Aufgelistet

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  • Aufgelistet. Warum Listen menschlich sind
  • Denken leicht gemacht. In 5 Schritten zur geistigen Fitness
  • Ausgedacht. Archetypen des Denkers
  • Episch.
    20 Regeln für Krimi-Serien
  • Abgefahren.
    8 Regeln zum Fahren mit der Deutschen Bahn
  • Ausgelacht.
    10 Argumente gegen das Lachen
  • Kinder sind auch Menschen.
    12 Regeln zum Umgang mit Kindern
  • Wer ist schuld?
    11 Kandidaten für das blame game
  • You've gotta learn to listen, man!
    9 Verständnishindernisse
  • Wofür der brave Bürger zahlt
  • Nicht für Geld zu kaufen (offene Liste)


Aufgelistet.

Warum Listen menschlich sind


   

1) Ordnung. Was man zählen kann, ist übersichtlich. Vielleicht hat es sogar eine Rangfolge. Aber auf jeden Fall ist es abzählbar. Das beruhigt enorm.  

 

2) Vollständigkeit. Jemand hat sich Mühe gegeben und eine Liste gemacht. Sie hat gut nachgedacht und alles draufgeschrieben, was ihr eingefallen ist. Wir vertrauen darauf, dass sie das ordentlich gemacht hat.

 

3) Offenheit. Aber, hey!, wenn nicht, dann auch kein Problem! Verlängern wir die Liste! Schließlich gibt es unendlich viele Zahlen, Sterne, Striche!

 

4) Alltagstauglichkeit. Wir alle arbeiten täglich mit Listen. Einkaufslisten, Hitlisten, Things-to-do-Listen (oder not-to-do). Things to see, before we die. Es funktioniert. Natürlich vergisst man mal was, o.k., aber dann macht man halt eine neue Liste.

 

5) Beherrschbarkeit. Listen kann man in kleinen Schritten abarbeiten, baby steps, wenn es sein muss. Kein Stress. Und wieder ein Punkt abgehakt!

 

6) Knappheit. Zeit ist knapp. Aufmerksamkeit auch. Listen bringen Dinge auf den Punkt! Romane kann man später immer noch lesen. Vorher macht man besser eine Liste, welche man lesen will.

 

7) Buntheit. Listen können das Unvereinbarste auf der Welt vereinen. Queen und die Wildecker Herzbuben, wenn einem danach ist. Ein neues Auto und Klopapier. Die Pyramiden und Gelsenkirchen. Whatever.

 

8) Inventarisierung. Man zählt durch und weiß, was man hat. Besitz macht stolz. Alles meins. Und nachgezählt! Hey, da fehlt doch was! Sorry, verzählt. Noch mal von vorn.

 

9) Beschwörung. Zählen hat etwas Magisches. Und Zahlen haben eine tiefere Bedeutung, einige jedenfalls. 1, 2, 3  ganz sicher. 10 sowieso. 13, aber hallo! 42, natürlich. Und alle Prim dazu. Und das eigene Geburtsdatum, natürlich. Und die persönliche Glückszahl. Schließlich hat auch Gott die Welt nach einer ordentlichen Schöpfungsliste in sieben Punkten erschaffen. Und was ist die DNA schon anders als eine Liste?

   

10) Ordnung. Sagten wir schon? Kann man nicht oft genug sagen. Das Leben ist unordentlich, die Welt ist unordentlich, und der Schreibtisch meistens auch. Listen sind Oasen der Ordnung (und es ist besser, wenn sie 10 Punkte haben statt 9, s. 9).  

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Denken leicht gemacht: Zur geistigen Fitness in 5 Schritten!

 

1) Aufwärmübung

 

Man sollte nie unaufgewärmt mit Denken beginnen! Strecken und dehnen Sie Ihre Denkmuskeln zu Beginn jeder Übungseinheit! Beginnen Sie mit kleinen Gedanken: Wählen Sie sich einen anschaulichen Gegenstand, etwas Alltägliches, das nur oberflächliches Nachdenken erfordert, am besten etwas aus ihrer eigenen Erfahrung. Oder benutzen Sie eine beliebige öffentliche Meinung, die gerade en vogue ist. Sie finden sie haufenweise in jeder Tageszeitung, vor allem in den Kommentarspalten: Irgendjemand fordert etwas oder ist gegen etwas oder fordert einen Aufschrei oder will mal wieder ein Zeichen setzen. Überlegen Sie sich eine Begründung dafür! (meistens wird keine Begründung mitgeliefert, weil sie sich ja angeblich von selbst versteht). Es reichen Gedankenansätze, flüchtige Ideen, die Sie im Moment nicht weiter verfolgen müssen. Wenn sich dabei ein „Aber“ bemerkbar macht – unterdrücken Sie es zunächst, Sie sollen sich nicht gleich überfordern!

 

2) Kräftigung

 

Wenn Sie sich ein wenig warmgedacht haben, beginnen Sie mit den grundlegenden Übungen. Viele von ihnen mögen Ihnen zunächst anstrengend und ermüdend erscheinen, aber Sie werden bei regelmäßiger Anwendung bald erstaunliche Fortschritte erkennen!

 

- Übung zur Identität: das A und O aller Logik. A ist identisch mit O, wenn zwischen beiden keinerlei Unterschied besteht, genauer: wenn alle Eigenschaften, die A hat, O auch hat. Wenn O nur ein klein wenig anders ist, ist es nicht identisch mit A. Klingt banal, ist es meistens auch, aber schult trotzdem den Verstand, schon weil er dabei zwei Dinge vergleichen und über ihre Eigenschaften nachdenken muss. Sie werden merken, wie Ihnen diese Übung allmählich in Fleisch und Blut übergeht, wie Sie auf einmal in Ihrem Alltag Identitäten, vor allem aber: Nicht-Identitäten erkennen werden, wo vorher alles ein mehr oder weniger ununterscheidbarer Brei von „Keine Ahnung, ich weiß auch nicht, ist doch alles egal“-Ahnungslosigkeit war. Alles Denken ist Unterscheiden, je feiner, desto besser.


Für Fortgeschrittene: Identität hin und zurück – wenn A identisch mit B ist, ist B auch identisch mit A. Und was ist mit C?

   

- Übung zur Kausalität: Erkennen Sie Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge! Wir sind von ihnen umgeben, sie sind das tägliche Brot des Philosophen, der feste Grund der Naturgesetze, die Rettungsleine für unseren ansonsten völlig unbeherrschbaren Alltag: Nur wenn auf A, erfahrungsgemäß und beliebig wiederholbar, B folgt, können wir Voraussagen machen, uns orientieren, verantwortungsbewusst handeln, vielleicht sogar: einen Sinn erkennen, wo vorher keiner war. Nicht schult die moralische Selbstreflexion so sehr wie die Frage nach den Ursachen und Folgen unseres eigenen Handelns!


Für Fortgeschrittene: Bezweifeln Sie scheinbar offensichtliche kausale Zusammenhänge; vielleicht handelt es sich doch nur um Korrelationen, Zufälle, Denkgewohnheiten?


Für ganz Fortgeschrittene: Denken Sie Wechselwirkung – was passiert, wenn A nicht nur B zur Folge hat, sondern B dann wieder auf A zurückwirkt, und immer weiter und weiter?

    

- Übung zum Syllogismus: Das Glanzstückchen aller Philosophen, da nun schon drei Aussagen miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Beispiel: A) Philosophie ist Übung im Denken. B) Jeder kann Denken üben. C) Jeder kann Philosoph werden. Aber Vorsicht, nicht übertreiben bei dieser Übung! Sie führt nur zu einer formal korrekten Gedankenführung, nicht jedoch automatisch zur Wahrheit. Beide Vordersätze könnten falsch sein: Philosophie ist also eigentlich ganz was anderes, nicht jeder kann denken üben (weil er keine Zeit, keine Lust, kein Geld, kein Gehirn hat), und schon ist C zum Teufel!


Für Fortgeschrittene: Konstruieren Sie einen absurden Syllogismus!

   

- Übung nur für Fortgeschrittene: Paradoxie. Schicken Sie die Logik zum Teufel und experimentieren Sie mit Ihren neuen Fähigkeiten! Versuchen Sie eine Paradoxie nachzuvollziehen, ohne dass sich Ihre Gedanken verknoten (Alle Kreter lügen. Alles hat einen Anfang. Weniger ist mehr. Gott ist allmächtig, allgütig, allweise). Die Wahrheit hält sich nicht immer an die Logik.

 

3) Ausdauer

 

Nun beherrschen Sie schon eine Reihe grundlegender Techniken. Das allein ist jedoch nicht genug: Wie bei jeder sportlichen Betätigung kommt es auch hier auf das Durchhaltevermögen an; einen flüchtigen Gedanken erhaschen kann mit ein wenig Übung jeder, einen Gedanken jedoch in die Tiefe verfolgen, all seine Konsequenzen bedenken, ihn mit anderen Gedanken zu verbinden, eine Argumentation daraus zu entwickeln – das alles erfordert einen langen Atem und trainierte Denkmuskeln. Nur so jedoch kommen Sie irgendwann zu einer ersten fundierten Erkenntnis; sie muss noch nicht groß sein, nicht weltbewegend, aber es ist Ihre, Ihre erste eigene Erkenntnis, und sie wird wachsen und gedeihen und viele weitere Brüder und Schwester im Geiste bekommen, wenn Sie durchhalten und bei der Sache bleiben!


Für Fortgeschrittene: Wir bauen ein System. Wir tragen die bisher gewonnenen Erkenntnisse zusammen und versuchen, sie in einen konstruktiven Zusammenhang zu bringen – wie stützen sie sich gegenseitig, wo ist noch eine Lücke, wie kann man den Bau noch höher und stabiler machen?


4) Ausgleichsübung

 

Wir wechseln die Perspektive und behaupten das Gegenteil. Was spricht dagegen, was dafür? Es ist wichtig, dass Sie in diese Ausgleichsübung genauso viel Energie und Einsatz stecken wie in die anderen Übungen, auch wenn es gelegentlich besonders weh tun mag! Aber nur so bleiben Sie mobil, erhalten Sie sich Ihre geistige Beweglichkeit! 

(Warnung: Weltanschaulich ungefestigte Personen könnten dabei in Gefahr kommen, lieb gewonnene Gewissheiten zu verlieren! Kann bis zur völligen psychischen Destabilisierung führen!) 

 

5) Entspannung

 

Wir schließen die Übungseinheit ab, indem wir die gedankliche Anspannung langsam auflösen: Kleine, alltägliche Gedanken treten wieder in den Vordergrund, wir überlassen uns ihnen. Wir konzentrieren uns nicht mehr auf das Große und Ganze, sondern schauen auf das Naheliegende, Bekannte, Vertraute; vielleicht schaut es auf eine neue Weise auf uns zurück. Wir spielen noch mit den letzten Ideen, aber ohne sie in Argumente und Begriffe zwingen zu wollen; wir überlassen uns wilden Assoziationen, ohne sie festhalten zu wollen; wir machen noch den einen oder anderen vorsichtigen Gedankensprung. Gegen Muskelkater hilft eine kleine ästhetische Dusche zum Abschluss, die die Denkmuskeln lockert.

 

Und morgen wieder! 

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Ausgedacht.
Archetypen des Denkers


Der Einbahndenker. Einmal auf die Spur gesetzt, läuft er unbeirrbar in eine Richtung los. Gegenargumente lässt er nicht gelten. Die Straße wird enger und enger, am Ende droht eine Sackgasse. Umkehr ist unmöglich, ist ja eine Einbahnstraße! Am Ende ist er gefangen und verendet in seiner unerschütterlichen Konsequenz. (Umdrehen ist für Weicheier!)

 

Der Langstreckendenker: Denkt ausdauernd, aber deutlich langsamer. Ist zu großen persönlichen Opfern bereit. Seine Gedanken zeigen Spuren von Schweiß, es wird ihnen auch nur wenig Nahrung unterwegs zugeführt. Tendiert zu langatmigen Werken. Ist viel allein, außer er bekommt Anhänger. Stirbt den plötzlichen Herztod, irgendwo ganz weit draußen, und keiner schaut zu.

 

Der Second-Hand-Denker: Sammelt gebrauchte Gedanken und präsentiert sie als neue. Vorteil: niedrige Investitionskosten, sie müssen nur etwas persönlich aufgepeppt werden, dann sind sie fast wie neu, und nur der Kenner sieht den Unterschied. Hinkt immer etwas hinter der gerade angesagten philosophischen Mode hinterher, betont deshalb die gute Tragbarkeit und das „Klassisch-Zeitlose“ seiner Fasson. Wird schrullig im Alter und verliert die Kontrolle über seinen geistigen Kleiderschrank.

 

Der Schnäppchen-Denker: Verwandt mit dem Second-Hand-Denker. Ist immer auf der Jagd nach einer Theorie, die ihn nichts kostet. Lebt von veralteten Systemen, die im Ramschladen der Geschichte gelandet sind, und überholten Meinungen (one size fits all). Betätigt sich vor allem in der Metaphysik, da metaphysische Theorien nie Folgekosten in der Realität haben. Stirbt auf der Suche nach dem ultimativen Ideen-Schnäppchen im hintersten Winkel einer Bibliothek, die vor zehn Jahren geschlossen wurde.

 

Der Gelegenheitsdenker: Eng verwandt mit dem Hobby- und Freizeitdenker. Beschränkt seinen geistigen Aktivitäten auf die Freizeit, während er sonst den wirklich ernsthaften Dingen im Leben nachgeht. Wenn er in Übung bleibt, kann er zu schönen Ergebnissen kommen, auch wenn die „Profis“ immer auf herabsehen werden. Will sich im Alter ganz seiner Passion widmen und stirbt vorher an einem Herzinfarkt.

 

Der Hochleistungsdenker: Ist das Gegenteil des Gelegenheitsdenkers, der Profi schlechthin. Tut es nicht unter Systemen und mehrbändigen Standardwerken. Verlangt von seinen Anhängern regelmäßiges Gedankentraining und viel Aufopferungsbereitschaft. Produziert schneller, als die Druckerpressen drucken und die Rezensenten rezensieren und die Leser lesen können. Betont gern, dass er auf den Schultern von Riesen steht, um dann nachzuschieben: Es müssen aber schon ziemlich kräftige Riesen sein, damit sie mich aushalten können! Wird mitten aus dem Denken gerissen, kurz bevor er seine endgültige Erleuchtung hatte.

 

Der Vollkasko-Denker: Hat alle Risiken des Denkens genau kalkuliert, von der leichten Gehirnerschütterung über die Gedankenlähmung bis zum Todesurteil. Greift gern frontal an, den Schaden trägt ja die Versicherung. Hat aber das Kleingedruckte nicht gelesen und verschluckt sich an einer ungeklärten Prämisse.

 

Der Weichspül-Denker: Hat es gern konfliktarm und kuschelig. Klopft so lange auf große Gedanken an, bis sie erweichen und massentauglich werden. Vertritt nur menschenfreundliche und sozialverträgliche Thesen, auf Politische Korrektheit lizenziert. Stirbt an Verweichlichung auf dem Sofa des Philosophischen Quartetts, wo er nicht mehr von den Kissen zu unterscheiden ist.

 

Der Light-Denker: Verwandt mit dem Weichspül-Denker. Lehnt schwere Gedanken aus Prinzip ab; Philosophie muss leicht verdaulich und gesundheitsorientiert sein, am besten auch bio-öko-super-nachhaltig-zertifiziert. Produziert selbst nur leichte Gedanken, am liebsten Aphorismen. Aber recyclebar! Stirbt an einem Zuckerschock nach der Lektüre von Kant.

 

Der Scherz-Denker: Eng verwandt mit dem modernen Spaß-Denker. Denkt nach der Devise: Aus einem Gag hat man noch immer mehr gelernt als aus einem Beweis! Kennt alle Anekdoten der Philosophiegeschichte und produziert gern neue. Leider wiederholt er seine Scherze zu oft, vor allem, wenn er älter wird. Stirbt, als er zum hundertsten Mal ausprobiert, wie viele Philosophen man braucht, um eine Glühlampe zu wechseln, an einem Sturz von der Leiter und geht damit endlich selbst in die Philosophie-Anekdotengeschichte ein.

 

Der Gewohnheits-Denker: Hat schon immer gedacht und kann es einfach nicht lassen. Muss über alles nachdenken, ständig, sein Gehirn kennt keinen Leerlauf. Leider neigt er dazu, auch immer genauso zu denken und zu den gleichen Ergebnissen zu kommen, weil er es sich eben so angewöhnt hat und weil es ja auch viel bequemer ist. Stirbt aus Schrecken über eine neue Idee, die sich von hinten angeschlichen und ihn in einem schwachen Moment überfallen hat.

