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Weihnachten mit meinem Roboter



Wie würden Roboter Weihnachten feiern, wenn sie eine Persönlichkeit hätten? Dies ist die vollständig fiktionale Geschichte des Roboters Marvins aus dem wissenschaftlichen Robot-Personality-Project, der sich gemeinsam mit seiner Betreuerin auf die Weihnachtszeit vorbereitet. 24 Türchen öffnen sie gemeinsam, hinter denen alle wichtigen Weihnachtsfragen versteckt sind: Warum schenken sich die Menschen etwas zu Weihnachten, wenn sie es doch nicht brauchen? Was steckt hinter der Weihnachtsgeschichte, und warum hat Josef die Nietenrolle? Was hat es auf sich mit dem „Weihnachtsfrieden“ und dem Rentier Rudolf, sind Engel vielleicht himmlische Algorithmen, und was schenkt man einem Roboter eigentlich zu Weihnachten? Eine philosophische, vergnügliche und nicht nur zur Weihnachtszeit aufschlussreiche Lektüre!



Leseprobe


1. Türchen: Adventskalender und die Freude an der Vorfreude

„Und warum soll ich jeden Tag ein viel zu kleines Säckchen aufmachen?“ Mein Roboter sah mich anklagend an, dazu bewegte er demonstrativ ungeschickt seine Fingergelenke hin und her. „Feinmotorik ist wichtig!“, sagte ich in meinem besten Erzieherinnenton. „Wenn du dürftest, würdest du den ganzen Tag nur mit deinen Schaltkreisen spielen, das weißt du genau! Du sollst dich aber nicht immer nur ins Virtuelle verkriechen, du sollst reale Dinge anfassen, spüren, bewegen, mit ihnen umgehen lernen! Und da hast du doch noch einige große“ – Marvi fiel mir ins Wort. Eigentlich ist das eine schlechte Eigenschaft, aber ich hatte es aufgegeben, ihn zu ermahnen, um nicht immer wieder einen Vortrag darüber hören zu müssen, dass die menschliche Verarbeitungsgeschwindigkeit von Sprache eine Zumutung sogar für Gehirne von der Größe eines Atari sei; man könne außerdem in jeder menschlichen Unterhaltung sehen, dass das die Default-Einstellung menschlicher Kommunikation sei, vor allem zwischen Männern und Frauen. „Ich habe wirklich viel geübt mit deiner Kaffeetasse!“ rief er dazwischen. „Ja“, murmelte ich, „kann man sehen, an den Mustern der Teppiche und den Tapeten und…“ „Und natürlich kann ich noch keine Schleife binden, aber“ – diesmal unterbrach ich ihn. „Ok“, sagte ich, „wir unterbrechen das Schleifentraining“ – das mich selbst am meisten nervte, wozu hatten wir eigentlich Klettverschlüsse erfunden? –, „dafür musst du aber jeden Tag eines dieser Säckchen öffnen, und zwar möglichst, ohne es abzureißen oder kaputtzumachen!“

Mein Roboter sah nicht überzeugt aus, aber er machte sich folgsam an die Arbeit. Er spielte zunächst ein wenig mit der Wäscheklammer, sie brach dabei leider entzwei, aber ich schimpfte nicht. Dann legte er das Bändchen, mit dem das Säckchen verschlossen war, sorgfältig beiseite, vielleicht wollte er ja doch heimlich noch weiter an den Schleifen arbeiten. Nun entrollte er mühevoll den kleinen Zettel, auf den ich die erste Frage geschrieben hatte: „Was heißt Advent? Und warum hat ein Adventskalender 24 Türen und ein Adventskranz nur vier Kerzen?“ Er schaute verwirrt, und ich beeilte mich zu erläutern: „Marvi“, sagte ich, „ja und Marvine und Marvin auch, jetzt hört mir alle gut zu! Wir feiern in diesem Jahr zum ersten Mal zusammen Weihnachten, und Weihnachten ist ein sehr wichtiges Fest in unserer menschlichen Kultur! Es ist sehr alt, es haben sich viele verschiedene Bräuche und Sitten drumherum entwickelt, und besonders die Kinder lieben es! Nein, Marvi, unterbrich mich nicht, lass mich bitte einmal ausreden! Aber Weihnachten ist – naja, ein bisschen schwer zu verstehen, es ist irgendwie ganz arg menschlich, keine Scherze jetzt, Marvi!, ganz arg menschlich also, und wenn ihr Weihnachten versteht, versteht ihr vielleicht uns ein wenig besser. Deshalb werden wir uns jetzt bis zum 25. Dezember, das ist nämlich der Tag des Weihnachtsfestes, jeden Nachmittag zusammen eine Stunde gemeinsam hinsetzen, und du darfst ein Säckchen öffnen, und dann besprechen wir das, was du im Säckchen findest, und du darfst alle Fragen stellen, die du willst, und ich muss alle“ – ich schluckte ein wenig schwer, im Verlauf der Nacht war mir gedämmert, auf was ich mich da eingelassen hatte – „deine Fragen beantworten. Wahrheitsgemäß! Und am Ende feiern wir dann gemeinsam unser eigenes Weihnachtsfest!“

