Frauensachen - Essays

 

  • Notre-Dame oder: Wunden am Herz der Geschichte
  • Die Schule von Athen und die verborgene Welt der Athene
  • Denken Frauen anders?
  • Es sprach die Rabenmutter - Nimmermehr!


Notre-Dame, oder: Wunden am Herz der Geschichte

    

Als ich am Morgen danach davon hörte, stand mir das Herz einen Moment still, und als es wieder zu schlagen begann, war es mit einer kleinen Verwunderung im wiedergefundenen Takt: Warum nun fühlte sich das so – schlimm an? Leute sterben, Tiere verenden, Bäume werden gefällt und Gebäude werden abgerissen, das ist der Gang der Dinge; warum sollte eine große Kathedrale, ein monumentales, jahrhundertealtes Menschenwerk, davon verschont sein? Natürlich meldeten sich dann als erstes die persönlichen Erinnerungen zu Wort, und auch wenn ich die Geschichte jetzt nicht erzähle, stimmt sie doch: Ich verdanke Notre-Dame einen kleinen – Entschluss, eine Entscheidung, die zu fällen war; seltsamerweise überfällt mich das manchmal in Kirchen, großen oder kleinen (nur still müssen sie sein), dass ich auf einmal verstehe, was ich jetzt tun sollte. Ich war danach noch öfter da, die Besuche verschwimmen ineinander, aber niemals war ich ungerührt.


Und jetzt diese Bilder (natürlich bin ich sofort ins Internet gegangen, Rührung schützt vor Voyeurismus nicht): Wie das Feuer aufglüht vor dem Pariser Abendhimmel, beinahe überirdisch schön, so als würde das große Kunstwerk von innen erleuchtet und seine über Jahrhunderte angesammelte Energie in diesem Glühen verstrahlen ­– und gleichzeitig so schrecklich, wenn man die noch dampfenden Trümmer im grauen Licht des nächsten Morgens sieht! Aber woher nun diese nicht nur persönliche, sondern allgemeine Trauer über – ein doch eigentlich totes Gebäude, über einen Berg von Steinen? Frau kann sich, auch als halbwegs überzeugte Atheistin, vorstellen, dass es tragisch ist für gläubige Christinnen, die in jeder Notre-Dame – unsere liebe Frau sehen, die Madonna, die Gottesmutter; eine einsame Frau in einer Männerreligion, seltsam reduziert auf ihre Jungfräulichkeit und ihre Trauer angesichts des brutalen Opfertodes ihres Sohnes. Maria: wir wissen eigentlich fast nichts von ihr, aber für viele Menschen ist sie das weibliche Gesicht ihrer Religion, dem sie vertrauen und an das sie sich lieber wenden als an die entrückten Männergestalten: Notre Dame eben, unsere liebe Frau, die Madonna.


Doch der Brand von Notre-Dame berührt viele noch auf einer anderen Ebene. Er lässt – unser Herz bluten, manchmal muss man solche altmodischen Metaphern benutzen, sie sind einfach richtig; und ist es nicht vielleicht das, was Notre-Dame war – und immer noch ist, aber im Moment in verstümmelter und verletzter Form: ein Ort, an dem das Herz der Geschichte nicht nur von Frankreich, sondern des alten Europa insgesamt hörbarer, spürbarer und stärker schlägt? Rainer Maria Rilke hat ein Gedicht darüber geschrieben, aber das sparen wir uns für den Schluss auf; bleiben wir erst einen Moment bei – Europa, einer verwöhnten Königstochter mit einer langen Geschichte und einer Schwäche für Abenteuer mit fremden Stieren; und an wenigen Orten wird sie greifbarer als in Notre-Dame de Paris. Deshalb ergreifen wir nun den Mantel der Geschichte; er ist ein wenig zu groß und schon ziemlich abgetragen und lässt sich schwer lenken, zumal wir nicht nur die üblichen hotspots abhaken wollen; nein, wir wollen in etwas unbeleuchtete Ecken schauen, hinter die Kulissen, auf die Nebenfiguren, das Unterkleid der Geschichte sozusagen. Doch beginnen wir, löblich und traditionell, am Anfang:


