Kindergeschichten

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  • Leute sterben
  • Hexen und Zauberer
  • Die Puppe mit dem roten Samtkleid
  • Brottäschchen und Federmäppchen
  • Zufallspoesie
  • Von Hunden und Menschen
  • Ärger mit der Oma/Scherenschnitte

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Leute sterben

 

Leute sterben. Das versteht man auch als Kind. Als erstes stirbt die Oma, und das ist auch ganz in der Ordnung der Dinge; sie war schon vorher in einem Heim, man hatte sie lange nicht mehr gesehen, sie war dahingeschwunden, in ihrem eigenen Körper und im Kopf des Kindes, und eines Tages sagten die Eltern dann, die Oma sei jetzt tot, und eigentlich waren alle ein wenig erleichtert. Man beschloss, dass das Kind alt genug sei, um zur Beerdigung mitzukommen, und schon aus Neugier ging sie mit. Es war alles nicht besonders aufregend anfangs, wahrscheinlich ein langweiliger Gottesdienst mehr, der nun auf dem Friedhof stattfand, und an all das erinnert sie sich überhaupt nicht mehr. Woran sie sich erinnert, war das Geräusch. Es entstand, als der Sarg endlich an Seilen in die ausgehobene Grube herabgelassen wurde, und als der Erste, sie weiß nicht mehr, wer es genau war, die kleine Schaufel nahm, die neben der Grube stand, ein kleines Häufchen Erde damit aufhob, die man sorgsam aufgeschichtet hatte, und es auf den Sarg, den man jetzt nicht mehr sehen konnte, fallen ließ. Das Geräusch klang hohl, mit einem kleinen Echo dazu. Sie meinte, noch nie in ihrem ganzen Leben ein so hohles Geräusch gehört zu haben. Sie musste sich gar nicht vorstellen, dass dort unten jetzt ihre Oma lag, die ihrer Puppe vor langer Zeit ein samtrotes Puppenkleid von unaussprechlicher Schönheit genäht hatte, oder dass die Oma dort jetzt ganz allein war, für immer und ewig, eingesperrt in eine dunkle Kiste – es war viel schlimmer, das hohle Geräusch zu hören. Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, vorher hatte sie nicht geweint, gar nicht, aber jetzt wollte sie am liebsten weglaufen, um niemals wieder das hohle Geräusch zu hören. Die Eltern waren ganz erstaunt, nanu, sagten sie, etwas verunsichert, und nana, wird schon wieder gut. Sie war auch nicht direkt als ein Kind bekannt, dass nah am Wasser gebaut war, eher das Gegenteil: Ein wenig träumerisch war sie, näher am Himmel gebaut, wenn man das so sagen kann, und die Erde war ihr damals noch ziemlich fremd. Aber der Grund dafür, dass sie jetzt weinend und zitternd am Grab meiner Oma stand, war ja auch nicht, dass sie für die Oma traurig war; die war tot, ihr konnte das alles sowieso nicht mehr wehtun, und sie hatte schon lange vorher keine Puppenkleider mehr nähen können. Es war das reine Geräusch der Vergänglichkeit gewesen, das sie in diesem Moment mit aller Gewalt anfasste und irgendein Echo in ihr selbst gefunden hatte, schnurstracks am Kopf vorbei und ganz von allein. Als wenige Wochen darauf der Opa starb – er wollte wohl nicht mehr leben ohne die Oma, obwohl sie doch schon vorher im Heim gewesen war, und das war auch irgendwie in der Ordnung der Dinge –, da erfand sie einen Vorwand, um nicht mit zur Beerdigung gehen zu müssen, irgendeine ausgedachte Migräne. Sie wollte das Geräusch nicht schon wieder hören, es klang doch sowieso immer noch in ihr nach.

 

Leute sterben. Der andere Schock war, und sie kann sich nicht genau erinnern, ob das vor oder nach dem Tod der Oma oder dem von Kuschel, ihres Meerschweinchens, dass auch Häuser sterben können. Das hört sich ziemlich dumm an, aber so dumm kann man durchaus sein, gerade wenn man sonst ein außerordentlich kluges Kind ist. Natürlich gingen Hosen kaputt, wenn man auf die Knie fiel, natürlich ließ man gelegentlich eine Tasse fallen und wurde geschimpft, obwohl man es doch gar nicht absichtlich gemacht hatte. Aber Häuser wurden gebaut für die Ewigkeit: Sie waren doch so groß und massiv und sicherlich sehr teuer, und es war völlig unvorstellbar, dass sie einmal kaputt gehen sollten; sie hatten doch massive Mauern und das Dach schützte vor dem Regen, und man hatte es noch nicht einmal gesehen, dass ein Fenster kaputt ging oder eine Türe oder dass ein Ziegel vom Dach gefallen wäre, niemals. Natürlich erinnerte sie sich vage, dass das Haus ihrer Eltern nicht immer dastand; sie selbst war noch in der Baugrube herumgerutscht, als Kleinkind, man hatte ihr die Fotos gezeigt, und ganz dunkel erinnerte sie sich auch noch, dass sie alle vorher in der Wohnung gewohnt hatten, wo danach die Oma wohnte, die war aber ganz klein gewesen, und natürlich hatte sie kein eigenes Zimmer gehabt. Aber warum um Himmelswillen sollten Häuser vergänglich sein? Da sie nicht lebten, alterten sie nicht. War doch klar!

 

Das gleiche galt im Übrigen für Autos sowie, und nun wird es wirklich peinlich, für Bäume. Bäume wuchsen, natürlich, obwohl man das nicht sehen konnte, weil es so entsetzlich langsam ging; man konnte sehen, wie die Erdbeeren wachsen, oder die frisch gesäten Erbsen auf dem Gemüsebeet der Großeltern, von denen man so gern die ganz frischen Schoten naschte, aber dann wurde man gescholten, es ging nur ganz heimlich. Und wenn der Vater, was selten vorkam, aber es kam vor, einen der Obstbäume fällte, weil sie „zu alt“ waren, war das ein unnatürlicher Gewaltakt und konnte sowieso nur geschehen, wenn die Kinder in der Schule waren. Hinterher musste man ein bisschen mit den Tränen kämpfen, wenn da, wo der alte Pflaumenbaum mit seinen krummen Ästen vor dem Kinderzimmerfenster gewesen war, nur noch ein kleiner Stumpf war, als wäre einem ein Zahn ausgefallen, es zog einem richtig im Mund bei dem Anblick. Aber wenn man sie nicht fällte, würden die Bäume in alle Ewigkeit und in den Himmel wachsen, davon war sie überzeugt – obwohl schon ein einfacher weiterer logischer Gedankenschritt ausreichend gewesen wäre um zu erkennen, dass das, bei aller Langsamkeit, nun wirklich nicht der Fall sein konnte, weil die Bäume sonst längst im Himmel angekommen wären und man an ihnen einfach emporsteigen und in den Himmel hätte hineinspazieren können.

