Waren es wirklich Pyramiden?

Ein Teneriffa-Gedicht




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Waren es wirklich Pyramiden? Oder nur

gefundne Steine, aufgesammelt, aufgeschichtet,

in Reih und Glied, damit es besser passt,

müßiges Spiel mit Mustern, Prahlerei gar: Wessen

Pyramide ist die höchste? Welche

hält länger aus?

Geometrie ist Ordnung,

und Ordnung ist der erste Schritt zum Heiligen.

Selbst wenn sie ausgerichtet sind, exakt

zum Sonnenaufgang in der Sommersonnenwende –

was beweist das schon? Der Himmel ist ein Lineal,

kennt man es, kann man es verwenden.

Oder auch nicht.

Vielleicht

haben die Sterne eine tiefere Bedeutung.

Vielleicht aber

ist jede Pyramide nur ein Bild

nicht nur der Ordnungen des Himmels, sondern

der Menschheit. Seit jeher, an vielen Orten,

baute sie Pyramiden

der Macht. Ganz oben

steht der Herrscher. Er ist die Sonne,

mal scheint sie hell, mal ist sie verdeckt,

sie wärmt, aber sie droht auch: Ich

kann dich vernichten! Komm mir nicht zu nahe!

Am Abend geht sie glanzvoll unter, um am Morgen

in neuem Glanze zu erstrahlen. Es ist ein harter Job.

Zu herrschen. Einsam. Ganz oben, an der Spitze,

als Priester oder König. Oder beides gar.

Waren es wirklich Pyramiden? Oder spiegeln sie

die Ordnung, die die Menschen selbst sich gaben,

weil sie nicht leben konnten

ohne Ordnung, jeder gleich, jeder ein Steinchen

auf einem Riesenacker, ungepflügt?

                                   

Teneriffa: Die ganze Insel ist eine Pyramide,

von der man nur die Spitze sieht: El Teide,

ein Zuckerhut, oft weiß bekrönt

von Schnee oder von Wolken.

Der Neigungswinkel schön und gleichmäßig,

nach allen Seiten: formgerecht.

Sehr große Kunst ist so, beruhigend, mäßigend.

Die Flanken sind bedeckt von dunklen Lavaströmen,

geronnener Gewalt, zerborstener Zerstörung.

Sie flossen in ein Meer von Steinen,

das heute noch den Kratergrund bedeckt: Scharfkantig,

grau, braun, rot, schwarz, schwefelgelb,

giftgrün gelegentlich.

Ein Teppich eines unerfahrnen Webers,

der noch nicht geglättet ist,

der Falten wirft, und neue Krater. Mondgestein.

Kein Ort für Menschen.

Der größte Teil jedoch ist unter Wasser: bis zum Meeresgrund

reicht diese Pyramide in die Tiefe.

Hat sie noch Farben dort? Setzt der Winkel

sich gleichmäßig fort?

(denn die im Dunklen sieht man nicht)

                       

Doch die Steine leben. Der Krater,

eine Pyramide, auf den Kopf gestellt,

die Hänge und die Felsen. Lebt denn nicht,

was seine Farben ändert, jeden Tag, jede Minute?

Was Pflanzen nährt,

geduckt, verschlungen, trockne Äste, Grasbüschel,

goldglänzend auf dem dunklen Teppich, wogend

im sanften Wind, gepeitscht vom Sturm,

umspielt vom abendlichen Nebel?

Gibt es nicht Eidechsen, erdfarben, doch

mit einem blauen Streifen

der ihre Flanke ziert? Ein Stück vom Himmel?

Spielen die Vögel nicht, graubraun auch sie,

unscheinbar, doch mit einer roten Brust,

ein Stück der warmen Erde,

mit dem Wind?

Die Seilbahn ist kaputt. Die Gondeln ruhen

in ihren Häusern, die Busse kehren um.

Die Vögel aber bleiben. Der Krater glänzt im Abendrot für sie.

Die Felsen schlucken noch das letzte Licht und werden

lachsrot, senfgelb, auf weißem Grunde ziehn sich

Streifen hin aus Ocker. Dass ein Grau so leuchten kann!

Dann Schwärze. Und Sterne, unermesslich, unzählbar.

Die Luft so klar – dass der Vergleich fehlt. Glas ist

nicht so klar, bei weitem nicht. Ein Diamant?

                          

Der Mensch denkt gern, er sei individuell.

Unverwechselbar, ein jeder

(das schon macht alle gleich).

Hat man denn jemals einen Baum gesehen,

der aussah wie der andere? Eine Rose,

die ihre Blütenblätter so entfaltet wie die nächste?

Einen Stein,

mit seiner Mischung aus Kristallen, Mineralien, Elementen,

der einem andern glich? Nicht nur Sandkörner,

nicht nur Schneeflocken, jedes Ding,

das die Natur gemacht hat, ist einmalig.

Natur wiederholt sich nicht.

Der Mensch hingegen

sucht Vorbilder. Idole.

Verschwindet gerne in der Masse.

Baut Pyramiden.

Kultur

beruht auf Wiederholung: Was der eine weiß,

gibt er der nächsten weiter. Vielleicht

kann sie es variieren, entwickeln, verändern.

Vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht wird er

nur Steine auf einander schichten,

zufällig gefunden,

auf einer Insel, einem Acker,

mit einer breiten Basis, einem soliden Grund,

doch dann nach oben hin verschlankend,

zum Himmel hin, zur Spitze,

hin zur Sonne und den Sternen, hoffend, vielleicht,

dass es hält? Dass er Klarheit findet, Schönheit?

                               

Waren es wirklich Pyramiden?

Kam die Ordnung

Von innen her oder von außen?

Am schwarzen Strand von Teneriffa

sind keine Pyramiden. Hochhäuser

ragen monolithisch auf. Massive Blöcke,

ein jeder wie der andere. Gleichmäßig

versehen mit Fenstern. Dunkel abgeschattet

gegen die Sonne. Die Balkone leer.

Leicht abgestuft

wandern die Ferienwohnungen den Hang empor.

Wer Geld hat, wohnt ganz oben: Der Blick

geht weit hinaus, über die Blöcke

vielleicht aufs Meer hinaus

(wenn man die Fenster öffnen würde.)

Nur das Meer

kann den Teide sehen, so wie ihn keiner sieht,

nicht Vögel, nicht Eidechsen, auch nicht Menschen

mit ihren Apparaten, Objektiven, Kameras:

Wenn die Sonne im Osten aufgeht,

wirft sie im Westen seinen Schatten auf das Meer:

eine Pyramide

rein aus Dunkelheit.

Wer solche Pyramiden bauen könnte,

der brauchte keine Steine mehr.  


 

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