Lessons learned.
Lektüren und Lehren

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  • Plädoyer für den Allesleser
  • Leseerlebnisse. Vom Buschfeuern, Elben und Zauberbergen
  • Vom Fall eines Startups
  • Ein Herz für Mr. Spock, oder: humanly challenged
  • Präferenzlosigkeit
  • Weihnachtsworte
  • Literatur und Schnitzel
  • Plüschigkeit
  • So kam das Böse in die Welt
  • Wer hören will, muss fühlen
  • Das Lächeln des Erfolgs
  • The Kindness of Strangers

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Plädoyer für den Allesleser

 

Evolutionär scheint erwiesen, dass ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges der Spezies homo sapiens seine Fähigkeit war, buchstäblich alles zu essen: Sie gehört zu den Omnivoren, und vor allem der Fleischverzehr brachte ihr die nötige Energie, um ein so überflüssiges, aber energetisch hoch anspruchsvolles Organ wie das menschliche Gehirn zu weiteren Höchstleistungen auszubilden. Der Herrscher über die Schöpfer konnte nicht nur alle anderen Arten töten; er konnte sie auch essen. Sich einverleiben. Verwerten. (Sorry an alle Vegetarier, aber die Evolution war nicht politisch korrekt!)

 

Was das mit Lesen zu tun hat? Seit ich lesen konnte, habe ich alles gelesen. Es war mir einfach egal. Kinderbücher und Erwachsenenliteratur, E und U, dicke und dünne Bücher, Bücher aus allen Sprachen, Ländern, Köpfen, Genres, ich habe sie alle verschlungen. Ich bin mit Mördern schlafen gegangen und mit Drachen aufgewacht, bin mit den Hobbits nach Mordor gezogen und mit Hans Castorp auf den Zauberberg, habe mit Hesse Glasperlenspiele gespielt und mit Faust Teufelspakte geschlossen. Manches war leichter verdaulich, manches schwerer. Nur weniges habe ich als unverdaulich vorläufig aus der Hand gelegt, aber eigentlich nur beiseite, mit einem inneren Vermerk: "Wiederlesen, später". Heute lese ich an einem durchschnittlichen Tag, in variabler Reihenfolge, den Teckboten (das lokale Printmedium), Al Jazeera, einen schweren Brocken hohe Literatur für die Seminarvorbereitung oder den nächsten wissenschaftlichen Aufsatz, einen leichten Zwischenimbiss Krimi für die Ablenkung von der Seminararbeit (englisch, nur englisch, damit mein Gehirn erkennt, dass es auf Sparstufe fahren kann und nicht analysieren muss), einen Reiseführer für den nächsten Urlaub und, wenn ich mir etwas gönnen möchte, ein wenig Friedrich Nietzsche oder Terry Pratchett am Abend (ja, das ist eine echte Alternative, denn beide sind wahre Omnivoren unter den Autoren). Es gibt nichts, was man nicht lesen kann.

 

Nun mag das an meiner durchaus mangelhaft ausgebildeten Persönlichkeit liegen, meiner blatanten Ich-Schwäche (dass ich hier die ganze Zeit "Ich" sage, hat damit überhaupt nichts zu tun, "Ich" ist einfach ein Name, den alle tragen, keine Persönlichkeit), meiner geradezu chamäleonhaften Offenheit für alle Farben des Spektrums. Whatever. Lieber aber stelle ich mir vor, ich hätte mindestens sieben Lesemägen, mehr noch als die Kühe. Und nachts, wenn der Kopf endlich schläft und das energiezehrende Gehirn abgeschaltet ist (oder wenigstens in einen temporären Ruhezustand versetzt, es kann zwischendurch wirklich anstrengend sein), wiederkäuen die Mägen friedlich vor sich hin; gelegentlich entfährt ihnen ein Rülpser, zu viele heiße Luft, oder einer der Mägen grummelt vor sich hin: Wieder einmal nicht ordentlich gekaut, runtergeschlungen, viel zu große Brocken! Eines liegt einem lange im Magen, anderes – nein, wir wollen das Bild lieber nicht allzu anschaulich ausbauen, es könnte unappetitlich werden. Am Morgen jedenfalls ist das meiste ordentlich verdaut und kann wieder in Energie umgesetzt werden, Muskeln antreiben, Gedankengebäude bauen, Ideen auswerfen. Neue Bücher lesen. Vielleicht die beiseite Gelegten?

 

Deshalb ist es mir auch nie eingefallen, Bücher nach "gut" und "schlecht" zu sortieren. Bücher sind doch auch nur Menschen, würde ich sagen; und wie soll man die Abermillionen Bücher, die seit der mehr oder weniger erfolgreichen Alphabetisierung der Menschheit (einem durchaus zweifelhaften Schritt in der Evolution des Geistes, dessen Nebenwirkungen noch nicht endgültig evaluiert wurden) geschrieben wurden und ebenso unterschiedlich sind wie die Abermillionen Schreiber und Leser, in zwei Schubladen packen, gute Literatur hier, schlechte da, Schublade zu, Affe tot? (dummer Spruch, aber nicht unpassend) Sollte man nicht stattdessen versuchen, die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass der richtige Leser auf das richtige Buch trifft, und das noch im richtigen Moment (und darauf kommt es an!), so dass eine kleine Singularität sich öffnet: Ein Buch und ein Kopf prallen aufeinander, und es klingt nicht hohl (Georg Lichtenberg), sondern es entsteht eine Schwingung, eine Überlagerung, ein sich ausbreitendes Muster nach allen Seiten, ein wenig aufregend, ein wenig beruhigend, und definitiv ein neues Element in der Evolution des Geistes, real wie nur je ein passendes Wort, ein erhellendes Bild, eine zündende Idee?

 

Gut, schlecht, das sind doch bürgerliche Kategorien, das würde ein weises Känguru sagen, nicht aber der ewige Literaturkritiker (der, seien wir ehrlich, in allen Lesern wohnt, gleich neben dem ewigen Fußball-Nationaltrainer in allen Männern; ich habe ihn aber in den Keller verbannt, wo er zur Strafe Trivialliteratur lesen muss, tagein, tagaus). Und gut für ihn ist, was sein Magen fasst, schlecht aber, was ihm Schluckauf, Sodbrennen, schlimmstenfalls gar eine Gallenkolik verursacht; und er regt sich so leicht auf, der Gute! Aber in einer der diabolisch-dialektischen Volten, die die Evolution des Geistes gern schlägt (das hat sie von ihrer weisen Mutter, der Evolution in der Natur, gelernt), verschreibt der ewige Kritiker dem gemeinen Leser meist genau das, was diesem nicht bekommt: Er nämlich soll nur das lesen, was aufwühlt, erschreckt, verstört, schockiert, entsetzt! Denn der Gott des Kritikers (es ist der große Gott der Avantgarde überhaupt) ist besessen vom Geist des kritischen Bewusstseins und fährt als Klischeezertrümmerer und Stereotypenaufspießer auf die Literatur darnieder. Schwerbeweglich und leicht cholerisch thront er in den Feuilletons und wird angebetet in den Akademien, die ihm unverständliche, gelegentlich hysterisch anschwellende Gesänge widmen; von dort schleudert er seine Donnerpfeile gegen die leichte, die populäre, die unterhaltende Literatur, die Schönschreiber und Anpasser, die Bestseller-Autoren und die Dilettanten, und vor allem: den gemeinen Leser, der einfach kauft, was ihm gefällt, und liest, was ihm schmeckt: Verflucht seien sie in alle Ewigkeit, schlecht, schlecht, schlecht, ur- und grottenschlecht! Hinter dem breiten Rücken des Gottes aber, wenn die Kritiker den Schlaf des Allzu-Gerechten schlafen, vereinen sich die gute und die schlechte Literatur jede Nacht aufs Neue, damit die Welt wieder eins wird. Unbeschwert, ungesehen paaren sie sich, die Muse küsst sie alle, sie ist eine Hure und eine Heilige, und am Morgen schwärmen ihre Kinder aus in die Welt, dick und dünn, tiefsinnig und oberflächlich, phantastisch und wirklich, urkomisch und sterbenstraurig, und manchmal all das durcheinander. Und sie suchen sich ihre Leser, wie und wo sie sie finden, große und kleine, alte und junge, weibliche und männliche, gelehrte und ungebildete, urkomische und sterbenstraurige, und manchmal all das durcheinander. Gut oder schlecht? Who cares?

 

Die Moral? Nicht jeder verträgt alles, einiges macht süchtig, anderes macht dumm und manches sollte der Arzt verbieten, gewiss. Aber Omnilegen sind wichtig für die freie Evolution des Geistes (in den Grenzen von Mutter Natur, natürlich) – eine vielseitige Ernährung ist die beste überhaupt, und ein guter Magen wächst an seinen Aufgaben! (Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund)

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Leseerlebnisse

Buschfeuer

Ich weiß nicht mehr, wie ich an das Buch geraten bin. Wahrscheinlich war es aus der Gemeindebibliothek, wo es sowieso nur eine sehr beschränkte Auswahl von Jugendbüchern gab. Es spielte jedenfalls in Australien, ein sehr ferner Kontinent, von dem ich vorher keinerlei Vorstellungen hatte; vielleicht wären mir Kängurus eingefallen, aber ich weiß noch nicht einmal, ob ich eine Verbindung zwischen meinem sehr geliebten Koala-Stoffbär mit den schwarzen Knopfaugen und einer tatsächlich existierenden Bärenart in Australien hätte herstellen können. Nach der Lektüre aber hatte eine sehr genaue Vorstellung von Australien, und ich hätte viel darum gegeben, wenn ich sie wieder hätte loswerden können; aber man kann Bücher nicht ungelesen machen. In Australien gab es nämlich Buschfeuer, das lernte ich in dem Buch (die Handlung habe ich längst vergessen); Flammenmeere, höllische Infernos, die sich über die Steppe und durch die Wälder unbezähmbar ausbreiteten, riesige Feuerwände, turmhohe Rauchwolken, und sie verschlangen jeden, der sich ihnen in den Weg stellten, und die Tiere des Waldes waren nicht schnell genug, weil die Feuer mit einem Höllentempo rasten, noch nicht einmal die Kängurus mit ihren Sprüngen, und zum Glück musste ich mir wahrscheinlich doch nicht ausmalen, was mit den eher gemütlichen Koala-Bären geschah. Es war eine schreckliche Vorstellung, sie machte mich panisch und atemlos, und sie führte dazu, dass ich – ich schwöre, ich denke mir das nicht aus, es ist mir peinlich, aber die reine Wahrheit – bestimmt ein halbes Jahr lang nicht zu Bett gehen konnte, ohne noch einmal aufzustehen und heimlich (denn was ich hätte sagen sollen? meine dumme Furcht gestehen etwa?) ins Badezimmer gegenüber zu schleichen: War der Horizont klar über der Stadt, oder zeichneten sich irgendwo Rauchwolken ab? Ich weiß nicht, wie ich diese Furcht wieder los wurde; vielleicht habe ich es einen Abend vergessen, zum Badezimmerfenster zu gehen, und dann noch einen, und dann noch einen. Aber niemals vergessen habe ich, wie furchtbar ich mich als Kind vor Buschfeuern fürchtete, weil ich ein Buch gelesen hatte.

