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  • Wohin die Vögel fliegen
  • Naturlocken


Wohin die Vögel fliegen

 

Als ich noch ein Kind war, war ich fest überzeugt, dass die Vögel einfach dorthin fliegen, wohin sie gerade Lust haben. Sie haben schließlich Flügel, warum sollten sie also nicht heute hier und morgen dort und übermorgen ganz woanders sein? Schließlich hieß es schon in der Bibel: Sie säen und sie ernten nicht, das waren heilige Worte, und irgendein Feld findet man schließlich überall. Ein Zugvogel zu sein, schien mir nicht als die temporär gebundene, zeit- und energieraubende Höchstleistung, die es eigentlich ist, sondern sozusagen als besondere Kernkompetenz beflügelter Wesen. Aber im kleineren Maßstab galt das gleiche eigentlich für alle Tiere. Die Weltmeere waren riesig und wurden durchzogen von großen Schwärmen kleiner Fische und kleinen Mengen großer Fische, und wenn die großen Fische die kleinen Fische nicht fraßen, schwammen sie, wohin sie wollten, vom Pazifik in den Atlantik und wieder zurück an einem schönen Sommertag bei mäßigem Wellengang. Und es konnten doch wirklich nicht dieselben Ameisen sein, die im Sommer jeden Tag von unserem Freisitz (das Wort fand ich befremdlich, aber irgendwie schön) schnurstracks in unser Wohnzimmer marschierten und dabei eine kleine wimmelnde Straße bildeten, einen wohlgeordneten Heerzug auf der Suche nach dem süßen Leben in der Küche, wo wieder einmal jemand Obstsaft verschüttet hatte! Auch der Nachbarhund war nicht nur deshalb in einen Zwinger eingesperrt, weil er böse war und unser Meerschweinchen gefressen hatte, sondern weil er sich sonst schnurstracks auf den Weg nach Afrika gemacht hätte oder wohin auch immer, was weiß man schon, wo Hunde hingehen, wenn man sie nicht in Zwinger sperrt. Katzen hingegen waren schlau genug, regelmäßig dort zu erscheinen, wo die Milch steht; aber das war ein rein freiwilliger Akt und die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Am besten jedoch hatten es die Vögel; und selbst als ich schon ziemlich erwachsen war, aber in einer Art von naturkundlicher Unschuld über die einfachsten biologischen Tatbestände völlig unwissend geblieben, fand ich es geradezu absurd, dass die Schwiegermutter darauf bestand, es seien jedes Jahr die gleichen Schwalben, die in das Hühnerhaus zurückkehrten, wo sich auch sonst niemals etwas änderte; und sie behauptete sogar die Amsel in der Linde ebenso beim Vornamen zu kennen wie den Specht am Waldesrand.

 

Dabei hätte ich es damals schon besser wissen können. Denn als Kind kannte ich eigentlich nur unser eigenes Haus und das der Großeltern. Das großelterliche Haus stand gegenüber, man musste nur schnell durch den Garten gehen, aber schon dort waren nicht mehr alle Räume für uns zugänglich; fremde Menschen wohnten dort, die gelegentlich wechselten und denen man brav einen Guten Tag wünschte, wenn man ihnen im Treppenhaus begegnete. Was sich aber hinter ihren Wohnungstüren befand, wusste man nicht, und es war ein dunkles Geheimnis. Ich wusste nur, was hinter der Wohnungstür der Oma im Erdgeschoss rechts war. Am besten kannte ich die Küche mit dem alten Herd, der gleichzeitig der Ofen war, und mit dem eingebauten Wandschrank für die Vorräte, aus dem die Oma das Mehl und die Eier für die Pfannkuchen holte – denn einen Kühlschrank gab es nicht, von einer Spülmaschine ganz zu schweigen. Nein, das Geschirr wurde in einer Emailschüssel gespült, die in einer Schublade unter dem Küchentisch angebracht war und nur dann hervorkam, wenn sie gebraucht wurde; dann hatten wir aber die Pfannkuchen aufgegessen und waren wieder weg. Aber schon das Wohnzimmer betrat man nur noch, um den gelegentlichen Besucherinnen am Geburtstag der Oma Schnittchen zu servieren, und man verließ es sehr schnell wieder, um den penetranten Fragen und neugierigen Blicken und den immergleichen Kommentaren der versammelten alten Damen zu entgehen. Dahinter lag das Schlafzimmer, von dem man vage wusste, dass es sehr massive Holzmöbel in einem schönen weichen Braunton hatte, ganz anders als die etwas langweilig aussehenden Schrankwände aus irgendeinem charakterlosen Holz im Wohnzimmer der Eltern. Angeblich hatte sie der Opa selbst angefertigt (was vollständig unvorstellbar war); und komischerweise blieb die zweite Hälfte des Doppelbettes immer bezogen, mit dicken weißen Spitzenkissen darauf, obwohl der Opa doch schon seit undenkbaren Zeiten nicht mehr dort schlief. 

