Im Zug

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  • Bedeutungsschwere
  • Leidensgeschichten
  • Die Stimme der Vernunft
  • Die Fahrt nach Himmelsleiter
  • Zivilisation ist nicht immer nett
  • Manche Leute mögen halt keine Kinder
  • Die weiße Straßenbahn. Eine Vision

 

Unterwegs. Reiseanekdoten

 

  • Der Heilige Josef und die Akku-Aufladestation
  • Tot in Venedig
  • Neapel sehen und shoppen
  • Laizismus
  • Von Katzen und Menschen
  • Nichts los in Troja
  • In der Mitte sitzt ein Panda. Berlin-Impressionen
  • Die Ah-Sager. Eine armenische Geschichte
  • Alesia-Aleria-Amnesia
  • Amerika-Notizen

 

Bedeutungsschwere

 

Man hört es schon am Tonfall. Er ist immer gleichzeitig ein wenig weichgespült und bedeutungsschwer-tremulierend, er spiegelt sich selbst die ganze Zeit beim Reden in einem unsichtbaren Spiegel, der ihm zuflüstert: Oh, wie schön ich reden kann, am liebsten hörte ich mir selbst den ganzen Tag zu, wie ich bedeutendsschwere und tiefsinnige und immer ganz richtige und total super einfühlsame Sachen sage! Es ist eine Form von Feelgood-Bullshit, die man sogar relativ genau beschreiben kann. Jedes einzelne Wort hat einen Index in diesen Gesprächen, der mitgesprochen werden muss: Es ist entweder sentimental-affirmativ oder hypermoralisch-kritisch aufgeladen, und es gibt wenig dazwischen. Jeder einzelne Mensch, der erwähnt wird, wird sorgfältig ins Freund-Feind-Schema eingepasst: ein guter Typ, sie ist echt in Ordnung, ich finde sie/ihn/es ja so spannend! Aber total unmöglich, der Typ. Ich meine, ich habe ja Verständnis, sowieso, für alles, ich urteile ja nicht, aber der/die/das – nee. Geht gar nicht! Die erzählten Geschichten tendieren immer zur Tragik: Ein guter Mensch ist an bösen Menschen, der bösen Gesellschaft, einem ultrabösen Schicksal gescheitert, das besonders die guten und unschuldigen Menschen verfolgt und heimsucht. Es geht viel um Krankheiten, Psychokrisen, Verirrungen in der Liebe; manchmal sogar um Geld. Häufig zehren die Geschichten vom fortgesetzten Hörensagen: Also, ein Freund von mir, du weißt schon, der kennt diese Frau, die jetzt Coaching macht, ja, auch Yoga, so eine Art Coaching-Guru, und die war mit einem zusammen, von dem hat sie sich aber schon lange getrennt, hab ich gehört jedenfalls, aber erzähl es nicht weiter --- Was hingegen nie vorkommt im Feelgood-Bullshit: Humor; Humor, wenn nicht gar Ironie (allerdings läuft Häme mit unter), erforderte irgendeine Art von Distanz zu sich selbst und ist deshalb völlig ausgeschlossen, wenn man wie fixiert auf den eigenen Bauchnabel starrt, um den sich die ganze Welt dreht. Die Welt ist offensichtlich bevölkert mit dicht vernetzten therapiebedürftigen Mitleidsgestalten und Vollzeit dienstbereiten Therapeuten, und immer sitzen sie im Zug hinter einem. Und leider, leider kann man nicht einfach nicht zuhören. Denn selbst ein wohltrainiertes Gehirn reagiert instinktiv auf den Betroffenheitstonfall, mit dem ja auch ein ernstes Problem signalisiert werden könnte; man kann den Instinkt nicht einfach abschalten, ohne ein wenig mehr zum Unmenschen zu werden.

  

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Das Gulasch ist wirklich vorzüglich diesmal

 

Ganz anders war es auf der Hinfahrt gewesen. Im Speisesaal am Nebentisch saß dieser Junge, vielleicht war er 12 oder 13 Jahre alt, und er unterhielt sich mit einer Frau mittleren Alters, zu der er offensichtlich nicht gehörte. Er betrieb vielmehr Konversation, das konnte man deutlich sehen, und er machte das geradezu souverän. Er erzählte, dass er zu seinem Vater fahre, nach Wien, und er erwarte sich viel von diesem Besuch; er stelle es sich schön vor dort in Wien. Dann tauchte seine Mutter auf, sie hatte wohl telefoniert, und sie bekamen ein Essen serviert. Der Junge lobt es, sehr wohlwollend: Besonders das Fleisch sei außerordentlich wohlgeraten, besonders das Fleisch; es sei auf jeden Fall viel besser als früher, da habe man ja überhaupt nicht im Speisewagen essen können (man fragte sich unwillkürlich, wann genau „früher“ gewesen sein sollte, direkt nach der Einschulung?), ja er würde geradezu sagen, es sei vorzüglich. Er sagte das alles gar nicht altklug oder prahlerisch, das war das Besondere daran; zwar sprach er offensichtlich gern und war die Konversation mit Erwachsenen gewöhnt, aber es hatte etwas Verzweifeltes, was man anfangs eher spürte als verstand. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie es geschah, aber man kann darauf zu sprechen am Nachbartisch, dass vor einiger Zeit ein Freund von ihm – nein, ein Bekannter, korrigierte er sich nach einer kurzen Pause  – gestorben sei. Die andere Dame schwieg einen Moment pietätvoll, wagte dann aber doch zu fragen, was denn passiert sei? (und man hörte mit: er muss doch jung gewesen sein, ein Kind wie du, wie konnte das passieren?) Er kaute einen Moment länger an seinem Gulaschstück herum, und dann sagte er, sehr sachlich: Man denkt wohl, dass es ein Suizid war. Alle, die zufällig zuhörten, also ich auf jeden Fall, verschluckten sich an ihrem Kaffee. Die Mutter kam zur Hilfe, nachdem das Thema nun einmal auf dem Tisch war, gleich neben dem vorzüglichen Gulasch, und berichtete von der Krebserkrankung des Freundes, nein: Bekannten, und seinem längeren Leiden und der Hoffnung auf Besserung und der kurzen Erholung und der Vergeblichkeit. Der Junge kaute weiter an seinem Gulasch und machte kleine sachliche Bemerkungen, dann kam man zum Glück wieder auf Wien zurück und auf die Frage, was man dort machen wollte. Er lobte das Gulasch, als der Kellner den Teller abräumte und beklagte, es seien vielleicht zu wenig Nudeln gewesen. Und aus irgendeinem Grund nahm ihn niemand in den Arm, und man dachte, welch hoher Preis für so viel Sachlichkeit und Vernunft, und hoffentlich findest du in Wien alles, was du dir versprichst. Aber es besteht eine gewisse Gefahr, dass du weiterhin mit Erwachsenen Konversation machen musst, aus schierer Verzweiflung, weil sonst überhaupt niemand hinhört oder gar versteht, und es ist wenigstens ein kleiner Trost, dass du das so gut kannst.


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Manche Leute mögen halt keine Kinder  


Der kleine Junge im Regionalexpress will nicht stillsitzen. Er turnt auf seinem Sitz herum, guckt über die Rückenlehne und schmettert den dort Sitzenden ein lautes "Hallo" ins Gesicht. Keine Reaktion. Die Mutter sagt, nicht gerade leise: "Manche Leute mögen halt keine Kinder". Zwei Minuten später - der Junge will immer noch nicht stillsitzen und turnt auf ihr herum - schnauzt sie ihn an: "Sei endlich still und lass mich in Ruhe!" Er wird still und holt seinen Gameboy heraus. Manche Leute mögen halt keine Kinder. Vor allem die eigenen.

   

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Letztens sah ich einen Fischreiher

 

Das Kind, es war ein Junge von ungefähr sieben oder acht Jahren, sagte „Wie bitte?“ Kurz zuvor hatte es schon einen Satz gesagt, der mich aufhorchen ließ, nämlich: „Letztens habe ich einen Fischreiher gesehen“. Seine Mutter ermahnte ihn, nicht so laut zu sprechen, es war aber gar nicht besonders laut gewesen, sondern eben der etwas aufgeregte Tonfall eines sieben- oder achtjährigen Jungen, der immerhin weiß, was ein Fischreiher ist und wie er aussieht und dass es ihn tatsächlich gibt. Sonst sagte die Mutter nichts zu dem Fischreiher. Sie sagte auch nichts, als der Junge später, weil er durchaus interessiert zum Zugfenster hinausschaute, sechs Störche sah, einen ganzen Schwarm, oder waren es sogar sieben gewesen? Nicht so laut, mahnte sie wieder. Dass die Mutter reden konnte, und durchaus schnell und viel und nicht besonders leise, zeigte sich, als sie wenig später telefonierte, die Geschichte war im etwas aufgeregten Tonfall einer zu jungen Mutter vorgetragen, die irgendwie nicht Recht bekommen hatte, und sie war ziemlich lang. Danach verfiel sie wieder in tiefes Schweigen und schaute auf ihr Handy, sie schaute sozusagen laut auf ihr Handy, wenn man das sagen kann. Draußen hätten Löwen vorbeiziehen können oder Giraffen, und ihr offensichtlich neugieriger und, wer weiß von wem, wohlerzogener Sohn wäre vor Begeisterung übergelaufen, aber sie hätte ihn wahrscheinlich nur ermahnt, nicht so laut zu sein.

 

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Und ich weiß, dass ich diese Geschichte schon mehrmals erzählt habe, aber sie passiert immer weiter, und es ist ein Wunder, dass Kinder überhaupt noch sprechen lernen, da ihre Eltern offenbar niemals mit ihnen sprechen. Sie haben ja schon alles, was sie zu sagen haben, ihrem Handy gesagt.  

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Leidensgeschichten


Die beiden Männer im morgendlichen Pendlerzug nach Stuttgart hätten man auf den ersten Blick für Schwaben halten können. Sie wirkten wohlgepflegt und bodenständig, der eine war etwas jünger, der andere schon über das mittlere Alter heraus. Aber beim zweiten Blick waren ihre Gesten zu lebhaft; und natürlich sprachen sie, wenn man genau hinhörte, kein vernuscheltes Schwäbisch, sondern ein guttural rollendes Arabisch. Aber nur zwischendurch, denn die meiste Zeit wiederholten sie sich gegenseitig Floskeln in kaum akzentuiertem Deutsch: „Wie geht es Ihnen heute?“ „Was fehlt Ihnen?“ „Wie kann ich Ihnen helfen?“ „Was hat Ihr Hausarzt gesagt?“ Ich schaute derweil in mein Smartphone und las auf Al Jazeera die neuesten Katastrophennachrichten aus der arabischen Welt. Plötzlich wendet sich der jüngere von beiden sehr freundlich an mich, „Entschuldigung“, sagt er, „ich habe eine Frage, vielleicht können Sie uns helfen?“ Ich hoffe inständig, dass es nicht um eine medizinische Fachfrage handelt; aber nein, es geht um eine grammatische Frage, und woher soll er wissen, dass er sie sogar einer Fachfrau vorlegte, einer Germanistin nämlich, auch wenn sie es eher mit der deutschen Literatur als der Sprache zu tun hat, aber diese Feinheiten verstehen schließlich auch die wenigsten Deutschen. Die Frage ist, wie er nun sehr kompakt erläutert: Sage man richtig, man leide unter oder man leide an Kopfschmerzen? Bekanntlich führen gerade die einfachsten grammatischen Fragen dazu, dass sich im Gehirn ein großes Loch statt einer Antwort bildet, sobald man anfängt darüber nachzudenken. „Gute Frage“, sage ich also, auf Zeit spielend, und gebe dann die wenig hilfreiche Antwort: „Ich glaube, es geht beides!“ Beide gucken unglücklich und murmeln, Deutsch sei aber wirklich schwierig, Der Jüngere jedoch lässt nicht nach, sondern sucht und findet sehr schnell ein zweites Beispiel: Ob man auch an oder unter Diabetes leiden könnte? „Nee“, sage ich, „eher nicht; man leidet eher an Diabetes“. Und dann, nach einer bemerkenswert kurzen Denkpause, sagen wir beide das Gleiche, wenn auch in etwas unterschiedlicher Formulierung: „Also leidet man an einer Krankheit, aber unter Schmerzen!“ „Ja!“, sage ich, und wir freuen uns beide spontan: Wir haben zusammen nachgedacht und sind zu einem übereinstimmenden Ergebnis gekommen, das nicht wenig Sprachgefühl und Verständnis demonstriert, und wann passiert das schon, selbst unter Sprach- und Bundesgenossen. Er sah auch nicht so aus, als ob er an einem Flüchtlingsschicksal leide, auf den ersten Blick jedenfalls; aber wahrscheinlich leidet er, wenn keiner schaut, unter ihm.

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Die Stimme der Vernunft

 

Der Regionalexpress war wieder einmal viel zu voll, und nur wenige Gespräche stachen aus dem grimmig schweigenden Pendler-Unmut hervor. In einer Vierer-Sitzgruppe am Fenster saß ein junger Mann, man war sich nicht ganz sicher, ob er noch Gymnasiast oder schon Student war. Er trug ein kariertes Hemd und Jeans, seine Haltung war etwas ungelenk, und er zappelte ganz leicht mit einem Bein – kein Tick, nur eine Spur zu viel Anspannung und Ungeduld, und bevor er noch den Mund öffnete, hätte man wetten könne, dass er ein wenig zu klug war, als für ihn gut sein konnte. Als er dann unvermittelt in eine Tirade über die Fehler beim Bau des Hauptstadtflughafens ausbrach, zu der sein Zuhörer schräg gegenüber nur dann und wann zustimmend nicken konnte, fielen oft Formulierungen wie: Man hätte! Man sollte wirklich! Die einzig vernünftige Lösung wäre gewesen! Ja, das wäre wirklich das einzig Vernünftige gewesen, echote sein Zuhörer etwas hilflos. In Cannstatt stiegen die beiden dann aus, und bevor sich die grimmige Stille wieder über das Großraumabteil senken konnte, platzte es aus einer lebenslustig aussehenden Rothaarigen mittleren Alters mit gelbem Reisekoffer heraus: Das glaube sie einfach nicht! Das könne doch nicht wahr sein! Offenbar wisse der junge Mann ja alles besser. Na, da könne man dem späteren Arbeitgeber ja nur viel Spaß wünschen mit so einem! Könne man denn nicht einfach über ganz normale Themen reden, so im Zug, wenn alle zuhören, ob sie wollen oder nicht? Alle hörten zu, der Nachbar nickte verständnisvoll. Sie war ja nicht böse dabei, sondern eben eine lustige Person, die sicher gern über ganz normale Themen mit ihren gelegentlichen Mitreisenden sprach, wenn die Stimmung besser war als heute. Sie konnte nur offensichtlich diesen altklugen Typ nicht ab, der sich einfach so zur Stimme der Vernunft gemacht hatte und mit der ganzen Weisheit seiner achtzehneinhalb Jahre die Architekten, Bauherren und Politiker der Hauptstadt abkanzelte. Allerdings war das, was er sagt hatte, bei näherem Nachdenken ganz vernünftig gewesen; sicherlich, ein wenig jugendlicher Größenwahn klang mit, aber er hatte die verfahrene Situation selbst analysiert und sich ein Urteil gebildet, das nach gesundem common sense klang. Eigentlich war sogar ein origineller Gedanke dabei gewesen: Man solle doch, so meinte er, diejenigen, die es beim ersten Mal verbockt hätten, durchaus noch ein zweites Mal zum Zuge kommen lassen; die wüssten wenigstens schon, welche Fehler man wirklich vermeiden sollte! Das war viel Weisheit für achtzehneinhalb Jahre – aber dann doch nicht genug, um zu wissen, dass man die Stimme der Vernunft nicht ungestraft erheben soll in einem überfüllten Regionalexpress und gefragt worden zu sein.  