    

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Verwunschenes Elbenland

 

Aber zum Glück gab es auch andere Bücher. Natürlich zieht man in jedes Buch, das man liest und das einen gewissen Umfang überschreitet, ein; und eben deshalb habe ich von Anfang an lange Bücher geliebt, weil man die Personen kennen lernte und ihre Umgebung, es wurden Freunde und vertraute Orte und man lebte eine Weile mit ihnen. Nur einmal jedoch ist es mir passiert, dass ich aus einem Buch nicht mehr ausziehen wollte. Es war ein sehr langes Buch, es war ein Mythos von einem Buch, es war, natürlich, Der Herr der Ringe. Die Erzählung hebt sehr langsam an, man verbringt viel Zeit mit Vorbereitungen, bevor sich die Hobbits endlich auf den Weg machen. Man durchstreift noch das gemütliche Auenland, und dann kommt man in die Berge, und es wird immer ungemütlicher, man trifft zum ersten Mal auf die Orks, die man sich besser nicht allzu genau vorstellt, und man realisiert gemeinsam mit den gemütlichen Hobbits, dass es ein sehr langer ungemütlicher Weg sein wird, man wird frieren und hungern und sich verirren und kämpfen, und alle Zauberer der Welt, noch nicht einmal Gandalf, und wie hängt man an Gandalf, o so sehr!, werden einen beschützen können. Doch dann kommt man das erste Mal zu den Elben, sie leben in Bruchtal, einem verwunschenen Wald auf einer Art Luxus-Baumhäusern. Sie sind unendlich schön, sie singen und machen Musik und lieben Gedichte und eigentlich passiert ziemlich wenig dort. Aber der Aufbruch nähert sich, und man verspürt auf einmal einen Widerwillen weiterzulesen. Das war mir noch nie passiert. Natürlich will man wissen, wie diese große Geschichte weiter- und ausgeht – aber vielleicht nicht gleich. Kann man nicht noch wenig in Bruchtal bleiben und ein wenig mit den Elben singen und von Baumhaus zu Baumhaus spazieren? Aber man muss weiter, das ist der Fluch des Ringes, und man reserviert Bruchtal einen speziellen Platz im Herzen, zu dem man vielleicht, wenn all das vorbei ist, in Frieden zurückkommen kann.

 

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Im Herzen des Zauberbergs


Und dann gibt es die Bücher, in denen man einmal gewohnt hat und die man später wieder besucht. Nicht alle empfangen einen freundlich, einige wirken auf einmal zu klein oder ungepflegt oder ganz einfach falsch; dann muss man den Besuch schnell abbrechen und versuchen, eine freundliche Erinnerung an das erste Mal zu bewahren. Andere lernt man beim zweiten oder gar dritten Besuch erst richtig kennen, man entdeckt versteckte Schönheiten und Weisheiten noch und noch. Aber nur bei einem Buch ist es mir passiert, dass ich tatsächlich einen ganz neuen Raum entdeckt habe, mitten in seinem Herzen; und ich dachte doch, ich kennte es. Es war, die Ironie hätte ihm gefallen, ausgerechnet Thomas Manns Zauberberg, den ich während der Zeit auf dem Gymnasium in meiner Eroberungsphase der klassischen deutschen Literatur gelesen hatte; und mir war damals ganz sicher klar, dass ich nur einen Bruchteil der Wortkämpfe verstanden hatte, die der kleine Settembrini, der Verfechter von Aufklärung und Fortschritt, mit dem bösen Naphta, dem Reaktionär und Jesuiten, bis aufs Blut geführt hatte, um Hans Castorp, sein Seelenheil, aber auch ihr eigenes, und natürlich: (aber das habe ich damals sicher noch nicht verstanden) um das des Lesers. Seitdem hatte das Buch bei mir einen inneren Merker, der hieß: Später lesen, wenn du klug genug bist. 


Es hat ziemlich lang gedauert, es gibt so unendlich viel zu lesen, und Wiederlesen erlaubt man sich selbst kaum vor der Lebensmitte. Aber nun ergab es sich so, ich hatte ein Seminar zur Familie Mann gehalten, und ich war nicht nur wieder neugierig geworden, ich fühlte mich auch definitiv reif und klug genug. Und so begab ich mich wieder auf den Zauberberg, der schon bei der ersten Lektüre seinen Zauber ausgeübt hatte; schon damals wollte ich mich eigentlich am liebsten zu Hans Castorp auf die so außerordentlich bequemen Liegestühle legen und mich mit zwei dicken Decken und gekonnten Griffen einschlagen und auf die Bergspitzen schauen und die Zeit vergessen. Und es war schön und gut, zurückzukommen, ich verstand das meiste, es war gerade die richtige Mischung aus Vertrautheit und Neuentdeckung. Aber dann kam ich zur Schlüsselszene des Romans, es ist diejenige, wo sich Hans Castorp einen Bleistift von Clawdia Chauchat leiht, ich hatte sie niemals vergessen, sogar gelegentlich in Aufsätzen zu anderen Themen auf den Bleistift angespielt, um die seltsamen Wege der Liebe und des Wortes zu demonstrieren. Und nun also ist es Fasching auf dem Zauberberg, alle sind ein wenig angetrunken, es herrscht Masken- und Duz-Freiheit, und Hans Castorp macht sich endlich auf, um seinen Bleistift zu leihen von der so lange aus der Ferne angebeteten schönen Frau – er sagt also seinen Satz, und daraufhin beginnen sie ein langes Gespräch miteinander. Auf Französisch. Seiten um Seiten konversieren sie in elegantem Französisch. Ich hatte es völlig vergessen. Bei der ersten Lektüre konnte ich noch kein Französisch, und ich werde die Seiten überschlagen haben, ungeduldig, wie es nun weitergehe mit den beiden (was Thomas Mann, klug und diskret, wie er ist, nur andeutet, wenn etwas passiert über den Bleistift hinaus, passiert es ausschließlich in unserer Phantasie). Dieses seitenlange Gespräch war mir völlig neu; es war, als hätten die Seiten in meinem alten Zauberberg gefehlt. Mir stockte buchstäblich der Atem über die Kühnheit, mit der dieser große Erzähler einfach eine andere Sprache benutzte, um Dinge zu sagen, die im braven, gescheiten, ordentlichen Deutsch nicht sagbar waren, unbekümmert darum, ob der bildungsferne Leser sie denn auch verstehen würde (seien wir ehrlich, er würde die messerscharfen Duell-Gespräche von Settembrini und Naphta sowieso nicht verstehen, es kam nicht darauf an). Und über den Effekt, den er damit bei mir erreicht hatte: Denn Hans Castorp spricht, so sagt er selbst immer wieder, in dieser Passage wie in einem Traum, aus dem er nur kurz für deutsche Satzfetzen erwacht; und genau wie einen Traum hatte ich die Passage einfach aus meinem Gedächtnis verdrängt, vergessen, gelöscht, eine unverständliche Nachterscheinung mehr. Mein Französisch ist immer noch reichlich bruchstückhaft, aber das meiste habe ich jetzt verstanden; und den Rest verspare ich mir auf den dritten Besuch. Vielleicht finde ich dann noch etwas ganz Neues, und eine solche Chance sollte man sich nie versperren.

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Vom Fall eines Startups


Es endete damit, dass ich rausgeworfen wurde. Nein, eigentlich stimmt das nicht: Ich wurde gleichzeitig rausgeworfen und habe gekündigt. Unaufhebbare Differenzen würde man das wohl in der Sprache der Scheidungsanwälte nennen, weh tut es trotzdem, und man fragt sich, wie es dazu kommen konnte, wo alles so gut begonnen hatte. Aber es war doch nun wirklich nicht meine Schuld, dass das neue Bürogebäude im Technologiepark noch von einer Baustelle umgeben waren und wir bei Regenwetter eine Schlammwüste durchqueren mussten, um zur Hochglanz-Rezeption zu gelangen, die natürlich noch nicht besetzt war. Und es konnte doch passieren, dass man seine Schuhe nicht ganz sorgfältig abgestreift hatte, schließlich wollte man ja zur Arbeit kommen, und dann hatte man dicke Schmutzspuren auf dem neuen Teppichboden hinterlassen (ich meine, er war blau, und das helle Braun hob sich deutlich von ihm ab), eine ganze Spur bis ins Büro, wo man nun saß. Und der Chef baute sich mit seiner ganzen imposanten Größe von knapp zwei Metern vor einem auf, die Glatze glänzte etwas roter als sonst, und er sah auf mich herab und – wie soll ich sagen: ermahnte? schimpfte? brüllte? Nein, es war nicht so laut, aber es war ein schneidender Ton, den ich schon bei meiner Mutter nicht vertragen hatte, und in diesem schneidenden Ton der völligen Herabwürdigung, bei dem sich alle meine Haare aufstellten, innen und außen, verlangte er ultimativ, – SOFORT! – solle ich einen Staubsauger holen und die SCHWEINEREI, die ich da draußen angerichtet hatte, entfernen. SOFORT! Da war es vorbei. Ich stand auf und ging. Ich ging nicht den Staubsauger holen, sondern packte meine Siebensachen, und ging. Für immer. Wahrscheinlich habe ich beim Herausgehen noch eine zweite Spur auf dem neuen blauen Teppichboden hinterlassen, ich hoffe es inständig.   


Nun war das Problem wirklich nicht, dass ich mir zu fein war, einen Staubsauger in die Hand zu nehmen. Das tat ich schließlich zuhause regelmäßig, noch nicht mal vollständig ungern (im Gegensatz zum drögen Staubputzen); und einer in der Reihe meiner unendlichen Studentenjobs war sogar ein Putzjob gewesen (wenn auch in einer Buchhandlung, und es war wirklich obercool, abends allein mit all den Kunstbänden zu sein; ich habe aber auch ordentlich geputzt, weil ich alles ordentlich mache, ich schwöre es, sogar die Klos!). Nein, das Problem war der Ton gewesen, gemeinsam mit dem Ultimatum; ein einfaches „Bitte“ hätte es getan, und ich wäre ohne jeden Widerspruch zum Putzschrank gegangen. Aber wie hatte es soweit kommen können, dass wir kommunizierten wie eine dysfunktionale Familie in ihren schlechteren Zeiten?