Notre-Dame wurde im Mittelalter errichtet auf der Ile de la Cité. Auf der wiegenförmigen Insel war Paris geboren worden, umflossen von der Seine; eine Stadt mitten auf einer Insel, und mitten in der Stadt wächst nun über zweihundert Jahre hinweg heran: eine Kathedrale, ihr Herz. Hohe Hochzeiten würden hier stattfinden, Krönungen und Todesfälle, Gerichtsverhandlungen und Schauprozesse, aber auch: der tägliche Gottesdienst, das Gebet, das Opfer. Natürlich war eine Kathedrale ein nationales wie religiöses Herrschaftszentrum, und beides fiel für das Mittelalter meist in eins. Aber auch die Armen, das wachsende Volk von Paris durfte sich nun ergötzen an dem großen Bilderbuch, das jede Kathedrale ist: Dort, seht nur, sind die sagenhaften Könige aufgereiht, einer neben dem anderen; dort triumphieren die Heiligen, dort leiden die Verdammten und mitten in der Mitte steht natürlich: Maria, unsere liebe Frau, notre dame. Aber es gibt auch groteske Figuren und Monster; die Chimäre kann man sehen, ein Ungeheuer und feuerspeiendes Mischwesen, geboren, um von einem Helden getötet zu werden, Bellerophon (ein Enkel des Sisyphos) erledigte das mit einem Speer, auf dessen Spitze er einen – Bleiklumpen angebracht hatte. Ja, es gibt sogar ein wenig Wissenschaft! Denn unten, am Zentralportal, findet sich eine Allegorie der Alchimie: Es ist eine Frau, sie sitzt auf einem Thron und hält in der einen Hand ein Szepter, in der anderen zwei Bücher, eines geschlossen (für das esoterische Wissen der Wenigen) und eines offen (für das exoterische Wissen der Vielen). Es ist eine Frau, und sie bewacht die Leiter des Wissens!


Jeanne d’Arc hingegen, die große französische Nationalheldin, hat Notre-Dame in Paris nie gesehen; und doch ist auch ihr Name mit der Kathedrale verknüpft. Denn die jugendliche Visionärin, die den Franzosen den Sieg im Kampf mit den Engländern geschenkt hatte – sie hatte sogar eine Rüstung bekommen, nachdem Gelehrte sie hinreichend auf ihre Jungfräulichkeit hin untersucht hatten! – versuchte zwar nach der Befreiung von Orleans, den König davon zu überzeugen, nun auf Paris zu ziehen, jedoch erfolglos. Ihr Stern war da schon im Sinken, allzu gefährlich war sie den königlichen Beratern geworden; und als man immer neue Gründe brauchte, um sie zu verurteilen, kam man endlich auf die Idee, ihr das Tragen von Männerkleidern während der Inhaftierung vorzuwerfen. Das reichte für den Scheiterhaufen, sie wurde verbrannt in Rouen; in Paris jedoch, in Notre-Dame, fand kaum zwanzig später ihr Rehabilitationsprozess statt, und sie wurde vor dem Angesicht der Geschichte – freigesprochen.


Doch auch in Notre-Dame rollten Köpfe. Schon sitzen wir wieder auf dem Mantel der Geschichte, und er bringt uns in die Zeit der französischen Revolution. Zwar verschonten die Revolutionäre in ihrem Furor gegen die Kirche Notre-Dame selbst (im Unterschied zu vielen kleineren Kirchen), doch das half den Königen auf der berühmten Königsgalerie am Hauptportal wenig; sie wurden geköpft, stellvertretend, ein Todesurteil an der eigenen Geschichte. Auch die Inneneinrichtung wurde zerstört und wertvolle Metalle wurden eingeschmolzen. Am 10. November 1793 schließlich feierte man in Notre-Dame die Fete de la Raison, das Fest der neuen Göttin Vernunft im Rahmen des „Kultes des höchsten Wesens“, und selten kann man so gut studieren, wie historische Symbole nicht direkt abgeschafft werden, sondern transponiert werden, moduliert, in eine andere Tonlage versetzt: Der christliche Altar wurde durch einen neu gestalteten Freiheitsaltar ersetzt, und an die Kathedraltüren meißelte man in Stein die Aufschrift „Zur Philosophie“. Beim Fest selbst trat eine kostümierte Göttin der Vernunft auf und Mädchen (Jungfrauen?) in vage römisch inspirierten weißen Gewändern, geschmückt mit der Trikolore, tanzten neckisch um sie herum. Wahrscheinlich haben die christlichen Heiligen in ihre faltenreiches Gewand gestöhnt auf ihren Pfeilern, die Grotesken haben grotesk gekichert (auch sie würde es nicht mehr lange geben, sie wussten es nur noch nicht: die Radikalrenovierer des 19. Jahrhunderts würden sie stürzen!) und die sagenhaften Könige konnten ihren Kopf zum Glück nicht mehr schütteln. Aber die Geschichte schlägt die seltsamsten Volten, und kaum zehn Jahre später krönte sich Napoleon unter Beisein des Papstes selbst zum Kaiser von Frankreich, seiner Frau Josephine drückte er ebenfalls eigenhändig die Krone aufs Haupt; kaum fünf Jahre später sollte sie nicht mehr seine Frau sein, sie konnte ihm nicht den dringend benötigten Nachfolger gebären, wurde aber immerhin nach neuem napoleonischen Zivilrecht ordnungsgemäß geschieden  und dann durch ein jüngeres österreichisches Modell ersetzt (Stellvertreterhochzeit in Wien, nicht in Notre-Dame, ach, die Geschichte….).


