Philosophisches

 

  

Ein philosophisches Osterei

Der Philosoph und sein Hund.
Ein österliches Geistergespräch

 

Es war kurz nach Ostern. Die blasse Frühlingssonne hatte nach einem langen Winter das Eis von Seen und Bächen geschmolzen, und viel Volk erging sich vor den Toren der Stadt. Von fern konnte man sehen, wie vier gesetzte Herren sich einander näherten; ihre Mantelkrägen waren hochgeschlagen und die Stiefel gut geputzt. Drei von ihnen führten einen Hund bei sich, der vierte hielt eine Hundeleine lose an der Hand, so als habe er sie vergessen. Als sie sich an der Wegkreuzung bei der großen Platane trafen, ergriff der erste von ihnen sogleich das Wort. Er war ein hochgewachsener Mann mit einem perfekt gestutzten Schnurrbart im schmalen, aristokratisch wirkenden Gesicht und trug einen steifen Gehrock mit einem Pelzkragen. An der Leine hielt er einen imponierenden Pudel, er schien gut erzogen und war wie sein Herr mit aller Sorgfalt gestutzt und frisiert. Gelegentlich zog er jedoch an der Leine und warf sehnliche Blicke in die freie Landschaft, ganz so, als wohnten zwei Seelen in seiner Brust, eine gehorsame und gesetzte Pudelseele und eine aufmüpfige, sich nach wilden Locken sehnende Künstlerseele. Als sein Herr nun zum Sprechen anhob, klang seine Stimme so gesetzt und bürgerlich-beruhigend wie sein Gehrock aussah: "Es ist gut, so am Morgen zu gehen, die Sinne verjüngt, die Seele gereinigt von dem Heilbade und langen Lethetrunke der Nacht. Die Illusion eines stetigen, einfachen, unzerstreuten und beschaulich in sich gekehrten Lebens, die Illusion, ganz dir selbst zu gehören, beglückt dich. So glaubst du auch jetzt, die Morgenluft einziehend, an deine Freiheit und Tugend."

 

Die anderen Herren nickten wohlwollend. Einer von ihnen führte ebenfalls einen Pudel an der Leine. Mit seiner Halbglatze über der tiefen Denkerstirn und seinem durchdringenden Blick wirkte er wie ein archaischer Donnergott; der düstere Eindruck wurde jedoch abgeschwächt durch den Backenbart und die etwas pudelmäßig abstehenden weißen Locken auf dem Titanenhaupt. Sein Pudel war schon altersschwach und näherte sich unsicher dem wohlgesetzten Artgenossen, um ihn zu beschnuppern. Mit Donnerstimme herrschte ihn sein Herr an: "Mensch, kannst du dich nicht beherrschen?" "Das ist ja interessant", sagte der Dritte in der Runde; er fiel etwas auf mit seinem bodenlangen, folkloristisch wirkenden Mantel und der dicken Pelzmütze, war bartlos und sprach mit einem leichten französischen Akzent, "wirklich interessant, heißt Ihr Pudel wirklich ‚Mensch‘"? Er selbst hatte einen Mischling dabei, den er freilaufen ließ. Der Backenbärtige erwiderte etwas unwirsch: "Nein, eigentlich heißt er ‚Atman‘", ich nenne ihn nur ‚Mensch‘, wenn er sich schlecht benimmt! ‚Atman‘ aber", und nun verfiel er in einen leicht monotonen Vorlesungston, "ist Sanskrit und bedeutet Welthauch, Atem, Seele – also das universelle, unzerstörbare Lebensprinzip schlechthin! Der Anblick jedes Tieres lehrt, dass dem Kern des Lebens, dem Willen, in seiner Manifestation der Tod nicht hinderlich ist. Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Tiere! Seht das nächste, seht euern Hund an: wie wohlgemut und ruhig er dasteht!" Tatsächlich benahm sich Atman gerade eher allzu menschlich, aber sein Herr fuhr ungerührt fort: "Viele Tausende von Hunden haben sterben müssen, ehe es an diesen kam, zu leben. Aber der Untergang jener Tausende hat die Idee des Hundes nicht angefochten: sie ist durch alles jenes Sterben nicht im Mindesten getrübt worden. Daher steht der Hund so frisch und urkräftig da, als wäre dieser Tag sein erster und könne keiner sein letzter sein, und aus seinen Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip in ihm, der Archaeus"!