 

Der Wiederholungs-Denker: Verwandt mit dem Gewohnheits-Denker. Wenn er mal einen Gedanken hat, kann er ihn nicht oft genug wiederholen. Man muss ihn notfalls ein bisschen strecken, dann reicht er länger. Von einer anderen Seite betrachtet sieht er wieder ein bisschen anders aus. Ist aber der gleiche. Wiederholung macht wahr, was man lange genug sagt, glauben irgendwann alle. Derweil stirbt der Wiederholungs-Denker an einem wiedergekauten Gedanken, der gar nicht von ihm war (Abstoßungsreaktion!).

 

Der Schnellschuss-Denker: Liebt die logische Kurzstrecke. Der Gedanke muss sofort sitzen, das Urteil muss treffen und verletzen, wir machen keine Gefangenen! Kann notfalls unbegrenzt nachladen, zielt aber nicht so gut und trifft deshalb nicht immer besonders genau (Vorsicht, Kollateralschäden!). Schießt sich meist irgendwann aus Versehen beim Nachladen ins Knie und stirbt vor Scham.

 

Der Wunsch-Denker: Die verbreitetste Spezies überhaupt. Funktioniert im Default-Modus jedes Menschengehirns: Denke nur das, was gut für dich ist! Jeder Gedanke muss dich persönlich im allerbesten Lichte zeigen und die Welt als beste aller möglichen Welten erweisen! Ignoriere alles, was dagegen spricht, mit etwas mehr Übung nimmst du es gar nicht mehr wahr! Denke positiv, positiver, am positivsten! Das Sollen bestimmt das Sein, was nicht sein darf, kann auch nicht sein! Wunsch-Denker sind unausrottbar, da ständig neue nachwachsen. Erst die Klimakatastrophe erwischt sie (sie war ein uneinsichtiger naturalistischer Fehlschluss).

 

Der Schwarmdenker: Fühlt sich am sichersten in der Menge. Folgt deshalb immer dem jeweiligen Alpha-Philosophen, jedenfalls so lange, bis er vom nächsten gekillt wird. Benutzt gern Verallgemeinerungen und Vereinfachungen. Weiß nicht genau, was er ist und wenn ja, wie viele. Geht so in der Masse unter, dass man seinen Tod nicht bemerkt.

 

Der Überzeugungs-Denker: Die gefährlichsten Denker. Bauen gerne Systeme und verteidigen sie gegen jeden unschuldig Vorbeidenkenden mit den allerschwersten Waffen. Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Die Wahrheit ergibt sich sofort, weil sie klüger ist. Überzeugungs-Denker sterben gern; ihr System, ihre Wahrheit, ihr letztes Dogma wird unsterblich sein!

 

Der Tief-Denker: Im Gegensatz zu seinem weiter verbreitetem Gegenpol, dem Flach-Denker, eher selten. Das mag damit zusammenhängen, dass sein natürliches Habitat die Tiefe ist und man ihn deshalb auch mit dem Licht der Aufklärung schwer findet. Zudem ist er meist ein wenig schwerverständlich, viele würden auch sagen: unverständlich. In Universitäten verstecken sich einige wenige lichtscheue Exemplare, die vom Blut ihrer unschuldigen Studenten leben. Sterben meist an Auszehrung, während sie zu tief über den Tod nachdenken.

 

Der Schön-Denker: Eng verwandt mit dem Weichspül-Denker und dem Wunsch-Denker, aber der Ästhet unter ihnen. Glaubt daran, dass Wahrheit und Schönheit das Gleiche sind und zieht daraus den Schluss: je schöner, desto wahrer! Leider ist sein persönliches Schönheitsgefühl häufig nicht besonders ausgeprägt oder allzu avantgardistisch. Stirbt beim Versuch, den schönen Tod zu finden, an einer Lebkuchenallergie.

 

Der Schwarz-Weiß-Denker: Eng verwandt mit dem Überzeugungs-Denker und dem Schnellschuss-Denker. Ist der festen Überzeugung, dass alles in der Welt in genau zwei Kategorien fällt, entweder-oder, gut-böse, kariert-geblümt. Was kariert ist, darf nicht geblümt sein. Er steht natürlich immer auf der richtigen Seite, und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Stirbt an einem Schlaganfall, wenn er eine kariert-geblümte Bluse sieht.

 

Der Beiseite-Denker: Sagt nie direkt, was er denkt, sondern etwas verblümt, wenn keiner genau hinhört, mit leiser Stimme und einem basso continuo: „Mir hört doch keiner zu!“ Scheut das direkte Gespräch, die starke These, das aktuelle Thema. Ist eine Nebenfigur auf Nebenkriegsschauplätzen, wo er den Tod aller Nebenfiguren stirbt: unbeachtet, zufällig, ein Opfer größerer Dinge.

 

Der Kreuz- und Quer-Denker: Kennt die Philosophiegeschichte wie seine Hosentasche (nein, besser, in eine Hosentasche passt nicht genug), verläuft sich aber gern in ihr (der Philosophiegeschichte, nicht der Hosentasche). Springbockartig bewegt er sich von Epoche zu Epoche, hüpft über Systeme und Ideologien, nascht hier und dort ein wenig und bringt unfehlbar all das zusammen, was wirklich nicht zusammengehört. Das letzte Mal gesehen wurde er, als er sich in Hegels Phänomenologie des Geistes verlaufen hatte; er bewegte sich in einem seltsamen Dreischritt und war einem schwer zu fassenden Begriff auf der Spur.

 

Der Kampf-Denker: Die Elitegruppe der Philosophie, ausgebildet im philosophischen Nahkampf wie im Untergrund-Systemen-Kampf. Ihre beliebtesten Waffen sind die massive Unterstellung und die gemeine Denunziation, der verkleidete Fehlschluss und die unbegründete Behauptung, vor allem aber der Spin-Generator, der es ermöglicht, jedem unschuldigen Begriff die philosophiepolitisch gerade gewollte Richtung zu geben. Sich mit einem geschulten Kampf-Denker anzulegen, kann lebensgefährlich sein; bei Gefangennahme droht Gehirnwäsche! Kampf-Denker sind nur mit ihren eigenen Waffen zu besiegen (Umprogrammierung des Spin-Generators, nur für Fortgeschrittene!)

 

Der Chef-Denker: Auch gern Vor-Denker genannt. Ernennt sich meistens selbst zu selbigem. Im Gegensatz zum Nach-Denker sieht er sich selbst als Avantgarde des philosophischen Fortschritts und lehnt es aus Prinzip ab, sich mit seinen Vorgängern zu beschäftigen, die er als endgültig überholt bezeichnet. Er denkt immer auf der Überholspur; dabei gelegentlich unterlaufende Reifenpannen nimmt er ebenso wenig wie kleinere Verkehrsunfälle zur Kenntnis. Der Vor-Denker ist immer als erster da, und wenn eine Schildkröte ihn am Ziel erwartet, überfährt er sie. Irgendwann schießt er über das Ziel hinaus und ward fortan nicht mehr gesehen.

 

Der An-Denker: Der Zögerer und Zauderer unter den Denkern. Er berührt einen neuen Gedanken immer nur mit geistigen Handschuhen und nur, wenn er ihn vorher desinfiziert hat; er könnte ja gefährlich oder schmutzig sein! Hält sich aber für progressiv, weil er schließlich Denk-An-Stöße gibt, auch wenn sie eher kleinen Schubsern ähneln und leider häufig in die falsche Richtung schubsen. Stirbt an Verstopfung durch all die nicht weitergedachten An-Gedanken.

 

Der Frei-Denker: Sehr selten, eigentlich so gut wie ausgestorben. Seine Vorfahren wurden von den Kirchen seit jeher gejagt und häufig genug zur Strecke gebracht; sie sind im philosophischen Märtyrermuseum als Wachsfiguren zu bewundern. Nachzucht-Versuche waren bisher weitgehend erfolglos; wahre Freidenker paaren sich ungern. Die wenigen Exemplare haben die derzeitige political correctness-Welle nicht überlebt, weil sie sich innerhalb kürzester Zeit selbst umgebracht haben.

 

Der Verschwörungs-Denker: Sieht sich immer verfolgt. Von den Kollegen, von den Medien, von der Welt schlechthin. Dabei ist er der Einzige, absolut der Einzige, der die große philosophische Weltverschwörung aufdecken könnten, die sich von Aristoteles über Thomas von Aquin und Leibniz bis hin zu – nein, das können wir jetzt nicht öffentlich sagen, der Feind hört mit! Verschwörungs-Denker verschwinden aus dunklen Ursachen, natürlich. Aus dem Verkehr gezogen, sogar ihre Werke sind mysteriöserweise verschwunden, gelöscht, verleugnet. Quod erat demonstrandum!

 

Der Feld-, Wald- und Wiesen-Denker: Sprießen in freier Wildbahn, jedenfalls, wo es so etwas noch gibt; also außerhalb der Städte und Autobahnen und Hochlager-Regale, die die Landschaft verpesten. Sind ihrem Habitat verbunden und lieben die frische Luft und die kleinen, bunten, blühenden Gedanken, die jeder finden kann, wenn er einmal den Bildschirm ausschaltet und rausgeht und sein Handy zuhause lässt und nicht nur über den nächsten Karriereschachzug nachdenkt. Kommen zwar nicht über mittelgroße philosophische Blumensträuße hinaus, aber die sind echt schön und werden auch gern verschenkt! Sterben fällt ihnen leicht. Man sieht die Blumen dann von unten an.

                                                       

Die Denkerin: Ist weiblich. Wird deshalb nicht ernst genommen von den anderen Denkertypen oder in das Reservat „Emotionale Intelligenz“ abgeschoben. Darf gelegentlich an einer kleinen These stricken (niedlich!) oder einen großen Denker unterstützen (heroisch!). Philo-Sophia als Frau kann jedoch nur von Männern verstanden werden; mit Frauen bleibt sie angeblich unfruchtbar (Ausnahmen bestätigen die Regel, stoßen sie aber nicht um). Philosophiert trotzdem weiter in Heimarbeit und stirbt unerkannt.  

 

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Episch.
20 Regeln für Krimi-Serien

 

1.       Das Essen wird niemals aufgegessen.


Das war schon bei Star Trek so, der Mutter aller Serien. Aber da hat man es noch verstanden, weil das Essen entweder aus dem Replikator kam oder noch lebte und fidel auf dem Teller herumkrabbelte wie die berüchtigten klingonischen Würmer. Bis heute jedoch wird in jeder Krimiserie das köstlichste Essen eines Sternekochs ebenso stehengelassen wie Moms liebevoll zubereitetes Frühstück oder das sorgsam zu Verführungszwecken für die Liebste hingezauberte Menü bei Kerzenschein. Wahrscheinlich würde es einfach viel zu lange dauern es zu essen, man isst ja heute sowieso nur noch Fast food im Stehen oder Take-Away zwischen Computertastatur und Gym. Die Stars könnten sich auch mit Tomatensauce statt mit Serienruhm bekleckern, was immerhin eine hübsche Ergänzung zu den üblichen Versprechern und Rumflachsereien im Gag Reel wäre. Oder es ist gar kein echtes Essen. Oder die Stars sind alle auf Diät, obwohl sich speziell Polizeireviere vor allem von Donuts und Pizza zu ernähren scheinen. Und schlechtem Kaffee, natürlich. Der Kaffee wird aber immer getrunken.


2.       Man spricht nie während der gemeinsamen Autofahrt über das, was man soeben erlebt hat, sondern immer erst nach dem Aussteigen.


Der Ermittler fährt mit seinem Assistenten zum Tatort oder zu einem Zeugen oder wieder weg davon, das kommt ziemlich häufig vor, man kann ja nicht immer nur im Department rumstehen und sich über den Chef ärgern und die Computer die Arbeit machen lassen. Aber offensichtlich gibt es ein Verbot, im Auto miteinander über den Fall zu reden; denn erst, sobald man aussteigt, stimmt man die Taktik ab oder tauscht Eindrücke aus und kommt dabei natürlich sofort auf die nächste geniale Idee. Während der Fahrt muss also strengste Schweigepflicht geherrscht haben. Oder man hat über das Wetter geredet und die Kollegen gelästert. Oder Opern angehört. Tun wir ja alle im Auto, oder?


3.       Autos müssen niemals getankt werden.


Obwohl sie wirklich viel benutzt werden in Krimiserien. Immer steht eines bereit, geputzt, frisch betankt, ordentlich von der Inspektion für einsatzbereit erklärt. Auch unvorhergesehene weite Fahrten über Land werden nicht zum Tanken unterbrochen. Wahrscheinlich sind es alles extrem ökologische Dienstwägen mit einem minimalen Verbrauch, selbst die großen schwarzen furchteinflößenden SUVs vom FBI, das zivile Äquivalent eines Panzers, die eigentlich genau so viel Benzin schlucken müssten wie ein solcher. Bekommt aber nur das FBI, diese Wunderautos, das ist wieder eine von diesen Verschwörungen der Regierung.


4.       Man ist an jedem beliebigen Ort in jeder beliebigen Großstadt ohne Verkehrsstau in zwei Minuten.


Alle Krimiserien spielen in den Großstädten, weil dort das Verbrechen ist und das bunte Leben und die Filmstudios. Aber während der Normalbürger erkleckliche Teile seines Alltags jeden Tag im Stau verbringt, müssen auch die sechsspurigen Boulevards in amerikanischen Mega-Citys eine Extraspur für Polizeiautos haben. Und jede Menge Abkürzungen, ja geradezu Wurmlöcher – denn egal wo eine neue Spur auftaucht, eine Wohnung gestürmt werden soll, ein frisches Verbrechen begangen wird, die Polizisten sind innerhalb weniger Minuten dort und können gerade noch rechtzeitig das Schlimmste verhindern. Die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten wird offensichtlich von Polizeiautos auf magische Weise erzeugt, auch ohne Lalü-Lala.


5.       Man sieht auf den ersten Blick auf die erste Seite einer dicken Akte, was in einem mehrseitigen, komplizierten Dokument steht.


Unsereins müsste sich erst mal hinsetzen und die Lesebrille auspacken und dann ganz von vorn bis zum Ende lesen. Aber in den Polizeistationen wimmelt es nur so von Schnellesern und Leuten mit fotografischem Gedächtnis. Ein Blick nur, und flugs haben wir eine Riesenliste von Telefonnummer gescannt, eine Bilanz durchschaut, den Lebenslauf von sieben Bösewichten memoriert. Außerdem steht bei dicken Akten offensichtlich alles Wesentliche auf der ersten Seite. Die restlichen fünfhundert könnte man auch gleich in den Müll tun, niemand schaut sie jemals an. Das Leben würde so viel einfacher sein!


6.       Auch komplizierteste Anweisungen an Programme können mit drei beliebigen Tastendrücken ausgelöst werden.


Computer spielen eine immer größere Rolle bei den Ermittlungen, und nicht immer sind die Ermittler ganz up to date. Aber trotzdem sind selbst IT-mäßig minderbegabte Kollegen in der Lage, auf einem fremden Computer mit nur drei Tastendrücken alles Relevante zu finden. Spezialisten müssen die Tasten eigentlich kaum noch berühren; und so schnell, wie sie tippen, könnten sie alle entweder bei jedem Sekretärinnen-Wettbewerb antreten oder sie tippen wirklich nur Blödsinn. Solch bedienungsfreundliche Programm hätte man auch gern, aber nein, man quält sich mit Windows-Menüs! Auch die Rechner stürzen natürlich niemals ab. Das Internet ist niemals zu langsam. Im Internet findet man alles auf den ersten Versuch. Die Welt ist eine Scheibe.


7.       Wenn man das Passwort geknackt hat, tauchen sofort aus dem Nichts Berge von Daten und Tabellen auf dem Bildschirm auf.


Offenbar handelt es sich sämtlich um Dateien, die man nicht aus einem Verzeichnis mühsam auswählen und öffnen muss, sondern die sich von selbst öffnen, sobald man sich einloggt; und husch, poppt ein Fenster nach dem anderen auf, und alle sind gleich wichtig, und es ist niemals die Einkaufsliste oder der Berg von Spam dabei. Nein, sobald man das richtige Passwort hat, öffnet sich der Sesam ganz von alleine und spuckt einem sozusagen freiwillig all seine Schätze vor die Füsse, behält den Datenmüll aber zuvorkommenderweise für sich. Das ist endlich einmal wirkliche künstliche Intelligenz!


8.       Im Krankenhaus findet man immer sofort den zuständigen Arzt.


Wahrscheinlich haben alle diese Ärzte keine festen Dienstzeiten, sondern immer Bereitschaft. Sie arbeiten nicht nur im Krankenhaus, sondern essen, schlafen, leben, vermehren sich hier. Auch sind sie niemals anderswo auf Visite oder in einer Besprechung, sondern stehen einfach rum und sind immer zuständig und geben bereitwillig und verständlich Auskunft. Krankenschwestern hingegen haben grimmig zu schauen und ihr Revier zu verteidigen. Wahrscheinlich müssen sie das auch, um mit den immer anwesenden Ärzten fertig zu werden.


