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Gedichte, geschrieben 

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Die Zukunft ist eine alte Frau

I.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie trägt Kompressionsstrümpfe.
Der lange Lauf der Welt hat die Gelenke ruiniert.
Das Blut ist kalt und trocken.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Weiß strahlt ihr Haarkranz durch die Zeiten.
Immer mehr Haare fallen aus.
Dann wachsen schwache neue. Weiß von Anbeginn.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Die Augen liegen schwer in schwarzen Löchern.
Sie verschlingen Zeit.
Zu viele Ereignisse. Kein Ereignis.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie spricht nicht mehr. Sie hört nicht mehr.
Keine Wünsche. Keine Ängste. Keine Hoffnung mehr.
Die Hoffnung ist zuerst gestorben.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie isst in kleinen Bissen. Kaut sehr lang.
Am schlimmsten ist das Schlucken.
Die Welt ist schwer verdaulich.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie kennt kein Begehren mehr.
Sie vermisst es nicht.
Wenn man nur schlafen könnte!

Einschlafen, einmal, und dann für immer.
In Engelsarmen ruhen.
(im Notfall tut es auch ein Teufelchen)
Keine Träume mehr, die Rumpelkammer
all des Unerfüllten, Missverstandenen, Verdrängten.
Einschlafen und Durchschlafen.
Die Ewigkeit verpassen. Nicht dabei sein.
Nicht beladen mehr
mit all den falschen Hoffnungen.
Den dummen Wünschen.
Den eingepflanzten Illusionen.

Heilige Indifferenz!
Sehnsuchtsvolle Wunschlosigkeit!
Nichts ist mehr vergangen.
Die Zukunft dreht sich um.
Absolute
Gegenwart –

II.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie hatte viele Kinder, damals.
Die Wünsche sind schon ausgeflogen,
sie waren – unbeherrschbar. Unerziehbar.
Sie schwärmen durch die Welt
und zeugen Enkel, täglich, immer mehr,
doch niemals neue. Sie ist
wunschlos.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie hatte viele Kinder, täglich
kommen neue Hoffnungen gekrochen:
Unerschütterlich. Unwiderlegbar. Unerklärlich.
Die Religionen haben sie adoptiert, gefüttert, groß gemacht,
sie zeugen Heilige
und Terroristen.
Sie ist
hoffnungslos.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie hatte viele Kinder, stündlich
werden es mehr Ängste. Sie
verwandeln sich so schnell, dass sie
sie kaum noch kennt: neue Namen,
doch eigentlich: die alten Kleider, aufgetragen.
Sie hält sie dicht bei ihrem Herzen.
Zu häufig werden sie verkannt, verschrien,
verlästert.
Doch sie weiß: Es gibt
unendlich Gründe, die zu fürchten sind.
Sie selbst ist
fürchterlich.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie hatte viele Kinder, wenige nur
heißen: Bedenken.
Sie steigen in die Köpfe,
nicht ins Herz. Sie machen
Gedanken, schwere, düstere, bedächtige,
die niemand denken mag. Sie
denkt sie mit.

Die Zukunft ist eine alte Frau.
Sie hatte viele Kinder, doch die liebsten
waren ihr die Sorgen-Kinder.
Sorge ist ein schöner Name,
auf den sie stolz ist. Sorgen, das sind:
Mühen, Läste, Nöte, all das,
was unvermeidbar ist im Leben:
Schmerz, Krankheit.
(nicht der Tod. Der Tod ist
keine Sorge. Er ist ein guter Freund, verlässlich
seit jeher. Der Einzige. Für immer. Über den Zeiten)
Aber auch: die Für-Sorge, die helle Schwester,
die die Mühe sieht. Sie mitträgt. Die die
Nöte lindert, die die Lasten teilt,
Sorge: die sich kümmert.
Bekümmert, unbekümmert.
Sorge: ein Kind, das Einzige, das gelegentlich
erwachsen wird
(Ent-Sorgung ist ein Mythos).

Und unbesorgt
schließt eine alte Frau
die Augen. 


Der Gott der Krankheit

Er wohnt im Jammertal. Ganz hinten.
Bleich sehen Augen tief
aus dunklen Höhlen. Der Blick
geht geradewegs ins Nirgendwo.
Der Mund gepresst zu einer harten Linie.
Er schläft niemals. Ihn umgeben
die Schmerzen, graue Schatten, vielgestaltig.
Schmerzen sind gerecht.
Jedem geben sie das Seine.
Unpersönlich. Wandelbar. Gefühllos.