 

Nach einer allseits nachdenklichen Pause meldete sich der Herr mit der Pelzmütze wieder zu Wort: "Das verstehe ich gut, oh ja, sehr gut! Der Mensch hat sich zu weit von der Natur entfernt, wir müssen zurück zur Natur, nur so können wir uns von der verderblichen Zivilisation befreien! Im Hund jedoch lebt die Natur noch; er ist frei, er ist mein Freund und nicht mein Sklave, wir hatten immer denselben Willen, doch gehorcht hat er mir nie"! Sein Mischling hatte sich inzwischen von der Vierergruppe entfernt, er hatte nämlich einen weiteren freilaufenden Pudel ausgemacht, der offenbar herrenlos über die vom Eis befreiten Bäche hüpfte. "Ich hatte ihn zuerst ‚Duc‘ genannt", fuhr der Pelzmützige fort, "das ist ein schöner, kurzer Name, aber der Fürst, der ihn mir geschenkt hatte, fühlte sich beleidigt, so sind sie, die hohen Herren! Jetzt nenne ich ihn ‚Turc‘, das ist auch kurz, und die Türken haben sich noch nie beschwert". Turc hatte sich jetzt mit dem herumschweifenden Pudel intimer bekanntgemacht, die Herren sahen gemeinsam zu, und der Aristokratische sagte: "Wissen Sie, ich glaube, das ist dieses Tier, das neulich auf dem Theater zu sehen war! Es gab einen großen Skandal deshalb, und der Theaterdirektor, ein gewisser Goethe, ist sogar zurückgetreten, stellen Sie sich das nur vor!" "Das war also des Pudels Kern!", sagte der Pelzmützige; "ich kann das ja nicht verstehen, Hunde sind künstlerisch ziemlich begabt, meinem Turc habe ich sogar das Tanzen beigebracht!" Wie auf ein Stichwort meldete sich nun der vierte Herr, der bis jetzt geschwiegen hatte. Unter seinem Mantel konnte man ein weißes Hemd mit einem gestärkten Stehkragen erkennen, aus dem sich der Kopf mit einer wirren Haarmähne wie eine von starken Winden zerzauste Skulptur heraushob. Seltsamerweise sprach er in Versen, die er mit musikalischem Feingefühl deklamierte: "Oft, wenn ich des Gewühles satt und müde, mich gern der eklen Welt entwöhnt, Hast du, das Aug‘ voll Munterkeit und Friede, mit Welt und Menschen wieder mich versöhnt". "Er ist taub", flüsterte der Backenbärtige den anderen zu, "wissen Sie, er ist Komponist, ein ganz großer sogar! Aber jetzt hat er nach seinem Gehör auch noch seinen Pudel verloren, er ist untröstlich und spricht nur noch in Versen von ihm!"

 

"Aber er hat ja durchaus und in vollem Umfange Recht", sagte der Aristokratische, "sind die Tiere nicht ungehemmter und ursprünglicher, also gewissermaßen menschlicher in dem körperlichen Ausdruck ihrer Gemütszustände als wir; Redensarten, die unter uns eigentlich nur noch in moralischer Übertragung und als Metapher fortleben, treffen bei hin noch im frischen Wortsinne und ohne Gleichnis zu!" "Außerdem", so stimmte der Backenbärtige bei, "hat der Hund, einen analogen, ihm allein eigenen und charakteristischen Akt vor allen andern Tieren voraus, nämlich das so ausdrucksvolle, wohlwollende und grundehrliche Wedeln. Wie vorteilhaft sticht doch diese, ihm von der Natur eingegebene Begrüßung ab, gegen die Bücklinge und grinsenden Höflichkeitsbezeugungen der Menschen, deren Versicherung inniger Freundschaft und Ergebenheit es an Zuverlässigkeit, wenigstens für die Gegenwart, tausend Mal übertrifft!" "Ich sagte es ja, der Hund ist eben noch ein unverdorbenes Naturwesen, das seine Freiheit lebt", sagte der Herr mit der Pelzmütze etwas melancholisch, "aber deshalb büxt meiner auch manchmal einfach aus. Ich habe in London sogar mal eine Anzeige in die Zeitung setzen müssen, aber mein Gastgeber, ein gewisser Hume, er hält sich für einen Philosophen, konnte einfach nicht verstehen, warum ich so an ihm hänge!" "Du warst so rein von aller Tück‘ und Fehde", warf der taube Musiker unvermittelt ein, "Als schwarz dein krauses Seidenhaar; Wie manchen Menschen kannt ich, dessen Seele, so schwarz als deine Außenseite war".