9.       Die Schulstunde ist immer zu Ende, auch wenn der Lehrer gerade erst angefangen hat zu reden.


Es kann natürlich Zufall sein, dass die Ermittlungsbeamten ein Schulzimmer oder einen Vorlesungssaal immer genau zwei Minuten vor Ertönen der Schlussglocke betreten. Oder die Stunden speziell in amerikanischen Bildungsinstitutionen sind generell nur fünf Minuten lang, damit man schneller zur Pointe kommt (was eine Menge erklären würde). Jedenfalls kommt der Zuschauer immer genau rechtzeitig zur Pointe und zur anschließenden Verabschiedung der im Allgemeinen bemerkenswerten aufmerksam und intelligent aussehenden Schüler oder Studenten. So hätte man sich sein Studium damals auch gewünscht, im Fünf-Minuten-Takt und dann noch witzig!


10.   Die Frauen sind immer perfekt geschminkt, ob nach dem Sex, in der Küche, beim Joggen.


Das ist ja auch eigentliche eine Selbstverständlichkeit. Ungeschminkt geht ja wirklich keine mehr aufs Klo. Aber erstaunlich ist, dass dieses Make-Up auch einen wirklich anspruchsvollen Morgenlauf oder eine heiße Sexszene unbeschadet übersteht. Außerdem sind all die perfekt geschminkten Frauen immer sorgfältig gekleidet und tragen auch zuhause, wenn sie wirklich keinen Besuch erwarten, High Heels. Man fühlt sich ja einfach besser auf zehn Zentimeter Abstand zum Erdboden.


11.   Immer wenn ein zu bekannter Nebendarsteller auftaucht, ist er der Mörder.


Hollywoods Personal ist begrenzt, vor allem für Nebenrollen mit starkem Charakter. Die sind offensichtlich alle in wenigen Schubladen fürs Casting vorsortiert, und es spart ja auch geistige Arbeit, wenn die gleichen Leute immer die gleichen Typen spielen, sowohl für die Darsteller als auch für die Zuschauer. Und sie sehen ja auch wirklich so aus wie die Rollen, die sie spielen. Und es lohnt sich einfach nicht, Leute mit einer mittelhohen Gage für absolute Nebenrollen mit zwei Sätzen zu verbraten; man braucht das Geld schließlich für die horrenden Gagen der Serien-Stars.


12.   Immer wenn eine Nebenfigur zwei Sätze mehr als unbedingt nötigt sagt, ist sie der Mörder.


Dialogzeit ist Gold wert. Die Gags wollen untergebracht sein, und die Handlung vorangebracht, und der Zuschauer festgehalten. Sinnloses Rumgerede, Konversation, Smalltalk, das passiert nur anderen Leuten. Nie wird jemand vollgesülzt. Wenn aber doch einmal zwei Sätze fallen, die weder lustig sind noch handlungstragend, dann werden sie sich später mit absoluter Sicherheit als zentraler Schlüssel zur Lösung des Falles herausstellen. In diesem Universum geht keine Information verloren!


13.   Hauptfiguren tragen niemals vollständige Schutzkleidung.


Auch wenn absolut regelmäßig das SWAT-Team vor der Tür steht und das Polizeiteam martialisch aufgeplustert mittendrin: Einen Helm tragen Handlungsträger nie. Ist ja auch logisch, man würde sie nämlich nicht mehr erkennen. Er würde auch die Frisur zerdrücken oder gar das nur lässig weggesteckte blonde Langhaar der weiblichen Ermittlerinnen zuverlässig aus dem Weg halten, wenn mal wieder alles drüber und runter purzelt. Deshalb führen die Hauptfiguren zwar das SWAT-Team an, weil sie die wahren Helden sind und nicht dämliche breitschultrige Nebenfiguren, deren Gesicht man besser hinter einem Helm mit Gesichtsschutz verbirgt; aber sie haben dabei sehr zuverlässige Schutzengel, die alle Kugeln am Kopf vorbei auf die schusssichere Weste umleiten. Die Trefferquoten sind übrigens meist sehr ungleich verteilt zwischen Guten und Bösen. Richtet wohl auch eine unsichtbare Hand.


14.   Mindestens einmal in jeder Folge versucht jemand wegzurennen, wenn er den Polizisten sieht.


Dabei sollte auch sehr dumpfen Zeitgenossen inzwischen klar sein, dass das die dümmste aller Strategien ist: Wer rennt, ist automatisch schuld, und wenn wir in den USA sind, endet das Ganze leicht mit hässlichen Schusswunden. Aber nein, selbst schwer Übergewichtige zeigen enorme Kondition und Beweglichkeit, wenn der offensichtlich unbesiegbare instinktive Drang einsetzt, vor der Polizei wegzulaufen. Sie könnten ja auch einfach warten, während die Polizisten aus dem komplementären Instinkt heraus schon los gelaufen sind, und sich dann friedlich irgendwo verstecken. Aber so ist das mit Reflexen, wenn die Badge kommt, sprintet der Hund – sorry, der Böse.


15.   Wenn jemand allzu klug ist, hat er/sie einen schwerwiegenden menschlichen/sozialen Defizit.


Genies sind Serienfutter. Menschen können die unglaublichsten Dinge, und dazu gehört auch die verschärfte Anwendung von Logik, Einsicht, Intelligenz, sei sie angeboren oder antrainiert, die nun einmal äußerst hilfreich bei der Lösung von Verbrechen ist. Aber niemand mag Besserwisser, Intelligenzbestien, Freaks und Nerds. Es wäre auch ungerecht, wenn diese Monster nicht nur intellektuell überlegen, sondern auch noch sympathisch und liebenswert wären! Deshalb wird die Liebenswürdigkeit für uns Rest-Normalos reserviert. Klugheit hingegen wird bezahlt mit sozialen Absonderlichkeiten, notfalls auch ein wenig liebenswerten Macken, auf jeden Fall mit kommunikativer Inkompetenz. Und am Ende des Tages ist es zwar Klasse, wenn der Fall aufgelöst ist und der Böse sicher hinter Gittern – aber nur die Liebe zählt!


16.   Jedes Team wird irgendwann zu einer großen Familie.


Was vor allem in den Specials dann so lange wiederholt wird, bis man es wirklich nicht mehr glaubt; jede Familie, die so oft und viel davon spricht, was für eine große glückliche Familie sie ist, muss ein ziemlich schwerwiegendes Problem haben. Interessanterweise haben die Hauptfiguren in der Serie immer eine kaputte Familie; und wenn einmal einer eine glückliche Ehe führt, wie auch immer bei den beziehungsunfreundlichen Arbeitszeiten, wird der Ehepartner spätestens in der zweiten Staffel ermordet. Aber eben deshalb ist es ja so wichtig, dass es wenigstens im Team ordentlich menschelt, auch und gerade wenn es sich aus den unterschiedlichsten Charakteren zusammensetzt, die sich auf der Straße keine zwei Minuten unterhalten würden. Wenn wir schon unsere Ehepartner nicht lieben und mit den Kindern auch nur rumknatschen, so verstehen uns wenigstens unsere Kollegen!


17.   Jeder Ermittler muss irgendwann zum Therapeuten.


Aber nicht vor der dritten oder vierten Staffel. Erst dann haben sich die Hauptfiguren so in unseren Köpfen und Herzen etabliert, dass sie langsam ein bisschen anfangen dürfen, schwach und problematisch zu werden. Aber nur ein bisschen! Denn zum Glück finden sie, ohne jede Wartezeit oder Ärger mit der Krankenkasse, sofort den besten Therapeuten der Welt, der speziell nur für sie gemacht ist und mit dem es sofort klickt. Natürlich dauert keine Session 45 Minuten, aber das braucht ein solcher Super-Therapeut auch nicht. Seine Fragen kommen ganz harmlos daher und treffen immer tief ins Schwarze, dorthin, wo es wohlig wehtut. Ein Leben lang werden wir nach diesem Therapeuten suchen, der uns so mühelos versteht, und wir werden ihn nicht finden. Können wir auch nicht, er arbeitet ja beim Fernsehen.


18.   Die schlimmsten Feinde sind nicht die Verbrecher oder die Gangs, sondern das Nachbarrevier/das FBI/der CIA.


Das schlimmste, was einem Ermittlungsbeamten passieren kann, ist, dass es einen Streit um die Zuständigkeit gibt. Polizisten zeigen ein Revierverhalten, da kann der prächtigste Hirsch blass werden. Wenn Hierarchien ausgerangelt werden müssen, kann das Verbrechen schon einmal in den Hintergrund rücken; und die vielbeschworene „Liaison“ ist meist genauso zweifelhaft, wie sie im Deutschen klingt. Zudem ergibt sich dabei die willkommene Gelegenheit, andere Behörden als korrupt vorzuführen und damit selbst einen kritischen Ehrenpunkt setzen zu können. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie effizient Verbrechensbekämpfung sein könnte, wenn einmal alle Agenturen wirklich zusammenarbeiten würden!


19.   Man muss niemals spülen, niemals putzen, niemals einkaufen, niemals waschen, niemals niesen.


Dabei wird die Effizienz schon dadurch ziemlich gesteigert, dass die Hauptfiguren niemals alltäglichen Tätigkeiten wie Einkaufen, Putzen oder Spülen nachgehen müssen. Die Wohnungen sind mysteriöserweise meist aufgeräumt (haben aber verdächtig wenig Tageslicht), und wenn sich jemand doch einmal dekorativ an den Herd stellt, sind alle Zutaten von magischer Hand um ihn versammelt worden. Wenn dann etwas gekocht wird, wird es nicht gegessen (s. Regel 1). Zwar trägt Frau auch bei der Polizei jeden Tag ein anderes Outfit (s. Regel 10), aber jemand anderes wäscht es; auch wann und wo sie all die schicken Klamotten einkauft, werden wir nie erfahren. Wahrscheinlich hat ein fortschrittliches Polizeirevier inzwischen nicht nur eine Kinderbetreuung, sondern auch einen Wäschedienst und einen Einkaufsservice. Und niemals niest jemand. Noch nicht mal im Gag reel!


20.   Genau deshalb lieben wir Krimiserien!

                                       

Die Welt ist nicht in Ordnung, und sie ist es doch. Das geht so: Zuerst wird die Welt ein bisschen schwärzer gemalt, als der Normalbürger sie in seinem behüteten Alltagsleben, fernab von Mord und Totschlag und Menschen- und Drogenhandelt erlebt; und wir gruseln uns wohlig auf unserem Sofa. Aber dafür klappt alles andere ein wenig besser, die Leute sind ein bißchen schöner (oder wenigstens charakteristischer), alle eine große Familie und die böse Welt ist auf eine verquere Weise trotzdem heil; und wir fühlen uns getröstet auf unserem Sofa. Und das gleiche jede Woche aufs Neue, immer wieder. Ein Muster, das funktioniert. Alte Bekannte, die uns nicht im Stich lassen (außer nach der sechsten Staffel, durchschnittlich). Mit gerade genug Platz für Variation, damit man nicht allzusehr verunsichert wird, sondern unterhalten, nicht gelangweilt, aber auch nicht überfordert – was eine Wanderung auf einem sehr schmalen Grad ist. Aber der Mensch ist nun einmal ein homo serens, und er steht auf episch. Aber nur in kleinen Portionen, natürlich.  

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Abgefahren.
8 Regeln zum Bahnfahren

 

Wir lieben die Deutsche Bahn. Sie brachte uns an den Polarkreis und bis zum Sackbahnhof in Athen kurz vor der Ägäis. Wir verbinden viele schöne Erinnerungen mit ihr, von den ersten eigenen Kinderfahrten in die Sommerfrische bis hin zu den Fahrten mit dem ersten eigenen Kind. Die Bahn hat uns zuverlässig an die unterschiedlichsten Ziele gebracht – früher oder später jedenfalls (in letzter Zeit zunehmend später). Es gibt allerdings einige Regeln, die die kundige Bahnfahrerin beachten sollte, um das Reiseglück nicht völlig zu zerstören.

 

1) Man meint besonders sicher zu gehen, wenn man reserviert. 


Weit gefehlt. Nicht nur ist Reservieren (zunehmend) teuer, so dass auf kürzeren Strecken mit mehrfachem Umsteigen das Reservierungsentgelt dem eigentlichen Ticketpreis, vor allem wenn er im undurchschaubaren Sparpreis-Dschungel ergattert wurde, ziemlich dicht auf den Fersen ist. Nein, Reservieren ist unzuverlässig. Da, wie mehrfach von Zugbegleitern auf Anfrage mitgeteilt wurde, die reservierten Plätze in diesem Super-Hochtechnologie-Betrieb auf Diskette (ehrlich!) an den Zugführer übergeben werden, kann alles mögliche passieren. Keine Diskette, die falsche, ein falsches Format, zerkratzt oder zerknickt, was auch immer. Jedenfalls steht mit schöner Regelmäßigkeit dort, wo eigentlich die teuer bezahlte Reservierung stehen sollte: „Platz ggf. freigeben“. Unkundige Bahnfahrer stürzt das in die völlige Verwirrung, weil sie nicht wissen, dass es Bahnsprech für „Das Reservierungssystem ist mal wieder ausgefallen, es kann also sein, dass jemand diesen Platz reserviert hat, vielleicht aber auch nicht, vielleicht kommt er auch gar nicht, obwohl er reserviert hat, keine Ahnung!“ ist. Deshalb irren allenthalben verwirrte Menschen durch den Zug, die gar nicht mehr wissen, wo sie sich hinsetzen dürfen, da nämlich alle Plätze „ggf. reserviert“ sind. Was der der deutschen Sprache nicht hinreichend mächtige Bahnreisende mit dieser Formulierung anfängt, ist ein noch größeres Rätsel: Wer ist wohl dieser „ggf.“, der alle Plätze für sich reserviert hat? Früher, als noch praktisch handgemalte Zettel von Zugbegleitern in kleine dafür vorgesehene Behältnisse an den Fensterscheiben angebracht wurden, konnte das nicht passieren. Also im Notfall einfach setzen und das gesparte Geld für einen schlechten Kaffee im Bordbistro ausgeben (außer, s. unter 3).

 

2) Man meint besonders ungestört und friedlich seine mehrstündige Fahrt verbringen zu können, wenn man sich in eines der Ruheabteile setzt. 


Weit gefehlt. Aus nicht ganz erfindlichen Gründen ziehen Ruheabteile Großfamilien magisch an. Es reicht aber auch schon eine ziemlich kleine Familie, um den Lärmpegel im eigentlich stillgestellten Großraumwagen empfindlich ansteigen zu lassen; und er steigt mit zunehmender Fahrzeit (+ Verspätung) + zunehmender Langeweile + zunehmender Gereiztheit der Eltern oder sonstiger Betreuungspersonen gefühlt exponentiell an. Wer sich dann beschwert, ist kinderfeindlich. Natürlich machen Kinder Lärm, kein Problem, und natürlich sollen sie Bahn fahren, möglichst viel und billig sogar; aber vielleicht sollte man dafür einen Lärmwaggon einführen, da man offensichtlich nicht auf den gemeinen Menschenverstand der Erziehungsberechtigten setzen kann. Unbedingt zu meiden sind auch Schulklassen (obwohl das in der Smartphone-Epoche, wo man selbst mit Gegenübersitzenden nicht mehr spricht, sondern elektronisch chattet, deutlich besser geworden ist) und fidele Rentnerklubs sowie diejenigen Mitfahrer, die einfache Piktogramme offensichtlich ebenso wenig verstehen können wie die erzürnten Blicke der Mitreisenden: Wenn nur einer telefoniert im ganzen Abteil, hören wirklich alle mit. Und niemals ist es eine Geschichte, die man wissen wollte.

 

3) Man meint sich zwischendurch im Bordrestaurant entspannen und gepflegt verpflegen zu lassen, während die reizenden deutschen Landschaften vorüberhuschen. 


Weit gefehlt. Ganz abgesehen davon, dass man auf immer mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken entweder auf Tunnel- oder Lärmschutzwände blickt, bekommt man auch nicht immer etwas zu Essen. Oder das, was man gern gegessen hätte, weil die Bahn damit wirbt und es auf der Speisekarte auch ganz lecker aussieht. Manchmal, aber das ist selten, bekommt man noch nicht einmal etwas zu trinken; dann gibt es dafür den berühmtem „Abteilverkauf“, für den für eine Flasche Mineralwasser (wenn es aus ist, aber auch nur Cola) von Wagen 11 bis Wagen 2 laufen muss, allein davon verdurstet man schon wieder auf dem Rückweg. Nein, auf langen Strecken gehen offensichtlich die attraktiven Gerichte zuerst aus, und dann eines nach dem anderen auch die unattraktiveren, bis es schließlich nur noch verpackte Sandwiches gibt, mit denen man lieber den etwas klebrigen Boden schrubben würde. Kaffee hingegen gibt es oft schon zu Beginn der Fahrt nicht, weil die Kaffeemaschine – die neben der Klimaanlage das empfindlichste Teil der Bordelektronik zu sein scheint (von den Toiletten reden wir lieber nicht) – mal wieder kaputt ist. Außerdem dauertelefonieren all diejenigen, die aus dem Ruheabteil verjagt worden sind, nun im Bordrestaurant (ist aber eigentlich genauso verboten). Die Geschichten werden auch im Bordrestaurant nicht besser.

