Klartext. 
Wort-Gedichte

Bei amazon als Buch erhältlich: 

 


Leseprobe:

 

Worte und Sätze

 

 

Erklärung der Wortrechte 

Am Anfang ist das WORT.
 

Jedes Wort ist frei geboren.
Es darf sich ungehindert bewegen
im Reiche der Gedanken.
Es hat einen Geist und einen Buchstaben.
 

Der Buchstabe soll nicht willkürlich verformt werden.
(Wortrecht auf Recht-Schreibung!)
Der Geist soll nicht willkürlich verdreht werden.
(Wortrecht auf Sinn-Wahrung!)
Es kann Asyl beantragen, wenn es missbraucht wird.
 

Wer schützt die Worte?


Aber aber! 

ABER, sagte das kleine aber zum Großen Aber,
als sie sich eines Tages ganz zufällig
an einer Satzkreuzung begegneten,
(die Kommas waren schon schlafen gegangen
und nickten mit den schweren Köpfen
)


aber möchtest du nicht auch manchmal lieber nicken,
wie die Kommas mit ihren schweren Köpfen,
und nicht immer nur nachhinken: Ja, Aber!,
mit einem großen empörten Ausrufezeichen
wie einem Klotz am Bein?


Ja, sagte das Große Aber. Ohne Wenn und Aber.
Sicher, sagte es zur Sicherheit. Punktum.
(Heimlich drohte es aber
dem leichtfüßig davon hüpfenden kleinen aber
mit einem großen empörten Ausrufezeichen
hinterher: Aber, Aber!)


Das kleine aber aber jagte einem flüchtigen Fragezeichen nach,
mit dem es schon lange angebandelt hatte. 

 

 

Missverständnisse

 

Ins Unreine gesprochen

Das hab ich doch noch nicht so gemeint!
(Meinungen sind Dutzendware.
Sie wechseln schneller als das Wetter
)


Musst du mich denn immer beim Wort nehmen?
(Ein Wort gibt das andere.
Sprechen ist Geben und Nehmen)


Das habe ich doch nur ins Unreine gesprochen …
(Es gibt keine reinen Wörter mehr
seit der Vertreibung aus dem Paradies
schmutzen sie alle an den Rändern)


Das ist doch Wortklauberei!
(Wir haben all unsere Wörter zusammen geklaubt,
sie haben Druckstellen vom Gebrauch)


Musst du denn jedes Wort auf die Goldwaage legen?
(Wenn es wie Schweigen wiegen soll: So muss ich) 


 

Rede-Wendungen

Ich schwimme mit dem Strom.
Ich lasse mich in eine Schublade stecken.
Ich muss nicht B sagen, wenn ich A sage.


Irren ist bedauerlich.
Wissen ist Ohnmacht.
Das Genie beherrscht die Ordnung.


Über Geschmack muss man streiten.
Jeder ist seines Unglücks Schmied.
Jeder wird unglücklich nach seiner Fasson.
 

Die Liebe ist eine Wirtschaftsmacht.
Sie macht vergesslich.
Im Krieg und in der Liebe sollte man das meiste verbieten.
 

Es gibt sehr viele dumme Fragen.
Der Klügere setzt nach.
Wer zuletzt weint, weint am längsten.
 

Der Tod ist teuer.

 

Gender-Wordstreaming

Der Welt geht unter.
Der Liebe bleibt.
Der Natur muss geschützt werden.
Der Frau emanzipiert sich.

Der Blume wird gepflückt.
 

Die Mond geht unter.
Die Hass bleibt.
Die Gott ist allmächtig.

Die Mann bleibt eine Mann.
Die Baum wird gefällt.
 

Das Geld, das Leben,
das All, das Nichts.
 

Haupt-Sachen haben kein Geschlecht? 

 


 Aus dem Leben der Worte

 

 

Große Worte 

Große Worte
gehen gern zu zweit,
im Reim gepaart
für alle Ewigkeit.
 

Am Ende vereinen sich:
Herz und Schmerz,
Liebe und Leid,
Welt und Held,
Tod und Not.
 

Ungereimt bleiben:
Die Kunst.
Das Nichts.
Der Mensch.
Der Gott.
 

Alle allein.
Für immer.
Die Sprache lügt nicht.
(Wort – Mord?)


 

Kleine Worte 

Die Diminutiven: kleinlich, niedlich, zärtlich,
Mit leiser Stimme dahingestreichelt,
den Ohren eingeschmeichelt, weichlich,
 

eine Kleinfamilie: Kindchen, Männchen, Frauchen,
dazu ein Hundchen oder Kätzlein,
im Häuslein mit Gärtlein und Zäunlein,
im Dörflein mit Kirchlein und Sträßlein,
das kleine Glück. Warum kein Glücklein?
(besser ein kleines Glück als gar keines.
Nicht jeder will ein Held sein
und im Superlativ sterben).


Im Kleinen das Große sehen: sanftes Gesetz,
dem die Steinchen gehorchen wie die Meteore,
die Blümchen wie der Regenwald,
die Käferchen wie der Elefant.
 

Das größte aller Lebewesen ist:
ein Pilz.
Nur unterirdisch ist er groß. 

   

Worte und Denken


Ironie-Signale 

Man sagt das Eine, und man meint
das Andere.
Der Tonfall sagt’s. Ein Blick, vielleicht
ein Runzeln nur der Stirn.
Alles nicht so gemeint!
Ironisch nur. Das Eine sagen,
das Andre aber auch. Leicht schwankend
die Bedeutung, gar nicht festgelegt,
für den, der drüber steht und weiß:
Was gilt denn schon?
Heut dies und morgen das.
Eindeutigkeit
ist für beschränkte Geister.
Schwarz-Weiß-Seher. Pedanten.
Einwegdenker.
 

Die höchste Stufe, nur für Fortgeschrittene:
romantisch potenzierte Ironie.
Selbstreflexiv gesteigert. Ein Kunststück,
sich selbst bespiegelnd, immer kleiner.
Wir alle sind
doch Schatten nur von Schatten,
Symbole von Symbolen,
Gemachtes von Gemachtem.
Am Ende bleibt
allein die Geste, bleibt das Spiel
der Blicke, Töne, Mienen.
Wie sublim! Das tut nicht weh.
 

Bekanntlich war schon Sokrates Ironiker.
Der Unterschied: Er stand nicht drüber,
sondern mittendrin.
Und wollte wissen. Ein für allemal.
Gebären
ist nicht ironisch, sondern schmerzhaft.
Die Ironie erleichtert nur die Schmerzen,
man lacht über die eigne Dummheit,
der Schmerz aber bleibt da.
 

Was sich zu sehr aufhebt, hebt ab.
Bodenhaftung meint:
Gelegentliche Flüge sind nicht ausgeschlossen.
  

Vom Meinen

Es ist ja so wichtig, eine eigene Meinung zu haben!
Jeder sollte eine eigene Meinung haben.
Am besten mehrere.
Gehört sich einfach so.
Man hat ja auch
ein eigenes Auto, ein eigenes Haus,
ganz individuell natürlich,
passend gekauft, fein abgestimmt
auf den persönlichen Geschmack und Typ.
Man baut sich auch kein Auto selbst.
Der Markt bestimmt, natürlich auch der Geldbeutel,
die Farbe darf man wählen,
ganz individuell natürlich.
Notfalls auch auf Kredit, mit kleinen Raten.


Es ist ja so wichtig, sich seine eigene Meinung zu bilden!
Man bildet sie, bequem und jederzeit,
nach Vor-Bildern, nach Meinungsmachern.
Das sind Profis. Sie machen Meinungen
wie andre Leute Hosen.
Der neusten Mode und den aktuellsten Meinungstrends
auf den sehr schmalen Leib geschneidert.
Fürs breite Publikum gibt es die H+M-Version:
Billig, leicht austauschbar, ein wenig allzu jugendlich.
Aber man fällt nicht auf damit.