 

"Durchaus und in vollem Umfange richtig", stimmte der Aristokratische zu, mit liebevoller Strenge auf seinen schwarzen Pudel herabblickend; "der Ausdruck seines Kopfes, ein Ausdruck verständigen Biedersinnes, bekundet eine Männlichkeit seines moralisches Teiles, die sein Körperbau im Physischen wiederholt". Kaum hatte er ausgeredet, fiel schon der Backenbärtige mit seiner tiefen Donnerstimme ein: "Daher auch sind die Tiere weder des Vorsatzes, noch der Verstellung fähig: sie haben nichts im Hinterhalt. Überhaupt spielen die Tiere gleichsam stets mit offen hingelegten Karten: daher sehn wir mit so vielem Vergnügen ihrem Tun und Treiben unter einander zu. Ein gewisses Gepräge von Unschuld charakterisiert dasselbe, im Gegensatz des menschlichen Tuns, als welches, durch den Eintritt der Vernunft, und mit ihr der Besonnenheit, der Unschuld der Natur entrückt ist." Und auch der Pelzmützige stimmte jetzt in den dozierenden Tonfall der anderen ein: "Mein Hund, als ich ihm zum erstenmal drohte, warf sich mit dem Rücken auf die Erde und legte sich mit zusammengezogenen Pfötchen in eine so bittende Stellung, daß sie ganz geeignet war, mich zu rühren. Wie! Hatte mein noch ganz kleiner und kaum erst geborener Hund etwa schon moralische Begriffe erworben? Wußte er etwa schon, was Gnade und Großmut war?" Die anderen Herren nickten zustimmend. Der taube Musiker summte schon seit einiger Zeit vor sich hin, und alle lauschten hingebungsvoll, als er wieder in Verse verfiel: "Allgeber gab dir diese feste Treue, Dir diesen immer frohen Sinn; Für Tiere nicht, damit ein Mensch sich freue, Schuf‘ er dich so, und mein war der Gewinn".

 

Eine kleine, solidarische Stille trat ein. Für einen Moment war es, als würde ein sanfter Luftzug die Gruppe umkreisen, ein sanfter Westwind mit einer Verheißung von Freiheit und Sommer. Auch die Hunde wurden aufmerksam, sie zogen die Schwänze ein und begannen wie wild den Boden um die Gruppe herum abzuschnüffeln. Ihre Herren selbst spürten mehr als sie sahen, wie eine Gestalt vorbeischwebte. Es war ein ehrwürdiger Mann in ihrem Alter, er trug eine Toga und die Idee eines Vollbartes, und er führte ein geisterhaftes Selbstgespräch: "So glaubst du denn also, daß, wer ein guter Wächter werden soll, auch das noch bedarf, daß er außer dem Leidenschaftlichen überdies seiner Natur nach ein Denker, also ein Philosoph, sei? Auch das kannst du an den Hunden bemerken, und es ist wirklich bewundernswürdig an dem Tiere: Daß, wenn es einen Unbekannten sieht, es böse wird, wenn ihm auch zuvor kein Leid geschehen ist, und wenn es einen Bekannten sieht, es freundlich ist, auch wenn ihm nie von diesem etwas Gutes zuteil geworden ist. Das scheint eine hübsche Eigenheit seiner Natur zu sein, und etwas wahrhaft Denkerisches. Sofern er eine befreundete und eine feindliche Erscheinung nach nichts anderem unterscheidet als danach, daß er die eine kennengelernt hat, die andere nicht. Und wie sollte nun das nicht wißbegierig sein, was nach Wissen und Nichtwissen das Eigene und das Fremde unterscheidet?"