 

4)  Man meint, in der Bahn unabhängig vom Wetter bequem und temperiert reisen zu können. 


Weit gefehlt. Die schon erwähnten Klimaanlagen, wenn sie denn funktionieren (was sie zunehmend nicht tun), können kühlen. Das können sie sehr gut. Vor allem im Sommer. Wer jemals im Sommerkleidchen mit Sandalen von Hamburg nach München gefahren ist, weiß, wie man sich am Polarkreis fühlt, wenn man die Daunenjacke vergessen hat. Schließlich sitzt man mehrere Stunden ziemlich still, das regt den Kreislauf nicht gerade an; und wenn die Füsse einmal Eisestemperatur erreicht haben, tauen sie auch nicht mehr auf, wenn man bei den kurzen Halten ähnlich panisch wie die Raucher nach draußen springt (Vorsicht, erhöhte Verletzungsgefahr!). Wenn man Glück hat, ist aber einen Wagen weiter die Klimaanlage ausgefallen. Natürlich ist es dann tropisch und feuchtwarm, aber besser ein wenig Schweiß als erfrorene Zehenspitzen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass das Problem vor allem Frauen, die von Natur aus frostempfindlich konstruiert sind, betrifft; deshalb beschweren sich die Männer auch, falls der Zugbegleiter doch wider Erwarten nach langem Bitten und Vorzeigen erfrorener Zehen versuchen sollte, die Temperatur zu erhöhen. Insgesamt empfiehlt sich also auch beim Zugfahren, wie beim Bergwandern, für Frauen die berühmte Zwiebeltaktik bei der Bekleidungswahl. Das führt aber leider zu einem Problem bei 5).  

 

5) Man meint, man könne mit der Bahn bequem auch größere Gepäckstücke transportieren. 


Ganz weit gefehlt. Die Gepäckfächer sind für Hamsterkäfige ausgelegt, sogar die Handgepäckklappen im Billigflieger kommen einem größer vor. Ganz zu schweigen davon, dass die wenigsten von uns einen XXL-Reisekoffer mal eben über den eigenen Kopf stemmen können (goldene Regel: die körperlich schwächsten Mitfahrer haben immer die schwersten Koffer). Zwar gibt es ein Pseudo-Gepäckfach am Eingang des Großraumwagens, aber zur Reisezeit ist das gefüllt, wenn die ersten drei Reihen ihr Zeug mühsam verstaut und ihren Platz eingenommen haben. Von da an stehen die Koffer, Taschen, Rucksäcke, Musikinstrumente, Surfbretter, Kinderwägen, Fahrräder, IKEA-Monster-Plastiktüten im Weg. Oder auf den ohnehin zur Reisezeit knappen Sitzplätzen. Oder vor den Toiletten (na gut, sind sowieso zur Hälfte kaputt). Man erinnert sich etwas nostalgisch an eine Zeit, in der es noch Gepäckwägen gab, gute Erfindung eigentlich.

 

6) Man meint, man sei schneller am Ziel, wenn man eine Verbindung mit möglichst knappen Umsteigezeiten wählt. 


Völlig daneben. Zwar baut die Bahn für mehrere Milliarden Euro einen ganzen unterirdischen Bahnhof, weil sich dann die Haltezeit in Stuttgart um durchschnittlich sieben Minuten verkürzt. Allerdings verlängert sie sich durchschnittlich um eine Stunde, wenn man den Anschluss-ICE verpasst hat, weil er im Stundentakt fährt. Und das kommt (zunehmend) häufig vor, weil die Verkürzung der Fahrtzeiten bisher vor allem eine Verkürzung der Haltezeiten ist. Eine Haltezeit von fünf Minuten reicht aber in einem größeren Bahnhof schon kaum, um auf ein Gleis am anderen Ende des Bahnhofs zu kommen, zumal wenn man zuerst die ganze Länge eines ICE ablaufen muss (mit Gepäck, siehe oben unter 5), und ohne Kaffee, siehe oben unter 3). Und bei der kleinsten Verspätung ist der Anschluss fort, die Wartepolitik ist nämlich (zunehmend) rigider geworden, damit Verspätungen nicht krebsartig durch das ganze System fortwuchern. Tun sie aber trotzdem. Derweil steht man eine Stunde in Fulda. Kassel. Mannheim. Für den nächsten ICE, der dann natürlich überfüllt ist, weil er die Fahrgäste vom verpassten Anschluss auch noch aufnehmen muss. Am Ende ist man viel später, als wenn man gleich die Verbindung mit den etwas flexibleren Anschlusszeiten genommen hätte (man kann dann auch einen besseren Kaffee in einem der Coffee-Shops am Bahnhof kaufen).

 

7) Man meint, man könne sich auf die Ansagen des Zugchefs verlassen, der in beruhigendem Ton versichert, der Anschluss nach Stuttgart werde in Mannheim noch erreicht. 


Ganz im Gegenteil, bei der Einfahrt sieht man ihn schon ausfahren. Hat wohl doch nicht geklappt, die Kommunikation mit der Leitstelle. Aber auch, wenn der Zugchef in bedauerndem Ton mitteilt, der Anschluss werde heute leider nicht mehr erreicht (wie immer, murmeln die Dauerpendler vor sich hin), ist das keine Gewähr dafür, dass der Zug nach Stuttgart drei Gleise nicht noch ganz friedlich da steht und die fitteren unter den Reisenden (ohne Gepäck) eine gute Chance haben, wenn sie gleich lossprinten. Natürlich kann der Zugchef nicht sagen, dass der Zug noch erreicht wird, wenn es nur noch zwei Minuten sind; denn dann muss man auch den nicht ganz so beweglichen Fahrgästen Zeit geben, die drei Gleise zu überwinden, und das dauert erfahrungsgemäß vier Minuten. Solange man aber noch rennen kann, sollte man rennen; es gilt das Autopsie-Prinzip. Erspart vielleicht eine Stunde in Fulda, Kassel, Mannheim (siehe unter 7).

 

8) Man sollte niemals mit dem TGV fahren. 


Die Sitze sind komfortabler, die Anzeigen besser, das Personal hübscher. Es gibt auch mehr Platz für Gepäck. Nur die Bordverpflegung ist nicht besser, Franzosen halten Essen im Zug offensichtlich für eine Verirrung, die nur Deutschen passiert. Außerdem kommt man mit großer Wahrscheinlichkeit am Ende in Paris an. Trotzdem lieben wir die Deutsche Bahn natürlich.  

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Ausgelacht
10 Argumente gegen das Lachen

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Nicht nur heute, mit Krieg und Terror und Flucht und Klimakatastrophe und all den neuen Geschwistern der apokalyptischen Reiter. Nein, das war schon immer so; und wer am längsten lacht, hat nur noch nicht verstanden, dass auch ihm am Ende das Lachen im Halse steckenbleiben wird. Totgelacht, heißt die Diagnose. Tatsächlich sind schon Menschen am Lachen gestorben. Menschen können an allem sterben, vor allem aber an der Übertreibung von allem, zu der sie von Natur aus neigen. Es gibt keinen Grund zum Lachen.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Dass Lachen gesund sei, behauptet der allzeit fröhliche Volksmund, aber wenn man weiß, was schon alles in diesem Volksmund gewesen ist, hält man lieber einen Sicherheitsabstand ein. Die Krankenkasse bezahlt zwar das Lach-Yoga und die Lach-Therapie, Scharen sich den Bauch vor Lachen haltender Menschen stehen in Volkshochschulsälen und Parks und gackern gemeinsam ab, was das Zeug hält, einfach so. Hinterher ist man erschöpft, wie nach jedem Sport, und das mag den einen oder anderen kleineren Krieg aufschieben. Aber nicht verhindern. Es gibt keinen medizinischen Grund zum Lachen.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Beim Lachen reißt man den Mund auf und zeigt die Zähne, und auch wenn die heutzutage vollsaniert, lasergebleicht und kieferorthopädisch feinjustiert sind, bleibt das eine archaische Drohgebärde: Ich fress‘ dich gleich, hätte der Urmensch gegrunzt, die Werbung sagt es etwas vornehmer: Damit Sie auch morgen noch kräftig zubeißen können! Der Gebissene weint eine Runde. Der Sieger lacht Tränen. Es gibt keinen Grund zum Sieger-Lachen.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Zumindest keinen guten. Man lacht sehr häufig aus Schadenfreude. Man lacht über das Ungeschick und Dummheit der anderen, man lacht über die Fehler und Macken der anderen. Man übergießt andere mit Spott und mit Häme, man schüttet sich geradezu aus vor Lachen über den Tolpatsch, den Clown, den Pechvogel. In gehobenen Kreisen nennt man das gern Satire, dann darf man sogar alles. Der Pechvogel darf zum Ausgleich über sich selbst lachen. Sonst wäre er ja auch noch humorlos. Es gibt keinen moralisch vertretbaren Grund zum Lachen über Andere.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Lachen verbindet zwar, und geteiltes Lachen ist vervielfachtes Lachen. Aber wer sich zu leicht am Lachen der Masse anstecken lässt, sollte besser gut geimpft sein. Auch die lachende Masse kann kritisch werden; die Ausgelachten bleiben draußen, und vom brüllenden Gelächter ist es nur noch ein kleiner Schritt zum hysterischen Gebrüll. Es gibt keinen Grund zur Verbrüderung im Lachwahn.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Dass Lachen befreit, glauben nur diejenigen, die sowieso schon frei sind. Die anderen bekommen Lach-Reservate angewiesen, den Karneval mit seiner pseudo-anarchischen Aufhebung der fröhlich weiter existierenden Machtstrukturen, das Privatfernsehen mit seiner permanenten Wir-lachen-uns-kaputt-Maschine, Youtube mit seiner unendlich weiter produzierenden Pleiten-, Pech- und Pannen-Show. Wer zu lang lacht, hat sich um den Verstand gelacht. Es gibt keinen politischen Grund zum Lachen.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Die Mona Lisa lächelt, der Buddha grinst, die seligen Engel feixen. Sie sind ja auch Engel, Götter, Idole, und zudem soll man Lächeln nicht mit Lachen verwechseln. Die olympische Götterversammlung wenigstens hat nicht weise gelächelt, sondern aus vollem Herzen gelacht und sich gar nicht mehr eingekriegt über ihren hinkenden Mundschenk; unauslöschliches Gelächter flog auch dem armen betrogenen Hephaistos um die Ohren, als er den Liebhaber seiner Frau auf frischer Tat mit einem selbstgehäkelten Netz umstrickte. Hephaistos fand das nicht so lustig. Christus hat auch nur bei Monty Python am Kreuz noch gelacht, sonst hielt es die heilig-römische Kirche aus gutem Grund mit Lachverboten. Allein der Teufel grinst satanisch im Hintergrund. Es gibt keinen Grund zum Lachen auf dieser Erde.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Dass Tiere nicht lachen, macht das menschliche Lachen nicht automatisch zur einem strahlenden Zacken in seiner eingebildeten Krone. Tiere töten auch sehr selten Art- und Familiengenossen; sie rotten keine Arten aus, sie zerstören nicht die natürliche Umwelt, sie verfallen keine Süchten und keinen politischen Ideologien. Tiere sind mit Überleben beschäftigt, ein sehr ernstes Geschäft. Sie können auch keine Menschen-Videos bei Youtube gucken, obwohl das wirklich lustig für sie sein könnte. Es gibt keinen Grund für die Überheblichkeit des menschlichen Lachens.

 

Es gibt keinen Grund zum Lachen. Die Philosophen, im allgemeinen wenig lustige Leute, haben zum Ausgleich ihrer penetranten Ernsthaftigkeit den weisen Narren erfunden. Der weise Narr macht sich über die Verkehrtheit der Welt lustig und zeigt ihr dabei ihr angeblich wahres Gesicht. Aber nicht jeder Narr ist weise; und den Unterschied zwischen dem weisen Narren und dem närrischen Narren erkennt nur der Weise. Narren erkennen nur Narren. Und die Welt bleibt sowieso verkehrt, selbst wenn ihr ab und zu doch ein echter weiser Narr den Spiegel vorhält und aus vollem Herzen lacht (vielleicht lacht er ja eigentlich über sich selbst?). Wäre die Welt nicht verkehrt, hätte man das Lachen gar nicht erst erfinden müssen. In der besten aller möglichen Welten ist das Lachen arbeitslos (der Philosoph übrigens auch).

 

Es gibt wirklich keinen Grund zum Lachen. Wahrscheinlich ist das der einzige Grund für das Lachen.  

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Kinder sind auch Menschen.
12 Regeln für den Umgang mit Kindern

 

1) Behandle Kinder wie Menschen! 


Kinder sind keine besondere Spezies. Sie sind nicht da zum Knuddeln und Herzen und Verhätscheln – dafür gibt es Haustiere und Teddybären. Kinder sind auch nicht da, damit die Erwachsenen etwas zum Lachen haben oder auf jemand von oben herabschauen können. Man tut Kindern keinen Gefallen damit, dass man die Kindheit zum verlorenen Paradies verklärt: jeder, der Kind war, also genauer: Jeder, weiß, dass die reale Kindheit das nicht ist und niemals gewesen ist, selbst unter den besten Bedingungen. Die romantische Idealisierung der Kindheit ist eine Projektion von Erwachsenen, die keine Lust haben, erwachsen zu werden und einen Vorwand dafür brauchen, sich selbst kindisch aufzuführen. Kindisch ist aber das Gegenteil von kindlich; kindisch ist sein alberner Stiefbruder, er hat eine Clownsnase aufgesetzt und spricht eine seltsam künstliche Sprache, er will immer im Mittelpunkt stehen und die ganze Zeit gelobt sein. Kinder hingegen sind kleine Menschen, aber mit einem durchaus ausgewachsenen Anspruch auf all das, was wir jedem Menschen zugestehen sollten: Menschenwürde, Respekt, Individualität.

 

2) Sprich ernsthaft mit Kindern! 


Zwar muss jedes Kind seine Muttersprache erst verstehen und sprechen lernen, aber die Natur in ihrer unendlichen Weisheit hat dafür gesorgt, dass jedes Kind das auch will und ziemlich schnell hinbekommt, sogar mit mehreren Sprachen. Wenn man allerdings ein eingebildetes Pseudo-Gebabbel mit ihm spricht, macht man ihm diesen mühsamen Job nicht eben leichter. Es lernt dabei nämlich nicht nur eine falsche Sprache, sondern es lernt, dass Erwachsene unendlich leicht zu manipulieren sind. Man muss nur ein bisschen niedlich tun und den Blödsinn wiederholen, den sie einem gerade vorgebabbelt haben, schon sind sie hingerissen. Hinterher wundern sie sich dann, warum das Kind keinen geraden deutschen Satz sprechen geschweige denn schreiben kann. Es hat es so gelernt von euch, deshalb!

      

3) Spiele ernsthaft mit ihnen! 


Das Gegenteil von Spiel ist nicht, einem verbreiteten Irrtum zufolge, Ernst (der Ernst des Lebens!), sondern Regellosigkeit und Chaos. Ein Spiel hingegen ist ein Ausschnitt der wirklichen Welt, durch Regeln gegliedert und durch Abläufe strukturiert; eine kleine Welt für kleine Menschen. Kinder spielen Spiele, wenn man sie denn lässt, mit heiligen Ernst. Sie beharren meist sehr streng auf der Einhaltung von Spielregeln, und wenn es sein muss, erfinden sie sogar neue. Kindlicher Anarchismus hingegen ist eine Wunschvorstellung von regelmüden Erwachsenen, und mit nichts kann man Kinder mehr zur Verzweiflung treiben als damit, dass man ihnen alle Freiheit der Welt lässt. Die viel beschworene kindliche Kreativität entsteht aber nicht aus der grenzenlosen Freiheit, sondern aus einem begrenzten Angebot, das genügend Freiheitsgrade zur schöpferischen Entfaltung innerhalb äußerer Regeln hat. Natürlich können diese Regeln dabei umdefiniert werden; ersetzt werden sie aber nur durch neue Regeln und nicht durch Nichts (von Nichts kommt nämlich Nichts).

 

4) Mache Kinder neugierig auf Neues, aufs Lernen, auf die Welt! 