Danach verfiel Notre-Dame, mehr oder weniger; es soll eine Zeitlang auch ein Weinlager gewesen sein. Zum Leben erweckt wurde es erst wieder durch einen Roman: Victor Hugos Der Glöckner von Notre-Dame (1831) erzählte nicht nur die herzrührende Geschichte von der Schönen und dem Biest neu, sondern rückte auch die alte Dame Notre-Dame wieder ins Licht einer Geschichte. Der Roman ist eine Liebeserklärung an die Architektur als steinerne Schrift, aber ganz speziell an Notre-Dame: „Jede Fläche, jeder Stein des ehrwürdigen Denkmals ist ein Blatt nicht allein in der Geschichte des Landes, sondern auch derjenigen der Wissenschaft und der Kunst“ – alles „verschmolzen, vereinigt, verbunden in der Kirche Notre-Dame“, so schreibt Hugo (in den eher weniger gelesenen Passagen des Romans, sie eignen sich auch nicht so fürs Musical). Dieser Organismus jedoch, dieses uralte Lebewesen leidet, es leidet im Roman ebenso wie der bucklige Glöckner Quasimodo, dieser Ausbund an Hässlichkeit und Inbegriff des underdogs; es leidet, so Hugo, an drei Arten von Verletzungen: den Wunden durch die Zeit (unvermeidlich), den Wunden der politischen und religiösen Umwälzungen (blind und leidenschaftlich, aber letztlich: unvermeidlich) und den Wunden der Renovierungsmoden, die „in den Lebensnerv geschnitten“ haben (gefühllos, geschmacklos, dreist und durchaus vermeidbar). Und konnte man nicht all das sehen besonders an dem „Bleipflaster“ des Daches, das sein „Baumeister von gutem Geschmack“ aufgebracht hatte, das „dem Deckel eines Kochtopfes gleicht“? Prophetisch, könnte man meinen; Hugo war aber nur verliebt, in Paris, in Notre-Dame, das Herz von Paris. Denn er sah in Notre-Dame auch (wieder), was die Geschichte der gekrönten und abgeschlagenen Häupter verborgen hatte: nämlich das große, gewachsene, lebende Bauwerk als kollektives Gesamtkunstwerk, als „Erzeugnis arbeitender Völker“ mehr denn als „Erguß genialer Männer“: „Wie es die Biber, die Bienen machen, so machen es auch die Menschen. Das große Symbol der Baukunst: Babel ist ein Bienenkorb“.


Wenn wir nun den Mantel der Geschichte weiterfliegen lassen (er hat wichtigeres zu tun, wie immer), sehen wir Notre-Dame als Großbaustelle des Mittelalters; wir sehen die leuchtenden Augen der Pariser, wie sie ihre Armenbibel bestaunen und zur Madonna beten, ihrer lieben Frau, die ihnen das Christentum menschlich werden lässt; wir sehen wie Jeanne d’Arc allzu spät Gerechtigkeit widerfährt und wie steinerne Königsköpfe rollen; wir sehen die tanzenden Jungfrauen um die Göttin der Vernunft und der Freiheit und den sich die Krone aufsetzenden Napoleon (im Hintergrund rollen die rollenden Weinfässer polternd vorbei); wir sehen Quasimodo, wie er zwischen den Türmen herausschaut und um die gefallenen Grotesken trauert; wir sehen Victor Hugo, wie er auf verächtlich auf das Bleidach blickt und die ‚geschmackvollen‘ Renovatoren verdammt. Denn er ist überzeugt, dass in diesem „unermeßlichen Buch“ „jeder Gedanke sein Blatt und sein Denkmal hat“. Ein Buch jedoch – verbrennt man nicht (und auch bei Denkmalen, zweifelhaft, wie sie sein mögen, sollte man sich gut überlegen, ob man sie stürzt).