Und es gab auch eine Kommode mit einem Spiegel darauf, aus dem gleichen Holz, vor der kostbar wirkende kleine Glasflacons standen, eine von ihnen hatte einen seltsamen Puschel daran, mit langen Fransen, aber man durfte nicht damit spielen. Später fand ich heraus, dass in den massiven Kleiderschränken Berge von Handtüchern und feiner weißer Bettwäsche gelagert wurden, die die Oma sich jedes Jahr zu Weihnachten wünschte; danach legte sie sie sehr sauber gefaltet in den großen Schlafzimmerschrank, um sie zu schonen. Nach ihrem Tod erhielten wir alle sehr geschonte, blütenweiße Bettwäsche, der die scharfen Bügelkanten für immer eingeprägt waren. Und Handtücher. Sehr viele Handtücher. Ich hätte lieber die Glasflacons mit dem Puschel daran gehabt, aber sie waren irgendwie verschwunden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals Parfüm darin gewesen ist; so eine Frau war unsere Oma Else nicht, die bis zu ihrer Erblindung kurz nach ihrem 80. Geburtstag die Beete im Garten hackte und uns Pfannkuchen backte, wann immer wir Lust darauf hatten (und das war ziemlich oft) und die einen strengen Dutt hatte und jeden Tag einen Arbeitskittel trug.

 

Die Grenzen unseres kindlichen Raumdrangs waren also sehr eng umschrieben. Wir gingen nicht in den Kindergarten, wozu auch, die Mutter war doch zuhause. Als wir die Grundschule besuchten, übernachtete man noch nicht bei den Schulkameraden, das war völlig undenkbar; ja man betrat sogar nur in seltenen Fällen die fremde Wohnung. Kinder, so meinte man allgemein, schmutzen zu viel und sollen draußen spielen, das ist gesund und gehört sich so, und besonders unsere Mutter war, was sollte sie schon tun den ganzen lieben langen Tag lang, etwas putzwütig. Deshalb kannte man den eigenen Garten ziemlich gut und lernte nach und nach die Gärten der Umgebung kennen; aber in eine fremde Wohnung durfte man eigentlich nur, wenn die beste Freundin wirklich krank war und man ihr die Hausaufgaben direkt ans Bett bringen musste. Und dann war alles ganz unheimlich, und das ist diesem Fall ganz buchstäblich und wörtlich zu nehmen: Man wusste nicht, wo die Küche war und wo das Badezimmer; es bestand ein gewisses Risiko Menschen anzutreffen, die man nicht kannte, und die sich aus unerklärlichen Gründen in irgendwelchen Zimmern aufhielten, deren Zweck man nicht verstand. Und die Räume sahen so anders aus als daheim, die Küche hatte vielleicht einen freistehenden Tisch mit Stühlen daran, aber eigentlich musste in der Küche doch eine Eckbank stehen, wo man selbst den besten Platz am Fenster hatte und die kleine Schwester immer aufstehen musste, wenn man durch wollte. Oder die Zimmer waren viel zu klein, weil es eine Mietwohnung war; es gab also keine Treppe hinauf zum oberen Stockwerk, wo doch die Kinder eigentlich ihre Zimmer hatten und die Eltern das Schlafzimmer, alle Räume waren auf dem gleichen Stockwerk, und schon das war verwirrend. Man murmelte schnell eine Entschuldigung; und dann lief man nach Hause, wo der Tag seinen geregelten Gang ging und jedes Zimmer seine Stunde hatte. (Das gleiche galt im Übrigen für die Schule. Man kannte sein Klassenzimmer, und es war schlimm genug, wenn man das einmal im Jahr wechseln musste. Am schlimmsten aber war es, eine ganz andere Schule zu betreten, weil man in den Sportverein eingetreten war und das Training in der Halle der Realschule stattfand: Die Schule war viel zu groß, schon der Pausenhof war ein Schrecken, und durch die Flure zu gehen, in denen keine Schüler herumliefen, eine Mutprobe ersten Rangs. Erst in der Sporthalle war man dann wieder einigermaßen sicher, man kannte den Geruch des Mattenlagers und freute sich, wenn die Ringe herabgelassen wurden von der Decke und man weit hin und herschwingen konnte).