 

Gemeinsam hatten die Hunde, als treue Wächter, ein Gebell angeschlagen, und wie aus einem Traum erwachend sahen sich die vier Herren an. "Wunderliche Seelen, diese Hunde!", murmelte der Aristokratische, "so nah befreundet und doch so fremd, so abweichend in gewissen Punkten, daß unser Wort sich als unfähig erweist, ihrer Logik gerecht zu werden". "Wissen Sie", sagte der Pelzmützige verträumt, "dass es bei den Alten eine ganze Sekte gab, die sich nach den Hunden nannte, die Kyniker nämlich? Sie führten ein sehr asketisches Leben, ein Hundeleben, so meinten die Leute jedenfalls. Diogenes war eines ihrer berühmtesten Mitglieder. Als nun eines Tages Alexander der Große Diogenes in seinem bescheidenen Hundehaus besuchte und sich selbst als Alexander, der König, vorstellte, da sagte besagter Diogenes, er sei Diogenes, der Hund! Ist das nicht wahrhaft frei und großartig?" Von der Stadt her hatten die Kirchenglocken zustimmend zu läuten begonnen, und die Tiere wurden immer unruhiger. Der aristokratische Pudel hatte sich von seiner Leine befreit und war davongejagt, er hatte wohl die Idee eines Kaninchens gerochen. Atman war dageblieben und wedelte etwas altersschwach, aber herzlich, und sein Herr strich ihm über den Kopf und sagte: "Brav, Atman!" Auch Turc hatte schon seit einiger Zeit begonnen, an dem langen Mantel seines Herrn zu ziehen, der sich nun freundlich zum Abschied verneigte und sagte: "Wir haben immer denselben Willen!"

 

Während die drei Gestalten mit ihren Gefährten sich in unterschiedliche Richtungen unter der immer noch blassen Frühlingssonne verloren und die Osterglocken kein Ende finden wollten, war allein der taube Musiker mit der Löwenmähne zurückgeblieben. Er hatte sich ein wenig verlaufen, das passierte ihm häufiger, früher hatte ihn sein Pudel dann nach Hause geleitet. Aber es würde sich auch heute eine mitleidige Seele finden, und der Teufel würde es schon nicht sein. So summte er weiter friedlich vor sich hin: "Mein Herz soll nicht mit dem Verhängnis zanken, um eine Lust, die es verlor; du, lebe fort und gaukle in Gedanken mir fröhliche Erinnerungen vor". Und so ging er mit seinem unsterblichen Pudel nach Hause.

 

Auflösung des Ostereis: 

 

* Der Aristokratische: Thomas Mann, Träger des Literaturnobelpreises, langjähriger Pudelbesitzer, Zitate nach: Herr und Hund (1919).

** Der backenbärtige Donnerer: Arthur Schopenhauer, Philosoph, langjähriger Pudelbesitzer; Zitate nach: Die Welt als Wille und Vorstellung (1819).

*** Der Pelzmützige mit dem langen Mantel: Jean-Jacques Rousseau, Philosoph, langjähriger Mischlingsbesitzer; anekdotische Überlieferung verschiedener Aussagen über seine Hunde Duc/Turc und Sultan sowie Zitat nach Émile (1762).

**** Der taube Musikant mit der Löwenmähne: Ludwig van Beethoven, Komponist, Hundebesitzer, vertonte eine Elegie auf den Tod eines Pudels (um 1793). 

***** Der alte Mann mit der Idee eines Vollbartes: Platon, antiker Philosoph; Zitat nach: politeia (zwischen 390 und 370 v. Chr.). 






Die Schule von Athen
und die verborgene Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze

 

Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

 

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

 

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

 

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

 

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken., Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die ihr Heil nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur Aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

 

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. Es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

 

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.


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