Kinder leben zweifellos in ihrer eigenen Welt; jedenfalls so lange, bis man sie durch allzu frühzeitigen Medienkonsum davon entfremdet hat und sie sich nur noch für hinreichend laute und grellbunte virtuelle Welten interessieren. Die reale kindliche Welt wächst von Geburt an mit allem, was man Kindern zeigt und zugänglich macht, und je mehr und je vielfältigere Welten man ihnen erschließt, desto begieriger werden sie sie aufnehmen und desto leichter werden sie sich in fremden Welten später zurechtfinden. Weltwissen ist ein Netz mit vielen, vielen Knoten: Und je enger es geknüpft ist, desto mehr Fische wird man fangen. Hingegen ist der sicherste Weg, die natürliche Neugierde eines Kindes zu zerstören, es in eine Art fürsorglicher Schonhaft zu nehmen. Sie kommt daher mit Sätzen wie: „Das ist noch nichts für Dich“, oder „Das verstehst du noch nicht“ (die meist eigentlich bedeuten: „Das interessiert mich auch nicht“, und: „ich habe es auch noch nie kapiert“) und erreicht seine maximal schädliche Wirkung mit dem jedes Jahr zu allen Einschulungsfeiern millionenfach von wohlmeinenden Erziehungsberechtigten wiederholten Satz: „Ach du armes Kind, jetzt musst du in die Schule! Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ (was eigentlich bedeutet: „Ich fand Schule echt blöd, und ich will auf keinen Fall, dass du besser in der Schule wirst, als ich es war!“) Die Strafen, die man für diesen Satz verhängen müsste, können gar nicht drastisch genug sein. Und wenn man sich dabei die Zunge abbeißen müsste, der einzig pädagogisch richtige Satz lautet: „Endlich darfst du in die Schule! Du wirst lesen und schreiben und rechnen lernen, das sind unglaublich nützliche Dinge! Du kannst dann selbst Bücher lesen, du glaubst gar nicht, wie toll das ist! Und so viel Interessantes wirst du lernen, jeden Tag etwas Neues, ich beneide dich wirklich!“ Denn Lernen ist kein notwendiges Übel und keine Schikane, sondern – man kann es nicht pathetisch genug sagen – ein Quell des Wissens und der Freude und der einzige Weg der friedlichen persönlichen Welteroberung. Und wenn das Kind dabei klüger wird als seine Eltern – umso besser, dann hat diese verkorkste Menschheit vielleicht eine Chance mehr! Und vielleicht können sogar seine Eltern endlich wieder mit Lernen beginnen. Das geht in jedem Alter, übrigens.

 

5)  Interessiere dich ernsthaft für ihre Welt! 


Da Kinder kleine Menschen sind, die sich ihre eigenen kleinen Welten erobern, haben sie immer etwas zu erzählen – eine Entdeckung, die sie gemacht haben (es kommt nicht darauf an, ob richtig oder wichtig), eine Freude, die sie teilen möchten (auch wenn es ‚nur‘ eine kindliche Freude ist), eine Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist (daraus besteht die Kindheit zu großen Teilen). Sie tun das meist ohne taktische Hintergedanken und unbeeinflusst davon, was man sagen darf oder nicht sagen darf oder was der andere vermeintlich hören will. Meist wollen sie noch nicht mal angeben oder gut dastehen. Sie reden einfach drauflos. Gespräche mit neugierigen und unbefangenen Kindern sind die besten Gespräche, die es gibt, und man sollte sie suchen und schätzen wie seltene Goldstücke. Dafür muss man sie aber als Gesprächspartner ernst nehmen und nicht nur pflichtbewusst daherfragen und dabei in der Suppe rühren: „Und wie war es heute in der Schule?“ Toll, natürlich. Oder meistens eher doof. Wenn man an einer echten Antwort interessiert ist, muss man schon ein wenig genauer fragen. Und das kann man nur, wenn man sich wirklich dafür interessiert, wie es war in der Schule, ganz genau und im einzelnen. Und wenn man davon überzeugt ist, dass man in jedem echten Gespräch mit Menschen, auch mit sehr kleinen, selbst etwas lernen kann. Wer meint, unendlich viel klüger als seine Kinder zu sein, ist natürlich nur daran interessiert, die eigene Weisheit auszubreiten. Man ist aber gar nicht klüger, sondern nur älter.

 

6)  Antworte auf alle ihre Fragen. Wenn du keine Antwort weißt, informiere dich!


Das Risiko solch echter Gespräche ist allerdings, dass einem vor Augen geführt wird, dass man nicht klüger, sondern nur älter ist. Vor allem, wenn das Kind mal wieder eine Frage stellt. Zwar werden wenig Sprichwörter so gern von Erziehungsberechtigten und Lehrern unbedacht im Munde geführt wie: „Es gibt keine dumme Fragen!“, aber daraus ziehen die wenigsten die Konsequenz, dass also jede Frage auch eine kluge Antwort verdient. Allerdings ist niemand von uns allwissend, die meisten haben vielmehr noch nie gewusst, wie ausgerechnet dieser Vogel heißt oder jenes Unkraut (ist halt Unkraut; irgend so ein Piepmatz, wahrscheinlich ein Spatz). Deshalb greifen die meisten, es lebe die kognitive Dissonanz, lieber zur zeitsparenden Antwort: „Was ist denn das für eine blöde Frage!“ – und wieder ist ein Kind in seinem Wissensdrang frustriert und von seinen Eltern enttäuscht (sie sollten doch alles wissen, sie sind doch die Großen!). Ein Loch sollte man sich in den Bauch fragen lassen und sich noch darüber freuen – und dann gemeinsam zu Wikipedia oder was immer gerade Nützliches zur Hand ist gehen und das Loch im Bauch wieder zustopfen. Und wieder hätte man etwas gelernt, vielleicht sogar etwas Unnützes. Aber es gibt gar kein unnützes Wissen (alles webt mit am Netz, s. 4), sonst gäbe es nämlich auch dumme Fragen.

 

7 )  Lobe Kinder nicht sinnlos, tadele sie nicht sinnlos! 


Eine ebenfalls in modernen Erziehungstheorien sehr stark verbreitete Vorstellung ist die von der unendlichen Wirksamkeit positiver Verstärkung: Lobe ein Kind nur genug, und es wird ein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln und alle Herausforderungen im Leben meistern! Sicherlich wurden Kinder früher zu viel getadelt; und die Auswüchse eines allzu autoritären, verbotsgesättigten Erziehungsstils konnten dramatisch sein. Nun aber jedes Kind von morgens bis abends in den höchsten Tönen dafür zu loben, dass es seinen Job als Kind macht, also das tut, was ihm die Natur sowieso einprogrammiert hat – essen lernen, schlafen lernen, laufen lernen, sprechen lernen, lernen lernen –, und zwar bei jedem winzigen baby step in die richtige Richtung und notfalls sogar in die falsche, ist ebenso wenig hilfreich. Das Kind lernt als erstes: Gelobt werde ich sowieso, egal ob ich mir Mühe gebe oder nicht, Mama schimpft ja sowieso nie, und Papa ist immer begeistert. Und wenn sie doch schimpfen, heul ich eine Runde. Muss noch nicht mal besonders echt aussehen. Nein, loben will gelernt und dosiert und richtig eingesetzt sein, damit es seine zweifellos segensreiche Wirkung entfalten kann. Und dazu muss man auch mal tadeln. Das steckt jedes gesunde Kind weg, wenn es weiß, dass es nicht besser verdient hat. Nur so erzeugt man echtes Selbstwertgefühl und nicht kleine Tyrannen.

 

8)  Verbote sind erlaubt, aber begründungspflichtig! 


Auch Verbote haben einen schlechten Ruf in der modernen Erziehung. Sie setzen voraus, dass sich jemand selbst für klüger hält und deshalb für einen weniger Klugen entscheiden darf; oder, schlimmer noch, dass jemand sich für stärker hält und einem Schwächeren einfach seinen Willen aufzwingen kann. Nun sind Kinder, (s. 1) kleine Menschen und als solche gleichberechtigt; und sie sind (s. 4) nicht prinzipiell dümmer, sondern haben nur noch weniger gelernt und weniger Lebenserfahrung. Warum also sollte irgend jemand ihnen etwas verbieten, und aufgrund welcher Autorität? Tatsächlich ist die Berufung allein auf elterliche Autorität nur in Extremfällen, zur Abwendung akuter Bedrohungen und großen Schadens, gerechtfertigt (dann aber wirklich!). In allen anderen Fällen sollte man in der Lage sein, auf Nachfrage eine halbwegs rationale Begründung für ein ausgesprochenes Verbot liefern zu können (also nicht: „Weil ich es sage!“).  Wenn man aber einmal ein Verfahren rationaler Entscheidungsfindung etabliert hat und seine Spielregeln (s. 3) einhält, lernt das Kind mehr aus einem begründeten Verbot, als es aus einer anti-autoritären Spielwiese jemals mitnehmen könnte: nämlich den Gebrauch der eigenen Urteilskraft im konkreten Fall. Dann kann es natürlich passieren, dass Kinder einem umgekehrt etwas verbieten. Und wieder hat man etwas gelernt (s. 6).

 

9)  Verlange nicht von Kindern, was du nicht auch von dir verlangen würdest! 


Denn Eltern sind, ob sie das nun wollen oder nicht, ein Vorbild. Das Vorbild schlechthin. Ihre Kinder schauen zu ihnen auf, und wer ihren Respekt zerstört, wird langfristig ganz sicher auch ihre Liebe zerstören. Kinder haben ein extrem stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl, das wahrscheinlich in ihrer natürlichen Egozentrik gründet: Keiner soll besser behandelt werden als ich, und das gilt auch und gerade für die Eltern! Warum soll ich keine Schokolade esse, wenn sie es doch ständig tun? Warum soll ich mein Zimmer aufräumen, wenn im Wohnzimmer das totale Chaos herrscht? Warum soll ich nett zu anderen Leuten sein, wenn sie ewig über andere herziehen und total unhöflich sind? Nein, die größte Verantwortung für Eltern ist nicht, immer nur das Beste für ihr Kind zu wollen; es ist, selbst das Beste auch zu tun, und zwar stündlich, täglich, immer, so konsequent und zuverlässig wie möglich! Kindererziehung ist Selbstdisziplin in Reinform und damit die beste Chance, selbst endlich erwachsen zu werden. Schlechte Vorbilder sehen Kinder anderswo noch genug; davor kann sie sowieso niemand schützen. Und es ist ja nicht so, dass es zuhause niemals Schokolade geben darf und das Zimmer immer picobello sein muss. Wie in allen guten Dingen ist es auch hier das Maß, das entscheidet; und die richtige Dosierung lernt man, auch hier, nur durch Übung der Urteilskraft in der Praxis, was auch bei den meisten Erwachsenen bitter nötigt ist (s. 8).

              

10)  Lüge Kinder nicht an. Niemals. 


Kein Mensch will von Natur aus lügen. Das Gehirn will das nicht, Lügen ist mühevoll, und es kostet Energie, sich irgendwelche Geschichten auszudenken und sie sich zu merken. Es gibt auch keinen Grund, die Unwahrheit zu sagen; das führt nur zu Ungerechtigkeit (s. 9). Ein Kind, das das Lügen nicht von den Erwachsenen gelernt hat, wird immer die Wahrheit sagen. Es fühlt sich unwohl beim Lügen. Wenn es allerdings sieht, dass man große Vorteile ganz leicht durch Lügen erlangt, und dass man auch nicht dafür bestraft wird, wird es das Lügen lernen. Machen ja doch alle, sagen die Großen. Ist nicht so schlimm. Gibt sogar lustige Geschichten von ganz großen Lügenbolden. Das sind aber Geschichten, würde ein kluges und ehrliches Kind sagen, habt ihr den Unterschied nicht begriffen?

 

11)  Verwende Kinder niemals zur Befriedigung deiner eigenen Bedürfnisse oder zur Kompensation deiner Niederlagen! 


"Mein Kind soll es einmal besser haben als ich!" Was so harmlos als erzieherische Generalmaxime, ja geradezu als ultimative Selbstverleugnung daher kommt, hat eine hässliche Rückseite. Ich bin mit meinem Leben nicht zufrieden, steht da kleingedruckt in dunkler Schrift; ich habe es nicht geschafft, aus welchen Gründen auch immer, die Welt war böse zu mir, ich war einfach nicht gut genug, aber mein Sohn, meine Tochter – die werden es schaffen, die werden es der Welt zeigen! Und flugs haben die armen Kinder ein schweres Gepäck auf ihren schwachen Schultern aufgeladen bekommen: Sie sollen all das endlich wahr machen, was ihren Eltern versagt war! Das elterliche Bedürfnis dahinter ist durchaus verständlich, und es muss auch gar nicht immer schiefgehen. Aber allzu oft ist „das Beste“ für das Kind eben doch „das Beste“ seiner Eltern: Denn woher sollten sie überhaupt wissen, was das persönliche Beste dieses kleinen, noch ganz schemenhaft erkennbaren Wesens ist? Oder vielleicht will es sogar gar kein Bestes, sondern ist zufrieden mit freundlicher Mittelmäßigkeit und Bescheidenheit, wer weiß? Kinder hingegen wollen immer auch das Beste für ihre Eltern, und das ist ihr gutes Recht. Eine glückliche Familie zum Beispiel. Dass Mama und Papa sich liebhaben und nicht streiten. Wenn man sich mit seinen Kindern darauf einigen könnte, dass das das Beste für alle wäre, wäre schon viel gewonnen.

 

    

12)  Vergiß deine Kindheit nie! 


Deine reale Kindheit, nicht die eingebildete oder nostalgisch verklärte Version. Im Guten wie im Schlechten. Sonst wirst du nie erwachsen werden.  


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Wer ist schuld? 
11 Kandidaten für das blame game

I'm only human, don't put the blame on me! 

Rag N Bone Man


Even if it's not your fault it's your responsibility.

Terry Pratchett

 

        

Ursprünglich ging die Geschichte so: Adam und Eva waren im Paradies, und sie kannten weder Gut noch Böse und deshalb auch keine Schuld. Dann kam die böse Schlange und verführte sie, mit einem Apfel oder was auch immer, darauf kommt es im Einzelnen nicht an. Worauf es hingegen ankommt, ist, dass Eva und Adam sich einem göttlichen Verbot widersetzt hatten – „macht was ihr wollt, aber lasst die Finger vom Baum der Erkenntnis, das bekommt Menschen nämlich nicht!“ – und dafür mit Vertreibung aus dem Paradies des Nichtwissens in eine Welt höchst unsicheren Wissens bestraft wurden, lebenslänglich und bis ins xte Glied ihrer Nachkommen. Adam und Eva waren schuldig geworden – aber eigentlich schuld war doch die Schlange, oder? Wenn sie nicht mit verbotenen Früchten gelockt hätte, wäre ja nichts passiert! Nein, Adam und Eva konnten gar nichts dafür, schließlich hatten sie ja noch gar keinen freien Willen zu diesem Zeitpunkt!

 

Mit der Vertreibung aus dem Paradies des Sündenfalls wegen begann also nicht nur die Geschichte der menschlichen Freiheit; es begann auch die unendliche Suche nach dem eigentlich Schuldigen, das blame game. Mit Eva und Adam ist nämlich die Schlange aus dem Paradies entkommen, und sie verführt uns arme Menschen bis heute. Tückischerweise häutet sie sich dabei ständig und erscheint dadurch in immer neuer Gestalt. Immer aber ist und bleibt sie schuld (denn was wäre die Alternative?). Und ihre Lieblingsgestalten sind:

 

1)      der Bruder/die Schwester/der oder die Anderen!

Schon kleine Kinder wissen ganz genau, wer für den verschütteten Brei, das kaputte Spielzeugauto oder die heruntergerissene Lampe verantwortlich ist: der böse Bruder natürlich! die gemeine Schwester! Die armen Einzelkinder haben es etwas schwerer, aber mit dem ersten Spielkameraden findet sich auch der erste Schuldige: Sie hat angefangen! Nein, er war es! Das lernt jedes Kind von seinen Eltern seit Adam und Eva. Und das ändert sich auch nicht grundlegend im weiteren Verlauf des Lebens: Sobald ein anderer da ist, ist er potentiell schuld. Schlangen sind überall, es sind immer die anderen.

   

2)      der Lehrer!

In der Schule lernt man fürs Leben. Das klappt nicht immer. Manchmal lernt man auch gar nichts, manchmal lernt man das Falsche, manchmal hat man spontan alles vergessen, was der Lehrer jetzt schon wieder von einem wissen will. Daran ist natürlich der Lehrer schuld. Hat er die armen Kinder wieder überfordert oder unterfordert, hat er nicht gut und spannend genug erklärt, war er zu schnell oder zu langsam, ist er überhaupt ein Langweiler oder ein Nichtskönner? Schließlich weiß jeder, der selbst einmal in die Schule gegangen ist (also jeder) aus eigener Erfahrung, dass die Lehrer immer schuld sind. Sonst wären ja schließlich die Kinder schuld, und die sind schließlich noch Kinder und daher allgemein vermindert schuldfähig. Das Muster funktioniert bestens bis weit ins Studium hinein und wird im Evaluationszeitalter geradezu heilig gesprochen (komischerweise ist noch nie einer auf die Idee gekommen, die Schüler oder Studenten zu evaluieren, und Noten sind keine Evaluation): Die Schlange schlängelt sich durch alle Bildungsinstanzen.

   

3)      die Eltern!