 

Als wir dann endlich aufs Gymnasium kamen, erweiterte sich unser Raum natürlich: Wir fuhren mit der Straßenbahn durch die ganze Stadt, ganz allein, wir mussten sogar mehrmals umsteigen. Das Schulgebäude war viel größer, und man fand sich zuerst gar nicht zurecht. Und nach und nach sah man auch die eine oder andere Wohnung einer Klassenkameradin oder Freundin aus der Nachbarschaft. Es konnten Wohnungen von Familien sein, in denen nachmittags niemand zuhause war und auf einen wartete, wenn man endlich von der Schule kam, und man musste sich selbst etwas zu essen machen. Es konnten Wohnungen sein, in denen nur ein Elternteil lebte, das war noch selten, aber es kam vor: Man meinte die Verbitterung zu riechen, und der schmerzhafte Akt der Teilung hatte in der Wohnung eine nur langsam zuwachsende Wunde hinterlassen, die Mutter sah kränklich aus und meine Schulfreundin hatte es nicht einfach mit ihr. Jahre später trug ich in einem Arbeiterviertel Zeitschriften aus und sah zum ersten Mal in die Wohnungen armer Leute: Die Tür wurde, egal zu welcher Tageszeit, von einem unrasierten Mann geöffnet, der ein Unterhemd trug und ungewaschen und nach Bier roch (und das stimmt wirklich, wie Klischees leider allzu oft stimmen), und hinter ihm war es so unordentlich, wie ich es noch nie gesehen hatte, ich wusste gar nicht, dass es solch einen Zustand von Unordnung überhaupt geben konnte! Natürlich hatte er niemals das Geld passend und wollte lieber in der nächsten Woche zahlen. Ich beschloss bald, dass es einfacher war, auf das Geld zu verzichten, als wöchentlich mit dieser existentiellen Unordnung konfrontiert zu werden. Aus einer ganz anderen Welt waren aber auch die Wohnungen gebildeter Leute: Hier standen Bücher nicht zur Dekoration im Wohnzimmer und wurden regelmäßig sorgfältig abgestaubt, sondern es gab Bücher im ganzen Haus und an den Wänden hingen vielleicht moderne Gemälde. Ja, es gab sogar zimmerhohe Grünpflanzen dort; nicht traurige Gummibäume wie bei uns, sondern einen echten Kaffeebaum, er trug rote Beeren und hatte glänzende tiefdunkelgrüne Blätter und verbreitete einen Hauch von Exotik und Regenwald, von denen die Gummibäume im Elternheim (später waren es Yucca-Palmen) nur träumen konnten. 

