Ein Leuchtturm für Sokrates

 

Ein Leuchtturm für Sokrates (mit Erlaubnis der Illustratorin)

 

Ein Leuchtturm für Sokrates
   26 Alltagsbegriffe philosophisch durchleuchtet

zu bestellen bei:  

Mattes Verlag Heidelberg:

 http://www.mattes.de


 

 

Klappentext

 

Wir fahren mit Bonusmeilen in den All-Inclusive-Urlaub, surfen cool durch die sozialen Netzwerke, joggen eine Runde in Designer-Turnschuhen durch den Entsorgungs-Park, schimpfen in Umfragen über die Heuschrecken und erfreuen uns im Reality-TV an einem ordentlichen Zickenkrieg. Was hätte Sokrates zu all dem gesagt? Muss die Philosophie resignieren angesichts all der neuen Wörter aus Medien, Marketing und Internet, die unseren Alltag überfluten? Bei genauerer philosophischer Beleuchtung zeigt sich, dass man unter dem modischen Begriffsgewand häufig die traditionellen „großen Fragen“ der Geschichte des menschlichen Denkens entdecken kann. „Ein Leuchtturm für Sokrates“ bietet Orientierung für all diejenigen, die sich nicht nur auf die Anweisungen ihres Navis verlassen, sondern der Philosophie auch im Alltag eine Chance geben wollen.

 

Inhalt

All-Inclusive * Bonusmeilen * Cool * Design * Entsorgung * Formel 1 * Geiz (ist geil) * Heuschrecke * Innovation * Jogging * Korrekt, politisch * Leuchtturm * Monopoly * Netzwerk, soziales * O-Ton * Passwort * Quantensprung * Reality TV * Star Trek * Twittern * Umfrage * Visualisierung * Wikipedia * XXL * Yeti * Zickenkrieg


  

Leseprobe

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

bei der Lektüre des Titels dieses Buchs mögen Sie ins Grübeln geraten sein: Ist denn mein Alltag wirklich philosophisch? Ist er nicht eher mausgrau, allzu alltäglich und gar zu trivial, immer viel zu stressig und höchstens dann und wann aufgehellt von einem unerwarteten Sonnenstrahl oder einer unverdienten Freundlichkeit – aber philosophisch, bedeutungsvoll oder tiefgründig? Und selbst wenn er das wäre, was nützt es mir bitte? Philosophie ist für alte Männer mit langen Bärten, die nichts Besseres zu tun haben, als sich mit dem Sinn des Lebens zu beschäftigen und darüber auch noch dicke Bücher zu schreiben!

 

Lieber Leser, dies ist kein dickes Buch, und die Autorin trägt keinen Bart, auch keinen philosophischen. Und Ihr Alltag ist und war schon immer philosophisch, egal ob sie das wollten oder wussten. Alles, was mit dem Menschen zu tun hat, ist von vornherein philosophisch, und zwar nicht nur sein Denken oder was er dafür hält, sondern sein Leben insgesamt (das wussten die „Lebens“-Philosophen aller Zeiten, und die „Schul“-Philosophen haben es nur nicht zugeben wollen). Und nichts ist so unbedeutend oder eintönig, dass man nicht den einen oder anderen, oberflächlichen oder tiefen, neuen oder schon etwas angegrauten Gedanken dazu fassen könnte. Ob diese Erkenntnis Ihnen allerdings nützt (und wozu?), ist eine andere Frage – die Sie aber besser nach Lektüre dieses Buches beantworten sollten (und dann hoffentlich positiv).

 

Nun ist es ja nicht so, dass es keine philosophischen Begriffswörterbücher gebe, im Gegenteil: Sie füllen Regalbretter, Bibliotheken,Kataloge, meterweise und höchstwahrscheinlich schwer verstaubt. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass Sie viele derjenigen Dinge, die Ihren allzu-alltäglichen Alltag prägen, gerade nicht in diesen Kolossen des Wissens finden werden -wir alle sind nämlich zu Beginn des 21. Jahrhunderts umgeben von einer Flut neuer Wörter. Sie brechen über uns herein, aus dem virtuellen Kosmos des Internet, der globalisierten Wirtschaft, dem Dauerfeuer der Medien - und täglich werden es mehr. Verstehen Sie Ihren Alltag wirklich noch?

