Paris. Ein Stadtgedicht

 

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Ankunft in Afrika

 

Der TGV ist pünktlich. Mittagszeit.

Der Gare de l’Est ein Bienenschwarm.

Touristen sind hier Drohnen

(oder sind sie die Arbeitsbienen?)

Mit ihren Shorts, den Reiseführern, Kameras

auf Freizeitjagd. Die Stadt aber

ruht nicht. Geschäftig, bunt, verwirrend.

Der Boulevard Strasbourg ist schwarz belebt.

Handygeschäfte neben Dorffriseuren

Mit dunklen Schönheiten im Rasta-Look:

East of Africa.

  


 


 


 

 


 


Notre Dame I

 

Ein Dom auf einer Insel in der Seine

Gestrandet vielschiffig.

Die Türme Schlote, seltsam abgeschnitten.

Hinter der Rose wird der Käpt’n sitzen,

darunter eine Reihe Steuermänner.

Sie tragen Kronen anstatt Epauletten.

 

Ein umgekehrter Kreuzzug: Heiden kommen

Aus aller Herren Länder (sogar aus dem eigenen).

Sie kommen massenhaft ins Inselherz der Stadt.

Die Schlange der Besucher windet sich hinab zum Eingang,

quer über den gesamten Platz.

(Geduld nur! das Buffet ist lang noch offen!)

Vorm Eintritt schnell ein Blick zum Hauptportal:

Letztes Gericht, possierlich, Fratzen!

Und dort, die Führer weisen darauf hin, vielsprachig:

dort, sehen Sie! Der Mann trägt seinen Kopf

Unter dem Arm. Der Schädel schaut nicht bös.

Geköpft

Ist er gewandert von der Vorstadt bis hierher,

ins Herz der Stadt, und hat den Dom gegründet,

das große Schiff, geweiht der Jungfrau: Dionysios

sein Name.

 

Geköpft

wurde auch später hier,

unter der Guillotine fielen

sogar gekrönte Häupter.

In Echt und auch in Stein.

Was macht es schon für einen Unterschied,

judäische oder französische,

König ist König. Punktum. Kopf ab.

Heut trägt man Selfiestick statt Pilgerstab

und Kronen höchstens noch im Mund. 


 

Notre Dame II

 

Das Kreuzfahrtschiff ist jetzt geschlossen für die Nacht.

Die Heil’gen ruhen, die Rosen haben

Nach innen sich gekehrt. Sogar die Wasserspeier

Schauen versöhnlich drein im Abendrot.

Heilige Stille.

Nicht aber auf dem Vordeck!

Asiaten haben die Schicht übernommen.

(Fertig vom Shoppen? Jetlag? Sonnenfürchtig?)

Große Gruppen, jeden Alters. Ein greises Ehepaar

mehr Falten als Gesicht, den Blick gesenkt,

schlurft hinterher. Man lauscht

der Führerin, ergeben geradezu.

Was sie wohl erzählt?

Von Dionysios und seiner Wanderung?

Vom Christentum, dem fremden,

das so viel Köpfe rollen ließ?

Von Himmel und von Hölle, geistlichen

Und weltlichen Gerichten? 

Die Menge lässt die Blicke schweifen.  

Selfiestangen

Umgeben sie, ein Schutzwall.

Im Wechsel porträtiert man sich.

Auch unter Karl dem Großen. Hoch zu Pferd,

doch etwas an den Rand gedrückt,

thront er, das Kreuzschiff fest im Blick.

Den Kopf erhoben noch samt Krone,

der ideale Herrscher (aber

Wo ist sein Reich geblieben?  


 

 


 


 


 


 

Paris. Ein Dorf

 

Neben dem imposanten Kreuzfahrtschiff

Liegt eine zweite Insel, klein und fein:

Ile Saint-Louis. Spät besiedelt,

doch heute ein Juwel.

Die Straßen sind

Gesäumt von kleinen Eisdielen, Boutiquen.

Die Bistros aber müssen draußen bleiben,

mit ihren Stuhlreihen und flinken Kellern.

Die Straßen führen alle schmal und grad zum Fluss.

Paläste und verschlafne Restaurants

erwarten still den Abend, elegante Gäste,

wenn die Touristen endlich fort sind,

und das letzte Eis geschleckt.

 

Jenseits des Flusses

Führt eine kleine Schleuse in ein Hafenbecken.

Port de l’Arsenal: Ein Waffenlager einst,

heut ankern Freizeitboote, bunt bemalt,

mit Blumenkübeln; Rentner hängen

die Wäsche auf das Deck, und morgen,

spätestens,

sticht man in See!

