Toskanisches Tagebuch

 

Zur Ansicht als Fotobuch unter:  

http://www.cewe-fotobuch.de/view/266f93ca4f31e82d664b41314c92c07e

 

Florenz

 

 

 

 

 

 

  

 

 

Die Männer herrschen auf der Piazza della Signoria.

Auch wenn der Name weiblich klingt:

Firenze, von Flora, Göttin der Blumen und des Frühlings.

Flora jedoch hat sich versteckt, bei Botticelli,

nur leichte Kleidung, kluge Blicke, wenig Männer

sind im Garten. Frühlingslüfte

durchziehen die Uffizien.  

 

Auf der Piazza, draußen, steht nun David,

etwas gelangweilt, casual, cool,

ein junger Gott des Übermuts.

(Wen interessiert schon Goliath, das Monster, der Verlierer?)

Kichernde Girlies schicken ihre Männer zum Posieren,

unter dem Schönen, Weichgelockten, sinnlich Schmollenden,

ein unfairer Vergleich: zu klein gerat'ne Davids,

auf die die Kameras der Handys zielen,

und nicht mal eine Schleuder ist zur Hand.

 

Stirnrunzelnd schaut David auf Herkules,

auf dem Podest auch er, jedoch ein Mann,

die Muskeln und das Sixpack klar gezeichnet

den Blick tragisch umwölbt. So ist das Leben.

Man unterwirft. Mit Monstern muss man kämpfen,

immerfort, die Keule stets zur Hand, massiv,

im Unterschied zur jugendlichen Schleuder.

Die Touristen strömen, furchtlos, fremde Masse,

wie jeden Tag. Zum Glück steht man darüber.

 

Skeptisch grüßt Neptun her von seinem Brunnen,

blickt auf David, den ungeratnen Sohn.

Er ist der Älteste der drei, ein König,

mit seinem wohl gepflegten Bart, gelassen

thront er über dem Blecken seiner Pferde.

Zu seinen Füssen liegen nackte Damen,

grünlich, üppig gebaut, doch deutlich kleiner.

Wasser umspielt sie sanft. Sonst spielen sie

nur Nebenrollen hier. Unbewaffnet.

 

Daneben in der Loggia zeigt Perseus

Medusens abgehau'nen Schädel vor.

Der Leib scheint noch zu zucken,

auf dem er im Triumphe steht. Ein Sieger.

Das Blut spritzt aus dem abgetrennten Rumpf.

Niemand erstarrt mehr heutzutage,

höchstens noch auf dem Selfie: Schnappschuss!

Medusa war im Übrigen nicht sehr beliebt.

Zu schön. Athene nahm sich spät erst

ihrer geschändeten Genossin an

(ein Zickenkrieg, schon damals).

Medusens Kopf trägt sie jetzt auf dem Schilde,

die kluge Göttin. Klugheit

verschafft Respekt. Sogar bei Männern.

Kurzfristig jedenfalls.

 

Die Löwen blicken sehr gelassen.

Zu viel haben sie schon gesehen.

Savonarola hat hier einst gebrannt.

Ein Bild ist überliefert,

seltsam verkleinert, wie ein Comic.

Ein Block rechts der Palazzo, düster, 

links abgeschnitten spickt der Dom hervor,

mittig der Scheiterhaufen.

Eher klein. Darüber hängen Männer

zum Rösten. Seltsam still.

Mehr noch werden herbeigebracht,

weiß das Gewand, ganz still auch sie,

geführt von Männern in spitzen Kapuzen.

(Wer sind hier eigentlich die Bösen?)

Zwei Bauern tragen Stroh heran,

damit das Feuer gut genährt wird.

Kinder spielen Fangen.

In Gruppen stehen die Bürger. Männer. Frauen

sind kaum zu sehen. Im Hintergrund vielleicht.

Nur wenige schau'n der Tragödie zu,

die hier für sie gegeben wird. Es gibt Wichtigeres

am Ende eines langen Tages.

Allein die Engel blicken nieder,

und zwischendurch vielleicht die Löwen.

 

 ***

 Zypressen

 

 

 

 

 

 

 

Bäume punktier'n die Landschaft,

dunkle Morsezeichen:

Zypressen, Pinien, Pinien;

Zypressen, Pinien, Zypressen.

Punktfelder aus Olivenbäumen,

Weinzeilen, streng gereiht,

beim Warten auf die Lese.

 

Die Hügel schwellen auf- und ab

wie Melodien langer Sätze.

Schilffelder in den Senken lispeln,

daneben blinken Pappeln.