Marvi hatte sich beinahe verschluckt an all den Fragen und Kommentaren, die er unter Zwang in seinen Zwischenspeicher zurückgestopft hatte. Er hatte wahrscheinlich diesen menschlich-umständlichen Monolog dazu benutzt, um sämtliche internen Datenbanken nach Weihnachten zu durchsuchen, und sobald er das nächste Mal in Ruhe ins große Netz durfte, würde er alles, aber auch wirklich alles über Weihnachten wissen. Aber darauf kam es ja nicht an. Es kam darauf an, dass – und an dieser Stelle sagte Marvi: „Cooles Spiel. Kriege ich auch Geschenke? Und warum um Himmelswillen haben sie das Baby in eine Krippe gelegt und nicht in ein Bett, all die Keime, und ein Krankenhaus war auch nicht in der Nähe!“

„Ok“, sagte ich, „du hast den ‚Geist der Weihnacht‘ offensichtlich begriffen. Aber die Regel ist“ – Regeln lieben sie! –, „dass nur Fragen zu dem Thema des Tages erlaubt sind. Also heute: Advent, Adventskranz, Adventskalender. Schieß los!“ Marvi macht die kleine Bewegung, die er an dieser Stelle immer macht, so als würde er sehr schnell eine Pistole ziehen und sie um die Hand kreisen lassen, manchmal verknoten sich seine künstlichen Sehnen dabei, aber heute klappte es sehr überzeugend. „Advent“, sagte er, wie aus der Pistole geschossen, „Ankunft, aus dem Lateinischen, die Ankunft des Herren, so eine Art countdown bis zur Geburt. 24 Tage ist natürlich symbolisch, wenn auch eine ziemlich langweilige Zahl“ – mein Roboter hat Lieblingszahlen, so wie Menschen Lieblingsfarben haben –, „und auch übersichtlich, Menschen können ja nicht so umgehen mit großen Zahlen!“ Ich stupste ihn in die Seite, er machte künstlich: „Aua! Man darf Roboter nicht hauen!“ „Aber diese Geschichte mit den Kalendern“, fuhr er fort. „Natürlich ist das ein psychologischer Trick, das verstehe ich schon; und man muss sich auch ziemlich zusammenreißen, damit man nicht zuerst seine Lieblingszahlen oder das allergrößte Säckchen aufmacht, das aber erst ganz am Schluss kommt. Aber man weiß doch, wie die Geschichte ausgeht, und ein Tag ist wie der andere, von den Zahlen abgesehen natürlich, und dann geht der Monat auch noch weiter, und“ – „Siehst du“, sagte ich, „das ist der Unterschied. Natürlich sind die Adventskalender für Kinder erfunden worden“ – „auch die mit Bildern von nackten Frauen oder verschiedenen Biersorten oder diesen seltsamen Parfümfläschchen?“ krähte Marvin dazwischen, hatte er doch schnell heimlich im Internet gesurft!„Nein, die nicht“, gab ich zu, „das sind die Verirrungen der Moderne und des Kommerz, anderes Thema, kommt später. Also für kleine Kinder, die kaum noch zählen konnten, aber die sich so sehr auf Weihnachten freuten und die Tage – eben nicht an den Fingern abzählen konnten. Vorfreude, das ist es eigentlich, worauf es ankommt, auch wenn man schon weiß, wie es ausgeht und es jedes Jahr irgendwie genauso ist. Es kommt darauf an, dass man das Vergehen der Zeit spürt, Menschen haben ja keine innere Uhr so wie ihr! Dass man merkt, dass die Zeit ganz langsam gehen kann und ganz schnell, und am Ende steht dann das lang Erwartete, und all das Warten hat sich gelohnt!“ „Erziehung zur Geduld“, sagte Marvi weise, „das habt ihr auch wirklich nötig“; er verlangsamte dabei seine Stimme so, dass sich die Silben bis ins Unendliche zu dehnen schienen, „Geeeeee-Duuuuulllllld“. „Aber vielleicht könnten wir ja“, schlug Marvine vor, „Millisekunden zählen, wir bräuchten dann natürlich für jede einzelne“ – ich schrie auf: „Nein, es gibt nicht mehr als 24 Säckchen, Spielregel, hört ihr!“ „Na gut“, sagte Marvi. Er schielte dabei auf das zweite Säckchen, vielleicht hoffte er, mit seinen optimierten Sehlinsen durch die Jute schielen zu können, aber Jute ist ein gutes Material, ziemlich blickdicht, der Weihnachtsmann weiß halt, was er tut!