 

Und irgendwann darf man zum ersten Mal das eigene Zimmer umräumen. Man entscheidet sofort, dass die Wände weiß sind, ganz weiß, Rauhfaser war das magische Wort: keine entsetzlichen Tapeten mit Mustern mehr, auch keine Gardinen, weg damit, freier Blick auf den Zwetschgenbaum im Garten, solange er noch steht! Man kann das erste selbst gekaufte Bild aufhängen, es ist der „Einsame Baum“ von Caspar David Friedrich, gekauft beim ersten Besuch in Berlin; und es kommen andere hinzu, Kunstdrucke, ungerahmt, aber Kunst. Man darf sich zum ersten Mal ein kleines Pflänzchen kaufen, keinen Kaffeebaum natürlich, aber etwas Lebendiges, es braucht auch einen Übertopf, so zieht eines das andere nach sich. Die Möbel sind egal, man ist nicht anspruchsvoll, und Jugendzimmer sind etwas aus Katalogen und für reiche Leute. Man kann einen kleinen Teppich hinlegen, einen Flokati, oder doch lieber einen bunten Flickenteppich? Man kann einen bunten Überwurf über das Bett breiten, etwas Indisch Anmutendes natürlich. Kerzen braucht man, vielleicht ein Teeservice, falls irgendwann einmal eine Freundin zu Besuch kommt, und wenn nicht, eben damit eines da ist (ja, Klischees, siehe oben). Bücher hat man schon einige, immerhin, die Karl-May-Bände machen sich gut mit ihren goldenen Buchstaben auf dem waldgrünen Einband, und das uralte Märchen- und Sagenbuch aus frühen Kindheitstagen wird man niemals hergeben. Daneben kommt das Konversationslexikon, zwanzig Bände knallrot gebundener Meyer, mehr kann man sich nicht leisten. Eine Nachttischlampe, das ist wichtig; wie soll man sonst im Bett lesen? Das versteht sogar der Vater sehr gut, der auch ein trainierter Leser ist und einen ganz plötzlich an einem Geburtstag mit einer braunen Nachttischlampe in etwas schnörkeliger Form überrascht; noch nie hat man von seinem Vater ein Geschenk bekommen, für Geschenke ist die Mutter zuständig, wer denn sonst, und man ist gerührt. Und so baut man sich sein erstes Nest.

             

Dass die Vögel hinfliegen, wo sie wollen, war wirklich eine dumme Idee. Sie bleiben da, wo ihr Nest ist, und wenn es Zugvögel sind, kommen sie aus dem fernen Afrika zurück ins Hühnerhaus der Schwiegermutter, Jahr für Jahr, wo sich nie etwas ändert. Die Fischschwärme kreisen auf bekannten Unterwasserwegen, die Lachse springen sogar den Fluss hinauf, um nach Hause zu kommen. Die Ameisen laufen immer die gleiche Straße, warum sollten sie sich eine neue suchen, und unseren Freisitz besitzen zwar schon seit Jahrzehnten die neuen Hauseigentümer, aber wahrscheinlich sind es immer noch die Nachfahren derselben Ameisenvölker, die vor Jahrzehnten unsere Küche erobert hatten. Inzwischen habe ich eine eigene Amsel im eigenen Garten, ich kenne ihren Nachnamen, sie heißt: Amsel Furchtlos, denn sie fürchtet sich nicht vor unserer Katze, und wenn wir den Rasen sprengen wollen, machen wir einen respektvollen Bogen um sie. Die Hornisse erscheint im Sommer jeden Nachmittag zur Kaffeepause, und man erschrickt nur noch mäßig, wenn sich von hinten links ein großes etwas behäbiges Brummen annähert und im Tiefflug über die Kaffeetasse zieht. Die Katze verteidigt ihr Revier gegen streunende Kater, die selbst regelmäßig ihr etwas größeres Revier abgehen. Einer von ihnen hat mit uns feste Besuchszeiten vereinbart und sich einen eigenen Raum im Haus ausgewählt: Er ist ganz hinten auf dem Dachboden, wo das Gerümpel sich stapelt und keiner hinschauen kann, wenn Kater sich in einer leerstehenden Umzugskiste für einige Stunden ansiedelt. Er braucht dann keine Unterhaltung, sondern nur Stille; ich vermute, er hat eine anstregende Familie zuhause, vielleicht ist es unordentlich und laut und riecht nach Bier, und er erholt sich bei uns. Denn jedes lebende Wesen braucht sein Nest, auch wenn es das Nest in immer größer werdenden Kreisen verlässt und die Welt erobert und ein Zugvogel wird; genau wie die Vögel, die ganz und gar nicht dahin fliegen, wo sie wollen, sondern dahin wollen, wohin sie fliegen, und wenn wir das von ihnen lernen könnten, würden  wir vielleicht sogar irgendwann erwachsen werden können.