Die Gärten sind mit Kürbis fest umstrickt.

Dahinter klaffen Marmorbrüche,

gehackter Stein für schwere Worte,

die Hölle und das Paradies. Seit Dante

hat sich nicht viel geändert hier.

 

Die Römer schon gaben den Wegen Namen:

Via Francigena, die Via Cassia -

durch Fiebersümpfe, über weite Hügel,

bei Wildschweinen in dunklen Eichenwäldern

verlief der Weg. Zypressen an der Wegeskreuzung.

Einst eine Schenke, heute eine Mautstation

der Autostrada, Via Cassia noch immer.

Die Pilger blieben ungezählt.

Sie zahlten in der Not mit ihrem Leben.

 

Dörfer krönen die Hügel, Türme, Kirchen,

auf halber Höhe drunter Villen.

Im Schatten der Zypressen

schlafen sie mit geschloss'nen Läden.

Nur für Touristen werden sie geöffnet:

Agrotourismo. Wer noch eine Hütte hat,

vermietet sie. Der Sommer wird – man hofft –

auch dieses Jahr sehr groß.

 

 ***

San Gimignano

 

 

 

 

 

 

  

 

 

Die Türme sprechen abgehackte Sätze

über die sanften Hügel des Chianti,

über die Ströme der Touristen in den Gassen,

hinweg in ferne Zeiten: Geschlechtertürme.

Jede Familie ein stolzer Name, hochgebaut.

(kein Patchwork mit Familienreihenhaus).

 

Touristen essen Eis derweil. Weltbestes,

verkauft von zwei Eisdielen, schräg einander gegenüber.

Damals, wer weiß, man hätte sich vielleicht begossen

mit Eimern von den Türmen. Eis von gestern,

gemischt aus allen Sorten: Stracciatella

vielfarbig schillernd. Notfalls auch mit Sahne.

 

Lautstark ruft man zur Stille in der Kirche.

Von seinem Fresko mahnt Hiob herab: Wer alles hat,

kann auch alles verlieren. Die Medici -

sie hatten alles, was man haben kann. Und mehr.

Und dann verloren, alles. Später war'n sie Papst.

(Lieber ein Reihenhaus als gar nichts zu verlieren?)

Die Türme fallen heutzutage leicht.

Die Krise ist nie fern

am Ende auch des besten Tages.

 

 ***

 Lucca

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mauerring schließt leicht erhöht die Kleinstadt ein.

Nicht militärisch drohend, Bäume wachsen hier,

beschatten Jogger, Radler, Kinderwägen,

dahinter blaue Berge, nicht sehr hohe.

Ein Graureiher wacht über Gräben, die

sehr selten nur von einer kleinen Flut gefüllt sind.

 

Ruhe am morgendlichen Domplatz. Es wird noch gefegt,

Cafés rücken die Stühle her, polieren Tische.

Die Heiligen des Doms steh'n beruhigt in ihren Nischen,

Tauben bewachen sie, dazu natürlich Löwen. 

Im Labyrinth am Domportal

sind Wege schon geglättet von den vielen Fingern.

 

Über den Gassen thronen Türme, glocken- oder laubbekrönt.

Kanäle ziehen ihre Bahn durch ruhige Viertel.

Man radelt gern, der Schoßhund schläft im Fahrradkorb,

man grüßt von Korb zu Korb. Noch immer keine Mittagszeit?

Die Touristen verlieren sich. Schon die Römer wussten,

dass hier gut sein ist (auch Napoleon war da, wie Caesar).

Puccini sitzt vor seinem Elternhaus, in Bronzeguss,

die Beine elegant gekreuzt, ein Lebemann,

und leis weht Tosca durch die Luft.

 

***

 

Viareggio

 

   

 

 

 

 

 

 

Die kleinen Häuser ziehen sich

durch schnurgerade Straßen

mit schmaler Front

vom Bahnhof in das Leere:

das unsichtbare Meer am Ende jeder Straße.

 

Von nah besehen ist es

bedeckt mit Kinderwellen,

punktiert mit Segelschiffen,

geteilt in Farbenstreifen

durch Sonnenschirme, Fuß bei Fuß.

 

Über den Eintritt wachen alte Bäder

mit Toren und mit Türmen,

ganz wie ein Märchenschloss.

(Schneewittchen schläft schon wieder,

die Prinzen haben keine Zeit,

geküsst wird später, nach dem Twittern).

