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Kostproben


Der Tag, an dem ich meinen freien Willen bei Ebay verkaufte

 

Alles fing damit an, dass ich meinen Kleiderschrank ausmisten wollte. Es ist ein sehr großer Massivholzkleiderschrank, mit Schubladen und Stangen intelligent und übersichtlich gegliedert, aber irgendwann ist auch die Kapazität großer Massivholzkleiderschränke erschöpft. Nun gehöre ich gar nicht zu den Frauen, die jeder neuen Mode hysterisch hinterherhinken; eher im Gegenteil. Ich kaufe brave, haltbare, der Euphemismus der Werbeindustrie ist: „klassisch-zeitlose“ Bekleidung, mit der man nicht auffällt, aber die ich leiden mag. Da ich sie aber leiden mag, mag ich mich nicht von ihr trennen. Es gibt Pullover, die sind inzwischen eher wollene Erinnerungsspeicher denn Kleidungsstücke; den Norwegerpullover beispielsweise, den ich in meiner Jugend selbst gestrickt hatte, er war aus Schafwolle, die man auf einem Bauernhof kaufte und die ziemlich kratzig war, aber ich hatte die Raglanärmel gemeistert, und das Muster war nun wieder klassisch-zeitlos, und ich würde ihn nie, nie wieder tragen, weil er inzwischen viel zu klein war, von seinem kratzigen Charakter ganz abgesehen. Immerhin habe ich vor einiger Zeit eine Art Zwischenstufe oder Vorhölle auf dem Weg zum Altkleidercontainer angelegt, für Klamotten, die noch gut genug sind für die Gartenarbeit oder zum Renovieren (Endstation). Das eigentliche Problem ist auch nicht, dass man nichts mehr hineinbekommt in das Schrankmonster. Nein, die Simplify-your-Live-Ratgeber haben einfach Recht: Wer nicht einmal Kleiderschrank nicht unter Kontrolle bekommt, wird demnächst auch die über sein Leben verlieren. Ich bin eigentlich sogar ein Kontrollfreak. Ich habe nur einige Schwächen.


An diesem Tag also hatte ich all mein Pflichtgefühl zusammengenommen (es hat eine ziemlich große Kammer in meinem Kopf und ist von dominanter Natur), mir jegliche sentimentale Regung verboten und mich mit dem Sack vor den Schrank gestellt. Und während ich zögerlich Schubladen aufzog, dieses oder jenes vorsichtig in die Hand nahm, abwägend, bedenkend – vollzog mein Gehirn eine vertraute Ausweichbewegung, die mich häufig bei der Hausarbeit oder beim Zähneputzen überfällt: Es beginnt nämlich angesichts des Unbedeutenden und der Lappalie über wichtige Prinzipienfragen nachzudenken. Man kann es auch philosophieren nennen, und da in meinem durchgetakteten Tag zwar Slots fürs Zähneputzen oder die Hausarbeit reserviert sind, hingegen keiner für außerberufliches, freies Philosophieren, ist es eigentliche eine sehr sinnvolle Form von Multitasking (doch, gibt es wirklich, aber nur mit bestimmten Tasks, beim Zähneputzen reicht es eigentlich erfahrungsgemäß für ein oder zwei Aphorismen). Mein Gehirn begann also naheliegender Weise darüber nachzudenken, ob man nicht gelegentlich auch innere Kleiderschränke ausmisten sollte, was schon fast ein Aphorismus war, aber man soll Ordnung halten in seinen inneren Kleiderschränken und ich war ja nicht beim Zähneputzen. Nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich ein solches geistigen Ausputzen regelmäßig vornahm und schon einige jugendliche Überzeugungen und Irrtümer (beide hatten einen erstaunlichen Überschneidungsbereich) entsorgt hatte; es war im Übrigen nicht minder schmerzhaft wie die Kleiderschrankrevision und vielleicht noch stärker sentimental überlagert. Aber gab es nicht doch, irgendwo, ganz versteckt hinter der Schublade mit den Sockenwaisen, etwas in meinem Kopf und meinem Leben, was ich partout nicht brauchte, nach der goldenen Simplify-Regel: Wenn du es im letzten Jahr nicht benutzt hast, brauchst du es offensichtlich nicht? Und ich weiß nicht, aus welcher dunklen Ecke mir der Gedanke in den Kopf sprang, der auf einmal sagte: Nun, offensichtlich hast du schon seit längerem auf die Benutzung deines „freien Willens“ (ich setze diesen Begriff hier einmal in die Anführungszeichen, in die er aufgrund seiner wesenhaften Uneigentlichkeit eigentlich gehört, man möge sie sich künftig hinzudenken) verzichtet, oder? Denk doch mal gründlich nach. Wann hast du das letzte Mal –irgendetwas völlig Spontanes, Abwegiges und Unberechenbares getan, das auch mit größter Mühe nicht auf eine hinreichende Ursache zurückzuführen oder auf einen begründbaren Zweck hin ausgerichtet war?


