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GOETHE

Wortfreund, Wortfülle,
Wortgepräge, Wörtersammlung


 



An die Sprachreiniger

Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern ist das Geschäft der besten Köpfe; Reinigung ohne Bereicherung erweis't sich öfters geistlos: denn es ist nichts bequemer, als von dem Inhalt absehen und auf den Ausdruck passen. Der geistreiche Mensch knetet seinen Wortstoff, ohne sich zu bekümmern, aus was für Elementen er bestehe, der geistlose hat gut rein sprechen, da er nichts zu sagen hat. Wie sollte er fühlen, welches kümmerliche Surrogat er an der Stelle eines bedeutenden Wortes gelten läßt, da ihm jenes Wort nie lebendig war, weil er nichts dabei dachte. Es gibt gar viele Arten von Reinigung und Bereicherung, die eigentlich alle zusammengreifen müssen, wenn die Sprache lebendig wachsen soll. Poesie und leidenschaftliche Rede sind die einzigen Quellen, aus denen dieses Leben hervordringt, und sollten sie in ihrer Heftigkeit auch etwas Bergschutt mitführen, er setzt sich zu Boden und die reine Welle fließt darüber her.


An die Zensoren

Du verstehst mich, ich meyne die Zeitung und sage dir redlich,
Sie ist die gefährlichste Schrift indem sie die Tollheit
Die Verruchtheit der Menschen, den Leichtsinn, die Dummheit und
Was nur jeden Plan der Vernunft zerstört so deutlich darlegt.
Da ist keiner er sey so toll und dumm er findet noch schlimmere
Wercke da oder dort. […]

Könnt ihr also die Menschen nicht hindern zu hören was täglich
Außer ihnen geschieht so laßt sie auch ohne Bedencken
Ohngehindert sie hören was außer ihnen gemeynt wird.

Wär ich ein Fürst ich ließe sogleich aufrührische Schriften
Alle kaufen und theilte sie aus damit sich ein jeder
Satt dran läße damit nichts tolles könne gesagt seyn
Was man nicht läse bey mir. Allein ich würde zugleich auch
Jeden Zweck der Thätigkeit ehren von dem an der die Erde
Sie zu befruchten bewegt bis zu den geistigen Denckern
Oder Künstlern.


Goethe erfindet die Evolutionstheorie

"Kein Apfel wächst mitten am Stamme, wo Alles rauh und holzig ist. Es gehört schon eine lange Reihe von Jahren und die sorgsamste Vorbereitung dazu, so ein Äpfelgewächs in einen tragbaren, weinichten Baum zu verwandeln, der allererst Blüthen und sodann auch Früchte hervortreibt. Jeder Apfel ist eine kugelförmige, compacte Masse und fordert als solche beides, eine große Concentration und auch zugleich eine außerordentliche Veredelung und Verfeinerung der Säfte, die ihm von allen Seiten zufließen. Man denke sich die Natur, wie sie gleichsam vor einem Spieltische steht und unaufhörlich au double! ruft, d. h. mit dem bereits Gewonnenen durch alle Reiche ihres Wirkens glücklich, ja bis ins Unendliche wieder fortspielt. Stein, Thier, Pflanze, alles wird nach einigen solchen Glückswürfen beständig von neuem wieder aufgesetzt, und wer weiß, ob nicht auch der ganze Mensch wieder nur ein Wurf nach einem höhern Ziele ist?"

(Gespräch mit Falk, 1809)


Gegen Leiden hilft nur Zerstreuung

Keine seiner Fähigkeiten ist dem Menschen werter als die Einbildungskraft. Das menschliche Leben scheint so wenig auf Glück berechnet, daß man nur mit Hilfe einiger Schöpfungen und gewisser Bilder, nur durch glückliche Wahl unserer Erinnerungen die verteilten Freuden der Erde sammeln, und, nicht durch die Kraft der Philosophie, sondern durch die weit mächtigere Wirkung der Zerstreuungen gegen die Leiden zu kämpfen vermag, die uns das Schicksal auferlegt.


