Besuchen Sie Europa!

Tour de France 2016, oder: 
Hymne auf die Zivilisation

 

Prolog

 

Am Anfang war ein Raub. Ein Coup.

Waren Gewalt und Täuschung.

(Zivilisation beginnt mit Chaos. Immer)

Zeus raubt Europa. Königstochter aus Phönizien,

jenseits des Mittelmeers in Vorderasien gelegen.

Sie spielte dort am Strand, nichtsahnend, als ein weißer Stier

dem Meer entstieg. Schön soll er gewesen sein, nicht wild,

mit Blumen um die Hörner.

Europa

(ihr Name soll besagen: die mit der weiten Sicht)

vertraute ihm.

(Das war ein folgenschwerer Fehler.

Nicht besonders weitsichtig)

Er entführte sie,

nach Kreta, weit über das Meer hinweg.

                   

Auf späteren Gemälden plätschern die Wellen friedlich,

Delphine umspielen das Paar, der Stier hat Kuhaugen

und lächelt selig. Europa auch. Zünftig im Damensitz.

    

Was danach geschah, ist unklar. Ovid

spricht von ‚Verwandlung‘, vielleicht war es doch eher

Vergewaltigung?

(Einvernehmlich oder nicht, wer kann das schon wissen?

Sexualität kann man nicht zähmen,

noch nicht einmal mit Zivilisation. 

Nur eindämmen)

       

Und so bekam Europa seinen (ihren!) Namen.

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!


 

Grenzübergang

   

Wenn man von Kehl nach Straßburg fährt,

sieht man die neue Rhein-Brücke:

Mit Doppelbögen, für die Tram von Kehl nach Straßburg,

natürlich durchgehend.

An Völkerfreundschaft wird gebaut.

(Können Völker eigentlich befreundet sein?)

Horizontal und in die Höhe:

Hochhäuser, chromglänzend,

wahrscheinlich klimafreundlich,

weite Straßen, Platz für Plätze, Shopping-Malls

für gutverdienende europäische Kosmopoliten.

(Globalisierungsgewinner. Zivilisation

ist ein Grenzphänomen).

              

Die Andern warten.

Dunkelhäutig meist. Beladen

mit bunten Plastiktüten.

Auf den Bus. Die Tram.

(die Verlierer). 

Auf was?

Auf was auch immer kommen mag.

Den Bus. Die Tram. Ein neues Leben.

(Wie viele Bögen werden nötig sein,

um diesen Spalt zu schließen?)

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

            

 

Weltkriegsland

   

Wo früher Schlachtfeld war, ist heute Autobahn.

(völkerverbindend selbstverständlich)

Man kennt nur die berühmtesten:

Verdun natürlich, und die Somme.

Man fährt vorbei an braunen Hinweisschildern:

Soldatenfriedhöfe, Gedenkstätten;

dann wieder Kathedralen und Chateaus.

(Das Gewissen zuckt ein wenig)

Die Sonne scheint sehr friedlich. 

Weite Getreidefelder, riesig gelbe Flächen, 

dann und wann

mit kleinen grünen Bauminseln versetzt.

(Kulturlandschaften überleben. Das meiste jedenfalls).

             

Die Bauern haben Strohballen zu Türmen aufgebaut,

Schlösser mit Mauerscharten und Traktoren,

Strohkunstwerke. Sie kündigen ein Fest an:

Ball trap‘. Demnächst. Tontaubenschießen.

(Die Phantasie versagt. Kein Krieg mehr)

Dies ist ein Land im tiefsten Frieden,

das höchstens noch Tontauben meuchelt.

Trotz Terrorwarnung.

Soldaten, dunkelhäutig meist auch sie,

stehen verloren vor Kathedralen,

mit schweren Waffen, wortkarg in der prallen Sonne.

(Niemand fürchtet sich besonders.

Man hat eher Mitleid.)

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!

           

 

Verkehrserziehung

   

Man fährt weiter. Sogar die Autobahn

ist hier entspannend: Man zahlt und ist beruhigt.

Man fährt nur mäßig schnell, und alle halten sich daran.

(Welch Einsicht! Höhere Vernunft!

Zivilisation ist Triebbeherrschung,

freiwillig und gern)

       

„Gare“ heißen die Mautstationen hier, 

sie haben Parkplätze und saubere WCs.

„Aire“ heißen die Parkplätze hier, 

sie haben Picknickbänke und Mülltrennung.

Kunstwerke säumen den Fahrbahnrand hier. Schön und witzig.