Oder vielleicht doch nur in die Seine,

wo sich die Panoramaboote drängen,

so flach wie Flundern, glasbedeckt,

geladen Massenfracht: Touristen.

Beschallt von Automaten.

 

Auf der andern Seite

Des Hafenbeckens hält die Metro:

Station Bastille.

Wie von Geisterhand

öffnen sich Glastüren, sobald der Zug einfährt.

Ein wenig Höllenlärm. Metallkäfige

spucken Gefangne aus, die nächsten

Drängen schon hinein. Und Schranke zu.

Gefangen eine kleine Weile

In dunkeln Tunneln.

Dort, wo einst der Kerker stand,

erhebt sich nun die neue Oper,

an einem weiten Platz mit Siegessäule

(Schon die Erstürmung der Bastille

War eigentlich symbolisch eher.

Gewonnen

War damit eher wenig.) 

 

Zum Place des Vosges ist es nicht weit.

Umschlossen das Carree

Von stolzen Adelshäusern, röter noch im Abendlicht.

Einst war das hier

Ein königlicher Platz, errichtet für die Hochzeit

Zweier Königskinder.

Stolz und spanisch:

Plaza Royal. Der Verlobte allerdings

Wurde vorher bereits ermordet.

(Königsrisiko).

Nun allerdings

Heißt sein Platz „Place des Vosges“:

Pünktliche Steuerzahler, die Vogesen,

damals schon, in revolutionären Zeiten.

Revolutionssteuer komplett bezahlt, als allererste!

Dafür ein Platz. Ein ehmals königlicher. 

 

Heut sitzen alle auf dem Rasen,

Könige, Königinnen

Revolutionäre, Reisende.

Nicht nur die Kinder, alle.

Die einen haben Wein gebracht, die anderen

Pasteten. Der Abend ist noch jung,

der Tag war lang, man spricht davon,

nichts Wichtiges, meist Kleinkram nur,

und doch, es will gesagt sein.

Ganz in der Mitte, hinter dichten Bäumen

Ist ein Standbild versteckt: Dort sitzt Ludwig,

ein Sohn des Gründers, der zu früh verstarb.

Dass man ihn nicht mehr sehen wird,

dort mittendrin, war wohl nicht klar,

als man damals die Bäume pflanzte.

Bäume wachsen nämlich. Statuen nicht.

Aber der Platz

Bewahrt perfekt die Proportion. 

 


 


 


 


 


 

Jardin des Plantes

 

Ein Tiger wohnte einst hier,

sehr berühmt gemacht von einem Dichter:

der weiche Gang geschmeidig starker Schritte“ -

„und hinter tausend Stäben keine Welt“.

Heute sind die Tiere alle abgetrennt, im Seitenflügel,

die Menge aber tummelt sich im abendlichen Garten.

Groß angelegt, wie alles hier, mit weiten Achsen,

Alleen mit Schattenbänken, Platz zum Atmen,

kein Stadtlärm mehr.

Noch nicht mal Jogger haben Lust zum Laufen heute

(„gehetzter Gang schweißtreibend weiter Schritte“ -

wir drehen uns genauso um uns selbst

wie einst der Tiger. Den Blick

nach innen statt nach außen.

Und ganz ohne Gitterstäbe). 

 

Am Rande thronen die Paläste

des Wissens. Glashäuser. Museen. Galerien.

Davor uralte Steine. Riesenbäume.

Durch die Fenster

Sieht man das Rückgrat von Giganten: Saurier.

Dazwischen aber steht,

wie schon bei Rilke damals,

ein kleines Karussell. Doch ohne weißen Elefant.

Zwischen Giraffen und dem Vogel Strauß

Ein Pandabär mit Honigkörbchen.

Ganz von allein

Kommt ein Refrain dahergeweht:

Und dann und wann ein Pandabär…

 

Dahinter auf dem Haus steht groß und golden:

"Kryptogamie". Man rätselt:

Geheime Ehen? Verschlüsselte Verbände?

(das Internet belehrt uns später: Kryptogame

blühen im Geheimen,

vermehren sich ganz ohne Blüte,

Alge, Moose, Farne, Pilze –

Im Gegensatz zum Menschen, offensichtlich,

der ewig schauläuft für die Paarung,

egal ob Blüte oder nicht: ein Selfie noch

mit der Herzallerliebsten dieses Jahres!)

 

Und dann und wann ein Pandabär

(wenn er nicht ausstirbt bis dahin). 

 


 


 


 


 


 


 

 

Eiffelturm im Regen

 

Erdacht und hingestellt war er

Nie wirklich für die Ewigkeit.