Wenn man nur mäßiger wäre

Meine Tage waren von morgens bis in die Nacht besetzt. Man könnte noch mehr, ja das unglaubliche thun, wenn man mäßiger wäre. das geht nun nicht. Wenn nur jeder den Stein hübe, der vor ihm liegt. Doch sind wir hier sehr gut dran. Alles muss zuletzt auf einen Punkt, aber eherne Geduld, ein steinern Aushalten. Wenns nur immer schön Wetter wäre. Wenn die Menschen nur nicht so pover innerlich wären. und die reichen so unbehülflich. Wenn pppp. Ordnung hab ich nun in allen meinen Sachen, nun mag Erfahrenheit, Gewandtheit auch an kommen. Wie weit ists im kleinsten zum höchsten 
(Tagebuch)

Gott helfe weiter, und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst so viel im Weg stehn. Lasse uns von Morgen zum Abend das gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge. 

(Goethe, Tagebuch)

möge ich immer vernehmen, daß Sie in behaglicher Thätigkeit fortfahren, sich und andern zu genügen 
(an P.A. Wolff, 4.7.1819) 

Ich bin recht wohl überzeugt, daß durch That, Kunst, Liebe die größten Widersprüche gehoben werden; wie es aber der Wissenschaft gelingen wird, lasse ich dahin gestellt seyn. 

(Goethe an Humboldt, 22.08.1806


Revolutionäres

Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist. 

Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.

Eingebildete Gleichheit: das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen.

Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.)

Vor der Revolution war alles Bestreben; nachher verwandelte sich alles in Forderung.

(Maximen und Reflexionen)


Bücher und Meinungen  

Erste Epistel

Reden schwanken so leicht herüber hinüber, wenn viele
Sprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch
Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte.
Mit den Büchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder
Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er
In das Buch sich hinein, amalgamirt sich das Fremde.
Ganz vergebens strebst du daher durch Schriften des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung,
Oder wär' er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes.

Sag' ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet
Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.
Denn zwar hören wir gern, was unsre Meinung bestätigt,
Aber das Hören bestimmt nicht die Meinung; was uns zuwider
Wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen Redner; doch eilet
Unser befreites Gemüth, gewohnte Bahnen zu suchen.
Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mußt du
Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und Königen, allen
Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich erscheinet,
Was sie wünschen, und was sie selber zu leben begehrten.


Der Anti-Prokrastinator

Drum thu' wie ich und schaue, froh verständig,

Dem Augenblick in's Auge! Kein Verschieben!
Begegn' ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei's zur Freude, sei's dem Lieben;
Nur wo du bist sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.

(Elegie)

Das Gewohnheitstier

Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alten; so wie alles, was Productivität voraussetzt. Daß diese sich mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall.   

Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt bekannt, daß sie müßte trivial geworden sein, wenn sie sich nicht naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute.  

Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher die Passion ihn fesselt, ist noch von manchen nothwendigen Verhältnissen gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln will, der muß unglücklich werden.

Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks von einer immer gleichen Anmuth begleitet wird, das eigentlich lieben wir, und hieraus folgt, daß wir alles lieben können, was zu unserer Gegenwart gelangen kann; ja, um das Letzte auszusprechen: die Liebe des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu vergegenwärtigen.   

Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältniß, das in allem der Liebe gleicht, nur nicht in der nothwendigen Forderung einer fortgesetzten Gegenwart. 

Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich, die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung werth, daß die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft setzen kann, sie fordert nicht sowohl eine anmuthige als bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu, ein gewohntes Verhältniß aufzuheben, es besteht gegen alles Widerwärtige; Mißvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen dasselbe, ja es überdauert die Verachtung, den Haß. Ich weiß nicht, ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen darzustellen, auch müßte er es nur beiläufig, episodisch unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwickelung mit manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.

(Verhältniß, Neigung, Liebe, Leidenschaft, Gewohnheit. )


Gelehrte und ihr Wort-Credo

Wie ich denn immer bemerkt habe, daß mit Geschäfts-und Weltleuten, die sich gar vielerlei aus dem Stegreife müssen vortragen lassen und deßhalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden, viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres Interesse, als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber sie mit ihres Gleichen übereingekommen sind. An die Stelle des Gegenstandes setzt sich ein Wort-Credo, bei welchem denn so gut zu verharren ist als bei irgend einem andern. 