Die hellen Götter auf ihrem hohen Berg
sehen ihn nicht. Sie trinken, lachen, lieben
und bringen Tod, Verderben, Strafe,
wie es ihnen einfällt. In einem Nebensatz.
Einem Atemzug. Nach Willkür.
Die Grausamkeit Gesunder, Starker,
vom Gipfel ausgeteilt.
Gedankenlos. Fröhlich. Unbeschwert.

Der Gott der Krankheit fordert keine Opfer.
Die zu ihm kommen, haben nichts zu geben.
Die Reichsten nicht, die Ärmsten nicht.
Die Starken sind nicht länger stark,
die Schönsten sind nicht länger schön
(nur manchmal überfällt sie alle
die Anmut des Durchscheinens),
die Klugen sind nicht länger klug
(Anfälle nur von Weisheit, Klarheit
gezeugt aus Schrecken und Verzweiflung).
Reduziert. Verkehrt. Umgewendet.

Auf dem Olymp kennt man die Krankheit nicht.
Nicht das Alter, nicht einmal die Schrecken
schmerzhafter Geburt. Hephaistos
hämmert Zeus den Schädel auf, daraus
entspringt Athene. Hephaistos selbst
war eine Missgeburt. Juno schleuderte ihn,
den Selbsterzeugten, Hässlichen, Schwachen
hinab ins handwerkliche Sein.
(Parthenogese erschafft Monster?)
Seitdem lachen die Götter über ihn, den Hinkefuss,
ihr nimmerendenwollendes Göttergelächter.
Homerisch. Himmlisch. Hochmütig.

Der Gott der Krankheit schweigt.
Kein Erbarmen, nirgends.
Nicht des Mitleids
wohlmeinende Herablassung.
Kein leeres Hilfs-Versprechen
(Nichts wird gut. Nie mehr)
Kein falscher Trost, nirgends
die größte Täuscherin von allen: Hoffnung!
(Linderung, gelegentlich, ist alles, was man ersehnen kann).
Der Gott der Krankheit schweigt.
Die Schmerzen ziehen durch das Tal.
Tage und Nächte wechseln ohne Unterschied.
Gleichgültig. Unverwunden. Ehrlich

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 Ode an das Lesebändchen 

Oh kleine Freude, bunter Streifen,
seiden und schmal und bunt
in einer grauen Bleiwüste!
Was haben Bücherwürmer schon geschrieben
über den Reiz frischen Papiers.
Sein Weißes (oft jedoch nur billig schmutzig-graues),
seinen Duft (er verlor sich längst, ward überlagert
von abgestandnem Kaffee, Hautschuppen
gewohnheitsmäßig gerunzelter Gestirne).
Wer weiß denn noch,
wie Druckerschwärze roch? Allenfalls
erinnert man die Tinte aus der Schulzeit:
Schmutzige Finger. Kleckse. 
(Der erste Füller war geliebt genauso wie gehasst.)

Du jedoch: farbiger Lichtblick!
Lang und schlank teilst du die Seiten
in Vor- und Nachher. Ab-Schnitte,
nur sanft getrennt. Mit einer Schere
hat man einmal die Bücher aufgeschnitten.
Einschneidend sind bis heute
oft die Seiten, an den Fingern
hinterlassen sie die rote Spur
(selten jedoch nur noch im Kopf).

Lesebändchen aber: Du gibst Kontrast, ja:
contra, allen Buchstaben!
Buch-Staben: Zeichen, Charaktere, mit
Serifen-Füsschen oder ohne.
Mal bauchig, mal gelenkig, mal geschrägt.
Typen sind Charaktere. Man mag sie oder nicht.
Optischer Zoo, gegliedert in Familien,
mit Namen. Arten. Manche streiten, manche
lehnen sich einander an.
Doch alle nur druckschwarz vor weißem Grund
(als ob die Welt im Buch schwarz-weiß sei!
Als ob das Denken keine Farben kenne!).

Dazwischen aber, Bändchen, frischest du
die Wüste auf. Läufst durch, wechselst die Seiten.
Ach, früher, vor der Druckerpresse
(die Klugen wussten gleich: das ist Teufelswerk!),
waren die Ränder bunt. Figuren, Ranken, Tiere, Fabelwesen
schnörkelten sich den Text entlang,
umwuchsen und umwucherten.
Oh, Phantasie des kleinen Bildes!
Oh, Reste von Natur im Buch!
(heut jedoch: Wir müssen draußenbleiben!)
Initiale: vereinnahmt und vergrößert,
das Einfallstor: Initium. Tretet nur ein!
Am Anfang war das Bild. Nicht der Buch-Stabe.
Lettern, littera, alpha-bet: Von A bis Z gereiht, sortiert,
doch auch: in Buchenrinde eingeritzt,
als Talisman und als Orakel.
Bis heute kann man Zeichen sehen
in glatter grauer Buchenrinde: Grimassen, Randzeichnungen
der Natur, Buchstabengeister, gefangen,
doch entronnen aus der Bibliothek.