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Die Fahrt nach Himmelsleiter


Es war am nicht mehr ganz frühen Morgen, die Pendlerwelle war schon durch, und der Fahrkartenautomat verlangte wieder einmal, man solle passend bezahlen. Während ich noch das Kleingeld für das Ticket nach Stuttgart zusammensuche, kriecht mir von links hinten ein dezenter Alkoholgeruch über die Schulter. Er gehört zu einem nicht unsympathisch wirkenden älteren Mann mit einem lustigen Vollbart, er sieht etwas obdachlos aus, und er fragt mich freundlich, wie der Automat denn funktioniere. Wo er denn hinwolle, frage ich zurück, und er antwortet: Nach Himmelsleiter. Es ist nur ein dezenter Alkoholgeruch, also gebe ich folgsam auf der Tastatur ein: H - I - M -, und schon erscheint "Himmelsleiter". Wo ist das denn, frage ich belustigt und werde belehrt, es sei bei Zuffenhausen. Und er habe nur 2,80 Euro, aber das würde doch sicherlich reichen? Sicherlich nicht, sage ich, drücke auf die Taste und als Fahrpreis erscheinen 5,80 Euro. Oh, sagt er betreten. Wie weit käme er denn wohl mit 2,80 Euro? Bis Esslingen vielleicht, schätze ich; auch ganz schön, aber natürlich nicht Himmelsleiter. Da könne er ja von hier aus hinlaufen, sagt er empört. Ich kratze weiter mein Kleingeld zusammen, wundersamerweise sind es gerade drei Euro, die ich ihm in die Hand drücke und sage: Für eine Fahrkarte. Nach Himmelsleiter. Gute Fahrt! Er schaut gerührt, faltet sanft die Hände vor der Brust, verbeugt sich leicht und sagt ganz leise: Danke, Schwester! Ich habe nicht zurückgeschaut, ob er die Fahrkarte gekauft hat, der verspätete Regionalexpress fuhr auch gerade ein. Aber jeder sollte sich eine Fahrkarte nach Himmelsleiter kaufen könne. Nach Esslingen kann man immer noch zu Fuß gehen.  



Zivilisation ist nicht immer nett


Der ICE war ziemlich voll, obwohl es Mittwoch war. Schulklassen nach Berlin, wagenweise durchnummeriert. In einem Abteil waren noch zwei freie Plätze; vier Frauen saßen dort, mittleren Alters, gut gepflegt, zurückhaltend gekleidet, zwei waren Ärztinnen auf einem Weg zu einer großen Fachtagung in Berlin, eine Lehrerin, noch eine Wissenschaftlerin. Sie lasen, unterhielten sich leise und schoben rücksichtsvoll ihre Sachen zusammen und ihre Beine unter die Sessel, als die ältere Frau, leicht schnaufend unter ihrer Korpulenz, mit ihrer abgeschabten Reisetasche sich hineindrängte: Sie habe den Platz reserviert, den freien dort am Fenster, es klang berlinerisch gefärbt. Sie stand ein wenig zu lange im Weg, während eine der anderen Frauen einen Platz für die alte Reisetasche auf der Gepäckablage freimachte und sie hinauf bugsierte. Als sie dann endlich auf ihrem reservierten Platz saß, sagte sie in die Runde: "Sie wissen ja nicht, was ich erlebt habe, auf der Herfahrt, fragen sie bloß nicht!" Die vier jüngeren Frauen guckten flüchtig hoch, um sich dann umso tiefer in ihre Bücher und Unterlagen zu verkriechen, in der sehr richtigen Befürchtung, auch ohne Frage würden sie wohl eine Antwort bekommen. Tatsächlich, nach einer etwas zu langen Pause, kam die Geschichte: Sie sei ja nicht der Typ, der sich aufregte und beschwerte, nee, sie ganz gewiß nicht! (in immer energischerem Berlinerisch), aber da sei doch eine Mutter gewesen, mit drei Kindern, die habe das ganze Abteil für sich haben wollen! Und dabei habe sie selbst doch schon Monate, Mo-na-te! vorher reserviert gehabt. Niemand sah hoch. Natürlich hörten alle zu, was sollte man denn tun? Aber sie habe einen Schaffner geholt, der habe die Frau mit den Kindern dann weggeschickt, noch nicht einmal einen richtigen Fahrschein habe die gehabt! Nach einer weiteren viel zu langen Pause murmelte die Lehrerin, die es als erste nicht mehr aushielt: Ja, so etwas kommt vor. Die anderen hielten sich an ihren Büchern und Tagungsprogrammen fest, sehr zivilisiert, und schwiegen hochdeutsch. Sie waren kluge Frauen und wussten, dass jede Antwort mit Sicherheit einen weiteren berlinerischen Redeschwall ausgelöst hätte, und für einige von ihnen war die Fahrt noch lang. Natürlich hatte die Frau recht, was sollte man schon sagen; und natürlich sind Bahnfahrten mit drei Kindern, ob mit oder ohne Fahrkarte, für keinen ein Vergnügen. Aber auch nicht mit korpulenten Berlinerinnen, die sich ja nicht beschweren wollen. Das Schweigen wurde schwer und lastete auf dem Abteil bis zur nächsten Station, als die ersten erleichtert ausstiegen. Zivilisation ist nicht immer nett.  

 

Die weiße Straßenbahn

 

Ich habe heute eine weiße Straßenbahn gesehen. Sie war nur weiß, ohne jeden Aufdruck, keine schreienden Aufschriften, keine grellbunten Bilder. Sie war so schön, mir blieb der Atem einen Moment stehen. Beinahe elegant bewegte sie sich durch den um sie her wuselnden Verkehr und erzeugte eine Art Lücke in der Wahrnehmung, so als habe man einen schwarzen Schwan gesehen oder ein weißes Reh: Und auf einmal sieht man viel besser, was das eigentlich ist, ein Schwan, ein Reh, oder eben: eine Straßenbahn. Und dann hatte ich eine Vision: Auf einmal verschwindet alle Werbung, überall. Zuerst lösen sich die großen Werbetafeln an den Straßen auf, zurück bleiben nur Rahmen, durch die man beim Vorbeifahren in die Landschaft schauen kann; lauter kleine Gemälde ziehen nun vorbei, und sie sehen anders aus je nach Wetter und Stimmung und Licht. Dann verschwinden die Schilder auf den Läden und von den Kaufhäusern, und ihre Schaufenster leeren sich von Geisterhand. Sie werden jetzt für Ausstellungen benutzt, für kleine oder große Kunstwerke von jedermann; Kindergartengruppen gestalten sie wechselweise mit Seniorenkränzchen, manchmal wird auch spontan ein Theaterstück aufgeführt. Im gleichen Moment sind auch alle Markenlogos auf Pullovern, Schuhen und Handtaschen weg, und man fragt sich verwundert, wie es eigentlich passieren konnte, dass man sich selbst zu einer wandelnden Plakatsäule gemacht hat und das auch noch schön fand? Die großen Shopping Malls werden zu Tauschbörsen, jeder bringt das mit, was er nicht mehr brauchen kann oder woran er sich satt gesehen hat, und jeder kann mitnehmen, was er mag oder braucht oder einfach haben möchte. Es gibt dort auch gemütliche Ecken, wo man lesen oder Musik hören oder einfach nur ausruhen kann, unbelästigt vom ständigen Terror des Kaufmich-Kaufmich-Kaufmich! Im Fernsehen werden in den Werbepausen wieder die Mainzelmännchen gesendet, abwechselnd mit dem Sandmännchen und der Sendung mit der Maus. Im Radio gibt es vor den Nachrichten eine Besinnungspause, in der einfache Geräusche zu hören sind - ein Windesrauschen, ein Regengetröpfel, ein Glockenklang, sie reinigen das Ohr vom universalen Geplapper des Größer-Billiger-Mehr, damit es wieder hören kann, ohne ständig weghören zu müssen. Ja, sogar das große weite Internet ist von einer Minute auf die andere zu einer werbefreien Zone geworden; niemand bombardiert einen mehr mit Spam, niemand macht einem unaufgefordert Vorschläge, was man noch alles kaufen könnte, weil andere Leute es auch gekauft haben und damit achso glücklich sind, Autos, Fernreisen, Frauen, Nachthemden, Hundefutter - - - da fährt die nächste Straßenbahn vorbei. Sie wirbt für den Europapark Rust, mit kreischenden Menschen in seltsamen Schleudermaschinen und einem viel zu blauen Himmel über künstlichen Landschaften und Sonderpreisen und Sensationen in reißerischen Wortblasen. Der Traum ist aus.  

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Natürlich ist heute gar nichts mehr


Der alte Mann steigt am Nachmittag in Gotha ein. Sein schütteres graues Haar ist zu lang und er wirkt unsicher beim Gehen durch den Speisewagen. Als er sich an einen Fensterplatz setzt, scheint es, als habe er sich verirrt oder könne nicht mehr weiter. Die kleine Kellnerin, die heute allein den ICE bewirtschaften muss, kommt erst spät. Ob es die Sauerkrautsuppe noch gebe, will er wissen; sie sagt in ihrem freundlichen ostdeutschen Tonfall: ja, natürlich. Natürlich, so antwortet er darauf, spontan, aber ohne jede Eile, sei heute gar nichts mehr. Draußen zieht die thüringische Hochebene vorbei, im Spätherbst noch ein wenig trister als sonst. Einzelne Windräder überragen die Dörfer, höher als die alten Dorfkirchen. Einen Tisch weiter diktiert ein anderer, nicht ganz so alter Herr seiner Sekretärin übers Handy ein Anschreiben: „der guten Ordnung halber teilen wir mit, dass die Türen, wie vereinbart, am nächsten Freitag ausgetauscht werden, mit freundlichen Grüßen undsoweiter, Sie wissen schon“. Der Zug ist zehn Minuten zu spät, wie immer. Die Sonne geht unter. Natürlich ist heute gar nichts mehr.

 


Bitte alles aussteigen!

 

So schallte es schon aus den Lautsprechern der Deutschen Bahn AG, als sie noch einfach Deutsche Bundesbahn hieß und keiner an Börsengänge dachte, man die Fenster in den Abteilen noch öffnen konnte und die dunkelgrünen abgewetzten Ledersitze heimelig nach Rauch und Schweißfüßen rochen. Das war eine erstaunlich inklusive Ansage, und man imaginierte kleinere Haustiere, vielleicht das eine oder andere Huhn oder sogar ein niedliches Ferkel auf der Fahrt zum Markt (vielleicht erklärte das auch den Geruch). An englischsprachige Durchsagen dachte noch kein Mensch, und dass man sich bei seinen Fahrgästen bedanken sollte, wäre dem guten alten Staatsunternehmen auch nicht in den Sinn gekommen; schließlich brachte man die Leute von A nach B, und das mit heutzutage ebenfalls vergessener Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, sollten sie sich doch bedanken! Heute muss nicht mehr „alles“ aussteigen (nur dann und wann macht ein älterer Zugbegleiter noch diese Durchsage, und man wird gleich nostalgisch), aber der gute alte Befehlston ist erhalten geblieben: „Fahrgäste alle aussteigen!“ ist der Standardtext im Regionalverkehr, das Ausrufungszeichen spricht die Computerstimme durchaus mit. Ab und zu regt sich dann in einem ein kleiner Widerstandsteufel und sagt: Steig doch mal nicht aus! Sei kein Befehlsempfänger! Zeig dem doofen Automaten, dass du einen freien Willen hast, und bleib sitzen! Schließlich sind wenigstens die Sitze viel bequemer geworden, und manchmal funktioniert die Klimaanlage ja auch im mittleren Bereich zwischen Kühlschrank und Sauna. Aber schon steigt alles um einen herum aus, noch nicht einmal ein vergessener Regenschirm bleibt zurück, nur McDonalds-Verpackungen und Bierdosen und Bananenschalen, und der Geruchs-Mix ist auch nicht viel besser.  



Als die Züge noch Namen trugen


War es nicht schöner, mit Albrecht Dürer nach Nürnberg zu fahren, mit Theodor Storm nach Husum oder mit Albert Einstein nach Ulm? Es war immer der gleiche Zug, mal war er pünktlich, mal nicht, mal frisch gewaschen und mal von der Fahrt verspritzt – aber er trug mit seinem großen Namen eine Erinnerung, eine Idee, einen Menschen (die bekanntlich ebenfalls mal pünktlich und mal nicht, mal wie neu und mal reichlich alt aussehen). Nun heißen die Züge Gelsenkirchen oder Stralsund; die Anzeigetafeln zeigen ihre Zuglaufnummern, vierstellig. Und immer sind es Städte, wo man gerade nicht hin möchte, und die Nummern graben sich,wöchentlich wiederholt, sinnlos ins Gedächtnis. Im Wagen 28, Sitz 52, des ICE 1558 um 15.58, das heißt 14 Minuten zu spät in Fulda. Wird das Rendezvous in Frankfurt mit ICE 279 nach Mannheim, Umsteigezeit neun Minuten, von Gleis 6 auf Glas 9 gelingen? „Bitte haben Sie noch etwas Geduld“, sagt die freundliche Stimme der Zugbegleiterin, die auch einen besseren Namen verdient hätte. 

 

 

Traumgespräch im Ruheabteil


Die nicht mehr ganz junge Frau ist über ihrem Handy eingeschlafen. Der Kopf ist ihr herabgesunken, und sie hält das Gerät mit beiden Händen über dem Pelzkragen ihres Mantels im Schoss, so als wäre es ein Rosenkranz. Die Farbe des Gehäuses korrespondiert mit der Farbe ihres Pullovers. Ob sie ein Traumgespräch führt?  

 

Reisen und denken 


„Man reist doch nicht, um an jeder Station das Gleiche zu sehen“ - Goethe, in großen Buchstaben leuchtend über dem Gothaer Busbahnhof. Nun ist der Gothaer Bahnhof nicht direkt herausragend originell, sondern wahrscheinlich in vielem das Muster eines durchschnittlichen Bahnhofs einer durchschnittlichen Mittelstadt. Durch das Klassikerzitat hat er es jedoch geschafft, sich über seine durchschnittliche Gleichheit mit vielen Bahnhöfen zu erheben. Ein unerwartetes Zeichen des Geistes dort, wo in Stuttgart das Mercedes-Logo prangt und anderswo die stereotype DB-Werbung. Man sollte mehr Orte mit Denksprüchen statt mit Werbesprüchen versehen – vielleicht würde das einen unerwarteten Aufschwung des Denkens produzieren: Philosophie am Bau, gesetzlich vorgeschrieben mit drei Prozent der Bausumme. Das gäbe für Stuttgart21, bei momentan zugegebenen Baukosten von knapp sechs Milliarden --- wahrscheinlich eine stattliche philosophische Grundlagenschrift.