(Campagne in Frankreich)


Wenns nur immer schön Wetter wäre

Meine Tage waren von Morgends bis in die Nacht besezt. Man könnte noch mehr, ia das unglaubliche thun wenn man mäsiger wäre. das geht nun nicht. Wenn nur ieder den Stein hübe der vor ihm liegt. doch sind wir hier sehr gut dran. alles muss zulezt auf einen Punckt, aber Ehrne Gedult, ein steinern Aushalten. Wenns nur immer schön Wetter wäre. Wenn die Menschen nur nicht so pover innerlich wären. und die reichen so unbehülflich. Wenn pppp. Ordnung hab ich nun in allen meinen Sachen, nun mag Erfahrenheit, Gewandheit pp auch an kommen. Wie weit ists im kleinsten zum höchsten

Bey Gott es ist kein Canzellist der nicht in einer Viertelstunde mehr gescheuts reden kan als ich in einem Vierteljahr Gott weis in zehn iahren thun kann. dafür weis ich auch was sie alle nicht wissen und thu was sie alle nicht wissen, oder auch wissen. Ich fühle nach und nach ein allgemeines Zutrauen und gebe Gott dass ichs verdienen möge, nicht wies leicht ist, sondern wie ichs wünsch. Was ich trage an mir und andern sieht kein Mensch. Das beste ist die tiefe Stille in der ich gegen die Welt lebe und wachse, und gewinne was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

(Tagebuch, 1780)


Die Weltgeschichte führt auch nur Selbstgespräche

Mir ist also die Weltgeschichte um so viel aus eigenem Mitleben bekannt geworden.

Diese langen Jahre durch versäumte ich nicht, ferner und näher mit den Weltereignissen in Berührung kommend, darüber zu denken und nach einer individuellen Weise die Gegenstände mir zu ordnen und einen Zusammenhang auszubilden.

Was konnte mir daher erwünschter seyn als mich in ruhigen Stunden, nach Bequemlichkeit und nach Belieben, mit einem solchen Mann zu unterhalten, der nach seiner klaren, treuen und kunstfertigen Weise mir dasjenige vorzuführen versprach, worüber ich zeitlebens zu denken hatte und durch die tagtäglichen Folgen jener großen Jahresreihe immer fortzudenken genöthigt bin.

Dieses schreibe vorläufig nieder, eben als ich das Lesen dieses nach In wie fern Werkes beginne, und gedenke, was mir wichtig schien in der Folge gleichfalls nach und nach niederzulegen.

Alsdann möchte sich zeigen was mir neu war, theils weil ich es nicht erfuhr noch bemerkte, noch dasselbe in seiner eigentlichen Bedeutung anerkannte; ferner, welche Combinationen, Ein- und Übersichten mir besonders wichtig geworden.

Hiebey wird an der Betrachtung das Meiste zu gewinnen seyn, daß, wie jedes Individuum, sich die Weltgeschichte nur selber vernimmt, die Zeitungen im eigenen Sinne liest; so auch keine Parthey, keine Nation hierin ganz rein zu verfahren fähig ist, sondern vielmehr immer erwartet und aufsucht, was ihren Begriffen zusagt und ihren Leidenschaften schmeichelt.

(zu Walter Scott, 'Leben Napoloeons')


Klarheit statt Aufklärung

Man beobachtet den Theologen, man spottet über den Mediciner, man scherzt über den Philosophen, man läßt den Juristen gewähren, und bedenkt nicht, daß alle diese Männer von der Zeit gebildet werden und die Zeit bilden helfen, und daß alles was sie lehren auf das bürgerliche Leben den größten Einfluß hat. Es war vielleicht niemals nöthiger als zu unserer Zeit, über dasjenige deutlich zu sein, was um und neben uns geschieht, zu einer Zeit, wo das wechselseitige Mißtrauen fast unvermeidlich ist. Man könnte gern Publicität und Aufklärung vermissen, wenn Offenheit und Klarheit an ihre Stelle treten könnten.

(Ueber die verschiedenen Zweige der hiesigen Tätigkeiten)


Das Glück schwebt im Weiten

Die kleine Anzahl nothwendiger und gewisser Wahrheiten wird niemals Geist und Herz völlig befriedigen; wer sie entdeckt, hat ohne Zweifel den höchsten Ruhm, aber auch nützlich für das menschliche Geschlecht haben die Verfasser solcher Werke gearbeitet, die uns rühren oder angenehm betrügen. Will man die Leidenschaften des Menschen mit metaphysischer Genauigkeit behandeln, so thut man seiner Natur Gewalt. Auf dieser Erde gibt es nur Anfänge; keine Gränze ist bezeichnet, die Tugend steht fest, aber das Glück schwebt im Weiten; und wenn es eine Untersuchung nicht aushält, wird es durch sie vernichtet, wie glänzende Nebelbilder, aus leichten Dünsten emporsteigend, für den verschwinden, der durch sie hindurch geht.

Versuch über die Dichtungen



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