Philosophisches

 

  




Die Schule von Athen
und die verborgene Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze

 

Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

 

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

 

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

 

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

 

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken., Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die ihr Heil nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur Aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

 

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. der im Übrigen viele weitere zeitgenössische Porträts im Bild versteckt hat; es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

 

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.


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