Minutiae
Bilder * Texte * Gedanken

 Frauensachen - Essays

  • Denken Frauen anders?
  • Jungfrauengeburten
  • The Thing about Penny, oder: Goethe und Big Bang Theory, wahlverwandt
  • Notre-Dame oder: Wunden am Herz der Geschichte
  • Die Schule von Athen und die verborgene Welt der Athene

Denken Frauen anders?

Denken Frauen anders? Wenn man es doch nur wüsste! Denn historisch, das steht fest, haben Männer zumindest mehr, wenn nicht: beinahe ausschließlich gedacht, falls man darunter ein öffentliches oder veröffentlichtes Denken versteht. Männer haben Bibliotheken voller philosophischer Grundlagenwerke gefüllt, haben Systeme errichtet, turmhoch für die Ewigkeit, haben die großen Fragen gewälzt, immer wieder die gleichen Begriffsberge hinauf, haben die großen Ideen gepredigt, wenn auch selten mit ebenso großen Folgen. Frauen existieren in der Philosophiegeschichte ebenso wenig als Subjekte des Denkens wie als Objekte: Der Mensch ist, seit Anfang aller Philosophie, ein Mann, wie der monotheistische Gott, sein Ebenbild; und wenn Frauen darüber anders gedacht haben, haben sie es nicht aufgeschrieben.

Sie hatten, das muss man zugeben, auch kaum Chancen das zu tun, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Der erste ist zum Gähnen langweilig und zum Abwinken trivial; trotzdem muss es gesagt werden, weil es wahr ist und die Wurzel aller intellektuellen Benachteiligung und Unterdrückung schlechthin: Lesen und Schreiben waren bis vor sehr kurzer Zeit sehr rare Bildungsgüter für Frauen und sind es in Teilen der Welt bis heute. Ohne Lesen und Schreiben jedoch kann Frau denken, wie und was sie will – es wird keinerlei bleibende Spuren hinterlassen, und wir werden niemals wissen, ob Xanthippe vielleicht eine noch ausgeklügeltere geistige Hebammenkunst entwickelt hatte als ihr hakennasiger Gatte, oder ob Descartes‘ Lebenspartnerin dem „cogito ergo sum“ ein energisches „ich gebäre, also bin ich“ entgegen geschleudert hat.

Dazu kommt: Philosophisches Denken ist, wie jeder Leistungssport, anstrengend und will trainiert sein – am besten von früh an, unter fachkundiger Anleitung, mit erprobten Trainingsmethoden, in einer anregenden Umgebung und, wenn es eben geht, mit Aussicht auf eine würdige Belohnung für all die Strapazen. Philosophische Naturtalente sind zwar sicherlich, ebenso wie mathematische Genies, musikalische Wunderkinder oder sportliche Naturbegabungen, vorstellbar – einfach, weil das menschliche Gehirn aufgrund des segensreichen Würfelspiels der Evolution offensichtlich zu jeder noch so bizarren Form von Hochleistung rein zufällig in der Lage sein kann. Sie sind nur etwas schwerer zu finden, da wohl die Weisheiten eines frühkindlichen Hegel eher unter die Kategorie „altkluges Balg“ verbucht worden wären („ist er nicht niedlich? Heute hat er schon wieder vom Weltgeist gebabbelt, ich weiß wirklich nicht, woher er das hat!“). Kleine Mädchen nun gar, die ihre Puppen zum philosophischen Symposion gruppiert hätten anstelle an ihnen neue Frisuren auszuprobieren, wären sicherlich ernsthaft von ihren besorgten Müttern zurechtgewiesen worden („niemand wird die Prinzessin wachküssen, weil sie so klug aussieht!").

Insofern wird der traditionelle Königsweg zum philosophischen Denken mangels Anerkennung als mentaler und geschlechterübergreifender Leistungssport samt entsprechender Förderkultur wohl weiterhin die ganz alltägliche Praxis sein: Üben, üben, üben – an verschiedenen Objekten, mit verschiedenen Sparrings-Partnern, in verschiedenen Techniken, vom allseits beliebten Syllogismus als Anfängerübung, über die Regeln der formalen Logik und den konsistenten Aufbau von Argumentationen bis hin zur Architektur von umfassenden Beweisführungen – oder gar, Krönung des philosophischen Denkens im akademischen Sinne, von Systemen. Das ist nicht nur entbehrungsreich – wer denkt, darf nicht spielen, essen, lieben, faulenzen, plappern, ganz zu schweigen von den vielfältigen medialen Unterhaltungs- und Ablenkungstechniken des digitalen Jahrtausends, die dem Denken sicherlich langfristig den Garaus machen werden, falls es nicht endlich Playstation-kompatibel wird. Es ist auch anstrengend, und jeder, der sich nach einer gedanklichen Verausgabung heißhungrig auf das nächste Stückchen Schokolade stützt, weiß ein Lied vom Energieverbrauch des Gehirns zu singen. Vielleicht wäre die beste Strategie zur Verweiblichung der Philosophie deshalb ein Diätprogramm nach dem Motto „Denken macht schlank!“ – jedenfalls, wenn man es irgendwie schafft, den Heißhungeranfall danach unter Kontrolle zu bekommen und gedankliche Jo-Jo-Effekte zu vermeiden!

Während bei Männern aber solche Denkübungen zumindest als Sekundärtugend für den späteren wirtschaftlichen Erfolg akzeptiert und deshalb als Ausbildungsgegenstand praktiziert wurden, auch wenn es gefährlich ist und eigentlich mit einem seitenlangen Nebenwirkungskatalog versehen werden sollte („fragen Sie Ihren Priester oder Arbeitgeber!“), ist die Gefahr für Frauen offensichtlich viel größer. Kluge Frauen werden nicht nur bis heute, wie alle einschlägigen Umfragen zeigen, nicht geheiratet (und wahrscheinlich auch eher selten geliebt) und reproduzieren deshalb auch keine gleichermaßen klug veranlagten weiblichen Nachkommen; sie werden auch nicht geschätzt, sondern als „Blaustrumpf“ bespöttelt und als unweiblich diffamiert. Besonders kluge Frauen stellen sich deshalb gern besonders dumm – was ihre Attraktivität zwar erhöhen mag, zumal wenn sie blond sind, aber nicht hilfreich bei der Suche nach der weiblichen Philosophie ist. Mangelnde Gleichverteilung der Bildungschancen wird somit ergänzt durch mangelnde Einübung der Bildungspraxis: Es denkt sich halt einfach nicht allein und von selbst, und die Belohnungen für einen auch nur zufällig gefassten und geäußerten eigenen Gedanken stellen sich auch nicht automatisch ein: Wer denkt, erntet Widerspruch, je eigener desto mehr, ist man als Faustregel zu sagen versucht. Widerspruchsgeist jedoch gilt, auch das ist zu bedenken, nicht direkt als Schlüsselqualifikation zum erfolgreichen Frausein.