Es jährte sich gerade

Zum runden Hunderten die große Revolution.

Und alle sollten sehen:

Wir sind jetzt die Größten!

Babel ist gar nichts gegen uns,

auch nicht die neue Welt mit ihren Glitzer-Türmen,

wir bauen einen Leuchtturm, größer noch

als alle Weltwunder der Vorzeit!

Jetzt steht er hundert Jahre schon und mehr

fotografiert, verfilmt, bestaunt,

bestiegen und befahren,

oft nachgebaut,

verkauft aber vor allem

in allen Farben, Materialien, Größen,

zum Mitnehmen, für Handtasche und Vorgarten.

 

Doch heute ist es trüb und windig.

Der Jahrmarkt unter Turm ist fahrig.

Man möchte gern ein wenig hören,

was die Streben flüstern, ob sie stöhnen,

unter den unermüdlichen Fahrstühlen,

möchte wissen, ob er sich im Wind bewegt,

wie es sich anfühlt unten und ganz oben,

ob die vier Beine Namen haben, ob die Spitze

ein wenig überheblich ist, so nah am Himmel.

Und ob er, einmal nur im Jahr,

Allein sein möchte. Ruhetag für Türme!

Aber der Jahrmarkt siegt: Kauft Regenschirme!

Eiffeltürme! Selfiestangen

Bevor ihr wieder heimkehrt

Aus Babylon zurück in die Provinz.

Den Turm für immer, wenn schon nicht im Herzen,

dann doch gebannt auf Polaroid.

Ihr seid dabeigewesen!

 

 


 


 


 


 

Grande Nation

 

Am Pantheon wird noch gebaut.

Der Kran ist höher als die Kuppel

(die Ewigkeit ist eine Baustelle?).

Das Pendel von Foucault ist leider abgehängt.

Man spürt die Lücke in der Mitte,

auch wenn von dort herab

nun hunderte Gesichter schauen

(bunt gemischt gemeint,

aber nur schwarzweiß abgebildet).

Wo ist das Pendel wohl?

Träumt es, gut aufgerollt,

entwöhnt seiner alltäglich kreisenden Bewegung

und zuckt ein wenig nur im Schlaf?

Das Gebäude

Scheint innen größer noch als außen

(seit Harry Potter wissen wir: das geht!)

Größe

Braucht Leere zur Entfaltung.

Und Publikum natürlich. Notfalls

Auch gemaltes in der Kuppel.

 

Unten in den Grüften aber

Liegen zwei Große, einander gegenüber:

Voltaire, der Spötter; und Rousseau, der Arme;

Der eine hat gelacht über den Wahn der Welt,

der andre hat ihn ernst genommen. Allzu ernst.

Zusammen erst ergeben sie ein Ganzes.

(Wo liegen unsre Philosophen?

Wer steht Hegel gegenüber?

Kant bleibt in Königsberg, wie immer. Nietzsche

Hätte sich bedankt

Für einen Platz im Pantheon: Die Götter

Sind bekanntlich tot!

 

Im Invalidendom jedoch

Ist Platz (gefühlt) nur noch für einen Einzigen.

Ein Sarkophag wie eine kleine Arche,

Quarzit, leicht bräunlich, blankgewienert,

bewacht von zwölf monumentalen

Schlachtenjungfrauen,

dort liegt der Kleine,

Liegt Napoleon.

Der ganze Dom kreist nur um ihn.

Die Bürger pilgern ehrfürchtig, und nicht nur die Kinder

tragen voll Stolz den allbekannten Papphut.

Silhouetten

Vervielfältigter Napoleone.

(St. Helena ist weit).

  


 


 


 


 

 

Das Heilige Herz

 

Bei Nacht pilgert man auf den Berg.

Das Nachtleben schläft noch im Abendblau,

doch Sacre Coeur beginnt zu leuchten:

ein neuer Dom, diesmal kein Schiff,

und auch kein Göttertempel, nein:

ein Kindertraum in Weiß

(das sieht man nur bei Nacht,

bei Tage sieht man nur den Schmutz),

ein wenig überlängt, nicht klassisch-ebenmäßig,

den Hals gereckt zum Himmel hin,

davor die große Treppe: Himmelsleiter,

auf der zur Nacht die Feuerschlucker tanzen.

 

Innen Meere von Kerzen.

Nicht billig, muss man sagen.

Gerade wird geleert.

Die Schwestern ernten reich.