Spätestens ab der Pubertät sind die Eltern an der Reihe: Was haben sie einen vermurkst mit ihrer komischen – wahlweise autoritären oder anti-autoritären, aber auf jeden Fall falschen – Erziehung! Erziehung funktioniert offensichtlich nie, und es ist ein Wunder, dass sich überhaupt noch jemand damit Mühe gibt (andererseits wollen all die Erziehungsratgeber verkauft werden). Erziehung ist allerdings nur verantwortlich für schlechte Eigenschaften und misslungene Lebensentscheidungen (s.u. 12, bad lifestyle choices); hingegen ist alles, was gut und gelungen an uns ist, natürlich unser eigenes Werk. Das Muster erinnert an die Bankenkrisen der jüngeren Gegenwart: Geht das Geschäft gut, bekommen die Manager exorbitante Boni, weil sie so klug und vorausschauend gehandelt haben. Geht es schlecht, bezahlt der Staat exorbitante Beträge aus dem Steuereinkommen, weil er nicht gut genug aufgepasst hat. Genauso bezahlen Eltern in der Regel ewig für ihre Erziehungsschuld und kassieren nie für ihren Erziehungserfolg. Als Faustregel fürs Blamegame kann man hier schon vorläufig einmal festhalten: Erfolge gehen immer auf das Konto des Individuums, Misserfolge werden immer vergemeinschaftet. Oder hat man schon mal gehört, dass Adam und Eva sich bei der Schlange dafür bedankt haben, dass sie endlich frei wurden?

   

4)      der Partner/die Partnerin!

Ist man endlich in ein Alter gekommen, wo man selbst die Verantwortung für sein Handeln übernehmen kann – sagen wir also, rein fiktiv, mit der Volljährigkeit –, übernimmt der Beziehungspartner direkt von den Eltern die Schuldenlast. Natürlich nicht gleich am Anfang, wenn man noch frisch verliebt ist und es sowieso keinerlei Anlass gibt, sich zu beschweren und nach Schuldigen zu suchen. Aber sobald die Verliebtheit zur Beziehung mutiert, beginnt das Schuldkarussell: Hättest du nicht – wärest du doch – kannst du nicht einmal? Beziehung ist Arbeit, und wo gearbeitet wird, fallen Erfolg oder Versagen, Leistung oder Minderleistung an. Die gegenseitigen Rechnungen können ins Unendliche wachsen und werden beim Scheidungsanwalt abbezahlt. Die Schlange ist schon ganz fett gefressen davon.

   

5)       der Kollege/der Chef!

Das Gleiche gilt dort, wo im engeren Sinne des Wortes gearbeitet wird, also: im Job – und das Arbeitsleben bietet geradezu unendliche Möglichkeiten zur Schuldverschiebung. Berufliche Hierarchien sind nämlich nicht nur dafür da, Gehaltsunterschiede zu rechtfertigen, sie sind auch Verantwortungs- und Schuld-Verschiebebahnhöfe! Seien es unfähige Bosse oder faule Beamte, technische Nieten oder überarbeitete mittlere Manager, einer verschiebt die Schuld fröhlich zum anderen und wieder zurück, und so vagabundiert sie durch die Hierarchien; mal ist sie hier, mal ist sie dort, aber sie wird schneller weitergereicht als eine heiße Kartoffel, so dass man sie eigentlich niemals zu fassen bekommt. Und überall, wo ein Team arbeitet, ist der Einzelne sowieso aus dem Schneider: Das Team hat es verbockt, keine Ahnung, ich hab‘ zwar dazu gehört, aber es macht doch jetzt keinen Sinn, das auf den Rücken Einzelner auszutragen oder? Am Ende wird evaluiert. Oder es gibt Feedback (nur positiv, natürlich). Beides hat normalerweise keinerlei Konsequenzen. Die Schlange lacht sich kringelig.

   

6)      der Trainer!

Der Sport, genauer: der Leistungs- und Profisport, hat ein eigenes Unterkapitel verdient. Mühsam hat es unsere Zivilisation dahin gebracht, dass eigens herangezüchtete Leistungssportler Unsummen Geldes für schier unglaubliche körperliche Leistungen vollbringen. In Wettbewerben treffen sie aufeinander, um sich zu messen, dabei wird noch viel mehr Geld verdient, und am Ende hat einer (oder eine Mannschaft) gewonnen. Und wer ist schuld, dass die anderen verloren haben, oder dass es wieder einmal nicht so viel Medaillen gegeben hat, wie beflissene Funktionäre vorher auf geduldigem Papier prophezeit haben? Der Trainer natürlich. Wird sofort entlassen. Der neue hat ein, höchstens zwei Spiele Zeit, sich zu bewähren. Dann wird er wieder entlassen, wenn’s nicht gleich geklappt hat. Zum Glück dreht sich das Ganze im Kreis, und der Entlassene findet mit einigem Glück schnell wieder eine Stelle bei einem anderen Verein, der gerade seinen Trainer entlassen hat. Dass die Spieler schlecht gespielt haben, die Schwimmer nicht schnell genug geschwommen sind etc. etc. etc. – o.k., schlechten Tag gehabt, geht uns doch allen so, und der Stress! Nee, schuld sind die Trainer. Harter Job, sagt die Schlange.

   

7)      der Arzt!

Gesundheit ist nicht nur eine des höchsten, sondern auch eines der heikelsten Güter. Das realisieren die meisten von uns erst, wenn es zu spät ist. Natürlich, man hätte sich ja die Zähne regelmäßig putzen können, dann würden sie einem nicht schon von der Rente ausfallen. Man hätte das Rauchen sein lassen können, hat eh nie so richtig geschmeckt, und man hat gestunken. Ja, mehr Bewegung, man hat es ja immer wieder versucht, aber wo soll man die Zeit hernehmen? Gesunde Ernährung, sowieso, aber ab und zu muss man halt sich was gönnen! Und jetzt sagen die Ärzte, dass man da nichts mehr machen kann! Da holen wir uns aber erst mal eine Zweitmeinung, oder? Überhaupt, Ärzte, die wollen doch nur Geld verdienen an den Krankheiten der Leute, darum machen sie uns alle kränker, als wir sind! Und eigentlich sollte man, bei all dem Fortschritt in der Medizin, doch endlich mal ein Mittel gegen Demenz oder Diabetes oder gegen Altern überhaupt gefunden haben! Jetzt sollen wir unser Leben ändern. Als ob man für seine Gesundheit verantwortlich wäre (s.u., die Gene). Es war die Schlange, die ganze Zeit, und sie hat uns mit Hamburgern vollgestopft, auf die Couch gefesselt und die Joggingschuhe versteckt! Und außerdem waren es - 

   

8)      die Gene!

Damit kommen wir endlich zu den großen Schuldträgern, den Hauptverantwortlichen für die menschliche Misere insgesamt. Erster Kandidat: das Evolutions-Roulette - kann ich doch nichts dafür, wenn ich schlechte Gene habe! Interessanterweise wird das Argument oft vorgetragen von Leuten, die im nächsten Atemzug ein Glaubensbekenntnis zum freien Willen des Menschen abgeben, und man ist geneigt zu sagen: Was denn nun? Denn selbst wenn man, vernünftigerweise, davon ausgeht, dass Natur und Kultur, Angeborenes und Erlerntes, miteinander interagieren und nur wenige Dinge in den Genen so festgelegt sind wie die Haarfarbe oder eine Erbkrankheit, bleibt die Frage: Wie kann ein Wille wirklich frei sein, wenn er zu – naja, je nachdem, mal zu 20, mal zu 50, mal zu 80 % genetisch bestimmt ist? Aber vor der Hand leben wir alle in schöner Schizophrenie vor uns hin: Wenn es uns passt, ist der Wille frei, und wir können uns unsere Erfolge selbst zuschreiben; und wenn es uns nicht passt, sind die Gene schuld, und wir hatten keine Wahl (s.o., der Vergemeinschaftungstrick). Schließlich könnten wir, wenn der Wille frei wäre, auch die Schlange endlich töten; aber wir behalten sie lieber weiter in ihrem Schlangenkorb, aus dem wir sie jederzeit wecken können, wenn wir sie brauchen.

   

9)       die Gesellschaft!

Die Gesellschaft ist immer dann schuld, wenn man ein Verhalten rechtfertigen möchte, das gegen lästige Normen oder Konventionen verstößt – indem es zum Beispiel Triebverzicht oder Bedürfnisaufschub oder auch nur eine gewisse Disziplin von uns verlangt. Dann erklärt man eben diese Regeln und Konventionen flugs zu verkrustet, erstarrt und überholt, und schon kann man machen, was man will und gilt sogar noch als unkonventionell, freier Geist und vorbildlich unangepasst. Gesellschaft ist in dieser Entschuldigung ein Synonym für systematische Unterdrückung, unter der das arme geknechtete Individuum stöhnt und ächzt. Natürlich funktionieren menschliche Gesellschaften nur, wenn sie Regeln, Konventionen und geteilte Werte haben, sonst wären sie Kegelvereine oder Aktiengesellschaften. Und im Großen und Ganzen leben die meisten auch ganz gut damit. Aber hier funktioniert der Vergemeinschaftungstrick besonders gut: Für gelungenes, friedfertiges, förderliches Zusammenleben ist nämlich nicht die Gesellschaft verantwortlich – denn wer soll das eigentlich bitte sein, außer den konkreten Einzelnen? Für Reibungen, Spannungen, Probleme im Zusammenleben hingegen wird die Gesellschaft in Vollkasko-Haftung genommen – denn schließlich kann sich keiner ihrem kollektiven Druck widersetzen, hier wirkt die Masse! Die Schlange liebt die "Gesellschaft". Schade, dass es sie im Paradies noch nicht gab.

   

10) die Medien!

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass es im modernen bürgerlichen Staat drei Gewalten gibt. Inzwischen gibt es definitiv mindestens vier Gewalten (und es besteht der Verdacht, dass „die Wirtschaft“ noch eine fünfte ist, die sogar gewaltiger ist als alle anderen zusammen). Die vierte sind die Medien, und sie sind weitgehend unkontrolliert, nehmen aber für sich in Anspruch, die drei klassischen Gewalten (Legislative, Judikative, Exekutive, und die sind sowieso kaum noch auseinander zu halten) zu kontrollieren. Niemand kann sich den Medien entziehen, und ihr Herrschaftsbereich wächst mit jedem Tag, an dem Gott das Internet wachsen lässt. Bevor wir nur die geringste Chance haben, uns ein Weltbild zu formen, ertrinken wir schon in einem Meer von Bildern; bevor wir einen ersten eigenen Gedanken fassen können, werden wir mit Meinungen überschüttet; bevor wir Freunde gewinnen, haben wir Follower und verteilen Likes. Medien wecken Bedürfnisse, von denen wir vorher nicht wussten, dass wir sie hatten; sie erzeugen Sehnsüchte, die das Leben nie befriedigen kann. Die Medien sind die größte Schlange von allen geworden, und man bräuchte schon ein Heer von Schlangentötern, um sich dagegen zur Wehr setzen zu können! Bis dahin jedoch sind sie schuld, an allem: an falschen Vorstellungen vom Leben, an schlechten Vorbildern, an Shitstorms und Kinderpornographie, am ins Unendliche wachsenden Materialismus um des lieben Wachstums willen, an der unendlichen Simplifizierung der Welt zum Zweck ihrer Darstellbarkeit in Bildern und Dreiwortsätzen. Und so weiter. Man könnte natürlich abschalten. Aber die Schlange grinst von allen Kanälen, hochaufgelöst und in 3D.

   

10)   das System/die Globalisierung!

Die Medien in Verbindung mit der Gesellschaft haben eine ältere Variante eines Globalschuldigen abgelöst, der in der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts mit seinen ideologischen Grabenkämpfen der absolute Favorit im blame game war: das gute alte System nämlich – egal, ob das kommunistische oder kapitalistische oder der Katholizismus. Das System war ebenfalls eine anonyme Unterdrückungsmaschine, der man sich nicht entziehen konnte und die den Einzelnen zum willenlosen Rädchen in einer großen Maschine machte; deshalb war Widerstand geradezu Pflicht für das aufrechte Individuum! Inzwischen haben sich die großen Systeme bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt, und sogar die meisten Religionen überlassen ihre Schäfchen im Großen und Ganzen ihrem ziemlich fragwürdigen Gewissen. Ihr Nachfolger ist, mehr oder weniger, die Globalisierung, die nun den gesamten Globus als Freihandelszone und Menschenrechtsreservat umzieht. Der Globalisierung jedoch kann man sich noch weniger entziehen als den Systemen, die wenigstens in einer gewissen Konkurrenz standen; nur noch einige Nischen existieren, in denen sehr in die Jahre gekommene isolierte Systeme vor sich hin erstarren (in Nordkorea zum Beispiel). Die Schlange aber hat sich aufgepumpt und umspannt jetzt die ganze Welt (und nach Nordkorea will wirklich keiner migrieren, selbst wenn sie alle Grenzen öffnen würden).

   

11)   der freie Wille selbst!

Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass all diese Entschuldigungs-Mechanismen – die man auch noch weiter schuldmindernd kombinieren kann! – doch einmal nicht funktionieren, weil man als unabhängig handelnder Einzelner ganz allein definitiv großen Mist gebaut hat, bleibt eine allerletzte Hintertür: die bad lifestyle choice. Das ist mehr oder weniger unübersetzbar, bedeutet aber im Kern: Ich habe aus freiem Willen Mist gebaut (nämlich einen falschen Lebensstil gewählt); ich bin aber nicht verantwortlich dafür, weil jeder das unhintergehbare Menschenrecht hat, schlechte Entscheidungen zu treffen, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Der freie Wille selbst ist schuld! Menschen machen Fehler, Irren ist menschlich, nobody is perfect, und richtet gefälligst nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet! Das ist ziemlich raffiniert, und die Schlange ist stolz auf ihre Sophistik. Die Logik dieser Entschuldigung geht so: Der Mensch hat einen freien Willen. Das wird dadurch bewiesen, dass er falsche Entscheidungen treffen kann (ein besserer Beweis ist noch niemanden eingefallen, außer: es kann ja wohl nicht sein, dass wir deterministische Maschinen sind oder tierische Instinktwesen, und was nicht sein darf, kann bekanntlich auch nicht sein). Wäre der Mensch ein Vernunftwesen, würde er ja nur richtige Entscheidungen treffen! So aber wird jede falsche Lebensentscheidung geradezu zum Adelsdiplom: Erst im Irren zeigt sich das eigentlich Menschliche – und nicht etwa im mühsamen rationalen Urteilen, das auf Wissen und Erfahrung und Nachdenken beruht und danach strebt, gute, tragfähige, lebensfreundliche Entscheidungen zu treffen. Irren ist also nicht nur menschlich, sondern Menschlichkeit ist Irren! Je mehr irren, desto menschlicher! Die logische Verkehrtheit dieses Umkehrschlusses zeigen beliebige Beispiele: Nasebohren ist menschlich, ergo: Menschlichkeit ist Nasebohren! Je mehr Nasebohren, desto menschlicher! Die Schlange beißt sich selbst in den Schwanz.

   

Das wäre nun alles nicht schlimm und nur ein lustiges blame game, wenn Handlungen nicht Folgen hätten – und zwar nicht nur für einen selbst, sondern für andere, die sich unter Umständen nicht dagegen wehren können. Fehler werden gemacht, und Menschen leiden darunter. Wenn niemand mehr Schuld ist, will aber auch keiner mehr Verantwortung übernehmen. Soll die Gesellschaft doch richten! Die Globalisierung. Die Medizin. Der Paartherapeut. Die Jugendämter. Die Versicherungen. Leute, die dafür bezahlt werden. Andere Leute eben! Schließlich sind sie auch schuld!

 

Die Tür zum Paradies ist verschlossen. Manchmal möchte man gern dorthin zurück fliehen; man könnte auch seinen freien Willen gern wieder am Tor abgeben, wenn man dafür nicht die ganzen Pseudo-Entschuldigungen hören müsste, die die Welt mit einem klebrigen Zuckerguss der moralischen Selbstgerechtigkeit überziehen. Aber zum Glück ist man wenigstens nicht schuld an der Vertreibung. Adam und Eva waren schuld. Oder die Schlange. Oder eigentlich Gott, weil das ganze ja nur ein fieser Test war, und warum gab es eigentlich überhaupt Schlangen im Paradies? Kluge Tiere, Schlangen. Wenn der Schlangenbeschwörer die Flöte spielt, nehmen sie eine Drohhaltung ein; sie sind im Übrigen taub und regieren sowieso nur auf Bewegung. Der Flötenspieler kann sich derweil einbilden, er hätte sie beschworen. Sie könnten ihn auch töten. Wenn man ihnen nicht den Giftzahn entfernt hätte. Genau wie einem freien Willen, der so frei ist, dass er keine Schuld mehr kennt. Entschuldigt für immer (denn die Alternative ist undenkbar).


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You've gotta learn to listen, man!
9 Verständnishindernisse

 

1)  Man versteht nicht, weil man nicht zuhört.