Durch Kornfelder rauscht der TGV vorbei, ein schlanker Pfeil.

Ein Zebrastreifen führt von Kohlfeld zu Kohlfeld.

(Zivilisation ist geübte Rücksichtnahme,

auch wenn keiner zuschaut)

        

Mit den Kreiseln nähern sich die Städte.

Das Navi kommt kaum hinterher:

„Nehmen Sie die zweite Ausfahrt. Dann die dritte! Jetzt die zweite!“

(Orientierung hilft. Im Notfall auch eine Maschine)

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

       

 

Blühende Städte

   

Und jede Stadt, fast jedes Dorf hat sich geschmückt für uns,

(Zivilisation ist schöner Schein, ein freundliches Gesicht)

mit einem Titel, staatlich akkreditiert natürlich:

    

„Ville d’art et d’histoire“ ist für die Großen,

die eine Kathedrale haben. Oder ein Schloss.

Vergangenheit, Geschichte, Kriege, Morde.

    

Wer nicht genug Geschichte hat, kann

noch „Ville de Charme“ sein. Klein, aber fein.

(Charme ist die kleine Schwester von schön:

reizend, ohne dass man weiß, warum)

     

Wenn es mehr ländlich ist: ein „Village de caractère“.

(Charakter ist der kleine Bruder:

nicht schön, noch nicht mal reizend,

aber eindrucksvoll; eine Persönlichkeit!)

     

Wenn es noch kleiner ist, bleibt das „Village ètape“

(bescheidner Zwischenstop auf einer großen Straße,

das Leben braucht schließlich auch Pausen).

     

„Village fleuri“ jedoch kann jede werden.

Von einer bis zu vier Blumen vergibt ein strenges Komitee.

Für vier Blumen braucht man prächtigste Blumenkörbe,

an jeder Straßenlaterne einen, mindestens,

an jeder Böschung ausladende Rabatten,

an allen Kreiseln Blumenkunstwerke.

Fleißige Geister müssen des Nachts durch alle Gassen huschen,

gallische Heinzelmännchen mit Gartenschläuchen

und großen Körben für alles Abgeblühte.

(Zivilisation ist sehr viel Arbeit für ein wenig Blüte.

Europa hat den Stier bekränzt.

Hat sie ihn doch gezähmt?)

             

Man hofft, dass jemand hinschaut. Viele aber

fahren nur durch.

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!

 

 

Steinerne Opfer

 

Sie alle aber halten in Carnac.

Gibt es mehr Steine oder Menschen hier?

Sauber getrennt sind beide in der Hochsaison:

(Zum Schutz der Steine)

Hier Steine zwischen Heide, sauber ausgerichtet, 

seriöses Grau,

dort Menschengewusel. Bunt. Chaotisch. Laut.

Die Heide darf nun wieder wuchern, ungestört,

von Farnen unterlegt,

wie vor Jahrtausenden.

(Nur auf stabilem Boden stehen Steine

für die Ewigkeit)

Einige sind schon vor langer Zeit gefallen,

verbaut, verschleppt, die Reihen haben Lücken.

Andere stehen stolz, haben Charakter, wenn nicht Charme:

Ein Fingerzeig zum Himmel. Ein Fuß, ein Quadrat. 

                        

Wozu die Arbeit, all die Plackerei, die Menschenleben,

für Reihen nackter Steine, größenmäßig wohlgeordnet ?

(Zivilisation war schon in grauer Vorzeit Ordnung)

Mehr Theorien als Steine wurden schon gewälzt,

mit Märchen unterlegt, Geschichten aufgetürmt. 

Am Ende

war es am Anfang doch, wie immer: Religion.

Kraftakte des Glaubens. Nur für Götter

nimmt man solche Opfer auf sich.

(Zivilisation braucht Opfer. Das vergisst sich leicht,

wenn man genug Maschinen hat)

           

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

   


Wettbewerbe I: Himmelsstürmer

 

Auch die Kathedralen,

wie Perlen aufgereiht von Stadt zu Stadt im Herzen Frankreich,

waren ein großer Wettbewerb,

Jahrhunderte vor Michelin und ‚Ville fleuri‘:

Wer strebt höher? Wer schmückt prächtiger? Wessen Fenster

leuchten bunter? Wer blieb heil

im Feuersturm der Kriege und Zerstörungen?

Überlebte gar die Renovierungen eifriger Denkmalschützer?