Aber ist das nicht alles überholt und aus der gender-Mottenkiste hervorgekramt, versehen mit reichlich historischem Feinstaub und den Abnutzungserscheinungen allzu häufig gebrauchter Argumente? Frauen sind heutzutage emanzipiert, überholen die Männer mit inzwischen als erschreckend empfundener Geschwindigkeit in allen Bildungsstufen und -abschlüssen; kein kleines Mädchen muss mehr leiden, weil es lieber Philosophen-Quartett als Puppenküche spielt, und seine Gedanken (oder das, was sie/er dafür hält) darf sowieso jeder öffentlich kundtun, je weniger Substanz, desto lauter (auch wenn „Deutschland sucht den Superdenker“ kaum jemals quotenfähig werden wird). Trotzdem hat frau nicht das Gefühl, dass die Philosophie weiblicher wird, ja noch nicht einmal, dass das Denken weiblicher wird. Frauen, die Erfolg haben wollen in der Philosophie, setzen wie in der Wirtschaft nämlich besser darauf, sich zumindest männlich zu präsentieren, in Kleidung und Habitus ebenso wie in Sozialverhalten und Denkstil. Haben Frauen als Frauen also nichts zu denken bzw. zu sagen? Oder warum tun sie es jetzt nicht endlich?

Hier ist nun der Platz für ein Zugeständnis an den Mann: Männer sind (und alle Political-Correctness-Junkies mögen weghören, da es nun zur Sache geht und nicht um wohlfeiles Abnicken von gedankenpolizeilich genehmigten Floskeln), bei all ihren Fehlern, häufig hartnäckiger, ausdauernder, zielbewusster – eben auch im Denken, wo es genau darauf leider ab und zu ankommt: einen Gedanken nicht nur zu fassen – das gelingt beinahe jedem oder jeder irgendwann –, sondern ihn am Schopf zu packen, festzuhalten, ihn zu verfolgen, ihn gegen innere Widerstände („bin müde! Habe keine Lust mehr! Muss noch einkaufen!“) durchzuboxen, ihn, und das ist jetzt durchaus so ambivalent gemeint wie es klingt, zu unterwerfen, ihn einzubinden in einen größeren Zusammenhang und ihn bei all dem mit der unverwechselbaren geistigen Duftmarke seines Bezwingers zu versehen. Das tut dem Gedanken vielleicht nicht immer gut, der in diesem kämpferischen Prozess zu einer Härte und Festigkeit geschmiedet wird, die ihn (sagen wir es weiblich-vorsichtig) nicht immer kompatibel zu einer flexiblen, weichen, eher chaotischen denn zweiwertig-logischen strukturierten Lebenswirklichkeit macht. Aber es formt ihn zu etwas, mit dem fortan nicht nur zu denken, sondern zu argumentieren und kämpfen ist. (Männliches) Denken ist Machtausübung in einer sehr konzentrierten Form; und es belohnt sich im Übrigen nicht nur mit dem Gefühl geistiger Überlegenheit, sondern auch mit handgreiflichen Tatsachen in Form von Traktaten, Büchern, wissenschaftlichen Preisen vielleicht gar, und langfristig, für ein paar wenige: Unsterblichkeit.

Für seine Ideen zu kämpfen, galt deshalb seit alters her als Merkmal des wahren Helden des Geistes (auch wenn Philosophen nur sehr selten den sokratischen Beweis antreten mussten, für ihre Ideen auch, lächelnden Angesichtes, sterben zu können); und das, wie gesagt, nicht ganz zu Unrecht. Heldinnen des Geistes jedoch – wären sie wirklich als solche anerkannt worden? Selbst wenn sie es geschafft hätten, ihr Talent zum Denken zu entdecken, es zu trainieren, gefördert zu werden, angeregt zu werden, durch Gespräche, durch Lektüre, durch intellektuelle Herausforderungen, jawohl: auch durch Männer! – es wäre trotzdem ein schwerer und entbehrungsreicher Weg geworden. In Zeiten vor Erfindung einer halbwegs zuverlässig funktionierenden Geburtenkontrolle wären sie philosophisch sozusagen ungefähr gleichzeitig geschlechtsreif geworden wie biologisch; statt eines Traktats hätten sie ein Baby geboren, und dann noch eines, und dann noch eines, und wenn sie nicht bei einer der Geburten oder kurz danach am Kindbettfieber gestorben wären, wäre dies über eine relativ lange Spanne ihrer Lebenszeit hin so weiter gegangen. Und Geburten sowie ihre Folgen haben leider – oder Gottseidank? – die Eigenschaft, die geistigen Energien der an ihnen Beteiligten vollständig zu absorbieren; wer angesichts eines schreienden Babys oder eines die ersten Worte stammelnden Kleinkindes noch über die Windungen des Weltgeistes nachdenken kann, der mag zwar ein wahrer Philosoph sein, aber ist leider auch ein ziemlich herzloser.

Natürlich hätten unsere potentiellen Philosophinnen sich auch den Mühen des institutionalisierten Geschlechtsverkehrs und der biologischen Zwangsreproduktion entziehen können und, eben heldinnenhaft, ein Leben des Geistes wählen – allerdings ohne Aussicht auf finanzielle Versorgung und mit einer herben Einbuße an menschlicher Lebens- und Liebeserfahrung sowie allen daraus resultierenden, an der männlichen Geschichte der Philosophie so deutlich ablesbaren Einschränkungen. Und im Gegensatz zu ihren männlichen Heldenkollegen wären sie nicht dafür gefeiert, sondern als alte Jungfern und Blaustrümpfe verspottet worden. Das ist ein hoher Preis, und er wird bis heute von einigen wenigen bezahlt. Sollte es aber nicht möglich sein, in unseren achso emanzipierten modernen Zeiten, denken zu dürfen ohne das Leben dafür zu vernachlässigen? Wäre das nicht der wahre Beitrag der Frauen zur Philosophie (und selbstverständlich auch derjenigen Männer, die sich dazu berufen und qualifiziert fühlen): zu zeigen, wie das Denken im Leben wurzelt? Nicht irgendwie allgemein oder ontologisch überhöht (das Sein des Seienden), sondern zwischen Windeln, Kartoffelbrei und dem freiwillig gewählten, da man für professionelles Denken nämlich leider Zeit braucht, wie für jede anstrengende Arbeit, Halbtagsjob?

