Philosophische Essays

 

  

 

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Rettet die Mitte! 
Eine Apologie der Mäßigung

 

Von zwei ganz hohen Dingen; Maß und Mitte redet man am besten nie. Einige wenigen kennen ihre Kräfte und Anzeichen, aus den Mysterienpfaden innerer Erlebnisse und Umkehrungen: sie verehren in ihnen etwas Göttliches und scheuen das laute Wort. Alle übrigen hören kaum zu, wenn davon gesprochen wird, und wähnen, es handele sich um Langeweile und Mittelmäßigkeit:Jene etwa noch ausgenommen, welche einen anmahnenden Klang aus jenem Reich einmal vernommen, aber gegen ihn sich die Ohren verstopft haben. Die Erinnerung macht sie nun böse und aufgebracht.

Friedrich Nietzsche


Die wahre Mitte ist nur, zu der man immer wieder zurückkehrt von den eccentrischen Bahnen der Begeisterung der Energie, nicht die, welche man nie verlässt.

Friedrich Schlegel  

 

Ist die Mitte noch zu retten? Die Frage scheint auf den ersten Blick höchst überflüssig: Drängen nicht alle immerzu in die Mitte? Suchen nicht die Politiker inzwischen beinahe aller Parteien ihr Heil in der (meist als "bürgerlich" titulierten) Mitte, und sei es nur, um die verbleibenden Minderheiten leichter als "extrem" diffamieren zu können? Denn wer extrem lebt, lebt gefährlich – was einer Gesellschaft, in der sogenannte "Extremsportarten" immer mehr an Beliebtheit gewinnen und die organisierte extreme Erfahrung in Dschungel-Camps oder im Big-Brother-Container zumindest passiv gern goutiert wird, allerdings wiederum ziemlich egal zu sein scheint. In der Mitte lebt es sich zwar gut, aber langweilig; in der Mitte leben die Spießer, die Philister, die Angepassten, an den Grenzen hingegen die Abenteurer, die Avantgarde, die Außenseiter. Das politische Kalkül ist insofern nur ein logisches Abbild einer paradoxen Situation: Faktisch gesehen befinden sich die meisten Wohlstandsbürger in den besseren Bezirken der globalisierten Weltgesellschaft in einer diffusen gesellschaftlichen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen Mitte – und möchten sicherheitshalber lieber dort bleiben. Ideologisch angesagt und intellektuell gefragt hingegen sind, je voller die Mitte wird, das Extreme, das Exzellente, das Extraordinäre – das man aber, wenn man nicht der Typ dafür ist, dann doch lieber vertretungsweise von anderen ausagieren lässt, um sich von deren Erfolgen wie Misserfolgen aus sicherer Entfernung erbauen zu lassen. 

[...]


 

(eine vollständige Version des Textes finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)


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