Zum Weinen

Die traurigsten Geschichten der Welt

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  • Was bleibt
  • Ich bin doch nur ein Bürger
  • Wohltätigkeit
  • Vater-Kind-Probleme

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Was bleibt


Sie waren unsere Nachbarn, auf einem kleinen Dorf im Schwabenländle. Die beiden etwas älteren Reihenhäuser waren ganz am Rand gelegen, nebenan war der Sportplatz und über die Obstwiesen hinweg erhob sich der Albrand (manchmal kreisten Hubschrauber dort, dann suchten sie wieder einen Selbstmörder, der gesprungen war). Der Garten der Nachbarn, schon im Rentenalter beide, war genauso sauber und ordentlich aufgeräumt wie das Haus; wenig Blumen (das Gemüsegärtlein lag weiter oben am Hang), schon gar keine Zimmerpflanzen im Haus; das macht doch nur Staub, sagte die Nachbarin, eine etwas verhuschte, aber trotzdem recht dominante Person. Im Dorf erzählte man sich über sie, sie habe einen alleinstehenden Onkel; und wenn er Sonntags zum Mittagessen eingeladen sei, dann würde ihm das im Auto serviert, damit er nicht so viel Dreck in die Wohnung bringe. Wir sahen das niemals, es erschien uns sehr merkwürdig. Eigentlich waren die Leute auch keine schlechten Nachbarn, man sprach miteinander über den Gartenzaun und vertrug sich. Und immerhin gab es Susi. Susi war ein Yorkshire-Terrier, klein, knuddelig, etwas schmutzig weiß, der sich gern mit lebhaftem Kläffen bemerkbar machte. Warum Susi Dreck ins Haus bringen durfte, nicht aber der Onkel, ist uns nicht klar geworden; klar war aber, dass die Nachbarn Susi über alles liebten. Sie war ihr Sonnenschein, und das ist keine Floskel, sondern die reine Wahrheit. Aber Susi wurde, das ist der Gang aller Dinge unter der Sonne, älter, etwas weniger lebhaft, immer ruhiger, und eines Tages stand der Nachbar am Gartenzaun, und er hatte Tränen in den Augen, als er sagte, Susi sei gestorben. Wir bezeigten unser Beileid, es kam durchaus von Herzen, auch wenn das Gekläffe früher oft schwer zu ertragen gewesen war; aber sie war ihr Sonnenschein gewesen, und wie sollten sie jetzt leben in dem wohlgeputzten Haus und dem Garten mit den wenigen Blumen? Wenig später hat mir der Nachbar, auch das kam aus heiterem Himmel, über den Gartenzaun hinweg eine kleine selbstgebastelte Blumenvase geschenkt; sie war über und über mit kleinen Muscheln beklebt, in ihrem Garten standen schon mehrere, auch größere Muschelgebilde. Man würde sie nicht als Kunstwerke bezeichnen, aber es war ein Hobby, es gibt schlechtere, und man kann daran basteln, auch wenn die Sonne nicht scheint. Bald darauf sind wir weggezogen, in ein anderes Dorf; die Nachbarn, so hörten wir irgendwann oder lasen es in der Zeitung, sind dann einer nach dem anderen gestorben. Die Blumenvase mit den Muscheln habe ich aufgehoben, sie steht bis heute in meinem Garten, wo sie sich gut mit allen Arten blühender Blumen verträgt. Bis heute ist keine einzige der Muscheln abgefallen. Es war eine sorgfältige Arbeit.


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Ich bin doch nur ein Bürger

 

Nun war es leider so, dass die Klavierlehrerin schwer krank geworden war, und keiner wusste, wann sie ihren Unterricht wieder aufnehmen würde können; das Kind hatte aber gerade erst angefangen mit Klavierspielen und sollte dabeibleiben. Also musste man einen neuen Klavierlehrer suchen. Die Musikschule im benachbarten Städtchen bot glücklicherweise Schnupperstunden an, und so vereinbarte man einen Termin. An einem heißen Sommernachmittag liefen Mutter und Kind zögernd durch die ausgestorbene Schule, beide etwas ängstlich, um schließlich in einem stickigen kleinen Raum ganz am Ende ein Klavier samt dem Klavierlehrer zu finden. Er sah genauso aus, wie man sich einen Klavierlehrer vorstellt: ein älterer Herr, künstlerisch angehaucht im Habitus, mit sehr weißen Haaren und einer sehr schwarzen Hornbrille; nicht unsympathisch, aber mit diesem Blick, der einem die Finger auf den Tasten lähmte. Genau das passierte dem Kind natürlich, als es zeigen sollte, was es denn schon gelernt hatte. Kaum hatte es zwei oder drei Tasten nervös angeschlagen, fuhr der Klavierlehrer dazwischen: Nun, das sei ja ganz schön, aber leider auch ganz falsch, sozusagen vom Grunde aus falsch; und er nahm seine feingliedrigen Hände und legte sie auf die Tasten und zeigte, wie man sie anzuschlagen hatte, sanft und doch energisch, damit die Töne wirklich zum Leben erwachten. Für den Laien machte das wohl wenig Unterschied, aber wer wollte das schon zugeben, jedenfalls nicht die nervöse Mutter; das Kind, das sehr sanftmütig war und Tadel wenig gewohnt (normalerweise gab es keinen Grund dazu), bekam schon ein wenig feuchte Augen. Aber der Klavierlehrer war jetzt nicht mehr zu stoppen, all seine Begeisterung für das Klavier und die Musik im Allgemeinen und die Kunst überhaupt strömte aus ihm heraus, und sicherlich hätte die künstlerisch selbst nicht unambitionierte Mutter das eine oder andere davon zu schätzen gewusst oder auch gelegentlich widersprochen, aber dafür blieb kein Raum: Flink wie seine Finger über das Klavier entströmten seinen schmalen Lippen die Worte in einem langen wohlmodulierten Fluss. Zum Glück musste das Kind das Klavier im weiteren nicht mehr berühren, das war gar nicht nötig, und auch der Mutter blieb nur Raum für ein gelegentliches höfliches Nicken. Es wurde dann am Ende der halben Stunde sozusagen vorausgesetzt, dass man sich geeinigt habe und kein anderer als genau dieser Klavierlehrer dem Kinde all das Schöne und Geistige der Musik in seiner ganzen Breite und Tiefe würde vermitteln würde können. Dem Kind allerdings liefen, als man endlich den kleinen stickigen Raum verlassen durfte und wieder auf dem sonnendurchglühten Schulhof stand, dann doch die Tränen herab; und da es kurz zuvor zufällig in einem Thomas-Mann-Seminar der Mutter dabei gesessen hatte – man hatte den Tonio Kröger behandelt –, stammelte es hervor: „Ich will doch gar kein Künstler sein, sondern einfach nur ein Bürger!“ Mehr auf den Punkt hätte man es nicht sagen können, und die Formulierung zeigte im übrigen einen nicht unerheblichen Kunstverstand. Zum Glück hatte die Musikschule, nachdem die Mutter sehr zögernd nachfragte, noch andere Klavierlehrer zu bieten, und mit der nicht ganz so alten Dame – auch sie eine typische Klavierlehrerin, mit wallenden Gewändern, aber unendlich viel mehr Sanftmut und Geduld – konnte sich der kleine Bürger gut anfreunden.  