Ein solches Denken existiert im Übrigen tatsächlich; es nennt sich verschämt „Lebens“- oder Popular“-Philosophie und ist das notorisch schwarze Schaf in der weißgespülten akademischen Philosophenherde. Es bekommt deshalb keine Lehrstühle, sondern nur abseitige Nischen im allgemeinen Publikationsbetrieb; es wird nicht zu Philosophentagen und Kongressen eingeladen, sondern allerhöchstens – wenn es denn genügend skandalträchtig ist, eine fotogene Lockenpracht trägt und wenigstens ab und zu einen halbwegs verständlichen Satz produzieren kann – zu Talk-Shows. Es bekommt auch keine historisch-kritische Werkausgabe, wird aber vielleicht gelesen, von beinahe normalen Menschen – solchen nämlich, die sich für Philosophie als Lebenskunst interessieren und nicht für Philosophie als Rentenversicherungspolice. Es ist deshalb wenig attraktiv für den Mann als akademischer Leitwolf – und eine Chance für die Philosophin des Alltags, für die Denkerin zwischen Windeln, Kartoffelbrei und Halbtagsjob.

Denn diese Philosophin des Alltags weiß, im Gegensatz zum über den Dingen stehenden Systemphilosophen und dem ins akademische Zwangsrad eingespannten Dienstphilosophen, dass es im Leben und dem ganzen Rest nur sehr wenige Dinge gibt, die sich einer zweiwertigen Schwarz-Weiß-Logik, einer durchgängig kausalen Argumentationskette oder einem streng definierten Begriffskorsett unterwerfen lassen, und das ohne erhebliche Kollateralschäden an Realitätsnähe und Bezug zur Lebenserfahrung. Sie geht jeden Tag um mit Dingen, die nicht eindeutig sind, die sich verändern, deren Bewertung schwankt wie ihre Erscheinung; sie hat Erfahrungen mit der begrenzten Wirkung von Vernunft-Argumenten auf Lebendiges; sie ist vorsichtig geworden mit Verallgemeinerungen und Generalurteilen. Sie hat es auch, und zwar gar nicht zuletzt, häufig mit Körperlichem zu tun und weiß deshalb, dass man Körper und Geist nur sehr gewaltsam und künstlich voneinander trennen kann. Sie geht nicht mit Gedanken schwanger, sondern mit Embryonen, sie gebiert keine Theorien, sondern lebendige Menschen, sie versorgt nicht einen unersättlichen akademischen Betrieb mit Publikationen, sondern eine Familie mit Essen, Zuwendung und einem Zuhause. Wobei der Punkt nicht ist, dass das nur Frauen können oder gar sollten (von Geburten einmal abgesehen); der Punkt ist, dass sie es historisch getan haben und immer noch mehrheitlich tun, und dass es eine spezifische Lebenserfahrung prägt, die anders ist als die dominant berufliche oder politische oder ökonomische – die aber gerade dort, wo es um Menschlichkeit geht (und worum soll es eigentlich in der Philosophie gehen, wenn nicht darum?), auf keinen Fall abzuwerten oder zu vernachlässigen ist, sondern vielmehr einzubeziehen und zu bedenken.

Unsere weibliche Philosophin des Alltags formuliert deshalb nur sehr vorsichtige Einsichten, mit begrenzter Geltungsbreite und einem historischen Mindesthaltbarkeitsdatum. Und sie tut das in einer Form, die eher den zurückgelegten Denkweg als dessen Ergebnis spiegelt. Denn erzieht man so nicht auch Kinder? Nicht, indem man ihnen Weisheiten von oben herab verkündet, sondern indem man sie mitnimmt auf dem Weg der Erkenntnis, sich an ihrer Auffassungsgabe orientiert und versucht, ihnen die Sache schmackhaft zu machen, wenn es sein muss: in kleinen Portionen und mit handgeschnitzten Gurkengesichtern? Und hält man so nicht seinen Haushalt in Ordnung? Nicht, indem man perfektionistisch poliert von morgens bis in die Nacht und jedem Stäubchen den Krieg erklärt, aber auch nicht, indem man Faulheit und Verwahrlosung als kreatives Chaos verkauft, sondern indem man Routinen entwickelt und erprobt; indem man versucht, neben dem Nützlichen und Notwendigen das Unnütze und Schöne nicht zu vergessen; und indem man sich schließlich moralisch zusammenreißt, wenn es nun einmal sein muss, dass jemand den Müll wegbringt, auch wenn man dafür wieder einmal keinen Orden bekommt.

Geht man so schließlich nicht sogar mit Männern um, diesen seltsamen Wesen, die jeden Tag kämpfen und gewinnen wollen, aber so viel Bestätigung dafür brauchen; die die größten Heldentaten vollbracht haben und die furchtbarsten Verbrechen begangen; die so wenig Halt haben im Leben, dass sie verzweifelt versuchen müssen im Geist Wurzeln zu schlagen; und die schließlich, seit jeher, Frauen genauso in den Himmel gehoben und idealisiert wie unterdrückt und marginalisiert haben? Männer – man versucht sie zu verstehen als Frau, man versucht einigen von ihnen zu gefallen; man geht ihnen auf die Nerven oder aus dem Weg, aber niemals wird es ganz gelingen. Man bekommt Männer ebenso wenig in den Griff wie Gedanken und Ideen; und wenn man es täte, wäre es wie Systemphilosophie: ein Herrschaftssystem, rigide und abgehoben, manipulativ und arrogant, unter Ausschluss all dessen, was den einzelnen Mann/die einzelne Frau/den einzelnen Gedanken lebendig und produktiv macht. Denn darum geht es doch am Ende, unabhängig von gender-Stereotypen und real existierenden Unterschieden: dass man sich im Denken befruchtet – wofür zwei verschiedene Geschlechter, wie auch immer man sie nennt und wer auch immer sich zu welchem für zugehörig erklärt, vielleicht nicht der schlechteste Weg sein könnten: gerade wegen ihrer Unterschiedlichkeit.

Home

 

Jungfrauengeburten

Die Sache mit der Jungfrauengeburt habe ich nie so recht verstanden. Warum ist es Religionen so wichtig, dass ihre Gründerfiguren keinen menschlichen Vater hatten, sondern nur eine sterbliche Mutter, die von einem Gott – wie immer man sich das auch vorstellen mochte –geschwängert wurde? Das mühsame Geschäft der Geburt wurde ihr dadurch auch nicht erspart, und für immer steht der Adoptivvater daneben und guckt – naja, wie man halt guckt, wenn man immer danebensteht, aber hinterher den Unterhalt bezahlen muss (metaphorisch gesprochen). Na gut, kein Sex, und das mag seine Vorzüge haben. Aber angesichts der durch Jahrtausende gefestigten Dominanz des männlichen Geschlechtes hätte Gott doch auch gleich einen Mann befruchten können, oder?