Und Meinungsstreit ist wichtig!
Am besten öffentlich. Davon
lebt unsere Demokratie. Schaukämpfe:
Wer hat die Meinungsmacht?
Die Medien? Die Politik? Das Geld?
Der größte global player, zweifellos. Wer schon hat,
gewinnt immer noch mehr.
Erst ganz am Ende kommt der Bürger. 

Er hat nichts
zu sagen.
Er soll nur meinen.
Gut gemeint! Wie niedlich!
Zum Lohn ein Wahlschein.
 

Wer meint, hat aufgehört zu fragen.
Er weiß die Antwort. Seine eigene.
Ganz individuell natürlich:
„Ich persönlich meine ja!“
Wer kann schon wissen?
Die Welt ist voller Meinungen,
von Anbeginn.
Als Gott den Menschen schuf,
schuf er ihn nicht nach seinem Bilde.
(Gott meint nicht)
Wenn man nur wüsste,
nach wessen Bild stattdessen.
Wir Menschen schaffen immer nur
nach unserm eignen Bild.
 

Genug gemeint! Zeit für ein Urteil!
 

 

Wort-Bilder

Sym-Biose

 

Wenn Hunde Philosophen wären,

wäre die Nase das wichtigste Organ.

Gerüche sind komplex. Sie ändern sich

mit jedem Tag, mit jedem Atemzug,

mit jeder neuen Hormonmischung.

Aber: Man kann sie nicht fälschen.

Parfüm

überdeckt nur.

Darunter ist die Wahrheit

eines Körpers. Einer Situation.

Der Hund ist immer auf der Spur.

Sein Leben lang.

Er bleibt ein Skeptiker.

              

Wenn Elefanten Philosophen wären,

wäre der Rüssel das wichtigste Organ.

Mit ihm kann man riechen. Fühlen.

Nehmen. Geben.

Essen. Trinken.

Drohen und liebkosen.

Kämpfen und umschlingen.

Sich putzen. Sogar tauchen!

Und, natürlich, sprechen.

Prusten. Posaunen!

Hinten hängt ein Körper dran.

Massiv. Verstärkungsmasse.

Resonanzboden

für so viel sinnliche Erkenntnis.

Alles in Einem.

Ich bin ein Rüssel. Also bin ich.

                 

Wenn Vögel Philosophen wären,

wären die Flügel das wichtigste Organ.

Wer will gehen, wenn er Flügel hat?

Sie schweben drüber.

Wissen, woher der Wind weht

und wohin.

Meta-Physik, am Himmel,

Linien ziehend,

Muster bildend,

abstürzend, aufsteigend,

erhaschen sie Gedanken im Flug

und reißen sie zu Boden.

Sie bauen Nester aus Ideen

und ziehen weiter.

Systeme sind für Fußgänger.

                

Wenn Insekten Philosophen wären,

wäre der Panzer das wichtigste Organ.

Exoskelett: Hart, eine Stütze, eine Form,

und doch gleichzeitig biegsam, beweglich.

Das Innen ist geschützt. Vollkommen umhüllt.

Und doch kann es sich wandeln:

Es wirft die Haut ab. Es häutet sich.

Metamorphose. Die ultimative

Verwandlung.

Menschen bleiben immer

in ihrer Haut gefangen.

            

Sieben Mägen zählt die Kuh.

Sieben Leben zählt die Katze.

Zehntausend Wimpern hat das Pantoffeltierchen.

Dreißigtausend Einzelaugen die Libelle.

Das größte Lebewesen der Erde ist

ein Pilz.

Ohne Pilze gäbe es keinen Tod.

Sie verdauen. Sie wandeln um.

Sie wachsen unter der Erde, unsichtbar.

Sie gehen Symbiosen ein.

Ohne Symbiosen

gäbe es kein Leben.

             

Der Mensch hat ein Gehirn.

Einhundert Billionen Synapsen.

Es kann wahrnehmen.

Wahr-nehmen. Leider auch lügen.

Es kann sich erkennen.

Die Reflexion: ein Spiegelkabinett,

das Selbstbewusstsein: eine Kleiderkammer,

die Seele: eine Schutzbehauptung.

(unbewiesen, bisher)

Sein Gehirn ist eine Waffe.

(leider nicht waffenscheinpflichtig).

Wenn es nicht tötet,

könnte es lernen.

Mit einem Sprung

zurück

aus dem Glauben

an die eigene Überlegenheit

(über-legen: oben liegen

im Kampf, verwandt zu:

unter-drücken)

in das Wissen

um die

Leistung

eines Tieres.

Sym-Biose: Mit-Leben.


Tabula rasa

 

Ein weißes Blatt. Ein leerer Tisch.

Tabula rasa.

Ein Neuanfang.

Das wäre schön.

Man wäre unbelastet

von all den Fehlern der Vergangenheit,

Reingewaschen

Von aller Schuld der Ahnen.

Aufnahmebereit

Für alles, was da kommen mag.

Ein jeder gleich. Ein weißes Blatt. Ein leerer Tisch.

 

Doch ähneln sich zwei Blätter je? Ist

Ihr Weiß nicht unterschiedlich, so wie

Schnee von Staub?

Sind sie nicht unterschiedlich groß,

Von verschiednem Stoff?

Ähnelt denn je ein Blatt

In der Natur dem anderen?

Ist eine Schneeflocke nicht anders

Als die nächste und die übernächste,

bis in alle Ewigkeit?

Sogar das Staubkorn ist einmalig.

Es vergeht nicht.

Es verweht nur.

 

Schon lang vor unserer Geburt

Wird unser Tisch gedeckt,

wird unser Blatt beschrieben.

Vom Urknall an, von allem Anfang an,

mit dem Beginn der Zeit war diese Welt komplett.

Nichts Neues in der Schöpfung, nichts

Was dort nicht schon geboren ward.

Die Ursuppe war unser Urahn.

Ungefragt entstand das Leben.

Unvordenklich. Ungeheuer. Unerschöpflich.

Wenn die Atome ein Gedächtnis hätten:

Wären wir es. Unser Leben

Ist eine Fortsetzung. Gestaltenwandel,

Wiedergeburt, Metempsychose

Wie man es nennen mag.

Individualität

ist eine Phase.

(Nicht die beste)

Der Tisch war immer schon gedeckt;

Nicht immer reichlich, nicht immer nahrhaft,

(Tischtücher erfand erst der Mensch).

Wir decken ihn nur ab,

damit wir glauben können,

wir seien neu. Ein jeder könne

den eignen Tisch so decken, wie er wolle,

das Blatt beschreiben mit ganz eignen Zeichen.

Ein Irrtum. Geschrieben hat

Evolution, das ganze Buch,

und selten nur war es idyllisch.

Wir schreiben ab und machen Fehler.

Das ist unser Verdienst.

 

Wenn wir geboren werden,

ähneln wir uns. Alle.

Kleine Monster mit zu großen Augen,

kahlen Köpfen, bedeckt vom Schlamm

noch der Geburt, gebunden mit der Nabelschnur

an die, die uns gebar. Uns trug. Uns nährte.

Das eigen Fleisch und Blut. Wortwörtlich.

Wir sind gemacht

Aus anderen, aus Eltern, Ahnen,

ob wir wollen oder nicht.

Wir tragen ihre Fehler, ihre Sünden,

ihr Verdienst; oft bleibt es lange verdeckt,

und eines Tages schaut man in den Spiegel und erkennt:

Ich bin ja doch die Mutter. Meine Mutter.