 

Später liebte sie diese Redensart genau dafür, dass sie so erbarmungslos demonstrierte, wie wenig der Mensch, selbst wenn er schon ein wenig klug ist, geneigt ist, einen Gedanken logisch nur zwei Schritte weiter oder gar zu Ende zu denken – vor allem, wenn es kein gutes Ende ist. Der Tod aber will nicht nur nicht gedacht werden; er will auch nicht gesehen und nicht gehört werden, und man kann ziemlich lang wegsehen und wegdenken. Aber dann erwischt einen, man hatte sich gerade noch sicher gewähnt, ein kleines hohles Geräusch, das man nie mehr vergisst. Und dann sieht man den Tod, überall. Sogar bei Häusern. Sogar bei Autos. Sogar bei Bäumen (allein bei Büchern war sie sich nicht sicher).  

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Hexen und Zauberer


Ich habe schon als Kind niemals verstanden, warum man Kindern Märchen vorlesen sollte. Ich fand die meisten Märchen gruselig und blutrünstig, und es tröstete mich auch nicht, wenn man mir sagte, es seien nur Geschichten. Ganz egal, ob es nun wahr war oder nicht, es hatte für mich einfach nichts Unterhaltendes, wenn die Hexe in ihrem eigenen Ofen schmorte oder der Wolf die sieben Geißlein fraß, auch wenn die Hexe es tausendmal verdient haben sollte und die Geißlein wenig später alle sieben wie aus dem Ei gepellt dem Bauch des Wolfes wieder entstiegen – denn dafür musste man den Bauch ja auch wieder aufschlitzen, und es lief mir kalt den Rücken herunter, und ich litt mit Wolf und Geißlein und Hexe gleichermaßen. Die als phantasievoll und wunderbar angepriesenen Zaubertricks waren, wenn man einmal begriffen hatte, dass die Realität eben außer Kraft gesetzt war, eine ziemlich langweilige Angelegenheit, aus der nichts zu lernen war; nichts wurde einem erklärt, rein gar nichts, und es war weder lustig noch besonders spannend, da keine Logik oder Entwicklung erkennbar war, die Ereignisse vielmehr bizarr übereinander purzelten und am Ende sowieso alles gut ausging.


Das hieß nun nicht, dass es keine Hexen und Zauberer gab (und natürlich wäre man selbst gern eine Prinzessin gewesen, aber das ist ein anderes Thema). Sie waren aber real, und sie waren wirklich schrecklich. Zu ihnen gehörte Frau Wagner, die immer montags kam, um unserer Mutter beim Bügeln und Flicken zu helfen; eigentlich aber, so sah es für mich aus, saßen die beiden Frauen in der Küche und tauschten schreckliche, unbegreifliche Geschichten über andere Leute aus. Meistens hatten sie mit Ehen und Scheidungen und so etwas zu tun, Frau Wagner war nämlich geschieden, und sie trug die Verbitterung darüber in den herabhängenden Mundwinkeln und die Überzeugung ihrer eigenen Unschuld wie einen unsichtbaren Königsmantel über den Schultern. Sie war zudem, man kann es leider nicht anders sagen, hässlich: Sie hatte nur noch ganz dünnes, hässlich braun gefärbtes und in Wellen gelegtes Haar, durch das an vielen Stellen die bleiche Kopfhaut schimmerte; sie hatte tiefliegende rot unterlaufene Augen, aus denen man nicht klug werden konnte, Altersflecken und Warzen verteilten sich auf dem zerfurchten Gesicht, und ich hatte das Gefühl, dass dieser Mund noch nie gelächelt hatte, sondern immer nur etwas höhnisch verzogen war, weil er eben furchtbare Geschichten erzählte; es kann sogar sein, dass es Spuren von verwischtem Lippenstift auf ihm gab, in einem schrecklichen Rosa, und die Wangen waren etwas unnatürlich rot. Und die Ohrläppchen waren zu lang, ich weiß nicht, wie und warum mir das auffiel, aber es war wichtig. Ich fürchtete mich entsetzlich vor Frau Wagner und versuchte montags die Küche zu vermeiden; aber wenn sich eine Begegnung doch nicht vermeiden ließ und sie irgendetwas zu mir sagte, ja sogar, wenn sie mich nur ansah, fühlte ich mich vom Grunde aus durchschaut. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, an keinen einzigen Satz kann ich mich mehr erinnern, aber ganz genau an das Gefühl, dass man ein irgendwo doch ein schlechter Mensch sein musste, auch wenn man es selbst noch gar nicht wusste, wenn einen Frau Wagner so anschauen konnte. Man war durchschaut.


Später, als ich schon älter war und Frau Wagner nicht mehr zu uns nach Hause kam, weil sie irgendeine furchtbare Krankheit hatte – was mich nicht wunderte, sondern ganz richtig fand im Gang der Dinge, ich war eben doch ein schlechter Mensch, sie hatte es ja gleich gewusst – und wir manchmal im Auftrag unserer Mutter irgendetwas Nett gemeintes dorthin bringen mussten, sah ich auch ihre Wohnung. Wir lebten in einem Haus, nicht allzu groß, aber anständig und umgeben von einem großen Garten, und ich hatte uns nie als besonders reich oder gar privilegiert empfunden; aber wenn ich diese Wohnung in einem fünfstöckigen Miethaus betrat, bekam ich Beklemmungen. Sie war klein, und nirgendwo hätte ich mich vor Frau Wagners durchdringendem Blick verstecken können. Sie war mit Dingen gefüllt, die ich nicht verstand und die noch nicht einmal schön waren, Porzellandingen, Deckchen, seltsame Blumen (von denen ich heute vermute, dass sie wahrscheinlich künstlich waren, aber das kommt, weil ich ein schlechter Mensch bin; es hätten aber auch Orchideen sein können), alles war peinlich sauber und etwas zu ordentlich, und ich verstand nicht, wie man hier leben konnte, noch nicht mal als Hexe. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt immerhin schon genug soziales Gewissen entwickelt, um zu verstehen, dass Frau Wagner einsam und verbittert war und dass es besser gewesen wäre, wenn wir ein wenig geblieben wären und vielleicht sogar die eine oder andere Porzellanvase bewundert hätten; aber die Angst saß zu tief. Sie war eine Hexe, und auch wenn die Menschen und ein böses Schicksal sie erst zu einer gemacht hatten, kam das Kind in mir nicht darüber hinweg. Niemals hätte ich sie in einen Ofen stecken wollen; aber es war mein kindliches Recht, um ihre Hexenhaus einen großen Bogen zu machen.