 

Aber, werden Sie sagen, liebe Leserin, dafür gibt es doch Google, Wikipedia, das ganze grenzenlose WWW! Wer braucht da noch verstaubte alte Bücher und noch verstaubtere bärtige Philosophen? Man braucht sie, so behauptet dieses Buch, eben dafür, den Bart unter dem topmodischen Bürstenschnitt und der hip eingefärbten und durchgesträhnten Lockenpracht zu finden und ihn sozusagen zu entstauben! Denn die Wörter mögen neu sein; schaut man ihnen aber unter das (sehr häufig englisch geschneiderte) Begriffsgewand, findet man erstaunlich häufig genau Probleme, die den Alltag im antiken Athen ebenso wie im „finsteren“ Mittelalter prägten, die im Europa der Aufklärung ebenso wie in der gerade sich selbst historisch werdenden Moderne auf der Tagesordnung stehen. Die Menschen sind scheinbar nicht ganz so veränderlich, wie ihre Sehnsucht nach neuen Wörtern und modischen Begriffen es suggeriert;und umgekehrt weisen gerade die allermodischsten Modewörter häufig auf ein darunter verstecktes traditionelles Problem oder Phänomen, das an Bedeutung nicht verloren hat. Man muss es nur finden. Google findet es (meistens) nicht (es hilft aber, das gibt auch die Autorin mit großer Dankbarkeit zu, ganz erheblich beim Suchen). Und wenn man es gefunden hat, dann kann man weiter suchen: Vielleicht haben die bärtigen Philosophen mit ihrer vielen Zeit und ihrem Expertentum für den Sinn des Lebens doch etwas dazu zu sagen gewusst,in ihrer ganz persönlichen Sprache und mit den Wörtern ihrer Zeit - die deshalb auch in diesem Buch nicht immer ins „Moderne“ übersetzt werden, sondern fremde Stimmen einer anderen Zeit bleiben dürfen, mit denen man aber in ein Gespräch treten kann.

 

Wenn Sie, lieber Leser, liebe Leserin, meinen, dafür keine Zeit zu haben: Nehmen Sie sie sich, in kleinen Häppchen, zwischen einem schnellen Twitter und einer Stippvisite bei Facebook, vor dem Zickenkrieg in der Reality-Show oder nach dem Joggen, im all-inclusive-Urlaub oder auf der Suche nach dem Yeti - all dies sind übrigens Stichwörter, die Sie in diesem Buch finden werden. Sie können es natürlich auch am Stück lesen, und vielleicht merken Sie dann sogar, dass es einen Zusammenhang gibt: Es ist der Zusammenhang unseres philosophischen Alltags mit der philosophischen Welt, die uns umgibt – in neuer begrifflicher Gestalt zwar, aber verbunden mit den alten und ältesten Fragen.  

 

Und so grübelt Sokrates immer noch - nicht mehr auf dem Forum oder beim Symposion, sondern zwischen Leuchttürmen, Heuschrecken und Joggingschuhen; vielleicht googelt er sogar heimlich und hat einen Facebook-Account? Setzen wir uns für einen Moment zu ihm, vergessen wir unseren grauen Alltag – und entdecken wir unseren philosophischen!


 

 

Leuchtturm, 

Gebäude meist in Form eines Turms, das ein Leuchtfeuer aussendet und dadurch Schiffen den Weg weist und sie vor gefährlichen Untiefen warnt. Leuchttürme stehen meist an exponierten Stellen am oder im Meer; sie sind seit der Ausrüstung mit Fresnel-Linsen ab etwa 1820 durch eine bestimmte Frequenz der ausgesendeten Lichtzeichen eindeutig zu identifizieren. Metaphorisch wird der Begriff „Leuchtturm“ seit jeher gern verwendet, um etwas zu bezeichnen, das weithin sichtbar ist und orientierenden Charakter hat; so beispielsweise bei „Leuchtturmprojekten“ in Wissenschaft und Forschung. In ihrem Roman To the Lighthouse hat die englische Autorin Virginia Woolf den Leuchtturm zum Leitmotiv der modernen Suche nach Orientierung gemacht: „For they must go for the Lighthouse after all“. Es wird allerdings ein halbes Leben dauern, bis die Romanfiguren dieses eigentlich ständig in Sichtweite befindliche Ziel ihrer kindlichen Sehnsucht endlich erreichen.