Nie wollte ich es sein, habe versucht,

andere Zeichen aufschreiben

auf anderem Papier. Den Tisch zu decken

mit eignem Porzellan, mit andern Speisen.

Und hab es nicht verhindern können. 

Nicht nur die Mutter, nein, in diesem

Schnitt des Gesichtes, diesen Gesten

Wohnt auch mein Vater. Meine Oma,

die ich schon fast vergaß, hat so geschaut,

den strengen Blick, der sich mir eingebohrt hat

damals als ich noch ein Kind war.

An meinem eigenen Kind seh‘ ich es schon:

Er wird so werden, wie ich war. Keine Kopie,

bewahre, niemand ist eine Kopie.

(noch nicht einmal Kopien sind identisch)

Aber ähnlich. Gemacht aus Stoff,

aus dem die Ahnen waren. Ein wenig Neues

fügt man selbst hinzu. Manchmal nur Flicken.

Neue Fehler, Neue Zeichen.

Wenn man gut wählt: eine neue

Kombination für ein neues Leben.

Variationen. Shades of White.

Der Tisch ist immer schon gedeckt.

 

Die Philosophen, früher, wenn sie

Tabula rasa sagten, meinten

Einen andern Tisch: Er stand im Kopf. 

Von Gott gezimmert. Fest und unveränderlich.

Er war beschrieben mit ehernen Gesetzen, Tafeln:

Gott ist groß. Der Herrscher kommt von Gott.

Der Mensch ist klein. Ein Sünder, immerdar.

Erlösungsbedürftig.

Die Religion war fest verdrahtet. Anders

Konnte man nicht denken.

Gott war ein Fakt; wer ihn nicht glaubt,

ein Monster. Freak of nature.

Die Tafeln sind zerbrochen, es war mühsam.

Doch ist der Tisch deshalb nun gänzlich ungedeckt?

Werden uns nicht

Ideen aufgetischt, kaum dass wir laufen können?

Wir glauben sie, was bleibt uns übrig,

wir würden sonst verhungern:

Der Mensch ist frei. Alle haben die gleichen Rechte.

Die Schwachen sind zu schützen.

Wir leben selbstbestimmt. Individualität

Ist machbar. Du bist einzigartig.

Was immer du auch tust, sei ganz du selbst.

Wer liebt, der wird geliebt.

Liebe ist einzigartig. Menschlich.

Kein andres Wesen hat sie.

Wir wählen unsre Herrscher selbst.

Der Mensch ist frei. Er kann sich entscheiden

Zum Guten und zum Bösen.

Das nennt man Moral.

Kein andres Wesen hat sie.

Wir haben Verantwortung

Für unsre Welt. Der Mensch beherrscht die Welt.

Mit Wissenschaft, mit Technik,

mit Fortschritt. Alles wird gut.

Ein Happy End. Denn alles andere

Wäre undenkbar.

Schau nur, der Tisch ist reich gedeckt,

weil du ein Mensch bist.

Greif zu!

 

Und man greift zu. Man will leben.

Man deckt sich seinen Tisch,

beschreibt sein Blatt, greift wieder zu,

und glaubt daran: Alles wird gut.

(Bei manchen biegen sich die Tische, andere

haben es nicht so gut.)

Doch gerade, wenn wir glauben: Jetzt,

jetzt ist es soweit! Jetzt ist es ganz

mein eigner Tisch, mein eignes Blatt –

fällt etwas um. Unter den Tisch.

Die Suppe schmeckt heute nicht.

Der Fisch ist schon verdorben.

Die Schokolade, es ist viel zuviel,

schnell, räumt ihn ab, den Tisch.

Ich kann es nicht mehr sehen!

Gebt mir einfache Kost. Diät.

Einfache Früchte, selbstgezogen.

(Doch sogar sie sind schon verdorben,

mit synthetischen Geschmacksverstärkern)

Warum habt ihr mich so vollgestopft

Mit Dingen und Ideen, die nicht halten

Was sie versprochen haben?

Warum habt ihr mich vollgestopft

Mit Geschichten, Märchen, Utopien,

die nicht von dieser Welt sind

und den Blick verstellen,

auf sie, auf diese Welt?

Jetzt gehen die Geschichten nicht mehr auf.

Waren sie vielleicht von Anfang an schon falsch erzählt?

Sie wollten nur dein Bestes.

Dein Bestes? Ihr Bestes?

Wessen Bestes, wenn man doch

Noch gar nicht weiß, wer man denn ist?

Zwangsbeschriftung,

Zwangsbeglückung,

Zwangsernährung.

Der Tisch ist niemals ungedeckt.

 

Tabula rasa: Deck ihn ab.

Mach den Tisch ungedeckt.

Zerreiß das Tischtuch.

Und wenn du kannst, dann zeig es deinem Kinde:

Wie man den Tisch selbst deckt.

(nicht, was darauf gehört)

Wie man eine neue Geschichte schreibt.

(nicht, was darin steht)

Lass es frei.

Gebunden bleibt es sowieso.  


Exzellenzinitiative. 
Vom Abstieg einer Floskel


Er war ein exzellenter Bäcker. Brötchen, vor allem.


Er stand früher auf als alle anderen und ging später zu Bett.
Für seine Brötchen verwendete er nur dreifach zertifizierte
garantiert ökologisch korrekte Zutaten.
(Sogar die Mohnkörner waren fairtrade)
Seine Lehrlinge waren die am besten ausgebildeten
Bäcker-Lehrlinge weit und breit,
fließend in allen Mehlsorten, versiert in Thekenhygiene,
die Bäckermützen weißer als weiß gestärkt.
Sein Sortiment war weltweit aufgestellt, von koscher
bis vegan,
auf Wunsch mit geweihtem Wasser besprüht oder
in vollständig recyclebaren Tüten.
Auf Innovation legte er den größten Wert,
unzählige Patente hatte er eingereicht.
Er kooperierte mit Bäckereien auf der ganzen Welt und
förderte Entwicklungshilfeprojekte
(Brötchen für alle, Brötchen ohne Grenzen)
Gern sprach er vor Politikern, Wirtschaftsorganisationen,
staunenden Hausfrauen.
Für Schüler veranstaltete er Aktionswochen,
für die Öffentlichkeit die lange Nacht der Bäckerei.
 

Das Brötchen neu erfinden, das war sein Lebenstraum.
Das perfekte Brötchen. Das Brötchen aller Brötchen
(Kuchen war für Weicheier, fand er)
Es sollte kugelrund sein und perfekt in der Hand liegen.
Es sollte nach den besten Körnern schmecken,
von der Sonne verwöhnt, vom Regen gestreichelt.
Es sollte außen knusprig sein und innen pludrig,
bissfest, aber nicht zu hart am empfindlichen Gaumen.

Es sollte von sonnigem Braun sein und schneeweißem Weiß;
mit einem sanft gewellten Krustenmuster,
wie das Gewand einer Madonna.
Es sollte haltbar sein und noch am zweiten Tag gut schmecken.
Exzellent einfach. In jeder Hinsicht. Wie er.
 

Am Ende war es zu teuer.
Keiner kaufte es, denn keiner wollte exzellente Brötchen.
(Sie galten auch als zu groß).
Gute Durchschnittsware, so, wie sie kommt,
mal weich, mal hart, wie das Leben.
Keinesfalls aber zu teuer!
Er bekam eine Mehlallergie.
(trotz der dreifach zertifizierten ökologisch korrekten Zutaten)
Danach backte er kleinere Brötchen.
Den großen Preis für das perfekte Brötchen
bekam später ein Kollege.


