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indianexperience


 



Wer nach Indien fährt, macht nicht einfach eine Reise, sondern eine Erfahrung. Diese Erfahrung ist so wenig in einzelnen Worten beschreibbar wie Indien selbst – schön und schrecklich, aufregend und besänftigend, schreiend und still, beängstigend und ermutigend. #indianexperience schildert eine reale, literarische und philosophische Reise nach Mumbai und Neu-Delhi – und den Versuch, diese Erfahrung gleichzeitig zu verstehen und sie nicht zu verstehen, sie ins Vertraute einzuordnen und im Fremden zu belassen. Kein Reisebericht im gewöhnlichen Sinn; eher ein durch einen Dschungel von hashtags irrender travelogue unter dem Schutz von Ganesha, dem Glücksgott und Entferner der Hindernisse, Salman Rushdies Midnight’s Children, dem Ramayana und dem Mahabharata, Mahatma Gandhi und vielen anderen.



Leseprobe


Womit beginnen? Nach Aristoteles hat jeder Text einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. In Indien kann man lernen, dass das zwar stimmt, aber nicht notwendig in dieser Reihenfolge: Überall sind Anfang und Ende ineinander verschlungen wie die Figuren an hinduistischen Tempeln, und in der Mitte bewegt sich so viel lebendes und totes Gewächs, dass man nicht nur die Orientierung zu verlieren glaubt, sondern den Glauben an jegliche Orientierungsmöglichkeit überhaupt. Auf der Suche nach dem Anfang pilgere ich zu meinem kleinen Indien-Altar, er steht – aber das kann man unmöglich jetzt schon verstehen – unter einer Pendeluhr im Wohnzimmer zuhause, die etwas unpünktlich die Zeit schlägt, und er besteht aus einem sehr abstrakten Ganesha aus weißem Alabaster, beinahe nur dem Geist eines Ganesha; aber vor ihm liegt ein Räucherstäbchen, wie es sich gehört, auf einer fein ziselierten silbernen Schale, aber leider keine frische Mango, denn – Nein, so geht es nicht. The way it was: begin. – No choice? – None; when was there ever? There are imperatives, and logical consequences, and inevitabilities, and recurrences; there are things-done-to, and accidents, and bludgeonings-of-fate; when was there ever a choice? When options? No choice: begin. Ganesha wird bei mir sein, mein weißer unbeschriebener Ganesha, der elefantenköpfige Glücksgott und Entferner der Hindernisse (denn sind es nicht die Hindernisse, die uns unglücklich machen – oder ist es umgekehrt, wer glücklich ist, sieht keine Hindernisse?), Ganesha also, der das Mahabharata aufschrieb. Der Weise Vyasa diktierte es ihm, alle hunderttausend Doppelverse, und der kluge Ganesha machte nur eine einzige Bedingung: Niemals sollte Vyasa aufhören mit dem Diktieren, keinen Moment, keine Atempause – sonst würde auch Ganesha aufhören zu schreiben; ein langer Atemzug nur sollte das Diktat des Weise sein, in dem sich Geschichte an Geschichte reiht. Denn wer Pausen macht, fängt an zu denken, nach-zudenken, weg-zudenken; allein im atemlosen Geschichtenerzählen ist wahrer Zusammenhang.  

Der Weise stimmte zu, aber auch er machte eine Bedingung: Ganesha dürfe nur das aufschreiben, was er verstehe. Und Ganesha begann zu schreiben, und Vyasa begann zu sprechen, und kleine Pausen gab es, winzige, weil Vyasa eigens komplizierte Verse einstreute, um den Schreibfluss zu – hindern, aber der Schreiber, Ganesha, der Entferner der Hindernisse, war nicht zu hindern, höchstens zu bremsen, und als der Schreibegriffel unter der Last der Geschichten brach, riss er sich einen seiner göttlichen Elfenbeinzähne aus und schrieb weiter. Und beide verschmolzen miteinander, Erzähler und Schreiber, sie verschwanden in einem Kosmos aus Geschichten, in dem auch sie nur winzige Figuren sind. Ganesha, mein weißer unbeschriebener Ganesha, dir werde ich die Geschichte erzählen, die kleine kurze unbedeutende Geschichte meiner indianexperience; ich werde sie erzählen auf meine blasse europäische Art, im Erzählen zergliedernd, im Zergliedern erzählend, immer auf der Suche nach dem treffenden Wort, der überzeugenden Rundung des Gedankens und dem allmächtigen Sinn. Und du wirst es aufschreiben, so wie du es nicht verstehst, ebenso wie ich dein Indien nicht verstehe, und unser gemeinsames Unverständnis wird uns, vielleicht, verbinden – there is no choice: begin!