 

 

Die Atmosphäre im abendlichen Pendler-ICE von Frankfurt nach Mannheim/Stuttgart. Gedämpfte kollektive Erschöpfung legt sich über den Großraumwagen; vereinzelte Handy-Gespräche, der eine oder die andere werkelt noch angestrengt an seinem Notebook, der Rest versucht loszulassen. Wenig Gespräche, was ist auch zu sagen nach einem weiteren Arbeitstag, was man nicht schon wüsste: dass man die Zeit besser verbringen könnte; dass man nichts mehr wahrnehmen kann und wahrnehmen will; dass es allenfalls ein wenig tröstet, dass es allen genauso geht und niemand den anderen mit guter Laune oder Initiative belästigt. Ankommen, heißt die Devise.

 

 

Ein Nachtzug. Wenn alles draußen schwarz wird, wirken die gleichen Geräusche wie am Tag automatisch gedämpfter. Man liest leise, döst leise, hört sogar ausnahmsweise leise Musik. Monitore leuchten im Abteil vereinzelt auf, wie draußen die verstreuten Dörfer.    


Durch das verschneite Deutschland, nachweihnachtlich, zu Beginn des neuen Jahrzehnts. Schwarz-Weiß-Landschaften, auch der Zug fährt gedämpft durch Schneewehen. Nur auf der Oberleitung über der Lok blitzen die Funken wie ein kleines verspätetes Silvesterfeuerwerk. Die Mitfahrer sehen alle so aus, als führen sie zu einem alten, etwas abgenutzten Leben zurück, nicht etwa in ein funkelndes Neues. Wer weiß, was besser ist.     


Im Schnee ragen die Windräder empor wie einzelne monumentale Eiszapfen.  

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Unterwegs. Reiseanekdoten

Der Heilige Josef und die Akku-Aufladestation

 

Wir hatten vielleicht ein bisschen zu laut gelacht. Wir kamen von einem reichlichen Abendessen, natürlich auch mit alkoholischen Getränken, und nun liefen wir durch den stillen Tiroler Abend; es war kurz vor Mittsommer, und die Berge glänzten noch ein wenig im späten Abendlicht. Unser Ziel war die Josefskapelle, wir hatten sie gesucht und gefunden; der Heilige Josef war in einem schlichten Fresko über dem Eingang abgebildet, unscheinbar wie immer, die ewige undankbare Nebenrolle in dem großen christlichen Mysterienspiel. Auch seine Kapelle war ein unscheinbares Mini-Kirchlein mit kleinem Schiefer-Turm und einem schmalen Innenraum. Seltsamerweise war die Tür vergittert, ebenso wie das Fenster, durch das man den geschmückten Altar mit der Marienstatue im Halbdunkel erkennen konnte, Holzbänke, einfache Blumen und Kerzen. An der Holztür war ein Plakat in etwas zu auffälligen Farben angebracht; von weitem sah es so aus, als würde es für die nächste Wochenend-Disco werben, mit Alpen-DJ Lederhois’n und seinen wilden Wolpertingern oder einer ähnlichen Attraktion. Aber nein, bei näherer Betrachtung war es eine Ankündigung der nächsten Veranstaltungen in dem Kirchlein; darunter eine „Bauverhandlung“, was uns schon stutzen ließ, und eine anderthalbstündige Abendveranstaltung mit dem Titel „Akku aufladen“, was uns in völlige Ratlosigkeit stürzte und dann das ein wenig zu laute Gelächter veranlasste– war das Kirchlein eine Art Aufladestation mit freien Steckdosen und WLAN an den Holzbänken? Etwas verspätet kam die himmlische Erleuchtung, für die unsere alkoholumnebelten Hirne etwas länger gebraucht hatten: Es wohl eine bildliche Ausdrucksweise, man sollte seinen inneren Akku aufladen, in der Stille des Kirchleins, unter dem sanften Blick von Josef, dem Schutz der Madonna und beim Flackern ewiger Lichter. 


Wir mochten den einen oder anderen respektlosen Scherz darüber gemacht haben, im Übermut, als plötzlich dieser alte Mann vor uns stand, wir hatten ihn nicht einmal kommen sehen. Seine Kleidung war etwas abgerissen, die Jeans zerfranst, ein schäbiges Sakko über einem weißen Hemd, er trug eine abgenutzte Plastikttüte in der Hand, und als er uns ansprach, sah man, dass nur noch ein Zahn im Mund übrig war. Zuerst vermuteten wir alle wohl, obwohl keiner es aussprach, dass er uns anbetteln wollte. Aber dann sahen wir seine schlohweißen Haare, die mit einem kleinen Bart das faltige, wettergebräunte Gesicht umrahmten, und die blitzend hellblauen Augen; und seine Stimme klang leise und angenehm und nur ein wenig dialektal gefärbt, als er uns ansprach: Ob er uns bitte kurz etwas fragen dürfte? Wir wurden stocknüchtern und sehr höflich, ja, natürlich, sehr gern. Ihn würde nämlich interessieren, warum wir eben gelacht hätten; und wenn es wegen der Kapelle gewesen sei, er wies auf den Heiligen Josef, so sehe er nun gar nicht, was daran zu lachen sei? Um Gottes willen, hätten wir wohl am liebsten spontan gesagt, aber das wäre auch irgendwie falsch gewesen, und so versicherten wir schnell, eifrig und hochdeutsch, dass uns das keinesfalls in den Sinn gekommen wäre. Ich suchte fieberhaft nach einer Erklärung für das doch ein wenig zu laute Lachen, mir fiel aber nur ein, nach der „Bauverhandlung“ zu fragen; das hätten wir nicht so recht verstanden, ob er uns weiterhelfen könnte? Natürlich, sehr gerne. Es sei nämlich so, erläuterte er bedächtig und seine hellblauen Augen blitzten dazu, dass hier ein neues Bebauungsgebiet entstehen sollte – die Kapelle war von ein wenig grüner Wiese umgeben, am Tag wären im Hintergrund lautlos die Gondeln der Zugspitzbahn über Felsenklüfte geschwebt, und man konnte sehen, dass der eine oder Investor an dieser Stelle sicherlich gern noch ein weiteres Vier-Sterne-Wellness-Hotel namens „Zugspitzblick“ oder „Alpenglühen“ hingestellt hätte, oder wenigstens einen kleinen Ferienwohnungsblock, obwohl an beidem in dem kleinen Dorf wahrlich kein Mangel war. Aber man wisse nicht wohin mit der Kapelle. Wir nickten verständnisvoll. Es sei auch leider so, fuhr er fort, ermutigt, dass man leider die Kapelle absperren müsse, genauso wie die große Kirche unten im Dorf, und das sei wirklich sehr bedauerlich, dass man Kirchen absperren müsse. Es würden aber viele Menschen hierherkommen, die, nun ja, keinerlei Verständnis für die Religion hätten oder ein ganz anderes jedenfalls als die Menschen hier; und sie würden alles kaputtmachen, zerstören, ja sogar stehlen! Wir versuchten uns vorzustellen, was man in dieser Kapelle hätte stehlen können, die Kunstblumen oder die halb herab gebrannten ewigen Lichter, aber darauf kam es wohl nicht an; es ging ums Prinzip, und wir fragten lieber nicht nach, ob der freundliche Josef mit den blitzblauen Augen und dem einen verbliebenen Zahn respektlos kichernde Touristen wie unsereinen meinte oder Flüchtling aus fernen Ländern mit anderen Göttern. Denn die Religion, so fuhr er fort, sei doch nötig; das würden die Leute eben nicht verstehen; das Volk brauche sie, auch heute, ihre Ordnung, das würde sie ruhig halten. 


Das waren nun Sätze, die man besser nicht in einem Internet-Chat schreiben sollte, außer in der richtig gefärbten und gut abgeschlossenen Echokammer; aber irgendwie war ich mir sicher, dass der gute Josef kein brauner Wolf war, dem das Leben die Zähne gezogen hatte. Es war einfach seine Erfahrung, die Erfahrung eines schon um so vieles längeren Lebens als des unseren, die ihn gelehrt hatte, dass die Leute (und vielleicht sogar nicht nur die "einfachen") genau das brauchen in unsicheren Zeiten: die Religion, einen Halt, Ruhe und Ordnung. Eine kleine Kapelle am Wegesrand, unter dem Patronat des unscheinbarsten Helden der christlichen Mysterienspiele: Josef, der immer am Rande steht, zuschaut, die Ruhe in Person. Vielleicht hat er auch damals ein wenig für Ordnung gesorgt, als es Maria alles zu viel wurde mit den Engeln und den verwirrten Hirten und den blöde glotzenden Kühen, und dann kamen auch noch diese Magier aus dem Morgenlande und brachten unnütze Geschenke! Was war er Maria, wenn nicht ein Halt. Und wir wissen noch nicht einmal, ob und wie er alt geworden ist; sein angetrautes Weib ist unter dem Kreuz gestanden, als ihr Sohn daran starb, für viele ist sie danach in den Himmel aufgefahren, aber er war nur ein zimmernder Ersatzvater mit wenig Besuchsrecht. Gern hätte ich dem alten Mann noch etwas Ermutigendes gesagt, die Welt ist gar nicht so schlecht, wissen Sie, aber leider ist sie es doch. So konnten wir uns nur etwas zu überschwänglich und hochdeutsch bedanken, und er nickte bedächtig mit dem schlohweißen Kopf und schlurfte die Straße wieder hinunter, mit seiner Plastiktüte in der Hand. 


Es bleibt zu hoffen, dass der Heilige Josef ihn schützt und das Kapellchen. Aber wahrscheinlich wird man es unter eine Glasglocke stellen, inmitten einer All-inclusive-Alpenresidenz mit Wasserrutschen und Alpencocktails, und wenn man ein Eurostück einwirft, dreht sich der Heilige Josef im Kreis und spuckt eine Gedenkmünze aus. Für den Halt wird gibt es seniorengerechte Badewannen geben und für die innere Ruhe einen großen Wellness-Bereich mit Meditationsmusik und Weihraucharoma und blinkenden LED-Leuchten. Akku-Ladestationen sind natürlich frei, für alle.  

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Showdown in Gießen

Wenn man eine Stadt kennenlernen will, muss man genau auf den Zeitpunkt achten; denn jede Stadt hat mindestens zwei Zustände, Nacht und Tag, und bei genauerer Betrachtung noch ein paar dazwischen. So war ich eines Abends zum ersten Mal in meinem Leben in Gießen. Ich hatte keine idyllische Altstadtschönheit wie aus den Grimmschen Märchen entschlüpft erwartet, wie die kleine Nachbarin Marburg, auch keine Big City mit Skyline und mondänen Einkaufsstraßen, wie die große Nachbarin Frankfurt. Aber immerhin schlängelte sich die Lahn am frühen Abend freundlich an der Stadt entlang, die Eisenbahn schob ihre Wägen über den Uferdeich, in den Kleingärten wehte eine Piratenflagge, und der Segelclub hatte Strandkörbe aufgestellt; man könnte meinen, hier ließe sich leben. Die Innenstadt am Abend jedoch ist jung und männlich, und zwar so gut wie reinrassig; man riecht das Testosteron beinahe in den Gruppen, die durch die Gassen treiben, vorbei an den Handy-Läden und Ein-Euro-Geschäften, die mit greller Werbung noch unwirklicher und trostloser aussehen als bei Tageslicht. Es ist auch mehr ein Posieren als ein Gehen, gesteuert von unsichtbaren, aber machtvollen gruppendynamischen Strukturen, die eine Zentralfigur aufbauen und ein Gefolge, locker schlendernde Randfiguren darum gruppierend, die gern auch auf die Straße spucken; die Hände fahren in einem geheimen Rhythmus durch die aufgegelte Frisur , die Handys sind immer griffbereit (wer zuletzt zieht, ist schon tot), die lauten Stimmen überlagern sich: Hey, Alter! Die Welt gehört ihnen, auch wenn es nur Gießen ist, Gießen am Abend, und wo die Studenten sich herumtreiben, weiß der Himmel. Jedenfalls nicht in der Innenstadt.

 

Am Morgen gehe ich durch eine andere Stadt. Natürlich, ich erkenne die Straßen wieder, man überquert die freundliche Lahn, auf dem großen Baum in der Flussmitte sitzt majestästisch ein Graureiher in der Krone, den man am Abend nicht gesehen hätte. Dann betritt man die Innenstadt. Sie ist mehr oder weniger geschlossen, noch nicht einmal die Handyläden leuchten mehr neonfarben, nur die Bäcker sind geöffnet und verströmen appetitliche Morgengerüche. Man sieht nun die Betongebäude, die am Abend die Dunkelheit gnädig verhüllt hatte; offensichtlich leben hier tatsächlich Menschen, mitten in der Stadt, die am Abend nicht auf der Straße zu sehen sind, wenn sie den jungen Männern gehört. Es sind nämlich, wie man nun feststellen kann, vor allem alte und arme Menschen, die hier wohnen. In der Fußgängerzone herrscht ein friedliches Nebeneinander von Rentnern mit Hund und Obdachlosen. Die einen werden gezogen, die anderen schieben: Die Rentner, sie sehen nicht besonders wohlhabend aus und ein wenig kränklich, ziehen ihren Hund hinter sich her, und mancher keucht nicht weniger von der Anstrengung des Morgengangs als sein Herrchen oder Frauchen. Die Obdachlosen hingegen haben soeben ihre Siebensachen in Plastiktüten verpackt und schieben diese nun in Einkaufswägen durch die Gegend – Ziel unbekannt, aber man muss wohl Platz machen, Platz für die nächste Schicht, wenn die Läden ihre Zaubertüren öffnen und die Kundinnen die Stadt zum Shoppen erobern. Vorerst aber herrscht die vielbeschworene Ruhe vor den Sturm; es ist geradezu idyllisch irgendwie, hier und da bilden sich kleine Gesprächsgruppen, durchaus gemischte, mit Hund und ohne, mit Einkaufswagen samt Plastiktüten und ohne, die Stimmen sind nicht laut und aufdringlich, sondern gedämpft, etwas altersrauh und holprig; sie sprechen keine besonders glatten Sätze, sie tauschen keine weltbewegenden Neuigkeiten aus, aber man spricht, immerhin, und sei es nur mit dem Hund und nicht mit dem Handy. Gelegentlich stürmt ein Bürohengst vorbei, auf dem Weg zum ersten frühen Meeting, man beachtet ihn nicht, er kommt aus einer anderen Welt und geht in eine andere Welt. Derweil kurvt die Müllabfuhr durch die verschlafenen Gassen. Die Rentner schlurfen weiter. Man will nicht im Weg sein, wenn die Massen anrücken, die Frauen vor allem, mit ihren bunten Handys, ihren losen Geldbeuteln in schicken Umhängetaschen, ihrem Gelächter und Geplapper.