Alte Männer hingegen waren Zauberer. Man konnte sie ebenso wenig verstehen wie Hexen, und ihre Gesichter waren auf eine andere Art unergründlich. Das galt sogar für meinen einzigen Großvater, Opa Fritz, den ich nur noch in meinen ersten Kinderjahren erlebte. Opa hatte eigentlich ein ganz lustiges Gesicht, es war ein bisschen spitz um das Kinn herum, und die Ohren waren nur ein wenig zu groß auf dem beinahe kahlen Kopf mit den wenigen grauen Haarsträhnen. Aber er rauchte sehr oft, große stinkende Zigarren, und das machte ihn fremd; ebenso wie seine Werkstatt im Keller, die man nur selten betrat und in der dunkle unverständliche Werkzeuge ein eigenes Dasein fristeten. Nur gelegentlich, wenn man einmal an der Werkbank einen der vielen Hebel drehen durfte, ganz vorsichtig, fühlte man sich ein wenig sicherer, aber auch ein wenig wie ein Betrüger, denn man wusste nicht, was man tat, und das Metall fühlte sich kalt an. Daneben aber gab es schwere Hämmer und blanke Sägen und unendlich viele andere Sachen, deren Zweck man nicht kannte. Man ging dann schnell wieder hinaus in den hellen Garten, und Opa kam mit und rauchte noch eine Zigarre.


Opa war also nur ein bisschen ein Zauberer, nämlich nur wenn er in seinem Zauberkeller war; ein richtiger Zauberer hingegen war der Schuhmacher in unserer Siedlung. Seine Werkstatt war nicht aufgeräumt wie die von Opa, sondern in einem winzigen Raum schien alles über- und untereinander zu fallen; Reihen von alten Schuhen, deren Besitzer man sich nicht vorstellen konnte, säumten die Wände und man hatte den Verdacht, sie könnten jederzeit lebendig werden und einen wilden Tanz aufführen, der niemals aufhören würde und bei dem kein Paar beieinander bleiben würde. Die Sohlen sahen aus wie lebendig gewordene Teile eines Fußskeletts, und auch hier gab es eindeutig zu viele spitze oder gewalttätige Werkzeuge. Außerdem wollte man selbst natürlich lieber neue Schuhe anstelle der reparierten Spitzen oder Sohlen, aber damals wurden Dinge noch repariert; dazu brauchte man, das war ja ganz logisch irgendwie, eben Zauberer, und heute ist man dankbar, wenn man noch einen Schuhmacher für die Lieblingsschuhe findet. Aber damals blieben sie unheimlich.


Und dann gab es noch die Diakonisse. Sie verwaltete die Gemeindebücherei, also einen wahren Schatz in meinen Kinderaugen, und sie war ganz sicher kein böser Geist. Aber ganz von dieser Welt war sie auch nicht, da war ich mir sicher. Schon ihr Name: eine Diakonisse, und keiner konnte einem so ganz erklären, was das sein sollte; sie trug jedenfalls eine Art Nonnentracht, und ich erinnere mich gut an ihren ganz weißen Kragen und die weiße Haube, die hinten in eine Art Kasten zulief und sie als einen seltsamen plumpen Vogel erschienen ließ, mit einem weißen Federkopf über einem pechschwarzen Körper. Schwester Martha war in meiner realen Märchenwelt so etwas wie die böse Gegenspielerin von Frau Wagner; ihr Gesicht war auch alt, und ich konnte es auch nicht ganz verstehen, aber jeder konnte sehen, dass das Leben es nicht hässlich und verbittert gemacht hatte, sondern auf eine kaum zu fassende Art – milde, würde ich heute sagen; damals hätte mir wahrscheinlich das Wort gefehlt. Noch nicht einmal, wenn man das Buch nicht rechtzeitig zurückgab, wurde sie richtig böse, obwohl mir das sowieso nie passierte; aber andere Leute taten das ärgerlich oft, und so musste man wieder einmal auf sein Lieblingsbuch warten.

       

Es gab noch viel mehr Hexen und Zauberer, Ärzte gehörten dazu, besonders Zahnärzte mit all ihren Instrumenten, Friseure mit ihren Folterstühlen und Scheren, und Schulrektoren natürlich. Aber es gab nur wenig gute Feen, und ich fürchtete mich im Übrigen auch vor ihnen. Aber auch das hatte seine gute Richtigkeit, denn so ist das Leben, Gutes und Böses purzeln durcheinander, oft versteht man beides nicht, und manchmal ist es das Böse, das gut für einen ist, und manchmal ist es umgekehrt. Bis heute jedenfalls habe ich nicht verstanden, wozu man Märchen brauchen sollte. Die Wirklichkeit ist märchenhaft genug; aber es kann sein, dass man erst erwachsen werden muss, um das zu sehen.  

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Die Puppe mit dem roten Samtkleid

 

Es war keine besonders hübsche Puppe. Eigentlich war es eher ein pummeliges Puppenbaby, und es hatte auch keine beweglichen Kulleraugen, sondern aufgemalte blaue Augen. Auch die Haare waren nur aufgemalt, keine seidigen Kunststofflocken, die man hätte bürsten oder zu Zöpfen hätte flechten können. Aber eines Tages, wahrscheinlich war es zu Weihnachten, hatte meine Oma Betty der Puppe ein Kleid genäht. Es war aus dunkelrotem Samt, mit einem langen Rock und einem einfachen Gürtel, und dazu gehörte ein Käppchen, das aus dem gleichen dunkelroten Samt war und das man zuknöpfen konnte mit sehr kleinen Druckknöpfen. Das alles war ein großes Wunder für mich. Schon dass meine Oma so etwas einfach nähen konnte; mit einer sehr alten Nähmaschine, die man noch mit den Füßen treten musste und die geschwungene Beine hatte und ein goldenes Muster, und die seltsam tackernde Geräusche macht, wenn man sie bediente – meine Mutter konnte das nicht, meine andere Oma auch nicht, und auch ich habe es niemals gelernt, wir waren einfach ein anderer Typ Frau.

