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Bilder * Texte * Gedanken


Das Geheimnis von Nr. 64

Jugendroman

Von Park Yong-Ki. Übersetzt aus dem Koreanischen 
von Cho Woo Ho und Jutta Heinz

 




Klappentext:

Kurz nachdem ein mysteriöser Mann Ingi einen Zettel mit der Aufschrift "64" in die Hand gedrückt hat, beginnt für ihn eine traumhafte Reise: In einem Labor im Untergrund begegnet er einer sprechenden Bakterie, mit deren Hilfe er eine Invasion der Viren abwehren muß. Doch was verbirgt sich hinter der Zahl 64? Schafft Ingi es rechtzeitig, das Rätsel zu lösen?

Der Roman lädt uns auf die abenteuerliche Suche nach den Geheimnissen des Lebens ein. Er führt uns durch die Geschichte der Evolution bis hin zu neuen Erkenntnissen der Genetik und vermittelt unterhaltsam ein tieferes Verständnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge.


Leseprobe:

 

1. Darwins Käfer

 „Wow, das stimmt! Ich höre Wasser rieseln!“, rief das Kind begeistert und zog sich das Stethoskop aus dem Ohr. Die Augen der ihn umstehenden Kinder waren groß geworden. Weitere Kinder, die in einiger Entfernung gespielt und unter abgefallenen Blättern nach Eicheln gegraben hatten, liefen neugierig herüber.

„Wirklich? Du hast Wasser rieseln gehört?“

Die anderen Kinder streckten gierig die Hände nach dem Stethoskop aus. Der Lehrer hielt sie jedoch zurück und sagte: „Wartet, ihr müßt euch in einer Reihe anstellen. Dann könnt ihr es gleich alle selbst hören“.

Blitzschnell hatten die fünfzehn Kinder eine Reihe gebildet. Das erste Kind bekam das Stethoskop, setzte es auf beide Ohren und legte seine trompetenförmige, runde Vorderseite vorsichtig auf den Baum. Es wurde ganz still um ihn herum. Die Kinder konzentrierten alle ihre Sinne auf den Baum. Dann konnte man das feine Rieseln eines Baches hören, das von weit her zu kommen schien. Es rieselte, rieselte, rieselte ....

„Ich kann es hören! Das Wasser rieselt!“, schrie das vorderste Kind, das Stethoskop noch in den Ohren. Es schien völlig zu vergessen, daß hinter ihm die anderen begierig warteten, und löste das Stethoskop erst vom Baum, als der nächste hinter ihm ihn ungeduldig am Arm zog.

Der Lehrer hatte an diesem Tag mitten in der Naturkunde-Stunde seinen Unterricht unterbrochen und vorgeschlagen, auf den Berg hinter der Schule zu steigen. Die Kinder hatten sofort vor Freude applaudiert. Sie waren froh, dem stickigen Klassenzimmer zu entkommen. Der Lehrer, der ihnen kurz darauf folgte, hatte ein Stethoskop mitgenommen. Verstohlen kichernd hatten die Kinder einander zugeflüstert: „Wozu braucht man denn ein Stethoskop für einen Ausflug zum Berg?“ Sie waren wahrlich nicht auf die Idee gekommen, man könnte mit dem Gerät das Wasser in einem Baum rieseln hören.

Der Lehrer erklärte nun, nachdem sich die Kinder wieder um ihn versammelt hatten: „Das Geräusch des Wasserrieselns, das ihr gehört habt, entsteht dadurch, daß der Baum Wasser von seinen Wurzeln hinauf zu den Blättern befördert. Es ist ein Anzeichen dafür, daß ein scheinbar völlig leblos stillstehender Baum in der Tat in seinem Inneren fleißig arbeitet. Wahrscheinlich wißt ihr schon, wie wertvoll Bäume für uns Menschen sind. Schon seit jeher hat man die Nützlichkeit des Waldes erkannt und den Wert von Bäumen hoch geschätzt. Wohl deshalb tauchen auch in unseren alten Geschichten viele Erzählungen von Bäumen auf. Ihr kennt doch das Märchen ‚Jack und der Bohnenbaum?’ Auch diese Geschichte ist sehr alt. Damals dachten die Leute, ein zum Himmel aufsteigender Baum verbinde sich mit Gott. Deshalb hielten sie den Baum heilig und verehrten ihn.“

Die Kinder tuschelten stolz miteinander; ja, ‚Jack und der Bohnenbaum’ war ihnen wohlbekannt.