Nun bin ich zwar ein Kontrollfreak, aber weil ich eine philosophische Kontrollfreakin bin und weiß, dass man Einseitigkeit jeglicher Art vermeiden kann und soll, kann ich spontan sein. Ziemlich sogar. Mein Tag ist nämlich gar nicht restlos durchgetaktet, er hat geplanten Raum für Spontaneität, so komisch das klingt. Es ist eine Art – beherrschbare Spontaneität, und ich genieße sie sehr, wenn sie mir gelingt. Aber sie ist, ehrlich gesagt, nicht direkt: unberechenbar, unbegründbar, frei von Ursache und Wirkung und dem großen Determinismus-aller-Dinge, wie immer wir ihn nennen mögen. Sie sagt, zum Beispiel: Ach, schau, was für ein schöner Tag, du könntest heute Mittag einen Spaziergang machen anstelle des power naps, und es reicht auch, wenn du morgen die Bettwäsche wechselst! Freier Wille hat eher wenig damit zu tun. Wie mit den meisten Dingen überhaupt, und damit kehrte mein Gehirn wieder auf seinen gewohnten Denkpfad zurück, er hieß: „Freier Wille ist eine Fiktion von Leuten, die sonst arbeitslos wären (Philosophen, Theologen, Ideologen) oder eine Schutzbehauptung von Menschen, die damit ihre Gemeinsamkeit mit den Tieren vertuschen wollen“. Genau, sagte ich mir; und ergo: egal ob es ihn gibt oder nicht, ich brauche ihn jedenfalls nicht! Bin sowieso schon arbeitslos, bleibe das als Berufsphilosophin wahrscheinlich auch auf absehbare Zeit und habe eigentlich kein Problem damit, dass ich meine Katze Bella ab und zu für wesentlich schlauer halte als mich selbst! Weg damit, weg mit diesem dummen freien Willen, der, seien wir ehrlich, eine ernsthafte Behinderung beim Denken und vor allem beim Handeln ist! (beim Fühlen hingegen scheint seltsamerweise allgemein akzeptiert zu sein, dass es keinen freien Willen gibt, sonst könnte man sich ja beispielsweise entlieben, was aber gemeinhin als Zumutung empfunden wird; sorry, Abweg, meiner inneren Rechthaberin!).


Ich freute mich sehr, als ich diesen Gedanken gefasst hatte und auch keinerlei inneren Widerspruch von den verschiedenen Instanzen meines Gehirns hörte (der Pflichtteil nickte geradezu energisch, der Lustteil war völlig fasziniert von den neu sich eröffnenden Möglichkeiten). Aber dann sah ich auf meinen immer noch spärlich gefüllten Altkleidersack mit ein paar wollenen Dingen, die mir seltsam vertraut vorkamen; es zuckte in wenig in den Fingern, aber ich überwand die Versuchung, indem ich mich auf die unabweisbar in mir aufsteigende Frage konzentrierte: Wohin damit? (mit dem freien Willen, nicht mit dem Altkleidersack) Auf den Müllplatz der falschen Ideen in der Geschichte, damit er schlummere neben dem geozentrischen Weltbild, der Überlegenheit des Mannes und dem dialektisch unvermeidlichen Endsieg des Weltgeistes? Das hatte noch nicht einmal der freie Wille verdient. In ein Recycling-Verfahren gebrauchter Konzepte, vielleicht könnte irgendein Entwicklungsland noch etwas damit anfangen? Oder man könnte noch einige wiederverwertbare Elemente extrahieren (den Willen zum Beispiel) und den Rest auf den Müllhaufen der Geschichte werfen (die Freiheit also)? Oder doch besser zum Sondermüll, die Strahlungsgefahr schien mir nicht unbeträchtlich? Doch dann hatte ich die erlösende Idee: Ich würde es genauso machen, wie es alle mit den getragenen Schuhen machten und den ungelesenen Büchern und dem ererbten falschen Orientteppich: Ich würde meinen freien Willen bei Ebay versteigern!