 

Türme haben schon in der frühen Menschheitsgeschichte gleichermaßen die Erhebung des Menschen hin zu Gott symbolisiert als auch orientierende Funktionen ausgeübt. Ein erstes Leuchtturmprojekt in diesem Sinne war der wohlbekannte Turm von Babel: „Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis in den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! Denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder“ (Genesis 11, 4). Archäologen konnten beweisen, dass ein Turm von Babylon wirklich existiert hat. Es handelte sich wahrscheinlich um eine Tempelanlage in Form eines Zikkurat, im Format quadratisch-praktisch-gut: Seine Grundfläche betrug ebenso wie seine Höhe mutmaßlich 91 Meter. Im ersten Jahrtausend vor Christus wurde er mehrfach zerstört und wieder neu aufgebaut; der letzte in einer langen Reihe von Eroberern, die sich hier als Baumeister betätigten, war Alexander der Große. Die Sprachverwirrung, die Gott als Strafe für die menschliche Überhebung im unmittelbaren Anschluss an die Tat verhängte, war zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen, der Zerfall der Bausubstanz nur noch eine Frage der Zeit („There’ll be no landing at the Lighthouse tomorrow“ - so werden auch bei Virginia Woolf die sehnsüchtigen Kinder immer wieder abgewiesen).

 

Vor der Zeitenwende haben es aber bereits zwei andere, im doppelten Sinne „Leuchtturmprojekte“ in die Hitliste der Weltwunder geschafft: der Koloss von Rhodos und der Pharos von Alexandria. Bei ersterem handelte es sich um eine über 30 m hohe (also nur ein Drittel des Babel-Turms) monumentale Bronzestatue des Sonnengottes Helios, die an der Hafeneinfahrt von Rhodos in zwölfjähriger Bauzeit erreichtet wurde; die Rhodier glaubten, ihr Schutzgott habe sie vor der Eroberung durch Demetrios I. gerettet. Bis weit in spätere Zeiten war der angeblich mit von Mole zu Mole gespreizten Beinen dastehende Gott ein beliebtes Bildmotiv (er müsste allerdings dafür eine Schrittweite von ca. 750 m gehabt haben). Seine Lebensdauer war jedoch wie die des Babylon-Projekts begrenzt: Bereits 224 vor Christus stürzte er bei einem Erdbeben ein – was gleichzeitig diejenigen Autoren in der antiken Literatur bestätigte, die in ihm schon immer ein Symbol des menschlichen Größenwahns gesehen hatten („No going to he Lighthouse, James“, sagt der Vater immer wieder mit erhobenem Zeigefinger).

 

Während es nicht ganz zu klären ist, ob der Koloss wirklich auch als Leuchtfeuer diente, steht das beim Großen Leuchtturm von Alexandria fest. Er soll über 100 Meter hoch gewesen sein (also etwas höher als der Turm von Babel) und ruhte auf einer massiven Plattform aus Granit, die mit Götterbildern geschmückt war. Nach seinem Standort auf der Insel Pharos, gelegen am Hafeneingang nach Alexandria, wurde er auch pharus alexandrinus genannt; daraus leiten sich die Wörter für Leuchtturm in den romanischen Sprachen ab (frz. phare, it. faro). Auch er fiel einer Reihe von Erdbeben zum Opfer, hielt sich jedoch immerhin noch bis zum 14. Jahrhundert halbwegs aufrecht. Eine Anekdote, die Lukian von Samosata über seinen Baumeister Sostratus erzählt, thematisiert dabei bereits die Vergänglichkeit von ambitionierten Leuchtturmprojekten: „Erinnere dich, wie es jener knidische Baumeister machte, der den berühmten Leuchtturm auf Pharos,eines der größten und schönsten Werke in der Welt, baute, um aus dessen Spitze den Seefahrern bei Nacht ein Zeichen zu geben, um sich vor den Klippen von Parätonium hüten zu können, zwischen welche man ohne die äußerste Gefahr nicht geraten kann. Wie er dieses große Werk vollendet hatte, grub er seinen eigenen Namen in den Stein, woraus es erbaut ist; den Namen des damaligen Königs hingegen bloß auf den Kalk, womit er den Stein überzog; wohl wissend, daß diese Aufschrift in ziemlich kurzer Zeit mit der Tünche abfallen und alsdann jedermann die Worte lesen würde: ‚Sostratus, des Dexiphanes Sohn, von Knidos, den erhaltenden Göttern, für die Seefahrer.‘ – Dieser Sostratus sah also über die kurze Zeit seines eigenen Lebens hinaus, in die jetzige und in alle die künftigen Zeiten hinaus, solange der Leuchtturm von Pharos, als Denkmal seiner Kunst, dauern wird“.


 

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