         

In Chartres thront die Kathedrale hoch über der Stadt.

Sonntagsspaziergänger umzingeln sie.

Drinnen ist Schatten,

draußen gibt es Eis.

Wenige nur schauen in die Höhe.

      

In Reims lächelt der Engel milde.

Vielleicht ein wenig auch ironisch?

Von oben herab?

Charmant ganz sicher.

Er hat so viel gesehen.

Die Krönungen, all die Spektakel, damit der König

nicht nur allmächtig, sondern auch noch christlich wird.

(Zivilisation und Religion waren noch eines.

Heute ist Laizismus. Angeblich.

Aber man streitet über Burkinis).

           

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!

 

 

Wettbewerbe II: Bretonische Pagoden

   

Ein wenig später und ein wenig weiter westlich

prahlen die Dörfer der Bretagne mit Calvaires:

Wer hat den schönsten, größten, den figurenreichsten?

Die Renaissance hält Einzug am Ende der Welt:

In grobem Stein zwar grob gemeißelt,

aber in klassischer Form gedacht.

Die Beinhäuser haben perfekte Proportionen.

(Zivilisation ist eine Verhältnislehre. Bis in den Tod)

         

Die Kirchen allerdings sind etwas breit geraten,

ducken sich erdnah vor den Stürmen,

breiten sich aus mit Kuppelstaffeln, Steinlaternen und Kapellen.

Wirken auf einmal wie Pagoden,

Hortensien umkränzen sie, nicht fremd.

(Auch sie sind aus dem Osten. Zivilisation

breitet sich aus)

        

Im Inneren haben sich Heilige versteckt,

vor einer Welt, in der sie niemand mehr erkennt:

Für jede Krankheit einer, für das Rheuma

wie für das Magengeschwür.

Dazwischen aber

hat sich auf einmal ein Satyr versteckt, bocksbeinig;

und das Gewand rutscht der Maria

ein wenig zu lasziv von ihrer Schulter

(in Florenz wäre sie eine Aphrodite)

          

Auf den Kalvarienbergen drängen sich Gestalten,

vielarmig verschlungen wie auf indischen Tempeln

sind die Bösen, die der Höllenrachen ausspeit.

Unter dem Kreuz aber stehen zwei Esel,

sehr demütig und sehr symmetrisch.

(die Bibel weiß von ihnen nichts)

Dazwischen ist, ganz heimlich, eine Treppe angelegt:

Von oben herab spricht der Pfarrer zu seinen Schäfchen.

(Wie deutet er die Esel? Zivilisation ist Interpretation).

 

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

 

 

Playmobil-Klöster

               

Die größte Abtei Europas.

Eine Klosterstadt mit Flächenwachstum.

Fontevraud bewirbt sich selbst, in Höchstform.

Was man sieht, ist: Playmobil.

Gesandstrahlt, weiß und kahl.

Leer ist die weite Kirchenhalle. Hinten liegen,

fremdartig aufgebahrt, zwei Königspaare einer anderen Welt,

die noch Könige kannte. Idealgestalten.

Nur eine winzige Tafel zeigt an:

Hier ruht Richard Löwenherz

(Zivilisation braucht Helden)

            

Beherrscht wurde die Klosterstadt von Frauen.

Äbtissinnen, sehr mächtig, Generationen lang.

Die Fresken im Kapitelsaal zeigen sie,

stille Beobachterinnen am Rande,

immer dabei, schon damals bei der Kreuzigung und Auferstehung.

Dann aber kam die Revolution. Fontevraud wurde

zum Gefängnis, über hundert Jahre lang. Das härteste,

so hieß es, in ganz Frankreich.

Nur wenige Umbauten waren nötig.

Die Ausstellung belehrt uns, auf Tafeln,

im weitläufigen Kreuzgang:

(leer und weiß auch er, kein Brunnen, keine Blumen)

dass Macht gleich Macht ist. 

Kloster und Gefängnis, beides eins;

die Menschen eingesperrt, gezwungen

zur Routine. Arbeiten und beten.

Uniformen. Hierarchie. Bestrafung.

(man sieht die Äbtissinnen förmlich,

stille Beobachterinnen am Rand,

wie sie sich weinend wegdrehen

angesichts der Ungerechtigkeit

und des Unverstands der Nachwelt.

Wo Leere ist, wird Deutungsmacht geboren.

Die Toten können sich nicht wehren)

                         

Allein der Küchengarten ist hier noch lebendig.

Man freut sich der wild wachsenden Blumen und Gemüse. 