 

In der Mitte jedoch, man glaubt es nicht, steht auf einmal doch ein verwunschenes Schloss. Es wacht über den botanischen Garten, es ist, tatsächlich, der älteste botanische Garten Deutschlands, wie es ein etwas angeschmutztes Schild der versehentlichen Besucherin verrät. Tatsächlich ist er dem Verfall an diesem Frühlingstag so nahe, wie es ein Stück Garten gerade noch sein kann, bevor man es der Natur wieder überlässt. Die Glashäuser scheinen die nur matt scheinende Sonne in ihren trüben Scheiben zu verschlucken und die Beete warten noch auf ihre Bestellung: Wann werden die Gärtner kommen, werden sie überhaupt kommen, zu welcher Stadt gehören sie, der nächtlichen, morgenlichen, mittägigen, einer ganz anderen? Ganz in der Mitte des Gartens aber wartet, und nun wird es wirklich surreal, Charles Darwin, der große englische Biologe und Vater der Evolutionstheorie, die das Leben der Menschen und ihr Wissen um ihren eigenen Ursprung so revolutioniert hat wie nur wenige vor ihm. Durch eine kleine, unerwartet heftig grünende Bambusplantage führt ein Sandweg zu ihm; er imitiert, so wird man auf lehrreichen Tafeln beschieden, den Sandweg in Darwins Down House, auf dem er meditierend seine Theorien in sich bewegte, versammelte, neu ordnete, mit seinen Zweifeln rang, vielleicht umflattert von englischen gemeinen Finken, aber mit Sicherheit nicht von Galapagosfinken. Vorbei an seinen großen Vorgängern, dem Schweizer Haller und dem Schweden Linné, folgt man der sanften hellen Linie durch das Bambusgrün, bis einen in der Mitte Darwin persönlich begrüßt, aus Bronze natürlich, und tief bärtig wie der andere große Revolutionär und Zeitgenosse seiner Zeit, Karl Marx. 


Man könnte sich nun hinsetzen und ein wenig der Evolution nachgrübeln. Es gibt aber sicherheitshalber keine Bank, vielleicht fürchtet man sich vor den Rentner oder Obdachlosen, die sich hier den Tag über niederlassen könnten, oder den jungen Männern, die werweiß welche Sünden in dem kleinen Heiligtum begehen könnten, und wahrscheinlich würden sie das auch. Aber man könnte sich ja auch, schließlich ist man eine Frau mittleren Alters, ganz einfach hinsetzen, Und dann könnte man warten, bis einen der Bambus, der schnell wächst, ganz eingeschlossen hat, mit botanischem Garten und Schloss drumherum. Und in der Stadt wechseln sich Macho-Nacht und Rentner-Morgen und Tages-Shopping in immer wiederkehrenden Kreisen ab, der Bambus aber blühte erstmals im Jahr 999 in China; und von da an alle 120 Jahre wieder, egal, wohin man ihn verpflanzt, nach Bern, nach Uppsala, nach Downe in Südengland oder Gießen, das letzte Mal in den 1960er Jahren. Denn die Evolution in ihrer ewigen Weisheit hat sichergestellt, dass der Bambus – der ziemlich lecker ist, grün und saftig, und das finden nicht nur die putzigen Pandas – seine Fressfeinde einfach überlebt: Während die Pandagenerationen dahinsterben und die Welt sich um Gießen dreht, Abend und Morgen und Mittag, vermehrt sich der Bambus in aller Seelenruhe, 120 Jahre lang. Dann endlich blüht er. Vielleicht blüht dann auch Gießen wieder, wer kennt schon die gewundenen Pfade, die die Evolution geht, und den großen Plan, den sie mit Gießen hat?

 

Draußen, neben dem Bambus-Labyrinth, wo der Garten schon fast wieder Natur geworden ist, knabbert ein rotbraunes Eichhörnchen an den letzten Nüssen, zwischendurch schaut es einen aufmerksam an und schweigt etwas. Und weil man gerade in einer surrealen Stimmung ist, überfällt einen der Gedanke, es könnte auch ein Handy zwischen seinen niedlichen Pelzpfoten halten, in das es hineinflüstert, aufgeregte Eichhörnchenbotschaften an seine Verwandtschaft auf Galapagos oder die gefährlichen grauen Eichhörnchen, die sich bedrohlich vermehren auch in Darwins England: Kommt mich doch mal besuchen in Gießen! Es ist nicht der Nabel der Welt, ich weiß, aber hier könnt ihr Menschen sehen, die leben in seltsamen Habitaten, manche kommen nur in der Nacht heraus, und manche nur am Tag. Im Großen und Ganzen sind sie ungefährlich.  

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Tot in Venedig


Immerhin, es war Venedig. Man muss dazu sagen, dass diese Geschichte weit vor den Zeiten spielt, in denen das Internet, die social media und das Billigfliegen die Welt zu einem globalen Dorf gemacht haben, in dem die ersten internationalen Austauschprogramme wahrscheinlich demnächst im Kindergarten starten und die Weltjugend – zumindest ihr polyglotter, begüterter und gebildeter Teil – Thailand besser kennt als die Ostseeküste. Nein, wir, irgendwo zwischen 20 und 25 Jahren, wenig begütert und noch weniger polyglott, konnten immerhin als Bahnkinder umsonst bis Italien fahren und hatten sehr mühevoll ein kleines, vor allem von langbeinigen Schnaken bewohntes Zimmer jenseits von Mestre gefunden, auf dem schmutzig-prosaischen Festland also, wo Raffinerie-Türme statt gotischer Palazzi die Silhouette prägten. Man fuhr dann morgens mit der Regionalbahn über den Damm nach Venedig, das sich mit Parkhäusern ankündigte; aber sobald man dem Hauptbahnhof entstieg, begrüßte einen der Canale Grande mit all seiner Pracht, wenn auch mit einem etwas gewöhnungsbedürftigen Geruch. Da wir keinen Stadtplan hatten (zu teuer) verliefen wir uns ständig auf dem Weg zum Markusplatz; immer wieder lockten kleine Gassen, aber wenn man der Verlockung folgte, endete man immer in einer Sackgasse, vor einem minderen Kanal, und nur die Gondeln trieben melancholisch und ein wenig höhnisch vorbei. Aber dann ging man eben zurück, es war ja auch eigentlich egal; irgendwo in der Mitte schlängelte sich der Canale Grande wieder, mit Touristenströmen und der Herrlichkeit der Palazzi und dem inzwischen schon gewohnten Geruch. Die Gondeln, von denen wir natürlich nur träumen konnten, drängten sich mit den Vaporettos, und dafür, dass das die schönsten Busse vor der schönsten Kulisse der Welt waren, waren sie sogar ziemlich billig, und man konnte mit ihnen zum Lido fahren und wieder zurück.


Teuer hingegen war auch sonst alles. Noch nicht einmal eine Pizza hätten wir uns leisten können; und als wir, wegen des völligen Fehlens öffentlicher Toiletten, in einer abgelegenen Bar eine Coca Cola für fünf Deutsche Mark (so lang ist die Geschichte schon her!) bestellen mussten, um dann hastig die schmuddeligen Toiletten aufzusuchen, tat das schon ziemlich weh – wir mochten noch nicht einmal Cola, sie war nur am billigsten. Aber der Tag war lang, und der Mensch hat Bedürfnisse, auch wenn er kein Geld hat. Immerhin, es gab auch Märkte mit wunderlichem Getier und reifen Früchten; und wir gönnten uns Kirschen, Ciliegie, prallrot, vielleicht 500 Gramm, vielleicht auch nur zweihundert, so weit reichte unser Italienisch gerade: „duecento grammi per favore!“ Die Kerne spuckten wir in den Canale Grande, ein kleiner Akt des Übermuts. Aber von Kirschen allein kann man auch nicht leben, und irgendetwas hätten wir schon gern auf unser trockenes Weißbrot gelegt. Und da kam dieser kleine Laden gerade recht, ebenfalls an einem der mindere Kanäle gelegen, er verkaufte Käse. Wahrscheinlich haben wir uns nicht gleich hineingetraut, ihn etwas aus der Ferne umkreist, dann immer näher – und irgendwann war der Hunger groß genug, und wir öffneten zaghaft die Ladentür, vielleicht roch es verlockend, vielleicht auch nicht, wir merkten es jedenfalls ganz sicher nicht, weil wir viel zu nervös waren. Wir konzentrierten uns auf die kleinen Preisschilder, suchten gezielt das billigste Produkt und kramten dann hastig unser Brocken-Italienisch wieder aus: „Duecento grammi de“ – und dann zeigten wir mit der weltweit verständlichen Geste des „das da!“ auf das Preisschild. Der Patrone schaut ungläubig. Aus seiner wortreichen Antwort und Mimik war deutlich zu entnehmen, dass er nachfragte, ob das wirklich unser Ernst sei, duecento grammi? Wir nickten, zunehmend verzweifelt. Bene, sagte er achselzuckend und packte eine gräulich aussehende Masse in eine Papiertüte, der Vorgang war nicht ganz einfach. Touristen, dachte er wahrscheinlich. Was soll man schon sagen, Barbaren alle.


Wir verließen den Laden sehr schnell und suchten uns ein stilles Plätzchen zum Auspacken. Das Päckchen enthielt eine bröckelige Substanz mit einem eigenartig vertrauten Geruch, der uns im Moment jedoch entfallen war. Wir waren ratlos. Wir hatten nicht einmal ein Messer, wie sollten wir das Zeug auf unser Weißbrot kriegen? Barbaren, die Italiener. Doch langsam arbeitete sich der Geruch aus dem Hinterstübchen unseres Bewusstseins immer weiter nach vorn, bis wir endlich die Sackgasse erkannten, in die wir dieses Mal geraten waren: Hefe. Es war Hefe, was auch immer das auf Italienisch heißen mochte. Lose verkaufte Hefe. Zweifellos unessbar in rohem Zustand. Wir begannen hysterisch zu kichern. Wir rechneten aus, wie viele Brote man damit backen könnte, hätte man denn einen Ofen;  oder Kuchen, Hefekuchen, so wie ihn unsere Oma immer am Freitag Nachmittag fürs Wochenende gebacken hatte, und man musste nur ans Küchenfenster im Erdgeschoss klopfen und bekam ein ganz frisches Stück, das natürlich unendlich viel besser roch als unsere rohe Hefe, die sich zähflüssig in der Papiertüte breit machte. Und wie sollten wir das Zeug bloß loswerden? Öffentliche Mülleimer gab es damals ebenso wenig in Venedig wie öffentliche Toiletten, und wir konnte sie doch nicht einfach in den Canale Grande schmeißen, so wie wir leichtfertig die Kirschkerne hineingespuckt hatten! Wahrscheinlich würde der unförmige Hefekloß noch nicht mal versinken, sondern sich klebrig ausbreiten, eine undefinierbare Masse, die sich mit anderen undefinierbaren und unaussprechlichen Massen verbinden würde und an eine der glänzenden schwarzen Gondeln heften, wie eine bösartig mutierte Qualle, und dort wachsen und wachsen; und der Gondoliere würde sein Ruder nur noch mit großer Mühe wieder aus ihrem Schlinggriff befreien können, und sein böser Blick würde unweigerlich uns treffen, uns, die Barbaren, und wir wären tot in Venedig.

    

Vielleicht haben wir die Tüte aus reiner Verzweiflung zurückgetragen bis zum Hauptbahnhof, der schon genug mit dem Festland verbunden war, um sowohl öffentliche Toiletten als auch öffentliche Mülleimer aufzuweisen. Dass dann die Ferrovia Italia streikte und kein einziger Zug mehr zum Festland fuhr (und natürlich gab es keinen Schienenersatzverkehr, das Wort war damals wahrscheinlich noch nicht einmal erfunden, und wenn doch, dann hätte man es sicherlich wörtlich ins Italienische übernommen, la Schienen-Ersatz-Verkehr), zu unserem schnakenbesetzten Appartement bei Mestre, ist eine andere Geschichte. Aber immerhin, es war Venedig.  

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Neapel sehen und shoppen

Er wurde es nicht müde uns zu warnen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits gemeinsam durch Rom gelaufen, er hatte uns die beste Eisdiele und den besten Schuhmacher gezeigt, und den Petersdom und das Pantheon, und weil es August war und alle Römer in Urlaub waren, mussten wir uns nicht mal vor den Mofas fürchten. Wir hatten zusammen, diesen Morgen noch, den Vesuv bezwungen, gemeinsam mit Scharen weiterer schlecht beschuhter und gut behüteter Touristen; es war ein freundlich-warmer Sommermorgen, und der schwarze Krater wirkt eher wie eine große Sandgrube, in die man leider nicht hinunterrutschen durfte. In der unwirklich blauen Bucht unter uns erstreckten sich, auf einer leichten Dunsthülle schwebend, Neapel und seine Vorstädte; dort ahnte man Pompeji, auf der anderen Seite Herculaneum, und nur der in langen Studienreisen verfeinerten, mit italienisch ausholender Gestik untermalten Redekunst unseres Reiseleiters (und vielen lehrreichen arte-Dokumentationen) war es zu verdanken, dass wir auch das Grauen ahnen konnten, das rasende Tempo der Lavamassen, den Geruch, die Schreie, die plötzlich eintretende Stille. Und nun rief Neapel; Neapel sehen und sterben, murmelten die Gebildeten unter uns vor sich hin, aber eigentlich wollten wir nicht sterben, sondern Pizza essen. Unser Bus setzte uns am Hafen ab, wo die zwei vor Anker liegenden blendendweißen Kreuzfahrtschiffe merkwürdig mit den sonnendurchglühten Rot- und Ockertönen der Stadt kontrastieren; die Kreuzfahrer waren aber offenbar schon auf dem Marsch durch Pompeji, und Neapel war menschenleer wie Rom in der Mittagshitze. Auf der weiten Piazza del Plebisciti waren wir allein mit den Tauben, und nun wurden wir nochmals ernsthaft instruiert: Zusammen bleiben! Die Fotoapparate, wenn sie denn schon sein mussten, dicht am Körper, wie alle Wertsachen! Und nicht abschweifen, auch wenn die Gässchen noch so idyllisch lockten! Dies sei Neapel, und wenn wir auch mit ziemlicher Sicherheit nicht sterben würden, so könnten wir doch mit durchaus hoher Wahrscheinlichkeit beklaut werden. Also, im Chor bitte: Zusammenbleiben!


Wir trabten, eine etwas verängstige Herde, unserem tapferen Hirten hinterher, der uns wie immer in makelloser italienischer Statura führte; allein sein Profil hatte etwas nicht ganz Klassisch-Römisches, sondern wirkte eher silenenhaft, verschmitzt satyrisch. Wir alle waren ihm schon verfallen, seiner perfekten Haltung wie seiner scharfen Zunge; unsere urdeutsche Fixierung auf Socken und Sandalen wurde jeden Morgen aufs neue bespottet, aber nur dann und wann wagte einer der Jüngeren vielleicht, ganz mutig das Hemd nicht in die Hose zu stecken. Und so tauchten wir ein in die neapolitanische Altstadt: Die Gassen wurden immer enger, die Häuser mit ihrem gefährlich abblätternden Putz schienen allein durch Wäscheleinen stabilisiert und berührten sich oben beinahe. Wenig Licht fiel hindurch und erhellte dann und wann einen Kleinwagen, der sich in die enge, schnurgerade Spaccanapoli gezwängt hatte, die Neapel in zwei Hälften teilte; eine Schlucht, die von den Hügeln aus unverkennbar einen Schnitt durch die Altstadt legt, und in deren Grund wir uns nun ausweichend an die verdächtig aussehenden Hauswände drücken mussten, um hupende Fiats mit wenig vertrauenerweckenden Insassen passieren zu lassen. Wir sahen Heiligenbilder, kaputte Motorräder, Müll; tiefschwarz gewandete Mammas auf bröckeligen Altanen, Straßenhändler, dunkle Läden, die sich in eine unendliche Tiefe erstreckten und bis oben hin vollgestapelt waren mit Dingen, Müll. Wir sahen, mitten darin, ein Kloster mit Orangenhain und natürlich die Straße der Krippen, in der das ganze Jahr über all das Sammelsurium verkauft wird, das zu einer typischen neapolitanischen Krippe gehört, darunter Pizzabäcker, Straßenhändler, wahrscheinlich auch Mofas und Taschendiebe und Müll. Und wir blieben zusammen, eine kleine Herde, die durch einen sehr fremden Kosmos stolperte und an einem heißen Augustmittag mit Figuren überladene Krippenszenarios fotografierte, die eher an eine von einem leicht Verrückten inszenierte Modelleisenbahn mit Wasserfall erinnerten als an eine Weihnachtsgeschichte im fernen Judäa.