Er war besser vernetzt, sagte man. 

 

Teatro mundi
 

Die Welt ist ein Theater.
Heute spielt man am liebsten:
Musicals. Tanz und Gesang,
viel nackte Haut, Artistik,
eingängig. Aufregend. Ein wenig Handlung noch,
der Spannung wegen
(für Entspannung gibt es Wellness nebenan,
im Preis schon inbegriffen. All inclusive)
Die Darsteller sind jung, sehr schlank und schön,
natürlich nicht der Glöckner,
hingegen die Vampire: super-sexy!
Sogar die Tiere sind ganz menschlich, nein:
Eigentlich menschlicher als Menschen wirklich sind.
 

Die Welt ist ein Theater.
Es regiert die Liebe. Was wäre
die Welt ohne die Liebe?
(leer wahrscheinlich, genau wie das Theater)
Die Illusion schlechthin, der Traum der Träume:
die Liebe, wahr und groß, für immer.
(Wen schert schon die Statistik?)
Dass sich das ganze jeden Abend wiederholt,
macht keinen Unterschied. Nicht wirklich.
Weltgeschichte
wiederholt sich bekanntlich auch.
Die immergleichen Illusionen:
Macht. Mehr Macht!
Geld. Mehr Geld!
Ein jeder Krieg ein neuer Schauplatz nur:
Viele Statisten. Blut. Modernste Technik.
Journalisten
dürfen gelegentlich über die Mauer schauen,
und dann berichten, was sie sehen
dürfen. Oder können. Oder wollen.

Die Welt ist ein Theater.
Auch gern für Laien, Dilettanten.
Improvisiert wird selten. Jeder lernt
die Rolle, die er spielen soll, und ist sie noch so klein.
(Es können ja nicht alle Helden sein)
Im wahren Leben klappt das nicht so gut.
Niemand will heut noch „Mutter“ oder „Vater“ sein.
Ganz einfach „Mann“ und „Frau“.
„Beamter“ oder „Arbeiter“
Langweilig ist das. Klischeehaft. Stereotyp.
Ich bin ein Ich! Und keine Rolle mehr,
für niemand. Nur noch Helden
und Hauptfiguren. Ganz speziell.
Außer auf dem Theater.
Da spielt man schließlich nur die Rolle,
geht in ihr auf,
bis man sie endlich wirklich ist.


Die Welt ist ein Theater.
Und jede Inszenierung will ganz neu sein.
Revolutionär! Noch nie gesehen! Ultramodern!
Die Klassiker sind tot. Sorgfältig gesetzte
Goldene Worte sagen uns nichts mehr.
(höchstens wenn wir sie schreien, stöhnen, nuscheln)
Zerrissenes steht hoch im Kurs, das Ganze
kann nur eine Lüge sein,
wo wir doch selbst zerfallen sind.
Der Jambus wird zerhackt. Der Versfuß
humpelt. Gereimt
ist längst nichts mehr auf dieser Welt.
Beiseite
spricht ein jeder.
Hört ja doch niemand zu.
Die Welt ist ein Theater.
Häufiger Kulissenwechsel. Notfalls wird simuliert,
künstliche Welten sind auch interessanter.
Die Farben stärker. Berge höher, Täler tiefer,
So viele Monde, wie man will.
Die Phantasie kennt keine Grenzen mehr. Natur
ist überwunden.
(Gibt es ja überall umsonst)
Die schönen Tage von Aranjuez
sind endgültig vorbei. Der Park ist tot.
Orangenduft
kann man als Raumerfrischer kaufen.


Die Welt ist ein Theater.
Und alle Zuschauer sind Kritiker. Sehr strenge!
Ein jeder weiß
es besser. Beim Fußball, an der Theke, in der Loge.
Demokratie, wohin man schaut: Jeder kann Star sein!
(außer den echten Stars natürlich)
Wenn er nur will. Wollen
ist doch viel wichtiger als können.
Des Menschen Wille ist sein Himmelreich,
nicht seine Taten. Werke. Künste.
Triumph des Willens über die Wirklichkeit:
Der Kritiker hat immer Recht,
wenigstens so lang er kritisiert.
Denn Fehler
gibt es schließlich überall.
Kann keiner für. Machen wir alle. Ist nur menschlich.
Fehlerfinden
ist wirklich keine Kunst.

(Bessermachen schon)


Die Welt ist ein Theater.

Eintritt frei. Zumindest
Auf den billigen Plätzen.
Wer will noch Popcorn?
Macht Lust auf mehr und füllt die Pausen,
leicht klebrig, süß, ein seichter Suchtstoff.
Die Werbepausen werden immer länger.
(und wer sieht schon den Unterschied?)
Gekauft wird immer. Kleider, Autos, Status.
Ein gutes Marketing
verkauft sogar Ideen. Philosophien. Kulturen.
Und Politik. Die größte Show von allen,
und das sogar bei schlechtem Casting:
Gipfeltreffen. Elefantenrunde. Wahlen.
Alles fürs Volk.
Wer will noch Popcorn?
 

Die Welt ist ein Theater.
Rund um die Uhr. Rund um den Globus.
Und wenn der Vorhang fällt?
Er fällt nicht mehr.
Immer wird irgendwo gespielt,
sogar im Schlafen.
Unsre Träume
sind lang schon infiltriert
Und spielen weiter, pausenlos,
die immer gleiche Leier, höchstens etwas
dunkler eingetönt des Nachts.
 

Ein neues Stück:
Vielleicht wäre es denkbar,
dass eines Tages, eines fernen Tages,
Vernunft in unsern Traum zurückkehrt.
Vernunft,
verstoßen aus dem Leben,
verbannt von dem Theater,
das diese Welt geworden ist.
Ein wirrer Traum, gelebt
vor ständig wechselnden Kulissen,
in immer neuen Rollen,
gehetzt vom Publikum,
gescholten von den Kritikern,
(keine Gnade, nirgends)
vom Zwang zum Neuen,
stets verdammt,
sich neu zu finden und erfinden
(kein Bleiben, nirgends)
der Vorhang ständig offen,
die Sprache wirr, entstellt, verkrampft,
kaputtgespielte Wortfetzen,
(kein Sinn, nirgends)
das Ich monumental gebläht
auf schwankendem Boden
auf schwach gewordenen Beinen:
(kein Halt, nirgends)
Ein Traum von Wahrheit.
Heller Klarheit.
Ganz einfach.
 

Kein leichter Weg führt zur Natur zurück! 

 

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NEU

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Kant und Goethe. Ein Missverständnis

(Anlässlich eines Vortrags)


Zwei Missverständnisse prallen aufeinander.

Man ist verstimmt. Was stimmt hier zusammen?

Die Etiketten fallen ab. Keiner weiß mehr,

was welchen Wert hat.

Alles wird verhandelt,

die Worte fallen im Preis.

Aus der Ferne

sieht alles ähnlich aus.

         

Vorn stehen

Der weiße Philosoph. Klein. Bartlos. Alt.

Der schwarze Rhetor. Groß. Vollbärtig. Jung.

In Wechselrede. Ein

Gedichte-Medley. Zeilenrede.

Ein Satz gibt den anderen,

der andere nimmt ihn zurück.

Ganymed oder Prometheus?

Wer ist hier aufgeklärt?

Der Selbst- und Weltenschöpfer?

Der Allempfinder?

Oder einer nur

durch den anderen, im Wechsel?

              

"Gedichte brauchen den ganzen Menschen".

(Widerrede: Als ob man

fürs Denken nur den halben bräuchte!)

Für beides braucht man: den Sprung. Den Glauben.