  

Denn am Anfang, und das ist nur ein klein wenig nostalgisch verklärt und klischeeverzuckert, waren wir eine große glückliche Familie. Wir waren ein Startup, wie es im Buche steht, und das zu einer Zeit, als der Begriff zumindest in Deutschland noch gar nicht existierte (der PC war gerade erfunden worden, aber außer Steve Jobs hatte noch keiner verstanden, was das bedeutete). Zwar arbeiteten wir nicht in einer Garage, sondern in einem älteren, etwas heruntergekommenen Bürogebäude an einer Ausfallstraße; aber wir hatten, ganz wie es sich gehörte, zwei Chefs, nämlich einen Visionär (nennen wir ihn KJP, es ist der Große mit der Glatze) und einen Techie (dessen Namen ich tatsächlich vollständig vergessen habe, er war klein und eher unauffällig, vielleicht sollte man ihn im Gedenken an Steve Wozniak einfach „Wozzie“ nennen, er trug aber Anzüge). Gemeinsam hatten sie das Produkt erfunden, ein ziemlich cleveres Textprogramm (wir befinden uns auch in der Zeit vor Microsoft Word), das auf einem Zentralrechner lief, von dezentralen Stationen bedient wurde und tolle Dinge konnte wie Serienbriefe schreiben oder Makros ausführen (daneben konnte es natürlich auch all das, was jedes anständige Textprogramm bis heute kann). Der Chefprogrammierer trug langes Haar und war unendlich cool, aber auf eine hinreißend fränkische Art; er war normalerweise knietief in Maschinencode vergraben, aber freute sich wie ein Kind, wenn man ihm eine Frage zu einer neuen Funktion des Textprogramms stellte und seine Antwort sogar verstand. Von den anderen Programmierern war keiner über 25, die einen kamen direkt von der Uni, die anderen waren noch dort. Und die einzige Frau war die Sekretärin, eine fränkische Jungfrau, die ein wenig an die Loreley erinnerte mit ihrem Lächeln und ihren wallenden Locken, und wenn Manu lächelte, war die Welt für alle in Ordnung, besonders aber für den Chefprogrammierer.   


Nun hatte das Startup ordnungsgemäß zu wachsen begonnen, und deshalb war ich von der studentischen Arbeitsvermittlung geschickt worden. Ich konnte tippen wie der Teufel, und ich dachte, eben das sollte ich dort tun, Büroaushilfe halt, das übliche. Als ich aber auftauchte, an einem normalen Wochentag mitten im wuseligen Startupgewühl, entfiel das Vorstellungsgespräch im wesentlichen; man setzte mich vor eines der hauseigenen Geräte und ich sollte dort etwas tippen, ich habe vergessen was. Ich fragte, so schlau war ich schon, nach einem Benutzungshandbuch. Man konnte förmlich sehen, wie etwas unter der Glatze des Visionärs zu leuchten anfing, und er sagte: Prima, Frau Heinz, super Idee, dann schreiben Sie doch gleich mal eines! Es war nicht Learning-by-Doing; es war Teaching-by-Doing, eine potenzierte Variante, aber zum Glück konnte ich nicht nur tippen wie der Teufel, sondern auch schreiben wie ein minderer Engel in der himmlischen Schreibstube, denn ich hatte ein Talent und eine journalistische Ausbildung und gute Nerven und eine endlose Lernbereitschaft (all das konnte der Visionär aber gar nicht wissen, außer er hatte bereits Visionen, aber dazu kommen wir später). Also setzte ich mich neben den Chefprogrammierer, er erläuterte, und ich schrieb auf, Kapitel um Kapitel, von den einfachen Funktionen bis hinauf zu den verzwicktesten Makros. Ich zeichnete sogar eine kleine Grafik für das Benutzungshandbuch, auf die ich besonders stolz war: Das Produkt hieß TULPE (Akronym, natürlich, kein Startup ohne geistreiches Akronym!), und es war eine kleine stilisierte Tulpe, die einen kleinen Geistesblitz hatte; und wenn sie am Rand auftauchte, signalisierte sie einen besonderen Tipp für den fortgeschrittenen Leser und Benutzer.   


Es war ein großartiger Job, wir alle hatten Spaß ohne Ende. Man kam und ging mehr oder weniger, wie und wann man mochte; und zu Beginn der Semesterferien eröffnete ich dem Chef (ich glaube, es war zum Glück Wozzie, der einfach nur sprachlos war), ich würde jetzt vier Wochen in Urlaub gehen – das Konzept von Urlaubsanträgen war mir offensichtlich unbekannt. Beziehungen entstanden, sobald irgendwoher auf mysteriöse Weise mal wieder eine Frau auftauchte; wir hatten noch mehr Spaß. Wir fuhren auf die CeBit und ließen uns von großen Konzernen einladen und tranken ihren Sekt und aßen ihre Canapees und mussten noch nicht mal Anzüge und hochhackige Schuhe dabei tragen wie die Standmäuschen und die Vertriebler. Ich schrieb jetzt ganze Hochglanz-Werbemappen, das Geschäft brummte. Ich machte Schulungen, und einmal wurde ich zu einem der größten Kunden in die Schweiz geschickt, um einen Artikel über deren spektakuläre Anwendung unseres Programmes zu verfassen - aber die beiden jüngeren Mitarbeiter, die uns dort empfingen, zogen mit uns durch die Bars in Zürich, spendierten Champagner im Baur au Lac und luden uns nachmittags zur Eröffnung ihres kleinen Nebenprojekts, einer Tauchschule, ein, und das ist eine ganz und gar nicht erfundene, aber andere Geschichte – wir waren halt im Startup-Zeitalter, wir waren die Pioniere, sogar in der braven Schweiz! Keine Ahnung, wie ich meinen Artikel geschrieben habe, aber wahrscheinlich gar nicht so schlecht. 


Es ist schwer zu sagen, ab wann die Dinge begannen schief zu gehen. Ein Warnhinweis war sicherlich, dass unser Visionär immer visionärer wurde. Er hatte Fastenkuren entdeckt, um seine mentalen Fähigkeiten weiter zu verbessern, und er war sich sicher, dass er durch Wände schauen konnte – was für Arbeitnehmer eine deutlich unangenehmere Vision ist als für den Chef. Unermüdlich versuchte er auch uns davon zu überzeugen, aber wir wollten weder durch Wände sehen noch fasten. Er wandte sich verächtlich ab, Kleingeister, dachte er wahrscheinlich, das hat man davon. Es wurden immer noch mehr Mitarbeiter eingestellt, es bildeten sich Abteilungen und Hierarchien (es gab jetzt zum Beispiel Techniker, für die Schmutzarbeit, und sie waren in der Hierarchie natürlich unter den mehr oder weniger genialen Programmierern). Wahrscheinlich musste man inzwischen sogar Urlaubsanträge stellen. Und hatte uns nicht zwischendurch unser guter Genius, unsere fränkische Loreley, verlassen, der der Chefprogrammierer, sobald er einmal aus einen Bits und Bytes hochschaute, immer seltsam weich hinterhergeblickt hatte? Waren nicht schon die ersten Beziehungen wieder zerbrochen? Ja, sahen die Ersten nicht, ganz ohne erfastete Hellsichtigkeit, das Microsoft-Imperium schon am Horizont aufziehen und die alten Großrechner, Dinosaurier, die sie waren, mitsamt unserer lieben kleinen TULPE verschwinden?   


Der Umzug hinaus in den „Technologiepark“ war wohl nur das letzte, äußere Zeichen; für die meiste Familien sind Umzüge Krisenphasen, und nicht alle meistern sie. Und genauso war der Baustellenschmutz, den ich an meinen Schuhen in das funkelnagelneue Großraumbüro trug – obwohl ich im Nachhinein ganz sicher bin, dass ich mir sogar die Schuhe ordnungsgemäß abgekratzt hatte, etwas anderes wäre mir gar nicht in meinen grundordentlichen, von einer putzwütigen Mutter geschulten Hausfrauensinn gekommen! – wohl nur der äußere Abdruck einer innerlichen Entfremdung. Wir waren einfach einem Naturgesetz zum Opfer gefallen: Visionäre verlieren die Bodenhaftung und Genies verkümmern im Tagesgeschäft, während die Bürokratie blitzblank vor sich hin wächst und die Teppiche wichtiger werden als die Mitarbeiter. Jedes Startup kommt eine Zeit lang der Sonne näher, alle strampeln wie die Weltmeister, die Begeisterung ist unendlich, man schwingt sich auf, gemeinsam, immer höher, noch ein Stück – doch dann hängen sich immer mehr an, nicht alle treten genauso stark, manche steuern sogar in die Gegenrichtung; man wird zu schwer, man beginnt zu sinken statt zu steigen, und die Sonne ist nur noch ein kleiner leuchtender Punkt in einem Universum, das schon von ganz anderen Galaxien beherrscht wird. Der Fall kann lang und schmerzhaft sein oder kurz und schmerzhaft, aber er ist notwendig. Ich hatte die kurze Lösung gewählt. Ich war dann mal weg.   

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Ein Herz für Mr. Spock

 

Seit ich im Fernsehen Science-Fiction-Serien sehen konnte – also seit den Zeiten, in denen ein Pappmodell von Raumschiff Enterprise durchs die unendlichen Weiten des Universums segelte und auf Planeten landete, die ein wenig aussahen wie von der Augsburger Puppenkiste gestaltet - seit unvordenklicher Zeit also fand ich, dass die Erfinder dieser Serien eigentlich nicht genug Phantasie hatten. Irgendwie sahen die Außerirdischen immer aus wie Leute, die nicht genug Geld gehabt hatten, um einen ordentlichen Kostümverleih zu bezahlen. Aber was noch schlimmer war: Sie, die Außerirdischen - und war nicht schon die Formulierung ein Beweis für die ewige Bauchnabelzentriertheit einer Menschheit, die ihre verschwindende Stellung im Universum durch ihre vermeintliche Einmaligkeit kompensieren musste, und zwar für jetzt und immerdar und bis in den letzten Winkel seiner unendlichen Weiten - ; diese "Außerirdischen" also handelten und dachten auch genau wie Menschen: nämlich meist egoistisch und irrational, oder, seltener, mitleiderregend und irrational, auf jeden Fall aber ziemlich vorhersehbar. Und auch die Besatzung der Enterprise, des Flaggschiffs des menschlichen Selbstbewusstseins schlechthin, waren einfach nur genauso amerikanisch und seltsam wie die Menschen in anderen amerikanischen Serien. Wenn also ausgerechnet Captain Kirk in all seiner achso hinreißenden Unbeherrschtheit, seinem erfrischenden Männlichkeitswahn und seiner maßlosen Selbstüberschätzung tatsächlich das Zukunftsmodell sein sollte, dann war ich lieber dankbar für Mr. Spock: Verfügte der Vulkanier doch neben seinen spitzen Ohren über einen wahrhaft scharfen Verstand und eine noch schärfere Ironie, die leider selten bemerkt wurde. Er allein erschien mir neben dem vage multinationalen Kindergarten, der sich auf der Kommandobrücke um den Heros Kirk versammelte, als eine zukunftsweisende Figur – der Einzige, der wenigstens ein klein wenig fremd war und es auch bleiben durfte, trotz aller Bekehrungsversuche zur Kirk'schen Emotionalität, dem kuhwarm-menschlichen Glanz- und Alleinstellungsmerkmal schlechthin.