Vollzählig und offensichtlich noch im Besitz aller Wertgegenstände tauchten wir etwas erleichtert am anderen Ende wieder aus der Spaccanapoli auf und waren nun, endlich, bereit für den Höhepunkt: die neapolitanische Pizza, hier, an ihrem Erfindungs- und Ursprungsort; Neapel sehen und Pizza essen, darauf waren wir vorbereitet worden, wir kannten die Geschichte, wie die Margherita zu Ehren der gleichnamigen Königin erfunden worden war, in ihrem uritalienischen Dreiklang des Rots der Tomaten, des schneeweißen Büffel-Mozzarella und des duftigen grünen Basilikums – dazu das Mysterium der Hefe, ganz genau zwischen locker und knusprig, so, wie es eben nur in Neapel zelebriert werden konnte, und nicht in Nürnberg, New York oder Neuseeland und schon gar nicht in der heimischen Pizzeria oder aus einer Tiefkühlpappe. Doch da ereignete sich das Unvorhergesehene, das Unvorhersehbare, das Sakrileg: Ein kleiner Teil der Gruppe – es waren einige der Jüngeren – kündigte an, sich von der Herde trennen und lieber shoppen gehen zu wollen. Shopping?! Unser Hirte war nicht nur verstimmt, er war fassungslos. Socken in Sandalen, das mochte noch angehen, zumal man ja wirklich nicht wusste, was unter den Socken versteckt war; aber Shopping statt neapolitanischer Pizza? Seine Statur litt. Aber er fasste sich mühsam wieder und gab bündige Instruktionen: Zusammenbleiben, unbedingt, jetzt erst recht! Die Hauptstraße niemals verlassen, da gäbe es sowieso keine Shops in den Gässchen! Den Rucksack körpernah! Und genau eine Stunde, capisci? Die Abtrünnigen setzten sich etwas unsicher in Bewegung, der Rest setzte sich auf weiße Plastikstühle; die Pizzeria sah noch etwas unbelebt aus. „Shopping!“, murmelte er, immer wieder. Die Pizza ließ auf sich warten, aber schließlich war das hier kein Schnellimbiss oder Pizza-take-away, sondern Neapel an einem mäßig heißen Montagmorgen im August, und die Kellner mussten erst ein wenig überredet werden, ihren Ofen anzuwerfen. Als dann unsere Pizza kam – stillschweigend hatte man sich auf Margherita, das Original geeinigt – , bissen alle herzhaft zu. In Sekundenschnelle waren wir bekehrt: Alles war, wie es sein sollte, und niemals mehr würden wir in unserer heimischen Pizzeria eine Pizza Hawai bestellen, ohne uns in Grund und Boden zu schämen, niemals mehr der Dr.-Oetker-Werbung oder einer anderen internationalen Pizza-Mafia und ihren Papppizzas auf den Leim gehen!


Pünktlich nach einer Stunde – immerhin waren sie Deutsche und trugen Socken in den Sandalen – tauchten die Shopper wieder auf. Sie schleppten Plastiktüten, die internationalen Trophäen des globalen Schnäppchenjägers, die Tüten trugen vertraute Logos der globalen Großkonzerne, die Jäger sahen aber nicht wirklich glücklich aus. Aber immerhin, so vermittelte ihre trotzige Haltung, würden sie etwas Handfestes mittragen aus Neapel, und wenn es nur gefälschte Markenprodukte aus Asien waren! Wir aber, wir Bekehrten, wir hatten die einzige, die wahre, die platonische Ur-Idee der Pizza schlechthin gegessen, und zwar restlos aufgegessen; nicht eine Kante war übrig geblieben. Die Plastiktische hatten ein wenig geklebt, und das grobe Porzellan hatte einen leicht gräulichen Schimmer, aber kam es darauf denn an? Die Pizza war uns in Fleisch und Blut übergegangen; ein einfaches Mittagsmahl, gemeinsam genossen, während die Verräter ihre Silberlinge vergeudeten. Und ihre T-Shirts würden schon längst zu Fetzen zerfallen sein, während wir, in der heimischen Pizzeria oder zuhause, der Ur-Pizza gedenken würden, voller Inbrunst und Ehrfurcht und Sehnsucht, ihren unvergleichlichen Dreiklang aus tiefroten Tomaten, schneeweißem Büffelmozzarella und duftiggrünem Basilikum in der Nase und den Geschmack von Italien, Vesuv und Sommer auf der Zunge, für jetzt und immerdar. Neapel sehen und shoppen hingegen hat sich bis heute nicht als Logo etablieren können.

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Laizismus

 

Es war der dritte Tag unseres Frankreich-Urlaubs; kurz vor dem Wochenende waren wir losgefahren, hatten uns ein Wochenende lang eingewöhnt, und nun war es Montag und wir hatten ein anstrengendes Besichtigungsprogramm vor uns: die sagenhaften Loire-Schlösser. In Chambord, dem utopischsten all dieser seltsamen Hinterlassenschaften eines vergangenen Feudalismus, war die Hölle los: Es war heiß, das weiße Traumschloss mit seinen Hunderten von spitzen Schornsteinen stand in einer sonnenverbrannten Parkwüste – das Wasser in dem Schlossgraben, in dem es sich auf den Postkarten so verzaubert spiegelte, war abgelassen, nichts spiegelte sich im graubraunen Schlick, und der Rasen war graugelb verbrannt. Aber dafür waren ja die Menschen bunt. Massen von Menschen, sie strömten herbei in Bussen und Autos, füllten immer entlegenere Parkplätze, drängelten sich durch das gekühlte Kassenhaus, pilgerten in langen Reihen zu dem Taj-Mahal-artigen Gebilde in der Grassteppe. Im Schloss drängelte man sich durch die spiralförmigen Treppenhäuser und um die Schornsteine auf dem Dach; wieder draußen drängelte man sich in den Restaurants, die mit charmanter französischer Ineffizienz geführt wurden, aber dafür, dass es Fast Food war, wirklich erstaunlich gutes Essen produzierten. Viele Familien mit Kindern waren da, Touristen aus aller Herren und Damen Länder, und wir dachten: Nun ja, ist halt Chambord. In Blois, unserem nächsten Loire-Schloss, war es noch heißer, es waren auch nicht so viele Leute dort; aber seltsamerweise waren alle Geschäfte im Ort geschlossen, es war praktisch unmöglich, einen Kaffee zu bekommen, und Kathedrale, Schloss und das Haus der Magie mit seinen Drachenköpfen thronten über einer seltsam unbelebten Stadt an der träge daher fließenden, flachen Loire. Nun ja, dachten wir, ist halt Montag, die Geschäfte haben wahrscheinlich zu am Nachmittag, und wer weiß, wie lange sie hier Siesta halten. Aber inzwischen verdursteten wir beinahe, mit dem im Auto zurückgelassenen Wasser hätte man auch einen ordentlichen Tee aufsetzen können, und so wir fuhren nach Vendome, um uns – natürlich viel zu früh für die Franzosen, wie immer – ein schönes Restaurant für den Abend zu suchen. In Vendome war es aber genauso leer auf den Straßen wie in Blois, und schon beim Durchfahren konnte man sehen, dass viele Restaurants geschlossen hatten. Montag halt, seufzten wir, dann machen wir eben ein Picknick, fahren in einen der omnipräsenten Riesen-Hypermarches, wie sie jedes mittlere Dorf hat, und kaufen leckeren französischen Käse und Baguette und Wein und Melonen und flaschenweise tiefgekühltes Wasser, und die Welt ist wieder in Ordnung. War sie aber nicht. Die Supermärkte waren nämlich geschlossen. Alle. Als wir sogar beim ALDI vor geschlossenen Türen standen, hatte ich endlich die – schon lange fällige, aber das Gehirn war weichgekocht – Erleuchtung: Wenn in einem Land wie Frankreich an einem Montag nicht nur alle Restaurants, Bars und Brasserien, sondern auch Intermarche, SuperU, Leclerc und ALDI geschlossen sind, muss es ein Feiertag sein! Zuerst vermuteten wir einen Nationalfeiertag, aber es war nicht der 14. Juli, sondern der 15. August – ein in Deutschland nicht besonders bedeutender katholischer Feiertag namens Maria Himmelfahrt. An Maria Himmelfahrt, das wissen wir jetzt, ist das öffentliche Leben im laizistischen Frankreich komplett lahmgelegt. Noch nicht mal die Bars dürfen einen Croque Monsieur servieren. Laizismus, rief mein Sohn spöttisch, steht in der Verfassung, und dann das! Ich erinnerte mich zum Glück an dieser Stelle daran, dass mir bei der Fahrt durch die menschenleere Innenstadt ein geöffneter Pizza-Schnell-Imbiss aufgefallen war. Wir parkten unser Auto im Schatten (Parkplätze gab es in Hülle und Fülle an diesem Abend), machten uns auf den Weg und tatsächlich – der Inhaber beschied uns zwar, er schließe in zehn Minuten und könne uns nur noch Pizza zum Mitnehmen anbieten, aber es war in Frankreich, und es gab Pizza mit Ziegenkäse, und auch die anderen Varianten waren sehr essbar. So verzehrten wir unsere Take-Away-Pizza in dem kleinen Park zwischen Rathaus und Fluss bei untergehender Sonne, zum Glück war dort nur das Angeln verboten, nicht aber das Pizza-Essen, und auf dem Spielplatz waren sogar einige Kinder, die sich nicht um den Feiertag scherten. All das hätte jedoch diese schon reichlich längliche Geschichte nicht wirklich erzählenswert gemacht, wäre da nicht das Denkmal gewesen, das uns in die Augen fiel, als wir einen Mülleimer für unsere Pizza-Pappen suchten. Es war nämlich, und das ist wirklich wahr, dem Laizismus gewidmet, und darauf stand: „On n‘a rien invente de mieux pour vivre ensemble“ – in grober Übersetzung: „Man hat noch nichts besseres erfunden, um miteinander zu leben“. Offenbar aber nicht, um gemeinsam in der Öffentlichkeit zu essen. Oder zu baden; französische Gerichte mussten gerade in diesen Tagen über die befremdliche Frage entscheiden, ob sich Frauen am Strand in einen Burkini gewanden dürfen. Maria hätte sich tränenreich abgewandt, wenn sie noch unter uns wäre; sie ist aber zum Himmel gefahren, wo es keine Ladenöffnungszeiten gibt und alle Engel sich verschleiern können, wie sie gerade Lust haben.

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Von Katzen und Menschen

 

Nun gab es in diesem Chateau, das bezaubernd war wie alle unsere vorherigen Chateaus auch und von einem besonders charmanten Schlossherren von altem Adel geführt, zum ersten Mal das Angebot, man könne auch ein Abendessen bekommen. Es sei ein einfaches Essen, 20 Euro pauschal pro Person, nur ein Menü, man könne sich auch kurzfristig anmelden und solle dann gegen 20 Uhr in der normannischen Halle erscheinen. Gekocht wurde es von einer lebhaften kleinen Spanierin, dem „Girlfriend“ des Sohnes des Hauses, und sie begrüßte die unauslöschlich pünktlichen deutschen Gäste tatsächlich in einer sehr einfachen Küche, die auch in jedem deutschen Haushalt hätte stehen können. Mitten im Raum stand ein großer schwerer Holztisch mit schmalen Holzbänken an beiden Seiten, auf denen man halb stehend, halb sitzend das angekündigte einfache Menü zu sich nehmen konnte. Tatsächlich waren sogar schon zwei Gäste vor uns gekommen; ein italienisches Paar, mit dem Fahrrad unterwegs, die Dame beklagte das Fehlen von Shampoo im Appartement, aber ansonsten betrieb man freundliche Konversation mit dem bei aller Lockerheit immer sehr gerade dastehenden Sohn des Hauses, wenn er nicht gerade seiner aufgeregt herumwuselnden Freundin zur Hand ging und den Tisch deckte, das Wasser brachte, die Teller abräumte. Etwas später kamen drei junge Franzosen, ein attraktiver und unauffällig eleganter Mann, flankiert von zwei Schönheiten mit langem Haar, wohlgeföhnt, die eine brünett, die andere schwarzhaarig; wie sich später beim Tischgespräch herausstellen sollte, waren sie – der junge Mann sagte es etwas verschämt in fließend akzentfreiem Englisch, sie konnten aber auch alle italienisch mit den Italienern parlieren, nur leider kein Deutsch – in der Modebranche tätig; die eine Dame entwarf Schmuck, der junge Mann Accessoires und Handtaschen für andere junge Männer, freelancing, wie er betonte, nicht für die großen Designer. Verstohlen schauten die anderen Tischgäste noch einmal auf die Kleidung, und tatsächlich, das weiße Hemd war wohl doch eine Nummer extravaganter als das, was man auch in guten französischen Läden hätte kaufen können, und der Schmuck zwar unauffällig, aber erlesen. Man saß nun schon auf den schmalen Holzbänkchen und war bereit für den ersten Gang – eine kalte Zucchini-Suppe mit Pfefferminz -, da kamen, offensichtlich unerwartet, noch mehr Gäste. Eine Familie, der Vater chinesischen Ursprungs, die Mutter amerikanisch aufgedrehter Typus, drei äußerst stille und wohlerzogene Kinder, apart gemischt in der Erscheinung. Als nach einiger Improvisation alle endlich am nun vollständig gefüllten normannischen Holztisch saßen, entwickelte sich ein lebhaftes Tischgespräch, besser gesagt, es kreiste bald ziemlich monolithisch um die Neuzukömmlinge. Denn er war in der Städteplanung und der Landschaftspflege tätig, weltweit offensichtlich; er hatte Visionen, viele, um die Welt zu retten, zumindest temporär, bevor die junge Generation sie dann endgültig „fixen“ würde. Aber sie würden gut vorbereitet sein; seine Frau sei nämlich gerade eben zum „second coolest teacher“ von ganz Amerika gewählt worden, der Sohn war schon mit einem berühmten Polarforscher in der Antarktis, und den Rest konnten wir nicht mehr ganz verstehen – aber es war unüberhörbar, dass es sich um hier um eine Hochleistungsfamilie handelte, um weltgewandte Menschen, die zu allem das Richtige und Wichtige zu sagen wussten, und die anderen zeigten sich gehorsam beeindruckt und nickten an den richtigen Stellen: Absolutely, yes. Zwischendurch sprach man ein wenig über Mode, und wo man am besten shoppen gehen könne in Paris, die Mädels würden das ja sicherlich wollen. Die Kinder schwiegen und aßen (nicht alle mochten die Zucchini-Suppe, wenigstens). Wir schwiegen ebenfalls die meiste Zeit und aßen (sogar die Zucchini-Suppe, die wirklich gut war). Nach dem Dessert (natürlich war es auch ausgezeichnet) verabschiedeten wir uns ziemlich schnell und ungeschickt; wir wollten noch den Mont St. Michel bei Nacht sehen. Das stimmte schon, war aber nur die halbe Wahrheit; die andere Hälfte war, dass wir einfach nicht gewappnet waren für so viel Weltläufigkeit und Exzellenz mit unserem doch deutlich akzentuiertem Englisch und unseren Brocken Französisch und unserer praktischen deutschen Reisekleidung und unserer schwäbischen Provinz, aus der nicht als schicke Autos kommen; und unser Sohn weigerte sich, sobald wir den Raum verlassen hatten und wie auf ein Zeichen gemeinsam in ein etwas hysterisches Kichern verfallen waren, standhaft, die Welt später „fixen“ zu wollen, nachdem wir sie ruiniert hatten. Der nächtliche Anblick des Mont St. Michel half uns ein wenig über den Kulturschock hinweg, vor allem, weil es ruhig und sogar ein wenig menschenleer war; über uns strahlten Millionen Sterne, man konnte die Milchstraße verfolgen, und gar nichts musste gefixt werden. Als wir zurück kamen zum Chateau, es war gegen Mitternacht, sahen wir den Chinesen in seinem weißen Bademantel vom Pool zurückhuschen; wahrscheinlich hatte er noch eben 100 Bahnen geschwommen und war übrigens bei der Olympiade in Peking Zweiter über 100 Meter Delphin geworden. In der Eingangshalle des Chateaus mit ihrer geschwundenen Treppe und den streng blickenden Portraits der Ahnen erwartete uns dafür die Schlosskatze. Sie hatte eine Maus gefangen, sie lag noch dort auf dem tiefroten Teppich, und die Katze war sehr stolz. Wir unterhielten uns eine Weile mit ihr, Katzen sind so angenehme Gesprächspartner; sie sagte auch gar nicht, dass sie sowieso jeden Tag vier Mäuse fange, wie uns der Schlossherr bei der Abreise am nächsten Morgen berichtete. Es reicht ja, seine Pflicht möglichst gut zu tun, man kann auch gern stolz darauf sein; darüber aber auch noch pausenlos reden müssen nur Menschen.  