Dahinter Holzhäuschen,

in schnurgeraden Reihen

mit bunten Läden und mit Türen,

und mit noch schmal'rer Front,

durchnummeriert quer bis zum Meer,

zur großen Null.

 

Wer will ein Eis?

Die Händler aus der Ferne

verkaufen Daunenjacken, Billigstware.

Am Ende dieses Tages  

tragen wir alle Sand nach Hause.  

 

 ***

Pisa

 

 

 

 

 

 

 

  

Wunder, weiß auf grünem Grund,

bei frischem Wind am Morgen scharf gezeichnet.

Wäre der Turm nicht schief schon lange Zeit,

man müsste ihn leicht neigen angesichts

solch reiner Perfektion.

(und nicht dummer Touristen wegen, die

das Schiefe allemal dem Schönen vorziehen).

 

Vom Baptisterium herab schau‘n Köpfe,

überlebensgroß,

halten Gericht über Besucherscharen:

(Wie sie sich schief neben dem Turm aufstellen;

mit ihren grellen T-Shirts, den noch bunt‘ren Hüten)

dumme Farbflecken angesichts des Wunders,

verstecken sie sich hinter Kameras, Handys, iPads,

als könnten sie das reine Weiß

mit bloßem Auge nicht ertragen.

 

Im Camposanto ist es ruhig.

Der Tod, allgegenwärtig,

bedeckt die Wände, überzieht die Böden,

trotzte dem Bombardement

(neueste Todestechnik damals, heute

sind wir weiter),

beständig auch auf unsicherem Baugrund.

Unter weißen Bögen,

dem feinen Zuckerwerk der Gotik,

dem glatten grünen Rasen,

dem Wandern weißer Wolken,

schläft er

nur eine kleine Weile. Niemals lang.

 

Dahinter neu der Turm. Aus andrem Winkel

nun noch schiefer, neigt er sich bedenklich

zwischen Aufrichtigkeit und Fall.

Jenseits die Stadt: mit Fluss,

mit Brücken und belebten Straßen

kehrt sie dem Wunderplatz den Rücken zu.

Hier herrscht das Leben - jedenfalls nach der Siesta.

Am Ende zählen bunte Scheine, nicht die weißen Wunder.

 

 

***

Siena

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

Das Mittelalter lebt. Für einen Preis natürlich.

Die Busse müssen draußen bleiben.

Touristen werden schnell ent- und beladen.

Kein Klo bei der Umschlagestelle. Die Bars wollen auch leben.

 

Die bunten Leuchter, tiergeschmückt,

erinnern an den letzten Palio:

Gewinnt die Schildkröte (hat sie Achilles wirklich wieder überholt!)?

Lahmt heut der flinke Panther, dreht das Stachelschwein voll auf?

Sogar die Raupe darf mitkriechen, und dem Adler

stutzt man erneut die Flügel.

Die Menschen spielen Nebenrollen: auf den Platz gepfercht,

wie Schlachtvieh. Dicht an dicht. Mit Fähnchen ausgerüstet.

Das Los entscheidet Ross und Reiter.

(waren die Chancen damals gleich, im dunklen Mittelalter?)

 

Weit oben thront der Dom über der Stadt.

Mit Kunst bedeckt auf allen Seiten,

spreizt er sein basilikales Kreuz noch weiter aus,

will noch mehr Raum, greift aus ins Leere –

aber die Piazza bietet Widerlager,

schließt die Palazzi lückenlos um sich,

vermisst den Platz mit weiten Linien, streckt

den eignen Turm stolz in die Höhe:

Nabel der Welt, gerundet, mit leichtem Gefälle

(nach unten führen alle Wege endlich, hin ins Dunkle).

Die Wölfin wacht darüber, doppelbrüstig. Remus

hat hier ein Heim gefunden, so sagt die Legende. 

Wer braucht Rom, wenn er Siena hat?

Das Mittelalter lebt. Doch Wölfe

sind heut nicht mehr erwünscht.

Kein Asyl für Remus,

höchstens im Tierpark.

 

Im Rathaus thronen hohe Tugenden über zwei Fresken:

Gute Regierung rechts, die schlechte links. (no pun intended!)

Das Fresko links ist schlecht erhalten, rechts gut.

Der Frieden hat sich ausgezahlt? Die Klugheit triumphiert?

Der Zahn der Zeit benagt die Bösen nur?

(Hat die Gerechtigkeit auch hier gesiegt?) 

Einen Saal weiter reitet

ein einsamer Soldat durch kahle Hügel.