 

Das änderte sich eigentlich in all den verschiedenen Star-Trek-Generationen nicht grundlegend, und ich verfolgte sie alle. Sie spiegelten zwar jeweils den Geist ihrer eigenen Zeit in Vollendung – der erste farbige Captain, die erste Frau als Captain; das fröhlich-kosmopolitische Milieu auf Deep Space Nine im Kontrast zur sich dunkel einfärbenden Zukunft bei Star Trek Voyager -, aber auf wirklich fremde Wesen oder Gedanken musste man lang warten. Immerhin, auf Deep Space Nine gab es die Ferengi, die den Kapitalismus zur Religion entwickelt hatten, und das war wenigstens eine gelungene Satire. Man wagte sich nach und nach an kollektive Lebensformen, die natürlich böse sein mussten, schon wegen des leicht angestaubt drohenden Gespenst des Kommunismus  – dabei hatte das „Widerstand-ist-zwecklos“-Kollektiv der Borg durchaus seine sympathischen und ästhetischen Momente. Und die Erste Direktive (Nichteinmischung in die Angelegenheit fremder Galaxien, welcher Abkunft, Hautfarbe, Religion, Lebensform oder was auch immer) war von einer geradezu astronomischen Weisheit, schaute man auf auf die zunehmend verkorkste Weltlage mit den immer grandioser scheiternden, aber ach so gutgemeinten Interventionsversuche einer hilflosen Weltpolitik. Leider jedoch verloren wir Dr. Spock auf dem Weg; und Data, der erste Android, war ein eher schwacher Ersatz und musste durch Katze, Geigenspiel und Vaterkomplex etwas krampfhaft vermenschlicht werden.

 

Zwischenzeitlich jedoch war auf der real existierenden Erde ein kleiner Teil der Science Fiction zur Realität geworden: Es gab nun Computer anstelle von Schreibmaschinen. Das waren klobige Kisten mit Riesentastaturen, die kein Tipp-Ex mehr brauchten, sondern wo man, einfach so, eine magische Taste drücken konnte, delete, und dann war der Mist weg, den man gerade geschrieben hatte, es war Zauberei, wie Beamen! Und dann wurden die Kisten immer kleiner und schicker, und dann konnten sie mehr und immer noch mehr, und bald konnte man sich nicht mehr vorstellen, dass man jemals mit der Hand geschrieben hatte oder was genau Tipp-Ex war. Kulturkritische Zeitgenossen sahen das mit Skepsis; zog da nicht Big Brother herauf am Horizont, mit Maschinen, die immer klüger und immer schneller wurden und immer mehr Dinge speichern konnten (und das war schon damals, in den sozialkritischen 80ern, keine Verheißung, sondern eine Drohung: Speichern war böse, an sich und von Grund auf!): Würden sie nicht irgendwann alles überwachen und alles beherrschen und die Menschheit verknechten mit ihrer bösen technisch-instrumentellen Superintelligenz? Doch zum Glück, so führte ein modisch links angehauchter Soziologie-Dozent damals im Seminar aus - und das habe ich nie vergessen, denn ich habe es ihm damals geglaubt, ja sogar gedacht, was für ein origineller Gedanke, so phantasielos war ich selbst! – zum Glück also müssten wir uns gar nicht wirklich fürchten. Es sei nämlich so, dass man zum Sammeln all dieser Daten ganze Fabrikhallen von Computern brauchen werde, ach was, halbe Kontinente! Von den Energiemengen ganz zu schweigen! So hätte das Captain Kirk wahrscheinlich auch gesagt, wenn auch ein wenig charmanter, aber in der gleichen selbstgewissen Ahnungs- und Phantasielosigkeit; Mr. Spock aber hätte nur mit der Augenbraue gezuckt, Menschen halt - kuhwarm, aber phantasielos, und immer fürchten sie sich vor den falschen Dingen!

 

Die Realität hat Mr. Spock Recht gegeben, und es ist kein Ende der Speicherkapazitäten abzusehen; zum Glück aber hat bisher auch niemand genug Phantasie entwickelt, die Datenmassen wirklich zu nutzen (außer der Werbeindustrie natürlich, die wird dafür ziemlich gut bezahlt). Inzwischen ist Star Trek längst eine nostalgische Erinnerung der älteren Generation geworden, die Star Wars haben übernommen, und man könnte auch bei nur geringer Phantasie auf die Idee kommen, dass es kein gutes Omen für die Zukunft der Menschheit ist, wenn man die unendlichen Weiten des Universums nicht mehr durchreist, in welcher Mission auch immer, sondern unterwirft. Die größte Speicherkapazität braucht man heute für Simulationswelten und Ego-Shooter; jede Grausamkeit wird so realistisch und farbgetreu simuliert, jede Katastrophe so überlebensecht in 3-D auf den Bildschirm gezaubert, dass man sich zu den guten alten Tipp-Ex-Zeiten zurücksehnt, ja, beinahe sogar nach Captain Kirk mit seiner kuhwarmen Menschlichkeit und seinen zu kurzen Uniform-Hosen im Augsburger-Puppenkisten-Universum. Heute aber bleibt sowieso nichts mehr der Phantasie überlassen, und warum auch? Schließlich gibt es inzwischen Roboter, die Menschen im Schach besiegen und beim Go, sie spielen sogar Fußball gegeneinander! Mr. Spock hätte wieder die Augenbraue hochgezogen, und mit Recht: Das bringt also die vielgerühmte Menschheit ihren hoffentlich intelligenteren Nachfolgern als erstes bei – Fußballspielen! (von Kampfdrohnen wollen wir gar nicht reden) Es soll auch schon Haushaltsroboter geben, die nicht nur staubsaugen, sondern den Kindern Geschichten vorlesen. Wahrscheinlich füttern sie auch die Hauskatze, wenn sie sie nicht heimlich vergiften, weil sie nämlich menschlich genug geworden sind, um zu erkennen, dass Katzen das einzige sind, was einer künstlichen Intelligenz jemals gefährlich werden könnte. Aber es ist nicht ganz klar, ob sie genug Phantasie dafür haben werden; vielleicht sind sie ja doch nur Menschen und wollen alle heimlich selbst eine Katze zum Kuscheln, wie Data. 

 

Wird der Mensch jemals etwas erschaffen, das nicht eine Dublette seiner Wunsch- und Angstträume ist? Gott ist tot, aber die Clones leben, und im Internet lässt die Schwarmintelligenz auch auf sich warten. Die Drohnen durchziehen den freien blauen Himmel, und man kann froh sein, wenn sie nur ein Päckchen von amazon abwerfen. Manchmal hofft man dann, dass stattdessen eine blaue Telefonzelle vor einem landet, die einen, einmal nur, in wirklich fremde, wirklich menschenferne Welten entführt, in die keine Kamera mehr schauen kann. Mr. Spock begrüßt einen dort mit Dr. Who, und Einstein ist ein Time Lord geworden, der auf einem Lichtstrahl vorbeireitet und zu einem Plausch mit Terry Pratchett und Tolkien über die ewige Relativität der menschlichen Phantasie unterwegs ist. Aber wahrscheinlich hat das letzte Schiff in die unsterblichen Lande schon längst abgelegt, und Wurmlöcher sind nie da, wo man sie braucht (die Menschheit bleibt derweil humanly challenged). 

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Präferenzlosigkeit

 

Die Geschichte kam ziemlich aus heiterem Himmel und hatte eigentlich gar nichts mit dem Thema des Seminars zu tun, das damals, sozusagen an der vordersten Forschungsfront, die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaftlern erproben sollte. Es wurde von einem Wissenschaftshistoriker geleitet, der nicht besonders glücklich wirkte. Er hatte die undankbare Aufgabe, den freiwillig, aber spärlich vertretenen Geisteswissenschaftlern auf der einen Seite und den scheinpflichtigen Naturwissenschaftlern auf der anderen die Erkenntnisse eines zu dieser Zeit revolutionär neuen Paradigmas, der Chaostheorie nämlich, nicht nur zu erläutern, sondern beide Seiten darüber ins Gespräch zu bringen. Eigentlich aber gewannen alle im Verlauf des Seminars eher den Eindruck, dass man einander immer weniger verstand; hinterher hätte man höchstens genauer zu sagen gewusst, wie sehr man doch anders sei als die Anderen. Immerhin, der eine oder andere neue Gedanke war gelegentlich zu erhaschen, wie ein nur kurz vorbeiflatternder Schmetterling, und wenn man auch das neue Forschungsparadigma noch nicht wirklich verstanden hatte – wozu relativ weitreichende mathematische Kenntnisse gehört hätten, und außerdem hatte man doch gerade erst gelernt, was ein Paradigma überhaupt war -, reichte es doch zu dem einen oder anderen produktiven Missverständnis.

 

Doch plötzlich, und der genaue Zusammenhang ist mir wirklich entfallen, kam der Seminarleiter, ein nicht mehr ganz schlanker Privatdozent mit dunkler Stimme und dunklen Haaren und von einer seltsam fränkisch-behäbigen Attraktivität, mit der Geschichte von der Präferenzlosigkeit daher. Er hatte sie wohl gerade in einem Wissenschaftsmagazin gelesen und war selbst auf unbestimmte Art von ihr angezogen worden. Eine Studie unter israelischen Farmern hätte nämlich ergeben, so referierte er uns nun fränkisch-nuschelnd, dass Entscheidungsprozesse im wirklichen Leben häufig ganz anders ablaufen, als man sich das akademisch so vorstelle. Im konkreten Fall ging es darum, welche Pflanzen im Kibbuz zukünftig angebaut werden sollte, und man holte sich nicht etwa ein Gutachten ein oder untersuchte die Bodenbeschaffenheit; es bildeten sich wundersamerweise auch keine Parteien, von denen eine energisch für Erdbeeren votierte und die andere für Spinat oder was auch immer (aber der Seminarleiter nannte als Beispiel wirklich Erdbeeren, das weiß ich ganz genau, und man imaginierte unwillkürlich ein sehr karges Feld unter der sengenden Hitze Israels, kurz vor den Golanhöhen, wo eine Herde achselzuckender Kibbuzim steht und nicht weiter weiß, ein Schmetterling fliegt kurz vorbei, aber immer noch passiert nichts – jedenfalls nicht in Israel kurz vor den Golanhöhen). Nein, es herrschte vielmehr ein völlig meinungsfreier und interesseloser Zustand, den die Forscher flugs „Präferenzlosigkeit“ nannten; und er konnte nur dadurch abrupt beendet werden, dass irgendeiner, einfach so, ohne jeden Grund und ohne jede Autorität, sagte: Na, dann eben Erdbeeren!, und alle nickten erleichtert, ja, klar Erdbeben, gibt auch bessere Torten als Spinat, und fortan florierte der Erdbeeranbau in Israel.