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Naturlocken

 

Sie ging nicht gern zum Friseur als Kind. Sie hatte lange, braune Locken, Naturlocken, wie man stolz sagte, wenn man gefragt wurde, ohne recht zu verstehen, was das überhaupt bedeuten sollte; natürlich lockten sich ihre Haare ganz von selbst, was denn sonst? Leider verkutzelten sie sich deshalb auch leicht, und es ziepte ganz schrecklich, wenn die strenge Oma mit dem Kamm kam, aber das war nun mal der Preis dafür, dass man Naturlocken hatte. Und am liebsten hätte sie sie ewig wachsen lassen, bis zu den Knien, wie eine Märchenprinzessin, auch wenn sie es sich sonst ziemlich langweilig vorstellte, eine Märchenprinzessinnen sein zu müssen (lasen sie eigentlich jemals ein gutes Buch? Oder aßen ein Stück frisches Streuselkuchen von der Oma, am Freitagnachmittag aus dem Küchenfenster gereicht, knusprig und butterig und nach Hefe duftend?) Aber irgendwann bestand die Mutter dann doch darauf, dass man zum Friseur gehen müsse. Natürlich bestand man dann darauf, dass er die Locken nicht abschneiden durfte, weil das weh tat, man spürte es richtig, wenn die braunen Kringel sich auf dem dummen Umhang sammelten, der immer zu eng war am Hals und kratzte, und dann irgendwann traurig zu Boden fielen, auf den dummen Kunststoff-Friseurfußboden, auf dem sich sicherlich schon Berge von Haare gesammelt hatten, die bei weitem nicht so schön gewesen waren wie die braunen Lockenkringel! Noch dazu roch er, wie das ganze undurchschaubare Etablissement mit seinen klobigen Hauben, die viel zu heiße Luft ausstrahlen, und mit seinen bunten Plastikwicklern in allen Größen und Formen, die wie fremdartige Folterinstrumente aussehen, durchdringend süßlich-alkoholisch-chemisch; es war ein Geruch, der einen sofort an Kopfschmerzen denken ließ, lange bevor die gruselige Haube mit der viel zu heißen Luft kam. Und die schrecklichen Illustrierten erst! Die Oma las sie komischerweise auch, endlose Geschichten von alten Adligen und jungen Sternchen, die alle in einer hochglanzpolierten Friseurwelt lebten und deren Lächeln mit Haarfestiger für immer festgestellt schien. Und dann kam der Friseur – nein, es war sicherlich eine Friseuse, die selbst eine unmöglich hoch toupierte Frisur trug, und fragte scheinfreundlich, wie man es denn gern hätte. Gar nicht, war sie geneigt zu sagen gewesen, ich bin hier unter Zwang, sieht man das nicht? Es handelt sich um eine Freiheitsberaubung an meinen schönen Naturlocken, scheren Sie sich weg! Natürlich sagte sie das nicht, niemals, sie war erstens schüchtern und zweitens höflich und drittens schüchtern. Man einigte sich dann auf ein diplomatisches "wie immer", hier und dort vielleicht ein wenig gestuft, damit die Friseuse sich nicht langweilte und überflüssig vorkam. Aber spätestens, wenn man zuhause war, schüttelte man seinen Kopf und wusch sich so bald wie möglich die Haare, weil sie einen Geruch angenommen hatten, der nicht der eigene war und an Kopfschmerzen erinnerte.

 