Fast wartet man auf die Indianer, aus den Zelten rechts,

die wild, mit Kriegsgeschrei, hervorpreschen;

die fünfte Kavallerie

könnte von links zur Hilfe kommen, laut trompetend,

natürlich erst im allerletzten Augenblick.

Der Soldat reitet weiter, ungerührt.

Es könnte auch der Mond sein: mare tranquilitatis.

 

***

 

Montecatini Terme 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hotels. Eins neben Hundert anderen. Doch heimlich

sind sie genau geteilt in eigene Bezirke.

Für die Touristen aus der Fremde Sterne, möglichst vier,

die Bar ist wichtig, auch ein kleiner Pool (ambesten Wellness),

zur Straße die Terrasse ist meist leer. Ein wenig Barpiano

plätschert im Hintergrund. Die Pilger aus Amerika

sind sehr erschöpft; die Fahrradfahrer halten tapfer durch,

asketische Gestalten, stramm bewadet, in der Marmor-Lobby.

Dazwischen Ladys, bunt gewandet, bodenlang,

aus Afrika, vermutet man – die Männer sind daheim geblieben.

Busse entlassen deutsche Bildungsreisende; den Blick leicht stumpf

von all dem Glanz der alten Fresken, Türme, Städte

(vielleicht aber auch nur vom Wein, Chianti, selbst getestet). 

 

Zwei Straßen weit zurück werden die Sterne weniger,

drei reichen meist. Die Lobby etwas kleiner, familiärer.

Und lauter ist es: Italienische Senioren

flanieren, stehen, tratschen, singen

vereint in tiefen Sesseln sentimentale Lieder.

Der Abend ist noch lang, und auf der Piazza

wird schaugelaufen zwischen Eisdielen und Bars.

Heut abend große Show: Man wählt Miss Montecatini

(der Sponsor ist, was sonst, ein Wäscheladen).

Die Rentner freuen sich. Der Rapper auf der Bühne

guckt leicht verdutzt. Doch seine Freunde jubeln tapfer.

 

Die großen Thermen zieh'n sich die Allee entlang,

traurige Überreste größ'rer Zeiten: Manche sind Ruinen,

bei andern wird gebaut. Vielleicht kommen die Russen

auch weiterhin und wollen baden, schlemmen, kaufen.

Am Ende thront Tettucio, ein Palast

aus reiner Architektur: Säulenhallen, Bögen, Brunnen,

Arkaden, leicht verdunkelt gegen allzu grelle Sonne.

Im gelben Schatten spielen Rentner Karten, Wasser

plätschert dezent im Hintergrund, zu klassischer Musik.

Von Kachel-Fresken über Wasserhähnen

schauen die Lebensalter stoisch: Die Jugend

ist eine schöne Frau, was sonst; im Alter

zeigt man lieber Männer.

 

Der Park schaut auf den Berg, mit hohen Bäumen,

dazwischen Blumenbeete, herbstlich angehaucht.

Versteckt hinter dem Saal haben sich Robben,

die einen Brunnen in die Höhe strecken, etwas plump.

(zu viele Falten an den Schenkeln. Kann man da nichts machen?)

Am Abend aber ist Konzert, Puccini weht herüber,

die Lichter funkeln durch die Gänge, mit ein wenig Phantasie

hört man die Roben rauschen

am Ende eines allzu stillen Tages.

 

***

Montecatini Alto

 

 

 

 

 

 

 

  

Über den Thermen thront Montecatini Alto;

schmiegt sich in die Bergsenke, hingestreckt

von Turm zu Turm. Der rote Gigio

und seine Braut, die Gigia,

treffen sich in der Mitte alle Stunde:

Berg- und Talfahrt. Schon seit hundert Jahren

werden die Gäste auf den Berg gezogen.

 

Besonders gern am Abend: Um den kleinen Platz

scharen sich Restaurants und Cafés, eins am andren.

Leicht abwärts sitzt man hier. Macht nichts:  

Der Wein ist gut und viel, und wenn man Glück hat

schaut spät ein runder Mond herab auf die Victoria.

 

Und heut ist Hochzeit! Reich geschmückte Gäste

verstopfen enge Gassen. Das Buffet wird kalt,

man redet lieber, lacht und tanzt.

Zuerst jedoch noch ein paar Fotos!

Applaus springt auf von allen Tischen,

als sich das Paar den Platz empor kämpft. Unter Spitzen

des Brautkleides lugt ein Tattoo hervor. Die Schuhe

mit ihren hohen Hacken werden langsam lästig. Schnell ein Foto,

natürlich vor Victoria, dann noch eines,

im Hintergrund ein Souvenirshop. Bunte Teller,

etwas zu bunt vielleicht. Dafür ist ja die Braut weiß.