 

Vielleicht fiel mir auch bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal auf, dass ich meine Oma Betty eigentlich schön fand. Sie hatte ein zierliches Gesicht, mit tiefen Grübchen in den Wangen, und sie war selbst, wenn sie eine der damals noch üblichen Alltagsschürzen trug, sorgfältig angezogen; sie hatte sogar eine Perlenkette, mit einem matten Glanz, die gut zum dunkelroten Samt meines neuen Puppenkleides gepasst hätte. Aber eigentlich war es gar nicht mein Puppenkleid; es war das meiner unscheinbaren Puppe, und es verwandelte sie von einem plumpen Puppenbaby in ein verzaubertes Rotkäppchen. Schon das Rot war eine Farbe wie aus einer anderen Welt; heute würde ich es mit einem gut gereiften Rotwein vergleichen, es hatte die gleiche Wärme, und niemals hatten meine Kinderkleider einen solchen Rotton gehabt, sie waren kinderrot und kinderbunt. Der Samt des Kleides schimmerte seidig, man musste ihn einfach streicheln, und das tat besonders gut, wenn man mal wieder mit viel Geschrei gezwungen worden war, eine kratzige Wollstrumpfhose anzuziehen, weil sich das eben so gehört (das war eher der Job von Oma Else, der anderen Oma, der strengen). Ich denke, danach habe ich nicht mehr viel gespielt mit der Puppe; sie war viel zu schön zum Spielen, und nachher hätte man das Kleid zerrissen. Es kamen auch keine anderen Puppenkleider nach, denn meine Oma Betty wurde nach und nach dement, und das war etwas, worüber man nicht sprechen konnte. Eines Nachts sah ich sie am Fenster stehen, meine Großeltern wohnten im Haus direkt gegenüber; und sie rief etwas, was ich nicht verstehen konnte, immer und immer wieder, vielleicht hat sie nach ihrer Mutter geschrien. Bald danach kam sie nach Merxhausen, das war die psychiatrische Anstalt, und wir mussten sie nur einmal besuchen, bevor sie starb. Da war sie aber schon nicht mehr meine Oma, und das Puppenkleid und die Perlenkette waren in einer anderen Welt.

 

Vielleicht habe ich mich auch erst wieder an sie erinnert, als ich mich in ein rotes Samtkleid, das ich in einem Katalog gesehen hatte, so verliebte, dass ich es sofort bestellen musste; inzwischen war ich um die vierzig Jahre alt. Niemals hätte man so etwas in meiner Jugend tragen dürfen, wo sich Emanzipation im Wesentlichen darin zeigte, dass Mädchen niemals Kleider oder Röcke trugen, Mützen oder Käppchen schon gar nicht, und die bevorzugten Farben eher existentialistisches Schwarz oder Grau oder gelegentlich, wenn man ganz mutig war, ein dunkles Blau waren. Und Samt wäre uns geradezu dekadent vorgekommen; aus Samt waren alte Sofakissen, mit goldenen Rüschen daran. Heimlich kuschelte man sich wohl schon einmal an ein solches Kissen, aber dann war man schnell wieder emanzipiert und zwängte sich in seine unbequeme Jeans zum form- und geschlechtslosen Sweat Shirt. Aber wenn man alt genug wird und sich endlich genug farblos emanzipiert hat, darf man auch wieder weinrote Samtkleider tragen; und dann und wann schaut man sogar im Spiegel nach, ob man eine Chance hat, so schön zu altern wie meine Oma Betty, bevor sie aus dem Fenster schrie und nach Merxhausen kam. Das Einzige, was ich außer der Puppe mit dem roten Samtkleid noch vor ihr habe, ist ein zierliches Opernglas aus Perlmutt; gelegentlich nehme ich es aus der Vitrine, es fühlt sich kühl an, schillert metallisch in allen Farben und wird, ich kann nicht genau sagen warum, immer kleiner. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Oma Betty jemals in der Oper gewesen wäre. Aber sie war der Typ Frau, der trotzdem ein solches Opernglas hatte und Puppenbabys tiefrote Samtkleider nähte.  

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Brottäschchen und Federmäppchen


Das ist eine der Geschichten, von denen man nicht so genau weiß, ob man sie wirklich erlebt hat in der Kindheit, oder ob sie einem nur von den Eltern erzählt wurde, oder ob man sie sich vielleicht sogar selbst beim Anblick eines alten Fotos ausgedacht hat. Aber eigentlich kommt es darauf auch nicht an. Zu sehen ist auf dem Foto ein Schulmädchen, der Rock ist etwas zu kurz, und sie lächelt ganz natürlich zwischen den beiden Rattenschwänzen (so nannte man die beiden seitlichen Zöpfe damals, sie hatte Naturlocken, auf die sie sehr stolz war, und die Zöpfe wurden mit kleinen Kirschgummis zusammengehalten). Worauf es aber ankommt, ist das Brottäschchen, das sie trägt. Es war eine kleine Umhängetasche, gar nicht unelegant, in die eine Butterbrotdose passte. In der Erinnerung meldet sich vage ein roter Farbton, und ganz sicher hatte es eine Schnalle. Es kommt aber auch gar nicht darauf an, wie das Brottäschchen genau aussah. Dass einzige, worauf es ankommt, war, dass sie stolz war auf das Brottäschchen; noch mehr als auf ihre Naturlocken sogar. Man hatte noch sehr wenige Dinge, die einem ganz allein gehörten und auf die man stolz sein konnte und die man schön fand, bevor man auch nur eine Idee von Geschmack oder Schönheit hatte. Sie mochte auch keine Pausenbrote, da ist sie sich sicher, es hatte also ganz bestimmt nichts mit Nützlichkeit zu tun, eher im Gegenteil. Aber sie war die Einzige in der Klasse, die mit einem Brottäschchen zur Grundschule kam hatte, und das war in diesem Fall nicht gut. Die anderen lachten sie nämlich aus. Es kommt nicht darauf an, wer sie wann genau auslachte, vielleicht hat sogar das erste und einzige Mal gereicht, denn ein Kinderherz bricht schnell. Es wäre wahrscheinlich noch leichter gewesen, wenn sie über ihre Zöpfe mit den Kirschgummis gelacht hätten, aber sie sollten nicht über das Brottäschchen lachen. Es war ein unschuldiges Ding, und sie fand es schön, und sie war stolz darauf. Aber sie konnte es danach nicht mehr mitnehmen zur Schule.