Rilke, um endlich zum Anfang der Geschichte zurückzukommen, hat nicht nur lange Zeit in Frankreich gelebt; er hat Paris gefürchtet und geliebt, und er hat die großen Kathedralen nicht nur besucht, sondern sie haben zu ihm gesprochen. Mehrere Gedichte hat er ihnen gewidmet, man nennt sie in der Fachsprache „Dinggedichte“, aber das führt ein wenig in die Irre und auf die geschmacklosen Bleidächer: Denn für Rilke ist ein Ding durchaus etwas, das heilig und menschlich gesprochen werden kann. Es ist das Andere zum Menschen, in dem er, wenn er nur gut genau schaut, sich so viel besser erkennen und verstehen kann, als wenn er immer nur in sein Inneres schaut oder auf den eigenen Bauchnabel, der bekanntlich für viele der Nabel der Welt ist. Der eigentliche Nabel der Welt aber sind Bauwerke wie Notre-Dame de Paris, das Herz Frankreichs, das Herz Europas, das Herz unserer aller Geschichten und Bildungsgeschichten, der großen und bedeutenden wie der persönlichen, kleinen, versteckten. Und Rilkes Gedicht Die Kathedrale geht zwar um die Kathedrale von Chartres, die wahrlich königlich über einer französischen Kleinstadt droht; aber das, was er sich im Anschauen dieser einen Kathedrale erschreibt, könnte auch über dem Portal von Notre-Dame in Paris stehen (und sieht man die Kathedrale nicht, wenn man das Gedicht liest und mit-fühlt: als Frau?):


Ihr Erstehn

ging über alles fort, so wie den Blick

des eignen Lebens viel zu große Nähe

fortwährend übersteigt, und als geschähe

nichts anderes; als wäre Das Geschick,

was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,

versteinert und zum Dauernden bestimmt,

nicht Das, was unten in den dunkeln Straßen

vom Zufall irgendwelche Namen nimmt

und darin geht, wie Kinder Grün und Rot

und was der Krämer hat als Schürze tragen.

Da war Geburt in diesen Unterlagen,

und Kraft und Andrang war in diesem Ragen

und Liebe überall wie Wein und Brot,

und die Portale voller Liebesklagen.

Das Leben zögerte im Stundenschlagen,

und in den Türmen, welche voll Entsagen

auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.

                            

 

Die Schule von Athen
und die verborgene Schule der Athene.
Eine Welt voller Gegensätze



 

Das ist kein einfaches Gemälde. Es ist selbst eine Welt, und es ist die Geschichte einer Welt, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft. Es ist aber auch eine Geschichte der Farben und der Bilder, der Wissenschaften und der Künste, und schließlich: die Geschichte der Menschen. Man möchte mitten hineinspazieren und sich unter die vielen Gestalten mischen; man möchte hören, worüber die beiden zentralen Figuren, nennen wir sie ruhig Platon und Aristoteles, streiten, man möchte wissen, was der alte Mann mit der Glatze und dem wolligen Bart in sein großes Buch schreibt, man möchte sich von den Weisen mit der Erdkugel und der Himmelskugel den Kosmos erklären lassen, und dann möchte man sich ein kleines Weilchen zu dem einsamen Mann in der Mitte setzen, der ganz für sich lässig auf den Stufen herumlümmelt, die Toga nur locker über die Schulter geworden und den Blick auf ein Blatt gerichtet. Und schließlich möchte man in dem Bild verschwinden, ganz im Hintergrund, wo der Himmel durch einen Torbogen scheint; denn dahinter ist ganz sicher das Paradies.

Die Szene ist sorgfältig gewählt für dieses große Panorama des Geistes und des Wissens: Es ist eine antike Prachtarchitektur, monumental und gleichzeitig einfach, mit perfekten Kreisen zum Himmel hin und perfekten Quadraten zum Boden. Man ist verleitet zu vermuten, dass das Muster des Gangs, auf dem die Hauptfiguren würdevoll daherschreiten, eine Art Quadratur des Kreises aufweist: Denn kann man, gleichzeitig, dem alten Platon vertrauen, der so gewiss zum Himmel hinauf weist, und dem in der Blüte seiner Jahre stehenden stattlichen Aristoteles, der energisch auf dem Boden bleiben will? Zwischen beiden, ganz genau zwischen ihnen, ist der Mittel- und Fluchtpunkt der perfekten Zentralperspektive; tatsächlich ist er, wenn man ganz genau schaut, in der kleinen leeren Stelle zwischen der blauen und der roten Toga. Und über ihnen, durch die runden Bogen, schaut der Himmel hinein, und das Gemälde wäre ein klaustrophobischer Alptraum, wenn er es nicht täte: Nur so können die Gedanken frei bleiben, können ausschweifen, können über all die Menschen hinweg sich auflösen in blauen Äther. Die Natur ist immer dabei, und wäre sie es nicht, wäre einfach nur eine „Schule“ dargestellt, dann wäre sie eine Zwangsanstalt, wie so viele Schulen. Hier aber herrscht Bewegung, man philosophiert im Gehen, und man geht vom Freien herein ins Gebäude; aber man kann auch wieder herumdrehen und hinausgehen ins Freie.