„Kann ein Baum sprechen?“, fragte der Lehrer sie nun.

„Wie soll ein Baum denn sprechen können?“ Die Kinder lächelten ein wenig über diese unsinnige Frage.

„Denkt ihr etwa, ein Baum müsse so sprechen, wie ein Mensch spricht? Wenn unsere menschliche Sprache ein Mittel ist, sich miteinander zu verständigen, kann es dann nicht auch noch andere Arten geben, sich etwas mitzuteilen? Die Wissenschaftler haben einmal ein Experiment durchgeführt, das mit dieser Frage zusammenhängt. Sie haben an einem Baum ein Elektrokardiogramm angebracht. Das ist ein Gerät, das eine schöne regelmäßige Kurve anzeigt, wenn sich ein Mensch innerlich friedlich fühlt und sein Herz gleichmäßig schlägt. Genau so war es auch mit den Bäumen. Die Wissenschaftler ließen zuerst einen Holzfäller mit einer Axt an dem Baum vorbeigehen, der dabei daran denken sollte, den Baum zu fällen. Ahnt ihr schon, was dabei passierte? Die Kurven auf dem Elektrokardiogramm begannen zu schwanken und wurden sehr unregelmäßig“.

„Stimmt das wirklich?“ Erstaunt und zweifelnd sahen die Kinder den Lehrer an.

„Es geht noch weiter. In einem zweiten Versuch ging der Holzfäller wieder vorbei, allerdings diesmal ohne daran zu denken, den Baum zu fällen. Nun wurden die Kurven auf dem Gerät wieder sanft und gleichmäßig, wie zu Beginn. Noch erstaunlicher aber war folgendes: Die Wissenschaftler haben auch die anderen Bäume, die um den Baum herum standen, mit dem Elektrokardiogramm untersucht und dabei bemerkt, daß sie alle zu zittern schienen. Auch ihre Kurven wurden nämlich sehr unregelmäßig. Ist das nicht wirklich erstaunlich? Bäume sind nicht nur in der Lage, in einer eigenen Art und Weise miteinander zu sprechen; sie können sogar die Gedanken eines Menschen lesen!“

„Das können wir nicht glauben. Wie soll das denn funktionieren?“

„Ja, das ist nicht leicht zu glauben. Die Wissenschaftler haben auch noch keinen Grund dafür gefunden, daß die Bäume die Gedanken der Menschen lesen können. Dennoch müssen auch sie anerkennen, daß ein Baum ein Lebewesen ist, das Furcht und Angst fühlt und die Schmerzen eines Freundes bemitleidet.“

Die Kinder nickten stumm. Ihre verblüfften Augen zeigten jedoch, daß sie immer noch nicht überzeugt waren. Auch Ingi, der ganz hinten stand und stumm, fast zerstreut dem Lehrer zuhörte, dachte bei sich: „Das ist doch Unsinn! Wie kann ein Baum sprechen? Er hat doch keine Augen und Ohren!“ Deshalb hatte er eigentlich auch gar keine Lust, mit dem Stethoskop das Rieseln des Baumes anzuhören.

Der Lehrer war gerade in diesem Schuljahr erst an Ingis Schule gekommen. Zur ersten Stunde war er mit einem Klumpen Knetmasse in der Hand erschienen. Die Schüler hatten neugierig nach vorn geschaut. Der Lehrer hatte die Knetmasse hochgehoben und sie dann energisch auf den Boden geschleudert. Die Schüler waren sehr verunsichert und angespannt gewesen. Der Lehrer löste die Knetmasse sorgfältig vom Boden und knetete sie noch einmal kräftig durch, bis sie wie ein holpriger Felsstein aussah. In den Gesichtern der Schüler hatte sich der Zweifel vermehrt.

„Diese Knetmasse“, das war der erste Satz des Lehrers gewesen, „das seid ihr! Ihr habt sicherlich im Kunstunterricht bereits viele unterschiedliche Formen und Gestalten geknetet? So, wie eine unförmige Knetmasse in unendlich viele Gestalten verwandelt werden kann, so hängt auch bei euch das, was ihr einmal werdet, davon ab, wie und was ihr lernt!“

Da hatten die Schüler verstanden, was ihnen der neue Lehrer sagen wollte; und sie sollten sich noch lange an diese erste Unterrichtsstunde erinnern.