Wären nicht Lesebändchen denkbar
aus dickem Samt, aus Gobelin gewoben,
mit Büchergeistern bunt bestickt?
Am besten regenbogenfarben, alle Farben
zusammen erst ergeben Weiß.
(Schwarz ist keine Farbe)
Dazwischen Reste, Ränder, Fundstücke
vorheriger Lektüre, eingepresst für alle Ewigkeit:
Postkarten, Leihzettel, Einkaufszettel.
Der Text bricht aus aus seinen Rändern,
Ameisen krabbeln über Buchenstämme
(Gruß aus Karlsbad, Dein Onkel Fritz!
Milch, Maggiwürfel, Zucker!
Rückgabefrist: vor tausend Jahren)
Das Lesebändchen zuckt. Seine Fransen
streicheln die Seiten und die Hände.
Dann verschwindet es wieder, versteckt sich,
ein kleiner Zipfel nur noch sichtbar.
Es schneidet niemals ein. In Seiten nicht und Finger.
Man kann es um den Finger wickeln, heilend, stillend
nach scharfen Seitenschnitten.
Soll ein Buch nicht schmerzen?
(Kafka: ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns!)
Wohl, wohl. Aber: Es soll auch heilen.
Es soll, so wussten schon die Alten:
belehren und erfreuen. Eines durch das Andere.
Belebtes Grau. Farbdurchwirktes Weiß.

Ach, unsere Bücher heute wollen keines mehr von beiden.
Kritik ist trostlos. Sie handelt in Schwarz-Weiß,
suhlt sich im Grau-in-Grau. Kleine Freuden
sind nur ein Trostpflaster für Eskapisten.
Sind nicht verträglich mit
großer Moral und großen Worten.
Gebt mehr Lesebändchen! In allen Farben, allen Formen,
weich, mit Fransen oder nicht, und wenn es sein muss:
sogar Schwarz-Weiß vor bunten Buchstaben.
Lesen ist nicht nur Kon-Text!

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Ding-Gedichte

Vor-Garten

Man kannte keinen Namen.
Wollte ihn nicht wissen.
Man wusste nur:
Dies ist ein Gelb, so strahlend wie die Sonne
selbst. Und seine Strahlen
konnte man zählen: einzeln,
und nicht wissen wollen
wie viele genau. Und Weiche ohnegleichen,
in schlanken Gliedern, viele
(ungezählt) im Kreis geordnet, der
die Sonne war: mit Sonnenflecken,
Sommersprossen, leuchtend ganz von innen,
vor einem Grün, das weder tief war
noch bedeutete: nur Hintergrund allein
für dieses Gelb, und rauer Stengel
seinem runden Strahlen.   

Hinter dem Haus aber
begann der große Garten:
Gemüse (mit Namen). Früchte,
die man nicht essen durfte,
nur heimlich, lange
vor der Reife,
im Übergang von hellem Grün zu hellem Rot,
mit Arbeit jeden Tag aufs Neue.   

Vor-Garten aber: kleines Reich
jenseits des Wissens und des Wollens
aller Großen,
gut versteckt im Offenen,
geordnet in sehr kleinen Kreisen und Quadraten,
umhegt von weißen Latten hin zur grauen Straße,
die hinaus führte (wohin? Ins später).  
Nie wieder wird der Flieder riechen
wie damals: als man ihn nicht kannte.  

                                     

Das Küchenfenster

Der Rahmen war aus weißem Holz.
Ein einfaches Geviert, mit Flügeln.
Man klopfte, es ward aufgetan,
und Düfte senkten sich herab 

am Ende einer langen Woche.
Endlich Backtag! Kuchenstücke,
ein einfaches Viereck, mit Streuseln,
frei verteilt, Essenz des Kuchens: Butter. Zucker. 

Und jeder durfte klopfen, der
hinanreichte gerade an das Fenster!
Von unten stiegen kleinen Hände auf,
von oben kam Kuchen herab: weiche Gabe. 

Keine Rezepte! Im Kuchenstück vereinten sich
Ur-Elemente: Mehl, Zucker, Hefe, Milch,
vielleicht gelegentlich ein Ei,
die Äpfel aufgelesen, nach dem Fall natürlich, 

doch alles ungewogen, ungemessen.
gerührt von Händen, frei geformt.
Und backte ohne Uhr. Wusste
die Zeit allein. War fertig und bereit. 