Der Raum jedoch ist nicht nur eine perfekte Architekturkulisse, er ist auch geschmückt mit Figuren. Man übersieht sie leicht, marmorblass stehen sie in ihren Nischen und werden in den Hintergrund gerückt von all dem bunten Gewimmel im Vordergrund. Lässt man sich davon, vor der Hand, nicht ablenken, und das erfordert schon einen ziemlichen Akt des Willens, sieht man auf der Seite von Aristoteles eine weibliche Gestalt in der Nische. Ihr Helm und ihr Schild weisen sie als Athene aus, die Göttin der Weisheit, der Künste und der Wissenschaften; die kluge Athene, die in voller Rüstung dem Haupt des Zeus entsprang und die die leichtlebige Medusa dazu verdammte, dass kein Mann sie anschauen konnte ohne zu versteinern: Klugheit und Begehren paaren sich nicht gut. Ihr zu Füssen aber ist eine mütterliche Szene abgebildet: Denn Frauen sind klug und mütterlich, hart und sanft. Ihr gegenüber, auf der Seite von Platon, steht Apollo, der schöne jugendliche Apollo, der Gott des Lichts und der Künste, mit seiner Leier; und ihm zu Füßen ist eine Kampfszene abgebildet, denn Männer sind sanft und kämpferisch.

Aber nun geben wir der Verlockung nach und stürzen wir uns endlich ins Getümmel, zwischen all die Figuren; und als erstes sind es die Farben, die den Blick leiten und reizen. Sie sind von einer geradezu überdeutlichen Klarheit, sie sind Inbegriffe von Farben, denen man noch ansieht, dass sie aus Naturstoffen gemacht sind, aber vom Künstler konzentriert wurden bis zur übernatürlichen Essenz einer Farbe, der Idee einer Farbe, wie Platon zweifellos sagen würde; aber sie haben auch ihren ursprünglichen Naturton bewahrt. Der Künstler hat seine gesamte Palette ausgeschöpft, er hat Gewänder eingetunkt, bis sie strahlten, und dann hat er sie angeordnet, scheinbar zufällig, scheinbar willkürlich, aber man wird den Verdacht nicht los, es war eine Art Vier-Farben-Problem, das er souverän gelöst hat. Und das Licht über all dem ist so weich und gleichzeitig so klar, dass man tief durchatmen möchte mit den Augen. Schwarz fehlt beinahe völlig; allein die Schiefertafeln sind schwarz, kleine schwarze Blöcke konzentrierten Lehrens, mit weißen Zeichen beschrieben; aber wenn man sie abwischt, hat man wieder eine reine Tafel, und man kann von vorn anfangen.

Auf die Tafeln zeigen Hände; und die Hände gehören zu den Hauptfiguren in diesem Welttheater des Geistes. Platons Zeigefinger weist nach oben, in den Himmel, wo die Ideen wohnen; Aristoteles‘ Hand widerspricht und verweist auf den Boden, den man bei all dem nicht verlassen soll, die Realität der Dinge und Phänomene. Es gibt Hände, die zeigen und demonstrieren, Hände, die zweifeln und behaupten, Hände, die schreiben, die grüßen, halten und stützen. Philosophie ist, so lernt man, eine handgreifliche Angelegenheit; sie findet statt zwischen Menschen, die philosophische Handlungen vollführen, bei denen ihr ganzer Körper mitspricht. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Menschen; ihre Hautfarbe changiert wie die Farbe der Gewänder, einige tragen altertümliche Kopfbedeckungen, eine Art Turban mischt sich darunter, ein Lorbeerkranz, ein kriegerischer Prachthelm; man sieht jugendliche Locken und alterskrause Bärte, Glatzen (etwas überdurchschnittlich viel Glatzen, bei genauer Betrachtung), und immer wieder, als Gegenstück: volle jugendliche Locken. Denn dies ist kein Altherrenstück, die Jugend ist da, sie lauscht mit offenem Mund, sie schreibt eifrig mit. Vor allem in der naturwissenschaftlichen Gruppe am rechten Bildrand scharen sich die wissbegierigen Jünglinge um die Figur, die mit dem Zirkel hantiert; daneben balancieren zwei Gestalten eine Himmelskugel und einen Erdglobus, beides natürlich, nebeneinander, den Himmel und die Erde. 