metrotalk

Beginnen wir also – in der Mitte; mit einem Gespräch in der Metro in Delhi. Sie ist sauber und pünktlich und also beinahe unindisch; wenn da nicht die Fußabdrücke wären. Rote, gelbe, blaue Fußstapfen leiten uns in der Metrostation zu den verschiedenen Linien, man hält den Blick gesenkt und folgt ihnen, ohne nachzudenken. Es ist ein Verfahren, das jedem unmittelbar einleuchtet: Man muss nicht mühsam nach Schildern suchen, man muss keine fremden Wörter entziffern, man muss nicht verstehen – man folgt einfach vorgezeichneten Fußabdrücken, rot, gelb, blau (ist Zivilisation nicht mehr als das Verfolgen von Fußabdrücken, am Ganges, am Hellespont, am Neckar?). Die Metro sollte uns zu einem der größten Hindu-Tempel der Welt bringen, dem Swaminarayan Akshardham, jenseits von Old Delhi gelegen, jenseits des Flusses Yamuna, wo der Millionenmoloch Delhi schon beinahe anfängt zaghaft wieder grün zu werden; aber natürlich ist der Yamuna nicht der Ganges (#banksofganga), und das ist –

Aber ich wollte nicht von dem Akshardham sprechen, das kommt später, in einer anderen Mitte (#barbiefication), und auch nicht vom allgegenwärtigen Ganges; ich wollte von dem Gespräch in der Metro sprechen, das in der Mitte unserer indianexperience stattfand, aber gleichzeitig ihr einen Anfang und ein Ende setzte. Wir waren in einem gemischten Wagen für Männer und Frauen; in jedem Wagen gibt es eigene Frauenplätze, es gibt auch welche für ältere Mitbürger, ansonsten gibt es, der höheren Packungsdichte wegen, vor allem gibt es Stehplätze. Wir standen also auf unserer kurzen Fahrt, aber dann wurde ein Sitzplatz frei, und ein gepflegter Herr mittleren Alters winkte mir zu, ich solle mich doch neben ihn setzen. Eigentlich wollte ich gar nicht sitzen, mir gefielen die Stehplätze gut, man konnte sich an den Schlaufen festhalten, die von der Decke herabschwangen, und ein wenig nach allen Seiten mitschwingen, man sah auch besser auf den Yamuna. Aber ich bin zu höflich, um ein höfliches Angebot abzulehnen, und also setzte ich mich dankend.

Nach einem kurzen Schweigen begann der Herr ein Gespräch, er fragte, natürlich, woher ich käme. From Germany, sagte ich und sah ihn ein wenig von der Seite an; man sieht die Menschen in Indien eigentlich nicht direkt an, das hatte ich schon gelernt, aber das kommt später (#dontlookback). Er war sehr – korrekt gekleidet, er trug einen ein wenig altmodischen schwarzen Anzug, und darüber, das war das Besondere, aber ich weiß nicht, ob ich es an dieser Stelle der Geschichte schon gemerkt hatte, eine Art gebundene weiße Schleife anstelle einer Krawatte oder einer Fliege. Es trat wieder eine kurze Pause ein, und dann sagte der Herr: Ob ich eigentlich wüsste, dass Indien und Deutschland etwas gemeinsam hätten? Das war unerwartet. Ich hoffte inständig, dass er jetzt nicht „Hitler“ sagen würde, das sagten die Taxifahrer immer, great guy, your Hitler!, und dann kam wieder schrilles Hupen und einem Tuk-tuk den Weg abschneiden (#bremsenhupenglück). Aber nein, nachdem ich höflich den Kopf geschüttelt hatte, sagte mein Gesprächspartner, sehr ernsthaft: Alexander. Alexander, sagte ich, Alexander der Große? Er nickte, und ich sagte, nachdem ich mein Geschichtswissen kurz überschlagen hatte, Alexander war zwar nicht ganz bis Indien gekommen, aber fast – aber nun fragt mein Ganesha schon dazwischen, er versteht nicht, Alexander war vor seiner Zeit, nein, nach seiner Zeit, nein, zu einer ganz anderen Zeit –