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In der Mitte sitzt ein Panda. 
Berlin-Impressionen

 

Beim ersten Besuch, es mochte noch in den 70er Jahren gewesen sein, erschien ihr Berlin als riesiger schmutzig-grauer Moloch mitten im Nirgendwo. Sie war zwar in einer mittleren westdeutschen Großstadt aufgewachsen, aber auf Berlin hatte sie nichts vorbereitet. Wie konnte es sein, dass man eine Stunde lang durch eine Stadt fuhr, immer neue Straßen, immer neue Häuser, und immer noch nicht dort angekommen war, wohin man wollte? Wie konnte man in diese entsetzlich ruckelnden U-Bahn-Wägen einsteigen, deren Türen sich so schnell schlossen, dass man immer Angst hatte, sie würden einen einklemmen und mitschleifen durch die dunklen Tunnel hindurch? Wie konnte man nur eine Stadt so verunstalten, mit diesen grässlich leeren, grauen Riesenplätzen, von der Mauer mit dem Stacheldraht gar nicht zu reden, die man nicht verstehen konnte und wollte und die die Stadt entzwei riss mitten in der Mitte? Und dann der berühmte Ku-Damm mit der Gedächtniskirche, die wie ein abgerissener Finger emporragte, das war einfach nur scheußlich, heruntergekommen und kaputt. Nein, nichts war schön in Berlin, nichts war des Sehens wert, und nur als sie aus reiner Verzweiflung die Familie nach Dahlem in die Nationalgalerie getrieben hatte, konnte sie endlich wieder durchatmen: Dahlem war ein Dorf, ein richtiges Dorf, und die Bilder dort zeigten die Welt, so wie sie sein sollte, grün und mit Farben. Und sie kaufte sich, von ihrem eigenen Geld, zum ersten Mal in ihrem Leben einen Kunstdruck, den „Einsamen Baum“ von Caspar David Friedrich; so einsam stand er da in der Morgendämmerung, und er hatte auch ein wenig von einer Ruine, aber seine Landschaft hatte Farben, und er war ihr Herz.

 

Jahre später, sie besuchte inzwischen die Journalistenschule, kam sie zum zweiten Mal nach Berlin, dieses Mal mit dem Flugzeug. Im Anflug präsentierte sich die Stadt immer noch grau und wolkenverhangen, die Landung war holprig und ihr war schwummrig. Sie hatten Termine mit Politikern dritten Ranges und der Ausländerbeauftragten, sie besuchten Hotels, wo sie fade Häppchen und Sekt bekamen, und Renommiergebäude wie das noch neue Internationale Congress Centrum, aber es schien alles nur Fassade für besuchende Westdeutsche zu sein. Immerhin schlief die Stadt tatsächlich nie, man konnte um drei Uhr in der Nacht von Disco zu Disco ziehen und hätte sogar noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch zurück zum Hotel fahren können; man nahm aber lieber ein Taxi und kam sich weltstädtisch vor. Wenn man aber am Bahnhof Friedrichstraße auf die S-Bahn wartete, die dann lärmend durch gespenstisch stille gesperrte Transit-Bahnhöfe rappelte, war das ein Ausflug in die Unterwelt, und die Gestalten, die man auf den Bahnhöfen gelegentlich sah, entstammten verschiedenen Kreisen der Hölle.

 

Kurz vor der Wiedervereinigung zogen Freunde nach Berlin, es war der dritte Besuch. Für den Transit sollte man eine genaue Liste erstellen über den Inhalt des gesamten gemieteten Kleintransporters, für jeden Stuhl, jeden Schrank, jede einzelne Umzugskiste, und zwar mit Gewichtsangabe. Nachdem die ersten Kartons noch säuberlich getrennt "Bücher", "Schallplatten" oder "Wäsche "enthalten hatten, konnte man gegen Ende hin eigentlich nur noch „Diverses mit Schreibtischlampe“ oder „Reste, undefinierbar“ notieren und eine beliebige Zahl dahinter setzen. Die grauen Zollbeamten beim Transit aber warfen noch nicht einmal von fern einen Blick auf die Liste, sondern winkten einfach durch. Beim Einzug in den Altbau im Wedding – 5. Stock, kein Aufzug, und es waren wirklich sehr viele extraschwere Kisten mit Schallplatten – bot ein ortsansässiger Junkie freundlich Hilfe an, aber als er die erste Kiste fallen ließ, versuchte man ihn noch freundlicher wieder los zu werden; man kaufte sich frei, mit was auch immer, und besser hätte man das Verhältnis der beiden Staaten zu dieser Zeit nicht charakterisieren können. Um Mitternacht war man endlich fertig, aber weil es Berlin war, konnte man noch Döner holen, immerhin, auch wenn man schon zu müde war, um ihn zu essen.

 

Dieses Mal besuchte sie endlich auch Ost-Berlin, und es war noch schmutziger und grauer dort, die Luft eine einzige Pest. Der Alexanderplatz mit dem Palast der Republik übertraf sogar den Kudamm mit Gedächtniskirche an Scheußlichkeit, und als sie verzweifelt mit der S-Bahn hinaus auf die Dörfer fuhr, gab es nichts zu essen. Es gab kleine Läden, mit fast leeren Schaufenstern; sie zeigten einzig vergilbte Packungen von Waren, die man nicht kannte und auch nicht kennenlernen wollte. Es gab Gaststätten, durch deren trübe Fenster man nicht schauen konnte; sie waren sowieso geschlossen, entweder für heute oder schon seit langer, langer Zeit. Noch nicht einmal den Zwangsumtausch konnte man hier loswerden. Deshalb kaufte sie in der großen Buchhandlung am Alexanderplatz, der trostlosesten Buchhandlung der Welt, einen schmalen Band mit Gedichten von Paul Celan, die Niemandsrose, soeben frisch aus der Druckerpresse, die Leute drängten sich darum. Es war der erste Band mit Celan-Gedichten, der überhaupt in der DDR erschienen war, es war ein schönes Buch, sorgfältig gesetzt, mit dickem weißem Papier, und sie trug es mit in den Westen wie eine Trophäe. Vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren.

 

Und dann passierte tatsächlich die Wiedervereinigung. Sie kam im glänzenden neuen Hauptbahnhof an und wandelte wie im Traum durch eine Stadt, die ihren Schwerpunkt verlegt hatte, die neue Räume und Linien gebildet hatte, vorher unbekannte und überraschende: Man ging durch das Brandenburger Tor hindurch, einfach so, und spazierte Unter den Linden entlang, es waren tatsächlich Linden, sie blühten sogar, und von fern schimmerte der goldene Engel von der Siegessäule durch die Sichtlinien. Man atmete tief durch, wenn man vor der Staatsbibliothek oder der ehrwürdigen Humboldt-Universität stand, und fühlte sich preußisch, in einem ganz ehrenhaften Sinn voller Pflicht und Andacht. Sogar der Dom war erträglich geworden, und der Tiergarten ein unbekanntes Paradies. Das Herz der Stadt war erwacht, und man meinte es an unterschiedlichen Orten zu spüren. Man konnte auf die Kuppel des Reichstags steigen, am Abend erstreckte sich ein Lichtermeer unter einem, und es war ganz still. Man konnte, am frühen Abend, eines der grandiosen Museen der Museumsinsel besuchen, ganz von Wasser umgeben, und dann war man allein mit Nofretete, Auge in Auge mit der seltsamen fremden Schönen, und der einzige Wächter verzog sich diskret. Für kein Geld der Welt wäre man noch zum Kudamm gefahren; zumal sich in der S-Bahn jetzt nicht nur das Elend von Berlin, sondern der ganzen Welt versammelte und einen all die preußische Pracht und das neue Selbstbewusstsein des Regierungsviertels vergessen ließ. Natürlich konnte man auch immer noch Tag und Nacht Party machen, aber das konnte man inzwischen auch überall anderswo.

 

Ganz in der Mitte jedoch, so entdeckte sie, als sie endlich zum ersten Mal den Zoologischen Garten besuchte, saß ein Panda. Er hieß Bao Bao, und wenn er nicht zu einer halbrunden Kugel wohlig zusammengekrümmt schlief, kaute er sehr geduldig auf einem kleinen Bambus-Stamm. Bao Bao war so einsam, dass man beinahe weinen musste, wenn man ihm länger zuschaute; seine schwarz umrundeten Kulleraugen guckten nach innen, und stoisch kaute er seinen Bambus, egal was um ihn herum passierte. Er war das wahre Herz von Berlin, ein Bär natürlich. Aber er war auch der einsame Baum von Caspar David Friedrich, er war die melancholische Lyrik von Paul Celan, und wenn er schlief, träumte er von seiner Heimat und der großen chinesischen Mauer. Dann aber erwachte er in Berlin, und er hatte einen Job zu tun.  


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Nichts zu sehen in Troja

 

Die Busfahrt war sehr lang, und es war sehr heiß draußen. Wir waren zwar schon in aller Frühe vom Hotel gestartet, aber der Weg nach Troja durchs Landesinnere war weit und die Straßen waren noch nicht gut ausgebaut; es gebe aber, so erzählte uns unser türkischer Reiseleiter, ein neues Modernisierungsprogramm, alle großen Überlandstraßen in der Türkei würden nämlich vierspurig ausgebaut werden in den nächsten Jahren. Die sehr vermischten deutschen Touristen, die den großen Bus über die Sitzreihen versprengt bevölkerten, blickten skeptisch; sie hatten auch schon gelernt, dass man in der Türkei mit fünfzig Jahren in Rente gehen konnte, und das klang alles ein wenig zu paradiesisch – wenn die Hitze nicht gewesen wäre. Die Klimaanlage kam einfach nicht gegen die über vierzig Grad Außentemperaturen an, aber wenigstens hatte der türkische Busfahrer vorausschauend seinen Kühlschrank bis zum Rand mit kleinen Plastik-Wasserflaschen gefüllt, an denen wir hingen wie an einem Tropf. Derweil unterhielt uns unser Reiseleiter tapfer weiter, während die Stunden sich zogen und die Temperatur weiter anstieg: Wir alle hätten ja sicherlich in der Schule die ganzen Geschichten gehört vom Troja. Wir nickten brav und ließen sie uns trotzdem noch einmal erzählen, die Fahrt war lang und die Landschaft trostlos von der Sonne verbrannt. Das Besondere aber an dem realen Troja sei, so betonte unser Führer gleich zur Einleitung, dass es dort leider heute gar nichts zu gehen gebe. Er sage es uns lieber gleich, damit wir nicht enttäuscht seien; wo wir doch alle die großen Geschichten kennen würden und auf das Pferd neugierig seien oder wenigstens ein paar Reste von der alten Herrlichkeit Trojas und dem erbitterten zehnjährigen Kampf sehen wollten – aber nein, er müsse uns die Wahrheit sagen: Nichts, oder wenigstens fast nichts sei davon geblieben. Der Kampf müsse in unserem Kopf stattfinden, da die Realität leider nichts hergebe. Natürlich, man habe ausgegraben, wieder und wieder, von Troja I bis zu Troja X, aber es sei halt nicht viel mehr zu finden gewesen. Draußen zogen weiter türkische Kleinstädte mit öden Neubausiedlungen vorbei, wir konnten auch nur ahnen, wie stark die Mittagshitze inzwischen brannte; die meisten dösten längst vor sich hin; aber zwischendurch versäumte es unser Reiseleiter nicht, uns gelegentlich darauf hinzuweisen, dass in Troja immer noch nichts zu sehen sei. Nur damit wir gewarnt seien.

 

Als wir am späteren Nachmittag immer noch bei Bruthitze und mit steifen Beinen den Bus verließen, in dem sich die leeren Wasserflaschen türmten, stellte sich heraus, dass die Strategie des Reiseleiters geradezu des listenreichen Odysseus würdig war: Wir erwarteten einfach gar nichts mehr – und waren deshalb geradezu entzückt über jeden Stein, der mit viel Phantasie und gutem Willen ein wenig antik aussah und eine Säule ahnen ließ; wir malten uns aufs schönste aus, wie die Griechen über sanfte Schrotthügel anstürmten, vom Meer her, das da vorn in weiter Ferne liegen sollte, irgendwo; und wir hätten auch Helena in jedem Weibe gesehen, wenn wir denn überhaupt eines gesehen hätten; wir waren aber ziemlich allein in der Anlage – es gab schließlich nicht viel zu sehen, wie wir nun aus eigener Anschauung kennerhaft bestätigen konnten. Und als wir dann noch einen mit einem geometrischen Punktmuster versehenen quaderförmigen Stein fanden, sechs Punkte in wohlgeordneten Dreierreihen, freuten wir uns geradezu kindisch, dass wir das Ur-LEGO entdeckt hatten! Immerhin gab es auch ein rekonstruiertes Holzpferd am Eingang, wenn man tapfer war, konnte man sogar in seinen überhitzten Bauch klettern. Zudem hatten, um die Wahrheit zu sagen, die meisten nicht gerade präzise Erinnerungen an die Eroberung von Troja; Homer ist keine einfache Lektüre, allenfalls hatte der eine oder die andere den neuen Film mit Brad Pitt gesehen, aber der war nun leider auch nicht in Troja geblieben.