Aber vielleicht sollte man sich doch lieber der Gruppe am linken Bildrand zuwenden? Hier scharen sich keine Jünglinge, sondern gar Kinder um die schreibenden Gestalten; sie schauen dem Dichter über die Schulter, während ein etwas buckliger Alter dem Mann mit dem großen Buch etwas nach- oder abzuschreiben scheint; und man wüsste nur zu gern, was in dem großen Buch steht, was der Dichter liest, was der alte Mann da so fleißig abpinnt, aber man hat keine Zeit. Denn jetzt zieht ein dunkelhaariger, sehr kräftiger Mann den Blick an, etwas unterhalb von Platon sitzt er und hat als einziger ein marmornes Schreibpult abbekommen; aber sein Blick geht melancholisch weg von seinem Schreibtisch, er scheint mehr nach innen zu schauen, und sein Schreibfluss ist gestockt. Seine Kleidung wirkt beinahe modern, ebenso sein Haarschnitt; ist er die Zukunft, ist er das dunkle Bild einer Zeit, die die Schule verlassen hat und nun in der Welt ihr Heil sucht, jeder für sich, jeder Einzelkämpfer einer zutiefst melancholischen Moderne, die den Sinn nur noch in Büchern sucht? Aber zum Glück hat er einen Gegenspieler, den zweiten Einzelgänger auf dem Bild: Ganz locker sitzt er da, ein wenig rechts von dem Grübler, über die Stufen hingegossen, seine Toga hat er nur nachlässig geschultert, die eine Hälfte des Oberkörpers bleibt unbedeckt, halb unter ihm ruht sein Mantel, daneben eine Schale. Zwar schaut auch er auf ein Blatt in seiner Hand, aber wie groß ist der Unterschied in Haltung und Wirkung! Er gehört, zweifellos, zur aristotelischen Seite, aber er nimmt die Erde leicht, während sein grimmiger Nachbar den platonischen Ideen nachhängt und sie in sich selbst nicht zu finden scheint.

Allerdings ist, und darüber kommt die Betrachterin erst einmal schwer hinweg, die dargestellte Welt des Geistes in gewissem Sinne nur eine halbe Welt: Es ist eine Welt ohne Frauen, wenn man einmal absieht von Athene als Schutzpatronin der Weisheit, die ja selbst immerhin, vom Namen her, eine Frau ist: philo-sophia. Bei einigen Figuren, meist Randfiguren, beschleicht einen zwar ein Verdacht, dass es sich doch um eine weibliche Zuhörerin handeln könnte, die sich in der Schule eingeschlichen hat, in der Frauen natürlich prinzipiell nicht zugelassen waren; so fortschrittlich war die griechische Antike dann doch nicht. Aber wahrscheinlich sind es doch nur weiche, unfertige Jünglingszüge, wie sie Raffael in seinen Heiligenbildern so gern gemalt hat, jugendlich androgyne Johannes-Figuren. Eine etwas rätselhafte Gestalt gibt es allerdings, die dadurch auffällt, dass sie aus dem Bild hinaus schaut, dem Betrachter direkt ins Gesicht; nur das Selbstporträt des Autors auf der anderen Seite schaut ähnlich herausfordernd auf den Betrachter. Es existieren auch ganze Legenden dazu, welche Gestalt genau welcher Philosoph ist, aber darüber darf sich die Wissenschaft weiter streiten. Die rätselhafte Gestalt trägt zudem, ebenfalls als einzige, ein fast durchgehendes weißes Gewand, mit leichten Goldrändern gesäumt, das die Körperformen nicht nachzeichnet, sondern verdeckt; ihr Gesicht wird umrahmt von sanften braunen Locken, und ihr Blick mutet, man kann es nicht anders sagen, extrem weiblich an. Ist sie ein verirrter Engel, ein heller Schatten aus der anderen Welt des Himmels, auf den der Blick ins Blaue weist? Oder ist sie die zweite Hälfte des vor ihr stehenden, außerordentlich dunkel und energisch gezeichneten Mannes, der zweite hellere Teil des ursprünglich androgynen Kugelmenschen? Man wird es nicht beweisen können. Aber man kann Ideen haben.