Aber das sind Gedankenspielereien, und man sollte nicht zu leichtherzig spielen mit religiösen Überzeugungen. Worauf ich eigentlich hinauswill, ist auch etwas anderes nämlich: Minerva (oder, griechisch: Athene, aber Minerva klingt schöner, finde ich), Minerva also wurde auf ähnlich undefinierte Weise gezeugt bei einem der üblichen Seitensprünge von Zeus, ja sogar: dem allerersten, angeblich. Die Mutter war aber auch eine Göttin, nämlich Metis; und Metis war, das ist wenig bekannt, aber gut zu wissen, die Göttin des Scharfsinns, des klugen Rates und des besseren Wissens, eine Tochter des Meeresgottes Okeanos und wandelbar wie das unendliche Meer. Als Zeus, der Unermüdliche, sie also geschwängert hatte, mit Zwillingen gleich, prophezeite ihm das Orakel, der noch zu gebärende Sohn würde ihn stürzen, die Tochter jedoch sei ihm gleichrangig. Worauf Zeus zu einem etwas drastischen Mittel der Geburtshilfe griff: Er ließ sich von seinem Götterkollegen Hephaistos seinen dicken Donnererschädel mit einem Hammer aufschlagen, und flugs entsprang daraus Minerva: in voller Rüstung, heißt es in den alten Geschichten, und nicht etwa vom Geburtsschleim bedeckt, sondern mit einem spitzen Speer in der Hand und vom ersten Moment an: ihm, dem Herrscher der Götter, gleichrangig (der Sohn hingegen erblickte niemals das Licht der Welt, es interessierte auch keinen so recht, was mit ihm geschah oder nicht geschah, er ist so eine Art Josef, der immer in der Geschichte untergeht).

Die besondere Weisheit dieses griechischen Mythos hat mir im Unterschied zur religiösen Jungfrauengeburt sofort eingeleuchtet. Ist es nicht tatsächlich so, dass das wahre Wissen – zwar im Körper ausgebrütet wird, in langen, zweifelhaften, noch längst nicht verstandenen Prozessen, dann aber, von einem Moment zum anderen, flugs dem Kopf entspringt und sich in der Welt behauptet, mit Schild und Speer, wenn es sein muss? Ist es nicht ein erhellender Gedanke, dass das Wissen, genauer: das weibliche Wissen, so in die Welt kommt? Erspart uns die dunkle Kindheit, die Schrecken des Nichtverstehens, die Mühen der Befreiung von den ererbten und allesamt falschen oder für uns unpassenden Weisheiten unserer Väter! Gebt uns die Rüstung, das Schwert und lasst uns losziehen gegen all die Dummheit in der Welt! Es gibt Gemälde, da steht Minerva da, eine imponierende Frau, kein Weibchen, hochaufgestreckt, eine Kämpferin; und unter ihrem Fuß windet sich eine Figur mit einem dämlichen Gesicht (ja, meist ist sie männlich, ist das meine Schuld?). Wenn ich jemals eine Gewaltphantasie hatte, dann war es diese. Aber es ist ja nur ein Bild, und das Besondere an dem Bild ist, dass es einen frontal anspringt, ohne Entschuldigung und Getue, eben genau – wie Minerva dem Haupt ihres Vaters entsprang; und anschließend schloss sich der Götterschädel wieder und Hephaistos ging nach Hause, um seine Ehegattin Venus mal wieder bei einem Liebhaber zu erwischen. Minerva aber ging schnurstracks los, um die Künste und die Wissenschaften zu beschützen, immer an vorderster Front kämpfend (das besagt einer ihrer Beinamen, Promachos, die Vorauskämpfende); sie schaute mit ihren großen und hellen Augen in die Welt (das besagt ein anderer ihrer Beinamen, Glaukopis, die Helläugige), die nicht getrübt waren von geschlechtlichen Rücksichten oder allzu menschlichen Anfechtungen. Minerva war unermüdlich und unüberwindlich und ihr Leben lang (also für immer) blieb sie Jungfrau (Parthenos); wie hätte sie, die aus dem Kopf Geborene, Ebenbürtige, denn Kinder gebären sollen? Weisheit, das war ihr Beruf, der Kampf, die Klugheit, aber auch: der Schutz der Arbeitenden, der Handwerker und Handarbeiterinnen. Und ihr Wahrzeichen war die Eule: ein großäugiges Tier, das den Kopf nach allen Seiten wenden kann und unerschrocken alles mit ihrem starren Blick fixiert; kein Ziervögelein, ein Jäger und Flieger, der die Nacht durchstreift.

Dieses Detail nun hätte mir Minerva fast vermiesen können. „Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung“, so unkte Hegel sehr viel später; und ich war nicht einverstanden: ein Nachttier? Eine Weisheit, die sich im Schutz der Dunkelheit verbreitet? Und die Geschichte mit Medusa natürlich. Denn Athene (wir nennen sie jetzt einmal Athene, so lange sie ein wenig in Ungnade gefallen ist bei mir) ist nicht lieb und nett und menschenfreundlich. Sie hat ihre Favoriten, und sie hat ihre Eigenheiten; und wehe, jemand kommt der Unermüdlichen, Unbesiegbaren, Ebenbürtigen zu nahe! So führt sie beispielsweise ihren Liebling Odysseus (immerhin, Odysseus, einen der wenigen homerischen Helden, den man beinahe mögen könnte, wenn auch nur beinahe) durch seine ein wenig hirnverbrannten Abenteuer und springt für ihn ein, wenn es einmal kritisch wird. Medusa hingegen – die Geschichte ist kompliziert: Medusa also wurde, so will es der Mythos, wegen ihrer gewaltigen Schönheit von Poseidon verführt, nein: vergewaltigt; was eigentlich nur das ist, was griechische Götter ständig machen; er hätte es aber nicht im Tempel der Athene, der großäugigen unüberwindlichen Jungfrau tun sollen. Athene, die Eigensinnige und Unberechenbare, nimmt ihm das übel und bestraft – nicht den Vergewaltiger, den Götterkollegen höchsten Ranges, sondern das Opfer: Medusa (ungestraft ist keine zu schön, scheint sie sagen zu wollen!). Und sie tötet sie nicht etwa, sondern sie macht sie, was viel klüger und bitterer ist, zu einem wahren Abgrund an Hässlichkeit und Scheußlichkeit: Schlangen winden sich statt lockiger Haare auf ihrem Kopf, und ihr Blick lässt jeden fortan zu Stein erstarren (war das die höhere Weisheit? die wahre Strafe an den Männern? Vielleicht, vielleicht). Dann jedoch, etwas später, überlegt sie es sich anders und gibt Perseus, einem weiteren ihrer Favoriten, einen Spiegelschild; so dass Perseus beim Kampf mit Medusa nur ihr Spiegelbild erblickt, nicht zu Stein erstarrt und der armen Medusa endgültig den Kopf mitsamt allen Schlangen abhacken kann (ist das das Ende aller Leidenschaft? kosten sie den Kopf? vielleicht, vielleicht). Medusa ist damit endgültig dahin, ihrem Leib aber entspringt, als Nachgeburt, der mit dem Vergewaltiger Poseidon gezeugte Sohn: Pegasos, mit Pferdeleib. Damit, und das ist wenigstens eine gelungene ironische Wendung, ist die Dichtung in der Welt (ein Vergewaltigungsopfer; ist es das, was die Dichtung mit der Wirklichkeit tut? vielleicht, vielleicht). Allerdings, und das mag Athene nicht bedacht haben, kann seitdem die Leidenschaft niemals mehr besiegt werden: Man kann ihr die Haare abschneiden, den Kopf abhacken und den Leib zerstören, sie bleibt unverwundbar und ewig im Lied. Das Gorgonenhaupt hingegen schmückt von nun an Minervas Schild – damit ein jeder versteinern möge, der wenigstens dieser Jungfrau zu nahekommt und ihr nicht ins Gesicht, sondern auf den Schild schaut!