 

Wir als Zuhörer waren von der Geschichte etwas verunsichert, soweit ich mich erinnern kann; vielleicht hatte sie ja eine tiefere symbolische Bedeutung für unseren seltsam unbestimmten Schwebezustand im System der Wissenschaften, aber die erschloss sich uns zu diesen Zeitpunkt nicht. Allerdings ließ sich dieses neue Modell im Unterschied zur Chaostheorie umstandslos im Alltag testen und führte zu bemerkenswerten Ergebnissen. Stand man beispielsweise wieder einmal mit einer Gruppe völlig präferenzloser Kommilitonen vor der Mensatafel und hatte die Wahl zwischen drei gleich unattraktiven Alternativen, reichte es, nonchalant in die Runde zu werfen: „Ich gehe dann zu Linie 1!“, einfach so, und schon setzten sich alle in Bewegung, schnurstracks zu Linie 1. Wenn nach einem Vortrag oder einem Seminar das unbestimmt gesellige Gefühl herrschte, man müsse doch jetzt noch nicht auseinandergehen, und alle traten von einem Fuß auf dem anderen und die Zeit schien sich ins Endlose zu dehnen wie in der unmittelbaren Umgebung eines Schwarzen Lochs, dann konnte man sagen: "Also gehen wir jetzt ins Deutsche Haus“? (das war der marktbeherrschende Billig-Grieche in der Studentenstadt, und vielleicht gab es ja damals schon eine verborgene Komplementarität zwischen Griechenland und Deutschland, eine Art Gegen-Spin), und die Herde setzte sich, langsam, langsam, aber immerhin in Bewegung Richtung „Deutsches Haus“. Und man konnte nur die unendliche Weisheit der Gesetzgeber bewundern, die irgendwann festgelegt hatten, dass es im unmittelbaren Umkreis von Wahllokalen keine Parteiwerbung mehr geben darf; ein Leichtes wäre es selbst einem rhetorisch minderbegabten Kandidaten sonst, sich vor der mal wieder präferenzlosen Wählermenge aufzubauen und im letzten Moment seinen eigenen Namen ins Gespräch zu werfen, und flugs würden alle das Kreuzchen neben eben diesen setzen, aus schierer Erleichterung, das man ihnen endlich die Entscheidung abgenommen hat. 

 

Wer auch immer jemals auf die Idee gekommen ist, die höchste Errungenschaft des Menschen sei die Freiheit und ein freier Wille dasjenige, was uns vom sonstigen kreuchenden und fleuchenden Herdengetier unterscheide, hat offensichtlich nicht genau genug hingeschaut: Der Mensch ist eine träge Masse, das Herumlümmeln auf dem Sofa sein energetisch günstigster Zustand; Präferenzlosigkeit spart Energie, Entscheiden verbraucht Energie, deshalb überlässt man es lieber anderen Leuten. Heute würde man vielleicht in einem interdisziplinären Seminar über die Quantenmechanik im sehr erweiterten Modus des produktiven Missverständnisses zu ähnlichen Erkenntnissen kommen: So lange niemand in die Kiste guckt, ist die Katze tot und lebendig zugleich, existentiell präferenzlos sozusagen; und erst, wenn irgendeiner, der die Spannung nicht mehr aushält, die Kiste aufmacht und sagt: Habe ich doch gleich gesagt, Schrödinger ist schon lange tot!, ist die Katze im gleichen Moment tot umgefallen. So ist das Leben nämlich: Wenn keiner guckt, ist den meisten alles egal. 


Es wäre denkbar, dass Gott die Welt aus der Präferenzlosigkeit und dem Chaos erschaffen hat, indem er einfach hingesehen hat, und die Welt hat fortan existiert. Oder dass er im entscheidenden Moment "Licht" gerufen hat. Wie auch immer, es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er es hinterher bereut hat. 

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Weihnachtsworte

 

Und da war Weihnachten wieder. Alle Jahre wieder saß man in der Kirche, etwas eingezwängt zwischen anderen Familien, die unbehaglich in ihren warmen Wintermänteln auf den harten Bänken hin- und herrückten und dann und wann einen verwirrten Blick auf die fremdartigen Texte im Gesangbuch warfen. Vorn leuchtete der Christbaum, mit einfachen großen Strohsternen geschmückt, und die Kerzen waren noch aus warmen gelben Wachs und flackerten in der freudig bewegten Weihnachtsluft. Hatten die anderen wohl schon beschert zuhause? Oder kam das Weihnachtsessen zuerst, dann die Kirche, und dann endlich, endlich, das Christkind selbst? Damals, als sie noch klein war, ging man natürlich zuerst in den Familiengottesdienst am späten Nachmittag, bei dem das Krippenspiel aufgeführt wurde. Sie war nie im Kindergottesdienst gewesen und durfte also nicht mitspielen. Das war ihr aber auch recht: So öffentlich vor all den Leuten zu stehen, vielleicht gar noch als tumber Hirte mit einem Schaffell-Flokati über den Schultern, dafür war sie viel zu schüchtern; ganz abgesehen davon, dass die Jungen sowieso immer die Hirten spielen mussten, die Mädchen aber durften Engel sein. Aber während sie so auf der harten Bank zappelte und die Christbaumlichter flackerten, träumte sie ihren ganz persönlichen Weihnachtswunschtraum: Einmal wollte sie selbst auf der Kanzel stehen und die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Und sie würde beginnen mit den langvertrauten Worten, sehr langsam und sehr deutlich würde sie sie sagen und den schönen Rhythmus fließen lassen, der die Sätze dahintrug wie auf weichen Wellen: Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Und es spielte gar keine Rolle, dass man weder Cyrenius kannte noch wusste, was ein Landpfleger in Syrien war – das waren die Worte, sie standen geschrieben und sie durften niemals verändert werden, sonst wäre Weihnachten nicht mehr das, was es alle Jahr wieder war. Und sie würde die ganze Geschichte vorlesen, jeden der vertrauten Verse: wie der Engel zu den Hirten kam und sagte „Fürchtet euch nicht!“, und wie kein Raum war in der Herberge für Josef, und Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und alle würden ganz still zuhören, außer ein dummes Baby schrieb dazwischen; aber damals war man noch der Meinung, dass Kinder sich zu benehmen hätte in der Kirche, gerade an Weihnachten, der stillen Nacht, der heiligen Nacht. Es kam jedoch niemals dazu, dass sie die heiligen Worte der Weihnachtsgeschichte vorlesen durfte, auch wenn sie es, davon war sie überzeugt, viel schöner gemacht hätte als der ältliche Pfarrer mit seiner durch Jahrzehnte von Weihnachtsgottesdiensten abgenutzten Pastoralstimme, deren Pathos allen Glanz verloren hatte. Es blieb ihr Traum, der Geist der vergangenen Weihnacht, und wenn ganz am Ende bei „O du fröhliche“ alle Lichter gelöscht wurden und nur noch die Kerzen flackerten, konnte man ihn zu Ende träumen.

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Und da war Weihnachten wieder, und nun war das eigene Kind geboren, und man besuchte eine andere Kirche. Das Kind ging zum Kindergottesdienst, und natürlich durfte es auch beim Krippenspiel mitspielen. Und so erschien an dieser Weihnacht ein kleiner männlicher blonder Engel mit Zahnlücken, und die Mädels waren alle neidisch auf sein Flügelpaar, mit ganz echten weißen Federn, und sein mit goldenen Sternen übersätes, in weichen Falten bodenlang herabfallendes Gewand. Und der Engel erschien in der abgedunkelten Kirche in einem eher seltenen Moment der Stille – inzwischen war man der Meinung, dass Kinder auch im Gottesdienst herumlaufen durften, ja geradezu sollten, damit sie sich jederzeit frei entfalten konnten. Und weil man dem blonden Engel mit den Zahnlücken gesagt hatte, er müsse laut und deutlich ins umgehängte Mikrophon sprechen, schließlich sollten es ja alle hören, auch die schon etwas älteren Leute; und weil dieser Engel dazu neigte, vernünftig begründeten Anweisungen aufs Wort zu gehorchen; und weil schließlich das Mikrophon ausnahmsweise sogar funktionierte, schallte es nun voll und rund durch die Kirche: „Fürchtet euch nicht!“ Alle zuckten zusammen, nicht nur die Hirten. Aber es war nur ein kleiner Schreck, und man konnte sich gleich viel besser vorstellen, dass die Hirten wahrlich allen Grund hatten, erschreckt zu sein, wie sie da ahnungslos auf dem Feld lagerten und hüteten des Nachts ihre Herde.

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Und da war Weihnachten schon wieder, wieder in einer anderen Kirche, und inzwischen war man der Meinung, dass Krippenspiele zeitgemäß sein sollten: keine Jungen mehr als Hirten mit umgehängten Schafsfellteppichen, keine niedlich herausgeputzten Mädchen als Engelchen –Weihnachten spielte nun in einer kaputten Familie, von Arbeitslosigkeit und Scheidung bedroht, und das Weihnachtswunder brachte sie auf irgendeine etwas befremdliche Art wieder zusammen, keiner wusste auch nur fünf Minuten später noch, worum es eigentlich gegangen war. Es wurden auch keine heiligen Worte gesprochen, sondern ungeschickte, aber zweifellos gut gemeinte kleine Dialoge, und die meisten hatten sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, sie auswendig zu lernen; und wieder einmal funktionierte das Mikrophon nicht, und alle waren wirklich froh, wenn es vorbei war. Immerhin, manchmal kehrte man auch zurück zu der vertrauten Geschichte; aber dann spielte sicherlich ein besonders großer ungelenker Junge die Maria, und Josef war ein besonders zierliches Mädel, und man wollte lieber nicht wissen, was genau in der Krippe lag. Bei einem solchen Krippenspiel begab es sich nun, dass die Darsteller kleine Spielzeug-Schäfchen mitbringen sollten. Das Kind hatte, schon seit den ersten Babyjahren, ein Herzenslämmchen, das lange Jahre bei ihm schlief; es lang ganz ruhig da, die Vorderpfoten ausgestreckt, auf die es mit einem recht herzerweichenden, aber auch ein wenig verschmitzten Schafsblick herabblickte. Und das Kind durfte diesmal lesen, von der Kanzel herab vorlesen, es war der Geist der vergangenen Weihnachten geworden; schließlich hatte es ja auch gerade den Vorlesewettbewerb an der Grundschule gewonnen, obwohl es ein Junge war! Und das Kind sprach die heiligen Worte, wenn auch in einer inzwischen modernisierten, vielleicht aber noch nicht geschlechtergerechten Fassung, und rechts neben ihm lag, ganz ruhig mit Schafsblick, sein mitgebrachtes Lämmchen auf der Kanzel – was sollte es schließlich auch bei den Hirten, es war das Lämmchen eines ehemaligen Verkündigungsengels mit Zahnlücken, und es lauschte nun aufmerksam und hingebungsvoll den laut und deutlich vorgetragenen heiligen Worten, wie wir alle dort unten. Und als dann der Pastor auf die Kanzel stieg und seine Weihnachtspredigt hielt – wahrscheinlich irgendetwas über die Hirten als soziale Outcasts, das war zu dieser Zeit der Klassiker –, war das Lämmchen liegen geblieben, und man konnte sich einbilden, dass der Pastor ab und zu einen etwas erstaunten Blick nach rechts unten auf das weiße wollige Etwas richtete, bevor er wieder zu seinem Text zurückkehrte. Aber vielleicht machte es seine Stimme etwas weicher, und man dachte, dass man viel öfter kleine weiße Lämmchen im Blick haben sollte, wenn man redete.