Oder vielleicht ist es sogar ganz gut und richtig so, dass dieses Bild kein Geschlecht kennt. Denn würde man nicht sofort damit beginnen, Beziehungen zu suchen, Andeutungen für ein anderes, mehr handgreiflich erotisches Verlangen als das nach dem Wissen oder der Weisheit, würde man nicht Anzüglichkeiten sehen und Begehren, die alte, uralte, immergleiche Geschichte? Wäre es nicht denkbar, dass es eine Welt gibt, in der man einfach nur lernen möchte, im Gespräch mit anderen Menschen, mit der Natur und dem Himmel? Wäre es nicht vielleicht sogar denkbar, dass eine zweite Schule existiert, unbekannt, im Schatten der ersten; in ihr sind die Frauen unter sich, auch die Kinder und Mädchen dürfen mitkommen, und man diskutiert ganz frei, genauso frei wie die Männer, aber unbeeinflusst von ihnen und dem allgegenwärtigen Geschlechterkrieg? Vielleicht wäre sie im Freien angesiedelt, einer arkadischen Landschaft, nicht im prächtigen Architekturpalast, aber im Hintergrund könnte man ihn sehen, so, wie man hier im Hintergrund den Himmel sieht. Sie füllt sich nur langsam, diese Schule der Frauen, die ich gern die Schule von Athene nennen möchte. Aber wenn man ihr ein wenig Zeit gibt, werden die Gestalten allmählich hervortreten, genauso farbenreich und glanzvoll. Und dann erst wird die Welt des Geistes ganz sein.

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Die Philosophin zwischen Windeln, Kartoffelbrei und Halbtagsjob –
Denken Frauen anders?

 

Für Virginia Woolf

 

Denken Frauen anders? Wenn man es doch nur wüsste. Denn historisch, das steht fest, haben Männer zumindest mehr, wenn nicht: beinahe ausschließlich gedacht, wenn man darunter ein öffentliches oder veröffentlichtes Denken versteht. Männer haben Bibliotheken voller philosophischer Grundlagenwerke gefüllt, haben Systeme errichtet, turmhoch für die Ewigkeit, haben die großen Fragen gewälzt, immer wieder die gleichen Begriffsberge hinauf, haben die großen Ideen gepredigt, wenn auch selten mit ebenso großen Folgen. Frauen existieren in der Philosophiegeschichte ebenso wenig als Subjekte des Denkens wie als Objekte: Der Mensch ist, seit Anfang aller Philosophie, ein Mann, wie der monotheistische Gott, sein Ebenbild; und wenn Frauen darüber anders gedacht haben, haben sie es nicht aufgeschrieben.

 

Sie hatten, das muss man zugeben, auch kaum Chancen das zu tun, und zwar aus einer Vielzahl von Gründen. Der erste ist zum Gähnen langweilig und zum Abwinken trivial; trotzdem muss es gesagt werden, weil es wahr ist und die Wurzel aller intellektuellen Benachteiligung und Unterdrückung schlechthin: Lesen und Schreiben waren bis vor sehr kurzer Zeit sehr rare Bildungsgüter für Frauen. Ohne Lesen und Schreiben jedoch kann Frau denken, wie und was sie will – es wird keinerlei bleibende Spuren hinterlassen, und wir werden niemals wissen, ob Xanthippe vielleicht eine noch ausgeklügeltere geistige Hebammenkunst entwickelt hatte als ihr hakennasiger Gatte, oder ob Descartes‘ Lebenspartnerin dem „cogito ergo sum“ ein energisches „ich gebäre also bin ich“ entgegen geschleudert hat.

 

Dazu kommt: Philosophisches Denken ist, wie jeder Leistungssport, anstrengend und will trainiert sein – am besten von früh an, unter fachkundiger Anleitung, mit erprobten Trainingsmethoden,in einer anregenden Umgebung und, wenn es eben geht, mit Aussicht auf eine würdige Belohnung für all die Strapazen. Philosophische Naturtalente sind zwar sicherlich, ebenso wie mathematische Genies, musikalische Wunderkinder oder sportliche Frühbegabungen, vorstellbar – einfach, weil das menschliche Gehirn aufgrund des segensreichen Würfelspiels der Evolution offensichtlich zu jeder noch so bizarren Form von Hochleistung rein zufällig in der Lage sein kann. Sie sind nur etwas schwerer zu finden, da wohl die Weisheiten eines frühkindlichen Hegel eher unter die Kategorie „altkluges Balg“ verbucht worden wären („ist er nicht niedlich? Heute hat er schon wieder vom Weltgeist gebabbelt, ich weiß wirklich nicht, woher er das hat!“). Kleine Mädchen nun gar, die ihre Puppen zum philosophischen Symposion gruppiert hätten anstelle an ihnen neue Frisuren auszuprobieren, wären sicherlich ernsthaft von ihren besorgten Müttern zurechtgewiesen worden ("niemand wird die Prinzessin wachküssen, weil sie so klug aussieht!").

