den Kampf mit ihnen auf! Ich lobte das Pantoffeltierchen, was sollte man schon tun. Die größten Heldentaten finden bekanntlich im Geiste statt. 


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Shit happens. Diesmal leider wörtlich. An diesem Morgen stand Bella nicht bereit, als wir die Tür zum Schlafzimmer öffneten - sonst wartet sie treu und zuverlässig, manchmal klettert sie dann noch ein wenig aufs Bett und stiefelt auf uns herum. Ich fand sie auf dem Dachboden, sie saß auf ihrem Katzenklo und guckte belämmert. Nun gut, dachte ich, unangenehme Situation, so eine Katze braucht ja auch ihre Privatheit, und ging wieder. Die Katze kam nicht nach. Nun gut, dann nicht, dachten wir, hat sie wieder Hormone, was auch immer. Als wir jedoch das Haus verlassen wollten, fanden wir die eigentliche Katastrophe. Offensichtlich hatte die arme Bella eine harte Nacht gehabt; schwere Verdauungsprobleme, Erbrochenes, Durchfall, das ganze Programm, äußerst unschön über das Treppenhaus verteilt. Wir säuberten das Notdürftigste, es war ziemlich eklig, dann mussten wir los. Als ich mittags zurückkam, entdeckte ich aber erst das ganze Ausmass der Katastrophe: Bella, bekanntlich eine sehr langhaarige Langhaarkatze und dem Putzen gar nicht so sehr zugeneigt, trug deutliche Spuren der nächtlichen Katastrophe. Am Hintern und am Schwanz und am Bauch. Alles war verklebt, dicke Klumpen überall, vermischt mit Katzenstreu, ein entsetzlicher Geruch, eine zutiefst verstörte Katze. Das hatte sie uns also am Morgen sagen wollen, auf ihre etwas kryptische Bella-Art: Ich bin eine Stinkbombe, ich schäme mich unendlich, aber irgendwie muss man das hier gelöst bekommen! Das versuchte ich den Nachmittag über, mit viel Geduld, noch mehr heißem Wasser, vielen Tüchern, leider keiner Gasmaske und insgesamt nicht besonders viel Erfolg. Lösen könnte das Problem erst die Tierärztin am nächsten Morgen. Bella hat gelitten. Und gestunken. Uns allen hat es gestunken, aber was will man machen. (Lehre: keine Milch mehr!)


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