Wer zählt

die Bitten, Wünsche, Sorgen,

(die sieht man nur bei Nacht,

bei Tage sieht man nur den Glanz)

diffus gefühlt, nur stockend

Formuliert, vielleicht, man weiß nicht,

dass es hilft.

  


 


 


 

 


 


 

Louvre

 

Ein zweites Kreuzfahrtschiff

Und größer noch, viel größer als das erste

Auf seiner Insel. Es liegt am Ufer

Mit Innenhöfen, Flügeln, Galerien,

dem Park mit Teichen hintendran

wie eine eigne Stadt.

Sein altes Herz jedoch

Ist ausgetauscht. Das Neue schlägt aus Glas,

wird nachts von Licht durchpulst,

um dann, am nächsten Morgen,

wieder bereit zu sein

für all die fremden Gäste.

 

Den Eingang zu der Pyramide

Bewachen nicht mehr Sphinxen.

Sondern Metalldetektoren.

Unterirdisch

ein Labyrinth zunächst. Zwar strömen

die meisten der Besucher

zu ihr allein, der heimlich Lächelnden

(und keiner weiß warum,

Bis man sie dann erreicht hat:

Sie ist so klein. So weit entfernt.

Was soll man schon tun,

im kleinen Rahmen,

Als melancholisch lächeln?).

Wer aber abweicht und ins Labyrinth sich traut,

der findet reiche Beuteschätze

aus grauer Vorzeit. Sphinxen, endlich.

Sie lächeln weit geheimnisvoller

Als Mona Lisa.

Und man erstaunt,

wie reibungslos Archaisches sich fugt

in Spiegelsäle voll barocken Glanzes. 

 

Und dann die Nike erst!

Wie füllt sie das weite Treppenhaus!

Als wären alle Stufen nur Teil ihres Podestes,

der ganze Torso konzentrierter Leib des Schiffes,

(und wer braucht einen Kopf,

der einen Leib hat so voll Energie,

und Flügel noch dazu?)

Besucher drängen ihr zu Füssen, kleiner noch

Erscheinen sie, trotz Selfiestangen,

wie Menschenpuppen. Nike aber lebt. Auch ohne Kopf.

(wie Dionysios. Ein echter König

Braucht halt keinen Kopf. Er trägt

die Krone in sich selbst).

 

In hellen Innenhöfen

Erproben Marmorkörper Posen

(ganz ohne Selfie).

Grimmig blickt Spartakus. Er wäre

Ein würdiger Gefährte für Nike, zweifellos.

Sie alle wirken

Wie Schachfiguren eines großen Künstlers,

der des Nachts, wenn keiner schaut,

die Positionen tauscht.

Das merkt doch keiner!

Eine Statue ist wie die andere.

Marmor eben. Nackt.

Schön. Wenn man sowas mag.

Ein wenig langweilig,

wie alles wahrhaft Schöne.

(Für alle andern lächelt Mona Lisa. Ist ihr Job.

Sie macht ihn gut

  


 


 


 


 

 

Arc de Triomphe

 

Der Kreis der Kreise. Stern der Sterne.

Von hier aus führen

Die Straßen weg, zur Vorstadt, zur Provinz,

nach Afrika, nach Asien, heim.

Umkreist vom fließenden Verkehr,

beinahe ungeregelt, selten stockend,

(und dann und wann ein Jaguar.

Oder ein Fahrrad. Eine Ente!)

 

Die Siege aber, protzig aufgetragen,

erscheinen zweifelhaft. Wer weiß denn schon,

wer eigentlich gewinnt beim großen Schlachtfest

der Nationen, Metzeleien der Völker?

Der, der die größten Bögen baut?

 

Geschichte wiederholt sich.

(ein neuer Jaguar. Ein Taxi, zwei Mercedes)

Sie wechselt nur die Daten aus. Sogar die Schlachten

Können manchmal die Namen wechseln

(Belle Alliance war eigentlich zu schön).

Ist Platz noch auf dem Bogen

Für neue Namen, Schlachten, Helden, Tote?

Der neue Krieg baut virtuelle Bögen.

Ein Bummel übers Schlachtfeld, in 3D.

Jeder sein eigner Feldherr. Wer gewinnt,

bestimmt am Ende der Computer

(der ganz am Ende sowieso gewinnt.

Widerstand ist zwecklos).

 

Schau, ein Ferrari! und ein Minicar!

Und morgen kommt die Tour de France,

die Fahnen wehen schon im Wind.

Ist aber nur Schaulaufen. Für Paris, die Hauptstadt.

Gesiegt wird in den Bergen, der Provinz.

(So ist das Leben.

Und der Rest ist Urlaub)

 

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