Vielleicht ist das der Preis der weiblichen Weisheit, genau wie die Nächtlichkeit? Meine Eule fliegt aber trotzdem am Tag. Sie steht sehr früh auf am Morgen, und dann macht sie einen kleinen Erkundungsflug vor dem Frühstück, und dann beginnt sie ihr Tagwerk. Ihre großen Augen sind schon ein wenig trüb geworden vom Lesen der vielen Bücher, aber sie kann sie auch fest verschließen; und wenn sie die Augen schließt, ist es, als hörte die Welt für einen Moment auf zu sein. Sie ist ein würdiger Vogel, wenn sie fliegt, erhebt sie sich schwer mit ihren weiten Schwingen – aber welch ein Anblick, wenn sie dann geräuschlos durch den Himmel gleitet, den ihre großen Augen spiegeln! Nicht immer kommt sie von ihren weiten Flügen rechtzeitig zurück, es mag gelegentlich schon die Dämmerung eingesetzt haben, die ersten Sterne sind am dunkelblauen Himmel zu sehen, und da, da kommt meine Eule zurück, und jetzt spiegeln sich die Sterne in ihren Augen. Ich muss nicht immer wissen, wo sie gewesen ist und was sie alles gesehen hat; sie wird es mir erzählen, wenn es an der Zeit ist, oder sie wird es mir verschweigen. Denn meine Eule ist so weise, dass sie sogar weiß, dass es gelegentlich besser ist, Dinge zu nicht wissen (Dinge, die man wissen könnte; nicht Dinge, die man sowieso nie wissen kann und über die deshalb alle Welt plappert). Dann versteckt sie sich hinter meinem Schild und hält ein kleines Zwiegespräch mit Medusa, die natürlich nur von vorn gesehen eine Furie und schrecklich ist; von hinten gesehen ist sie sanftmütig, versteckt sich aber trotzdem sicherheitshalber vor Männern, was man ihr nicht verdenken kann. Minerva aber schläft nie, weil ihr Kampf niemals aufhört – auch wenn sie manchmal lieber zurück in den Kopf ihres Vaters springen würde, so als sei niemals etwas gewesen.

Home


The Thing about Penny, oder: Goethe und Big Bang Theory, wahlverwandt

Nun ist es also vorbei. Wie immer ist man ein wenig traurig, wenn langjährige Serien tatsächlich zu Ende gehen; wie immer ist man ein wenig enttäuscht, denn das Ende ist immer enttäuschend (wirklich, musste es der Nobelpreis sein, den Wissenschaftler bekanntlich erst bekommen, wenn sie alt genug sind, um damit umgehen zu können und kein ewig frühreifes cry baby wie Sheldon mehr sind? Wirklich, musste es faustdick sentimental sein? Die Freunde sind die einzig wahre Familie, jaja, aber irgendwie haben wir die Kinder von Bernadette und Howard nie gesehen, und es bleibt ein Rätsel, wie sie sich alle weiterhin allabendlich um den Tisch bei Leonard und Penny scharen können, während die Babys allein zuhause, ja was? – suspension of disblief, sagt mein ewig frühreifer Sohn [er ist aber kein Sheldon, und eckige Klammern sind nur zulässig, wenn man über wenigstens vage naturwissenschaftlich-mathematisch konnotierte Themen schreibt]) – wo waren wir? Penny also, the thing about Penny. Die ewige Blondine, das wandelnde Klischee auf attraktiv geformten Beinen (und man könnte immerhin die Drehbuchschreiber dafür ein wenig loben, dass sie ihr fast nie die High Heels verordnet haben, die die Frauen sogar bei Verfolgungsszenen in crime series zu wandelnden Wackelpuddings machen); Penny, illiterat von Grund auf, wissensabstinent, belehrungstolerant; Penny, so stellt sich am Ende heraus (man hätte es aber ahnen können), war die Klügste von allen. Denn während die Serie sich selbst überlebt und wir ziemlich viel disbelief suspendieren müssen, um die ewige Jugend der anderen zu verkraften, wird Penny – na ja, zu einer Art Meta-Penny. Penny ist die einzige, die es schafft, irgendwann ab Staffel 10, Penny dabei zu spielen, wie sie Penny spielt. Sie lächelt in unbeobachteten Momenten hin zum Kameramann (wahrscheinlich ist er ein Mann, so ist Hollywood halt, aber man sagt wohl inzwischen besser: Kameraperson), und er hält einen winzigen Moment zu lange hin, genau so lang, wie Penny braucht, um zu kommunizieren, in den Mundwinkeln und den Augen: Ich habe euch alle längst durchschaut. Ich spiele das Dummchen, weil ihr das Dummchen wollt und braucht. Ich lache über eure Nerd-Scherze, weil ihr euch so freut, dass ich lache; ich tue dumm, damit ihr euch freut, dass es immer noch Leute auf der Welt gibt, die dümmer seid als ihr, ihre dummen Alleswisser. Ich lache aber eigentlich mit den Drehbuchschreibern und den Kamerapersonen über euch und vor allem: über mich selbst (was sowieso das einzige wahre Kennzeichen von Klugheit ist: über sich selbst lachen zu können, und zwar nicht nur gelegentlich, sondern hauptsächlich). Ich lache darüber, wie wir alle spielen, was wir schon längst nicht mehr sind: not a care in the world. Carefree. Ewige Jugend, ewige Freundschaft; immerhin, das muss man loben, haben die klugen Drehbuchschreiber die Idee von ewiger Liebe schon ziemlich früh aufgegeben, das hätte niemals für zwölf Staffeln gelangt, nein, aber die wahren Utopien sind sowieso: ewige Jugend und ewige Freundschaft. Ach, wie gern glauben wir das, möchten wir das glauben! Nur wenn Penny auf diese etwas seltsame Art lächelt und mit den Augen zur Kameraperson zwinkert, geraten wir einen Moment in einen winzigen Zweifel, es ist aber nur ein Hauch von einem Zweifel, und er wird vom nächsten Nerd-Gag davongepustet (na gut, es gibt noch eine zweite Stelle, wo ein Zweifel sich verdichtet, und das ist so subtil gemacht, dass vielleicht doch eine der Kamerapersonen eine Frau gewesen ist: wenn sich die Mädels abends, bevor sie zu ihren sehr verschiedenen Partnern in ihre sehr verschiedenen Betten steigen, die Hände eincremen. Tun sie, alle. Jede Frau weiß, dass das der Zeitpunkt ist, an dem man definitiv erwachsen geworden ist).