Die Hand jedoch, die gab, war hart.
Sie hatte schon gegeben, als
man selbst kaum noch ein Streusel war.
Und sie ein Leid, erzogen von zwei langen Kriegen. 

Demut? Wir dankten kaum, wir liefen
schnell wieder fort, mit Kuchen samt
den Streuseln. Schmausten im Garten,
dort, wo er besonders dicht war:  

Unter dem alten Apfelbaum.
Verstreute Streusel für die Ameisen.
Mit kleinen Mündern, warm vom Kuchen,
und hefeschnuppernd, zuckertrunken. 

War das Kindheit? Vorkosten
von Süße, ein Versteck, man wusste nicht
wovor, die blinde Hingabe an einen Duft,
ohne zu ahnen, dass er bleiben würde? 

Am Ende war sie blind. Schwer zu rühren
war sie schon lange Zeit zuvor.
Das Leben hatte kein Rezept für sie, und sicher
keine Streuseln, niemals. 

Aber mit einem Fenster,
das sie rahmte: weiß, wie das weiße Haar,
und Ur-Geruch nach Butter und nach Himmel
war sie versöhnt. Verschmolzen. 

(Im Himmel wird es Streusel geben, jeden Tag!). 


Koala

Er sitzt ganz ruhig. Die Daumen
abgespreizt, nicht zugreifend. Die Nase
ist ein großer schwarzer Knopf. Die Augen
kleine schwarze Knöpfe. Blankpoliert. 

Er sitzt, als säße er zwischen den Ästen
seit aller Ewigkeit. Nach innen schauend, lauschend
an allem Lärm vorbei. Sein graues Fell
verschluckt den Schall. 

Er sitzt, gehalten ohne Halt, als hätte er
die Welt gesehen von Anfang von. Aufrecht
aus freier Haltung. Damals, die Schlange,
sie umging ihn lange. Dann gab sie auf. 

Er sitzt. Kein Ausdruck trübt
das blanke Schauen schwarzer Knöpfe. Gefühle
prallen an ihm ab. Kein Knopfloch in der Welt
kann diese Augen schließen. 

Er sitzt. Er hat die Welt verdaut,
jetzt reichen ihm einzelne Blätter.
Koala: der nicht trinkt.
Ihn dürstet nicht mehr. 

(Zuhause liegt er, plüschig, weich
auf einem Bett. Ein großer Knopf die Nase,
zwei kleine sind die Augen.
Er kann nicht sitzen. 

Zu kurze Beine, hilflos abgespreizt,
ins Leere, Ärmchen, die nicht greifen können,
ausgestreckt ins Leere: Halt mich!
Ach, wer ihn halten könnte! 

Doch zappelnd geht die Welt an ihm vorbei) 

 

Ameisenbär 

Auf einmal war er da. Im Sprung:
Ein langer Schatten auf dem Fell,
ein schwarzer Riss mitten hindurch:
ein Dreieck, auslaufend 

in einen Schwanz, der buschig ist und schwer,
und einen Kopf. Schmal, hingedrängt
zu einer Spitze, noch verlängerbar
in einer Zunge, die hervorschnellt: 

sucht er? Nein, er springt, er hüpft,
ein Dreieck auf vier Füßen, lang-
gestreckt, die Ohren winzig, Augen
kaum zu sehen. Und doch

sein mutwilliges Springen im Gelände,
vorbei an kleinen Büschen, jetzt versteckt
in einer Kuhle, jetzt auftauchend wieder,
kreisend, hüpfend, ohne Sinn und Zweck 

dem Rhythmus folgend der vier Pfoten nur,
ein Dreieckstanz in einem
ungleichmäßigen Walzertakt,
punktiert gelegentlich:

Synkopen.
Aussetzer
Mitten im Lebensstrom. 

Um dann erneut
Ins Kreisen auszubrechen,
springende Dreieckspfeile,
grau-schwarz-weiß,
nur wenig Kopf.
(Das Gleichgewicht kommt aus dem Schwanz). 

Uralte Einzelgänger,
seit Millionen Jahren
im Gelände unterwegs.
Das Dreieck: Evolutionäre
Tarnvorrichtung. Es läuft
Aufs Junge zu, den Huckepack,
mit dessen kleinem Pfeil
der große erst vollständig wird.
Verlängert. Ausgezogen
In die Zukunft:
Pfeiles Spitze.

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