Der Abgrund zwischen Fühlen und dem Denken

ist zugänglich von beiden Seiten.

Beredtes Schweigen. Stummes Sprechen.

Das Ich? Als man es lyrisch nannte,

nahm man ihm etwas weg.

          

(Nur wer nicht mehr glaubt, weiß,

was er verlor.

Das Wohnen in sich selbst.

Das Eigenheim

der eignen Sinne.

Das Hausen

im Wissen.

Das Sprechen aus dem Eignen.

Aus der Mitte,

umarmt, umgarnt, umgeben.)

           

Und doch: steht man nicht

auf Schultern Anderer, Erinnerter, Vergessener,

als Teil einer Kette, ein wenig anders nur geformt,

ein schwaches Glied vielleicht nur.

Und doch: die Tüchtigen, sie sind es,

die starken Ringe, die tragenden Schultern,

die mutigen Springer über den Abgrund.

Goethe: Sie reicht bis in den Orient. Die Vorzeit.

Kant: Bis in den bestirnten Himmel.

Weltbürger.

Und doch: welche Welt?

Der Kunst? Der Natur?

Der Wissenschaft? Der Philosophie?

Alles doch in Einem?

Welt-Bürger oder Welt-All-Bürger?

                

Ach.

Ist Aufklärung denn nicht: Unterscheidung?

Prozess, das wohl. Doch niemals ins Unendliche.

Sprechen Gedichte nicht

immer vom Unaussprechlichen,

doch immer nur mit Worten?

Kann man nur als Genie

berühren? Kann denn Arbeit, Mühe,

gelegentliches Gelingen nicht begeistern?

Erlebnis: Ist das nicht auch Denken?

Kann ein Gedanke nicht überwältigen,

ungefühlig. Kann ein Gefühl

nicht Einsicht sein, geklärt?

Kann man nicht Gefühle induzieren,

Gedanken flüssig machen,

ganz ohne Sturm und Feuerschritt?

                 

Wer wäre nicht gern Goethe?

Wir sind es nicht.

Sind ausgeschlossen. Unlyrisch.

Geduldet, höchstens.

Nicht mitgerissen.

Distanziert

im Fühlen.

Engagiert

im Denken.

          

(Enthusiastisch aufgeregt. Goethe selbst war kein Erlebnislyriker!) 


   

Vom Schreiben auf Blättern und Blöcken

 

Papier ist geduldig.

Wenn es sich wehren könnte,

im Namen der Bäume, der Lumpen,

der Tintenfische und der Druckerindustrie,

ein Aufschrei des Geschöpften,

ein Jammer des Weißen –

       

vielleicht würde es aber nur gähnen.

Immer die gleichen Buchstaben,

von rechts nach links, von links nach rechts,

beliebige Zeichen eines unendlichen

Äußerungsdranges der Menschheit:

Wer schreibt, bleibt.

(Wortinkontingenz)

Ein Blatt, schriftlos, ist nackt.

Horror vacui! Setzt Zeichen!

Von oben nach unten, von unten nach oben,

von rechts nach links, von links nach rechts.

            

Ein schönes Blatt steht für sich selbst.

Gewebe, fein oder grob,

Spuren von Beschneidung.

Es kann gewendet werden.

Unendlich.


Verb-Variationen:
die Weisen des Denkens

 

abzählen - anzählen - erzählen – nachzählen - verzählen

 

abstimmen – umstimmen - verstimmen – zustimmen

 

absehen – einsehen – nachsehen – übersehen - versehen

 

abführen – entführen – überführen – verführen

 

abweisen - beweisen – nachweisen - verweisen – vorweisen


abklären - erklären - verklären 

 

abstehen - anstehen – durchstehen – entstehen – verstehen

 

absetzen – ersetzen – durchsetzen – versetzen – zersetzen

 

anlegen – belegen – nachlegen – überlegen – unterlegen – verlegen - zerlegen

 

abschreiben - anschreiben - beschreiben – durchschreiben - einschreiben – nachschreiben – unterschreiben – überschreiben – verschreiben – vorschreiben - zerschreiben 


Rückkehr nach Freiburg

 

Hier kennt man mich.

Doch nicht zu gut.

Die Wolldecke liegt auf dem Bett,

(Ich friere leicht)

ein Keks dazu, ein kleiner Gruß

aus Freundlichkeit.

Die Bäumen in den Straßen blühen,

fast zu prächtig leuchten

die Kastanien am roten Platz.

Glyzinien winden sich

an alten Hauswänden entlang:

gebändigte Natur.

Der Wein ist nicht erfroren in der Stadt.

Die Bächle fließen, übervoll,

das Krokodil liegt bis zum Hals im Wasser.

Die Enten in der Fischerau

haben ein Surfbrett bekommen.

Ein kleiner Ruheplatz.

                     

Hier kennt man mich.

Doch nicht zu gut.

Der erste Weg, wie immer,

führt hin zum Münster in der Mitte.

Zum ersten Mal

Entdecke ich die Sonnenuhren,

auf halber Höhe.

(Ist schon Sommerzeit?)

Die Wasserspeier grinsen. Menschen

vergehen unter ihnen.

Die Jungfrauen stehen für die Ewigkeit gereiht,

betrübt mit umgedrehten Lampen,

heiter mit gefüllten.

(Das Glas ist voll oder ist leer.

Dazwischen gibt es nicht)

Man grüßt Maria und die Heiligen.

Man würde gern mit ihnen dastehen,

demütig, still, sein Zeichen tragend:

Woran wird man sterben,

und womit leben? Ein Buch, ein Tier?

(Es wird das Grauen sein über die Worte,

die Verzweiflung über das nicht enden wollende

Geschwätz. Die Seuche unserer Zeit:

Besser zu wissen ohne jemals

gelebt zu haben).

Ein Wort. Es wäre schön,

ein Wort zu halten: „Rückkehr“.

Oder eine Geste: Noli

me tangere“. Rühr mich nicht an.

Gebt Ruhe. Bleibt still. Hört nur einmal zu.

                               

Hier kennt man mich.

Doch nicht zu gut.

Der Platz ganz in der Ecke ist noch frei.

Nur etwas zugig dort, wie immer.

Für Eine, ganz allein, mit einem Buch.

Ihren Gedanken. Ihrem Wein.

Das Gleiche heut, Sie wissen schon,

Etwas Leichtes. Den gleichen Wein,

der immer anders schmeckt.

(Weine hören gut zu)

Heute schmeckt er nach Rückkehr.

Die türkische Musik, im Hintergrund,

Stimmengewirr, aus vielen Sprachen.

Die Bilder zeigen Istanbul. Konstantinopel,

so wie es einmal war.

Moscheen und Straßenbahnen.

Damals, auf dem Bosporus, der Morgenwind,

die Schiffe, die Barkassen. Die frühen Fischer

am Ufer. Schlafende Bars. Paläste, alt und neu

ziehen vorbei.

Ein fremdes Land. Und doch,

ein wenig kennt man es.

Doch nicht zu gut.

Der Wirt ist freundlich zu den Gästen,

man zeigt sich seine besten Seiten.

Egal, wer kommt, er breitet seine Arme aus:

Auf euch hab ich gewartet. Wer ihr auch seid.

Hier ist es warm. Hier gibt es Wein.

(doch nicht ganz in der Ecke dort.

Dort ist es etwas zugig.

Sie ist zurückgekommen.

Lasst sie allein. Mit ihrem Wein. Dem Buch. Ihren Gedanken)

                                 

Hier kennt man mich.

Doch nicht zu gut.

Im Traum kehrt man zurück

an Orte, wo man niemals war,

(man kennt sie)

spricht mit Menschen, die man kennt,

doch eine unbekannte Sprache,

(man versteht sich).