Seine Lehrmethoden waren überhaupt sehr merkwürdig. Während der Unterrichtsstunde überfiel er die Schüler ununterbrochen mit Fragen, so daß sie gar keine Zeit hatten, sich von etwas anderem ablenken zu lassen. Aber wenn sie konzentriert seinen Fragen folgten, verstanden sie immer mehr. Sie freuten sich darüber, so viel Neues gelernt zu haben, und merkten gar nicht, daß sie sich dafür angestrengt hatten.

Vor allem die bisher trockenen und langweiligen Naturkunde-Stunden wurden durch die Auftritte des Lehrers in einen mit wundersamen Geschichten bis obenhin gefüllten Zaubersack verwandelt. Die Schüler zählten die Stunden bis zum nächsten Naturkunde-Unterricht und waren gespannt, was für eine Geschichte sie diesmal von ihrem Lehrer hören würden.

Der Lehrer nahm nun eine Handvoll der um den Baum herumliegenden schwärzlichen Erde auf und fragte weiter: „Was ist alles in dieser Erde?“

„Erde, Steinchen, verrottete Laubblätter, und noch....“ - das gerade dem Lehrer gegenüberstehende Kind, das schnell geantwortet hatte, kam ins Stottern, weil ihm nichts mehr einfiel.

„Sonst nichts? Könnt ihr euch auch vorstellen, daß es in dieser Handvoll Erde mehrere Millionen Lebewesen gibt?“

„Ganz winzige Insekten? Ähnlich wie Bakterien?“

„Aha, das wißt ihr also schon. Viele Lebewesen schwärmen ja in der Erde herum, die für unsere Augen unsichtbar sind.“

„Weiß ich doch schon“, bemerkte ein Kind mürrisch. Der Lehrer sah es direkt an und sagte: „Weißt du aber auch, daß jene winzigen Lebewesen, die dir so unwichtig vorkommen, viel früher als wir Menschen diesen Planeten bewohnt haben?“ Während er die Erde wieder auf den Boden zurück legte, fuhr der Lehrer fort: „All die Bäume, die heute mitten in der Stadt leben, sind in einer schwierigen Lage. Wegen der Luftverschmutzung können sie nicht natürlich aufwachsen und sich entfalten. Dadurch wird das Ökosystem, in dem Tiere und Pflanzen harmonisch zusammenleben, verletzt. Fortpflanzung und Evolution können sich nur weiter entwickeln, wenn weiterhin immer neue, verschiedene Arten von Pflanzen und Tieren entstehen können.“

„Das verstehe ich nicht!“

„Also, stell dir mal vor, es gäbe auf der Erde nur fünf Sorten Äpfel. Innerhalb kürzester Zeit könnten sie alle durch schädliche Insekten oder Krankheiten aussterben. Je kleiner nämlich die Zahl der Arten eines Lebewesens ist, und je weniger Vertreter dieser Arten es gibt, desto schwieriger ist es, daß sich neue, veränderte Arten entwickeln. Es ist aber nötig, daß neue Arten entstehen, die sich veränderten Lebensbedingungen anpassen können; also daß neue Sorten von Äpfeln entstehen können, die gegen die Krankheiten und Schädlinge der alten Sorten immun sind. Sonst wird es bald überhaupt keine Äpfel mehr geben.“

„Deshalb haben die Insekten auch über hunderttausend Arten!“

„Genau. Tatsächlich sind bisher 99 % aller Lebewesen ausgestorben. Doch in der alten Zeit entstanden wenn alte Arten verschwanden, gleichzeitig immer neue. Heute ist das anders: Durch den Einfluß des Menschen sterben immer mehr Arten aus, ohne daß sie durch neue ersetzt werden. Dadurch wird die Verschiedenheit des Lebens auf der Erde insgesamt bedroht. Das könnte am Ende das ganze Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen!“

„Schauen Sie mal hierher, Herr Lehrer!“ Ein Kind, das an einer anderen Stelle gespielt hatte, hatte eine Entdeckung gemacht und rief nun, mit Händen und Füssen gestikulierend. Der Lehrer ging hin zu dem Kind, das aufgeregt auf einen Baum wies. Ganz vorsichtig löste der Lehrer die Haut eines Insekts von der Baumrinde und sagte: „Das ist die Haut der Zikade“. Mit dicht zusammengedrängten Köpfen schauten die Kinder, sie hatten noch nie eine unverletzte Zikadenhaut gesehen.