 Apropos Alexander, mein Ganesha, unsere Geschichtsbücher erzählen von ihm: Nachdem Alexander genannt der Große endlich Persien erobert hatte, beschloss er, dass nun Indien an der Reihe sei – ein Land, über das man nichts Genaues wusste damals (weiß man heute mehr?), nur Sagen, Geschichten, Legenden, aber war das nicht umso mehr ein Grund es zu erobern? Zudem gab es damals Indien tatsächlich nicht; es gab, wie beinahe überall auf der Welt, keine Nationen auf dem großen Subkontinent, sondern nur Kleinstaaten, sich bekriegende Stämme, schnell wechselnde Dynastien und jede Menge Geographie (normalerweise war sie Eroberern im Weg). Und so kam auch Alexander nur – bis Afghanistan, ein wenig nach Kaschmir, ein wenig ins heute pakistanische Punjab; er raubte und mordete etwas mehr als gewöhnlich, wohl, weil er nicht gut vorankam, er machte Verbündete, hinterließ Statthalter und wollte gern als Gott verehrt werden – alles konventionelles Eroberertum, keine Überraschungen. Die Einheimischen jedoch hatten Kriegselefanten, etwas, was die Welt noch nicht gesehen hatte, furchterregende Monster waren das, mein Ganesha, jedenfalls für uns arme Europäer! Und Alexander wurde in der Schlacht am Hydaspes nicht nur besiegt, sondern verlor sein sagenhaftes Schlachtross, Bukephalos (so sagte es jedenfalls die Legende, und wir glauben ihr so, wie ihr Alexander geglaubt hat). Alexander gründete daraufhin, was sonst, eine Stadt zu Ehren seines Lieblingspferdes und nannte sie nach ihm: Bukephala, so wie Elephanta vielleicht nach dir heißt, Ganesha (aber das kommt später, #onemoregod). Doch dann kam der Monsun, und die Soldaten weigerten sich endgültig weiterzugehen. Beim mühevollen Rückzug wurde Alexander selbst durch einen Pfeil schwer verwundet, und er sollte sein kurzes Leben lang an dieser Wunde leiden – oder war es doch die offene Wunde, Indien nicht erobert zu haben, das sagenhafte, reiche, riesengroße Indien, sag es mir Ganesha, sag mir –

 – Alexander also, ich verstand nicht ganz, was der Herr in der Metro meinte, vielleicht war es irgendeine Anspielung auf gemeinsame indogermanische Ursprünge und das alte Arier-Volk, aber es war auf jeden Fall eine interessante Antwort, die es verdiente, sich dem Gespräch nun etwas energischer zu widmen. Er fragte ein wenig weiter, was wir denn täten in Indien, und das Gespräch kam auf die Literatur; ich sagte auf, was ich so gelesen hatte an zeitgenössischer indischer Literatur, Salman Rushdie (#kneesandnoses) natürlich, mein intimer Begleiter auf dieser indianexperience, aber das kommt später; Arundhati Roj, den Gott der kleinen Dinge schon vor langer Zeit, und meinen privater Liebling Amitav Ghosh, mit seinem Circle of Reason, wo er geschrieben hatte: What you heard is rhetoric. How can rhetoric be real or unreal? Rhetoric is a language flexing its muscles. You would not understand: you've spent too many years reading novels about drawing-rooms in a language whose history has destroyed the knowledge of its own body. Das hatte ich notiert, vor vielen Jahren, als ich noch keine Ahnung hatte von meiner zukünftigen indianexperience; es erschien mir merkwürdig und rührend, dass man so europäisch denken und so indisch schreiben konnte, und dass man als Inder sogar besser verstehen konnte, was klassische Rhetorik ist, als deutsche Universitätsprofessoren, die sie häufig für eine unfaire Methode der Argumentation halten. Aber sie kennen sich halt nur aus in akademischen drawing-rooms, und sie können schon lange nicht mehr ihre sprachlichen Muskeln strecken –