Aber Kameraschwenk zurück zu Penny. Als der Höhepunkt der letzten Staffel naht (wenn man nicht die übersentimentale Nobelpreis-Szene am Schluss, die mehr absurdes Theater ist, als solchen fälschlich bezeichnen will), als also der wirkliche Höhepunkt naht, nämlich: als sich der Aufzug im dritten Stockwerk automatisch und lautlos öffnet, zum ersten und (beinahe) zum letzten Mal in den insgesamt 12 Staffeln; als der ewig kaputte Aufzug, das Symbol einer unabgeschlossenen Jugend, in der man noch genug Kraft hatte, um Treppen auf und ab zu laufen, mit Einkaufstüten oder Wäschebündeln im Arm und mit pfeilscharfen Gags auf der Zunge, jede Treppenwendung ein neuer Schuss; als dieser ewig moribunde Aufzug auf einmal wundersam geheilt ist – da entsteigt ihm Penny, im Business-Kostüm auf flachen Pumps, und grinst wortlos (sie schafft es sogar, dabei ein wenig an Botticellis Geburt der Venus zu erinnern, auch ohne Muschelschale). Beinahe bekommt man den Gag nicht mit, so unerwartet ist er. Dann aber überstürzen sich die Ereignisse. Sheldon fällt in seine Nobelpreis-Krise – die Welt verändert sich, die Welt soll sich nicht verändern; wenn man einen Nobelpreis bekommt, ist man wohl unwiderruflich erwachsen geworden, das darf doch nicht sein? –, und Amy bekommt die Haare schön (darauf hatten wir eigentlich mehr gewartet als auf die Aufzug-Reparatur, es war schon eine beinahe Penny-mäßige schauspielerische Meisterleistung, so konsistent eine unattraktive Frau zu spielen, wenn man genauso gut eine attraktive hätte spielen können, man hätte nur eine kleine Verschwörung mit der Kameraperson gebraucht). Um die Krise zu bewältigen, geht Penny mit Sheldon auf ein therapeutisches Beziehungsgespräch in die Cheesecake Factory. Dorthin, wo alles begann, also in die Ursuppe des Beziehungs-Big-Bang sozusagen. Und ganz unaufgeregt kuriert sie Sheldon von seiner Veränderungs-Phobie, weil sie eben eine kluge Frau ist und ihren Sheldon definitiv Lichtjahre besser kennt als er sich selbst. Danach geht man nach Hause, vielleicht fährt man sogar gemeinsam mit dem Aufzug in den dritten Stock – aber hier haben die klugen Drehbuchschreiber eine kleine Auslassung vorgenommen, eines der wichtigsten dramaturgischen Mittel der Weltliteratur, nicht nur in sitcoms. Denn etwas später werden wir erfahren: In dieser Nacht wird Penny von Leonard geschwängert. Offensichtlich war keine Zeit für die üblichen Vorkehrungen geblieben, sondern berauscht von ihrem Gespräch mit dem kriselnden Sheldon (ja, es war Alkohol im Spiel. Ja, auf Pennys Seite, nicht auf Sheldons, der bekanntlich diet coke für eine Ausschweifung hält. Ja, kluge Menschen wissen, wann es keine andere Wahl als Alkohol gibt, nur langweilige und dumme Menschen sind immer auf der sicheren Seite) war die blonde und gigantisch unterschätzte Penny über ihren kleinen Leonard hergefallen, und sie hatten ein Kind gezeugt (wird es demnächst, neben Young Sheldon, dann Young Leonard geben? Ach, vielleicht doch besser Young Penny?)  

Aber nur literarisch völlig verbildete Nicht-Blondinen denken bei der Vorstellung dieser ausgelassenen Zeugungsszene an Goethes Wahlverwandtschaften. Dort begegnet ein altes Ehepaar, sehr abgeklärt und eigentlich anderweitig verliebt, sich eines nachts völlig neu, weil im Nebenzimmer ein halb-offizieller Ehebruch stattfindet und sie in der Ehe im Kopf die Ehe brechen können. Und, ebenfalls völlig unabsichtlich, zeugen sie ein Kind, das, wahlverwandt, vier Eltern hat (es ertrinkt später im See. Dramaturgische Gründe, verletzte Aufsichtsplichten. Kein Spin-off). Natürlich waren das eigentliche Liebespaar schon immer Penny und Sheldon, die Schöne und das Biest, und auch das arme Kind von Penny und Leonard wird vier Eltern haben, mindestens. Aber unter Erwachsenen ist das eigentlich kein Problem. That’s the thing about Penny: She’s a grown up.  

Home


Notre-Dame, oder: Wunden am Herz der Geschichte    

Als ich am Morgen danach davon hörte, stand mir das Herz einen Moment still, und als es wieder zu schlagen begann, war es mit einer kleinen Verwunderung im wiedergefundenen Takt: Warum nun fühlte sich das so – schlimm an? Leute sterben, Tiere verenden, Bäume werden gefällt und Gebäude werden abgerissen, das ist der Gang der Dinge; warum sollte eine große Kathedrale, ein monumentales, jahrhundertealtes Menschenwerk, davon verschont sein? Natürlich meldeten sich dann als erstes die persönlichen Erinnerungen zu Wort, und auch wenn ich die Geschichte jetzt nicht erzähle, stimmt sie doch: Ich verdanke Notre-Dame einen kleinen – Entschluss, eine Entscheidung, die zu fällen war; seltsamerweise überfällt mich das manchmal in Kirchen, großen oder kleinen (nur still müssen sie sein), dass ich auf einmal verstehe, was ich jetzt tun sollte. Ich war danach noch öfter da, die Besuche verschwimmen ineinander, aber niemals war ich ungerührt.

Und jetzt diese Bilder (natürlich bin ich sofort ins Internet gegangen, Rührung schützt vor Voyeurismus nicht): Wie das Feuer aufglüht vor dem Pariser Abendhimmel, beinahe überirdisch schön, so als würde das große Kunstwerk von innen erleuchtet und seine über Jahrhunderte angesammelte Energie in diesem Glühen verstrahlen ­– und gleichzeitig so schrecklich, wenn man die noch dampfenden Trümmer im grauen Licht des nächsten Morgens sieht! Aber woher nun diese nicht nur persönliche, sondern allgemeine Trauer über – ein doch eigentlich totes Gebäude, über einen Berg von Steinen? Frau kann sich, auch als halbwegs überzeugte Atheistin, vorstellen, dass es tragisch ist für gläubige Christinnen, die in jeder Notre-Dame – unsere liebe Frau sehen, die Madonna, die Gottesmutter; eine einsame Frau in einer Männerreligion, seltsam reduziert auf ihre Jungfräulichkeit und ihre Trauer angesichts des brutalen Opfertodes ihres Sohnes. Maria: wir wissen eigentlich fast nichts von ihr, aber für viele Menschen ist sie das weibliche Gesicht ihrer Religion, dem sie vertrauen und an das sie sich lieber wenden als an die entrückten Männergestalten: Notre Dame eben, unsere liebe Frau, die Madonna.