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Und da war Weihnachten wieder, und es war der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Dem Kindergottesdienst waren wir lang entwachsen, wahrscheinlich führten sie immer noch Krippenspiele auf, und man hoffte, dass der heilige Text vielleicht doch noch eine Rolle dabei spielte; aber wahrscheinlich wurde er nun gerappt, oder das Christkind bekam einen Facebook-Account zur Geburt von den Hirten, die heldenhaft für freies Internet auf ihrem Acker gekämpft hatten, und der Engel war ein multikultureller Bote aus dem Jenseits, aber keinesfalls mehr ein christliches Symbol einer höheren Himmelshierarchie, und er twitterte: #Heilandgeborencooldude! Und wieder saßen wir, zwischen immer noch erstaunlich großen, aber wahrscheinlich inzwischen durch Patchwork zusammengehaltenen Familien in modischen Wintermänteln auf immer noch harten, aber inzwischen geheizten Holzbänken; die Lieder bekam man nun auf kopierten Zetteln, aber die meisten kannten sowieso außer „O du fröhliche“ gar kein Weihnachtslied mehr. Es war das Jahr gewesen, in dem das Elend der Welt nach Europa kam; von Flüchtlingen und von nichts anderem hatten die Medien gesprochen in den letzten Wochen und Monaten, immer im pastoral durchzitterten Tonfall hoher moralischer Empörung; und ganz kurz vor Weihnachten hatte sich gar irgendeine Dschungelcamp-Berühmtheit hervorgewagt mit den Worten, Maria und Josef seien ja eigentlich auch Flüchtlinge gewesen, und so arm, dass sie im Stall hätten übernachten müssen! Nun gut, man hätte sich an dieser Stelle etwas mehr Vertrautheit mit dem heiligen Text wünschen können; dass Maria und Josef im Gegenteil auf dem Weg zu ihrem Geburtsort waren, einer kleinen Stadt in Judäa, die da heißt Betlehem, da nun mal ein Gebot vom Kaiser Augustus ausgegangen war, dass alle Welt sich zählen ließe, war ihr wohl ebenso wenig gegenwärtig wie die Tatsache, dass schlicht kein Raum mehr war in der Herberge und nicht etwa alle Luxushotels unbezahlbar für einen armen Tischler mit seinem vertrauten Weibe Maria, die war schwanger. Dass Maria und Josef kurz nach der Geburt des Heilands tatsächlich fliehen mussten, nämlich nach Ägypten vor Herodes, der alle jüdischen Erstgeborenen kurzerhand ermorden ließ, wäre die viel stärkere Geschichte gewesen; aber woher sollte man das auch wissen, wenn man gerade dem Dschungelcamp entronnen war! Es war einmal mehr der gute Wille, der zählte, nicht die unverständlichen Worte eines rettungslos veralteten heiligen Textes.


Aber das war zweifellos der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, und wir alle fürchteten uns ein wenig vor der Predigt. Die Hirtenvariante würde uns zwar hoffentlich erspart bleiben, weil die Hirten keine Flüchtlinge waren, sondern höchstens Nomaden, aber sicher konnte man sich nicht sein, wer achtete schon auf solche Feinheiten der Überlieferung? Hingegen war eine Predigt über die drei Weisen aus dem Morgenlande ganz sicher nicht zu erwarten – ein allzu kolonial wirkender Gestus, zweifellos, mit dem hier kostbare und völlig unnütze Geschenke von herablassenden Bessergestellten überreicht wurden, und selbst wenn der eine von ihnen wirklich ein Farbiger war (oder wie sagte man gerade?), würde das diesen Teil der Geschichte nicht mehr retten. Es war also, aus gegebenem Anlass, ganz sicher eine Flüchtlingspredigt zu erwarten, auch wenn der Pastor uns hoffentlich nicht Maria und Josef als Flüchtlinge und Christus als unbegleitete minderjährige Asylkandidaten präsentieren wurde.


Dass es dann anders kam, war ein kleines Weihnachtswunder. Denn der Pastor, mittleren Alters wie wir und vielleicht ja selbst überdrüssig der sozialkritischen Hirtenpredigten und der wohlmeinenden, aber leider fehlinformierten Korrektheits-Pirouetten, erzählte uns eine ganz andere Geschichte. Sie handelte von einem Ehepaar im Nachkriegsdeutschland – einen Moment zuckte man zusammen, sollte es jetzt gar eine Predigt zum Dritten Reich geben? –, aber die Geschichte nahm gleich zu Beginn eine unerwartete Wendung: Beide Eheleute waren bettelarm, das Land lag in Trümmern darnieder. Aber beide hatten, durchaus verständlich, Wünsche für Weihnachten: keine moralischen, keine sentimentalen, sondern durchaus handgreifliche Herzenswünsche – denn so ist der Mensch, die Welt liegt in Scherben um ihn herum, aber gerade deshalb hilft ein kleines funkelndes Etwas, auf das man seine Gedanken richten kann, ohne dass sie wehtun, und an dessen Schönheit man sich einen Moment, und dann immer wieder, erfreuen kann! Was die beiden sich genau wünschten, und wie sie sich dabei gegenseitig missverstanden und am Ende doch wieder verstanden, ist unwichtig und längst vergessen. Was aber den Geist dieser gegenwärtigen Weihnacht unvergesslich und unerwartet prägte, das war der Pastor, der, ganz ohne Lämmleins Beistand, eine Predigt über die Wohltaten des Schenkens hielt – des durchaus materialistischen Sich-Beschenkens mit Dingen! Denn das verteidigte er nun, gar nicht pastoral-pathetisch, sondern mit echtem Ernst in der Stimme, gegen die wohlfeilen Formeln der Konsumkritik – Wir haben doch schon alles! Wir können uns doch selbst kaufen, was wir uns wünschen! Ist es nicht der Geist der Weihnacht, der zählt? Weil es nämlich wichtig sei, darüber nachzudenken, was ein Anderer sich wünschen könnte. Weil Geschenke, egal ob sie gelingen oder nicht, nicht ein leerer Tauschvorgang, sondern eine Besinnung aufeinander seien: Nicht, weil ich es mir wert bin (dem Mantra des egoistischen alltäglichen Konsumrausches), sondern weil ein Anderer es mir wert ist. Menschen brauchen Dinge, könnte er gesagt haben, Symbole, selbst wenn sie schon alles haben; sie brauchen etwas, was man mit sich tragen kann und immer wieder einmal anschauen, wie das freundliche Lämmchen rechts unten, und dabei denken: Das habe ich geschenkt bekommen. Jemand hat an mich gedacht und dann auch gehandelt, nicht nur salbungsvoll von Beziehungen oder gar von Liebe geredet, dem am meisten missbrauchten Wort der Welt. Das ist ein schönes Gefühl, und man wünscht es jedem, Engeln und Hirten, Königen und Flüchtlingen gleichermaßen. Bei „O du fröhliche“ wurden dann die Lichter gelöscht, die inzwischen elektrischen Kerzen flackerten tapfer und gleichmäßig. Wir drückten dem Pastor besonders herzlich die Hand beim Hinausgehen; er sah etwas müde aus und nicht ganz gesund.

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Und Weihnachten wird wieder kommen, und dass der Geist der zukünftigen Weihnacht Frieden auf Erden sein sollte, wer wollte es nicht wünschen! Dass dieser Wunsch so bald nicht erfüllt werden wird, wissen nicht nur die Hirten auf dem Felde, sondern vor allem die Könige der Welt. Und es steht auch zu befürchten, dass bald gar niemand mehr mitsingt bei „O du Fröhliche“ – weil die „himmlischen Heere“ als zu militaristisch enttarnt wurden; oder weil keiner mehr weiß, was das komplizierte und viel zu lange Wort „gnadenbringend“ bedeuten soll; oder ganz einfach, weil noch nicht einmal mehr dieser einfache Text im Gedächtnis geblieben ist, und wenn das Licht gelöscht ist, kann man nichts mehr sehen auf den kopierten Zetteln, außer der fettgedruckten Aufforderung, sie ordnungsgemäß zu recyclen. (Handys sind auszuschalten!) Und deshalb gehe jede und jeder einher, alle Weihnacht wieder, nehme sein Herzenslämmchen zur Brust und besorge all seinen Liebsten die Geschenke, die sie verdient haben, selbst wenn sie sie im Einzelfall nicht verdient haben mögen; und dann lese man die Schrift.  

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Literatur und Schnitzel


Es war bei einer Lesung eines ein wenig, aber nicht allzu bekannten Autors in einer Schule, und sie sollte für das Feuilleton davon berichten; wahrscheinlich darüber, wie die jungen Augen leuchteten beim Kontakt mit einem echten Autor, einem Schriftsteller, der wirkliche Bücher publiziert hatte, die man in Buchhandlungen kaufen konnten; wie sie ihm aufgeweckte und originelle Fragen stellten und wie neue, junge Leser gewonnen und vom ewigen Wert der Literatur überzeugt werden konnten (die Geschichte trug sich ein gefühltes Jahrhundert vor der Erfindung des Internet zu). Das alles hat sie vergessen, aber es ist wahrscheinlich, dass Schulkinder auch damals schon genau so gelangweilt waren wie sie heute sind, wenn man ihnen vermeintlich kindertaugliche Literatur vorliest, und es gab wahrscheinlich einige wenige, die sowieso wahre Leser waren und es bleiben würden, während die anderen, bestenfalls, flüchtige Gelegenheitsleser waren und bleiben würden. Woran sie sich jedoch erinnert, das ist dieser einer Satz, den der nicht ganz so berühmte Autor sagte und den sie ihm damals blind glaubte (immerhin war es ein Autor, der wirkliche Bücher veröffentlicht hatte!): "Ich muss ja nicht in einer Bratpfanne gelegen haben, um zu wissen, wie ein Schnitzel sich anfühlt!" Alle, Schüler und Lehrer, hatten kumpelhaft gelacht und genickt, sie auch. Aber dann hat dieser Satz sie nicht losgelassen, untergründig, halb bewusst ist er wiedergekehrt, an den unterschiedlichsten Ecken und Kehren in ihrem Lesens- und Schreibenslauf hat er wieder hervorgeschaut und an ihr genagt – was natürlich nur Sätze tun, die entweder allzu wahr oder allzu falsch sind; alles andere vergisst man ordnungsgemäß. Und eines Tages hat sie ihm an einer Ecke aufgelauert, und als er ihr wieder einmal mit seinem etwas zu fettigen Schnitzelgeruch und seinem penetranten Gebrutzel entgegenkam, herrschte sie ihn an: "Ist überhaupt nicht wahr; kein Mensch kann wissen, wie sich ein Schnitzel in der Pfanne fühlt, und wer das behauptet, lügt, und gute Literatur lügt eben nicht, sondern schweigt wenigstens über das, was sie nicht sagen kann!" Seitdem hat der Satz ihr nicht mehr aufgelauert, und bis heute mag sie kein Schnitzel. 

