Die Kurven der Levadas
Madeira

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Die Kurven der Levadas

 

Sie sind wohlgefasst,

in kühlen Stein, nicht tief,

selten gerade.

Sie schmiegen sich

in sanften Kurven an den Berg,

der steil herabfällt.

(Geben sie ihm Form?

Hat er sie ausgeformt?)

Ein kleiner Vorsprung nur, ein Sims,

auf dem Wasser spazieren geht.

Strömt.

Plätschert.

Die kleinen Fische schwimmen mit dem Strom.

Gebadet in Farben und Lichtspiele:

Schattenflecken spielen auf Flechtenvorhängen.

Farndecken fallen aus Felsspalten.

Ganz oben wohnen die lichten Eukalyptusbäume.

Im fernen Tal laufen Terrassen,

auch sie sind an den Berg geschmiegt

und geben ihm die jeweils eigne Schönheitskurve.

Nur wer mit ihr geht,

kann sie erspüren. 



 

 


 


 


 


 

 

Funchal

 

Wer nach Funchal kommt, landet,

wie beim Anflug,

von oben; in weiten Kurven übers Meer,

dann eng entlang der dicht bebauten Hänge,

auf Stelzen setzt das Flugzeug auf:

die Landebahn

war lang nicht lang genug. Kein Platz,

die Küste ist zu steil, die Felsen sind zu dicht,

so dass man sie verlängern musste:

Die Insel kennt keine Geraden.

(Kaum aufgesetzt, werben Plakate allerorten:

Fliegen Sie weiter, nebenan liegt Porto Santo!

Dort gibt es Meer, und Wellen, und vor allem: Strand!) 


Durch endlose Tunnel,

über Serpentinen, durch Haarnadelkurven,

gelangt man schließlich, leicht schwindelig,

zu Stadt des wilden Fenchels:

Funchal

liegt in den steilen Talkessel geschmiegt,

in einer weiten Kurve hin zum Meer.

Darüber glänzt ein weißer Sonnenfleck

auf einem Hügel: eine kleine Kirche nur,

kein Christus-Monument

(Es könnte aber auch eins sein,

auf einem Zuckerhut aus uraltem Vulkangestein).

Die Stadt versinkt in Jacaranda-Bäumen,

die Straßen sind gesäumt von Parks

und Taxis: kräftig gelben Farbkontrasten

zum alles überwuchernden Grün.

 

Die ganze Stadt hat Kindergröße.

Selbst die größten Häuser und die Leuchttürme am Hafen

verschwinden angesichts der steilen Hänge

im Rücken und dem weiten Meer im Angesicht.

Und legt ein Kreuzschiff an,

dann wirkt Funchal noch kleiner:

Kinderkaie, Minihafen.

Die Kathedrale ist zwar Bischofssitz,

doch sehr bescheiden. Holzdecken,

einfach geschnitzt. Kaum ein Portal.

Nur goldne Pracht am Altar.

Die Gassen drumherum eng, schön gepflastert

mit weißem Marmor, geometrisch schwarz gemustert,

ein seltener Kontrast zur Kurvigkeit der Insel,

ihren sanften Rundungen.

 

Auch der Palast wirkt eher

wie ein bescheidenes, doch erstklassiges Hotel,

mit großem Hof zwar, wachsamen Soldaten,

doch eher Zierkanonen, die über sehr flache Mauern

zum Meer hin lächeln. Man würde lieber

Blumen auf sie pflanzen.

Sogar die ockergelbe Festung

ist eher ein gedrungenes Fort

mit Wellenbrechern statt Holzpalisaden,

über das Baywatch wacht.

Am Hafen werben Ausrufer

für Ausflugsfahrten. Whale-Watching!

Ein ganz besonders Findiger schreit: „Krokodile!

Wer stehen bleibt, hat schon verloren.

 

Vor dem neuesten Bauprojekt

steht eine Wand aus Wahltafeln.

Alle versprechen Unabhängigkeit. Für immer.

Doch die vertrauten Namen trügen: Christdemokraten

tragen hier Hammer und Sichel im Parteiabzeichen.

Ein Schnellkurs in Physiognomie:

Wem würde man wohl seine Zukunft anvertrauen?

Dem Versicherungsvertreter, glatt gebürstet?

Dem vertrauten Pfarrer? Dem gescheiten Oberlehrer mit der Brille?

Nicht eine Frau zu sehen weit und breit,

nicht Junge, auch nicht Alte.

Madeira ist rein männlich und bleibt unabhängig.

Portugal ist weit.

(Und im Atlantik schwimmen Krokodile!) 


