Brexit-Blues


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In Trier treffen sich Nero und Karl Marx

Auf einen Plausch.

Augusta Treverorum: eine Großstadt damals,

in ihrer Blüte achtzigtausend Bürger,

mit Stadion, Thermen, Aula.

Als Karl Marx geboren wurde,

waren es nur noch zwölftausend.

Streng katholisch. Doch bis heute

Trägt ein Bischof seinen Namen.

Geblieben ist die Porta Nigra.

Durch das schwarze Tor

Zogen Soldaten, Händler, Kaiser in die Stadt ein.

Heute Touristen. Es ist Stadtfest.

(Brexit war vorgestern)

Die Großbühne verdeckt Arkaden hinter Lautsprechern.

Aus ihnen tönt völkerverbindend Poppiges.

Es nieselt nur ganz leise.

Und in der Luft liegen Gerüche

nach Köstlichkeiten aller Welt:

nach Tacos, Sushi, Ribs,

gebrannten Mandeln, Pizza, Kebab,

Currywurst.  

Die Düfte mischen sich.

(nicht immer schön)

                         

Dazwischen winkt, pink ausgeleuchtet,

Nero von Großplakaten und von Fahnen.

Ein etwas feister Knabenkopf mit Kranz.

Ein Monster oder ein Chorknabe?

Marx schläft in seinem Bürgerhaus,

ein wenig ab vom Menschenstrom.

Nur dann und wann kommen Chinesen.

Im Marxschen Garten wachsen Walderdbeeren

Vor Johannissträuchern. Nützliches

Mischt sich mit Stauden, Steinskulpturen

Vervielfältigen den Star des Kommunismus.

Ein Monster oder Volksbefreier?

Vereint findet man Nero und Karl Marx

im Merchandising: Kultfiguren beide,

verewigt auf Teetassen, Schlüsselringen.

Bärtig der eine, knabenhaft der andere.

Der Dichter und der Denker.

Brandstifter beide, jedenfalls im Geiste.

Aber sehr harmlos auf Teetassen.

(so lang der Tee nicht allzu heiß ist)

Popstars auf jeden Fall.

Peter Ustinov spielt Nero. Chorknabe und Monster.

Marx wartet noch auf eine Hollywood-Verfilmung,

vielleicht mit Engels? Ziemlich beste Freunde?

Ein Roadmovie, quer durch Europa, auf der Flucht,

zwei Revolutionäre auf dem Weg zur Hölle,

von Trier und Barmen in die Welt?

Die Römer, sagt man heute, tolerierten fremde Religionen,

nahmen die Götter der Eroberten großzügig

in ihren eignen bunten Götterhimmel auf.

Außer den der Christen. Die wollten keine Opfer bringen für den Kaiser,

waren schlechte Steuerzahler.

Sie glaubten an den Einen nur. Nicht integrationsbereit.

Erst als mit Konstantin der erste Kaiser christlich wurde,

hatte der Eine endlich doch gesiegt über die Vielen. 

                                    

Abends im Park am Rand der Stadt:

Stockenten und Nilgänse watscheln

Vereint zu Fuß über die Wiesen, so als wüssten sie:

Nur Wasservögel dürfen nicht gefüttert werden.

Wir aber sind Fußgänger

Und warten auf das täglich Brot.

Ein Schwan hat Kinder, alle grau

Bis auf ein einziges: ganz weiß.

Ist das nun ein hässliches Entlein?

Im Hotel nebenan feiert man Hochzeit.

Die Gäste sind aus Luxemburg gekommen,

der Parkplatz voller SUVs.

Die Frauen bodenlang in bunten Tüll gehüllt.

Die Männer grölen Lieder.  

(ist hier Fußball oder Hochzeit?)

Nero meuchelte die Mutter.

Heiratete die Schwester.

Diverse Ehefrauen wurden verschlissen

Allein die Sklavin blieb ihm treu bis in den Tod.

Aber als Rom brannte,

baut er es besser wieder auf. Mit Brandschutz.

                      

Auch Marx steckte die Welt in Brand:

Kuba. Vietnam. Kambodscha. China. Russland. DDR.

Das befreite Proletariat schaut heut gemeinsam Fußball.

(Es ist Europa-Meisterschaft)

Weitgehend friedlich will der Fußballgott

Bescheidne Opfer: Bier und Bratwurst,

Gegröhle und Gehupe.