Das war der erste Verrat, und sie war das Opfer. Wenig später muss sich der zweite Vorfall ereignet haben, und auch bei ihm kommt es nicht darauf an, ob er wirklich so geschehen ist. Aber dass das Opfer Lothar hieß, gehört zu den wenigen Dingen, derer sie sich sicher ist; und dass Lothar ein sehr schüchterner Junge war, die Unscheinbarkeit selbst, blass und immer wohlgekämmt und wohlgescheitelt. Und sie hatte eines Tages, weiß der Himmel warum und wo, ihr Federmäppchen verloren, vielleicht hatte sie es auch kaputtgemacht, aber sie war eigentlich nicht der Typ, der schlampig oder sorglos mit Dingen umgeht, deshalb war es natürlich doppelt peinlich. Und als man sie fragte, was mit dem Federmäppchen geschehen sei, zeigte sie auf Lothar und sagte: Er war es! Niemand glaubte es, noch nicht einmal sie selbst glaubte es, so schlecht war es gelogen. Nach einigem Ärger auf allen Seiten ließ man die Sache auf sich beruhen, es war ja nur ein Federmäppchen. Ihre Scham jedoch nahm kein Ende, und sie wusste auch gar nicht richtig, warum sie es getan hatte; es war eine böse Stimme in ihr gewesen in diesem Moment, und diese hatte auf Lothar, ausgerechnet auf Lothar, gezeigt. Er war auch ganz sicherlich nicht beteiligt gewesen an dem Vorfall mit dem Brottäschchen, wenn es ihn denn überhaupt gegeben hatte, dazu war er viel zu schüchtern, und über solche Dinge lästerten überhaupt nur Mädchen; und sie hing auch ganz sicher nicht so an dem verlorenen Federmäppchen wie an dem Brottäschchen. Aber der Kopf verbindet die Dinge auf seine Weise, und nachdem man einmal erkannt hat, dass die Welt böse sein kann, muss man es selbst ausprobieren. Es ist schwer zu entscheiden, welcher Schmerz größer ist, der der Kränkung oder der der Scham. Aber beide wurzeln tief, und hinterher ist das Lächeln auf den Fotos nicht mehr ganz so natürlich.

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Oder: Herzensdinge


Wahrscheinlich hat jeder, bevor er sein Herz das erste Mal an einen anderen Menschen verschenkt (die Eltern natürlich ausgenommen, und das ist kein Geschenk, sondern die schiere Notwendigkeit und reiner Selbsterhaltungstrieb), sein Kinderherz an Dinge verschenkt. Es muss gar nicht der Teddy-Bär mit dem abgerissenen Ohr und dem treuherzigen Blick oder die Puppe sein, der inzwischen alle Kunsthaare ausgegangen sind. Oft ist es auch ein Alltagsgegenstand, eine Kindertasse, ein Pullover mit einem ganz bestimmten Geruch, ein Buch, dem die Seiten schon ausfallen. Das hat nichts zu tun mit so oberflächlichen Dingen wie Schönheit oder Nützlichkeit oder gar trivialem Geldwert; so etwas schätzen Erwachsene an Dingen, und sie haben ja auch Geld um sie zu kaufen und ein unstillbares Bedürfnis damit zu prahlen. Es hat noch nicht einmal etwas mit einem sentimentalen Wert zu tun; Sentimentalität ist auch nur eine späte Ausrede für verlorene Original-Gefühle. Nein, Kinder schätzen andere Dinge aus anderen Gründen; und man kann den Vorgang sicherlich altklug „Projektion“ nennen, aber damit hat man ihn noch nicht ganz verstanden. Denn kleine Kinder haben auch ein sehr kleines Ich, das gerade erst wach geworden ist; es reibt sich etwas verwundert die Augen und schaut sich um. Und da das kleine Ich noch nicht gelernt hat, was all die großen Ichs am besten können – nämlich ununterbrochen in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist das größte-tollste-beste Ich im Land? -, kennt es sich selbst noch nicht. Es erkennt sich aber in anderen Spiegeln: in den Dingen seiner Umgebung nämlich, in der kleinen Welt, über die es herrscht, und den wenigen Dingen, die ihm ganz allein gehören. Später wird es von Dingen überflutet werden, es wird ungezählte Dinge kaufen und gebrauchen oder nicht gebrauchen und wieder wegwerfen, wie wir alle. Aber mit den ersten Dingen geht man sorgfältiger um. In Kinderbüchern ist dann meist von Schatzkisten die Rede, aber das ist auch nur eine sentimentale Erfindung von Erwachsenen, die die Dinge ihrer Kindheit vergessen haben und materiellen Wert mit Herzblut verwechseln. Aber wenn man sich von dem ersten Kindheitsding trennt, weil es nichts mehr wert ist oder weil man „zu groß“ dafür geworden ist oder weil man deshalb ausgelacht wird, hat man die Kindheit verraten – was unvermeidlich ist, irgendwann, und niemandes Schuld außer des herzlosen Schicksals. Der Schmerz aber bleibt für immer; und nicht immer widersteht man der Versuchung sich zu rächen. So kommt das Böse in die Welt.

 

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Zufallsposie

 