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Plüschigkeit

 

Es war in einer Vorlesung über philosophische Ästhetik, von denen es nicht viele gab an dieser Universität; meist sprach man über Grundfragen der Ethik, über Metaphysik, über die großen Themen der Philosophie eben. Auch der Vortragende war sozusagen nur im Vorübergehen da, ein älterer, vagabundierender Privatdozent mit wuscheligem Haar, der den wie üblich etwas teilnahmslos Lauschenden die Kantische Ästhetik zu erklären versuchte. Doch alle horchten auf, als er auf einmal erzählte, wie er an einem Schaufenster vorbeigekommen sei, wo, tue nichts zur Sache; auf jeden Fall sei dort dieser große, unglaubliche plüschige Teddybär gesessen, und nichts sei ihm in diesem Moment so erstrebenswert auf der Welt erschienen, wie sich in die Arme dieses unglaublich großen plüschigen Teddybärs zu schmiegen und die Welt dabei zu vergessen. Das jedoch, und das sollten wir niemals vergessen, sei eben nicht das Gefühl, das der Anblick des Schönen (nach Kant, aber wir hatten schon verstanden, dass es vor allem seine eigene Überzeugung war) vermitteln sollte, das vielmehr ein „interesseloses Wohlgefallen“ sei. Plüschigkeit sei hingegen nicht interesselos, sondern geradezu das Gegenteil davon; und wann immer wir in uns die Versuchung spürten, uns etwas vermeintlich Schönem bedingungslos in die Arme oder um den Hals oder in den Schoß oder wohin auch immer zu werfen, sollten wir erst darüber nachdenken, ob es sich nicht eigentlich um den Reiz des Plüschigen handele, dem wir unter dem Deckmäntelchen des Schönen anheimfallen wollten. In diesem Moment wusste man wieder, auch wenn man es zwischendurch oft vergessen hatte und noch weiter vergessen würde, warum man Philosophie studierte (ein späterer Lehrer benutzte zur Erläuterung des gleichen Sachverhaltes Erdbeertorte mit Schlagsahne, was natürlich auch funktioniert; aber der Plüschteddy ging uns ans Herz, und die Erdbeertorte nur an den Magen).


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So kam das Böse in die Welt

 

Die Vorlesung fand immer um acht Uhr morgens statt, genauso wie die dazu gehörigen Seminare. Das war ziemlich früh für den durchschnittlichen Philosophiestudenten, aber immerhin sprach man über Ethik, also über ernsthafte Dinge, die eine gewisse Disziplin verlangen, und wenn man an einem kalten Dezembermorgen das Hörsaalgebäude kurz nach dem Hausmeister betrat, fühlte man sich gleich viel besser gerüstet, um dem Kategorischen Imperativ ins Gesicht zu sehen oder der Ataraxie, der unerschütterliche Gelassenheit der griechischen Stoiker im Anblick all des Leidens und Entsetzens in der Welt. Auch die Vorlesung selbst war diszipliniert und wohlgeordnet, sie hatte Überschriften, die bis ins dritte Glied gestaffelt waren, und man konnte perfekte Mitschriften davon anfertigen; gelegentlich genoss man geradezu das Unterstreichen einer Unterschrift oder das sorgfältige Nachzeichnen eines griechischen Namens in der Originalschrift. In den dazu gehörenden Seminaren wurde über Sätze diskutiert, über einzelne Wörter, und man war ganz nah an der Philosophie selbst, einer manchmal sehr unnahbaren Schönen. Dies alles hatte eine schöne Regelmäßigkeit, und selten passierte etwas Unerwartetes. Aber an diesem einen Tag, wahrscheinlich war es bei der Besprechung von Kants Theorie des Radikalbösen, sagte der Professor am Ende der Vorlesung einen Satz mit einer etwas anderen Stimme als sonst; er sagte etwas unsachlicher betont: „Und so kam das Böse in die Welt“, und dabei sah er uns, seine Vorzugsstudenten in der zweiten Reihe rechts, erwartungsvoll an. Wir blickten verständnislos zurück. „Das kennen Sie nicht?“, fragte er überrascht und ein wenig kokett. „Sie wissen wirklich nicht, wie das Böse in die Welt gekommen ist?“ Wir guckten noch verständnisloser, waren jetzt aber schon ziemlich gespannt, was kommen sollte. Was kam, war die Beschreibung der Schlussszene eines berühmten Films: In Roman Polanskis Dracula-Verfilmung, in Tanz der Vampire, flieht am Ende Professor Abronsius, der weltbekannte Experte zum Vampirismus an der Universität – ja, wirklich, Königsberg! –, also der Professor selbst flieht in dunkler Nacht auf einem Schlitten, man rast den verschneiten Berg hinunter, und hinten im Schlitten umarmt sich das gerettete junge Paar – nur leider ist sie schon infiziert, und ihr Kuss wird auch ihn zum Vampir machen, und es ist kein anderer als der Königsberger Professor selbst, der das Böse unwissend hinüberträgt. „Und so kam das Böse in die Welt“, schloss unser Professor, noch einmal, und wir sahen ihn auf einmal in einem anderen Licht; hätte er nicht auch auf einem Schlitten sitzen können, in dunkler sturmumtoster Nacht, mit einem reinen Gewissen und einer schweren Last, die er nur noch nicht realisiert hat? Dass eben dieser Professor später eine Plagiats-Anklage wegen eines minderen Zitiervergehens (die Grenzen zwischen freier Wiedergabe und wörtlichem Zitat sind in der akademischen Philosophie ungefähr so genau zu sehen wie die Spur eines Schlittens in einer verschneiten Nacht) bekam, hatte er nicht verdient; aber das Böse lauert eben genau da, wo man es nicht erwartet. Das Gute aber fand regelmäßig um acht Uhr morgens im Vorlesungsgebäude seinen Platz, bei Schnee wie bei Sonnenschein, aber darüber dreht leider niemand jemals einen Film. 


Nachtrag. Später versuchte ich einmal etwas Ähnliches in einem literaturwissenschaftlichen Seminar. Es ging um Hermann Hesses Roman Siddharta, und ich wies darauf hin, dass die indischen Weisen im Text eine Neigung hätten, in Inversionen zu sprechen, so dass das Bedeutende an den Satzanfang gerückt werde, nicht das grammatisch Korrekte: "Weise bist du, mein Freund!" Und als ich dann die Teilnehmer fragte, ob sie vielleicht ein Vorbild wüssten für diese seltsame Art die Sätze zu verdrehen, ein sehr populäres Vorbild, ein anderer Weiser, es sei, kleiner Hinweis, ein kleiner Mann mit komischen Ohren, wurde ihr Gesichtsausdruck wurde immer ungläubiger, man las geradezu darin: Jetzt ist sie völlig durchgedreht - aber als ich "Meister Yoda natürlich" sagte, mussten sie doch lachen. Vielleicht haben sie es sich gemerkt, wer weiß. 


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Wer hören will, muss fühlen

 

Er war einer der ersten Philosophen, dessen Vorlesungen sie besuchte, und er war, im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen, allem Anschein nach wirklich einer und nicht nur ein Philosophie-Hausmeister, der die Schätze der Heroen der akademischen Philosophiegeschichte verwaltete und eifersüchtig vor Unbefugten bewachte. Seine Sätze waren lang, raunend und geheimnisvoll und wurden im Tonfall permanent erhöhten Bedeutsamkeitstremolos vorgetragen. Er sprach von sehr alten griechischen Philosophen, deren Namen man nicht kannte und von denen kaum einige Fragmente überliefert waren, raunend-geheimnisvolle natürlich, und nur dann und wann erhaschte man aus dem Redestrom einen bekannten Namen; meist war es dann Heidegger, und dessen Sätze verstand man genauso wenig. Aber darum ging es auch offensichtlich gar nicht. Man lauschte der Stimme, man erlebte die Bedeutung und versuchte einen Blick des eher schmächtigen dunkelhaarigen, bebrillten Original-Philosophen zu erhaschen; er suchte aber nicht direkt den Kontakt zu seinem Publikum, sondern blickte mehr nach innen und in die Tiefe und vielleicht in den ein oder anderen Abgrund, wer weiß das schon. Gerüchteweise hörte man, dass er für fortgeschrittene Studenten eine Art besonderes Seminar abhielt, Samstagmorgens, mindestens vier Stunden, zu dem man sogar zu ihm nach Hause eingeladen wurde. Aber vielleicht war auch das nur ein Raunen. Sie wurde jedenfalls niemals eingeladen, und nachdem sie drei Semester, immerhin, ergeben gelauscht und darauf gewartet hatte, dass sie irgendwann, urplötzlich, das große Verstehen überkomme, ging sie demütigen Sinnes zu den Philosophie-Hausmeistern der Philosophiegeschichte und begann auf eigene Faust mit dem Verstehen.

 

Das alles wäre nur eine Anekdote aus den Anfangswirren eines jeden Philosophie-Studenten und nicht der Rede wert, wenn sie den Original-Philosophen nicht später unter sehr unerwarteten Umständen wieder getroffen hätte. Sie finanzierte inzwischen ihr Studium mit der Arbeit als Phonotypistin in einem großen Rechtsanwaltsbüro. Das hatte durchaus seine philosophischen Facetten, auch wenn sie eher desillusionierend waren, was die Natur des Menschen oder das Verhältnis von positivem Recht und Gerechtigkeit oder auch nur die Möglichkeit objektiver Tatsachenfeststellungen betraf. Dort schrieb sie also an vielen langen Nachmittagen Schriftsätze nach Diktat in vierfacher Ausfertigung, Scheidungsanträge, Bausachen, Verkehrsunfälle, das ganze triviale Elend der menschlichen Existenz hinauf und hinunter. Selten war etwas dabei, was die Phantasie in Bewegung setzte, und man konnte nur froh sein, nicht doch aus Versehen Jura studiert zu haben, weil man es sich aufregend vorgestellt hatte, in rhetorisch geschliffenen Plädoyers mit großer Gestik „dem Recht“ zum Sieg zu verhelfen. Eines Tages nun brachte sie einen ellenlangen Schriftsatz in einer sehr ermüdenden baurechtlichen Schadenersatzklage zu dem Anwalt, für den sie meistens schrieb. Als sie in sein Zimmer trat, unterhielt er sich gerade mit dem Kollegen vom Strafrecht (was selten vorkam, die Disziplinen hielten auf sich und hatten wahrscheinlich auch ein strenge Hierarchie, die von außen nicht ganz zu durchschauen war). Und sie hörte gerade noch, wie ihr Anwalt, ein stets wohlgekleideter, höflicher und freundlicher Mann mit einem wohlgepflegten Schnurrbart, dem Strafrechtler im Tonfall völligen Befremdens klagte: „Und dann sagt er noch die ganze Zeit, er sei Philosoph, was soll ich davon denn bitte halten?“ Dann drückte er ihr das neue Band mit der dazugehörigen, noch dünnen Akte in die Hand, und sie ging an ihren Platz zurück, um den Schriftsatz zu tippen.