Im Traum ist man zuhause

und befremdet.

Niemals angekommen. Und doch da.

Steht bei den Jungfrauen als Gast,

mal unsäglich betrübt, mal übermütig heiter.

Fährt am Bosporus im Wind des frühen Morgens.

Die Kastanien werden blühen, die Glyzinien

winden sich weiter ins Unendliche.

Der Wein ist nicht erfroren in der Stadt,

die Sonnenuhr steht still.



Hermeneutik als gutwillige Wissenschaft betrachtet

(eine Mit-Schrift auf den Bahnen Heideggers)

 

Perspektiven. Fluchtpunkte. Der Raum ist groß.

Die Linien flüchten hin zur Mitte: Zentral-

Perspektive. Der Fluchtpunkt liegt

Hinter der Tafel. Versteckt. Dahinter. Unsichtbar.

Flucht in den Sinn? Oder heraus?

Hineinlegen, Herausdeuten.

 

Bedeutungshochrechnungen:

Ver-stehen, ver-raten, ver-sagen.

Hermes ist beweglich. Flügel an den Füßen,

ein Botschafter. Ein Dieb. Ein Kaufmann.

Er bringt Tod und Traum.

Er ist schneller als das Licht.

Er-scheinen statt er-kennen.

Der Glanz des Schönen ver-führt.

Der Glanz des Einfachen reicht aus.

Reicht. Reichlich.

 

Die Augen sehen nicht voraus.

Sie sehen. Sie ur-teilen nicht.

Potential. Überraschung. Plötzlich!

Dann Reflexion. Zur Sprache bringen.

Wer nicht sucht,

wird überrascht. Ihm wird geschenkt.

(Wer Position bezieht, sucht nur

Den besten Schusswinkel)

Haltet Distanz.

Gebt Raum.

Stellt euch abseits.

Geht aus euch heraus.

Seht ab von Euch. Seht ab.

Ver-lasst euch.

Das Wort steht für sich selbst.

Es steht. Es schaut.

Heraus, hinein.

(Du musst dein Leben ändern)

 

Wer verstehen will, muss

lernen, wie man nicht versteht.

Auf-sammeln. Er-lesen. Ver-binden.

Am Boden der Sprache bleiben.

Nicht ab-heben.

Er-heben lassen.

Verlasst das Schattenspiel!

Spielt mit Sachen. Spielt

wirkliche Spiele.

Klammert das Wissen ein.

Deutet nicht. Lest.

Rechnet nicht hoch. Schaut.

Der Sinn ist nicht dahinter,

nicht davor,

er ist.

Heraus, hinein.

Ein Tausch.

Gut-willig. Sym-pathisch.

Der Text ist wehrlos.

Legt die Waffen ab.

               


Freiburg, 35°

 

In der Kühle des Hörsaals

Beim nackten Argumentieren

Kristallisieren die Worte.

Definitionen

Ziehen Grenzen.

(Sie können verschoben werden. Aufgehoben.

Aber halten wir sie fest. Für einen Moment)

Argumente

Gehen Bindungen ein.

(Sie können gelöst werden und sich neu verbinden.

Aber halten wir sie fest. Für einen Moment)

Dann der Wendepunkt:

Von der Eiszeit

Zur Klimakatastrophe!

Beim Diskutieren fließen die Worte,

die Argumente kommen ins Schwitzen,

Entropie wird freigesetzt.

(Der Mensch ist warm)

Augenblicke

Stimmlagen

Bewegungsmuster

Wechselwirkung

Die Wortkristalle lösen sich auf.

Schmelzen. Verdampfen.

Die Argumente kreuzen sich-

Löschen sich aus. Verstärken sich.

Paaren sich, mutieren, evolvieren.

In der Kühle des Hörsaals

Innen schwebt der Kristall.

(krystallos, das Eis, das Helle, das 

durchsichtig Werdende)

Er bewahrt die Kühle

(die Zeiten werden hitzig werden)

Er härtet aus.

Er reichert sich an.

Er reflektiert die Innenwände,

bricht sie,

vervielfältigt sie.

Leben

Entsteht aus Unordnung.

Glanz

Aus Kälte.


Der Körper denkt

 

Man kommt zur Ruhe. Langsam

Denn alles andre hat man schnell getan, mal wieder:

Zu schnell gekocht, gegessen,

zu schnell gedacht, gesprochen,

zu schnell, man musste weg. Zum Yoga.

Im Raum nur Frauen. Alle Arten.

Die Lehrerin ist ruhig. Die Kerze will nicht stehen bleiben,

doch sie bleibt ruhig. Jetzt brennt sie.

Von draußen dringen Stimmen hoch

Gespräch, Gelächter, männlich, laut, ein wenig grob.

Vorbeiziehen lassen, sagt die Lehrerin, vorbei, haltet nichts fest,

lasst los. Der Boden. Fühlt den Boden.

Er gibt euch Kraft. Wenn ihr es fühlt. Wenn nicht,

dann glaubt es eben. Er tut es. Eingebildet

ist auch wahr. Vielleicht

werdet ihr es spüren, irgendwann.

Es eilt nicht.

                  

Die Übungen beginnen. Eine Zeremonie,

schon oft geübt, vertraut, man kennt die Stimme,

sie ist ruhig und tief,

sie sagt immer das Gleiche. Das ist gut.

Sie hat für uns gedacht. Uralte Weisheit

Und Übung. Sie weist uns ein. Sie kennt uns.

Man muss nicht denken,

jedenfalls nicht mit dem Kopf.

Der Körper denkt ab jetzt. Mit jedem Glied

Gibt er sich selbst die Hand: Willkommen, Fuß.

Willkommen, Hand. Lass los.

Willkommen, Kopf. Entspanne dich. Die Haut

Und dann die Wagen, dann der Mund.

Du musst nicht lächeln. Lächeln ist Anspannung.

Willkommen, Rücken, Waden, Schultern,

ihr tragt die Last, von Tag zu Tag,

das Leben sitzt euch hart im Nacken,

das Essen liegt euch schwer im Magen,

lasst los. Entspannt euch. Fühlt. Fühlt jedes einzelne

Organ. Es arbeitet für euch. Mal gut, mal schlecht.

Ihr dankt ihm selten. Verdauung

Ist Selbstverständlichkeit (und doch

Ein Wunder). Atmen

Ist Mechanik (und doch

Ein Rhythmus).

Hormone sind Glückssache (und doch

Ein Gleichgewicht).

Stellungen: Schon mehr als ein Gedanke,

eine Gedankenfolge, nein: eine Figur:

Man wird zur Katze. Streckt sich, buckelt,

fühlt Katzenmut und -leichtsinn.

Man wird zum Hund. Man dehnt sich, macht sich lang,

man würde gern ein wenig wedeln mit dem Schwanz,

man fühlt Hundeblick und -leid.

Man wird zur Kobra: Und beschwörend

richtet man sich auf. Und plötzlich

weiß man, was aufrichten bedeutet:

Vom Boden aufsehen, den Blick

nach oben richten, zum Himmel aufsehen

und doch den Halt

des Körpers nicht verlieren: Erdenschwere

und Himmelsblick in einem.

                                           

Mit der Kerze aber

Erreicht man fast den Himmel. Mit den Füßen.

Das Unterste zuoberst. Das Oberste ganz unten.

Verkehrung

ist das halbe Leben. Gegensätze

Sind eingebildet. In Wirklichkeit

ergänzen sie sich, gleichen sie sich aus,

von einer Stellung hin zur nächsten: Fluss

des Atmens und des Fühlens,

gedacht, erlebt, gestaltet.