Mein Gesprächspartner war jedoch gar nicht beeindruckt, nein, irgendwie reagierte er nur schwach und hing wohl noch in Gedanken Alexander nach, so dass ich dann fragte, damit das Gespräch nicht versickerte im träge vorbeiziehenden Yamuna, nun aus wirklicher Neugier: Was ich denn lesen sollte, wenn ich Indien verstehen wollte? – was ich ja auch wirklich wollte, ich wollte Indien verstehen, und wenn ich an dieser Stelle in der späteren Mitte der Geschichte schon irgendetwas verstanden hatte, dann, wie unendlich fremd und schwer zu verstehen Indien für mich war (#lossofwords). Diesmal musste er gar nicht lange nachdenken, sondern er sagte – nein, nicht „wie aus der Pistole geschossen“, dazu sah er viel zu friedlich aus, noch nicht einmal „wie vom Bogen geschossen“ (#whoisarjuna) –, er sagte also spontan und sozusagen aus der weißen Schleife erblühend wie aus einem sich entfaltenden Lotus: Das sei ganz einfach, das Mahabharata und das Ramayana. Beim zweiten Namen musste ich noch nachfragen, diese Worte mit ihrem Übermaß an A’s überfordern einen einfach. Wenigstens kannte ich das Mahabharata schon aus meinen Vorbereitungen; ich hatte einen Auszug daraus gelesen, ein kleines philosophisches Gespräch über das richtige Leben und das richtige Kämpfen, die Bhagavadgita. Oh, danke, sagte ich, das sei wichtig zu wissen, und das würde ich auch sicherlich tun. Nun musste mein Gesprächspartner leider schon aussteigen, er stand auf, ging zur Tür und wandte sich dann noch einmal zu mir um: Das Mahabharata und das Ramayana, sagte er, während die Tür lautlos aufglitt, alles stünde darin, alles was man über Indien wissen müsste, damals und heute. Heute weiß ich, dass sogar das ein Zitat war aus dem Mahabharata. Ganz am Anfang nämlich, wo man noch über die Erzählbedingungen verhandelt, sagt der Weise Vaishampayana zu König Janamejaya (und ich sage es auf Englisch, leider kann ich kein Sanskrit, #sanskritiscool): Whatever is found here on dharma, artha, kama and moksha, may be found elsewhere; but whatever is not in it, cannot be found anywhere else.

In der Metro aber nickte ich nur und schaute meinem Gesprächspartner hinterher; und noch einmal prägte sich mir seine gediegene Erscheinung ein, die weiße Schleife besonders, so sorgfältig gebunden und liebenswert altmodisch, und so ist er in meinem Gedächtnis geblieben: eine Mischung aus – Charlie Chaplin und Mahatma Gandhi (aber das kommt später; #gandhijiforever). Und kaum war er weg, bedauerte ich es, dass ich nicht zum Abschied eine Namaste-Geste gemacht hatte; viel zu wenig wurde sie benutzt, dachte ich, und es war so ein schönes Gefühl, ein ordentliches Namaste zu machen, denn wie jede gute Geste erzeugte es genau die Geisteshaltung, die sie ausdrücken sollte: Dankbarkeit, Demut, Anerkennung. Es wäre ein guter Moment dafür gewesen, der beste. Als ich hochschaute, starrte das ganze Abteil. Das bildete ich mir jedenfalls ein. Sie hatten irgendetwas gemerkt, denn Inder schauen einen zwar nicht an (#dontlookback), aber sie merken Dinge. Dann mussten wir auch aussteigen. 

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