 


 


 


 


 


 

 

Pico Ruivo

 

Ein rotes Plateau über den Wolken:

Die ersten Gipfelstürmer kommen gerade an,

durch Serpentinen hochgeschraubt, die eher

Parkalleen gleichen (nur viel schmaler),

am Rand blaue Hortensien und Natternköpfe

vor Eukalyptus und Lorbeer gesetzt.

 

Ein breit getretner Weg führt hin zum Gipfel.

Die Landschaft wie gemalt:

Silbern glänzende Baumkrüppel im Mittelgrund

malen bizarre Schriftzeichen vor

in allen Arten Grüns gestaffelten Hintergründen.

Im Vordergrund mikroskopische Muster:

Farnzacken urtümlich mäandernd auf grauem Stein,

belebt durch blitzartig auftauchende und wieder

in Lücken verschwindende Eidechsenschwänze.  

 

Aufsteigende Nebelfelder

werfen großflächige Schattenbilder auf die Bergketten:

Rahmen aus Wolken geben Blicke frei auf Zwergenhäuser,

bevor die Nebel den Schleier wieder zuziehen:

frisch gewaschnes Weiß.

Und die Wolken bilden einen dichten Deckel aus Wattebäuschen.

 

Die Schwalben segeln leicht über alles hinweg,

sogar die Schmetterlinge können höher hinaus als wir.

Der Mensch aber braucht festen Grund unter den Füssen,

auch wenn er zum Gipfel über den Nebeln und Wolken strebt.

Plötzlich sprintet ein Jogger vorbei. Bergläufer, kurzbehost.

Schnell zum Gipfel. Ein Blick rundherum.

Und schnell wieder herunter.

Das Menschenleben ist ein Rennen. 

 

Wenn er nicht rennt, dann redet er. Der Mensch

ist das Tier, das redet. Sogar beim Laufen.

Wenn die Eidechsen schwätzen würden

bei ihrem Huschen über die warmen Steine,

abgehackte Sätze mit vielen Lücken dazwischen,

wechselwarm;

wenn die Ameisen laut stöhnten unter ihren Gewichten und

schimpften auf die Königin, das faule Stück;

welch Lärm!

Die Vögel, immerhin,

zwitschern gelegentlich. Sie haben einen Grund.

 

Der Mensch aber muss alles sagen.

Als ob er platzen würde sonst

vor ungesagten Wörtern,

ungeteilten Bemerkungen,

unvermittelten Zuständen.

Als ob er nicht da wäre sonst,

formlos im Nebel wabernd

trotz der bunten Schuhe und Mützen,

als ginge er der Welt verloren sonst

muss er widersprechen, plappern, grosstun

bis auf den Gipfel.

 

Die Berge schweigen. Steinern.

Welch ein Glück!


 


 


 


 


 


 


Inferno

 

Am Anfang ist der dunkle Wald noch hell, sonnenbelebt,

die Katzen kommen zur Begrüßung, am Ententeich

Idylle: kleine Strohhäuschen, grünes Geplätscher.

Vorbei an Mammutbäumen, Lorbeer,

leuchterförmigen Giganten, Grashaarhängen

läuft die Levada

auf ihrem Weg zum grünen Kessel: Caldeirao Verde.

Ein schmaler hoher Wasserfall fällt direkt aus den Wolken,

sehr undramatisch in ein klares Becken,

nicht ganz kreisrund. Oben

öffnet sich der Kessel, fein gesäumt von Ziermustern

aus Baumkronen. Die Weltgemeinde

ist angekommen, bunt verteilt auf Picknicksteine,

die Mutigen gehen Baden. Der Rest verweilt.

Fotografiert. Kaut Äpfel. Knabbert Chips. Redet.

 

Der Weg führt weiter zum Inferno.

Bärtige Flechten übernehmen die Vegetation

und machen Bäume zu Gespenstern.

Auch die Tunnel werden enger, schmaler,

wer sich nicht klein macht, kriecht und krabbelt

stößt sich leicht an den Kopf.

Feuchtigkeit. Von oben, unten, innen. Das Licht

am Ende jeden Tunnels scheint auf einmal nicht mehr hell.

Dann plötzlich eine Lichtung mitten in dem Dunkel,

ein Ausblick, ein Balkon nach draußen:

Den Atem raubt die steile Schlucht,

kaum armesbreit getrennt winden sich Felsen

durch eine Klamm. Ganz unten tost das Wasser.

Eine Hängebrücke in der Ferne

läuft in der Mitte, schmal,

ein letzter Halt vorm Aufstieg zum Inferno:

Steile Stufen, in Stein gehauen, oben neue Tunnel,

der Nebel wird noch dichter, der Atem wird noch feuchter,

die letzten Stufen, rutschig – 

 

und endlich öffnet sich der letzte Kreis, noch enger,

und nicht mehr zu trennen sind Himmel und Erde.

Grün mutiert zu Grau,

die Feuchtigkeit verdichtet sich,

verschluckt am Ende alles.