Damals hatte man noch kein Freundebuch, und dass es einmal ein Facebook geben würde, ganz virtuell und papierlos für eine prinzipiell unendliche Menge von Followern, hätte sich niemand vorstellen können. Dafür hatten Schulkinder ein Poesiealbum. Man wusste zwar nicht recht, wieso es so komisch hieß, aber es war eine durchaus handfeste Angelegenheit: Ein richtiges kleines Buch, mit einem schönen Umschlag und mit vielen leeren Seiten – aber eben nicht unendlich vielen; deshalb musste man sorgfältig auswählen, wer sich darin verewigen durfte und wer nicht; und in welcher Reihenfolge, die Familie zuerst oder doch die Herzensfreundin, oder gar die Lehrerin – und schon bei dieser schwierigen Entscheidung ergriff einen dunkel eine Ahnung, dass das vielleicht doch alles gar nicht so ewig war: Vielleicht würde man gar nicht so unzertrennlich sein mit der gerade besten Freundin; die Schule würde man verlassen, die Lieblingslehrerin würde andere Lieblingsschüler nach einem haben, wer weiß, wie viele sie vor einem schon hatte, und hatte man sich nicht gerade mit der kleinen Schwester mal wieder gezankt und gekratzt? Und dann würden sie da stehen, für immer verewigt, in diesem kleinen Büchlein mit einer durchaus begrenzten Anzahl weißer Seiten, wo man unten mit blassem Bleistift in einem ersten Entwurf Namen notiert hatte – nicht wissend und doch vielleicht schon ahnend, dass so manche Seite über die blasse Notation nicht hinauskommen würde, sich nicht mit liebevoll in allerbester Handschrift abgeschriebenen Denksprüchen und übernommenen Lebensweisheiten füllen würde, von Glanzbildchen oder zierlichen selbst gefertigten Gemälden ganz zu schweigen – und man durfte nur eine Ecke knicken, um darunter zu schreiben, ganz winzig: „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“! Ein Tintenklecks hingegen war eine Todsünde, und wer im Verdacht stand, solche zu produzieren, wurde erbarmungslos ausgeschlossen; Kinder sind bekanntlich grausam, und auch ein Poesiealbum kann ein Schlachtfeld sein. 


Als ich mich dann ins Poesiealbum meiner kleinen Schwester eintragen sollte – mein Name stand immerhin auf einer der vorderen Seiten, wenn auch vielleicht nicht der allerersten -, schrieb ich einen Spruch hinein, den ich schön fand, wahrhaft poetisch und irgendwie tiefsinnig, vor allem für ein Poesiealbum: „Zufällig lernten wir uns kennen, zufällig werden wir uns trennen, zufällig werden wir uns wiedersehen“. Das sorgte für viel Gelächter in der Familie und wurde bald zur Standardanekdote, was mich sehr verletzte (aber auch die Familie ist bekanntermaßen dann und wann ein Schlachtfeld). Es war doch ein schöner Spruch, und ich hatte ihn auch liebevoll mit Blumen umkränzt, Stiefmütterchen waren es, sie wuchsen bei meiner Großmutter im Vorgarten, neben den gelben größeren, deren Namen ich nicht kannte, aber von denen man so schön die Blätter einzeln abzupfen konnte, ganz sonnengelb und seidig waren sie. Und natürlich war es das Poesiealbum meine Schwester, und unsere Bekanntschaft war nicht eben zufällig – aber was spielte das für eine Rolle, wenn es um Poesie ging, um tiefere Weisheit und innere Schönheit? So mancher sieht schließlich seine engsten Verwandten später nur noch eher zufällig, bis man sich schließlich gar nicht mehr sieht, im irdischen Leben jedenfalls. Ein Studium Literaturwissenschaft später hätte ich auch sagen können: Das hatte eben einen vierfachen Schriftsinn, und auf den ersten, den wörtlichen, kommt es am wenigsten an. Damals dachte ich nur: Was wissen sie schon, die Erwachsenen! Es war meine kleine Schwester, und sie hatte den besten aller Sprüche verdient, den poetischsten, den ich kannte, mit Stiefmütterchen umkränzt und ohne Tintenklecks.  

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Von Hunden und Menschen

 

Das ist wirklich keine lustige Geschichte. Denn sie beginnt mit unserem Meerschweinchen, es war ein schwarzes Wirbelmeerschweinchen, den Namen habe ich vergessen, obwohl wir wahrscheinlich lange darüber nachgedacht hatten, aber ich weiß, dass es schwarz und wuschelig war und sich gnädig von uns streicheln ließ und Samstag abends genauso wie wir gebadet wurde und dann gemeinsam mit uns, in ein Handtuch gekuschelt, vor dem Fernseher saß und Star Trek schaute (das damals noch Raumschiff Enterprise hieß und nur samstags kam; dieser Teil dieser Geschichte ist mit ziemlicher Sicherheit wahr, aber ob wir es wirklich gebadet haben, würde ich jetzt nicht mehr beschwören wollen). Im Sommer hatte das Meerschweinchen einen Freiluftkäfig, den unser Vater, sonst eben kein großer Handwerker, selbst gebaut hatte; und dort saß es im Sommer im Schatten und mümmelte Gras (bei näherem Nachdenken könnte es sogar Mümmel gehießen haben). Natürlich hatte der Käfig einen Deckel, aber eines Abends traf es sich wohl, dass jemand den Deckel abgenommen hatte; vielleicht wollten wir den Käfig versetzen, auf frisches Gras, vielleicht hatten wir auch nur mit Mümmel gespielt und den Deckel vergessen. 


Aber damit begann das Unglück. Denn die Nachbarn hatten einen Schäferhund. Er wurde in einem Zwinger gehalten, und wir fürchteten uns sehr vor ihm; er war nämlich böse, er bellte und zeigte die Zähne, und wir dachten, dass das auch kein Wunder sei, wenn man immer in einem blöden Zwinger gehalten wurde (natürlich war es mit unserem Meerschweinchen und seinem Freiluftkäfig ganz etwas ganz anderes!). An sich waren unsere Nachbarn aber nette Leute; es waren zwei Herren, nicht mehr ganz jung, sie hatten ein ganz adrettes Haus, genauso adrette Fönfrisuren (der eine erinnerte mich an Dieter Thomas Heck, die „Schlagerparade“ im Fernsehen war auch ein Wochenhöhepunkt)und in der Innenstadt ein Geschäft, in dem man Gardinen und andere Heimtextilien kaufen konnte (ein Wort, das damals sicherlich nicht in meinem Wortschatz existierte). Unsere Mutter schätzte die beiden Herren besonders, weil sie immer gern aushalfen, in Gardinen- und anderen Heimtextilienfragen, und sie waren so adrett und immer nett. Niemand dachte sich dabei etwas Besonderes, bis eines Tages meine Freundin von nebenan – sie war vielleicht schon 14 Jahre alt, ich war erst 12 und sehr behütet aufgewachsen - geheimnisvoll verkündete, die beiden seien „schwul“. Ich fragte nach, was das denn sei, und wurde aufgeklärt. Ach so, sagte ich, und: Na, wenn schon, dachte ich (nicht, weil ich besonders tolerant war, sondern weil ich überhaupt keinerlei tiefere Idee von Sexualität hatte). 