Schnurstracks, so spontan kann ich nämlich sein, ließ ich Säcke und Kleiderschrank und alle angefangenen anderen Ideen liegen und rannte zum Computer. Ich hatte schon das ein oder andere bei Ebay verkauft, meist sehr unter Preis in den Kleinanzeigen, und meinte also mit dem Verfahren vertraut zu sein. Allein, kaum hatte ich das Fenster geöffnet, begannen die Schwierigkeiten. Welcher Kategorie war der freie Wille wohl zuzuordnen? Gewohnt systematisch ging ich die Liste durch. „Beauty und Gesundheit“, könnte man vielleicht sagen; aber dann schien es mir doch eher so zu sein, dass die meisten Leute ihren freien Willen (immer schön die Anführungszeichen mitdenken!) genau dann aus der Tasche zogen, wenn sie etwas extrem Unvernünftiges und Gefährliches machen wollten, Rauchen zum Beispiel oder Bungee-Springen oder eine extreme politische Partei wählen. „Handy und Kommunikation“ erwog ich kurz, im Wesentlichen, weil ich mir dadurch eine erhöhte Trefferrate erhoffte; aber dann würde sicherlich irgendein babybärtiger Nerd meinen schönen freien Willen ersteigern und entweder eine süchtig machende App auf seiner Basis entwickeln oder gar eine KI entwickeln, die sich dann prompt gegen die Menschheit wenden würde und sie aus freien Willen, einfach so, mit den eigenen Atomwaffen in die Luft sprengen würde (na gut, das wäre schon ziemlich logisch folgerichtig, da braucht man gar nicht so viel freien Willen, sagte meine innere Zynikerin)! Auch „Heimwerker“ brachte mich einen Moment in Versuchung: Wir basteln uns einen freien Willen, zum Hausgebrauch, mit Anleitung in nur sieben Schritten und ohne zusätzliches Werkzeug, beispielsweise Verstand! Oder gar „Spielzeug“, aber dann dachte ich daran, wie schön unser Sohn früher spielen konnte, ganz ernsthaft und natürlich und folgerichtig, und man soll nicht die wenigen Dinge zerstören, die noch uninfiziert sind von der großen Bullshit-Blase, die sich inzwischen auf jeden einzelnen Lebensbereich gestürzt hat und wie ein Krebs immer weiter wuchert, Phrase um Phrase. Aber „Sammeln und Seltenes“, war das nicht eigentlich das Beste? „Selten“ war immerhin der nächste Nachbar von „nie“, wo meines Erachtens der freie Wille eigentlich wohnte; und es würde sich sicherlich ein Exzentriker finden, der einen kleinen freien Willen, sauber eingeglast (es schwebte mir ein Bild von diesen seltsam bleichen Homunculi, die früher in Naturaliensammlungen in Gläsern aufbewahrt wurden, vor meinem inneren Auge) neben – was weiß ich, ein seltenes Fabergé-Ei oder die Blaue Mauritius oder den letzten Nacktmull, bevor sie alle von Google in einem fehlgeschlagenen Experiment über die Unsterblichkeit verbraucht wurden? – stellen würde. Aber wer würde schon suchen in „Sammeln und Seltenes“? Nein, die innere Pragmatikerin sagte: Sei vernünftig, du willst das Ding schließlich los sein, oder? Also, ab unter „Verschiedenes“! (die Pragmatikerin war sehr interessiert daran, den freien Willen los zu werden; sie hatte ihn seit jeher als eine Art Konkurrenz aufgefasst, es sei aber kein fairer Wettbewerb, so lamentierte sie immer wieder).


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