Und man ist dankbar

für eine kleine Herde Steinmännchen,

die unerschütterlich Spalier stehen:

Schlank himmelwärts gestreckt,

mehr Stelen denn Pyramiden,

weisen sie zum Himmel, mitten im Inferno.

 

Keiner will hier Äpfel knabbern oder Chips,

alle halten den Atem an,

schauen nach oben – Nebel,

schauen zur Seite – Felsenwände,  

schauen nach unten – Feuchtigkeit.

Von hier aus führt nichts weiter.

Zeit zur Umkehr!


 


 


 


 


 


 


 

Sonntag in Porto Moniz

 

Die alte Küstenstraße klammert sich an den Fels

wie eine etwas groß geratene, nur grob behauene Levada:

Nur Platz für einen gibt es hier.

Ausweichen unmöglich.

Steinschlag, wohin man schaut.

Tunnel, von Zwergen aus dem Berg gehauen,

mit Wasserfällen an der Einfahrt.

Wege für Eselskarren, nicht für Autos,

für Schmuggler, und nicht für Touristen.

„Via marginale“ warnt das Schild.

Durch vergessene Dörfer ziehen sich Blumengirlanden die Straße hinab,

bilden einen dichten Blumenkrater auf dem Platz vor der Dorfkirche:

ein freundliches Inferno. Und Böllerschüsse

hallen durch den dichten Kessel. 

 

Doch in Porto Moniz herrscht Sonntagsstimmung:

Rentner flanieren, von irgendwo

tönt eine Blaskapelle,

und im Aquario tanzen die Barsche Walzer

zu klassischer Musik

(der Krake aber versteckt sich

in seiner Amphore. Zuviel Rummel).

Die Möwen kreisen um die Felsen

bei den Badebecken, aus dem Fels gehauen,

in den vertrauten Kurven der Levadas.

Man plantscht und sieht den Wellen zu,

getrennt durch eine kleine weiße Mauer,

(wie die Stahlseile der Levadas: ein Geländer

gibt schwankenden Menschen Sicherheit)

Naturgewalten. Wen eine Welle trifft,

die sich nicht an die Mauern hält,

erschrickt vor ihrer Stärke.

Danach lacht man. Und isst ein Eis. 


 


 


 


 


 


 

 

Monte

 

Über Funchal liegt Monte im Nebel.

(Das Kreuzfahrtschiff ganz unten

hat den letzten Sonnenfleck auf sich konzentriert)

Die Korbschlittenfahrer warten auf die ersten Gäste,

die Straße glänzt wie frisch gewachst,

und die Dorfhunde schlafen noch

bei den alten Korbschlitten.  


Im Botanischen Garten treffen sich die Kontinente:

China dominiert eine Weile –

rote Tore ziehen sich durch grünen Nebeldschungel,

kleine Drachen erklettern Steinlaternen,

Brücken überspringen Mini-Levadas,

und sogar einige Soldaten aus der unsterblichen Terrakotta-Armee

haben ihren Weg

ins subtropische Disneyland der Botanik gefunden. 

 

Am Rande portugiesische Geschichte

auf Kacheln ausgebreitet: Meist das übliche –

Könige, Schlachten, Eroberungen,

das Erdbeben von Lissabon. Der Wiederaufbau.

Die Jesuiten. Die Kolonien. Der Handel.

Am Ende die Nelkenrevolution. Danach

kommt die EU. 

 

In der kleinen Kirche ganz oben

ist Österreichs letzter Kaiser aufgebahrt.

Wimpel schmücken seinen Sarg.

Er kam zum Sterben nach Madeira, doch

die feuchte Luft schadete seinen Lungen.

(Wäre er doch besser

den Hinweisen am Flughafen gefolgt und

Nach Porto Santo gegangen, an den Strand,

wo vielleicht häufiger die Sonne scheint).

 

Madeira aber

verabschiedet sich feucht.

Mit Shades of Green,

mal dicht, mal locker hinterlegt mit Grau.

Daraus leuchten

Strelitzien empor, Hortensien, Fuchsien,

Hibiskus, so stark rot,

dass er im Dunkeln leuchtet.

Mit Wachstum aller Art. Die Trauben werden geerntet,

aus Feldern, die beinahe senkrecht zum Meer abfallen,

das Weinlaub zu dichten Tunneln gewunden.

Bohnen wachsen, Kohl, Kartoffeln, Mais,

und über die Levadas ziehen sich

Passionsfrüchte und Feigen.

Was fruchtbar ist, muss feucht sein.

Alles, was lebt, verläuft in Kurven.

(Sogar Bananen sind hier krummer als in Rest-Europa).

Das Inferno ist zu meistern.

(Und wer nicht will, der geht nach Porto Santo). 

 

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