Wer die Sonne grüßt,

sie mit dem Körper grüßt, nicht nur

mit Worten, großen, schweren, ungeschickten

Gedanken, Götterbildern, Instrumenten,

hat sie verinnerlicht. Es strahlt

mit jedem Glied.

Innen ist außen,

Außen innen.

Wer mit dem Körper denkt, erkennt

das Blut der Welt,

das Licht des Himmels,

die Kraft der Erde.

Übend

nimmt sie zu.

Und Stille

füllt den Raum.


                             

Blues vom Älterwerden


Man weiß nicht, wann es angefangen hat.

Als Kind ist man unsterblich. Alles wächst, Verletzungen

Sind unerheblich: Schnell heilt

der gebrochene Arm, das aufgeschürfte Knie.

Gelegentlich tut etwas weh. Das stört,

vergeht aber. Vielleicht jedoch

beginnen Mädchen früh zu ahnen: Das Bluten,

das ist etwas, das bleibt. Eine Wunde,

die sich nicht schließt für immer, sondern

aufreißt aufs Neue. Jeden Monat wieder.

Warum nur?

            

Gesundheit ist ein Glück. Und deshalb ungerecht.

Und schleichend kommt das Unglück zu uns allen:

Beim Sport vielleicht; man fällt, man zieht sich etwas,

es heilt, natürlich, aber langsam, dann und wann

spürt man es wieder: der Körper hat es sich gemerkt.

Denn leider hat er ein Gedächtnis jetzt. Nur allzu gut

Merkt er sich Schmerzen, Leiden, Wunden,

auch wenn man sie schon lang nicht mehr sieht (von außen).

So werden sie zu alten – Feinden, aber, irgendwie,

auch zu Bekannten: Man erwartet sie, man weiß,

das jetzt wird wehtun. Aber es gehört zu mir,

Ich bin noch Ich. Ich kenne meine Wunden.

Sie kommen regelmäßig, mal mit dem Wetter,

mal mit dem Essen. Sie haben

einen eigenen Kalender, eine eigne Uhr.

Wer sie verscheuchen will,

verärgert sie. Man kann sie übertönen,

aber nicht verdrängen: Sie bleiben.

Auch ungeladen.

Man bewegt sich vorsichtig.

Es wird schwerer werden.

Immer schwerer.

                       

Und hat man nicht gedacht, man würde ewig sehen und hören

wie in der Jugend? Waren die Eltern

nicht absurd, mit ihrem Mahnen vor

zu wenig Licht beim Lesen (Die Augen wirst du dir verderben!),

dem Hören zu lauter Musik (Taub wirst du werden!),

dem Verkälten (Zieh gefälligst etwas an! 

Auf kalten Steinen sitzt man nicht).

Sie hatten Recht.      

Beim Lesen merkt man, dass das Licht zu schwach ist.

Man tauscht die Glühbirne. Man schaltet früher Lampen ein. 

Es hilft

ein wenig. 

Man nimmt die Brille ab zum Lesen oder setzt sie auf.

Die Welt verschwimmt.

Waren die Farben nicht heller früher, bunter irgendwie?

Fotos kann man retuschieren. Nicht Augenlicht.

Augen-Licht: Erst jetzt versteht man, was das heißt:

Es ist Licht von innen. Alle Scheinwerfer

der Welt können es nicht ersetzen.

Es wird dunkler werden.

Immer dunkler. 

Man dreht das Radio lauter. Alles dreht man lauter,

was einen Knopf hat. 

Es hilft. 

Ein wenig.

Man spricht lauter, langsamer, man schaut

beim Sprechen auf den Mund. Man meidet

laute Räume, viele Stimmen, hohe Töne.

Hören ist Arbeit. Für die Ohren und den Kopf.

Wie lange wird man noch verstehen, unterscheiden?

Es wird leiser werden.

Immer leiser.


Und Essen. Appetit. Nie hatte man verstanden,

was das nun sein soll. Natürlich will man Essen.

Wenn es denn schmeckt. 

Will Neues schmecken, Fremdes, Altvertrautes,

die Lieblingsspeisen und die Experimente. 

Soviel man eben kann. All you can eat. 

Doch dann ging es nicht gut. Als Kind das erste Mal schon,

zu viel gegessen, übergessen, an Süßigkeiten, pappigem Zuckerschaum, und niemals, niemals

kann man ihn wieder essen. Ekel, Übelkeit. 

Der Magen merkt sich alles. Er ist 

das bessere Gedächtnis. Er denkt

in Spurenelementen. 

Er hat viel zu verdauen, viel zu viel, 

Nicht alles bekommt ihm. Er wird wählerisch. 

Nichts Schweres mehr. Kein Fett. Kein Fleisch.

Kein dies und nicht jenes, eigensinnig ist er. 

Einiges 

wird man vermissen. Wird man

auch eines Tages nicht mehr Schokolade essen wollen?

Den guten Wein nicht mehr erkennen? 

Wird die Gerüche nicht mehr kosten können, 

die den Genuss verkünden, nicht mehr

das Saure auskosten, das Bittere, das 

Noch nie Gekostete? Am Ende, so sagt man, 

schmeckt man nur noch das Süße. 

Wenigstens.

Es wird ärmer werden.

Viel ärmer.

          

Und erst der Kopf! Nie hätte man gedacht,

dass das Gehirn so leicht, so schnell, so schrecklich altert.

Gerade noch hat es gelernt, hat leicht und schnell gelernt,

hat sich die Welt erobert, ganz auf eigne Faust

(haben Gehirne Fäuste?),

hat seine Muskeln prahlerisch gedehnt,

hat waghalsig neue Ideen erprobt,

hat eigensinnig Diskussionen geführt,

hat Recht gehabt und Recht bekommen.

Nun aber vergisst es heute,

was es gestern wusste.

(Wusste es das gestern wirklich noch?)

Namen vor allem

(sind sie nicht wichtig?)

Es wird starrsinnig, hält fest

an alten Positionen

(was sich nicht bewegt, wird steif)

Es ermüdet leicht. Konzentration

geht über in Zerstreuung.

Die Welt wird kleiner. Konfuser. Schrumpft,

geht an einem vorbei: Wer

soll sich das alles merken? Wissen? Können?

Es wird leerer werden.

Immer leerer.

                         

Und alles geht uns auf die Nerven.

Manchmal meint man

man könne die eigne Spannung hören, ein leichtes Sirren,

wie unter einer Stromleitung.

Nervenkostüm: War man früher

nicht besser ausgerüstet? Hatten die Nerven

denn einen Panzer damals in der Kindheit?

Das Kostüm hat Risse. Und sie werden immer tiefer,

bis man sich nackt fühlt, beinahe:

Der Alltag reißt an einem,

aber auch Neues, Ungewohntes:

Wiederholung entnervt. Doch Neuheit auch.

Gewohnheit entnervt. Abwechslung auch.

Schlafen, einmal nur schlafen,

wie man als Kind geschlafen hat,

traumlos, weltvergessen,

ein jeder neue Morgen wie eine neue Welt so frisch!

Und nun: Alpträume. Wiederholungsträume.

Man kommt nicht in den Schlaf, zu viel zu denken,

man kommt nicht aus dem Bett, zu viel zu tun,

man geht erschöpft zu Bett und wacht erschöpfter auf,

zu früh, noch mitten in der Nacht, und findet

die Ruhe nicht wieder. Schlaf, ersehnter Schlaf!

                        

Schlafen ist sterben lernen. So hofft man.

Ein müheloses Übergleiten in eine andre Welt.

Wenn man Glück hat. Sonst

wird man so sterben, wie man zu oft geschlafen hat:

Zu unruhig, zu verkrampft, ein langes

Drehn und Wenden, hin und her, in einem Bett,

das keine Ruhestätte ist, sondern ein Lager.