Diese beiden freundlichen und adretten Herren also hatten neben dem Geschäft für Heimtextilien – und auch das ist wirklich wahr – eben den armen eingepferchten und daueraggressiven Schäferhund. Der dann, an besagtem Abend, und ich kann nicht länger drumherum erzählen, aus unerklärlichen Gründen aus seinem Zwinger frei kam und so schnell, dass wir kaum noch entsetzt aufschreien konnten, über den nicht sehr hohen Zaun zu unserem Grundstück sprang und Mümmel (er könnte aber auch Krümel geheißen haben) im Genick packte und mit einem Biss tötete. Natürlich gab es viel Hin und Her und Entschuldigungen, aber keine Rettung für Mümmel (oder Krümel). Tatsächlich jedoch, und ich weiß bis heute nicht warum, entwickelten wir kein Kindheits- oder Hunde-Trauma, sondern kauften ein paar Tage später ein neues Meerschweinchen (wieder ein schwarzes wirbeliges sogar), tauften es (wie auch immer) und passten auf, dass der Käfig weit entfernt vom Nachbarn stand und der Deckel immer zu war. Später bekam es noch einen Genossen, ein weißes Angorakaninchen (nennen wir es Kuschel), das es ziemlich schnell raus hatte, sich einen Fluchtgraben aus dem Freiuftkäfig zu buddeln und das Weite zu suchen. Das Weite war aber zum Glück nur die Gärtnerei um die Ecke, wo es dann zwischen Reihen von Tulpen und Dahlien weiß hervorleuchtete. Viel schlimmer war jedoch, dass beide, Mümmel 2 und Kuschel, nach nicht allzu langer Zeit krank wurden und eingeschläfert werden mussten. Ich habe sie selbst zum Tierarzt getragen und sie gehalten, als die Spritze kam, und gespürt, wie sie schnell regungslos und kalt wurden, und das war so unendlich viel schlimmer als ein böse gewordener Schäferhund, dass ich heute noch bei dem Gedanken eine Gänsehaut bekomme und niemals die Straße vergessen werde, in der der Tierarzt wohnte. Die beiden adretten Herren blieben jedenfalls noch viel länger unsere Nachbarn, und als ich schon längst ausgezogen war, Jahre später, kam meine Mutter einmal und sagte mit einer Mischung aus Geheimnistuerei, Schaudern und nur sehr wenig Empörung zu mir: „Hast du eigentlich gewusst, dass die beiden schwul sind?“ Und das ist der lustige Teil dieser wirklich traurigen Geschichte, und bis heute muss ich lachen, wenn ich daran denke.  


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Ärger mit der Oma


Aus irgendeinem Grund war meine Oma an diesem Tag sehr, sehr böse auf mich gewesen. Meine Oma war eine strenge Frau, die blendend weißen Haare immer zu einem strengen Dutt geknotet, und sie bat mich häufig – nein, sie befahl eigentlich eher -, ich solle von hinten schauen, ob alles „in Ordnung“ sei mit den Haaren. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie damit meinte, schaute aber natürlich folgsam auf den Hinterkopf und bestätigte dann, ja, es sei alles „in Ordnung“ (wahrscheinlich stand ab und zu ein Härchen vor, aber nie und nimmer hätte ich gewusst, wie ich es im Dutt mit einer Haarnadel hätte befestigen sollen). Andererseits backte meine Oma mir aber Pfannkuchen, wenn es zuhause mal wieder etwas zum Essen gab, was ich nicht mochte (Kartoffeln beispielsweise, also ziemlich häufig). Aber an diesem Tag muss ich irgendetwas völlig falsch gemacht haben, ich habe keine Ahnung mehr, was, ich weiß nur noch, dass ich sehr schnell die Kellertreppen hinunter geflüchtet war und dabei, die Treppe war dunkel und eng, gestürzt war. Ich war also die Treppe hinuntergefallen, und ich stand auf und war wohl ein wenig unter Schock, den ich kann mich nur noch erinnern, dass ich die Hand zum Kopf führte und sie voller Blut zurückkam. Dann, so meine nächste Erinnerung, liege ich auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer, wir wohnten im Haus gegenüber von der Großmutter, und meine Mutter kommt mit einer Schere auf mich zu. Meine Mutter konnte auch eine strenge Frau sein (wie ich heute auch), aber sie wollte ja nur ein Pflaster abschneiden, für die Platzwunde am Kopf. Und ich habe geschrien wie am Spieß, ich weiß es genau, ich schrie und schrie. Ich weiß nicht mehr, wie man mich beruhigt hat, und ich weiß schon gar nicht, warum ich so geschrien habe, aber die Erinnerung an den Schrei sitzt sehr tief, und sie ist sehr eng verbunden mit der Schere. Es war sicherlich nicht wegen der Schmerzen, ich erinnere mich nämlich überhaupt nicht daran, ob es weh getan hat, und die Wunde musste noch nicht mal genäht werden. Erst Jahre später kam mir die Erleuchtung, in einer ganz ähnlichen Situation (aber das gehört nicht hierher): Man hatte mir nämlich einige Zeit vor dem Sünden-Fall die Treppe hinunter die Rachenmandeln entfernt. Es waren dunkle Zeiten gewesen, und die Operation wurde nur unter lokaler Betäubung durchgeführt. Das heißt, ein Kind, das sowieso nicht recht weiß, wie ihm geschieht, sitzt mehr oder weniger festgeschnallt auf einem Stuhl und soll den Mund aufmachen, und der Arzt kommt meiner furchterregenden Schere auf das Kind zu. Ich weiß, dass ich dabei ganz gewiss geschrien habe, denn ich wurde angefahren, damit endlich aufzuhören und mich „nicht so anzustellen“. Kurz danach schmeckte alles nach Blut im Mund. Wenn ich heute einen Scherz darüber machen sollte, würde ich wahrscheinlich von einer Variation von Kastrationsangst sprechen. Aber die Wunde sitzt tief, und ich habe immer noch ein ungutes Gefühl beim Gebrauch von Scheren.