 

Unser türkischer Reiseleiter aber wurde während all der Zeit nicht müde, uns zu loben, unsere Disziplin und unsere Pünktlichkeit vor allem, die sich so wohltuend von der italienischer Reisegruppen abhebe – wenn die erst mal beim Essen säßen, würden sie nie mehr aufstehen, die Deutschen hingegen: immer fünf Minuten vor der Zeit! Wir schämten uns leise unserer Sekundärtugenden, aber das war noch nicht das Schlimmste. Noch schlimmer wurde es, wenn er an unsere Bildung appellierte. Die Gruppe war ungefähr so ein gemischter Haufen, wie die homerischen Helden, die sich damals aus ganz Griechenland kommend vor Troja versammelt hatten; und der Bus war unser Holzpferd, in dessen Bauch wir sicher waren. Draußen jedoch lauerten die Hitze und die Bildung. In Ephesos zum Beispiel, wo wir wiederum bei über vierzig Grad unter dem einzigen kargen Olivenbaum, der einen Hauch von Schatten zwischen den Ruinen spendete (wenigstens gab es hier reichlich davon), zusammengedrängt waren, eine blasse Schafherde mit bunten Sonnenhüten – hier in Ephesos also, so verkündete der Reiseleiter stolz, habe der Apostel Paulus seine berühmten Briefe geschrieben. Er erntete verständnislose Blicke von seinen Schäfchen. Die Briefe an die Epheser natürlich, wir wüssten schon. Große Teile der Reisegruppe wussten nichts, oder wenigstens deutlich weniger noch als über Troja, und diesmal nickten sie nicht brav und schafsartig, warum auch immer, sondern wurden ein wenig aufmüpfig: Sie waren ehemalige Bürger der DDR, und Bibellektüre stand noch weniger als Homer auf ihrem Lehrplan, woher sollten sie so etwas also wissen? Und so kam es, dass ein sehr freundlicher, umfassend gebildeter, liberal muslimischer, grauhaariger türkischer Reiseleiter seiner deutschen Reisegruppe, kaum fünfhundert Meter entfernt von der imposanten Fassade der berühmten Bibliothek von Ephesos (es war aber nur eine Fassade übrig, die leeren Fenster schauten ins Nichts, auf das Meer, das damals noch dort war und sich jetzt auch zurückgezogen hatte), eine Einführung in die Grundlagen der christlichen Religion erteilte, die reges Interesse fand; und wenn der Apostel Paulus jetzt noch ein Pferd dagelassen hätte, wären wahrscheinlich die Ersten vom Atheismus zum Christentum konvertiert. So aber war es ein Märchen mehr von vielen, über eine Religion aus einer fernen Zeit in einem fernen Land, das keinen Schatten kannte, aber monumentale Bibliotheken und Theater baute und einen zehnjährigen Krieg um eine schöne Frau führte.

 

Der Reiseleiter wurde es im Übrigen auch nicht müde, uns die Vorzüge des Kemalismus zu predigen; kaum sah man eine verschleierte Frau auf der Straße, so wies er darauf hin, dass das alles Touristinnen sein, aus Kuwait wahrscheinlich. Türkische Frauen müssten keine Schleier tragen. Natürlich könne man auch Alkohol trinken, zu medizinischen Zwecken nämlich, das erlaube der Koran selbstverständlich. Und wenn er uns von Kemal Atatürk persönlich erzählte, so als sei er ein alter lieber Bekannter von ihm gewesen, kam ein besonders weicher Ton in seine sowieso schon weiche Stimme. Aber er führte uns auch in eine kleinere Moschee, wo der Imam – eine alter lieber Bekannter von ihm – die erste Sure des Koran für uns rezitierte; die Frauen unserer Gruppe trugen schmucke Kopftücher und fühlten sich nicht unterdrückt. Und als wir dann in Istanbul über den Bosporus fuhren, an einem frischen und klaren Morgen auf einer schaukelnden Barkasse, und sich am europäischen und am asiatischen Ufer die Sultans-Paläste neben den Hochhäusern entfalteten und die ersten Fischer am Ufer ihre Angeln auswarfen, waren wir endgültig diesem Land verfallen, das so charmant die Kontinente und die Religionen verband. Keiner von uns ahnte, dass kaum zehn Jahre später ein neuer Herrscher aufstehen würde, um dem Kemalismus endgültig ein Ende zu bereiten; und wenn ich an unseren Reiseleiter zurückdenke, der so viel Geduld mit den ungebildeten, aber pünktlichen Deutschen hatte und so melancholisch aus seinen alten weisen Augen schaute, dann fürchte ich sehr um ihn.  

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Die Ah-Sager. Eine Geschichte aus Armenien

 

Als erstes warnte unsere armenische Gastgeberin uns vor dem Straßenverkehr. Geht bloß nicht einfach bei Grün los, sagte sie. Da hält sich hier keiner dran! Immer schauen müsst ihr, und dann losgehen, wenn ihr eine Lücke seht, und zwar zügig! Sie bremsen auch nicht! Das Kind schaute verunsichert. Gerade erst hatte man ihm mühsam beigebracht, bei Grün zu gehen und bei Rot zu stehen, da sollte es nun auf einmal alles vergessen. Einfach so. Weil man halt in Armenien war, und nicht mehr in Deutschland, wo alles brav bei Grün stand und bei Rot ging (jedenfalls wenn die Eltern schauten). Zudem waren viele Straßen ziemlich breit in der Hauptstadt der noch nicht seit allzu langer Zeit aus dem Sowjetreich in die Freiheit entlassenen Republik Armenien; und sie waren zwar noch nicht überfüllt, aber doch gut befahren, schnell vor allem; die Minibusse, die Marschrutkas (unwillkürlich musste man an die russischen Puppen denken, die Matrjoschka, und genauso eng war es auch in den kleinen Bussen, einer stand dem anderen auf den Füßen, und wenn man zu groß war, konnte man sich nicht aufrichten während der Fahrt) drängelten sich mit Taxis, den schwarzen Jeeps der sich bereits formierenden kapitalistischen Oberschicht und mehr oder weniger schrottreifen Sowjet-PKWs um die Wette. Es war also gar nicht so einfach, die andere Straßenseite zu erreichen, ein kleiner Adrenalinstoß jedes Mal, aber man gewöhnte sich. Man gewöhnte sich auch, notgedrungen, daran, dass die Bürgersteige trotz strengen Winters nicht geräumt worden waren; an vielen Stellen hatten sich Eisplatten gebildet, die offenbar keinem von den Einheimischen auffielen, aber in den deutschen Besuchern Horrorbilder von gebrochenen Gliedmaßen und armenischen Krankenhäusern auslösten. Immerhin, die großen Straßen waren weitgehend eisfrei, und außerdem hätte auch niemand das Tempo gedrosselt, wenn dem nicht so gewesen wäre.

 

Ähnlich aufregend war es, wenn man mit einem der vielen Taxis fuhr, das uns für einen für westeuropäische Verhältnisse lächerlichen Preis, die Tausende von Drams flutschten nur so vorbei, quer durch die Metropole in die etwas trostlosen Vorstädte und darüber hinaus transportierte; am besten schloss man die Augen während der Fahrt. Denn dass man überhaupt am Ziel ankam, war sowieso immer fraglich; die Taxifahrer sprachen Armenisch, sicher fließend, und Russisch, vielleicht sogar akzeptabel; aber nicht ein Wort Englisch, von Deutsch ganz zu schweigen, wieso sollten sie auch? Das Armenische aber ist, wie das gesamte Land samt seinen drei Millionen Bewohnern, eine stolze und unabhängige Schöne: Es hat eine eigene Schrift aus vage kyrillisch anmutende Buchstaben mit vielen sanften Rundungen und Häkchen, erfunden von dem großen Mesrop Maschtoz im vierten nachchristlichen Jahrhundert, und es ist bis heute nicht nur Amtssprache, sondern auch ein beliebtes, tausendfach wiederholtes künstlerisches Motiv. Nicht einmal aufgeschriebene Anweisungen konnten also weiterhelfen; und etwas verzweifelt überließen wir uns unserem Schicksal und dem Herrn des Taxis, der nach vielen Anrufen bei seiner Zentrale und wiederholten Gesprächen mit Kollegen, Freunden und Bekannten, notfalls an jeder Straßenecke, dann doch irgendwann zum Ziel fand. Oder zumindest in dessen Nähe.

 

Es wurde also Gottvertrauen verlangt; und auch davon hatten die Armenier selbst reichlich. Was blieb ihnen auch übrig – einem kleinen Volk, dessen Bevölkerungsmehrheit bis heute in der Diaspora lebt; einem zutiefst religiösen Volk, das einen eigenen Patriarchen hat und als erstes das Christentum zur Staatsreligion machte, aber umgeben ist von Andersgläubigen; einem verzweifelten Volk, dessen heiliger Berg, der große Ararat, sich nicht nur den größten Teil des Jahres hinter Wolken versteckt, sondern auch noch auf dem Gebiet des alten Erbfeindes, der Türkei, angesiedelt ist? Tausendfach lachte der Ararat von den armenischen Kognakflaschen, aber nur allzu selten zierte seine schlichte Linie den Horizont in der Ferne; sogar von Jerewan, der Hauptstadt, hätte man ihn sehen können, wenn man ihn denn sehen könnte, und jeden Morgen schauten wir aufs Neue hoffnungsvoll aus unserem Hotelfenster: Dunst, Nebel, Sonnenschein, Kälte, aber kein Ararat. Vielleicht war es besser so. So blieb er im Nebel der Urgeschichte, man konnte sich einbilden, die Arche sei immer noch auf ihm gestrandet, und jeden Morgen sende Noah eine Taube aus, sie fliegt direkt nach Jerewan und findet den Rückweg nicht, weil sie den Ararat nicht sieht. Aber wer sieht, muss nicht glauben; auf den Glauben jedoch kam es an, und während in Jerewan die Absätze der Frauen immer höher wurden und ihre Röcke immer kürzer, sahen wir in den dunklen Kapellen auf den Dörfern alte Frauen, die genauso rauchgeschwärzt wirkten wie die Wände. Sie verkauften den Besuchern Kerzen, sehr lange schmale honigfarbene Kerzen, die man anzündete, in mit Sand gefüllt quadratische Behälter steckte und ein stilles Bittgebet dazu sprach, vielleicht für die zukünftigen Taxifahrten und Straßenüberquerungen. Doch einmal hatten die reichen Gäste aus dem Westen nur noch 1000-Dram-Scheine, kein Kleingeld, und als das Kind schüchtern der alten Frau den Schein reichte, wurde sie sehr aufgeregt und gab ihm einen ganzen Armvoll Kerzen und bekreuzigte und bedankte sich, immer wieder. Natürlich steckten wir dann alle Kerzen an, das Kind freute sich und machte ein Muster in der Box, ein symmetrisches natürlich; vielleicht hat es sogar die wenigen Kerzen, die schon brannten, umsortiert, sie standen so unordentlich und durcheinander. Es wurde für kurze Zeit ein wenig wärmer und heller.

 

Wir lernten glauben. Wir lernten, dass man immer irgendwann ankommt, dann wird man sehr herzlich begrüßt und allen vorgestellt, und man bekommt jede Menge Essen, häufig Süßigkeiten, und dann lernt man wieder neue Menschen kennen, und alle Namen enden auf „yan“ und die Sprache scheint aus herzlichen A‘s zu bestehen, wie Armenien und der Ararat, sowohl der Berg als auch der Cognac, und die zweitbekannteste Kognak-Sorte heißt Arma. Das ganze Land war ein Ausdruck permanenten Ah-Sagens, ein Ah der Freude, des Staunens, der Neugier, auch wenn die Schrift optisch ein wenig mehr zum U zu neigen schien und damit noch vage an das alte Königreich Urartu erinnert. Aber die Armenier waren kein Uh-Sager, sie waren Ah-Sager, und sie schauten dem Leben optimistisch und stolz ins Gesicht; sogar nach dem Völkermord, nach den großen Erdbeben und nach der schlimmen Energiekrise, als ihr einziges Atomkraftwerk abgeschaltet worden war und es keinen Strom gab und nur stundenweise fließendes Wasser, und die Winter waren sicher nicht wärmer damals - selbst damals, so konnte man sich vorstellen, begrüßten sie jeden Tag mit einem freudigen „Ah!“ und einem suchenden Blick in Richtung Ararat und mit der Zuversicht, dass ihr Gott es wohlmeine mit den Armeniern, auch wenn sie umgeben waren von Feinden, eingeschlossen von Bergen und weit weg vom Meer.

 

Wir muddelten uns durch, mit regelmäßigen kleinen Adrenalin-Schocks (Aahhhh!). Wir überlebten den Verkehr, wir aßen, solange wir konnten und dann noch ein wenig mehr. Wir sagten Ah! beim Anblick der alten Klöster mit den Chatschkaren, den uralten Kreuzsteinen, überwachsen von alten Moosen und Flechten und von innen leuchtend in gedämpften Farben; wir sagten Ah! angesichts des heidnischen Sonnentempels von Garni, der im Abendrot beinahe mystisch über den ihn umgebenden Terrassen und Schluchten schwebte; wir sagen Ah!, als man uns eine Planke von der Arche Noah zeigte, und wir sagten Ah!, wenn wir den Ararat einmal mehr nicht sahen. Aber dann begab es ich, es war am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes in Armenien, dass wir endlich das berühmte Handschriftenmuseum besichtigen sollten, den mit gleich vier A’s gesegneten Matenadaran. Der streng klassizistische Museumsbau liegt auf kleinen Anhöhe, und vor ihm steht gebührend monumental Mesrop Maschtoz; zu seinen Füßen kniet ein Knabe, und der Heilige, der Gelehrte, der Buchstabenmacher weist dem Knaben mit der einen Hand den Weg zum Himmel, und mit der anderen zeigt er auf das armenische Wappen, den stolzen Adler mit dem Schwert. Innen, im Allerheiligsten, werden kostbare illustrierte Handschriften aufbewahrt. Ihre Farben strahlen wie am ersten Tag, und die armenische Schrift mit ihren Häkchen und Kurven enthüllt erst hier ihren wahren Charakter, nämlich den einer Hand-Schrift im wörtlichen Sinne: einer meditativen Übung der Hand im schönen Schreiben, in sanften geregelten Bewegungen, in schwingenden Kurven. Und plötzlich, man hat sich gerade von einem der Manuskripte abgewandt und lässt den Blick schweifen in der Rotunde, plötzlich verspürt man ein seltsames Gefühl. Es ist auf einmal still, kein Laut dringt hinein von der Stadt, vom niemals schweigenden Verkehr, vom Stimmengewirr der fröhlichen Armenier mit ihren vielen hellen A’s, es ist so still, dass man die Stille zu hören meint. Und man merkt, dass man sich unwillkürlich entspannt hat; man muss nicht mehr aufpassen, ob der große schwarze Jeep jetzt noch rechtzeitig bremst, man muss sich nicht sorgen, ob der Taxifahrer vielleicht doch zur Mafia gehört, man muss sich noch nicht einmal mehr schämen für seinen eigenen Reichtum. Die Ruhe und die Kurven der Schriften sind in einen eingedrungen und kreisen dort weiter, wie sanfte Wellen, die sich ausbreiten, wenn ein Stein ins Wasser fällt; und Armenien ist das Land der Steine, man hat so viele Steine gesehen, dass man meint, es müsste für ein Leben reichen, aber dieser Stein ist tiefer gefallen. Ein Mystiker hätte gesagt: Man ist ins Herz der Welt gelangt. Aber um in diese Tiefe zu kommen, musste man durch all den Lärm, durch all die Regellosigkeit und Sorglosigkeit einer großen Stadt im Umbruch, durch die rauchgeschwärzten Wirrungen eines alten Glaubens und die glitzernden Wirrungen einer sich schon am Horizont abzeichnenden kapitalistischen Heilslehre gehen.