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Wohltätigkeit


Es war vor langer Zeit bei einem Gemeindebasar, wo wohlmeinende Menschen wohlgemeinte Basteleien an andere wohlmeinende Menschen verkaufen, damit die Welt ein besserer Ort wird. Wie immer gab es wahrscheinlich Kaffee und Kuchen, und Häkeldecken und selbstgestrickte Socken, und Weihnachtsgestecke, und selbstgekochte Marmelade. Ganz in der Ecke aber waren große weiße Stellwände aufgebaut; an ihnen hingen Bilder, keine bekannten und berühmten Meisterwerke, auch keine selbstgemalten Aquarelle oder Ölskizzen, sondern freundliche Bilder von südlichen Landschaften, Waldidyllen vielleicht, gerade noch kurz vor der Kitschgrenze, vielleicht schon darüber, aber wen schert das schon auf einem Gemeindebasar. Der Mann der Küsterin, ein unscheinbarer, niemals unfreundlicher kleiner Mann, den man dann und wann geduldig die Wiese vor der Kirche mähen sah, hatte sie auf Holz gezogen, und man konnte sich vorstellen, wie er sie ausgesucht hatte, diese freundlichen kleinen Sehnsuchtsbilder weit jenseits der großen Kunst, und wie er in seinen freien Stunden in einer stillen Kammer daran gearbeitet hatte (seine Frau war etwas lautstark). Aber aus irgend einem Grund machten alle Wohlmeinenden einen großen Bogen um die weißen Stellwände, und der kleine Mann wurde immer unscheinbarer zwischen seinen südlichen Landschaften, die so unangemessen viel Platz brauchten gegenüber den Häkeldeckchen und den selbstgemachten Marmeladen und den lautstarken Frauen, die sie verkauften. Aber immerhin schien die Sonne auf ihnen, und man konnte hoffen, dass sie nicht allzu schnell die Farbe verloren und solide gemacht waren; und einer, der nicht nur wohlmeinend, sondern auch ein wenig aufmerksam und freundlich wäre, würde schon ein Fleckchen für sie finden und sie dort aufbewahren, und sei es nur, um niemals zu vergessen, dass keine wahre Mühe auf dieser Welt umsonst sein sollte.    

 

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Vater-Kind-Probleme


Es ist Geburtstag im Lande Polandball, und jeder weiß, dass Geburtstage die traurigsten Tage der Welt sein können. Heute hat Quebecball Geburtstag, und es hat Franceball eingeladen, den großen Vater von drüben aus dem alten Europa, mit all seiner Geschichte und seiner Kultur und all seiner Hochnäsigkeit. Niemals ist er gekommen, die letzten dreißig Jahre mindestens, aber diesmal kommt er; und Quebecball hat sich fein gemacht, es hat eine kleine rote Fliege umgebunden und ein schickes Restaurant ausgesucht, und da sitzt man nun einander gegenüber. Und der Vater fragt, was der kleine Quebecball denn essen möchte zur Feier des Tages, und voller Stolz verlangt er sein Nationalgericht: Poutine!, aber kaum hat er zu Ende gesprochen, rümpft der große Franceball schon die nicht vorhandene Nase und sagt: Das hältst du tatsächlich für Essen? Und eine Fliege kannst du auch immer noch nicht binden! Und endlich einmal ist der Vater gekommen, den langen Weg vom alten Europa her, aber nichts hat man erreicht, aber auch gar nichts, und es ist gar nicht nötig, dass dem runden Quebecball dicke Tränen über die rot-weißen Wagen kullern, die kleine rote Fliege, die jetzt zu seinen Füssen liegt, dort unter dem Tisch mit der nicht angerührten Poutine, sagt schon alles und noch viel mehr, und wem über dieser Geschichte das Herz nicht zerreißt, der hat keines zum Zerreißen.  

(s. https://www.reddit.com/r/polandball/)

 


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