Der Klassiker. Zuhören ist eine der unterentwickelsten Tugenden der Menschheit, so erstaunlich das klingt. Wie alle menschlichen Tugenden und Fähigkeiten funktioniert nämlich auch Zuhören nicht einfach so von selbst, sondern will geübt werden, am besten von Kind an. Gerade Kindern aber wird, in einer der fatalen Gutgemeintheiten moderner Erziehung, nahegelegt, bloß nicht zuzuhören: Geh, das verstehst du nicht. Erklär ich dir später. Zerbrich dir mal nicht den Kopf, das machen die Großen schon. Geh lieber spielen. Du willst mir eine Geschichte erzählen? Na gut, aber ganz schnell. Nein, im Gegenteil: Wer Ohren hat zu hören, der höre, so heißt es schon in der Bibel! Ist aber gar nicht so einfach in einer Zeit, wo die Hälfte der Menschheit mit schallisolierenden Kopfhörern herumläuft, um anderen bloß nicht zuhören zu müssen. Wenn Konzentration und Ablenkung streiten, gewinnt die Ablenkung immer. Ist der energetisch günstigere Zustand. Zuhören aber hieße, sein Gehirn in ihm fremde, vielleicht sogar neue Gehirnwindungen legen zu müssen, Synapsen zu aktivieren, die friedlich vor sich hinschlummern. Viel zu anstrengend! Chillen wir lieber zusammen eine Runde!

   

2)   Man versteht nicht, weil man im Stress ist.

Zeit ist Geld, und Zuhören kostet Zeit. Man muss sich auf jemand einlassen, man muss ihn einen Gedanken in Ruhe entwickeln lassen, man muss sich selbst für einen Moment abschalten, das ständige innere Selbstgespräch auf stumm stellen und seine Antennen ausfahren. Das ist alles viel zu mühsam, und man könnte in der gleichen Zeit auch auf dem Handy surfen, Katzenvideos schauen oder eine Runde mal auf Facebook schauen. Du, tut mir echt leid, aber ich hab‘ gerade keine Zeit. Ein anderes Mal, versprochen? Und schön, dass wir geredet haben, echt!

 

3)  Man versteht nicht, weil es einen nicht interessiert.

Wir alle sind in erster Linie Sprecher und nicht Hörer. Von uns selbst wollen wir reden und hören, von uns selbst bekommen wir nicht genug; das gilt aber leider auch für alle anderen, und so fallen wir uns ständig ins Wort, um das Gespräch auf das einzig wirklich interessante und wichtige Thema zurückzubringen: uns selbst. Warum auch sollten einen die komischen Meinungen oder Geschichten anderer Leute interessieren? Kommt sowieso immer das Gleiche. Oder sie wollen einen belehren, noch schlimmer; dann stellt man gleich auf Durchzug, das hat man schon in der Schule gelernt. Interesse aber, das weiß der Lateiner (nicht abschalten!!!), heißt wörtlich: Dabei sein, bei der Sache sein, teilnehmen; Kommunikation ist, ebenfalls wörtlich, Teil-nahme. Teilen aber funktioniert nur gegenseitig. Aber, hey, wen interessiert das schon!

 

4) Man versteht nicht, weil man nicht versteht.

Die meisten elaborierten (ausgearbeiteten, entwickelten) Sprachen haben einen großen Schatz an Worten. Die deutsche Sprache beispielsweise soll ca. eine halbe Million Wörter haben, und täglich werden es mehr. Und das ist eine gute Sache, weil man mit einer sehr ausdifferenzierten (in kleine Einheiten unterteilten, fein strukturierten) Sprache sich präziser äußern kann. Der Durchschnittsbürger allerdings kommt mit einigen tausend Wörtern aus. Und sie mögen bitte nicht in allzu komplizierten Sätzen aneinander gereiht werden; Nebensätze sind für Literaten (Schönschreiber). Kann man das nicht einfach und verständlich sagen? ist der Lieblingssatz des sparsamen Wortbenutzers. Nein, kann man leider nicht immer. Die Welt wird jeden Tag komplizierter (verwickelter, schwer durchschaubarer) und komplexer (nein, nicht das gleiche, sondern auf vielen Ebenen verflochten, verwoben), aber wir meinen ihr mit einem restringierten (gefesselten, künstlich begrenzten) Wortschatz und Dreiwortsätzen gerecht zu werden. Es lebe Twitter!

         

5) Man versteht nicht, weil man meint, schon verstanden zu haben.

Es gibt Leute, die nehmen einem immer das Wort aus dem Munde. Es sind Schnellmerker und Besserwisser, und wenn sie selbst reden, neigen sie zu sprachlichen Schnellschüssen. Aber wahrscheinlich behindern wenige Dinge das Verstehen so effektiv wie die Überzeugung, schon verstanden zu haben; ich bin schon da!, ruft der Igel triumphierend jedes Mal, während der Hase noch an einem schönen langen präzisen Satz mit vielen Haken und unerwarteten Wendungen arbeitet. Eigenes Verstehen, das man niemals mit fremden Verstehen abgleicht, versteinert. Wahres Verstehen hingegen höret nimmer auf; es arbeitet sich ab an der Welt und an anderen Menschen, aber es bleibt beweglich und fließt und höhlt mit der Zeit nicht nur den stärksten Stein aus, sondern macht eine Skulptur aus ihm: ein verstandenes und durchgearbeitetes Stück Welt. Wisst ihr alles schon? Hab ich mir doch gedacht.

 

6)  Man versteht nicht, weil Verstehen schmerzhaft oder gefährlich oder folgenreich wäre.

Man kann nicht alles verstehen. Wer alles verstanden hätte, würde es nicht mehr aushalten in dieser Welt der Imperfektion und des Leidens (außer er wird religiös und delegiert das Verständnis an Gott, der bekanntlich alles versteht). Unser Gehirn schützt sich, instinktiv, vor allzu schmerzhaften Einsichten, die negative Folgen für uns selbst hätten; es zwingt uns wegzuschauen, zu selektieren, zu vergessen, im Notfall auch zu lügen und sich zu verstellen. Es gibt jedoch keine unangenehmen Wahrheiten, genauso wenig wie es angenehme gibt. Es gibt nur Wahrheiten, und vielleicht kann man ein wenig daran arbeiten, seine persönliche Schmerzschwelle für Wahrheiten zu senken. Natürlich ist das Glas immer halb voll und immer halb leer; aber immer nur positiv zu denken, mag zwar dem Selbstwertgefühl zuträglich sein, leugnet jedoch die halbe Wahrheit. Deprimierender Gedanke? Na gut, das Glas ist heut mal wieder halbvoll.

 

7)   Man versteht nicht, weil man nur am Beziehungssinn der Aussage interessiert ist.

Kommunikation ist Krieg. Man kämpft um Redeanteile, um Themen, ums Rechthaben. Auch wenn optimistische, aber leider in ihren akademischen Wäldern etwas weltfremd gewordene Philosophen das einige Zeit lang behauptet haben: Es gibt keine herrschaftsfreie Kommunikation, oder wenn doch, dann nur unter Computern. Menschen, die miteinander reden, haben immer eine Beziehung, sogar wenn sie sich nicht kennen und nur eben an der Bushaltestelle übers Wetter plauschen: Sie sind Individuen mit bestimmten Eigenschaften und Erfahrungen; sie haben ein Geschlecht (auch wenn es nur temporär sein mag), ein Alter, einen sozialen Status, einen physischen Zustand – all das geht noch in den allerkleinsten und belanglosesten small talk ein, ohne dass wir es überhaupt beeinflussen können. Mit Männern reden wir anders als mit Frauen, mit alten Menschen anders als mit Kindern, mit Kranken anders als mit Gesunden, mit Reichen anders als mit Armen, mit Gebildeten anders als mit Ungebildeten. Und schon wer als erster das Wort ergreift, hat einen Angriffsvorteil gewonnen: Er bestimmt das Thema, egal ob es um das Wetter und die Börsenkurse geht; er setzt das Niveau des Gesprächs, auf einer sehr weiten Skala zwischen belanglos und bedeutend. In jedem Fall aber will man Recht haben. Stärker sein. Gewinnen. Selbst im kleinsten Wortgefecht. Verstehen ist eine Machtfrage, kapiert?

 

8)  Man versteht nicht, weil man nur am Sachgehalt der Aussage interessiert ist.

Aber selbst, wenn denn der außerordentlich seltene Fall einmal eintreten sollte, dass man ein Gespräch wirklich nur aus Interesse und dem Wunsch nach Belehrung und Austausch führt, um der Sache selbst willen, rein akademisch – hat das Gespräch trotzdem eine Beziehungsebene, und deren Ausblendung verfälscht das Ergebnis ebenso wie die Ausblendung der Sachebene zugunsten der Beziehungsebene das Ergebnis verfälscht. Gerade die Mahnung zur Sachlichkeit und Objektivität ist häufig ein verklausulierter Machtanspruch: Erhebe dich gefälligst auf meinen olympischen Standpunkt! kann nur derjenige sagen, der bereits auf dem Olymp angekommen ist und voll Erbarmen auf Sisyphos herabsieht, der immer und immer wieder seinen Stein hinaufzuwälzen versucht und ein- um das andere Mal scheitert. Aber wir wollen ja nicht persönlich werden, gell?

            

9)  Man versteht nicht, weil es nichts zu verstehen gibt.

Natürlich gibt es jede Menge Unsinn. Das ist kein Problem, das kann man gut verstehen. Es gibt jedoch auch jede Menge weißes Rauschen, Blödsinn, Belanglosigkeit, Verwirrung, Unterstellung, die als echte Erkenntnis, ja sogar als Gewissheit und common sense auftritt. Immer wenn jemand von etwas behauptet, das sei doch „selbstverständlich“, sollte man eigentlich sofort Verdacht schöpfen. Selbst-verständlich ist nämlich gar nichts, noch nicht mal die einfachsten Dinge; dass 1 + 1 regelmäßig 2 ergibt, ist für Mathematiker eines der großen Wunder der Natur, und dass der Apfel vom Baum nach unten fällt, konnte man auch erst reichlich spät physikalisch erklären. Selbst-verständlich ist aber vor allem nichts, was mit Menschen zu tun hat. Erkenne dich selbst!, haben die ganz Alten auf einen ihrer Tempel geschrieben, und innen saß die Pythia und orakelte hilfsweise für diejenigen, die noch nicht so weit gekommen waren mit der Selbsterkenntnis. Heute gibt es dafür Psychologen und Psychiater und Psychotherapeuten, deren Geschäft floriert, je weniger wir uns selbst verstehen. Ob sie allerdings eine wahre Hilfe sind, ist im Einzelfall ebenso zweifelhaft wie bei der Pythia, die wahrscheinlich halluzinogene Stoffe benutzte und auch gegen Bestechungen nicht unempfänglich war. Wichtig ist jedoch, den Rauch und das weiße Rauschen von dem zu trennen, was vielleicht, unter günstigen Bedingungen und mit viel Anstrengung verstanden werden kann und die Mühe auch wert ist. Habt ihr nicht verstanden, too long, don’t read? Kein Problem, dann war es wohl nicht so wichtig. Die Kurzfassung demnächst auf DVD.


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Wofür der brave Bürger zahlt

 

1)         Natürlich Steuern. Steuern zahlt die brave Bürgerin gern, ist es doch für einen guten Zweck: den Staat und die bürgerliche Gesellschaft, und das sind schließlich wir alle, frei, gleich, brüderlich/schwesterlich. Der Staat baut Schulen und Straßen für uns, er fördert den öffentlichen Nahverkehr und sorgt für das, was man so schön Daseinsvorsorge nennt: Strom, Wasser, Müllabfuhr, Krankenhäuser, öffentliche Schwimmbäder und Theater, Friedhöfe und Kindergärten. Er bezahlt seinen treuen Staatsdienern die Pensionen und schützt uns vor bösen Feinden, ob im Inneren und Äußeren. Natürlich zahlen wir gern Steuern, auch wenn es insgesamt ziemlich viel werden kann: Lohn- und Einkommenssteuer, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuern, Kraftfahrzeugsteuer, Mineralölsteuer, Grundsteuer, Hundesteuer, und natürlich, nicht zu vergessen, am Ende noch einmal einen Zuschlag drauf: Mehrwertsteuer, bescheidene 19 %. Zum Glück rechnet niemand nach, was dabei so übers Jahr zusammen kommt. Aber, wie gesagt: „sehr gerne“! wie man heutzutage in der Dienstleistungsgesellschaft mit Betonung auf dem ersten Worte sagt, sozusagen ein verzinstes „gerne“.

 

2)         Die zweite Bürgerpflicht, direkt nach dem Steuerzahlen, ist Geldausgeben. Ohne Konsum funktioniert unsere Wirtschaft nicht, die ausgelegt ist nach dem Prinzip des Mehr-Mehr-Mehr, gern auch verschleiernd: Wachstum genannt, weil es so schön organisch klingt. Da die Bäume aber bekanntlich nicht in den Himmel wachsen, sollte man annehmen, dass es irgendwo eine Grenze des Wachstums gibt. Bis wir die aber erreichen, müssen wir alle ständig kaufen, kaufen, kaufen: damit die Wirtschaft fröhlich weiter wächst, damit die Arbeitsplätze erhalten werden, damit der Wohlstand zunimmt hier und überall. Zum Glück macht kaufen viel mehr Spaß als Steuerzahlen. Shopping ist Staatszweck, und die brave Bürgerin ist in ihrem Element!

 

3)         Aber! Der Bürger muss natürlich auch vorsorgen. An seine Rente denken. Denn die, die er von Vater Staat bekommt, nachdem er wacker eingezahlt hat, wird nicht reichen; um einen bekannten Politikerspruch zu variieren: Die Rente ist ganz sicher nicht sicher. Deshalb muss die Bürgerin frühzeitig etwas zurücklegen, und das Wort klingt so freundlich und harmlos: Man nimmt einfach ein Scherflein ab jeden Monat und legt es – ja, wohin? Die Banken werden bald Gebühren nehmen statt Zinsen zu geben, dank der Nullzins-Politik, die zwar Staatshaushalte saniert, aber Versicherungssysteme und Banken ruiniert; Versicherungen sind deshalb auch keine Alternative. Wohin also legen?

 

4)         An dieser Stelle sprechen die Finanzexperten gern von einer Diversifikationsstrategie: Die brave Bürgerin möge ihr Erspartes und Zurückgelegtes doch bitte nicht auf einem soliden Sparkonto vergraben, wo es in absehbarer Zeit keinerlei Früchte mehr tragen wird, sondern mit einem geringen Anlagerisiko streuen: Der Aktienmarkt explodiert, die Indizes schießen geradezu in die Höhe, und man wirft sein Geld zum Fenster hinaus, wenn man nicht dabei ist! Daneben ein bisschen Gold, man weiß ja nie, die eine oder andere Immobilie, die Blase wird schon noch halten. Ist ja alles keine Zauberei. Außer, dass niemand so viel Geld und dazu noch Zeit hat, seine eher mageren Ersparnisse in immer kleinere Portionen zu zerteilen in der Hoffnung, dass man damit wenigstens etwas vom großen Kuchen abbekommt. Vielleicht bekommt man. Ein winziges Stück. Wenn nicht gerade Banken oder Versicherungen gerettet werden müssen oder der Aktienmarkt doch mal, hastdunichtgesehen!, crasht, und dahin ist auch die private Altersvorsorge.

 

5)         Aber man sollte wirklich nicht nur auf sein eigenes finanzielles Wohlergehen sehen. Hier in unserer freundlichen, zivilisierten, vollklimatisierten und vollkaskoversicherten Welt geht es uns, im Großen und Ganzen, geradezu unverschämt gut. Deshalb sollte der brave Bürger natürlich teilen. Den Armen etwas abgeben, es muss ja nicht gleich der halbe Mantel sein (andererseits, warum nicht, ist schon wieder ein Jahr alt, tun wir was für die Wirtschaft!). Die brave Bürgerin spendet gern, bei jeder Katastrophe zückt sie pünktlich ihren immer schmaler werdenden Geldbeutel und hofft, dass es ankommen möge und nützen, und zwar nicht nur ihrem Gewissen. Das ist trotz aller möglichen Qualitätssiegel und Evaluationsorgien auch auf dem freien Spendermarkt im Einzelnen natürlich nie sichergestellt, und schon so manche Entwicklungshilfe hat korrupte Beamten dick gefüttert oder ist in bodenlosen Brunnen versunken, die leider niemals Wasser von sich geben werden. Hilft nichts, man muss trotzdem spenden, wenn man kein Unmensch sein will, zumal die staatliche Entwicklungshilfe immer als erstes auf der jeweiligen Streichliste bei Etatkürzungen steht. 