Doch der Brand von Notre-Dame berührt viele noch auf einer anderen Ebene. Er lässt – unser Herz bluten, manchmal muss man solche altmodischen Metaphern benutzen, sie sind einfach richtig; und ist es nicht vielleicht das, was Notre-Dame war – und immer noch ist, aber im Moment in verstümmelter und verletzter Form: ein Ort, an dem das Herz der Geschichte nicht nur von Frankreich, sondern des alten Europa insgesamt hörbarer, spürbarer und stärker schlägt? Rainer Maria Rilke hat ein Gedicht darüber geschrieben, aber das sparen wir uns für den Schluss auf; bleiben wir erst einen Moment bei – Europa, einer verwöhnten Königstochter mit einer langen Geschichte und einer Schwäche für Abenteuer mit fremden Stieren; und an wenigen Orten wird sie greifbarer als in Notre-Dame de Paris. Deshalb ergreifen wir nun den Mantel der Geschichte; er ist ein wenig zu groß und schon ziemlich abgetragen und lässt sich schwer lenken, zumal wir nicht nur die üblichen hotspots abhaken wollen; nein, wir wollen in etwas unbeleuchtete Ecken schauen, hinter die Kulissen, auf die Nebenfiguren, das Unterkleid der Geschichte sozusagen. Doch beginnen wir, löblich und traditionell, am Anfang:

Notre-Dame wurde im Mittelalter errichtet auf der Ile de la Cité. Auf der wiegenförmigen Insel war Paris geboren worden, umflossen von der Seine; eine Stadt mitten auf einer Insel, und mitten in der Stadt wächst nun über zweihundert Jahre hinweg heran: eine Kathedrale, ihr Herz. Hohe Hochzeiten würden hier stattfinden, Krönungen und Todesfälle, Gerichtsverhandlungen und Schauprozesse, aber auch: der tägliche Gottesdienst, das Gebet, das Opfer. Natürlich war eine Kathedrale ein nationales wie religiöses Herrschaftszentrum, und beides fiel für das Mittelalter meist in eins. Aber auch die Armen, das wachsende Volk von Paris durfte sich nun ergötzen an dem großen Bilderbuch, das jede Kathedrale ist: Dort, seht nur, sind die sagenhaften Könige aufgereiht, einer neben dem anderen; dort triumphieren die Heiligen, dort leiden die Verdammten und mitten in der Mitte steht natürlich: Maria, unsere liebe Frau, notre dame. Aber es gibt auch groteske Figuren und Monster; die Chimäre kann man sehen, ein Ungeheuer und feuerspeiendes Mischwesen, geboren, um von einem Helden getötet zu werden, Bellerophon (ein Enkel des Sisyphos) erledigte das mit einem Speer, auf dessen Spitze er einen – Bleiklumpen angebracht hatte. Ja, es gibt sogar ein wenig Wissenschaft! Denn unten, am Zentralportal, findet sich eine Allegorie der Alchimie: Es ist eine Frau, sie sitzt auf einem Thron und hält in der einen Hand ein Szepter, in der anderen zwei Bücher, eines geschlossen (für das esoterische Wissen der Wenigen) und eines offen (für das exoterische Wissen der Vielen). Es ist eine Frau, und sie bewacht die Leiter des Wissens!

Jeanne d’Arc hingegen, die große französische Nationalheldin, hat Notre-Dame in Paris nie gesehen; und doch ist auch ihr Name mit der Kathedrale verknüpft. Denn die jugendliche Visionärin, die den Franzosen den Sieg im Kampf mit den Engländern geschenkt hatte – sie hatte sogar eine Rüstung bekommen, nachdem Gelehrte sie hinreichend auf ihre Jungfräulichkeit hin untersucht hatten! – versuchte zwar nach der Befreiung von Orleans, den König davon zu überzeugen, nun auf Paris zu ziehen, jedoch erfolglos. Ihr Stern war da schon im Sinken, allzu gefährlich war sie den königlichen Beratern geworden; und als man immer neue Gründe brauchte, um sie zu verurteilen, kam man endlich auf die Idee, ihr das Tragen von Männerkleidern während der Inhaftierung vorzuwerfen. Das reichte für den Scheiterhaufen, sie wurde verbrannt in Rouen; in Paris jedoch, in Notre-Dame, fand kaum zwanzig später ihr Rehabilitationsprozess statt, und sie wurde vor dem Angesicht der Geschichte – freigesprochen.

Doch auch in Notre-Dame rollten Köpfe. Schon sitzen wir wieder auf dem Mantel der Geschichte, und er bringt uns in die Zeit der französischen Revolution. Zwar verschonten die Revolutionäre in ihrem Furor gegen die Kirche Notre-Dame selbst (im Unterschied zu vielen kleineren Kirchen), doch das half den Königen auf der berühmten Königsgalerie am Hauptportal wenig; sie wurden geköpft, stellvertretend, ein Todesurteil an der eigenen Geschichte. Auch die Inneneinrichtung wurde zerstört und wertvolle Metalle wurden eingeschmolzen. Am 10. November 1793 schließlich feierte man in Notre-Dame die Fete de la Raison, das Fest der neuen Göttin Vernunft im Rahmen des „Kultes des höchsten Wesens“, und selten kann man so gut studieren, wie historische Symbole nicht direkt abgeschafft werden, sondern transponiert werden, moduliert, in eine andere Tonlage versetzt: Der christliche Altar wurde durch einen neu gestalteten Freiheitsaltar ersetzt, und an die Kathedraltüren meißelte man in Stein die Aufschrift „Zur Philosophie“. Beim Fest selbst trat eine kostümierte Göttin der Vernunft auf und Mädchen (Jungfrauen?) in vage römisch inspirierten weißen Gewändern, geschmückt mit der Trikolore, tanzten neckisch um sie herum. Wahrscheinlich haben die christlichen Heiligen in ihre faltenreiches Gewand gestöhnt auf ihren Pfeilern, die Grotesken haben grotesk gekichert (auch sie würde es nicht mehr lange geben, sie wussten es nur noch nicht: die Radikalrenovierer des 19. Jahrhunderts würden sie stürzen!) und die sagenhaften Könige konnten ihren Kopf zum Glück nicht mehr schütteln. Aber die Geschichte schlägt die seltsamsten Volten, und kaum zehn Jahre später krönte sich Napoleon unter Beisein des Papstes selbst zum Kaiser von Frankreich, seiner Frau Josephine drückte er ebenfalls eigenhändig die Krone aufs Haupt; kaum fünf Jahre später sollte sie nicht mehr seine Frau sein, sie konnte ihm nicht den dringend benötigten Nachfolger gebären, wurde aber immerhin nach neuem napoleonischen Zivilrecht ordnungsgemäß geschieden  und dann durch ein jüngeres österreichisches Modell ersetzt (Stellvertreterhochzeit in Wien, nicht in Notre-Dame, ach, die Geschichte….).