 

Natürlich kann man im Herzen der Welt nicht bleiben. Draußen kauften wir Konfekt, „Grand Candy“ hieß die Marke, und wir dachten, wie passend der Name doch sei: genug A‘s, aber schon die Heilsversprechungen der neuen Zeit, die Alliteration zum Grand Canyon, das Große überhaupt! Ein „Grand Candy“-Werbeschild hatte auch in bunten Bonbonfarben über dem Tor des Zoos in Jerewan geprangt. Die wenigen verbliebenen postsowjetischen Tiere sahen aber nicht so aus, als würden sie verwöhnt; ihre Gehege waren verwildert wie ihr Fell, sogar der große braune Bär wirkte ein wenig mager unter seinem schlotternden braunen Mantel. Und er war einsam. Das konnte man auf den ersten Blick sehen, es war nicht ein verwöhnter deutscher Zoobär, der sich vor der glotzenden Menschenmenge in seine artgemäße Höhle verkriecht und auf seinen gewohnten Wärter und sein tägliches Mahl mit seiner genau berechneten Vitamindosis wartet; es war ein wilder Bär, der vor Einsamkeit zahm geworden war, und nun waren, endlich, vielleicht nach Tagen, nach Wochen des Wartens, lebendige Wesen gekommen. Es war ihm egal, dass es keine Wesen seiner Art waren, und als wir ihn, weil uns nichts Besseres einfiel und es nicht direkt verboten war – nichts war verboten hier, es waren ja auch keine Besucher da, denen man etwas hätte verbieten können - mit Schneebällen bewarfen, um mit ihm zu spielen, da freute er sich. Er versuchte sie zu fangen, er tapste ihnen hinterher, wenn sie ins Wasser fielen, er hätte noch stundenlang weitermachen können. Aber uns war kalt, und wir mussten weiter. Das Herz konnte einem brechen, wenn man ihn trübselig zu seiner Eisscholle zurücktapsen sah. Wahrscheinlich hieß er Armen oder Aram, oder war sie gar eine Bärin, eine Ava? Und er wartete auf seine Rettung, einsam, ausgesetzt, dankbar für Schneebälle in Ermangelung von Brosamen. 


Ob er immer noch wartet, wissen wir nicht. Aber wenn er ein echter Armenier war, dann wird er die Hoffnung nicht verloren haben; und er wird nach dem Ararat suchen, jeden Morgen aufs Neue, den man von seinem Zooverlies aus niemals sehen kann, oder doch nur mit dem Geiste.

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Alesia-Aleria-Amnesia


Die meisten kennen Alesia nicht aus dem Geschichtsbuch, sondern aus Asterix & Obelix. In Alesia verloren die Gallier in einer denkwürdigen Schlacht unter ihrem großen Häuptling Vercingetorix gegen Julius Caesar, und fortan war die Schmach so unauslöschlich, dass nur eine vollständige Amnesie helfen konnte: „Alesia? Ich kenne kein Alesia!“ wiederholt deshalb der ebenfalls ziemlich große Häuptling Majestix in Asterix und der Avernerschild immer wieder. Darüber machten wir viele Scherze, als wir gegen Ende unseres Urlaubs auf Korsika - mit dem die meisten bis heute auch nicht unbedingt Napoleon verbinden, sondern die berühmte „korsische Baustelle“ und die Jagd auf Wildschweine, genau: aus Asterix & Obelix auf Korsika - uns auf einen Ausflug nach Aleria machten. Es sollte dort irgendwelche römischen Trümmer geben, welche genau, habe ich vergessen, aber noch ein wenig Bildung kam gerade recht für den vorletzten Urlaubstag.


Der wurde, nach fast zwei Wochen freundlichsten Sonnenscheins, durch ein Unwetter eingeleitet, das in den frühen Morgenstunden einsetzte. Bis wir aufgestanden waren, hatte es schon die halbe Straße zur Ferienhaussiedlung unterspült, und Besserung war eigentlich nicht recht in Sicht. Man konnte also sowieso nicht zum Pool gehen oder Tischtennis spielen, und wir machten uns planmäßig mit dem Mietwagen auf nach Aleria, gelegen an der Mündung des Flusses Tavignano ins Mittelmeer, zwischen einigen Binnenseen (wir dachten uns nichts dabei). Während der Fahrt wurde der Regen immer stärker. Am Rande der Straßen bildeten sich kleine Bäche, die auch schon mal über die Ufer traten und kleine Seen auf der Straße bildeten. Wir dachten uns nichts dabei und rauschten mit dem Mietwagen durch, froh, dass wir nicht draußen sein mussten. Nach etwas längerer Fahrt als vorgesehen erreichten wir Alesia. Der Ort schien uns gespenstisch, mitten im Nichts an einer großen Straßenkreuzung gelegen, bei besserem Wetter hätte man auch einen Western hier drehen können. Zudem regnete es, immer heftiger sogar, man hätte also sowieso guten Gewissens nicht mehr weiter fahren können. An dieser Stelle beschlich uns vielleicht zum ersten Mal die Ahnung, dass wir ja auch noch zurückfahren mussten; und zwar dringend, weil morgen unser Heimflug gebucht war; und dass das vielleicht ein Problem werden könnte.


Mit schon etwas gebremster Begeisterung machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur den Römertrümmern die außerhalb, etwas erhöht, auf einem Berg liegen sollte. Dazu jedoch musste man den Fluss überqueren. Der hatte sich inzwischen recht energisch angeschickt, seine Ufer zu verlassen und die Straße, auf der wir eben noch gefahren waren, von zwei Seiten einzukreisen und zu erobern. Auf der Mitte der Brücke beschlossen wir umzukehren. Das war eine gute Entscheidung, weil wir fünf Minuten später nicht mehr hätten umkehren können, außer schwimmend. Die Straße war nicht mehr da. Nun gut, dachten wir, müssen wir die Stadt halt in eine der anderen Richtungen verlassen und irgendwie im Kreis zurückfahren. Wird schon gehen. Es ging aber nicht. Alle drei anderen Himmelsrichtungen waren von der Polizei inzwischen gesperrt worden. Wir konnten uns nicht recht mit ihnen verständigen, es sah auch ein wenig nach korsischer Baustelle aus, aber eigentlich waren keine weiteren Erklärungen nötig: Aleria war abgeschnitten. Nach allen Seiten. Vom Wasser. Niemand würde diese Stadt in absehbarer Zeit verlassen, es sei dem mit einem sturmerprobten Boot und sehr viel Übermut. Und wir waren nicht die einzigen. Es hatten sich während unseres gescheiterten kleinen Ausflugs viele weitere Autos angesammelt, die Menschen standen ratlos herum und schauten verzweifelt abwechselnd zum Himmel und auf die Straßen und schüttelten dann den Kopf.


An dieser Stelle hatte das Kind eine sehr gute Idee. Es sagte: Wenn wir noch ein Hotelzimmer bekommen wollen, dann müssen wir es jetzt nehmen. Und zwar sofort. Es gab nämlich nur ein einziges Hotel hier; und wir bekamen, wirklich und wörtlich, in der allerletzten Minute das allerletzte verfügbare Zimmer, der Preis war uns egal, er war aber auch nicht hoch (wer wollte schon nach Alesi-, Entschuldigung, Aleria?), und die nächsten nach uns wurden bereits abgewiesen. Es war zu diesem Zeitpunkt ungefähr drei Uhr am Nachmittag, wir bezogen unser Hotelzimmer, starrten eine Weile aus dem Fenster auf all das Wasser und begannen zu realisieren, dass dies ein sehr langer Tag werden würde. Wir beschlossen deshalb, alles sehr, sehr langsam zu tun. Sehr gemächlich gingen wir in den einzigen Supermarkt am Ort, der das Geschäft seines Lebens machte, und kauften – was weiß ich, Zahnbürsten wahrscheinlich, und Wasser; deutsche Zeitungen gab es nicht, wir hatten natürlich auch nichts zum Lesen dabei, und, man kann es sich gar nicht mehr vorstellen, noch kein Smartphone. Wir schauten uns sehr gründlich die anderen Geschäfte an (nichts von Bedeutung). Wir gingen immer mal wieder zur Brücke und schauten, ob das Wasser noch weiter stieg – der Regen war ein bisschen schwächer geworden, aber der Wasserstand stieg nur etwas langsamer. Wir wurden Zeuge, wie ein Rudel offensichtlich herrenloser Hunde, ganz allein, unter sorgsamer Leitung des Leitrüden, die Straße überquerte, auf der zu dieser Zeit allerdings auch nicht gerade viel Verkehr war. Aber das war auch schon der Höhepunkt des Nachmittages.


Sehr früh gingen wir in die einzige Pizzeria am Ort – was wiederum eine sehr gute Idee war, weil direkt danach auch die meisten unserer Leidensgenossen realisierten, das dies das einzige Abendprogramm sein würde. Die Pizzeria machte das Geschäft ihres Lebens. Es dauerte sehr, sehr lange, bis wir unsere Pizza bekamen, aber das störte uns überhaupt nicht. Wir hatten nicht vor, unseren eroberten Tisch in absehbarer Zeit zu räumen, und wenn wir das Nachspeisenbuffet leer essen müssten dafür. Ging aber auch so, selbst als das Licht ausfiel. Was es gegen neun Uhr abends tat, zum Glück hatten wir unsere Pizza schon. Keiner nahm den Vorfall mehr besonders tragisch; das war Korsika, soeben war die Sintflut über uns hereingebrochen, und auf der Arche wird nicht gemeckert, weil es kein Leselicht gibt! Schnell standen Kerzen auf den Tischen. Irgendwoher kam trotzdem Pizza. Wir gingen nicht unzufrieden zu Bett. Der Regen hatte aufgehört.


Am nächsten Tag konnten wir zurückfahren. Langsam und sehr vorsichtig wegen der vielen Bäche auf der Straße und daneben, aber es ging. Wir hatten noch Zeit zum Packen und zum Flughafen loszufahren; die gleiche Strecke übrigens, Aleria lag ziemlich genau in der Mitte, es kann sogar sein, dass wir dort noch eine Pause für die römischen Ruinen auf dem Berg machten, die sich unserem Gedächtnis allerdings nicht besonders eingeprägt haben. Wir denken bis heute nicht ungern an Aleria zurück, und wenn man uns danach fragen würde, würden wir nicht zurückfragen: Welches Aleria? Ich kenne kein Aleria!, sondern wir würden sagen: Ja, wir waren dabei. Bei der Sintflut in Aleria, damals. Der Regen hat uns besiegt, und wahrscheinlich wäre es schlauer gewesen, gar nicht loszufahren. Aber dann gäbe es diese Geschichte nicht, die zwar nicht besonders traurig ist und auch nicht besonders aufregend, aber Aleria und Alesia und dem Kampf gegen das Vergessen gewidmet.   

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Amerika-Notizen

(Kalifornien, Ende der 80er)


Der Fernseher läuft. Immer. Keiner schaut hin.  


Die Straßen sind breit. Beängstigend breit. Und voller Autos! 


Die Autos sind groß. Beängstigend groß. Und innen eher leer.  


Es gibt keine Bürgersteige. Niemand geht zu Fuß. Es wäre auch zu weit.  


Die Häuser in den Vorstädten sehen alle genauso aus. Eingeschossig, flach. Hässlicher Rasen, wenn überhaupt. Dann und wann hat eine Garage einen griechischen Portikus.  


Die Menschen sprechen in einfachen Sätzen. Good job. He is a good guy. He did the right thing. Vielleicht verstehen sie ja, was sie damit meinen. 


Es gibt Waldbrände. Sie sind zum Glück weit weg. Aber am Morgen liegt feiner grauer Staub auf dem Auto. Man muss husten, wenn man ihn sieht.


Wenn man in einen Restaurant kommt, wartet man immer. Auch wenn man reserviert hat. Bis man seinen Tisch hat, ist der Appetit weg. Man muss auch noch hinterher zwei Stunden mit dem Auto zurückfahren.  


Deshalb gibt es so viele Fast-Food-Restaurants. Aber Fast Food ist schwierig. Zu viele Komponenten, zu viele Entscheidungen. Die Schlange drängt.  


Es gibt keine Geschichte. Alt ist vorgestern und wurde gestern frisch gestrichen. Alt ist ein Cable Car. Aber das ist nicht Amerika.


Man geht nicht in die Stadt. Man fährt durch die Stadt hindurch. Man geht nicht in den Wald. Man fährt durch den Wald hindurch. Man geht nicht in den Zoo. Man fährt in der Seilbahn über ihn hinweg. Die Koalas gucken verständnislos.  


Man fährt durch die Wüste. Es geht geradeaus. Endlos. Man 

bekommt Angstvisionen. Das Benzin könnte ausgehen. Draußen ist es heiß. Das Wasser könnte ausgehen. Es wird noch heißer. Am Rand der Straße liegen Reifenskelette. PANIK!  


Am Morgen ist es gefroren am Mono Lake. Wüste war gestern. Es ist menschenleer. Die Erdhörnchen grinsen. Die Farben sind unvorstellbar.  


In der Mitte ist immer ein Einkaufszentrum. Es simuliert eine mexikanische Altstadt. Oder einen italienischen Renaissance-Palast. Oder einen deutschen Weihnachtsmarkt. Die Farben tun in den Augen weh.  


Es gibt keine Kinder. Außer in Disneyland. Sitzen wahrscheinlich vor den Fernsehern und schauen nicht hin. Oder gehen sonntags mit ihren Eltern in die Mall.


Es gibt Kirchen, die sind fast so groß wie Disneyland. Sie haben nur etwas weniger Parkplätze.


Man findet immer ein Motel. Es sieht immer genauso aus. Manche haben einen Pool. Er ist umzäunt und wird nicht benutzt. Man verlässt das Motel gern und schnell. Man hat schon vorher bezahlt. Es gibt sowieso kein Frühstück.  


Der Fernseher läuft immer noch. Aus Versehen schaut man hin. Ein schmierig aussehender Rechtsanwalt macht Werbung für seine Künste. Je mehr Unfälle, desto besser. Aus Schaden wird man reich.  


Wir schalten den Fernseher ab.  

 

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