 

6)         Und da wir gerade dabei sind und das schmale Portemonnaie noch offen ist: Es wäre auch sehr schön, wenn der brave Bürger die Kultur fördert. Staatliche Theater haben es schwer, Museen noch mehr; Bildung ist zwar fein und allgemein hochgeschätzt, möge aber bitte nichts kosten (außer auf dem internationalen Kunstmarkt, s. Diversifikationsstrategie). Wer auch nur etwas wohlhabender ist, sollte sich rechtzeitig über Stiftungen informieren, die gern die eine oder andere Erbschaft kulturell oder wissenschaftlich langfristig anlegen. Inzwischen gibt es schon Webportale über alle möglichen Stiftungen, damit jeder sein passendes Töpfchen finden möge. Und es ist ja auch schön, wenn der eigene Name überlebt, wenn begabte junge Leute gefördert werden, wenn kulturelle Projekte stattfinden, für die der Staat schon längst kein Geld mehr hat. Demnächst wird dann die Wissenschaft zur Hälfte von der Industrie bezahlt werden (ganz uneigennützig, natürlich) und zur Hälfte von Stiftungen und Alumni. Vielleicht können dann auch mal wieder die Dächer einiger Universitäten geflickt werden und die Bibliotheken könnten mal wieder das eine oder andere Buch kaufen, damit sie nicht vergessen, wie das geht.

 

7)         Noch immer etwas übrig? Die Gesundheit ist uns lieb und teuer. Natürlich gibt es Versicherungspflicht bei uns, und die Krankenversicherung bezahlt zuverlässig – die Mindestversorgung jedenfalls, und das ist schon mehr als in den allermeisten anderen Ländern auf diesem kranken Planeten. Damit die Ärzte jedoch dabei nicht verhungern müssen, wurde IGeL erfunden: die individuellen Gesundheitsleistungen, für die Hochglanzbroschüren in jedem Wartezimmer werben. Am besten noch ein wenig Fitness-Studio dazu (die Krankenkasse zahlt vielleicht einen Zuschuss, der gerade die Kosten für den Energiedrink deckt). Spätestens, wenn die Pflegebedürftigkeit kommt, wird man sowieso arm. Falls die Eltern der braven Bürgerin schon vor einem arm geworden sind, darf man bereits für sie zuzahlen (in zumutbarem Maße natürlich nur).

 

8)         Meist trifft es sich so, dass man zu diesem Zeitpunkt auch für die Kinder das eine oder andere auslegen muss: die professionelle Nachhilfe (die individuelle Förderung in der Schule hat bei Klassenstärke 35 mal wieder versagt), die Musikschule und den Sportverein, den Sprachenaufenthalt im Ausland, wie er für jede höhere Töchter samt höheren Söhnen inzwischen praktisch obligatorisch ist. In manchen Schulen, und das ist nicht erfunden, muss man auch das Klopapier selbst mitbringen, weil der Etat zu knapp geworden ist, um solche überflüssigen Dinge zu finanzieren (derweil laufen die Digitalisierungsprogramme auf Hochtouren…); in der Schulküche kochen die Eltern, freiwillig, weil die Stadt keine Cafeteria bezahlen kann. Wahrscheinlich sollte man endlich mal ein Akronym dafür erfinden, etwa: IBiBeL, individuelle Bildungs- und Betreuungsleistungen. Für den Rest gibt es Grundbildung, also, sagen wir, das Äquivalent zu Amalgam bei der Zahnversorgung; nicht direkt giftig, vielleicht haltbar, aber von schön wollen wir nicht reden. Wenn’s dann nicht reicht für einen Job, gibt es immer noch private Fortbildungsinstitute, und für ein wenig mehr Geld schon einen ganz schicken Master of Business Administration Irgendwas. Samt Zertifikat (bei Wunsch auch mit Goldrand, nur geringer Aufpreis!).

 

9)         Autofahren war bisher entschieden zu billig, nur das bisschen Kraftfahrzeugsteuer und Mineralölsteuer. Das hört jetzt auf. Erst einmal verbieten wir alle die Autos, die die Hersteller seit Jahren fahrlässig zu Umweltmonstern gemacht haben – sollen die Leute doch neue kaufen! Und dann fordern wir Maut. Von allen. Wird natürlich verrechnet mit den anderen Kosten, wie genau, haben wir noch nicht herausgefunden. Aber es hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass am Ende die brave Bürgerin ein bisschen mehr zahlt als bisher. Genauso, wie sie jedes Jahr ein bisschen mehr zahlt für den Bus, die U-Bahn, die Deutsche Bahn – nicht, weil die Leistungen des öffentlichen Nahverkehrs besser werden, sondern weil all die teuren Baustellen und Ausbaustrecken finanziert werden müssen. Inzwischen hört man da und dort in städtischen Großräumen eine öffentliche Stimme, die jammert, man möge bloß nicht noch mehr Pendler in den öffentlichen Nahverkehr locken; er sei an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Lieber sollen sie die Autobahnen verstopfen, natürlich nur mit möglichst abgasarmen Autos. Aber dann ist es wenigstens nicht mehr das Problem des Staates.

 

10)       Und jetzt kaufen wir endlich mal wieder etwas! Falls nichts mehr da ist im Geldbeutel, kein Problem: Kredite werden gerade auf der Straße verschenkt, an jeden praktisch, da sind wir ganz liberal. Und schließlich bekommen auch ganze Staaten inzwischen Schulden erlassen, Unternehmen gehen fröhlich bankrott und „Austeritätspolitik“ ist zu einem Schimpfwort geworden. Da wird man doch bei einem kleinen Konsumenten, der nur seinen staatsbürgerlichen Pflichten nachkommt, mal ein Auge zudrücken können! Schließlich muss er auch Steuern zahlen, für die Rente vorsorgen, sein Vermögen verwalten, Spenden und Stiftungen finanzieren, die Kultur und die Wissenschaft fördern, seine Eltern und Kinder unterstützen, seine Gesundheit bestmöglich erhalten und verantwortungsvoll mit dem Thema Mobilität umgehen!


Moment mal, sollte das eigentlich nicht alles der Staat bezahlen?  Wofür bezahlen wir noch einmal genau die vielen Steuern? Ach so, der Staat muss die Zinsen für seine vielen Kredite zurückzahlen. Na dann. 


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Nicht für Geld zu kaufen
(in no particular order)

 

1)      ein schöner Traum

2)      guter Appetit

3)      ein Sonnenstrahl nach wolkigen Tagen

4)      ein unerwartet gutes Buch

5)      eine unverhoffte Idee

6)      ein freundlicher Gruß eines Fremden

7)      ein Regenbogen

8)      eine ertappte Sternschnuppe

9)      eine sich öffnende Blüte

10)  Meeresrauschen

11)  ein Mondesblick

12)  eine anrührende Melodie zur rechten Zeit

13)  ein weiter Ausblick

14)  ein plötzlicher Fortschritt

15)  eine unerwartete Lösung

16)  der Wind im Rücken

17)  das Vertrauen eines Kindes

18)  das Lächeln einer Katze

19)  ein gelungenes Gespräch

20)  das Gefühl von Gesundheit

21)  ein guter Tod

22)  ein unerwartetes Wiedersehen

23)  ein befreiendes Lachen

24)  ein neues Talent

25)  eine ehrliche Antwort

26)  ein treffendes Wort

27)  eine sanfte Traurigkeit

28)  Vogelgezwitscher

29)  Anerkennung

30)  ein geteilter Scherz

31)  eine nützliche Entdeckung

32)  sanft fallender Schnee

33)  springende Delphine

34)  umfallende Erdhörnchen

35)  der Geruch von Pinien an einem warmen Sommertag

36)  ein Vogelschwarm in Formation

37)  eine gerechte Entscheidung

38)  gefragt zu werden

39)  eine vergessene Kindheitserinnerung

40)  gute Stimmung mit Freunden

41)  eine blaue Stunde

42)  Selbstvergessenheit

43)  ein schmerzfreies Erwachen

44)  akute Verliebtheit

45)  Lebensmut

46)  das Gefühl der Freiheit nach einer Trennung

47)  weiße Weihnachten

48)  einen guten Rat

49)  das Gefühl, im eigenen Bett zu schlafen

50)  eine kluge Entscheidung

51)  ein gutes Argument

52)  Zeit dann, wenn man sie braucht

53)  Stille

54)  eine beruhigende Routine

55)  eine fröhliche Familie am Samstagnachmittag ohne Einkaufstüten

56)  ein scheues Reh im Wald

57)  das Finden einer seltenen Muschel am Strand

58)  ein spiegelglatter Bergsee

59)  wogende Weizenfelder mit Mohntupfen

60)  Muster aus Kondensstreifen am Himmel

61)  ein vorbeitaumelnder Schmetterling

62)  freier Blick auf die Alpen bei Fön

63)  der Anblick spielender Hunde

64)  aufmerksame Kinder

65)  etwas Verlorenes wiederfinden

66)  gutes Timing

67)  einen Notizblock mit Bleistift zu Hand haben, wenn man einen braucht

68)  einen Fehler finden, den man lange gesucht hat

69)  frisch sprießendes Gras im Frühling

                                                                      

to be continued

  

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Literatur. Eine Innenansicht

(oder: 99 Thesen zum Anschlag an die Seminarpforte)


  1. Alle literarischen Texte sind mehr oder weniger autobiographisch (das erklärt sie aber nicht vollständig).
  2. Jeder Text hat mindestens einen Autor.
  3. Jeder Text hat mindestens einen Sinn.
  4. Jeder Text hat einen Zweck in sich selbst.
  5. Kein Text ist neu.
  6. Kein Text ist für alle Leser geeignet.
  7. Die Form ist nicht wichtiger als der Inhalt.
  8. Der Inhalt ist nicht wichtiger als die Form.
  9. Bei einem guten literarischen Text bedingen Form und Inhalt einander gegenseitig.
  10. Genie wird überschätzt.
  11. Handwerk wird überschätzt.
  12. Es gibt keine reine Fiktion.
  13. Es gibt keinen reinen Naturalismus.
  14. Jeder Autor will verstanden werden. 
    (aber nicht um jeden Preis)
  15. Autoren wollen geliebt werden.
  16. Jeder Autor hat einen beschränkten Satz an Ideen, die er häufig wiederholt.
  17. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl Ideen im Ideenvorrat der Menschheit.
  18. Um einen Text zu verstehen, muss man ihn zweimal lesen.
  19. Um einen Text zu verstehen, muss man ihn dreimal lesen.
  20. Um einen Text zu verstehen, muss man ihn in verschiedenen Altersstufen, Lebenslagen, Geisteszuständen lesen.
  21. Um einen Text möglichst vollständig im Sinne des Autors zu verstehen, hilft es, wenn man eine möglichst vollständig korrespondierende Lebenserfahrung hat.
  22. Literaturwissenschaft ist notwendig, geht aber leider oft schief.
  23. Das Studium der Literaturwissenschaft sollte nicht die Freude am Text zerstören (kann aber vorkommen).
  24. Literaturtheorie erklärt nicht Texte, sondern Texte erklären Literaturtheorie.
  25. Alle Literaturwissenschaftler wären lieber Autoren.
  26. Kein Autor wäre lieber Literaturwissenschaftler.
  27. Jeder Literaturwissenschaftler sollte wenigstens einmal im Leben versucht haben, einen literarischen Text selbst zu verfassen.
  28. Literaturkritik ist das Problem, für dessen Lösung sie sich hält.
  29. Alle Literaturkritiker wären lieber Autoren
  30. Kein Autor wäre lieber Literaturkritiker.
  31. Jeder Literaturkritiker sollte zumindest einmal im Leben versucht haben, einen literarischen Text selbst zu verfassen.
  32. Schwerverständlichkeit ist keine Tugend.
  33. Leichtverständlichkeit ist keine Tugend.
  34. Verständlichkeit ist eine Tugend.
  35. Es gibt gute und schlechte Interpretationen.
  36. Schlechte Interpretationen sagen mehr über den Autor der Interpretation als über den interpretierten Text aus.
  37. Schlechte Interpretationen entfernen sich von dem Text, statt sich ihm zu nähern.
  38. Gute Interpretationen sind begründbar.
  39. Gute Interpretationen erschließen neue Sinnebenen des Textes.
  40. Gute Interpretationen argumentieren nicht gegen den Autor.
  41. Die willkürliche Zerstörung von Textsinn ist keine Interpretationsleistung.
  42. Geschichtenerzählen ist ein biologischer Vorgang 
    (man kann nicht nicht erzählen).
  43. Identifikation beim Lesen ist ein biologischer Vorgang 
    (man kann nicht nicht Partei ergreifen).
  44. Geschichten schreiben sich selbst, man muss sie nur lassen.
  45. Gattungen sind Anschauungsformen, keine Schreibregeln.
  46. Unterhaltungsliteratur ist ein Segen für die Menschheit.
  47. Trivialliteratur ist ein Kampfbegriff der Hochliteratur.
  48. Satire darf nicht alles (nichts und niemand darf alles).
  49. Es ist nicht automatisch ein Vorzug von Gedichten, dunkel zu sein.
  50. Es ist nicht automatisch ein Vorzug von literarischen Texten, experimentell zu sein.
  51. Es ist nicht automatisch ein Vorzug von literarischen Texten, gegen gewohnte Wahrnehmungsmuster oder gesellschaftliche Konventionen zu verstoßen.
  52. Literaturpreise bekommen immer die Falschen.
  53. Man kann Texte nicht bewerten.
  54. Man kann Texte nicht vergleichen.
  55. Der Maßstab für jede Literaturkritik liegt im besprochenen Text selbst.
  56. Superlative in Literaturkritiken sollten verboten werden.
  57. Frauen schreiben anders als Männer 
    (mehr oder weniger).
  58. Ältere Autoren schreiben anders als jüngere Autoren 
    (mehr oder weniger).
  59. Autoren aus verschiedenen kulturellen Kontexten schreiben anders (mehr oder weniger).
  60. Autoren aus verschiedenen historischen Epochen schreiben anders (mehr oder weniger).
  61. Es gibt keine strenge Grenze zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten.
  62. Literatur kann Erkenntnis vermitteln.
  63. Literatur kann auf eine singuläre Art und Weise Erkenntnis vermitteln.
  64. Literatur kann aufklären.
  65. Literatur kann manipulieren. 
  66. Literatur kann nützlich sein.
  67. Literatur kann gefährlich sein.
  68. Literatur kann eine grundlegend falsche Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln.
  69. Literatur kann falsche Erwartungen ans Leben suggerieren.
  70. Literatur kann bei falschem Gebrauch süchtig machen.
  71. Literatur besteht aus reflektiert verwendeter und ästhetisch geformter Sprache.
  72. Man kann sich über Sätze freuen.
  73. Man sollte sich über jedes neue Wort freuen, dass man beim Lesen lernt.
  74. Schreiben kann therapeutisch sein.
  75. Schreiben kann Wunscherfüllung sein.
  76. Schreiben ist kein Ersatz für Leben.
  77. Schreiben ist anstrengend.
  78. Schreiben ist lernbar (aber nicht jeder kann Goethe werden).
  79. Um es zur Meisterschaft zu bringen, muss man üben, üben, üben.
  80. Um es zur Meisterschaft zu bringen, muss man korrigieren, korrigieren, korrigieren.
  81. Inspiration wird überschätzt.
  82. Gute Ideen werden unterschätzt.
  83. Die Einnahme von Rauschmitteln (in Maßen) kann zu guten Ideen führen.
  84. Sie hilft aber nicht beim Schreiben.
  85. Und schon gar nicht beim Korrigieren.
  86. Gute Ideen haben eine Inkubationszeit im Leben 
    (den Ausbruch nennt man Inspiration).
  87. Phantasie ist keine Ausrede für Disziplinlosigkeit.
  88. Lesen macht klüger.
  89. Lesen macht schöner (weil es entspannt).
  90. Lesen ist ein schöpferischer Vorgang.
  91. Lesen schult die Konzentrationsfähigkeit.
  92. Lesen schult im Umgang mit Komplexität.
  93. Lesen schult die Ausdrucksfähigkeit.
  94. Lesen ist durch nichts anderes zu ersetzen.
  95. Verstehen macht glücklich (kritisieren macht selbstgerecht).
  96. Humor macht jeden Text besser 
    (sogar Kafka hat über seine Geschichten gelacht).
  97. Lesen ist kein Ersatz für Leben.
  98. Es gibt Wichtigeres als Literatur.
  99. Das Ende ist meistens unbefriedigend.


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Die zehn Gebote des Kapitalismus

 

Ich bin der Herr, dein Geld. 

Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

 

Du sollst nicht Bescheidenheit predigen und den Konsum schmähen.

 

Du sollst den Feiertag nicht heiligen, sondern verkaufsoffene Sonntage fordern.

 

Du sollst den Aktienmarkt und die Großbanken ehren.

 

Du sollst nicht sparen.

 

Du sollst nicht spenden.

 

Du sollst so viel Schulden machen wie nur irgend möglich.

 

Du sollst das Finanzamt belügen.

 

Du sollst begehren deines Nachbarn Haus. 

 

Du sollst begehren deines Nachbarn Frau, Auto, Yacht, Reitpferd, Smartphone, Designerschuhe und was immer er sonst besitzt. 

 



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