Danach verfiel Notre-Dame, mehr oder weniger; es soll eine Zeitlang auch ein Weinlager gewesen sein. Zum Leben erweckt wurde es erst wieder durch einen Roman: Victor Hugos Der Glöckner von Notre-Dame (1831) erzählte nicht nur die herzrührende Geschichte von der Schönen und dem Biest neu, sondern rückte auch die alte Dame Notre-Dame wieder ins Licht einer Geschichte. Der Roman ist eine Liebeserklärung an die Architektur als steinerne Schrift, aber ganz speziell an Notre-Dame: „Jede Fläche, jeder Stein des ehrwürdigen Denkmals ist ein Blatt nicht allein in der Geschichte des Landes, sondern auch derjenigen der Wissenschaft und der Kunst“ – alles „verschmolzen, vereinigt, verbunden in der Kirche Notre-Dame“, so schreibt Hugo (in den eher weniger gelesenen Passagen des Romans, sie eignen sich auch nicht so fürs Musical). Dieser Organismus jedoch, dieses uralte Lebewesen leidet, es leidet im Roman ebenso wie der bucklige Glöckner Quasimodo, dieser Ausbund an Hässlichkeit und Inbegriff des underdogs; es leidet, so Hugo, an drei Arten von Verletzungen: den Wunden durch die Zeit (unvermeidlich), den Wunden der politischen und religiösen Umwälzungen (blind und leidenschaftlich, aber letztlich: unvermeidlich) und den Wunden der Renovierungsmoden, die „in den Lebensnerv geschnitten“ haben (gefühllos, geschmacklos, dreist und durchaus vermeidbar). Und konnte man nicht all das sehen besonders an dem „Bleipflaster“ des Daches, das sein „Baumeister von gutem Geschmack“ aufgebracht hatte, das „dem Deckel eines Kochtopfes gleicht“? Prophetisch, könnte man meinen; Hugo war aber nur verliebt, in Paris, in Notre-Dame, das Herz von Paris. Denn er sah in Notre-Dame auch (wieder), was die Geschichte der gekrönten und abgeschlagenen Häupter verborgen hatte: nämlich das große, gewachsene, lebende Bauwerk als kollektives Gesamtkunstwerk, als „Erzeugnis arbeitender Völker“ mehr denn als „Erguß genialer Männer“: „Wie es die Biber, die Bienen machen, so machen es auch die Menschen. Das große Symbol der Baukunst: Babel ist ein Bienenkorb“.

Wenn wir nun den Mantel der Geschichte weiterfliegen lassen (er hat wichtigeres zu tun, wie immer), sehen wir Notre-Dame als Großbaustelle des Mittelalters; wir sehen die leuchtenden Augen der Pariser, wie sie ihre Armenbibel bestaunen und zur Madonna beten, ihrer lieben Frau, die ihnen das Christentum menschlich werden lässt; wir sehen wie Jeanne d’Arc allzu spät Gerechtigkeit widerfährt und wie steinerne Königsköpfe rollen; wir sehen die tanzenden Jungfrauen um die Göttin der Vernunft und der Freiheit und den sich die Krone aufsetzenden Napoleon (im Hintergrund rollen die rollenden Weinfässer polternd vorbei); wir sehen Quasimodo, wie er zwischen den Türmen herausschaut und um die gefallenen Grotesken trauert; wir sehen Victor Hugo, wie er auf verächtlich auf das Bleidach blickt und die ‚geschmackvollen‘ Renovatoren verdammt. Denn er ist überzeugt, dass in diesem „unermeßlichen Buch“ „jeder Gedanke sein Blatt und sein Denkmal hat“. Ein Buch jedoch – verbrennt man nicht (und auch bei Denkmalen, zweifelhaft, wie sie sein mögen, sollte man sich gut überlegen, ob man sie stürzt).

Rilke, um endlich zum Anfang der Geschichte zurückzukommen, hat nicht nur lange Zeit in Frankreich gelebt; er hat Paris gefürchtet und geliebt, und er hat die großen Kathedralen nicht nur besucht, sondern sie haben zu ihm gesprochen. Mehrere Gedichte hat er ihnen gewidmet, man nennt sie in der Fachsprache „Dinggedichte“, aber das führt ein wenig in die Irre und auf die geschmacklosen Bleidächer: Denn für Rilke ist ein Ding durchaus etwas, das heilig und menschlich gesprochen werden kann. Es ist das Andere zum Menschen, in dem er, wenn er nur gut genau schaut, sich so viel besser erkennen und verstehen kann, als wenn er immer nur in sein Inneres schaut oder auf den eigenen Bauchnabel, der bekanntlich für viele der Nabel der Welt ist. Der eigentliche Nabel der Welt aber sind Bauwerke wie Notre-Dame de Paris, das Herz Frankreichs, das Herz Europas, das Herz unserer aller Geschichten und Bildungsgeschichten, der großen und bedeutenden wie der persönlichen, kleinen, versteckten. Und Rilkes Gedicht Die Kathedrale geht zwar um die Kathedrale von Chartres, die wahrlich königlich über einer französischen Kleinstadt droht; aber das, was er sich im Anschauen dieser einen Kathedrale erschreibt, könnte auch über dem Portal von Notre-Dame in Paris stehen (und sieht man die Kathedrale nicht, wenn man das Gedicht liest und mit-fühlt: als Frau?):

Ihr Erstehn
ging über alles fort, so wie den Blick
des eignen Lebens viel zu große Nähe
fortwährend übersteigt, und als geschähe
nichts anderes; als wäre Das Geschick,
was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,
versteinert und zum Dauernden bestimmt,
nicht Das, was unten in den dunkeln Straßen
vom Zufall irgendwelche Namen nimmt
und darin geht, wie Kinder Grün und Rot
und was der Krämer hat als Schürze tragen.
Da war Geburt in diesen Unterlagen,
und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
und Liebe überall wie Wein und Brot,
und die Portale voller Liebesklagen.
Das Leben zögerte im Stundenschlagen,
und in den Türmen, welche voll Entsagen
auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.

Home                             

 

Die Schule von Athen und die verborgene Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze



 

Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken. Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. 

Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die den Sinn nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. Es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.

Home