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Oder: Scherenschnitte


Wahrscheinlich weiß keiner, noch nicht mal Wikipedia, wer die Schere eigentlich erfunden hat; aber es muss vor der Erfindung des universellen Copyrights gewesen sein, sonst hätte heute jede Schere ein kleines © mit dem Namen des Erfinders dahinter. Eine Schere ist ein unscheinbares, aber sehr sinnig konstruiertes und äußerst nützliches Teil: Zwei Ärmchen überkreuzen sich, vorn haben sie scharfe Klingen und hinten runde Löcher, und wenn man die beiden Ärmchen bewegt, macht es „Schnipp-Schnapp“, und man hat zwei Teile. Eine ganze Kulturgeschichte könnte man über dieses nützliche und in gewissem Sinn auch ästhetisch ansprechende Ding schreiben, über all das, was man machen kann mit so einem einfachen Werkzeug. Man kann zum Beispiel komplizierte Schnittmuster für Kleider damit schneiden, aber auch elegante Frisuren herbeizaubern, sogar ganze filigrane Papierkunstwerke wie früher die Scherenschnitte anfertigen: Sie zeigen eine kleine Welt, nur zweidimensional mit Licht und Schatten, aber welche Präzision! Schon in der Kindheit lernen wir deshalb alle mit diesem wichtigen kulturellen Instrument umzugehen: Wir bekommen irgendwann die erste Kinderschere, meistens sind die Griffärmchen bunt und die Schneideärmchen nicht besonders scharf. Dafür können manche sogar Zacken und Muster schneiden, und man ist sehr stolz, wenn man zum ersten Mal eine wirklich gerade Linie geschnitten hat, ganz allein. Jetzt gehört man dazu. 


Aber alles Schöne hat auch eine schreckliche Seite, so ist das mit der Kultur. Scheren können nämlich auch zerteilen, zerschneiden, verletzten; Dinge, die zusammen gehören, werden getrennt, und das sind eben nicht nur abgeblühte Rosen oder farbige rote Seidenbänder zur Eröffnung einer Autobahn, sondern auch lebendige Dinge. Im Kopf jedoch wohnt das Schöne neben dem Schrecklichen, Tür an Tür, und beide sind untrennbar verbunden: Neben der bunten Kinderschere mit den weichen Griffen und den abgestumpften Klingen wohnt die bedrohlich metallisch glitzernde Schere des Chirurgen. Der Faden, der diese Erinnerungen verbindet, kann nicht einfach abgeschnitten werden; wenn man an einem Ende zieht, kommen all die anderen Erinnerungen mit, schnipp-schnapp, eine nach der anderen, und wenn man einmal eine einschneidende Erfahrung gemacht hat, verheilt die Wunde zwar am Körper, aber nicht im Kopf. Das Schöne und das Schreckliche sind die beiden Seiten der Schere; und dass sie überkreuz vereint sind, hat eine tiefere Wahrheit als jeder zweidimensionale Scherenschnitt.   


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Oder: Scheren sind nicht ihr Ding


Scheren, dachte sie. Schon immer hab ich das Zeug gehasst, schon damals, als man immerzu die Fußnägel geschnitten bekommen sollte, und immer hatte man heimlich Angst, sie würden etwas vom Zeh mit abschneiden, weil sie so gründlich waren. Oder die Haare abschneiden, auch so eine Fixierung: Konnte man sie nicht einfach wachsen lassen, lang und lockig, auch wenn sie dann manchmal kutzelten und es schrecklich ziepte, wenn die Oma mit dem Kamm mal wieder Ordnung schaffen wollte? Die Oma war überhaupt ziemlich streng. Ihre eigenen Haare waren immer zu einem strengen weißen Dutt zusammengebunden, nie hatte sie sie mit offenen Haaren gesehen, erst ganz spät, kurz vor ihrem Tod, als ihr schon alles egal gewesen war; und es hatte eigentlich schöner ausgesehen, die schütteren weißen Haare, die über die Schulter fielen und das ausgemergelte Gesicht rahmten wie das eines Engels. Und dann die blöden Kinderscheren im Kindergarten, die reine Quälerei war das gewesen: Immer schön an der Linie lang, und noch ein Kärtchen und noch ein Tierchen, und dabei taten die Finger schon weh und die Hände krampften sich zusammen, weil die Schere dann doch zu klein war. Am Ende war die Linie nicht gerade genug und der Igel hatte zu wenig Zacken, und man durfte noch mal von vorn anfangen.  


Nein, Scheren waren nicht ihr Ding. Und das schon, bevor die Sache mit der Treppe passierte. Die Oma war streng mit ihr gewesen, weiß der Himmel warum, wahrscheinlich eine Linie nicht gerade genug geschnitten, oder der Dutt hatte gedrückt, und sie war vor der Oma weggerannt und die Kellertreppe hinuntergefallen, mindestens zehn Steinstufen hinunter, und es hatte übel geblutet am Kopf. Komischerweise hatte es gar nicht wehgetan. Aber als sie dann auf dem Sofa lag im Wohnzimmer und ihre Mutter mit der Schere auf sie zukam, konnte sie auf einmal nicht mehr aufhören zu schreien. Es schrie aus ihr heraus, und es war weder das Blut noch die Mutter noch das schlechte Gewissen, was da schrie, weil sie ja selbst schuld war, sie war böse gewesen zur Oma und zur Strafe die Treppe heruntergefallen – so war die Welt eben, nämlich gerecht: Die Strafe folgte der Untat auf dem Fuße. Aber der Schrei kam aus einer tieferen Schicht, und das war das eigentlich Schlimme an ihm: Es schrie in einem, es musste etwas Fremdes in einem selbst sein, was so schreien konnte, denn sie kannte es nicht und konnte es nicht beherrschen oder gar verstehen. Jahre später erst, die Wunde am Kopf war längst verheilt, die Oma lag mit ihren schönen weißen Haaren längst im Grab und ihr Kinderglaube an die Gerechtigkeit der Welt war längst erschüttert, kam die Erinnerung: Es war die Schere gewesen. Die Schere, die nicht nur die verhasste Kinderschere aus verunglückten Bastelstunden war oder die Friseurschere, die ihre schönen Locken abgeschnitten hatte; es war die Schere, mit der der fremde Arzt in einem OP auf sie zugekommen war, um ihr „die Mandeln herauszunehmen“, so hieß das damals, klang total harmlos, es war aber eigentlich eine barbarische Verstümmelung gewesen. Und sie hatte geschrien und geschrien, bis die Schwestern sie gewaltsam im Stuhl festgehalten hatten und auf einmal alles im Mund nach Blut geschmeckt hat. Dass man hinterher so viel Eis essen durfte, wie man wollte, war nur für diejenigen ein Trost gewesen, die meinen, dass man Kinder mit Eisessen über alles hinwegtrösten kann. Nein, Scheren waren wirklich nicht ihr Ding.   

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