Und weiter aufwärts! (Heiraten ist schließlich

kein Kindergeburtstag. Auch kein Ponyhof)

 

Zur Talfahrt mit der roten Gigia

drängen sich die Touristen später.

Holländer heut vor allem, älter schon, sehr losgelöst,

beschwingt vom Wein, vom Mond, vom Süden

prusten sie, gickeln, grölen, kichern,

dass Gigia beinah noch röter wird.

Weit unten strahlt die Rennbahn, gegen Mitternacht

startet das letzte Rennen der Saison.

Am Ende dieses langen Tages

sind alle glücklich

(und man hofft: sogar die Braut).

 

 

***

Fresken

Kunst explodiert. Wände und Decken sind bedeckt.

Aber es findet sich noch immer irgendwo eine Kapelle.

Die Künstler wollen Zeichen setzen. Ganz Florenz

lebt von der Kunst in dieser Zeit der Neugeburt.

Wo Religion war, soll nun Leben werden: Man übersetzt einfach.

 

Verkündigungen, unvermutet:

Maria bekommt eine Nachricht. Eine gute oder eine schlechte?

Schlägt Michael, der Engel, mächtig mit den Flügeln,

oder zieht er sie ein? Die Flügel sind hinreißend gemalt,

sie schillern fein gefedert, nicht nur protzig-golden,

als könnte man damit tatsächlich fliegen!

Maria scheint zu lesen. Eine Blume steht bei ihr,

im Hintergrund ein kleines, aufgeräumtes Zimmer.

Wer hat jemals ein Zimmer so gemalt bisher?

Selbst ihr Gewand ist menschlich nun gefaltet.

Ein Kind kommt in die Welt, die Vaterschaft ist ungeklärt.

Versehen oder Wunder?

 

Die Anbetung der Könige:

Ein wichtiges Ereignis fand dort statt, im Stall. 

Ein gutes oder schlechtes?

Viel Prominenz ist angereist, aus fernen Ländern.

Am prächtigsten von allen ist der Mohr mit seinem Turban,

allein das Blau schon kostet sicher ein Vermögen!

Man trifft sich vor der Stadt, das Volk schaut zu und staunt.

Auch Ochs und Esel haben nun entfernt Verwandte,

Pferd und Kamele, wild exotische Geschöpfe,

mehr noch der Phantasie als einem Stall entsprungen.

Das ganze Leben ist so bunt geworden.

Ein Kind ist in der Welt, jeder verspricht sich viel davon.

Für sich oder die Menschheit (oder gar das Kind)?

 

Jüngstes Gericht:

Das Ende aller Dinge. Ist es ein gutes oder böses Ende?

Dort sind die Seligen. Leicht dämlich grinsend

Und ordentlich gereiht sitzen sie bei den Engeln,

die Hände brav gefaltet, die Gewänder hochgeschlossen,

den Blick nach oben zur Dreieinigkeit gerichtet.

Sie sehen sich alle ein wenig ähnlich.

Hier sind die Verdammten. Bizarre Teufelsfratzen

vertilgen sie genüsslich, Glied für Glied, den Kopf zuletzt.

Viele gekrönte Häupter kann man sehen, sogar den Papst!

Ganz nackt sind sie aus ihren Grabsteinen gekrochen!

Ein unendliches Gewimmel von Leibern und Gesichtern!

Das Ende aller Tage ist gekommen. Wer siegt:

Gerechtigkeit oder die Schaulust?

 

Ein Abendmahl:

Man trifft sich. Unter Freunden. Guten oder schlechten?

Die Tafel ist mal reich gedeckt, mal weniger. Meist Wein,

ein wenig Brot, ein Fisch. Manchmal ein Lamm.

In Gruppen unterhält man sich, das Neueste vom Tage.

Der Junge ist schon müde, leise neigt er sich

zu dem hin, der als Zentrum in der Mitte sitzt.

Ganz aufrecht meist. Den Blick nach vorn gerichtet,

doch er schaut nicht fröhlich. Andre tuscheln,

sie zeigen mit den Fingern auf einander,

sie ziehn die Stirn kraus, schauen zornig,

machen große Gesten. Ganz unten

liegt ein kleiner Hund. Vielleicht fällt etwas ab.

Was wird geschehen, wenn einer uns verrät?

Ein jeder könnte Judas sein.

 

 

Home