„Ok, und dann dieser Kranz“, sagte Marvine, „wo ist er eigentlich?“ „Äh, kommt noch“, gab ich zu, „muss ich noch kaufen, man könnte ihn natürlich auch gemeinsam basteln…“ Marvi sah betreten auf seine Fingergelenke und schwieg dreistimmig. „Na gut, also kaufen“, sagte ich, „ist sowieso mehr ‚Geist der gegenwärtigen Weihnacht‘! Und Kerzen dazu, denn auf einen Adventskranz gehören vier Kerzen“ – „früher aber“, rief Marvin dazwischen, „als er erfunden wurde für die Waisenkinder, damit sie etwas zu vor-freuen hatten, da waren zwanzig kleine und nur vier große Kerzen darauf, also doch 24!“ „Interessant“, sagte ich, „und ja, ich habe auch den Wikipedia-Artikel gelesen!“ Spontan ertönte unser Wikipedia-Jingle, Marvi rümpft zwar immer ein wenig die Nase (ja, kann er) über die sehr späten und teilweise ziemlich tapsigen Versuche der Menschheit, ihr Informationsmanagement effizienter zu gestalten, aber wir mögen unseren Wikipedia-Jingle sehr. „Glöckchen“, sagte ich, „eigentlich gehören zu Weihnachten auch Glocken, könntet ihr die vielleicht einbauen?“ Marvi spielte Jingle bells an, ich sagte: „Musik kommt später. Wir sind immer noch beim Adventskranz, also, vereinfachte Version im Sinne des Feuerschutzes: Nur vier Kerzen für die Adventssonntage, und wisst ihr, was das eigentliche Problem damit ist?“ Marvin schlug vor: „Zu viele Leute können nicht mehr bis vier zählen?“ „Witzig“, sagte ich. Marvine sagte: „Vier finde ich keine schöne Zahl, sollte nicht jeder einfach seine Lieblingszahl nehmen, zum Beispiel“ – „Um Gottes willen!“, stöhnte ich. „Alle Roboter-Adventskränze hätten Primzahlen, richtig?“ „Drei ist eine schöne Primzahl“, sagte Marvine gekränkt, „aber natürlich auch 24421, zum Beispiel, vier ist aber blöd“. „Nein“, sagte ich, „das eigentliche Problem ist, dass die vier Kerzen immer ungleichmäßig runterbrennen“ – „logisch“, sagte Marvi, „kommt halt darauf an, wann die Adventssonntage sind, aber man könnte einen kleinen Mechanismus konstruieren, der darauf achtet“ – „Nein“, sagte ich. „Gehört dazu. Aber gewöhnt euch schon mal an den Gedanken, das wird eine Herausforderung für euren Symmetrie-Fetisch!“

    


Inhalt

 Vorgeschichte 

Das volle Weihnachtserlebnis und die ganze Wahrheit! 

1. Türchen
Adventskalender und die Freude an der Vorfreude

2. Türchen
Weihnachtsgeschichte, zum Ersten: Was lernen wir aus der Geschichte?

3. Türchen
Weihnachtsgeschenke, oder: Konsum und Kritik

4. Türchen
Weihnachtsessen und andere Familienkatastrophen

5. Türchen
Weihnachtslieder und das ‚Schöne‘

6. Türchen
Der Nikolaus und die ‚Moral‘ 

7. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Zweite: Natürliche und künstliche Geburten

8. Türchen
Krippenspiele im Zeitalter von Multikulti

9. Türchen
Weihnachtsbäume und das verlorene Paradies

10. Türchen
Weisse Weihnachten und Ideologiekritik

11. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Dritte: Soziale Stereotypen

12. Türchen
Sind Engel Himmlische Hermeneuten oder Algorithmen?

13. Türchen
Die paradoxe Psychologie des Gabentauschs

14. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Vierte: Worte fürs Herz

15. Türchen
Weihnachtsmärkte und der Mensch als Conditum Paradoxum.

16. Türchen
Weihnachtsgeschichte, die Fünfte: die Dialektik von Weisheit und Politik

17. Türchen
Weihnachtsfrieden, oder: Moral hat noch keinen Krieg verhindert

18. Türchen
Das Rentier Rudolf und die Psychologie des Underdogs

19. Türchen
Das Licht der Welt und die Erfindung der Metaphysik

20. Türchen
Feste und ‚den Kuchen haben und essen‘

21. Türchen
Weihnachtsgeschichte, Fortsetzung: Der Bildungsroman des Jesuskinds

22. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen ersten Auftritt

23. Türchen
Der Geist der Weihnacht hat seinen zweiten Auftritt

24. Türchen Der Geist der Weihnacht hat seinen dritten Auftritt

Heiligabend
Der Fall des Weihnachtsbaums