[...]

 

(eine vollständige Version des Textes finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)

 

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Es sprach die Rabenmutter: Nimmermehr!

 

Man könnte geradezu Mitleid bekommen mit den armen Raben. Seit Generationen müssen sie herhalten für eines der ältesten Klischees der Familienpolitik. Nein, gemeint ist gerade nicht der allgegenwärtige Vorwurf an arbeitende Mütter, den hilflosen Nachwuchs kurz nach der Geburt im Nest allein und seinem Schicksal zu überlassen, um möglichst schnell der heimeligen Nestwärme zu entfleuchen und den kalten Gipfeln der Karriereleiter entgegen zu flattern. Gemeint ist vielmehr die äußerste Gedankenlosigkeit, mit der dieser Vorwurf nun seit Jahrzehnten benutzt wird, um zu vertuschen, dass an der Sache vielleicht ja etwas dran sein könnte. Womit nicht gemeint ist, dass man Mütter (oder Väter; ein- für allemal: im Folgenden geht es nicht um Geschlechterrollen, sondern um Familienpolitik!) kategorisch an Heim und Herd verbannen sollte, sondern vielmehr, dass Kinder doch so etwas wie Nestwärme in dieser trotz wachsenden Ozonlochs immer kälteren Welt brauchen könnten; und dass sogar, man wagt es kaum zu sagen, ein kuscheliges und wohlgepflegtes Nest etwas durchaus Schützens- und Behütenswertes sein könnte. Als familienpolitisches Allheilmittel wird aber stattdessen, inzwischen mit geradezu verdächtiger Einstimmigkeit im Parteien- und sonstigen Meinungsspektrum, der Anspruch auf einen Vollzeitbetreuungsplatz für den Nachwuchs propagiert, und zwar so früh wie möglich. Sind die lieben Kleinen dann erst einmal arbeitszeit- und feriendeckend untergebracht, steht dem Familienglück dieser Vorstellung zufolge nichts mehr im Weg; außer der Kleinigkeit vielleicht, dass man sich eigentlich kaum noch trifft auf den durchorganisierten Trampelpfaden zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen, Kita, Schule, Fußballtraining, Klavierunterricht, Fitnessstudio und Stresstherapie.


Dass die Rabenmutter zum gesellschaftlich geforderten Rollenvorbild mutiert ist– „Ich bin eine Rabenmutter und stolz darauf!“ -, ist allerdings in erster Linie  handfesten politischen und wirtschaftlichen Interessen geschuldet und spiegelt nicht etwa hochfliegende pädagogische, humanistische oder feministische Ideale. Schon ein sehr oberflächlicher Blick auf die Ausbildungswege und die Gehaltstabellen von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen zeigt, dass bessere Kinderbetreuung oder individuelle Begabungsförderung in einer entscheidenden Phase frühkindlicher Entwicklung offensichtlich nicht das familienpolitische Ziel ist. Politisch und wirtschaftlich geboten ist vielmehr die allseitige Verfügbarkeit auch des weiblichen, neuerdings ja sogar besser ausgebildeten und deshalb wirtschaftlich effizienter verwertbaren Arbeitskräftereservoirs: Alle sollen arbeiten, und alle sollen möglichst qualifiziert arbeiten, und je mehr und je länger, desto besser für den Wirtschaftsstandort. Bringen wir die kleinen Rabenkinder also möglichst geräuschlos den ganzen Tag unter, bis die Nicht-Mehr-Rabenmutter abends freudestrahlend aus ihrem erfüllten Berufsleben zurückkehrt, den Nicht-Mehr-Oder-Noch-Nie-Rabenvater, der gerade dem Zweitwagen entsteigt, herzt und küsst und anschließend die Rabenkinder wohlgeputzt, gefüttert und in all ihren Talenten optimal gefördert in Empfang nimmt, um sich in den verbleibenden Stunden des Tages einem innigen Familienleben zu widmen – quality time ist sowieso besser als stupides Einfach-Da-Sein, und es kommt schließlich nicht auf die Länge der miteinander verbrachten Zeit an, sondern auf ihre – ja was genau eigentlich?

[...]

 

(eine vollständige Version des Textes finden Sie in: 

Weiter denken. Essays wider die Kurzsichtigkeit der Moderne)


 

  

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