(Nicht playmobil-tauglich, zum Glück)

    

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!

 

 

Disney an der Loire

   

Jemand hat das Wasser abgelassen. 

Chambord,

das größte der Loire-Schlösser, das phantastischste,

ein weißes Taj Mahal mit Schornsteinen,

steht in der Wüste.

Nackter gelber Rasen. Brauner Schlamm,

wo eigentlich das Spiegelbild sein sollte.

Reine Kulisse. Schon damals,

als es errichtet wurde:

Ein Jagdschloss. Gebaut nur zum Prahlen,

eine Trophäe für verdiente Krieger. Ein Asyl

für einen verjagten König. Möbel wurden

auf Geheiß herbei geschafft. Und wieder weg.

Dann wieder eine Großjagd. Oder Theater.

Niemand hat jemals hier gelebt.

(Zivilisation kann man nur leben. Nicht bauen)

                

Das hat sein Gutes: Keine Geschichte belästigt

die Touristenströme. Jeder darf das Phantom

mit seinen eigenen Märchen ausstaffieren.

(Wenn er will und kann. Notfalls hilft Disney)

Allein die Wappentiere erzählen noch Geschichten:

Salamander, Hermeline, Stachelschweine.

Später dann wurde Chambord Lazarett.

(immerhin nicht Gefängnis)

Die Kunstwerke des Louvre überstanden hier.

(Manchmal ist Zivilisation auch nur ein Rahmen)

           

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!

   


Abgeschrieben

 

Das Meer kommt und geht. 

Was aber bleibt,

ist dieser Stein,

sind Steine über Steine,

bis beinahe an den Himmel,

ein goldglänzender Engel oben auf der Spitze tanzend:

       

Mont St. Michel.

Ein Dom auf einem Berg.

Ein Kloster,

eine Bibliothek,

(natürlich auch: Gefängnis, später)

wo einmal Mönche saßen, tief gebeugt, und abschrieben,

sehr sorgsam, blau und gold und rot,

einfach nur abschrieben, sie selbst nicht mehr

als eine Feder, die verbraucht wird,

damit die Texte überleben.

(wer zählt die Namen: Aristoteles. Cicero. Hippokrates,

wer ist vergessen, weil ihn niemand abschrieb?),

             

Doch wo die Pilger strömten, sahen, staunten,

nach langer Wanderung, erschöpft und staubig -

(ohne Navi. Sie folgten Gott)

da ist nun Rummel. Jeden Tag.

Millionen wollen den Berg sehen

(nicht aber Manuskripte lesen).

Wenn jeder nur einen einzigen Text

sorgsam abschriebe,

Wort für Wort,

ohne Zutat,

demütig und langsam, vielleicht

würde er ihn verstehen.

Und weitertragen können.

(Zivilisation ist lebendige Überlieferung)

               

Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!

 

 

Auf Empfang

     

Finistere: Am Ende der Welt

erstreckt sich ein Farbenmeer.

Nicht nur blau, türkis, smaragd, meerfarben,

auch heideviolett, Schatten von Grün, granitnes Grau,

wogende Maisfelder, gezackte Farnenmeere.

Vom Wind gebeutelt duckt sich das Kirchlein, allein

der Heilige auf seiner Säule hält dem Wind stand

und wankt nicht.

         

Leuchttürme.

 

Neben der Radarstation mit ihren Schüsseln

Streckt ein versteinerter Schiffbrüchiger

verzweifelt seinen Arm empor:

Zur Madonna. Sie wird ihn erhören.

(Der Handyempfang funktioniert jedenfalls.

Ein gutes Zeichen)

       

Die Möwen machen Show. Die Mädchen auch.

(Posing nennt man das heute.

Die Möwen sind Naturtalente)

In Flipflops kommen die Pilger nun

und bauen kleine Pyramiden vor der großen Weite:

Steinmandl. Das heißt:

Ich hab mein Steinlein beigetragen!

Ich baue an der Geschichte mit!

Ich war am Ende der Welt dabei!

(ein kleines Carnac, aus sehr kleinen Steinen.

Man opfert nicht mehr so viel heutzutage)

            

Zu sehen gibt es: 

Nichts.

Die Ferne.

Meer und Himmel.

Ende der Welt.

Mit Phantasie: Amerika.

Ein wenig weiter nur war: Utah Beach.

(Zivilisation ist sehr verletzlich)

       

Besuchen Sie Europa, solange es noch geht!


 


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