Das Stadtfest hat verloren. Keiner will

Bei Regenschauern Oldies lauschen,

wenn anderswo public geviewt wird

und man sich einmal einig fühlen kann.

Ein Aufschrei, noch einer! Und Deutschland

Hat schon wieder gewonnen. Wie immer.

Im Stadion in Frankreich läuft über die Banden

Werbung: Coca Cola natürlich, der weltweite Sieger

aller Klassen. Daneben Turkish Airlines, Hyundai, Hisense,

sogar aus Aserbaidschan: Energieversorgung!

Ein kleiner Schauer zwischendurch.

Marx ging nach England auf der Flucht

vor Deutschland. Von Frankreich

Wanderte die Revolution nach Russland und nach China.

Nero ging nach Griechenland.

Er wollte auch einmal die Olympiade sehen.

Der Kaiser brachte Gastgeschenke mit:

Steuerbefreiung für den Peloponnes!
Als er nach Rom zurückkam,

ganze sechszehn Monate später,

war er zum Feind des Volkes erklärt worden.

Sein Selbstmord war kein Ruhmesblatt,

und ob mit ihm ein großer Dichter starb,

bleibt ungeklärt.

(trotz starker exit line)

Aber man sagte von ihm, er stimme selbst seine Kithara,

und habe gern ein Kind gebären wollen.

                                  

Am nächsten Morgen Stadtlauf.

Autos sind verbannt, die Straßen seltsam leer.

Der erste Pulk kommt. Mühelos, schlank, elegant

Führt ihn ein Afrikaner an vor ächzend blassen Konkurrenten.

Am Mittag trägt er seinen Preis davon, den Mosel-Wein

(hoffentlich war das nicht alles).

Etwas befremdet hält er ihn,

und seine grünen Socken leuchten neongrell über den Nikes.

Im Dom geht es gemächlicher zu.

Ein Pulk Pilger zieht ein durch die umkränzte Heilige Pforte,

der Papst, der Eine, verordnete ein Jahr Barmherzigkeit,

geleitet von Gesang: „Jesu meine Zuversicht“.

Die Vorhut ist noch wanderfest, mit Schuh und Stock und Pilgermuschel,

doch gegen Ende dünnt es aus, Gesang wie Wanderlust.

Darüber schwebt der Heilige Rock. Entrückt, unteilbar

Ohne Naht symbolisiert er

Die Einigkeit der Kirche.

Der Kommunismus

War ein Männerbund, zerstritten,

wie nur Genossen streiten können.

Einigkeit war nicht einmal bei Nero.

Und auch die Märtyrer, sie starben

verschiedene Tode, durchaus individuell.

In der Kapelle vor dem Rock steht ein volltätowierter Rocker.

Beinahe wie gehäutet sieht er aus.

                          

Unter den Kaiserthermen eine geheime Stadt.

Tropfsteine, noch jung, wachsen bei wilder Iris.

Karl Marx hätte sich hier verstecken können,

Nero feuchtfröhliche Orgien feiern.

Darüber liegt ein Aufmarschfeld.

Für Fußballprofis, Hand aufs Herz zur Hymne,

Die Apsis eine Torwand?

Oder für Legionäre auf dem Weg zur Schlacht,

ein Marschlied auf den Lippen?

Oder für Pilger, auf dem Weg zum Heil,

volltönend „Jesu meine Zuversicht“?

Oder die revolutionäre Masse, Faust gestreckt,

vereint die Internationale singend?

Die Macht jedoch herrscht unterirdisch.

Die Mosel fließt noch immer braun.

(Gestern war Starkregen. Ist bald Klimakatastrophe?)

Es regnet wieder einmal. Schön

Schwingen die Bögen der Römerbrücke sich.

Die Porta Nigra ist noch schwarz.

Mal war sie Tor, mal war sie Kirche,

heut ist sie Rahmen nur:

Das Tor zur Shopping-Meile,

wo sich die Menge wieder drängt.

Geeint im Euro.

Münzen waren früher Botschaften. Sie zeigten

Den neuen Kaiser, sagten jedem

Bis in die allerfernsten Provinzen:

Hier ist jetzt die Macht. Dieses Gesicht

Wird nun auch dein Leben bestimmen.

                            

(Vorgestern war Brexit. Neue Münzen braucht das Land


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