Das alles wurde noch schlimmer, als sie in die Pubertät kam, obwohl sie ganz sicher nur eine sehr leichte Ausprägung davon hatte. Aber plötzlich fand sie, dass Naturlocken nicht mehr genug waren. Eine Frisur sollte es jetzt sein, und sie sollte etwas aus ihr machen, vorzugsweise etwas schöneres, attraktiveres, an dem die Jungen nicht mehr vorbeisahen, wenn sie ihren Blick zielstrebig auf die beste Freundin mit ihrer etwas plumpen und rational nicht ganz verständlichen, aber irgendwie dumpf spürbaren sexuellen Ausstrahlung richteten. Es klappte niemals. Bestenfalls bekam man eine Frisur, die zu einem passte; also zu einem etwas unscheinbaren, wenig selbstbewussten und gelegentlich zu klugen Mädchen mit nun immer kürzer werdenden Naturlocken, weil es die Mode so diktierte und Märchenprinzessinnen ganz sicher kein role model mehr waren. Einmal verirrte sie sich sogar in eine Dauerwelle, sogar die Friseuse schüttelte entnervt den wohlfrisierten, wenn auch nicht mehr toupierten, sondern formgeföhnten Kopf! Es war der Höhepunkt ihrer pubertären Verirrung, und allein das Gefühl auf dem Kopf, die Starrheit der gleichmäßig künstlich sich pludernden Locken, kurierte sie. Man blieb wohl besser, was man war.

 

Irgendwann, reichlich später, kam dann endlich die dritte Phase: der Friseur, dein Freund und Helfer, dein Befreier, dein Therapeut. Wie sie viele Frauen verband sie einschneidende Lebenswenden unwillkürlich mit einem Haarschnitt, an der Zahl der fallenden Locken konnte man die Tiefe der Krise ziemlich exakt ermessen, und noch später sollte sie erkennen, dass das die Weisheit so vieler alltäglicher Handlungen ist, die einem Innen ein Außen geben, an dem es sich erkennen kann. Es war eine Befreiung, alte Zöpfe abzuschneiden, und es war eine Chance, sich neue wachsen zu lassen. Die weißen Haare kamen, erst abzählbar und bald schon ungezählt – aber die Naturlocken blieben, zum Glück, und warum sollte man sich die Haare färben, man konnte doch auch sein Leben nicht färben über Nacht und dann mit Drei-Wetter-Taft festigen für alle Schicksalsstürme! Der endlich gefundene Friseur, nein, die Friseuse, hatte dafür Verständnis. Sie hatte auch Verständnis dafür, dass man keine Illustrierten lesen wollte, die immer noch die gleichen Geschichten druckten, nur mit mehr Anzeigen dazwischen und in erheblich höherer Druckqualität, und dass man auch keinen small talk brauchte. Sie tat ihre Arbeit in Ruhe und Frieden, gleichwohl mit energischen Schnitten; und man selbst saß auf dem nicht unbequemen Stuhl in Ruhe und Frieden, wurde zum Haarewaschen durch die Gegend geschoben (war es nicht lustig? wie damals im Kinderwagen oder im Schlitten?), der Kopf wurde sanft massiert und frottiert, die Shampoos rochen nach Natur, auch wenn sie es nicht waren, und nicht einmal beim Kämmen ziepte es mehr richtig! Sie legte die Brille ab, sah nicht mehr in den Spiegel, sie hatte Vertrauen und genoss die vollständige Verantwortungslosigkeit einer geschenkten halben Stunde, das beruhigende Schnipp-Schnapp der energisch geführten Schere, den Kaffeeduft, der den immer noch vage zu ahnenden urtypischen Friseurgeruch übertönte, die Anonymität der nicht mehr kratzenden, sondern dem Hals schmeichelnden Kittel. Die nun weiß-braunen Locken ringelten sich freundlich auf dem Boden, sie mussten einen nicht mehr bekümmern – so viele Haare hatte man schon gelassen, es würden welche nachwachsen, mehr weiße vielleicht, aber immer noch lockten sie sich auf vertraute Art und Weise. Und die Friseuse streichelte einen manchmal, wenn sie gute Laune hatte, sanft über die Schultern und sagte: "Sie haben so schöne Naturlocken!" Und man nickte, so als sei das ein Verdienst, eine mühsame Errungenschaft, etwas, auf das man wahrhaft stolz sein konnte; dabei hatte man inzwischen einen Doktortitel und ein wenig Karriere gemacht und geheiratet und ein Kind bekommen und das eine oder andere Buch geschrieben! Aber dann dachte sie an Goethe und an die Weisheit des Alltags, lächelte ein wenig, trank einen Schluck vom schon kälter werdenden Kaffee und war stolz auf ihre Naturlocken.  

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