Das Leben ganz verlernt. Entwöhnt

den Farben, Tönen und Gerüchen.

Ein Kind, doch ohne

Kinderglück.

Es wird leichter werden.

Immer leichter.

(Wenn man gut aufgepasst hat)

 


Vom Puzzlen

 

Am Anfang ist da nur

ein leerer Raum. Sind Farben. Formen.

Man sieht sie nur. Man kann sich nicht bewegen.

Sobald man krabbeln kann,

findet man Teile.

Große, kleine, harte, weiche.

Kann man sie essen?

Sind sie warm?

Auf jeden Fall will man sie haben.

Meins! Alles Meins!

Was sie bedeuten, fragt man nicht.

(Man hat noch keine Wörter.

Das kommt später)

Es können Bilder sein.

Ein Baum. Ein Haus. Ein Auto.

Ein Mensch.

(Groß oder klein. Mehr ist nicht interessant)

Erst nach und nach erkennt man wieder.

Ein Baum (nur größer).

Ein Haus (mit Fenstern).

Ein Auto (rot statt blau).

Ein Mensch (er lächelt. Oder nicht).

 

Die Welt wird größer. Man kann nun schon laufen,

und jeden Tag erobert man ein Stückchen mehr vom Raum.

Die Teile werden mehr, so schnell, so viel,

man muss jetzt unterscheiden.

(Man hat keine Wahl)

Einige Teile mag man sehr.

Ein neuer Kuchen. Buntstifte, ein Malbuch,

leere Flächen, die man füllen kann mit Farben.

(Das Auto ist jetzt grün.

Der Baum hat Blütenblätter.

Das Haus bekommt ein Dach. Mit Schornstein!)

Selbst gemalte Teile.

Am schwersten sind die Menschen.

Die Arme und die Beine Striche.

Ein runder Bauch. Die Haare stehen komisch ab.

Die Frau hat lange Haare. Alle lächeln.

Sogar die Sonne.

 

Und zum Geburtstag kommt dann irgendwann

das erste Puzzle. Sehr wenig Teile, alle groß,

ein Bild dazu: So sieht die Welt aus!

Setze sie zusammen!

Die Eltern helfen: Such die geraden Teile!

Nun die Ecken! Sortier die Farben! Denke nach!

Die Teile sehen seltsam aus,

so einzeln,

mit ihren Ärmchen, Beinchen, Köpfen.

Doch wenn sie zueinander passen,

sich ineinander fügen, ganz ohne Lücke,

die Arme ineinander schlingen,

dann ist das schön.

Und Stück für Stück bastelt man sich eine Welt.

(Aber sie bleibt zerbrechlich. Am Ende

kommt die kleine Schwester und reißt alles auseinander).

Morgen wieder, sagen die Eltern.

Morgen! Morgen ist eine andre Welt!

 

Die Puzzle werden größer.

Man kann ja auch schon zählen,

hundert, tausend, zehntausend,

und eine Million hat gar sechs Nullen!

Ein Haufen kleiner bunter wirrer Teile.

Ärmchen zuhauf, die keiner zählen kann.

Man versucht sie zu sortieren, wie man es gelernt hat:

Das Segelschiff hat man sofort, die Masten, Segeln, Flaggen,

bunte Piraten. Eins mit einer kleinen Katze.

Aber das Meer! Endloses tiefes Blau, nur dann und wann

sind kleine Wellen sichtbar. Weiße Ränder.

Und erst der Himmel! keine Wolken,

keine Grenzen, hellblaue Teile, zahllos.

Bald ist man erschöpft.

Schließlich ist man noch klein.

(Die Welt hat viel zu wenig Ecken)

 

Ein wenig später lernt man sie selbst kennen. 

Die Welt. Das Original.

Man kommt herum. Man sieht

die Burgen, Schlösser, Segelschiffe, Städte,

die man gebaut hat, Stück für Stück.

In Echt. Einiges enttäuscht,

anderes überwältigt. Aber

der Rahmen fehlt. Die Bilder sind

verwischt von Lärm, von Menschenmassen und Gefühlen.

Die Füße tun weh.

Man ist allein, oder man ist nicht allein genug.

Die Sonne lächelt wieder nicht. Oder zuviel.

Die Teile wechseln ständig ihre Position.

Wo sind die Ecken? Wo die Kanten?

Man versucht sie festzuhalten.

Ein Foto, noch eines.

Vielleicht, dass man sie dann zerschneiden kann.

Und neu zusammensetzen, ganz in Ruhe.

 

So sammelt man nun Teile Welt.

Und immer mehr und immer mehr.

Für später einmal.

Sammelt Dinge, Bilder, Menschen.

Gefühle, Wissen, Erinnerungen.

Bücher. Kleider. Städte.

Tage. Nächte. Jahre.

Ein Rahmen wird sich finden.

Vorerst genügt ein Speicher.

Und heimlich, in der Mitte irgendwann,

versucht man schon einmal,

ob sich das Puzzle vielleicht lösen lässt.

Passen die Teile eigentlich zusammen?

Ergeben sie ein Bild? mein Bild in dieser Welt?

Werden sie sich fügen, dicht und fest,

so dass man plötzlich dann erkennt:

Das ist es? Das bin ich?

 

Doch immer fehlt noch etwas. Lücken bleiben.

Man kann den Rahmen kleiner machen – oder weitersuchen.

Neue Teile. Andere. Mehr Himmel, vielleicht,

aber auch mit Wolken.

Und unerwartet findet man ein Stückchen.

Es lag ganz in der Nähe. Man muss nur hinschauen

Und noch eines. Sehr klein und unauffällig.

(wie konnte man es übersehen bisher?)

Doch Sehen, so versteht man jetzt erst,

ist eine schwere Kunst.

Ein jeder meint die Burg zu sehen, das Schloss, das Segelschiff,

– und sieht doch nur ein vorgestanztes Puzzle,

auf dem die Sonne immer lacht. 

Schon fertig. Es braucht uns gar nicht.

 

Und wir haben nur uns gesehen. Die ganze Zeit.

Die Welt war nur ein Rahmen für unser Ich

mit allen seinen Teilen, Fetzen, unverstanden.

Seltsame Teile waren das, verworren, selten passend,

mal zu viele, mal viel zu wenig.

(Was hätte man gegeben für eine Lösung)

Und hatte man ein Bild gefunden, ein Vorbild,

nach dem man sich hätte erbauen können,

dann passte es am Ende doch nicht.

Die Stücke knirschten, wenn man sie zusammenschob.

Die Ärmchen brachen ab. Die Köpfe knickten ein.

Das tat weh.

 

So sammelt man erneut. Ein wenig klüger diesmal.

Hellsichtig. Nicht mehr alles, nicht mehr

nur das Größte, Schönste, nein,

kleine Teile. Hier und dort verstreut am Wege,

den man jeden Tag geht.

Für einen großen Himmel

mit Wolken aller Arten, Regenbögen,

Kondensstreifen sogar (gerade Linien geben Halt).

Mit jeder Farbe, vom Pastell des Morgens bis zum

Leuchtfeuer des Abends. Auch Grautöne.

Für Bäume aller Arten, lebende und tote,

Steine, im Meer und auf dem Felde.

Der Rahmen löst sich auf

(die Welt hat keine Ecken. 

Linien schon, 

Horizonte, Ebenen, sie sind schön. Und endlos)

Das Ich braucht keine Grenzen,

wenn man es wachsen lässt

(solang es will und sucht und gerne findet)

aus sich heraus und in die Welt hinein.  


 

 

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