„Da fällt mir doch gerade eine Geschichte ein“, sagte der Lehrer. „Ihr kennt Charles Darwin, nicht wahr?“

„Ja, das ist der berühmte Wissenschaftler, der ‚Die Entstehung der Arten’ schrieb“, antwortete ein Kind mit lauter Stimme.

„Ja, genau. Nun rate aber mal: Welches Spiel hat Darwin als Kind am liebsten gespielt?“

„Das weiß ich wirklich nicht!“

„Er sammelte in Wald und Feld Insekten!“

„Igitt! Das ist wieder so eine Geschichte, daß berühmte Leute schon als Kinder anders waren als gewöhnliche Leute!“ Ein anderes Kind murmelte von hinten, das sei auch nur wieder irgend so ein altes Märchen.

„Das stimmt nicht. Ich will euch nur eine interessante Geschichte erzählen!“, sagt der Lehrer mit Blick auf den Störenfried.

„Weiß ich schon“, murmelte dieser trotzig.

„Liebes Kind, wer nicht zuhören will, muß auch nicht zuhören. Die Geschichte ist in der von Darwin selbst verfaßten Autobiographie, der Geschichte seines Lebens, beschrieben. Darwin fand als Kind eines Tages auf einer Waldwanderung auf einem Baum zwei Käfer. Da er gern Käfer sammelte, fing er die beiden schnell. Da sah er noch einen dritten Käfer, der sich wegschleichen wollte. Was sollte er nun tun? Er hatte doch schon in jeder Hand einen Käfer!“

„Hm, ihm blieb wohl nichts anderes übrig als aufzugeben!“, antwortete ein Kind schnell.

„Denkt nochmal nach. Vielleicht habt ihr noch eine bessere Idee!“

Ein anderes Kind sagte: „Er könnte einen Käfer in die Tasche stecken, und dann könnte er vielleicht den dritten Käfer gefangen!“

„So? Das ist doch eine gute Idee!“, sagte der Lehrer lächelnd. „Darwin war nämlich nicht klüger als ihr. Er hätte einen Käfer in die Tasche stopfen können und mit der freien Hand den dritten Käfer nehmen sollen. Er hat aber nicht so weit gedacht. Wißt ihr, was er gemacht hat? Er hat den einen Käfer von seiner Hand in den Mund gesteckt!“

„In den Mund?“ Überrascht sahen die Kinder zum Lehrer auf. Auch das trotzige Kind in der hinteren Reihe war nun aufmerksam geworden und hatte heimlich dem Lehrer zugehört. „Er hat einen widerlichen Käfer in seinen Mund genommen?“

„Wenn der Käfer nur widerlich ausgesehen hätte, wäre es ja noch gegangen. Aber der blieb nicht tatenlos, sondern spritzte Darwin eine starke Säure in den Mund“, erzählte der Lehrer, immer noch lächelnd.

„Säure?“

„Ja, Insekten verspritzen Säure, einen chemischen Stoff, wenn sie ihre Feinde angreifen. Eine dieser Säuren ist sogar stark genug, um Eisen zu schmelzen!“

„Dann ist in Darwins Mund alles geschmolzen?“

„Ganz so schlimm war es nicht. Darwin berichtet nur, daß sein Mund sich wie von innen verbrannt anfühlte“.

„So ein Dummkopf .... daß man mit so wenig Verstand so berühmt werden kann!“, bemerkte ein Schüler höhnisch lächelnd.

„Richtig, das stimmt. Es geht nicht nur darum, einen dummen oder einen klugen Kopf zu haben. Viel wichtiger ist es, gute Einfälle zu haben und seine Arbeit zu gut wie möglich zu machen!“ Der Lehrer gab die Zikadenhaut dem gegenüber stehenden Kind, und die anderen drängten herbei, um sie näher zu betrachten.

Gerade als der letzte Schüler mit dem Stethoskop das Rieseln im Baum gehörte hatte, läutete von der Schule her die Glocke zum Unterrichtsende. Der Lehrer ging langsam den Berg herab, und die Kinder liefen in den Wald, um noch weitere Zikadenhäute zu finden.

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