 

Es stellte sich heraus, dass es niemand anderer als ihr alter Philosophie-Professor gewesen war, der Raunende mit den schwerverständlichen Sätzen und den Blicken in tiefe Abgründe. Er wohnte, wo alle Professoren in der mittelkleinen Universitätsstadt gern wohnten, nämlich in einem Vorort, idyllisch auf dem Berg gelegen, mit Blick in die Ferne und einer großen Auswahl stattlicher Villen. Und nun sollte dort, ausgerechnet in dieser Enklave des gehobenen bildungsbürgerlichen Wohlstandes, ein Heim für behinderte Kinder gebaut werden. Wie die Stadt an diesen ganz sicher nicht billigen Baugrund am Ende der Straße gekommen war, blieb unklar, aber sie hatte den Baugrund nun einmal, und der einzige Anwohner war ein raunender Philosophie-Professor, der sich aber prompt in seiner philosophischen Ruhe gestört fühlte: Wie solle er denn denken bei dem zu erwartenden Lärm, hatte er sich wortreich beim Anwalt beschwert, oder schreiben gar; er sei doch ein Philosoph, und natürlich habe er Verständnis dafür, dass die behinderten Kinder auch irgendwohin müssten, aber hier gehe es um Größeres! Sie konnte sich den Blick des Anwaltes gut vorstellen, seine höflich hinter dem stets wohlgepflegten Schnurrbart versteckte Skepsis, das angedeutete Runzeln der dunklen Augenbrauen. Natürlich war er allerhand schwierige Mandanten gewohnt, aber das war wirklich etwas völlig Neues, wie sollte man denn bitte das Recht des Philosophen auf Ruhe kodifizieren oder gar beziffern?

 

Nun sollte man sich leichthin ins moralische Oberwasser begeben; es ist durchaus nachvollziehbar, dass man zum gründlichen Nachdenken Ruhe braucht. Die Philosophie ist gar nicht so einfach, wie einen das manch Bestsellerschreibender Glücksprophet glauben lässt, der die Weltformel in zehn einfachen Sätzen gefunden hat. Die besondere Ironie – ob des Schicksals oder der Philosophia, einer manchmal auch neckischen Göttin – war jedoch, dass das Steckenpferd des raunenden Philosophen, sein akademisches Markenzeichen sozusagen – die „Akroamatik“ war. Das war eines der vielen Worte, die man erst einmal nachschlagen musste, weil er sie nicht erklärte, sondern verwendete; Begriffsdefinition waren etwas für Rationalisten, Logiker oder gar Sprachphilosophen, die alles genau nahmen und niemals raunten. Akroamatik also meinte, dass die philosophische Lehre, auf die es ihm ankam, im Hören auf die Sprache vermittelt wurde; nicht im Lesen, in toten Buchstaben, in einsamer Lektüre mit gespitztem Bleistift. Nur so, von Mund zu Ohr, im lebendigen Sprechen und Aufnehmen offenbarte die wahre Weisheit ihr scheues Wesen bis in die Tiefen, und nur als Sprechender und Hörender war der Mensch ihrer würdig, nicht als eifrig in ein Laptop hackende belebte Schreibmaschine oder staubiger Bibliothekswurm. Das war nun durchaus eine Theorie, die sich hören ließ und die sogar einiges von dem Raunen des Vortrags erklärte; und vielleicht kam man mit ihr in einige Abgründe hinab, wo das manchmal allzu grelle Licht der Aufklärung nicht hinreichte. Aber dass nun ausgerechnet ein solcher Philosoph des hörenden Wortes sich über Kinderlärm beschwerte, das gab ihr doch zu denken. Eine solche Haltung, so schien ihr, machte die Philosophie nicht mehr zu einer Feier einer im Sprechen und Hören der Weisheit vereinten Menschheit, sondern eben doch zu einer Altherrenveranstaltung, die in schallisolierten Räumen ausgebrütet werden musste. Wenn aber eine Philosophie keinen – ja nur gelegentlichen – Kinderlärm mehr verträgt, sollte sie auch nicht vom Hören sprechen. Um eine Alltagsweisheit zu bemühen, die, wie so viele ihrer Art, auch als ihr eigenes Gegenteil funktioniert und eben deshalb den Namen Weisheit zu Recht trägt: Wer hören will, muss fühlen.  

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The Kindness of Strangers


Es gibt Geschichten in der Literatur, die versteht man nicht, wenn man sie das erste Mal liest; und auch nicht beim zweiten und beim dritten Mal. Das kann natürlich daran liegen, dass man sie zu früh liest; aber es kann sehr lang dauern, bis der passende Zeitpunkt endlich kommt, und manchmal kommt er auch nie (das kann übrigens auch an der Geschichte liegen, und nicht am Leser.  Aber auch das weiß man erst viel später).


So eine Geschichte war die von Anfortas, dem Gralskönig mit der Wunde, die sich niemals schließt, und der nicht erlöst wird, wenn nicht jemand endlich nach seiner Krankheit fragt. Wahrscheinlich habe ich sie in einer Kinderbuchfassung der Parzival-Geschichte gelesen, und das  ist ja auch eine Geschichte, die man anfangs recht gern liest: Wie Parzival im Wald aufwächst, der reine Ritter, mit seiner Mutter Herzeleide; und wie er in die Welt geht und sich seine Reinheit an ihrem Schmutz reibt. Und dann findet er das Gralsschloss irgendwann tatsächlich und muss teilnehmen an dieser bizarren Zeremonie: Er sitzt neben dem König, einem offensichtlich kranken, schwer leidenden Greis wird; und durch den festlich geschmückten Saal wird eine blutige Lanze getragen. Man meint das leise Stöhnen des Greises zu hören bei ihrem Anblick, das blasse, durchsichtig gewordene Gesicht zu sehen, die leidvoll verzogenen Mundwinkel. Ein wenig riecht es nach Eiter und Blut, denn die Wunde des Königs ist offen, man weiß gerade als Kind, wie das ist mit offenen Wunden, man hat sich gerade wieder das Knie aufgeschlagen, und als endlich der Schorf über der Wunde sich geschlossen hatte, hatte man sie wieder aufgerissen, man weiß gar nicht recht warum. Danach wird der Gral durch den Saal getragen, wie aus Zauberhand erscheint Essen und Trinken auf den Tischen; trotzdem herrscht eine lähmende Stille im Saal, und auch Parzival ist wie gelähmt und er macht den Mund nicht auf und fragt nicht, einmal, zweimal und dreimal fragt er nicht, was es mit all dem auf sich hat, und warum der König so leidet oder was es mit der blutigen Lanze und dem wundertätigen Gerät auf sich hat. Warum um Himmelswillen macht Parzival nicht endlich den Mund auf?


Das sagt sich leicht dahin, selbst für ein schüchternes Kind, das ohnehin nur ziemlich selten den Mund aufmachte. Und man war zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich krank gewesen, außer den aufgeschlagenen Knien natürlich und der einen oder anderen Kinderkrankheit. Natürlich hatten alle mitleidsvoll gefragt, wie es einem geht, wenn man Windpocken hatte, es war ein wenig nervig gewesen, aber die gute Absicht war klar. Aber man wird älter, und das heißt: Man wird kränker. Und nicht nur man selbst, sondern auch die Menschen um einen herum; und irgendwann beginnen die ersten mit dem Sterben. Und man versteht als erstes, dass man nicht einfach so fragen kann: „Ist dein Krebs jetzt weg?“ „War es wirklich ein Schlaganfall?“ „Was macht denn der Herzinfarkt heute so?“ Nein, das sind gefährliche Fragen. Man könnte dem Kranken zu nahe treten; Krankheit ist persönlich, und sie ist eine Schwäche, und sie ist kein schöner Gesprächsgegenstand. Vielleicht hätte man dann zu viel Mitleid. Oder zu wenig. Man wüsste nicht, wie das Gespräch weitergehen sollte nach: „Nein, die Chemo hilft nicht, der Arzt gibt mir noch drei Wochen“. Also fragt man nicht. Man nennt das Diskretion. Taktgefühl. „Wie geht’s?“ geht gerade noch, und auch darauf will man nun wirklich keine ehrliche Antwort bekommen. Sonst hätte man ja nicht gefragt.

    

Man versteht Parzival jetzt ein bisschen besser, aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Die zweite Hälfte kommt, wenn man selbst nicht nur krank ist, sondern leidet. Es muss kein großes Leiden sein, keine schlimme Krankheit, gar nichts Lebensbedrohliches; aber manchmal leidet man eben einfach ein bisschen, und niemand schaut hin, und wenn es zu lange dauert, helfen auch der angeborene Optimismus und das unausrottbare Wunschdenken nicht weiter (ohne diese Gnadenstücke der Evolution hätte die Menschheit sowieso nicht überlebt). Bis auf einmal jemand diese Frage stellt, am besten ein Fremder, vielleicht aus Neugierde, aber man meint auch ein wenig echtes Mitgefühl zu hören: „Wie geht es Ihnen denn? Sie sehen so schlecht aus!“ Und man schluckt ein wenig, weil einem jemand zu nahe getreten ist, und weil eine Krankheit eine Schwäche ist, und weil man nicht weiß, wie das Gespräch enden soll. Und dann sagt man, wie es einem geht. Dass man ein wenig leidet, aus diesem oder jenem Grund. Man fasst Mut und spricht ein bisschen weiter. Dabei sieht man, dass der Frager vielleicht selbst nicht gut aussieht. Oder er erzählt, dass er etwas ähnliches auch einmal gehabt hat. Und natürlich wird es dann ein Gespräch über Krankheiten und über die Ungerechtigkeit des Lebens und die Tücken des Alters, trivial eigentlich, aber wundersamerweise fühlt man sich hinterher entschieden besser. Man hat sein Leid geteilt, mit einem Fremden. 


Das, und nur das, hätte Amfortas also gebraucht, und die Wunde hätte anfangen können, sich zu schließen. Natürlich sterben wir am Ende alle, Gral hin oder her, und darüber ist nicht gut reden. Aber zwischendurch hilft die Freundlichkeit Fremder beim Überleben.  

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